Rezensionen

 

 



 

 

Frank Jehle
Emil Brunner. Theologe im 20. Jahrhundert
2006, 637 Seiten, 15 x 22,5 cm,
Hardcover, mit über 50 Bildern
ISBN-10: 3-290-17392-5
ISBN-13: 978-3-290-17392-0
EUR 44.00(D)/45.30 (A)/CHF 64.00

 

 

Anhand der Quellen, vor allem von Briefen, Tagebüchern und nicht publizierten Manuskripten, gibt Frank Jehle Einblick in Leben und Wirken Emil Brunners. Dabei stehen theologische Fragen und das theologische Werk Brunners im Mittelpunkt: Dessen Buch «Der Mittler» war die erste ausgebaute Christologie der dialektischen Theologie. Seine Auseinandersetzung mit Karl Barth über die natürliche Theologie ist in die Theologiegeschichte eingegangen. Brunner trat aber vor allem als Ethiker hervor: «Das Gebot und die Ordnungen» von 1932 ist ein Meilenstein in der Geschichte der Sozialethik. Bestimmend war sein Einfluss auf die Weltkirchenkonferenz in Oxford 1937. Als Gastprofessor wirkte er mehrfach in den USA, nach dem Zweiten Weltkrieg wagte er den Schritt nach Asien, u. a. nach Japan. Erstmals dargestellt wird Brunners intensive Beziehung zu Leonhard Ragaz. Diese Brunner-Biographie ist zugleich ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Schweiz im und nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Frank Jehle, Dr. theol., Jahrgang 1939, war Seelsorger und

Lehrbeauftragter für evangelische Theologie an der Universität

St. Gallen

 

 


 

 

Emil Brunner – Barths „Nein!“ und Gottes „Ja!“

 

Wer weiß heute noch, wer Emil Brunner war? Meistens wissen das nur noch Evangelische Theologen und Studierende der Evangelischen Theologie – ansonsten vielleicht auch noch Schweizer Protestanten der älteren Generation, die ihn noch aus der Nachkriegszeit kennen. Manche erinnern sich: Emil Brunner, das war doch der evangelische Theologe aus der Schweiz, Zeitgenosse und Kollege des heute berühmteren Karl Barth; anfangs Mitstreiter der sog. Dialektischen Theologie, dann von Barth mit einer polemischen Streitschrift abgekanzelt, die den kurzen und prägnanten Titel „Nein!“ trug; dadurch zumindest in Deutschland in den Hintergrund gedrängt und nach seinem Tod im Jahre 1966 sogar weitgehend in Vergessenheit geraten. Darüber hinaus weiß man kaum noch etwas. Und das gilt nicht nur für viele Theologie Studierende, sondern seltsamerweise auch für manchen evangelischen Theologen.

Was man darüber hinaus noch nicht einmal in seinem Studium gehört hat, geschweige denn auch heute noch erinnern kann, ist das Folgende: Barth und Brunner waren Freunde, sie schätzten sich als Kollegen und haben sich trotz der heftigen Kontroverse nie ganz aus den Augen verloren; sie gehörten beide der Bewegung der sog. Dialektischen Theologie an, die gegen den farb- und konturlosen liberalen Kulturprotestantismus von Schleiermacher bis Harnack aufbegehrte. Barth hat sein allzu heftiges, weil zeitbedingtes „Nein!“ später revidiert und sich dadurch auch wieder der Position Brunners angenähert. Meistens blieb nämlich nur haften, dass Barth seinen Freund und Kollegen ins Abseits gestellt hatte. Eine kolportierte Rufmordkampagne ist anscheinend einprägsamer als eine spätere Versöhnungsgeschichte.

Worum ging es bei Barths „Nein!“? Brunner war der Auffassung, dass es zumindest eine natürliche Veranlagung des Menschen zur metaphysischen und religiösen Orientierung gibt. Weiterhin hielt er wie Melanchthon und Luther an der Bedeutung der menschlichen Vernunft als einer Voraussetzung natürlicher Gotteserkenntnis jenseits der christlichen Offenbarung fest. Deswegen war er auch – anders als Barth – von der Bedeutung der Philosophie und insbesondere der philosophischen Anthropologie für die christliche Theologie überzeugt. Karl Barth war das wohl "zu katholisch". Brunner schrieb deswegen eine einzigartige, auch heute noch lesenswerte Abhandlung zur christlichen Anthropologie mit dem Titel Der Mensch im Widerspruch. Die christliche Lehre vom wahren und vom wirklichen Menschen. In dieser Abhandlung setzte er sich nicht nur auf äußerst kompetente Weise mit den zahlreichen anthropologischen Lehren der philosophischen und theologischen Tradition kritisch auseinander, sondern konnte es auch durchaus mit ihnen aufnehmen.

Karl Barth wäre so etwas wohl kaum in den Sinn gekommen. Barth wandte sich nicht nur gegen die eher humanistisch als reformatorisch anmutende Betonung des Menschen als einem vernunftbegabten Wesen; er leugnete auch, dass dies eine heilsnotwendige Voraussetzung des Glaubens sein könnte. Für Barth gab es keinen positiven Anknüpfungspunkt jenseits der absoluten Wahrheit der christlichen Offenbarung in Jesus Christus: weder in einer christlichen Anthropologie noch in der biblischen Schöpfungslehre. Das ist nicht nur aus einer humanistischen Perspektive verblüffend, sondern auch aufgrund des überlieferten Textbestandes der biblischen Schöpfungsmythologie schwer nachzuvollziehen. Denn schließlich wird dort die menschliche Natur als ein integraler, aber besonderer Bestandteil der Schöpfung beschrieben, der jedoch durch den schicksalhaften Sündenfall der erlangten Fähigkeit zur sittlichen Erkenntnis von Gut und Böse aus der ursprünglich harmonischen Einheit der Natur herausfällt. Kann dies denn bloß aufgrund der Offenbarung des Wortes Gottes in Jesus Christus gar kein genuines Thema evangelischer Theologie und Glaubenslehre mehr sein? Hat die Situation des Menschen in der von Gott geschaffenen Welt und damit auch die Bewahrung der Schöpfung denn wirklich für den christlichen Glauben gar keine theologische Bedeutung mehr?

Barths allzu scharfes „Nein!“ – da sind sich heute die evangelischen Theologen und Kirchenhistoriker weitgehend einig – war vor allem auch durch den mutigen Widerspruch der Bekennenden Kirche gegen die vom Nationalsozialismus infizierten „Deutschen Christen“ bedingt. Das scheint wohl auch der Grund zu sein, warum Karl Barth es später gegenüber seinem früheren Mitstreiter Emil Brunner abschwächen und zurücknehmen musste. Da Barth der führende theologische Kopf der Bekennenden Kirche gewesen ist, ist das „Nein!“ in der Nachkriegszeit haften geblieben und das spätere „Na, ja!“ in Vergessenheit geraten.

An diesem Punkt gilt es klar zu stellen, dass Emil Brunner in Sachen Widerstand gegen den Nationalsozialismus sicher ebenso deutlich gewesen ist wie Karl Barth. Außerdem war Brunner zu seinen Lebzeiten zumindest im Ausland, d.h. in den USA, Skandinavien und Japan der weitaus bekanntere und häufiger übersetzte evangelische Theologe. Es gibt also eigentlich keinen Grund mehr dafür, dass Brunner hinter Barth zurückstehen müsste. Eher schon im Gegenteil: Barth musste sein „Nein!“ zu Brunners Festhalten an Gottes ursprünglichem „Ja!“ zur Schöpfung und zum Menschen als Bestandteil der christlichen Offenbarung revidieren. Deswegen kann und darf man aus heutiger Sicht Brunners Version der Dialektischen Theologie durchaus rehabilitieren.

Frank Jehle, evangelischer Theologe reformierten Bekenntnisses aus Sankt Gallen hat nun endlich den Theologen Emil Brunner in Erinnerung gerufen. Jehle hat die erste und von nun an wohl auch repräsentative Biographie über Leben und Werk Emil Brunners geschrieben. Und da es in dieser Biographie nicht nur um den Menschen und Christen Emil Brunner, sondern zugleich um die ganze deutschsprachige Protestantische Theologie im 20. Jahrhundert geht, handelt es sich auf einen Schlag auch um einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Theologie des 20. Jahrhunderts. Deswegen auch der passende Titel: Emil Brunner. Theologe im 20. Jahrhundert.

Jehles Biographie gliedert die Darstellung von Emil Brunners Lebensweg nicht etwa in wenige große Kapitel anhand der theologischen Werke, sondern viele kleine Abschnitte anhand biographischer Phasen. Diese Darstellungsform scheint ihrem Gegenstand angemessen zu sein. Natürlich gibt es Anfang und Ende, Stationen und Umbrüche, Scheidewege und Umwege. Aber das Werk des großen Theologen bleibt in seinen Lebensweg eingebunden. „Theologie ist mehr als nur eine Verstandestätigkeit. Gute Theologie ist in bewusst gelebter Existenz fundiert, in theologischer Existenz“, leitet Johannes Fischer von der Emil-Brunner-Stiftung sein Vorwort zu Jehles großer Brunner-Biographie ein.

Dass das nicht nur schön klingende Floskeln sind, zeigt sich in jedem Abschnitt dieser Biographie. Deswegen wird man ihr auch nicht gerecht, wenn man sie bloß theologisch zu schubladisieren versucht oder Brunners Leben und Werk aus politischer Perspektive nach einem fragwürdigen Links-Rechts-Schema einzuordnen versucht. Brunner war zeit seines Lebens davon überzeugt, dass die Evangelien nicht nur für das Leben eines Christenmenschen in der persönlichen Begegnung mit Gott, sondern auch für seine Stellungnahme in der Welt von Gesellschaft und Politik fruchtbare Konsequenzen hat.


Dass er von seinen anfänglichen Neigungen zum Religiösen Sozialismus zu einer reiferen Position gekommen ist, in der individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit, persönliche Kirchenzugehörigkeit und rechtsstaatliche Ordnung miteinander zu vermitteln sind, ehrt ihn aus heutiger Sicht. „Wer in seiner Jugend kein Sozialist war, hat kein Herz. Wer es im Alter immer noch ist, hat keinen Verstand.“ (Dietrich Bonhoeffer) Jedenfalls stand für den großen protestantischen Theologen das Wort Gottes an erster Stelle. Aber deshalb braucht man sich als Christ weder für den Vernunftglauben der europäischen Philosophie noch für die zuverlässigsten Resultate der modernen Wissenschaften zu verschließen. Aufgrund seiner Treue zu den wichtigsten Anliegen der Reformation und der Dialektischen Theologie ist der Theologe Emil Brunner immer noch ein zuverlässiger Wegweiser für evangelische Christen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

© Ulrich W. Diehl, Halle an der Saale 2007

 

 


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Wie ist es, ein Jemand und kein Etwas zu sein?
Robert Spaemann, Personen. Versuche über den Unterschied zwischen "etwas" und "jemand", Stuttgart: Klett-Cotta 1996. Internationale Zeitschrift für Philosophie 2001
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Die Würde der Menschen - antastbar, aber nicht aufhebbar
Franz Josef Wetz, Die Würde der Menschen ist antastbar.
Eine Provokation. Stuttgart: Klett-Cotta 1998.
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Leiden der Zeit
Thomas Fuchs, Zeit-Diagnosen. Philosophisch-psychiatrische Essays, Die Graue Edition, Zug (CH) 2002, Der Blaue Reiter 2003
ZEIT-DIAGNOSEN.pdf
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Die wesentlichen Unterschiede zwischen Affen und Menschen
Nichts bleibt je, wie es ist von Philipp Sarasin
DIE ZEIT, Nr. 3, 8. Januar 2009
Diehl, U., Rezension Sarasin.pdf
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