6. Theodizee

 

 

Versuch zum Problem der Theodizee

 

 

Zusammenfassung

 

In der Theodizee geht es um die aus verständlichen Zweifeln entstehende Frage "Wo bleibt Gott angesichts des konkreten und massiven Leidens in der Welt?". Eine Theodizee versucht, diese schwierige Frage zu beantworten, indem sie zeigt, dass und wie der Glaube an das Dasein, die Allmacht und die Allwissenheit Gottes trotz des schrecklichen und unermesslichen Leidens am natürlichen Schlechten und moralisch Bösen in der Welt mit dem Glauben an seine Güte (Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit) vereinbar sind.

 

Eine Theodizee kann von einem theologischen Standpunkt aus erfolgen und dann handelt es sich um eine Theodizee auf der Grundlage des jüdischen, des christlichen, des islamischen oder eines anderen Glaubens. Dies kann jedoch auch von einem allgemeinen philosophischen Standpunkt aus geschehen, der nicht auf die Grundlagen eine dieser Glaubensweisen zurückgreift. Die Quellen einer solchen philosophischen Theodizee sind im Wesentlichen die eigene Lebenserfahrung, der Dialog mit Anderen, die Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition und die philosophische Reflexion.

 

Im Folgenden geht es primär um den Versuch einer philosophischen Theodizee. Eine solche philosophische Theodizee kann Juden, Christen, Muslimen und anderen Gläubigen aus nur allzu verständlichen Gründen immer noch als unbefriedigend und unvollständig erscheinen. Das liegt dann an den immanenten Grenzen des philosophischen Denkens und ermöglicht eben dadurch wichtige Einsichten in die Verschiedenheit von Philosophie und Theologie sowie in die pastorale Unverzichtbarkeit einer theologischen Theodizee.

 

Im Folgenden versuche ich im Anschluss an das epikureische Trilemma, den Kern der biblischen Erzählung von Hiob sowie an die spekulative Lehre von Leibniz und an die skeptische Auffassung von Kant zu zeigen, dass und wie auch gegenwärtig noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine philosophische Theodizee auf der Grundlage eines spekulativen Panentheismus möglich ist, dem Juden, Christen, Muslime und andere Gläubige zustimmen können.

 

Ich verteidige eine solche philosophische Theodizee gegen den skeptischen, pragmatischen, naturalistischen und szientistischen Zeitgeist und widerspreche damit vor allem moderaten und militanten Atheisten, die bereits das Dasein Gottes leugnen, und deswegen schon gar nicht mehr die nur allzu verständliche Zweifelsfrage des Problems der Theodizee verstehen können, geschweige denn im Zwiegespräch mit leidenden Menschen angemessen beantworten können. Diese philosophische Theodizee hat jedoch implizite Grenzen und kann deswegen nicht jeden Menschen emotional und kognitiv zufrieden stellen und alle berechtigten Zweifel beseitigen.

 

Die Antwort von Seelsorgern und Mitmenschen auf aktuelle Erschütterungen angesichts eines konkreten Schicksalsschlages und eines tiefen Leidens besteht jedoch nur selten in einer intellektuellen Antwort auf die Frage der Theodizee und meistens in einer schweigenden, mitfühlenden und tätigen Zuwendung zu den leidenden Menschen und im solidarischen Versuch, konkrete Abhilfe zu schaffen, die konkrete Not zu lindern und die tiefe Verzweiflung durch eine realistische Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu vertreiben.

 

Eine christliche Theodizee hingegen wendet sich vor allem an andere Christen, die durch konkretes Leiden und Schicksalsschläge in ihrem persönlichen Gottvertrauen erschüttert wurden. Sie kann anders als eine philosophische Theodizee vom gemeinsamen christlichen Glauben ausgehen. Der christliche Glaube ist anders als der jüdische und islamische Glaube ein Glaube an einen drei-einigen Gott, an Gott, den Vater, der zugleich Schöpfer des Himmels und der Erde, Offenbarer aller sittlichen Gebote und Richter aller Menschen ist, an Gott, der in seinem Sohn Jesus Christus, Mensch wurde und für uns am Kreuz gestorben ist, um uns mit dem Vater zu versöhnen, und an Gott, der in uns alleine durch Jesus Christus als Heiliger Geist wirkt.

 

Ulrich W. Diehl, Heidelberg im Oktober 2019 - Forthcoming