Platon, Die Apologie des Sokrates

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Luca Giordano, Xanthippe schüttet Sokrates Wasser in den Kragen

(nach Diogenes Laertius, II, 36)

 

  

 

Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht.

 

Ludwig Wittgenstein, Über Gewißheit (220.)

 

 

Die Auffassungen kaum eines anderen Philosophen der Neuzeit über die Methode der Philosophie, die Quelle, die Gegenstände und die Reichweite des menschlichen Erkennens und Wissens, die Natur des Menschen und das Dasein Gottes sind immer noch so umstritten wie diejenigen von René Descartes.

 

Descartes war kein absoluter Skeptiker wie Pyrrhon von Elis oder Sextus Empiricus. Absolute Skeptiker zweifeln an allem, weil sie zeigen wollen, dass man angeblich gar nichts wirklich erkennen und sicher wissen kann. Daher halten sie grund-sätzlich alle möglichen Wahrheits- und Erkenntnisansprüche des Alltagslebens, der Wissenschaften, Künste und Reli-gionen für bloße Meinungen in einer Vielfalt von Meinungen, Denkweisen und Weltanschauungen.

 

Viele moderne Skeptiker meinen sogar, dass es ganz besonders demokratisch und tolerant sei, an der Möglichkeit ob-jektiver Erkenntnis und objektiven Wissens zu zweifeln und sie verwerfen daher sogar die Suche nach Wahrheit in

den Wissenschaften, Künsten und Religionen. Statt dessen verstecken sie sich hinter einem einem harmonisierenden Pluralismus, der einem lebendigen Disput und einer offenherzigen Kritik, einem fairen Wettstreit der Wissenschaften und Weltanschauungen, der Künste und Religionen im Ringen um die Wahrheit über bestimmte Streitfragen ausweicht.

 

Descartes war jedoch nur ein methodischer Skeptiker wie der platonische Sokrates. Denn auch Sokrates wollte mit seiner maieutischen Methode des gründlichen Fragens nur herausfinden, was jemand wirklich wusste bzw. was jemand aus guten Gründen auf eine philosophische Frage antworten konnte. Der platonische Sokrates behauptete daher in Platons berühmter Apologie nicht, wie ihm spätestens seit Cicero immer wieder angedichtet wurde: “ich weiß, dass ich nichts weiß”. Der platonische Sokrates behauptete jedoch nur zu wissen, dass er nicht wisse, was Weisheit sei.

 

Mit seinem persönlichen Bekenntnis, nicht zu wissen, was Weisheit sei, behauptete Sokrates nur, dass er kein diskursives oder propositionales Wissen (knowing-that) über die ethischen Tugenden und das sittlich Gute besäße. Das schließt jedoch nicht aus, dass er über ein intuitives und persönliches Verständnis (knowing-how) von den ethischen Tugenden und vom sittlich Guten hatte. Daher behauptete er nur, dass er niemanden explizit lehren könne, was Weisheit sei, sondern es nur in philosophischen Unterredungen erörtern könne. Sokrates beanspruchte daher auch nur ein Freund der Weisheit (philosophos) zu sein, der sich darum bemüht, zu verstehen, was weise sei und was nicht, aber er bean-spruchte ausdrücklich nicht, dass er bereits weise sei.

 

Doch seine Gegner haben Sokrates gründlich missverstanden und ihm unterstellt, dass er eben auch nur ein Sophist sei, der mit seinen skeptischen Fragen in der Öffentlichkeit zur Gottlosigkeit (Asebie) anstifte, die Jugend verführe und neue Götter (Daimonion) einführe. Daher klagten sie ihn an und zogen ihn vor Gericht. Denn es gab damals in Athen noch keine Religionsfreiheit, sondern die Unterwerfung unter die in Athen ansässige Verehrung der Götter war eine allge-meine und öffentliche, sittliche und politische Pflicht. Die Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Autorität als Anfang der Gewaltenteilung geht auf die jüdische Trennung von Tempel und Palast und die christliche Trennung von Kirche und Staatswesen zurück.

 

Die Differenz zwischen einem absoluten Skeptizismus und einer nur methodischen Skepsis zum Zweck der Erkenntnis-gewinnung und der Überprüfung von Wissensansprüchen in den Wissenschaften, Künsten und Religionen ist enorm wichtig und von ungebrochener Aktualität. Daher sind methodische Skeptiker wie Sokrates in der griechischen Antike und wie Descartes in der frühen Neuzeit eine bleibende Herausforderung für authentisches philosophisches Denken – auch in den Wissenschaften, Künsten und Religionen. UWD 

 






 

Ich fürchte, dass eine so interessantes Gespräch über Platons REPUBLIK auf diesem hohen Niveau zwischen so verschiedenen Gelehrten heute an europäischen Universitäten wie vermutlich auch an den Universitäten Kanadas und der USA kaum noch möglich ist.

 

Wir manipulieren, pathologisieren und diskreditieren uns oft gegenseitig anstatt einander zuzuhören, miteinander zu sprechen und miteinander zu diskutieren - nicht nur in den Parlamenten unserer Demokratien, sondern so gar an unseren Universitäten.

 

Was ist passiert? Wie konnte es so weit kommen? Was können wir tun, damit es wieder besser wird?

 

"Der Andere könnte Recht haben." Hans Georg Gadamer