4. Philosophische Kosmologie

 

 

Was ist philosophische Kosmologie?

 

Die moderne empirische Astrophysik erforscht das schier unendliche Universum mit Hilfe der weltweit von den meisten, aber niemals allen Wissenschaftlern akzeptierten naturwissenschaftlichen Grundannahmen, Methoden, Modellen, Theorien, Hypothesen und lehrbuchartigen Überzeugungen bzw. überprüften und akzeptierten Wissensbeständen aus den formalen Wissenschaften (Logik, Mathematik und Informatik) und aus den empirischen Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie, etc.). Haltbare Neuerungen und echte Entdeckungen werden immer nur von solchen Naturwissenschaftlern gemacht, die den allgemein akzeptierten Bestand an lehrbuchartigen Überzeugungen bzw. überprüften und akzeptierten Wissensbeständen an einer bestimmten Stelle infrage stellen und glaubhaft überwinden können.

 

Spätestens seit Kants philosophischen Überlegungen über die apriorischen bzw. metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaften dürfen Philosophen, Theologen und Wissenschaftler annehmen, dass auch die fundamentale Naturwissenschaft der Physik nicht rein empiristisch verstanden werden kann, so als ob es sich bloß um eine reine Erfahrungswissenschaft handelte. Denn auch die empirisch forschende Physik muss immer schon bestimmte Grundbegriffe voraussetzen, um ihre wissenschaftlichen Gegenstände mit Hilfe von Beobachtungen und Experimenten untersuchen zu können. Zu diesen Grundbegriffen gehören zumindest: Raum, Zeit, Energie und Materie. Denn wir können uns gar nicht vorstellen, was es denn überhaupt hieße, Physik bzw. Astrophysik zu treiben, physikalische Forschungen anzustellen und physikalische Modelle, Theorien und Hypothesen zu bilden, ohne diese Grundbegriffe vorauszusetzen bzw. anzuwenden.

 

An eben dieser Stelle setzt die philosophische Kosmologie an, ganz gleich ob sie noch wie Isaac Newton implizit oder explizit theologische Annahmen macht oder ob sie das wie Albert Einstein eher vermeidet. Aber auch Einstein reagierte auf die theoretischen Herausforderungen der Quantenmechanik mit dem Satz: Gott würfelt nicht. Also konnte es auch Einstein nicht ganz vermeiden, seine deterministische Voraussetzung mit einer theologischen Überzeugung zu begründen. 

 

Philosophische Kosmologie ist die philosophische Reflexion auf die physikalischen Grundannahmen, die eine jede empirisch forschende physikalische Kosmologie immer schon machen muss, um ihre wissenschaftliche Arbeit methodisch und rational verrichten zu können. Es versteht sich von selbst, dass diese Grundannahmen davon abhängen, was man jeweils unter den Grundbegriffen der Physik, d.h. unter Raum, Zeit, Materie, Energie, etc. versteht.

Andere Grundbegriffe der empirischen Kosmologie, wie z.B. die physikalischen Begriffe der Gravitation, des Elektro-magnetismus,  der starken und schwachen Wechselwirkung und der Naturkonstanten (z.B. Lichtgeschwindigkeit) sind hingegen mit empirischen Entdeckungen entstanden und verbunden.

 

 

 

 

Raum und Zeit

 

Es gehört seit ein paar Jahrzehnten zur zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Allgemeinbildung, dass Albert Einstein mit seiner Allgemeinen und Speziellen Relativitätstheorie in der modernen Physik einen fundamentalen theoretischen Wandel eingeleitet hat, der zwar kaum unser alltägliches Verständnis von der raum-zeitlichen Lebenswelt verändert hat, wohl aber das allgemein akzeptierte Grundverständnis der physikalischen Kosmologie. Unsere menschliche raum-zeitlich Lebenswelt denken und erfahren wir als dreidimensional in ihren räumlichen Ausdehnungen von Höhe, Breite und Tiefe der Objekte und als irreversibel in ihrer zeitlichen Ausdehnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Daran hat sich trotz der weiten wissenschaftlichen Akzeptanz der einsteinschen Relativitätstheorie nichts geändert.

 

Nicht nur die Menschen, sondern auch die Pflanzen und Tiere, Maschinen und Roboter bewegen sich in diesem gemeinsamen öffentlichen Raum der dreidimensionalen Lebenswelt und unterliegen der gemeinsamen öffentlichen Zeit mit ihrem irreversiblen Verlauf. Maschinen und Roboter entstehen nicht von alleine, auf eine natürliche Art und Weise, sondern werden von Menschen erfunden, geplant, gebaut und benutzt, bis sie durch den Gebrauch verschleißen und kaputt gehen. Falls sie nicht mehr repariert werden können, werden sie zu sperrigen Gegenständen, die entsorgt oder recycelt werden müssen. Pflanzen und Tiere hingegen entstehen, wachsen, gedeihen und vergehen aufgrund von natürlichen Verhaltensregularitäten und ihnen eingeschriebenen instinktiven Programmen. Nach ihrem Tod renaturieren sie sich relativ schnell von selbst.

 

Auch Menschen werden wie andere Säugetiere geboren, wachsen, gedeihen, altern und sterben aufgrund von natürlichen Verhaltensregularitäten und ihnen eingeschriebenen genetischen Programmen. Doch ihre Instinkte sind vergleichsweise schwach ausgeprägt und ermöglichen eine Sozialisation und Erziehung. Aber gleichwohl renaturieren auch sie sich relativ schell von selbst, nachdem sie gestorben sind. Doch anders als die Menschen können die Pflanzen und Tiere nichts von diesen allgemeinen natürlichen Sachverhalten wissen, denn sie haben keine sprachlichen Begriffe, um allgemeines Wissen über sich selbst und die Welt zu erlernen. Deswegen können sie auch kein propositionales und theoretisches Verständnis von diesen Grundstrukturen der raum-zeitlichen Welt, in der sie leben, erwerben. Menschen hingegen lernen sich mit der ihrer Muttersprache in ihrer raum-zeitlichen Lebenswelt zu orientieren und lernen dabei implizit oder explizit auch die Dreidimensionalität der räumlichen Lebenswelt und die Irreversibilität der zeitlichen Ereignisse und Prozesse in der Lebenswelt kennen und verstehen.

 

Die moderne Relativitätstheorie spielt im Vergleich zum gewöhnlichen Verständnis der dreidimensionalen Lebenswelt und der irreversiblen Zeit  jedoch nur dann eine erhebliche Rolle, wenn sich von Menschen gemachte Maschinen, natürliche Festkörper oder kosmische Makroobjekte der Lichtgeschwindigkeit annähern würden. Doch bisher konnten noch keine solchen Festkörper oder kosmischen Objekte entdeckt werden. Die Lichtgeschwindigkeit gilt in der Einsteinschen Relativitätstheorie als eine absolute und unüberschreitbare Grenze der Geschwindigkeit aller Bewegungen von materiellen Festkörpern, kosmischen Makroobjekten und kleinsten Partikeln in Raum und Zeit, sodass man die Relativitätstheorie mit gleichem Recht als eine Absolutheitstheorie der Lichtgeschwindigkeit bezeichnen könnte. Deswegen ist es auch nicht zu erwarten, dass Menschen - wie in manchen Science-Fiction-Romanen oder -Filmen - jemals Flugmaschinen bauen könnten, die sich der vollen Lichtgeschwindigkeit annähern könnten, sie dann auch erreichen oder gar überbieten könnten.

 

Insofern ist Kants newtonianisch geprägte Konzeption von der Dreidimensionalität des Raumes und der Irreversibilität der Zeit - trotz der Relativitätstheorie - nach wie vor gültig, solange wir von der gewöhnlichen Lebenswelt sprechen. Gilt das auch für Kants analytische und genealogische Konzeption von Raum und Zeit als (inter)subjektiven Formen der menschlichen Anschauung? Bevor man diese Frage bejaht oder verneint, muss man daran erinnern, dass Kant in seinen Antinomien von Raum und Zeit auch ein objektives Verständnis von der kosmischen Ausdehnung des Universums in Raum und Zeit kennt und voraussetzt, um seine kosmologischen Antinomien der vermeintlichen Grenzen von Raum und Zeit formulieren zu können.

 

Der gemeinsame Grundgedanke von Kants Antinomien von Raum und Zeit besteht darin, dass die hypothetische Annahme eines absolut ersten Anfanges in der Zeit bzw. einer absolut äußersten Grenze des Raumes immer insofern problematisch bleibt,  als man widerspruchsfrei und insofern rational fragen kann und darf, was dann aber vor dem vermeintlich absolut ersten Anfang in der Zeit gewesen ist bzw. was sich dann aber jenseits der vermeintlich absolut äußersten Grenze des Raumes befindet. Denn wir denken uns die wirkliche Zeit im Alltag und in den methodischen  Naturwissenschaften (anders als in manchen Mythen, Märchen und fiktiven Erzählungen) gewöhnlich als eine irreversible Abfolge von relativen Zeitabschnitten t1, t2, t3, usw. auf einer linearen Achse des Vorher und Nachher im Vergleich zu einem bestimmten Zeitpunkt tX. Und wir denken uns den wirklichen Raum im Alltag und in den methodischen Naturwissenschaften (anders als in manchen Mythen, Märchen und fiktiven Erzählungen) gewöhnlich als ein dreidimensionales Kontinuum von relativen Raumabschnitten l1, l2, l3, usw. in einem weiter ausdehnbaren Kontinuum des Vor und Hinter im Vergleich zu einer bestimmten Grenze gX.

 

Deswegen hat unsere menschliche, alltägliche und wissenschaftliche Orientierung in Raum und Zeit immer auch mit bestimmten dynamisch veränderbaren Anhaltspunkten oder Setzungen von bestimmten Zeitpunkten auf einer potentiell unendlichen Zeitachse und von bestimmten Raumabschnitten mit Grenzen in einem potentiell unendlich ausgedehnten Kontinuum des Alls zu tun. Dabei können wir entweder von uns selbst als Subjekt mit einer subjektiven leiblichen und unumkehrbaren Links-Rechts-Orientierung ausgehen oder aber von einer entsprechend gespiegelten subjektiven Links-Rechts-Orientierung unseres begegnenden Mitmenschen neben der Orientierung anhand der beiden weiteren räumlichen Dimensionen von Vorne und Hinten sowie Oben und Unten.

 

Kant hat also aus ganz plausiblen Gründen unsere menschlichen Vorstellungen von Raum und Zeit in den Formen der Anschauung fundiert und nicht in abstrakten Begriffen. Deswegen hat er sowohl Newtons rationalistische Container-Theorie von Raum und Zeit als auch Leibniz' rationalistische Relationstheorie von Raum und Zeit verworfen. Von daher gibt es auch einen kompatiblen theoretischen Zusammenhang zwischen seiner genealogischen bzw. transzendental-philosophischen Analyse der intersubjektiven menschlichen Vorstellungen von Raum und Zeit und seiner dialektischen Formulierung und Auflösung der Antinomien von hypothetisch gesetzten Grenzen in der potentiell unendlichen Ausdehung von Raum und Zeit.

 

 

 

 

Materie und Energie

 

Obwohl es sich bei "Materie" und "Energie" seit einigen Jahrhunderten um Grundbegriffe der europäischen Natur-forschung bzw. der neuzeitlichen Naturwissenschaften handelt, hat sich das begriffliche Verständnis dieser basalen Phänomene immer wieder grundlegend gewandelt. Phänomenologisch lassen sich die Begriffe ursprünglich auf die subjektiven Erfahrungen von der Widerständigkeit von Gegenständen, Lebewesen und Menschen und auf die Formbarkeit von bestimmten Stoffen, wie zB. von Lehm, Ton, Holz oder Mehl zurückführen. Dazu bedarf es eines subjektiv erfahrbaren Aufwandes von Kraft eines Menschen, der einen Stoff bearbeitet und nach seinen Vorstellungen und Zwecken formt, und der seine aufgewandten Kräfte erschöpfen kann und dann eine gewisse Erschöpfung oder Müdigkeit als einen Mangel an leiblicher Energie erlebt.

 

Materie und Energie wurden ursprünglich in den Elementen der Natur erfahren, also in Erde, Feuer, Wasser und Luft. Deren natürlicher Wandel und künstliche Formbarkeit bedurfte jedoch einer gewissen Erklärung aus Ursachen und Wirkungen, sodass aus den ersten Naturspekulationen im Laufe von einigen Jahrhunderten die neuzeitlichen Naturwissenschaften hervorgegangen sind. Forscher erklärten zunehmend einheitlicher das beobachtbare Verhalten der natürlichen Substanzen und ihrer Eigenschaften, ihre Entstehung und ihren Verfall, die Beharrlichkeit und die Veränderungen ihrer Eigenschaften aus der Zusammensetzung aus kleineren Elementen wie aus Molekülen und schließlich aus Atomen und noch kleineren Teilchen. Zwischen der natürlichen Erklärung der Phänomene in der alltäglichen Lebenswelt und der wissenschaftlichen Erklärung der verborgenen Ebenen und Tiefenschichten, Kräfte und Elemente, Kausalzusammenhänge und gesetzesartigen Prinzipien besteht jedoch nur ein gradueller Unterschied, der auf einen gemeinsamen natürlichen Zusammenhang, d.h. einer Einheit der Natur, verweist.

 

Die modernen methodischen Naturwissenschaften setzen eine gewisse Einheit der Natur voraus und streben nach einem möglichst einheitlichen Verständnis der Natur trotz einer gewissen methodischen Arbeitsteilung in den topologisch und methodisch abgrenzbaren Naturwissenschaften von Physik, Chemie, Biologie, etc. Die Einheit der irdischen Natur wird nicht nur durch die raum-zeitliche Einheit der Naturgeschichte der Erde, ihrer geologischen Oberfläche und ihrer Atmosphäre konstituiert, sondern auch durch die astrophysikalische Einbettung der Erde in unser Sonnensystem und durch die astrophysikalische Einbettung unseres gesamten Sonnensystem in unsere Galaxie. Die neuzeitliche Naturwissenschaft hat jedoch entdeckt, dass das ganze Universum, soweit es bekannt und erforscht wird, immer und überall die gleichen gesetzesartigen Verhaltensregularitäten aufzuweisen scheint, die man von der Neuzeit bis zur Moderne als sog. "Naturgesetze" bezeichnet hat.

 

Es gehört seit ein paar Jahrzehnten ebenfalls zur zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Allgemeinbildung, dass Heisenberg mit seiner Entdeckung der spezifischen Unbestimmtheit in der Quantenphysik einen theoretischen Wandel in der modernen Physik eingeleitet hat, der das philosophische Nachdenken über die Grundlagen und Methoden der modernen Physik herausgefordert hat. Gleichwohl hat dieser Wandel jedoch kaum das alltägliche Verständnis des gesunden Menschenverstandes von den mechanischen Gesetzen der berechenbaren und meßbaren Bewegung, der Stabilität und der antizipierbaren Verhaltensweisen von physikalischen Festkörpern in der raum-zeitlichen Lebenswelt verändert, das die meisten Physiker, Architekten, Statiker und Ingenieure weiter erfolgreich anwenden. Verändert wurde nur das von den meisten Physikern allgemein akzeptierte Grundverständnis der physikalischen Teilchenphysik auf den Mikroebenen der Teilchenphysik und eben dort auf der Ebene der Quanten, wo nur noch statistische Vorhersagen in Bezug auf eine gewisse raum-zeitliche Streuung in der Bewegung der Quanten möglich sind, aber nicht mehr wie in der physikalischen Mechanik der materiellen Festkörper auf der Meso- und Makroebene eine relativ genaue Vorhersage der Bewegungsbahnen und der Geschwindigkeit von Festkörpern (wie z.B. in der Ballistik oder in der Astronomie) bei hinreichender Kenntnis der meßbaren physikalischen Ausgangsbedingungen.

 

Obwohl die Quantenphysik die klassische Mechanik der Festkörper auf der Meso- und Makroebene kaum verändert hat, dient sie in einigen populärwissenschaftlichen Darstellungen vielen populistischen Physikern, Psychologen, Journalisten und intellektuellen Scharlatanen immer wieder als fingierte Grundlage für alle möglichen spekulativen Kniffe und theoretischen Tricksereien. So musste die Quantenphysik schon als angeblicher Grund für die Vereinbarkeit von neuropsychologischer Determination und Willensfreiheit im Gehirn und Nervensystem herhalten oder als angeblicher Grund für die bekannten Phänomene von psychologischer Verschränkung von Beobachter und Beobachtetem in der Anthropologie und Humanpsychologie. Aber schon Kant kannte diese psychologischen Phänomene der Verschränkung (lange vor der Quantenphysik) und erwähnt in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, dass sich Menschen offenkundig anders verhalten, sobald sie merken, dass sie von Anthropologen beobachtet oder untersucht werden. Das hat jedoch mit raum-zeitlichen Unbestimmtheit in der Quantenphysik nichts, aber auch gar nichts zu tun.

 

 

Quantenmechanischer Tunneleffekt

 

 

Gibt es ein evidentes Axiom der philosophischen Kosmologie?

 

Wenn es ein evidentes und kaum sinnvoll rational bezweifelbares apriorisches Axiom oder metaphysisches Prinzip der philosophischen Kosmologie gibt, das auch empirisch forschende Astrophysiker voraussetzen müssen bzw.sollten, dann ist es das Prinzip: Ex nihilo nihil fit, d.h. aus nichts wird nichts. Die leibniz'sche Frage: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? ist eine Grundfrage der Metaphysik bzw. der philosophischen Kosmologie.

 

Die Frage ist durchaus sinnvoll und verständlich. Es handelt sich nicht um ein sog. Scheinproblem (Rudolf Carnap). Eine Frage ist keine Scheinfrage nur deswegen, weil sie gar nicht oder nur kontrovers beantwortet werden kann. Auch das metaphysische Prinzip: Ex nihilo nihil fit, d.h. aus nichts wird nichts, ist durchaus sinnvoll und verständlich. Dieses Prinzip ist apriorisch, weil kein sterblicher Mensch mit seinem raum-zeitlich begrenzten Verstand und noch nicht einmal eine viele Generationen übergreifende Forschergemeinde das gesamte raum-zeitliche Universum und insbesondere seine raum-zeitlichen Anfänge daraufhin empirisch erforschen könnten, ob er empirisch zutreffend ist. Das könnte nur ein allwissender und allmächtiger Gott.

 

Das metaphysische Prinzip Ex nihilo nihil fit ist ein Axiom der apriorischen Vernunft und kein Prinzip des empirischen Verstandes. Es scheint streng allgemeingültig und strikt notwendig zu sein,  weil wir uns dazu keine einzige Ausnahme oder auch nur eine kontingente Abweichung vorstellen oder denken können. Das macht es fast so evident oder gewiss wie sonst nur Tautologien (x=x bzw. p>p) oder logische Widersprüche [~(x = ~x) bzw. ~(p & ~p)] sein können. Tautologien sind jedoch analytische Sätze bzw. Urteile, die logisch notwendig wahr sind, alleine aufgrund der darin verwendeten Zeichen bzw. Begriffe. Und logische Widersprüche sind analytische Sätze bzw. Urteile, die logisch notwendig falsch sind, alleine aufgrund der darin verwendeten Zeichen bzw. Begriffe.

 

In diesem Sinn ist das metaphysische Prinzip: Ex nihilo nihil fit, d.h. aus nichts wird nichts, keine Tautologie und folglich kein logisch wahrer Satz bzw. kein logisch wahres Urteil. Es handelt sich um ein echtes synthetisch-apriorisches Prinzip der Metaphysik bzw. ein evidentes Axiom der philosophischen Kosmologie. Das bedeutet, dass es kein bloß formal-logisches Denkgesetz ist, das besagt, wie man rational denken muss, wenn man widerspruchsfrei denken und logisch korrekt schließen will. Deswegen handelt es sich um ein metaphysisches Seinsgesetz, das apriori sagt, wie sich die Dinge in der Wirklichkeit notwendigerweise verhalten.

 

Wir sind also zweifelsohne berechtigt im philosophischen Nachdenken über das Universum und die irdische Natur das metaphysische Prinzip Ex nihilo nihil fit, d.h. aus nichts wird nichts anzunehmen und für wahr und evident zu halten. Wenn wir im philosophischen Denken das Axiom Ex nihilo nihil fit, d.h. aus nichts wird nichts, voraussetzen, dann kann es nicht sein, wie der berühmte und populäre Physiker Stephen Hawking meinte, dass das ganze Universum von selbst grundlos aus dem Nichts entstanden ist. Das macht dann keinen Sinn mehr, sondern ist vielmehr bloßer Unsinn. Denn wir können uns weder klar vorstellen noch widerspruchsfrei denken, wie so etwas möglich wäre.

 

Kein rationaler Geologe würde jemals vermuten, dass ein ganzes Gebirge ohne Grund bzw. ohne Ursache (aus einem Nichts) entstanden oder wieder verschwunden sein könnte. Kein rationaler Biologe würde jemals vermuten, dass eine bestimmte Art von Sauriern ohne Grund bzw. ohne Ursache (aus einem Nichts) entstanden oder wieder ausgestorben sein könnte. Kein rationaler Anthropologe würde jemals vermuten, dass eine bestimmte Art von Primaten oder von Frühmenschen ohne Grund bzw. ohne Ursache (aus einem Nichts) entstanden oder wieder ausgestorben sein könnte. Immer wenden rational denkende und methodisch forschende Wissenschaftler das allgemeine rationale Prinzip an, dass alles, was geschieht aus einem bestimmten Grund bzw. aufgrund einer bestimmten Ursache (genauer: aus einer Reihe von einzeln notwendigen und zusammen hinreichenden Bedingungen) geschieht, d.h. aber dass nichts ohne Grund bzw. ohne Ursache aus einem bloßen Nichts heraus entstanden sein kann. Nur, wenn es um den ursprünglichen Anfang des Universums geht, soll jemand dieses Grundprinzip aller rational denkenden und methodisch forschenden Wissenschaft plötzlich aufgeben?

 

Deswegen haben wir rational betrachtet nur zwei grundsätzliche Denkmöglichkeiten, die wir sinnvoll annehmen und denken können: Entweder existierte das Universum immer schon und hat auch in seiner schier unendlichen raum-zeitlichen Ausdehnung einen ewigen Bestand, oder es gibt einen ewigen allmächtigen Gott, der der absolute Urheber, Erste Beweger oder selbst ungeschöpfte Schöpfer des ganzen raum-zeitlichen Universums ist. Beide philosophischen Denkmöglichkeiten schließen jedoch eindeutig eine grundlose Entstehung oder Schöpfung aus dem bloßen Nichts aus. Das ganze raum-zeitliche Universum kann jedenfalls nicht völlig grundlos und jenseits von einzeln notwendigen und zusammen hinreichenden Bedingungen aus einem bloßen Nichts entstanden sein.

 

Die erste philosophisch-kosmologische Denkmöglichkeit eines ewigen Universums steht jedoch im offensichtlichen Widerspruch zur weithin verbreiteten Urknall-Hypothese der zeitgenössischen Astrophysik. Denn dieser auf Beobachtungen und Berechnungen basierenden Hypothese zufolge, soll es sich wirklich um den ursprünglichen Anfang des Universums handeln. Zuvor soll es dieser Hypothese zufolge rein gar nichts gegeben haben. Das aber würde bedeuten, dass etwas aus nichts entstanden wäre, was weder widerspruchfrei denkbar noch sinnvoll vorstellbar ist. Denn wie soll denn auch ein kleinstes energiegeladenes Materieteilchen ohne Grund bzw. ohne Ursache aus einem Nichts hervorgegangen sein? Und wie soll es denn möglich sein, dass dieses kleinste Materieteilchen so viel Energie und Materie freisetzen kann, dass aus ihm ein ganzes, sich raum-zeitlich ausdehnendes Universum hervorgehen kann? Und ab wann (ab welchem Zeitpunkt?) soll dieses kleinste Materieteilchen wo (an welchem Ort?) entstanden sein, wenn es vorher, also vor dem sog. Urknall, doch angeblich noch gar keine Zeit und noch gar keinen Raum gegeben haben soll? Das macht alles wenig Sinn.

 

Die zweite philosophisch-kosmologische Option eines ewigen und zeitlosen allmächtigen Gottes, der der absolute Urheber, Erste Beweger oder intelligente Schöpfer des ganzen raum-zeitlichen Universums ist, steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zur weithin verbreiteten Urknall-Hypothese der zeitgenössischen Astrophysik, sondern nur im offen-sichtlichen Widerspruch zu einer atheistischen Deutung der Urknall-Hypothese der zeitgenössischen Astrophysik. Denn zumindest denkmöglich bleibt, dass das ganze Universum zwar einen ursprünglichen, raum-zeitlichen Anfang hatte und sich seither raum-zeitlich ausdehnt, aber, dass dieser ursprüngliche raum-zeitliche Anfang von einem ewigen und allmächtigen Gott als einem intelligenten Wesen initiiert wurde. Diese zweite philosophisch-kosmologische Option führt dann aber zu einer philosophischen Theologie bzw. Gotteslehre.