Das Problem des Filioque
Das Problem des Filioque gehört zu den theologischen Problemen einer angemessenen Formulierung und Interpretation des christlichen Dogmas der Trinität. Da das Dogma der Trinität die allmähliche Loslösung vom Judentum theologisch endgültig besiegelt hat, verbindet es alle christlichen Kirchen, die orthodoxen Ostkirchen, die römisch-katholische und die altkatholische Kirche und die Kirchen der Reformation (lutherische, reformierte und unierte) bis hin zu den meisten baptistischen, charismatischen, pfingstlerischen und evangelikalen Kirchen.
Nur Unitarier bilden immer noch eine Ausnahme und verstehen sich selbst ganz dezidiert als anti-trinitarische oder als nicht-trinitarische Kirchen, was bis zum heutigen Tag die berechtigte Frage aufwirft, ob sie sich denn überhaupt noch zurecht als christliche Kirchen verstehen können, zumal es auch Unitarier gibt, die sich bewusst als nicht-christlich und daher selbst als heidnisch, naturreligiös oder universell-religiös verstehen.
In der Moderne ist das trinitarische Dogma der wichtigste theologische Unterschied zwischen dem Christentum und dem streng monotheistischen Islam, da ungebildete Muslime ohne hinreichende Kenntnisse des christlichen Glaubens (insbesondere aus dem salafistischen Spektrum) den Christen immer wieder den alten Vorwurf machen, anders als die Juden gar keine echten Monotheisten zu sein, da sie angeblich an drei Götter glauben. Sie können den christlichen Monotheismus einfach nicht verstehen, da er nach christlichem Verständnis mit der Einheit von Vater, Sohn und Heiligen Geist vereinbar ist. Denn Jesus Christus war nicht nur ein geschaffener und daher auch sterblicher Mensch und daher auch nicht nur ein geschichtlicher Prophet wie Abraham, Moses und Mohammed, sondern er existierte schon "vor Abraham" von Ewigkeit her als "Sohn Gottes" und als "ewiger Logos" bei Gott, "seinem Vater".
Das Problem des Filioque setzt das Dogma der Trinität voraus und betrifft nur ein Problem innerhalb der Frage nach der angemessenen Deutung der Trinität. Denn es betrifft die Frage ob der Heilige Geist ausschließlich vom Vater ausgeht oder ob er nicht auch von seinem einzigen Sohn bzw. durch den Sohn als Mittler zwischen Gott und den Menschen ausgeht. Die Westkirchen haben das Nizeanische Glaubensbekenntnis eben um diesen Zusatz des filioque (= "und vom Sohn" bzw. "und durch den Sohn") ergänzt, um bestimmten Häresien wie insbesondere der damals verbreiteten Häresie des Arianismus entgegenzuwirken, die die Göttlichkeit Jesu Christi geleugnet hat und die Jesus Christus wie schon die Juden und später dann auch die Muslime nur als einen sterblichen Menschen und als einen Propheten verstanden haben wollten.
Da das Problem des Filioque zum ersten großen Schisma zwischen der Ostkirche (Griechische, Russische und andere ethnische bzw. nationale Kirchen der Orthodoxie) und der Westkirche führte, kann es kein unbedeutendes Thema sein. Daher spielt es auch in der weltweiten christlichen Ökumene immer wieder eine Rolle und ist neben dem römischen Papsttum und dem priesterlichen Zölibat der dritte theologische Hauptgrund für die historische Trennung und die theologische Verschiedenheit von Orthodoxen und Römisch-Katholischer Kirche (sowie allen westlichen Kirchen nach der Reformation), die einer zukünftigen Wiedervereinigung im Weg stehen.
Die Altkatholiken stehen bewusst zwischen den Orthodoxen Kirchen und der Römisch-Katholischen Kirche, da sie 1870 die beiden neuen römischen Dogmen der Unfehlbarkeit des Papstes und der Aufnahme Marias in den Himmel abgelehnt haben und da sie sich auch gegen das alte überlieferte Filioque und gegen das verpflichtende Zölibat entschieden haben, die beide in der christlichen Kirche der Antike unbekannt waren.
Ökumenische Dialoge werden zwar seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Geiste einer "versöhnten Verschiedenheit" geführt und ökumenische Vereinbarungen etwa über eine gegenseitige Anerkennung der Taufe können zwar getroffen werden, aber das hebt nicht die nach wie vor trennenden Unterschiede auf, die zum historisch gewachsenen kirchlichen Selbstverständnis beider Arten von christlichen Kirchen gehören und die die geschichtlich gewachsene Identität beider Arten von Christen ausmachen.
Die Kirchen der Reformation waren insofern keine "neuen christlichen Kirchen" als sie nur für sich beansprucht haben, die ursprünglichen christlichen Kirchen vor der Konstantinischen Wende wiederherzustellen. Insofern waren sie den orthodoxen Kirchen in ihrer gemeinsamen Ablehnung des Papsttums und des Zölibates näher geblieben. Aber sie haben das Filioque von der Römisch-Katholischen Kirche übernommen.
Auch wenn es beim Problem des Filioque eher um eine angemessene Interpretation der biblischen Quellen und der plausibelsten metaphysischen Interpretation des christlichen Trinitätsdogmas als um eine empirisch und wissenschaftlich lösbare Wahrheitsfrage geht, kann man zurecht immer noch um die beste theologische Auslegung der biblischen Schriften streiten. Es handelt sich also nicht nur um eine sinnlose Haarspalterei zwischen Theologen, sondern um ein identitätsstiftendes theologisches Problem, zumal diese theologische Kontroverse bis in unsere aktuelle Gegenwart hinein (z.B. Krieg in der Ukraine, systemische Differenzen und politische Konflikte zwischen den hegemonialen Mächten Russland bzw. BRICS einerseits und USA bzw. NATO bzw. sog. Westen andererseits) nicht nur theologische und kirchliche, sondern auch kulturelle und ökonomische, kulturelle und politische Konsequenzen hat.