Theoretische Philosophie

 

 

M.C.Escher, Still Life with Street
M.C.Escher, Still Life with Street

 

 

Aber dass wir uns zuerst hüten, dass uns nicht etwas begegne. ...

Dass wir nicht Redefeinde werden ... wie andere wohl Menschenfeinde. Denn unmöglich kann einem etwas Ärgeres begegnen, als wenn er Reden hasst. Und die Redefeindschaft entsteht ganz auf dieselbe Weise wie die Menschenfeindschaft. Nämlich die Menschenfeindschaft entsteht, wenn man einem auf kunstlose Weise zu sehr vertraut und einen Menschen für durchaus wahr, gesund und zuverlässig gehalten hat, bald darauf aber denselben als schlecht und unzuverlässig findet, und dann wieder einen; und wenn einem das öfter begegnet und bei solchen, die man für die vertrautesten und besten Freunde gehalten hat, so hasst man dann endlich, wenn man immer wieder anstößt, alle, und glaubt, dass nirgends an einem irgend etwas Gesundes ist.

 

Sokrates in Platons Phaidon

 

 

Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.

 

Kant, Kritik der reinen Vernunft, Vorrede

 

 

Philosophie im eigentlichen Sinne behandelt Themen, für die sich das allgemein gebildete Publikum interessiert. Sie verliert viel von ihrem Wert, wenn nur einige wenige Berufsphilosophen verstehen, worum es geht.

 

Bertrand Russell, Human Knowlegde. Its Scope and its Limits

 

 

Wer sich der Kritik entzieht, will nicht eigentlich wissen – Verlust der wissenschaftlichen Haltung und Denkungsart ist zugleich Verlust der Wahrhaftigkeit des Philosophierens.

Karl Jaspers, Existenzphilosophie

 

 

Ein Philosoph, der sich sein Leben lang mit der Sprache beschäftigt,

ist wie ein Zimmermann, der seine ganze Arbeitszeit damit verbringt,

seine Werkzeuge zu schärfen.

 

Karl Popper

 

 

Where is the wisdom we have lost in knowledge?

Where is the knowledge we have lost in information?

 

T.S.Eliot

 

 


 

 

Was ist Theoretische Philosophie?

 

Philosophie ist und war niemals nur theoretisches Nachdenken über Thesen und Theorien über die Situation des Menschen in der Welt und die fundamentalen Strukturen der Welt, sondern immer auch schon ein Nachdenken über die eigenen und gemeinsamen Ideale und Prinzipien, Normen und Werte der lebenspraktischen Orientierung in der Welt, sowie über die intelligible Qualität und Praktikabilität dieser Orientierungen. Philosophie ist also nicht nur theoretische Philosophie, sondern auch praktische und poietische Philosophie und damit dann auch Reflexion und Diskussion über das menschliche Denken und Fühlen, Wollen und Handeln im Lichte theoretischer, praktischer und poietischer Wahrheits- und Geltungs-, Erkenntnis- und Wissensansprüche. Als Reflexion und Diskussion über solche normativen und epistemischen Ansprüche, kann und muss die Philosophie ihre vielen verschiedenen Aufgaben auf verschiedene Gebiete verteilen. Das ist jedoch nur eine pragmatische Einteilung, die vor allem heuristischen und didaktischen Zwecken dient, und nicht von vorne herein als eine ontologische oder metaphysische Einteilung oder gar als ein starres philosophisches System zu verstehen ist, das den unvoreingenommenen Blick auf die Phänomene verstellt und damit die Reifung der Urteilskraft verhindert.

 

Theoretische Philosophie ist eine umfassende geistige Reflexion und gemeinschaftliche Diskussion darüber, "wie alles mit allem im weitesten Sinne zusammenhängt" (Wilfred Sellars). Das Philosophieren beginnt gewöhnlich mit bestimmten philosophischen Fragen und Problemen. Meistens bedarf es dann zunächst einer logisch-semantischen Klärung und differenzierenden Unterscheidung der wichtigsten sprachlichen Ausdrücke und Begriffe, die in diesen Fragen und Problemstellungen eine Schlüsselrolle spielen. Manche Probleme beruhen nämlich nur auf semantischen und begrifflichen Unklarheiten oder unlogischen Argumentationen. Solche Probleme entpuppen sich dann oftmals als Scheinprobleme. Andere Probleme sind echte philosophische Probleme, deren Behandlung und Lösung von logischen und methodischen, erkenntnistheoretischen und ontologischen Voraussetzungen abhängen. Sie führen zu Kontroversen zwischen verschiedenen philosophischen Denkansätzen, Theorien und Positionen. Solche Kontroversen beginnen zwar mit unvereinbaren Thesen und Theorien, Denkansätzen und Positionen, intendieren aber einen abschließenden Konsens darüber, welche Thesen und Theorien, welche methodischen Denkansätze und philosophischen Positionen am Ende die größte philosophische Plausibilität besitzen.

 

Größtmögliche Plausibilität und nicht "absolute Wahrheit" (Fichte) oder "absolutes Wissen" (Hegel) ist das Endziel des Philosophierens. Denn das Beste, was Philosophen und andere Menschen mit Hilfe ihrer zeitlich begrenzten Intelligenz beim Nachdenken über ihre Situation in der Welt und deren Grundstrukturen erreichen können, ist eine gewisse semantische und begriffliche Transparenz, logische und methodologische Kohärenz, epistemologische Evidenz sowie ontologische Korrespondenz. "Absolute Wahrheit" schechthin ist für uns Menschen nicht erreichbar, sondern ein regulatives Ideal des Strebens nach Erkennen und Wissen im Alltag und in den Wissenschaften, in den Weltanschauungen und Religionen sowie last, but not least in der Philosophie. Wer mit Hilfe der Philosophie "die absolute Wahrheit" erreichen zu können oder gefunden zu haben meint, begibt sich selbst in eine Grenzsituation, wo er aufhört auf, ein Philosoph unter Anderen zu sein. Er wird zu einem selbst ernannten Propheten oder zu einem gnostischen Theologen. Philosophen müssen sich damit bescheiden, mit den begrenzten Mitteln und Methoden der Philosophie, bestimmte philosophische Fragen und Probleme zu behandeln und dabei zu möglichst plausiblen und gut nachvollziehbaren Antworten und Lösungen zu gelangen.

 

Theoretisches Philosophieren ist deswegen zuallererst wie die Philosophie überhaupt ein logisches und methodologisches Nachdenken über die Situation des Menschen in der Welt sowie über die Grundstrukturen der Welt, die wir aus der alltäglichen Erfahrung unserer Lebenswelt kennen und die wir in den verschiedenen Einzelwissenschaften tiefer und gründlicher, aber auch abstrakter und objektiver erforschen. Aus der Grundfrage der Philosophie nach der Situation des Menschen in der Welt mit den beiden untrennbaren Momenten des Menschseins in der Welt und des offensichtlichen Vorhandenseins der Welt, die nur im abstrahierenden Denken, aber nicht in der gegebenen Realität getrennt werden können, ergeben sich nun die verschiedenen Grundfragen der Theoretischen Philosophie:

 

(1.) die Grundfrage der Logik nach den Prinzipien und Regeln des logischen Denkens und Schließens:

 

Welches sind die objektiv gültigen Prinzipien und Regeln des logischen Denkens und Schließens?

 

(2.) die Grundfrage der Hermeneutik nach den psychologischen und kognitiven, sozialen und interpersonalen Bedingungen und Möglichkeiten des Verstehens von sprachlichen Ausdrücken und Sätzen, Bedeutungen und Intentionen, Aussagen und Schriftstücken, Zeichen und Symbolen, Metaphern und Allegorien, Mythen und Märchen, literarischen und anderen Kunstwerken, Liedern und Hymnen, Melodien und Rhythmen, Bildern und Modellen, wissenschaftlichen Hypothesen und Theorien, Rechtsregeln und Rechtskodizes, etc.

 

Welches sind die notwendigen und hinreichenden Bedingungen des Verstehens?

 

(3.) die Grundfrage der Erkenntnistheorie nach den Gegenständen, Quellen, Methoden und Grenzen des menschlichen Erkennens und Wissen:

 

Welches sind die möglichen Gegenstände, die wirklichen Quellen, die zuverlässigen Methoden und die wahrscheinlichen Grenzen des menschlichen Erkennens und Wissens?

 

(4.) die Grundfrage der Philosophischen Anthropologie nach dem natur-, kultur- und geistesgeschichtlich gewordenen Wesen des Menschen:

 

Wer ist der Mensch und wie ist er aufgrund seiner natürlichen, kulturellen und geistigen Daseinsbedingungen beschaffen?

 

(5.) die Grundfrage der Philosophischen Psychologie nach den wesentlichen Merkmalen und Bedingungen der Personalität:

 

Was bedeutet es, eine (menschliche) Person zu sein und was sind die wesentlichen Merkmale und notwendigen Bedingungen der Personalität?

 

(6.) die Grundfragen der Metaphysik nach den komplexen und vielschichtigen Grundstrukturen des Natürlichen, Kulturellen und Geistigen in der raum-zeitlichen Welt (Ontologie)

 

Was ist diese Welt und was sind die Grundstrukturen der Welt? Welches sind die Grundstrukturen des natürlichen, kulturellen und geistigens Seins?

 

sowie nach dem Dasein, dem Wesen und der Erkennbarkeit Gottes (Religionsphilosophie):

 

Wer oder was ist Gott? Wie sind sein Dasein, sein Wesen und seine Eigenschaften beschaffen? Wie können wir das Dasein, das Wesen und die Eigenschaften Gottes erkennen?

 

Philosophisches Streben nach Erkennen und Wissen ist nicht nur wie alles lebensweltliche und wissenschaftliche Streben nach Erkennen und Wissen fehlbar, sondern aufgrund seines oftmals abstrakten und spekulativen Charakters sogar besonders anfällig für Irrtümer und Illusionen. Zwar kann es sich als spezifisch philosophisches Denken nicht - wie Kant meinte - bloß innerhalb der durch die menschliche Sinnlichkeit vorgegebenen Grenzen der lebensweltlichen und wissenschaftlichen Erfahrung bewegen. Denn schon in der logischen und mathematischen Reflexion überschreiten Philosophen und naturwissenschaftler immer schon die vergleichsweise engen Grenzen der sinnlichen Erfahrung. Dies gilt auch für die Hypothesen und Theorien, die Wissenschaftler wie Philosophen aufstellen. Wenn es sich um sachhaltige und interessante Hypothesen und Theorien über qualitative oder quantitative, kausale oder teleologische, intentionale oder logische Strukturen in der Welt handelt, dann werden dabei immer schon die Grenzen der Erfahrung überschritten, um etwas zu erforschen und zu entdecken, was für die bloße Wahrnehmung der menschlichen Sinne verborgen ist.

 

Theoretische Philosophie beinhaltet auch erkenntnistheoretische und ontologische Reflexion. Zwar reflektieren und prüfen alle Menschen im Alltag und in den Wissenschaften bis zu einem gewissen Grade ihre eigenen Versuche, etwas über sich selbst und die Gegenstände und Situationen, Ereignisse und Prozesse, Lebewesen und Personen in der Welt zu erkennen und zu wissen. Aber Philosophen (und andere Wissenschaftler) sollten dies normalerweise noch genauer und gründlicher tun. Theoretische Philosophie ist deswegen vor allem auch Reflexion und Diskussion über Wahrheits- und Geltungsansprüche, Erkenntnis- und Wissensansprüche. Dazu muss man sich

 

(1.) mit den zahlreichen Fragen und Antworten zum regulativen Ideal und epistemische Orientierung stiftenden Begriff der Wahrheit befassen, der nicht nur in den Begriffen von Erkennen und Wissen, Für-wahr-halten und Für-wahrscheinlich-halten, sondern auch in den Begriffen von Ahnen und Vermuten, Erforschen und Entdecken enthalten ist. Dazu muss man sich dann

 

(2.) auch mit den vielen Fragen und Antworten zu den  epistemischen Begriffen von Erkennen und Wissen, Für-wahr-halten und Für-wahrscheinlich-halten, Ahnen und Vermuten, Erforschen und Entdecken beschäftigen. Schließlich muss man sich

 

(3.) mit den vielfältigen Problemen der Logik, wie vor allem mit dem problem der Geltung logischer Prinzipien und Axiome, Regeln und Maximen auseinandersetzen, die nicht nicht für die formalwissenschaftlichen Disziplinen der Logik und Mathematik, sondern auch für die theoretische, praktische und poietische Philosophie unentbehrlich sind.

 

Auch wenn die Philosophie der Logik bzw. philosophische Logik in einem gewissen Sinne diese drei Bereich des philosophischen Denkens transzendiert, ist sie in der theoretischen Philosophie am besten aufgehoben, da sie keine rein praktische oder poietische Philosophie ist, wie wir seit Husserls grundlegender Kritik am Psychologismus und Pragmatismus in der Logik annehmen dürfen. Heute wird sie jedoch von den meisten Vertretern der analytischen Philosophie nur noch als bloße Logistik aufgefasst: Logik gilt dann als pragmatische Methode der Prüfung von Argumenten anhand von konventionellen formalen Regeln des Denkens und Schließens, die in bestimmten formalisierten Systemen mit verschiedenen Grundregeln axiomatisiert werden können, sodass es eine Vielzahl von Logiken geben kann. Was dort dann meistens fehlt ist die kantische Unterscheidung zwischen formaler und transzendentaler Logik bzw. der Unterschied zwischen formaler Logik nach konventionellen Methoden und einer Philosophie der Logik, die darüber nacdenkt, was logisches Denken eigentlich ist, welche Prinzipien für logisches Denken notwendig und hinreichend sind, ob und wie sich diese Prinzipien transzendental oder ontologisch begründen lassen, welchen ontologischen Status logische Prinzipien und Regeln haben und wie man sie kennen und erkennen kann.

 

 

 © Ulrich W. Diehl, August 2009