Christliche Philosophie?


 

Christliche Philosophie – Kann es das überhaupt geben?

 

 

Wer zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Frage nach der Möglichkeit einer christlichen Philosophie stellt, wird früher oder später mit dem bekannten Diktum Martin Heideggers konfrontiert, dass christliche Philosophie “ein hölzernes Eisen” sei.

Martin Heidegger meinte damit vermutlich, dass eine christliche Philosophie nicht möglich sei, weil es sich um etwas handelte, was es entweder gar nicht wirklich geben kann oder was sich zumindest nicht realisieren lässt.

 

Allerdings ist nicht so ganz klar, was Heidegger damit gemeint hat, dass christliche Philosophie wie ein "hölzernes Eisen" sei. Heidegger kann damit kaum gemeint haben, dass es in der langen Geschichte der europäischen Philosophie keine christlichen Philosophen gegeben habe, die Werke christlichen Denkens verfasst und hinterlassen haben. Denn es ist unzweifelhaft, dass es von Aurelius Augustinus bis Franz Brentano einige christliche Philosophen gegeben hat, die als Christen philosophiert haben.

 

Vermutlich würde Heidegger zugeben, dass sie christliche Philosophen waren, die christliche Gedanken geäußert und aufgeschrieben haben. Aber er würde daran zweifeln, dass es sich dabei gar nicht im eigentlichen Sinne um Philosophie, sondern vielmehr um Theologie gehandelt hatte. Damit versucht er ähnlich wie Thomas von Aquin Philosophie und christliche Theologie streng voneinander zu unterscheiden und zu trennen.

 

Wer sich Heideggers Auffassung und Absicht anschließt, wird geneigt sein, zu behaupten: Wenn ein Denken christlich ist, wie das Denken von Sören Kierkegaard, dann ist es eben keine Philosophie mehr. Es handelt sich dann vielmehr um die eigensinnigen Reflexionen eines philosophisch Gebildeten über Themen des christlichen Glaubens, selbst wenn es voll von genialen Einfällen und glänzenden Gedanken ist.

 

Wenn jedoch ein Denken wirklich philosophisch ist, wie das Denken von Immanuel Kant, dann ist es nicht mehr wirklich christlich, obwohl es auch religionsphilosophische Gedanken und Schriften enthält. Es handelt sich dabei um genuin philosophische Reflexionen, wie z.B. über das radikale Böse im Menschen, obwohl sich gewisse Ähnlichkeiten zu manchen theologischen Gedanken des Augustinus über den Ursprung und das Wesen des Bösen nachweisen lassen.

 

Nun war Heidegger jemand, der sich gerne auf anschauliche Beispiele aus der Lebenswelt bezogen hat, wo es in seiner künstlichen Alltagsprache in der Lebenswelt Vorhandenes und Zuhandenes gibt. Vorhandenes ist das, was jemand einfach nur vorfindet, wie die Sitzbank, den Baum oder das Kreuz am Randes eines Feldweges. Zuhandenes sind der vertraute Hammer, die eigenen Hausschuhe oder der Besen vor der Hütte neben der Tür, die gleichsam eine gewohnte Verlängerung des leiblichen Daseins und der alltäglichen Vollzüge sind.

 

Sein Vergleich mit einem hölzernen Eisen soll verdeutlichen, dass es ebenso wenig eine christliche Philosophie geben kann, wie es ein hölzernes Eisen geben kann. Aber ist dieser Vergleich passend? Ein Fass ist hölzern, weil es aus Holz gemacht ist. Die Ringe rund um das Fass herum sind eisern, weil sie aus Eisen gemacht sind. Aber wenn so ein Holzfass von eisernen Ringen umspannt und zusammen gehalten wird, dann ist es weder ein hölzernes Eisen noch ein eisernes Holz, sondern ein Holzfass mit eisernen Ringen. Könnte eine christliche Philosophie dann aber nicht auch ein philo-sophisches Denken sein, das von christlichen Grundgedanken gleichsam umfasst und zusammen gehalten wird?

 

Aber welche christlichen Gedanken könnten und sollten das sein? Es müsste sich doch im Kern um das trinitarische Glaubensbekenntnis handeln, da dieses auf jeden Fall spezifisch christlich ist: Denn der monotheistische Glaube an das Dasein Gottes ist nicht spezifisch christlich, weil Christen ihn mit Juden, Muslimen, Parsen, Sikhs, Bahais und anderen teilen. Der Glaube an die (einmalige und einzigartige) Inkarnation Gottes in Jesus von Narareth bzw. der Glaube an die Gottessohnschaft und an die zweifache Natur Jesu Christi (als wahrer Mensch und als wahrer Gott in einer Person) ist zwar spezifisch christlich, kann jedoch weder aus der allgemeinen menschlichen Erfahrung noch aus der allgemeinen Vernunft stammen, also nicht rein philosophisch verstanden oder begründet werden. Der Glaube an den Heiligen Geist als den von Jesus Christus gesandten Beistand und Tröster (zumindest in auferweckten und wiedergeborenen Christen), die an den gekreuzigten, gestorbenen und leiblich auferstandenen Jesus Christus glauben, ist zwar auch spezifisch christlich, kann jedoch ebenfalls weder aus der allgemeinen menschlichen Erfahrung noch aus der allgemeinen Vernunft stammen, also auch nicht rein philosophisch verstanden oder begründet werden.

 

Martin Heidegger hatte sicher nicht bestreiten wollen, dass es in der Geschichte der europäischen Philosophie bedeu-tende christliche Philosophen gegeben hat. Aurelius Augustinus, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin und Francisco Suarez waren aufrichtige, kluge und immer noch lesenswerte christliche Philosophen mit vielen heraus-fordernden Gedanken und einigen immer noch gültigen Einsichten.

 

Auch hatte sich Heidegger schon in seinem Studium mit Franz Brentanos Dissertation Über Die mannigfache Bedeutung des Seienden bei Aristoteles auseinander gesetzt und wurde über Die Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus habilitiert. Also hatte er sich auch selbst zumindest mit den Schriften von zwei weiteren bedeutenden und einfluss-reichen christlichen Philosophen näher auseinandergesetzt.

 

Aber selbst, wenn alle diese Denker genuin christliche Schriften verfasst haben, und wenn sie zumindest Philosophen und Theologen in Personalunion waren, könnte Heidegger immer noch einwenden, dass sie zwar christliche Philo-sophen gewesen seien, aber dass ihre Philosophie im Unterschied zu ihren genuin christlichen Schriften dennoch nicht christlich gewesen sei. Heideggers Auffassung ist also nicht so einfach zu widerlegen.

 

Auf jeden Fall genügt es nicht, von einem logizistischen Standpunkt aus darauf hinzuweisen, dass es keine christliche Philosophie geben kann, weil es auch keine christliche Logik und keine christliche Mathematik gibt. Philosophisches Denken ist ja weder nur formal korrektes Denken und Schließen noch formal korrektes Rechnen und Beweisen. Eine solche allzu simple Verwerfung christlicher Philosophie hatte Heidegger sicher nicht im Sinn.

 

1. Franz Brentano als christlicher Philosoph

 

Franz Brentano hatte nicht nur Philosophie, sondern auch katholische Theologie studiert und wurde 1864 zum kath-olischen Priester geweiht. Aber sein philosophisches Hauptwerk Psychologie vom empirischen Standpunkt war eine allgemeine philosophische Abhandlung über die Grundbegriffe der Psychologie und über die Klassifikation der psychischen Phänomene und damit kein spezifisch christliches Denken. Auch seine beiden Schriften zur Ethik Vom Ursprung der sittlichen Erkrenntnis sowie Grundlegung und Aufbau der Ethik waren originelle Meisterwerke zu einer allgemeinen Ethik und Abhandlungen zur Grundlegung einer rationalen Wertethik, aber keine christliche Ethik.

 

Selbst seine späte Abhandlung Vom Dasein Gottes ist eine ausgewählte Sammlung seiner schriftlich verfassten Über-legungen über die klassischen Gottesbeweise ergänzt durch seine eigenen, neuen Versuche, das Dasein Gottes und die Immaterialität des menschlichen Geistes zu beweisen. Diese Überlegungen vermitteln seinen eigenen Standpunkt eines philosophischen Theismus und eine Konzeption über die Wirklichkeit des menschlichen Geistes, aber keine spezifisch christliche Philosophie oder gar nur eine als Philosophie ausgegebene christliche Theologie.

 

Ähnliches gilt erst recht von Brentanos Abhandlungen Über Aristoteles und über seine gesammelten Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit. Dort finden wir die Beiträge eines christ-lichen Philosophen, der vor allem an Aristoteles, Descartes und Locke angeknüpft hatte, aber eine kritisch-realistische Philosophie entwickelt hatte, die sich gegen Kant und den Deutschen Idealismus richtete.

 

Franz Brentano ist zwar in seinen Anfängen ein katholischer Priester gewesen, legte aber 1873 sein Priestertum nieder, weil er (etwa 1oo Jahre vor Hans Küng) die Kanonisierung des damals neuen Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes ablehnte und trat 1879 aus der katholischen Kirche aus. Davor prüfte er zwar auch die Glaubwürdigkeit einiger anderer Dogmen und Lehren der römisch-katholischen Kirche.

 

Gleichwohl ist Brentano bis zum Ende seines Lebens ein Theist geblieben, der nicht nur an das Dasein Gottes glaubte, sondern der auch – anders als Hume und Kant – glaubte, dass es beweisbar sei und der es daher auch zu beweisen versuchte. Außerdem ist er immer noch ein freigeistiger Christ geblieben, der sich jedoch gründlich mit den Dogmen und Lehren der Römisch-Katholischen Kirche auseinandergesetzt hatte, wie seine religionsphilosophische Abhandlung Die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung zeigt.

 

Brentanos Beispiel zeigt uns, dass jemand durchaus ein christlicher Philosoph sein kann, dessen Philosophie allgemei-ngültig ist, und zugleich ein christlicher Denker, der seine Gedanken zur Grundfragen des christlichen Glaubens darlegt, ohne jedoch zu versuchen, eine genuin christliche Philosophie zu entwickeln. Auch dann, wenn Heideggers Verdikt gegen die Möglichkeit einer christlichen Philosophie zutrifft, kann jemand immer noch wie Brentano ein christlicher Philosoph mit einer allgemeinen Philosophie sein, die gar nicht erst versucht, christlich zu sein, Dennoch kann jemand unabhängig davon seine eigenen Gedanken zum christlichen Glauben in der Auseinander-setzung mit irgendeiner christlichen Konfession oder Tradition darlegen, um damit zugleich apologetisch und kulturkritisch zu wirken.

 

2. Martin Heidegger und Karl Jaspers

 

Heidegger selbst hat sich anders als Brentano weder als einen christlichen Philosophen verstanden noch hat er seine eigenen Gedanken zum christlichen Glauben in kritischer Auseinandersetzung mit irgendeiner christlichen Konfession oder Tradition darlegt. Ich denke, dass man ihm weder zu nahe tritt noch Unrecht tut, wenn man von ihm sagt, dass er nach seiner Distanzierung vom christlichen Glauben der altkatholischen Kirche seiner Eltern weder Christ noch Theist geblieben ist.

 

Seine späteren Gedanken zum kommenden Gott sind jedoch kaum noch angemessen als christlich zu bezeichnen. Darüber hinaus sind sie aber auch nicht theistisch im klassischen griechischen Sinne, da der klassische Theismus Gott als ein allumfassendes, einheitliches, ewiges und omnipräsentes Wesen versteht, das keine Teile oder Organe hat und das keinen zeitlichen Veränderungen unterliegt. Das kann man jedoch kaum von biblischen Gott JHWH sagen, der nach den biblischen Erzählungen mit seinem Volk Israel einen wechselseitigen Bund der Treue eingegangen ist und seither mit ihm in einer lebendigen und leidvollen Beziehung steht.

 

Heideggers früher Mitstreiter Karl Jaspers, mit dem er sich in den 20er Jahren von der in Routinen erstarrten akade-mischen Schulphilosophie distanziert hatte, stammte anders als Heidegger aus einer eher unkirchlichen und frei-sinnigen protestantischen Familie. Anders als Heidegger war Jaspers nach seinem Studium der Medizin zuerst Arzt und Psychiater und wurde dann erst nach der Zwischenstation als Professor für die damals noch junge Psychologie Pro-fessor für Philosophie an der Universität Heidelberg. Jaspers wurde also Professor für Philosophie ohne jemals selbst an einer Universität ein Studium der Philosophie absolviert zu haben. Das war auch damals schon äußerst ungewöhnlich und wurde von den “Fachphilosophen” nicht gerne gesehen und entsprechend despektierlich kommentiert. Jaspers war jedoch schon seit seiner Jugend ein passionierter Leser zahlreicher Schriften seiner Lieblingsphilosophen Platon, Spinoza und Kant gewesen.

 

Wie Heidegger hat sich Jaspers weder als einen christlichen Philosophen verstanden noch hat er eine spezifisch christ-liche Philosophie entwickelt. Das wird vor allem aus seiner existenzphilo-sophischen Ablehung einer allgemeinen Ethik deutlich und aus seiner bewusst neutralen Gleich-stellung von Sokrates, Jesus, Konfuzius und Buddha als den vier “maß-gebenden Menschen” der Weltgeschichte, ohne seine persönliche Vorliebe deutlich zu machen. Denn zumindest für bibel-treue Christen ist Jesus der Christus bzw. der Messias, der von den Juden kam, und der von sich selbst aussagte: “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch mich.” Der Gott, den Jesus vertrau-lich seinen “Vater” (abba) nennt, das ist jedoch seinen überlieferten Äußerungen zufolge kein anderer Gott als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, auf den sich auch Blaise Pascal in seinem “Memorial” bezogen hatte.

 

Das bedeutet nicht, dass Sokrates, Konfuzius und Buddha nicht auch kluge und weise Einsichten über das rechte und gute Leben in dieser Welt gehabt hätten. Wohl aber bedeutet es, dass für alle authentischen Christen die höchste Wahrheit leibhaftig in der einmaligen geschichtlichen Person des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus selbst erschienen ist. Der christliche Glaube ist nämlich keine Buchreligion wie der Islam, da Muslime ihren Koran für eine direkte Offenbarung Gottes halten. Die Schriften der Bibel und insbesondere die vier Evangelien und apostolischen Briefe sind keine göttliche Offenbarung in Wort und Schrift, sondern sie zeugen nur als von Menschen verfasste Schrif-ten von der Selbstoffenbarung Gottes durch seine einmalige Menschwerdung in Jesus Christus.

 

Gleichwohl hat Jaspers in einigen Schriften seine Gedanken zum christlichen Glauben der Kirchen der Reformation dargelegt. Außerdem hat er sowohl in freundlicher Abgrenzung als auch in kriti-scher Auseinandersetzung mit pro-testantischen Theologen einen originären, weder traditionell-christlichen noch konfessionell-christlichen Philosophischen Glauben entwickelt: Der philosophische Glaube. Fünf Vorlesungen. München/Zürich 1948; Die Frage der Entmythologisierung, München 1954; Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung. Piper, München 1962; Chiffren der Transzendenz. Eine Vorlesung aus dem Jahr 1961, München 1970.

 

Wenn es jedoch nach Heidegger und Jaspers auch weiterhin fragwürdig bleibt, den kühnen Versuch zu wagen, eine christliche Philosophie zu entwickeln, ist es weder widersinnig noch aussichtslos, als Christ zugleich Philosoph oder als Christin zugleich Philosophin zu sein. Insofern kann ein christlicher Philosoph bzw. eine christliche Philosophin immer noch, in Anknüpfung an bestimmte Philosophien seine bzw. ihre eigene Philosophie entwickeln und darüber hinaus seine bzw. ihre Gedanken zu einigen ausgewählten Grundfragen des christlichen Glaubens darlegen, um den christ-lichen Glauben nach einem bestimmten Verständnis zu verteidigen und um von einem christlichen Standpunkt aus, manche Verirrungen des Zeitgeistes und einige schädliche und inhumane Tendenzen in unserer westlichen Kultur zu kritisieren.

 

3. Das Problem der Anknüpfung

 

Wer gegenwärtig an einen christlichen Philosophen aus der Vergangenheit anknüpfen möchte, um dessen philo-sophisches Denken durch einen hermeneutischen Zugang wiederzubeleben, der wird gut daran tun, rivalisierende Positionen aus vergangenen Konstellationen (Platon vs. Aristoteles; Augustinus vs. Thomas von Aquin; Kant vs. Hegel, etc.) zu kennen, die Andere gegenwärtig auch wiederbeleben wollen. Eine andere, bessere Form der Anknüpfung an frühere christliche und unchristliche Philosophen wird gemäß der paulinischen Maxime “Prüfet alles, das Gute behaltet!” wie René Descartes eine methodische Skepsis walten lassen und dann nur dasjenige gelten lassen, was so zweifelsfrei evident ist, dass man durch Erfahrung und Vernunft als Quellen der Erkenntnis gezwungen ist, etwas als wahr und nicht nur als mehr oder weniger plausibel anzunehmen.

 

Menschliche Erfahrung als Quelle der Erkenntnis bedeutet, dass am Ende einer ganzen Reihe von schlüssigen Begrün-dungen immer eine unmittelbare und evidente innere oder äußere Wahrnehmung steht. Universale Vernunft als Quelle der Erkenntnis bedeutet, dass am Ende einer ganzen Reihe von Begründungen immer eine Zustimmung zu evidenten impliziten apriorischen Axiomen des rationalen Denkens und Urteilens, des logischen Folgerns und Schließens sowie zu logisch gültigen Ableitungen und Reflexionen steht, aber nicht zu beliebigen kulturell oder sozial angeeigneten Vorur-teilen und Routinen, Konventionen und Traditionen.

 

Ich selbst möchte aus verschiedenen Gründen weder an Schelling noch Hegel anknüpfen, deren Charakterisierung als christliche Philosophen zumindest sehr umstritten ist, zumal ich selbst der Auffassung bin, dass sie trotz verschiedener Versuche der Adaption christlicher Begriffe und Ideen keine christlichen Philosophen waren. Ich ziehe es vor, einerseits an Immanuel Kants Philosophie anzuknüpfen, wobei ich nicht zu einer idealistischen Interpretation seiner kritischen Transzendentalphilosophie neige, sondern zu einer realistischen Interpretation, die Kants eigenes Insistieren auf der Möglichkeit objektiver Erkenntnis in seinen Prolegomena ernst nimmt, weswegen er sich dort deutlich sowohl von David Humes empiristischen Skeptizismus als auch von Bishop Berkeleys dogmatischen Idealismus abgegrenzt hat. Dazu gehört auch seine lebenslange Intention einer Vermittlung von empiristischen mit rationalistischen Überzeugungen, an der er bis zuletzt in seiner Preisschrift über die Fortschritte in der Metaphysik festgehalten hat.

 

Ich werde jedoch andererseits an Franz Brentanos empirisch-rationale Philosophie anzuknüpfen, da ich der Auffassung bin, dass Brentano in einigen wichtigen Hinsichten trotz seiner oft zu schroffen Kritik an Kants theoretischer und prak-tischer Philosophie recht hatte. Ich denke jedoch auch, dass Brentano Kants bahnbrechende Entdeckung und Erklärung der Möglichkeit synthetisch-apriorischer Urteile und Erkenntnisse nicht wirklich verstanden hatte, da er an Aristoteles, Descartes und Locke angeknüpft hatte und vermutlich auch wegen ihrer ausweitenden Fortführung und missbräuch-lichen Konsequenzen bei den Deutschen Idealisten Fichte und Schelling abgeschreckt worden ist. Aber da Brentano in den erkenntnistheoretischen Fragen der Evidenz und Gewissheit des empirischen Gehaltes sinnlicher Wahrnehmungen der inneren und äußeren Erfahrung an Descartes und Locke angeknüpft hat, kam er zu Ergebnissen, die umgekehrt Kant in ihrer Bedeutung übersehen hatte, da er zu sehr mit seiner transzendental-philosophischen Entdeckung und Erklärung der Möglichkeit synthetisch-apriorischer Urteile und Erkenntnisse befasst gewesen ist.

 

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Anknüpfung an zwei so unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Philosophen wie Kant und Brentano es mit dem grundsätzlichen Problem der Vereinbarkeit von verschiedenen methodischen Ansätzen, fundamentalen Grundbegriffen und philosophischen Grundüberzeugungen zu tun bekommt, das nur durch eine gründliche methodisch-skeptische Prüfung und entschiedene schöpferische Synthese gelöst werden kann.

 

Aber zum Glück gab es auch schon einen anderen herausragenden logisch-empiristischen Philosophen, nämlich Bertrand Russell, der in seiner kleinen Schrift Problems of Philosophy auch schon kantische Auffassungen über das synthetische Apriori mit bretanoischen Auffassungen über verschiedene Grade der Evidenz verbunden hatte. Russell war zumindest in logischen, erkenntnis-theoretischen und ontologischen Fragen so gründlich gewesen, dass er zeigen konnte, dass eine solche Synthese möglich und plausibel ist. Dass Russell kein Christ gewesen ist, spielt in den dort behandelten logischen und erkenntnistheoretischen Grundfragen keine Rolle.

 

Schließlich gab es mit dem frühen Edmund Husserl der Logischen Untersuchungen auch schon einen anderen heraus-ragenden Philosophen, der ebenfalls wie Kant und Brentano in seiner Grundlegung seiner phänomenologischen Philosophie nur das hat gelten lassen, was entweder in der sinnlichen Gewissheit der Erfahrung oder in der logischen Gewissheit der apriorischen Vernunft begründet werden kann. Dabei hat Husserl Brentanos Konzeption der Intentio-nalität der meisten psychischen Phänomene übernommen, die Kant nicht kannte, aber deutlicher als Brentano zwischen den semantischen, logischen und ontologischen Urteilsinhalten und den psychischen Urteilsakten der Menschen unterschieden.

 

Ich werde darüber hinaus philosophische Anleihen bei einigen nach-kantischen Philosophen machen, die ich für kom-patibel und sinnvoll halte: Georg Friedrich Wilhelm Hegel (objektiver Geist in rechtsstaatlichen Institutionen), Johann Wolfgang von Goethe (anschauende Urteilskraft), Nicolai Hartmann (Schichtenontologie der Persönlichkeit und der Natur), Edmund Husserl (LU) (kategoriale Wahrnehmung und eidetische Variation zur Bestimmung des Wesentlichen), Karl Jaspers (Allgemeine Psychopathologie) und Karl Popper (sog. “Drei-Welten-Konzeption” bzw. irreduzible Differenz zwischen den physischen, psychischen und geistigen Dimensionen der menschlichen Person).

 

Dass fast alle diese Philosophen ebenfalls keine Christen gewesen sind, spielt bei den verhandelten Grundfragen eben-falls keine Rolle. Denn alles, was jemand mit dem “natürlichen Licht” des empirischen Verstandes und der apriorischen Vernunft erkennen kann, dürfen Christen im Sinne der paulinischen Maxime “Prüfet alles, das Gute behaltet!” annehmen, übernehmen und davon einen freien, verantwortlichen und guten Gebrauch machen.

 

Es versteht sich von selbst, dass ich diese verschiedenen Anleihen nur mache, weil ich sie im Laufe vieler Jahre gründlich geprüft habe und weil ich dadurch zu der Auffassung gekommen bin, dass sie im Alltag und in der Lebenswelt logisch kompatibel, erkenntnistheoretisch plausibel und sowohl phänomenologisch als auch ontologisch vertretbar sind. Man mag diese Synthese meinetwegen zu synkretistisch finden, aber das kümmert mich wenig, da ich das reduktionistische Methodenideal der Naturwissenschaften und das methodische Prinzip der ontologischen Sparsamkeit (Ockhams Rasier-messer) in der Philosophie für ganz und gar fehl am Platz halte.

 

Beide methodischen Ideale stammen aus der Physik und Chemie als den beiden fundamentalen Naturwissenschaften. Aber der menschliche Geist stammt aus einer höheren und evolutionär späteren Schicht der Wirklichkeit sowohl in der allgemeinen Naturgeschichte als auch in der individuellen Lebensgeschichte eines Menschen, sodass solche natur-wissenschaftlichen Prinzipien in den Geisteswissenschaften gar nicht gelten können und im Sinne von Kategorien-fehlern einfach deplaziert sind. Der Chemiker und Wissenschaftsphilosoph Michael Polanyi (1891-1976) hat in seinem philosophischen Hauptwerk Personal Knowledge so klar und deutlich wie kaum ein Anderer nachgewiesen, dass sich das reduktionistische Methodenideal noch nicht einmal in der Biologie geschweige denn in der Psychologie oder Soziologie erfolgreich und überzeugend anwenden lässt.

 

Wie sollte es dann für die “Königsdisziplin” der Philosophie und für die “Damendisziplin” der christlichen Theologie gelten? Um in der Sprache des Schachspiels zu bleiben, kann auch ein guter Schachspieler aufgrund der Regeln des Schachspiels seinen König außer bei der Rochade immer nur kleine Schritte auf ein benachbartes Feld machen lassen, obwohl er die wichtigste Figur auf dem Feld ist, da das ganze Spiel mit dem Schachmatt endet. Seine Dame hingegen kann er kreuz und quer über das ganze Schachbrett gleiten lassen, solange sie nicht von seinen anderen Figuren daran gehindert wird, weil sie auf einem bestimmten Feld auf dem Schachbrett im Weg stehen. Sobald jedoch ein Schach-spieler seine Dame verliert, sinken seine Chancen erheblich noch lange verhindern zu können, dass dann bald auch sein König Schachmatt gesetzt wird. Dann kann die ganze Partie schnell verloren sein.

 

4. Christliche Philosophen ohne christliche Philosophie

 

Obwohl es keine christliche Philosophie (mehr) geben kann, gibt es doch christliche Philosophen, die sich an den allgemeinen Diskussionen zu philosophischen Problemen beteiligen können und zugleich zu den Problemen des christlichen Glaubens und der christlichen Theologie äußern, ohne zu beanspruchen, dass es eine christliche Philo-sophie gibt. Dazu können sie sich freilich ebenso äußern wie zu Problemen der modernen Kultur und Gesellschaft, Ökonomie und Politik.

 

Philosophie und christliche Theologie sind grundverschieden, aber dennoch komplementär. Sie beleben und ergänzen sich in einem konstruktiven Dialog als gleichberechtigte Disziplinen. Aber die christliche Theologie ist dabei grundsätz-lich in einer Art und Weise auf die Philosophie angewiesen, wie die Philosophie nicht auf die christliche Theologie an-gewiesen ist. Denn es gibt nicht nur nicht-christliche Philosophien und mit dem christlichen Glauben unvereinbare Philosophien, sondern es gibt sogar anti-christliche Philosophien, die es auf die Zerstörung der christlichen Theologie und des ganzen christlichen Glaubens abgesehen haben. Denn auch eine Vielzahl verschiedener angemessener Inter-pretationen der biblischen Schriften ergeben noch lange keine einheitliche christliche Theologie.

 

Aber wenn die rationale Philosophie als wissenschaftliche Disziplin bedroht ist, dann ist das auch für die christliche Theo-logie lebensbedrohlich. Die etwas altertümliche Rede von der Philosophie als der “Magd der Theologie” stammt aus dem Mittelalter, passt jedoch unter den gegenwärtigen Bedingungen einfach nicht mehr in unsere Zeit. Aber dennoch ist es zutreffend, dass die rationale Philosophie der christlichen Theologie dienen kann und dass eine christliche Theologie auf die Unterstützung der rationalen Philosophie angewiesen ist.

 

Passender ist das johanneische Bild eines Adlers, der nur mit zwei Flügeln fliegen kann: mit dem einen Flügel der ratio-nalen Philosophie und mit dem anderen Flügel der christlichen Theologie. Der Adler braucht seine beiden Flügel und kann auf keinen seiner beiden Flügel verzichten. Wenn ihm auch nur einer dieser beiden Flügel gestutzt wird, dann kann er nicht mehr fliegen und stürzt ab.

 

Der johanneische Adler hat zwar zwei Flügel, aber nur ein Herz und einen Verstand. Es gibt nur noch wenige Intellek-tuelle, die rationale Philosophen und christliche Theologen in Personalunion sind. Aber diese Art von geisteswissen-schaftlicher Bildung, die noch für den Deutschen Idealismus prägend gewesen ist, weil zumindest drei ihrer Prota-gonisten, nämlich Hegel, Hölderlin und Schelling ursprünglich Protestantische Theologen aus dem Tübinger Stift gekommen sind, wird vor allem von atheistischen und anti-christlichen Akademikern und Intellektuellen kaum noch geduldet, sondern verworfen und angefeindet. In dieser Hinsicht ist unsere angeblich so “offene Gesellschaft” weder offen noch tolerant, sondern ideologisch verschlossen und ziemlich intolerant.

 

Der Grund liegt darin, dass Karl Poppers euphemistischer Ausdruck “offene Gesellschaft” so vage und unbestimmt ist, dass er nicht einmal bestimmt, dass es sich um eine moderne Gesellschaft handelt, die (1.) eine Demokratie ist, (2.) durch einen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat geordnet wird und (3.) von einer sozialen Marktwirtschaft getragen wird. Daher kann man bei der euphemistischen Rede von einer “offenen Gesellschaft” nicht ausschließen, dass sie sich ganz demokratisch selbst abschafft, dass sie die grundrechtlichen Institutionen ihres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates ruiniert und dass sie die solidarischen Qualitäten ihrer sozialen Marktwirtschaft zerstört, indem sie aufgrund marktradikaler Tendenzen immer “marktkonformer” wird.

 

Wer eine “offene Gesellschaft” bewahren und erhalten will, muss daher (1.) sicher stellen, dass die Demokratie durch Bildung, Meritokratie und Rechtsstaatlichkeit gezügelt wird, (2.) dass der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat von einer Verfassung bestimmt wird, die weitgehend unantastbar ist, indem sie der aktuellen Tagespolitik und der Ände-rungen durch die demokratische Mehrheitsmeinung entzogen ist, weil sie die unveräußerliche Menschenwürde sowie und bestimmte Grund- und Menschenrechte garantiert und (3.) weil bestimmte ökonomische Prinzipien und Rahmen-bedingungen einer sozialen Marktwirtschaft gegen marktradikale Prinzipien und gegen eine libertäre Auflösung dieser Rahmenbedingungen geschützt werden.

 

Seit die Anhänger von Marx, Nietzsche und Freud die klassische Philosophie und die christliche Theologie in Misskredit gebracht haben, herrscht eine verengte Kultur und “Hermeneutik des Verdachtes” gegen alles vor, was über ein materia-listisches Welt- und Menschenbild und über den bloß empirischen und instrumentellen Verstand von naturwissen-schaftlichen und technischen, ökonomischen und politischen Denk- und Handlungsweisen hinausgeht.

 

Adorno und Horkheimer waren die letzten teils links-hegelianisch, teils neo-marxistischen Philosophen, die im Gefolge von Kant, Hegel, Schopenhauer und Marx den materialistischen Vulgärmarxismus, die irrationale und misologische Lebensphilosophie Nietzsches und die geistfeindliche Popularisierung der Freudschen Psychoanalyse kritisiert hatten. Jaspers und Popper kritisierten zwar auch das materialistische Welt- und Menschenbild, galten jedoch eher als Liberale in Anknüpfung an Sokrates und Kant.