Warum Deutschland ohne Wehrpflicht seine Wehrhaftigkeit verliert
Deutschland hat Milliarden für seine Verteidigung bereitgestellt, aber keine Richtung. Ohne Wehrpflicht ...
verliert das Land seine Wehrhaftigkeit – und damit die Fähigkeit, Freiheit und Frieden selbst zu verteidigen.
EIN GASTBEITRAG VON OLIVER ROLOFS am 14. Oktober 2025 in CICERO ONLINE
Was der islamistische Terror in über 20 Jahren nicht schaffte, das gelang Wladimir Putin in einer Nacht: Er riss Deutschland aus seiner sicherheitspolitischen Trance. Der Angriff auf die Ukraine machte den Krieg wieder real – und mit ihm die Frage, ob Deutschland überhaupt noch willens und fähig ist, sich zu verteidigen. Zum ersten Mal seit Generationen fühlten sich die Deutschen wieder bedroht und erwarteten entschlossenes Handeln ihrer Regierung. Würde Russland noch einmal zuschlagen – diesmal auf Nato-Gebiet?
Die Antwort der Bundesregierung fiel typisch deutsch aus: Mit großem Getöse wurde Geld in nie dagewesener Höhe bereitgestellt – das sogenannte Sondervermögen für die Bundeswehr. Man warf Milliarden auf ein strukturelles Problem, dessen Tiefe und historische Tragweite man bis heute kaum begreift. Die Bundeswehr erhält immense finanzielle Mittel, aber keine Richtung, keine Vision und keine Führung. Bereits unter einer überforderten Ministerin Lambrecht versandete die „Zeitenwende“ in Symbolpolitik und Selbstverwaltung. Es folgte Stillstand, wo Tatkraft nötig gewesen wäre.
Sicherheitspolitische Realitätsverweigerung
Seitdem wird uns unsere eigene Verwundbarkeit mit brutaler Deutlichkeit vor Augen geführt. Russische Drohnen dringen in den Luftraum Polens und der baltischen Republiken ein, Sabotageakte und Cyberangriffe gegen europäische Infrastruktur sind an der Tagesordnung. Experten sprechen längst von einem Zustand „unterhalb der Kriegsschwelle“, der faktisch einem ständigen Angriff gleichkommt. Russland führt Krieg gegen Europa – nur die Deutschen scheinen es noch nicht begriffen zu haben.
Die russische Rüstungsmaschinerie läuft auf Hochtouren. 295.000 Wehrpflichtige wurden allein dieses Jahr eingezogen, das Ziel: 1,5 Millionen Soldaten bis 2026, flankiert von einer auf Kriegswirtschaft umgestellten Ökonomie. Moskau rüstet auf – systematisch und entschlossen. Und Deutschland? Zählt Paragrafen und Leuchtturmprojekte, während Russland Bataillone aufstellt. Statt entschlossen zu handeln, diskutiert Berlin über „Wehrgerechtigkeit“, Anreizmodelle und die richtige Balance zwischen Freiwilligkeit und Verpflichtung. Während Moskau Männer in Brigaden formiert und seine Armee längst auf Kriegswirtschaft umgestellt hat, ringt Deutschland darum, ob der Dienst an der Gemeinschaft überhaupt zumutbar sei.
Das ist sicherheitspolitische Realitätsverweigerung – und sie hat Tradition. Schon seit Jahren fehlen der Bundeswehr Tausende von Soldaten. Das einstige Ziel von 203.000 Kräften, 2018 verkündet, wurde nie erreicht. Die sogenannte „Trendwende Personal“ versprach höhere Löhne und familienfreundlichere Bedingungen – als ließe sich Verteidigungs-bereitschaft durch Work-Life-Balance erzeugen. Der Erfolg blieb aus. Heute droht, was einst als linke Utopie belächelt wurde, Realität zu werden: „Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin.“ Doch die Geschichte lehrt: Wer den Krieg ignoriert, wird ihn nicht vermeiden, sondern verlieren. Deutschland dagegen zählte Ende 2024 rund 181.000 aktive Soldaten – weit unter Soll. Und das seit Jahren.
Landes- und Bündnisverteidigung gewährleisten
Die Nato hat diese Lücke erkannt. Neue Verteidigungspläne verlangen von Deutschland künftig rund 260.000 aktive Soldaten, um Landes- und Bündnisverteidigung gewährleisten zu können. Das heißt konkret: 80.000 weitere Solda-tinnen und Soldaten müssen gewonnen werden – plus 200.000 Reservisten. Tatsächlich verfügt die Bundeswehr aber nur über rund 49.000 regelmäßig aktive Reservisten. Kurz gesagt: Deutschland steht personell recht blank da. Vom Zivilschutz ganz zu schweigen, der über Jahrzehnte im Wesentlichen nur auf dem Papier existierte und genaue Zahlen bisher überhaupt nicht ermittelt werden können.
Und während Moskau mit großem Tempo seine Armee auf 1,5 Millionen Soldaten vergrößert, will Berlin mit einem „Neuen Wehrdienst“ ab 2026 ganze 5.000 zusätzliche Dienstleistende pro Jahr gewinnen. Das ist, mit Verlaub, sicherheitspolitische Augenwischerei, bedenkt man, dass Russland irgendwann zwischen heute und 2029 in der Lage sein dürfte, die Nato in einen militärischen Konflikt zu zwingen.
Russland verpflichtet monatlich sechsmal so viele Männer, wie Deutschland jährlich mobilisieren will. Wer auf Freiwillig-keit setzt, verwechselt Hoffnung mit Strategie. Auf das Freiwilligkeitsprinzip zu setzen, zeugt in dieser Lage von einer gewissen Naivität – und einer gefährlichen Fehleinschätzung menschlicher Natur. Junge Menschen werden nicht in Scharen zum Dienst erscheinen, wenn die eigene Regierung nicht einmal die Dringlichkeit des Moments ausstrahlt.
Ausdruck demokratischer Selbstbehauptung
Jetzt ist der Moment, zu handeln. In zwei oder drei Jahren wird es zu spät sein. Das Grundgesetz gibt uns das Werkzeug an die Hand: die Wehrpflicht. Sie ist kein Anachronismus, sondern Ausdruck demokratischer Selbstbehauptung. Theodor Heuss nannte sie „das legitime Kind der Demokratie“ – weil sie das Staatsvolk selbst zum Träger der Verteidigung macht. Wer die Wehrpflicht als Relikt abtut, hat nicht verstanden, dass sie das Versprechen erneuert, das unsere Freiheit trägt: Wir verteidigen uns selbst.
Verteidigungsminister Boris Pistorius erklärte 2023, für eine Wiedereinführung fehle „Geld, Zeit und Kraft“. Ein Satz,
der das Dilemma offenlegt: Mutlosigkeit wird zur Staatsräson. Doch Mutlosigkeit ist in dieser Lage kein guter Ratgeber. Wenn der Verteidigungsminister selbst eingesteht, dass wir nicht alles tun, um unsere Gegner abzuschrecken, dann ist das kein politisches Statement – es ist ein sicherheitspolitischer Offenbarungseid.
Als langjähriger und bis heute aktiver Reserveoffizier – als Staatsbürger in Uniform – sehe ich mit wachsender Sorge,
wie sich die Diskrepanz zwischen Bedrohung und Bereitschaft vergrößert. In meinen Wehrübungen bei der Bundeswehr habe ich erlebt, mit welcher hohen Motivation, welchem Improvisationstalent und welchem Pflichtbewusstsein die Soldatinnen und Soldaten in den Einheiten dienen – trotz Unterbesetzung, Materialmangel und politischer Unentschlos-senheit. Doch diese Bereitschaft darf nicht länger ausgenutzt werden. Sie braucht politische Rückendeckung – und die strukturelle personelle Basis, die nur eine Wehrpflicht schaffen kann.
Ihr Kern ist die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung. Wehrpflicht bedeutet nicht, jeden jungen Menschen in Uniform zu stecken. Sie bedeutet, dass ein Land seine Bürger ernst nimmt – und umgekehrt. Als Teil der Verteidigung, nicht nur als Zuschauer. Eine klug reformierte Wehrpflicht, ergänzt durch ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für alle, könnte mehr leisten als jede Werbekampagne der Bundeswehr: Sie würde Zusammenhalt stiften, Pflicht wieder positiv besetzen und den abstrakten Begriff der Zeitenwende mit Leben füllen.
Sicherheit ist kein Verwaltungsakt
Ein jüngst vom Grünen-Politiker und Ex-Landwirtschaftsminister Cem Özdemir gefordertes „republikanisches Jahr“,
das sowohl den Wehrdienst als auch soziale oder zivile Dienste als Möglichkeit umfassen soll – etwa in der Kata-strophenhilfe oder bei der medizinischen Versorgung –, verdient volle Unterstützung. Denn Sicherheit ist kein Verwaltungsakt – sie ist eine Haltung. Sie entsteht nicht aus Bürokratie, sondern aus Bereitschaft. Aus der Bereit-
schaft, zu dienen, beizutragen, Verantwortung zu übernehmen. John F. Kennedy rief 1961 den berühmten Satz:
„Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country.“
Dieser Satz gilt heute mehr denn je – und er richtet sich nicht nur an die Jugend, sondern an die Politik selbst. Nicht fragen, was Deutschland dir abnimmt, sondern was du für Deutschland tust. Der Grundsatz gilt für jeden Bürger,
aber auch für jeden Abgeordneten in Landesparlamenten und Bundestag. Eine Parlamentsarmee verpflichtet auch
das Parlament. Wer das Wort „Zeitenwende“ in den Mund nimmt, muss den Mut haben, die Konsequenzen zu ziehen – auch unbequeme. Dazu gehört die Wiedereinführung der Wehrpflicht ohne Wenn und Aber. Sie ist beides, strategische Notwendigkeit und moralisches Signal: Unsere Freiheit ist es wert, sie zu verteidigen.
Jetzt wäre der Zeitpunkt, alle vorbereitenden Maßnahmen für die Vorphase eines Spannungsfalls zu treffen – nicht erst dann, wenn die Regierung den Spannungsfall ausruft und es womöglich zu spät ist. Dazu gehören Vorratsbeschlüsse
im Bundestag, die in einer Krise sofort greifen können; modernisierte Sicherstellungsgesetze, um Energie-, Logistik-
und Kommunikationsstrukturen rechtzeitig unter staatlichen Schutz zu stellen; sowie regelmäßige zivile Notfallübungen, in denen Verwaltung, Wirtschaft und Bevölkerung das Zusammenspiel für den Ernstfall trainieren. Auch der Schutz kritischer Infrastruktur – von Stromnetzen über Wasserwerke bis zu digitalen Systemen – darf nicht länger theoretisch bleiben.
Wo der Staat nicht aktiv werden kann, müssen sicherheitsrelevante Unternehmen ermächtigt werden, für ihre Sicher-heit selbst zu sorgen – Stichwort Drohnenabwehr. Aus der Offiziersausbildung kennen wir den Grundsatz: „Führer
ohne Reserven werden Zuschauer großer Ereignisse.“ Dieser Satz gilt nicht nur für militärische Führer, sondern auch
für politische Entscheider.
Mit dem aktuellen Tempo und der unentschlossenen Verteidigungspolitik droht Deutschland in den kommenden Jahren eben jener Zuschauer zu werden. Dazu darf es nicht kommen. Eine vorausschauende Gesellschaft wartet nicht, bis sie handeln muss – sie bereitet sich vor, ohne in Panik zu verfallen. Sie denkt nicht in Legislaturperioden, sondern in Gene-rationen. Und sie weiß: Wer erst im Ernstfall organisiert, spielt nicht mit der Zeit, sondern mit der Sicherheit des Landes.
Frieden ist kein Naturrecht
Deutschland hat sich lange in der bequemen Selbsttäuschung eingerichtet, Frieden sei der Normalzustand. Doch Frieden ist kein Naturrecht – er ist eine Errungenschaft, die verteidigt werden muss. Geschichte lehrt: Die, die zu spät begreifen, zahlen am Ende den höchsten Preis. 1914 verschlief Europa die Zeichen, 1939 verdrängte es sie, 2022
staunte es – und 2025 diskutiert es noch immer und bewundert das Problem.
Heute stehen wir an einem Punkt, an dem Worte nicht mehr reichen. Wer noch immer meint, Sicherheit ließe sich delegieren – an Amerika, an die Nato, an Technologie –, hat die Realität aus den Augen verloren. Abschreckung funktioniert nur, wenn der Gegner weiß, dass ein Angriff keine Aussicht auf Erfolg hat. Dazu braucht es Panzer, Flugzeuge – aber vor allem Menschen. Menschen, die bereit sind, zu kämpfen, wenn es sein muss.
Deutschland muss endlich wieder wehrhaft werden. Die Wehrpflicht ist dabei keine Option – sie ist Pflicht – und gerne auf ein Gesellschafts- oder „republikanisches Jahr“ für alle erweitert. Für einige als Dienst in der Bundeswehr, für alle
als Gesellschaftsjahr im Sinne der Resilienz. Am Ende steht eine unbequeme, aber überfällige Frage: Sind wir –
jeder Einzelne von uns – noch bereit, für Frieden, Freiheit und Sicherheit zu kämpfen?
Autoreninfo
Oliver Rolofs ist Sicherheitsexperte und Direktor des Österreichischen Instituts für strategische Studien und inter-nationale Zusammenarbeit (AISSIC) in Wien. Zuvor war er Kommunikationschef der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), wo er zudem das Cyber- und Energiesicherheitspolitik verantwortete.