Neuromythologie

 

 

Mein Hirn gehört mir

 

Deutschlandfunk Kultur 15.01.2013

 

Seitdem Mediziner sichtbar machen können, was im Gehirn geschieht, hat die Hirnforschung einen ungeheuren Boom erlebt. Die Bilder aus dem Kopf erscheinen als perfektes Werkzeug, um unser Denkvermögen zu erklären und psychische Störungen zu behandeln. Eine gefährliche Illusion, warnt der Pharmakologe Felix Hasler.

Innerhalb weniger Jahre ist die Hirnforschung von einem entlegenen Spezialfach zur ersten Adresse für die ganz großen Fragen geworden. Prominente Neuro-Wissenschaftler wie Wolf Singer oder Gerhard Roth äußern sich zu Problemen der Moral, Philosophie und Rechtsprechung. Der Amerikaner Zack Lynch, Gründer eines Wirtschaftsverbandes für ange-wandte Hirnforschung, prophezeit für unseren Eintritt in die „Neuro-Gesellschaft“ gleich die „Geburt einer neuen Zivilisation“.

Felix Hasler zeigt in seinem Buch „Neuromythologie“, dass solche überzogenen Ansprüche vor allem auf Bildern beruhen, die den Eindruck erwecken, man könne dem Gehirn bei der Arbeit zusehen. Längst schmücken sich auch Ökonomen, Marketingleute, Sozial- und Kulturwissenschaftler gern mit der Vorsilbe „Neuro-“ und illustrieren ihre Thesen durch Fleckenmuster, die Aktivität in diesem oder jenem Hirn-Areal anzeigen sollen.

Dabei bildet ein „Hirn-Scan“ der funktionellen Magnetresonanz-Tomografie (MRT) nicht etwa das ab, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem einzelnen Gehirn geschieht, sondern er ist Bild gewordene Statistik: Ergebnis einer komplizierten Auswertung von Daten, die aus der Messung von Blutfluss und Sauerstoff-Verbrauch in den Gehirnen vieler Probanden hervorgehen.

Hasler zeigt Punkt für Punkt, wie viele Unsicherheitsfaktoren in der Herstellung dieser Bilder stecken: Viele Messgeräte und das Blut im Gehirn selbst sind langsamer als die Nerven-Aktivität, die man erfassen will. Das „Grundrauschen“ im Gehirn macht Messungen ohnehin schwierig. Die Aktivität eines Areals kann mit erhöhter Durchblutung einhergehen, aber es gibt auch Gegenbeispiele. Dass anspruchsvolle geistige Vorgänge überhaupt einzelnen Hirnregionen zuge-ordnet werden können, gilt heute weithin als überholt.

Diese Bildkritik ist keine Debatte im luftleeren Raum. Im zentralen Kapitel seines Buches beschreibt Hasler den funda-mentalen Kurswechsel, den die Psychiatrie durch das Aufkommen der Psychopharmaka in den letzten fünfzig Jahren genommen hat. Anfangs noch als „Hilfsmittel für die Psychotherapie“ angepriesen, haben Medikamente längst die Vorherrschaft übernommen, und ihre Hersteller profitieren enorm von einem Menschenbild, das die Lösung für alle psychischen Probleme im Gehirn sucht.

Felix Hasler, selbst Pharmakologe und zurzeit Forschungsassistent an der „Berlin School of Mind and Brain“, übt scharfe Kritik am immensen Einfluss der Pharma-Industrie auf Wissenschaft und Medizin und zeigt, welchen Schaden weit verbreitete Medikamente anrichten, deren Nebenwirkungen wissenschaftlich durchweg besser belegt sind als ihr Nutzen. Sein elegant und verständlich geschriebenes Buch ist ein sehr lesenswertes Plädoyer für mehr Skepsis gegenüber dem „Neuro-Boom“.

Besprochen von Frank Kaspar

Felix Hasler: „Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“
Bielefeld: Transcript Verlag 2012
260 Seiten, 22,80 Euro 

 


 

Sind die populären Interpretationen der Ergebnisse der Hirnforschung bloße Neuromythologie?

 

Dipl. Psych. Werner Eberwein, Psychologischer Ppsychotherapeut, Berlin,  1. April 2016

 

Beruht die Faszination für das, was uns in den letzten Jahren in diversen populären Veröffentlichungen und Kongress-vorträgen als „Ergebnisse der Hirnforschung“ offeriert wurde möglicherweise auf einem grundlegenden und letztlich banalen Fehlschluss? Können Hirnforscher wirklich „dem Gehirn beim Denken zusehen“?

 

Von populären Hirnforschern und Autoren, die sich auf diese berufen wie Hüther, Roth, Singer, Spitzer, Birnbaumer, Searle, van der Kolk u.v.a. werden dem Gehirn oder Teilen davon psychische Eigenschaften wie „denken“, „wissen“, „erkennen“, „verstehen“, „entscheiden“, „deuten“, „glauben“, „vermuten“, „begreifen“, „argumentieren“, „schlussfolgern“ u.v.a. zugeschrieben. Dies wird oft als „populäre Vereinfachung“ ausgegeben. In Wirklichkeit handelt es sich um eine konfuse Verwendung von Begriffen und um eine Vermischung wissenschaftslogischer Ebenen, die zu problematischen Konsequenzen führt, u.a. zu biologistischen Vorstellungen von Pädagogik, Strafrecht, Psychotherapie usw.

 

Begriffliche Klarheit ist im Bereich der Neurowissenschaften ebenso wichtig wie eine präzise experimentelle Anord-nung, oder sollte es zumindest sein. In ihrem umfassenden Werk „Die philosophischen Grundlagen der Neurowissen-schaften“ (englisches Original 2003, deutsche dritte Auflage WBG-Verlag Darmstadt 2015) haben der australische Professor für Neurowissenschaften Maxwell Bennett und der Oxforder Philosophieprofessor Peter Hacker die Zu-schreibung psychologischer Eigenschaften an das Gehirn als „merologischen Fehlschluss“ untersucht. Es geht ihnen nicht darum aus ideologischen Gründen „gegen die Hirnforschung“ zu argumentieren (der Mitautor Prof. Bennett ist selbst ein international renommierter Hirnforscher), ihre empirischen Resultate in Frage zu stellen oder etwa um die Frage, ob sie „interessante Ergebnisse“ hervorgebracht hat, sondern um eine Kritik eines biologistischen Erklärungsanspruchs für psychische Prozesse.

 

In dem darauf folgenden Buch „Neurowissenschaft und Philosophie“ (Suhrkamp 2010) setzen sich Bennett und Hacker mit ihren Gegenspielern Daniel Dennett und John Searle über die Frage auseinander, ob die neurologische Hirnfor-schung psychologische Prozesse erklären kann oder nicht. Unter „mereologisch“ ist das Verhältnis von Teilen zu einem Ganzen zu verstehen. Beispielsweise wäre es Unsinn zu sagen, dass man mit den Rädern eines Autos „fahren“ kann – fahren kann man nur mit dem Auto als Ganzes. Ebenso ist es nicht das Auge, das „sieht“, sondern der Mensch, die ganze Person sieht. Und ebenso ist es nicht das Gehirn oder ein Teil davon, das „denkt“, „fühlt“, „entscheidet“ usw., sondern nur der Mensch als Ganzes, die ganze Person kann denken, fühlen, entscheiden usw.

 

Wenn ich mit meinem Gehirn identisch wäre, wie die biologistischen Neurowissenschaftler behaupten, dann würde ich mir nur einbilden, ich sei 1,80 Meter groß und wöge 95 Kilo, in Wirklichkeit wäre ich nur 20 cm hoch und wöge nur 1,5 Kilo. Ich wäre unentrinnbar eingesperrt in einem undurchdringlichen knöchernen Kasten, blind, taub und gefühllos und würde mir nur einbilden, das als real wahrzunehmen, was mir meine eigenen „Verschaltungen“ in Verarbeitung elektri-scher Impulse aus den Sinnesorganen meines Körpers als Wirklichkeit vorspiegeln (eine Horrorvorstellung à la „Matrix“). „Unter“ mir befände sich eine große, bewegliche Gewebemenge von 93,5 Kilo Gewicht und 1,60 Meter Länge – „mein“ Körper. Ein Liebesbrief müsste dann lauten: „Ich (= mein limbisches System) liebt Dein limbisches System“ usw. Das mögen witzige oder gruselige Phantasien sein, aber sind das korrekte wissenschaftliche Modelle mit logisch richtigem Sprachgebrauch?

 

Der „mereologische Fehlschluss“ der Neurowissenschaftler besteht darin, einem Teil des Menschen (seinem Gehirn oder einzelnen Gehirnregionen) psychische Eigenschaften zuzuschreiben, die nur der Person als Ganzer zukommen können. Nach Bennett und Hacker handelt es sich hierbei um eine Begriffsverwirrung, die auch durch noch große künftige empirische Datenmengen nicht zu beheben ist. Unter der „Person“ ist der ganze Mensch als intelligentes, sich seiner selbst bewusstes, denkendes und fühlendes, zu Sprache und Auseinandersetzung fähiges und ethisch verantwortliches Lebewesen zu verstehen. Wir würden daher sagen: „Ich (als Person) besitze einen VW Touran“ und nicht „Mein Gehirn besitzt einen VW Touran“. Wir würden auch sagen: „Ich habe falsch geparkt“ oder „Ich habe mich entschieden, die Partei XYZ zu wählen“ und nicht: „Mein Gehirn hat falsch geparkt“ oder „Mein Gehirn hat sich entschieden, diese Partei zu wählen“. Ebenso: „Ich fühle mich unwohl“ oder „Ich denke gerade an Urlaub“ und nicht „Mein limbisches System fühlt sich unwohl“ oder „Mein präfrontaler Kortex denkt gerade an Urlaub“. Derjenige, der ganzheitlich erlebt und verantwortlich handelt bin ich als ganzer Mensch, als Person, nicht mein Gehirn oder Teile davon.

 

Biologistische Neurowissenschaftler (z.B. Searle) gehen davon aus, dass das Denken, Empfinden, Fühlen usw. im Gehirn bzw. in speziellen Hirnregionen „lokalisiert“ sei, ebenso wie das Verdauen im Magen stattfindet, weil mentale Vorgänge ihrer Meinung nach nichts anderes als biologische Prozesse seien. Aber das ist logisch falsch. Verdauen ist ein biologischer Vorgang, aber Denken, Empfinden und Fühlen sind psychische, also mentale Vorgänge. Zwar setzen Denken, Empfinden, Fühlen usw. Gehirnvorgänge voraus, aber das trifft auch auf viele andere Lebensprozesse des Menschen zu, wie z.B. Gehen, Fahrradfahren oder Telefonieren. Zum Gehen, Fahrradfahren oder Telefonieren braucht man ein funktionierendes Gehirn, aber das Gehen, Fahrradfahren oder Telefonieren findet nicht im Gehirn statt (es ist nicht dort „lokalisiert“), sondern in der Lebenswelt des Menschen. Es ist die Person, der Mensch, der geht, Fahrrad fährt oder telefoniert, und ebenso ist es der Mensch der denkt, empfindet oder fühlt und nicht sein Gehirn.

 

Die Frage, wo ein Gedanke, eine Empfindung oder ein Gefühl „lokalisiert“ sei, ist logisch ebenso sinnlos wie die Frage, wo die Demokratie oder wo sexuelle Leidenschaft lokalisiert sei. Demokratie ist eine politische Kategorie, Leidenschaft eine mentale. Sicher ist es zutreffend, dass es ohne Grundgesetz wohl keine Demokratie gäbe und ohne Sexualhormone keine sexuelle Leidenschaft, aber niemand würde auf die Idee kommen, Demokratie in der Druckerschwärze des Buches „Das Grundgesetz der BRD“ oder die sexuelle Leidenschaft in den Hormonen des Körpers zu lokalisieren. Politische Verhältnisse können nicht auf physikalische und mentale Prozesse können nicht auf biologische reduziert werden (obwohl sie sie als ihre materielle Basis voraussetzen).

 

Die kognitiven Neurowissenschaftler versuchen, die neuronalen Voraussetzungen mentaler Prozesse zu erklären. Die Frage, ob es Sinn macht, Netzwerken von Neuronen oder gar einzelnen Zellen psychologische Eigenschaften zuzu-schreiben (etwa den Spiegelneuronen die Empathie) ist keine empirische, sondern eine begriffliche, also philosophische Frage. Es ist ein biologistischer Reduktionismus, wenn Neurowissenschaftler versuchen, psychische Dynamiken (z.B. Handlungen, Absichten, Werte, Bedeutungen usw.) durch neurologische Konzeptionen (z.B. „neuronale Netzwerke  / Programmschleifen in der Region XYZ des Gehirns“) zu ersetzen.

 

Zuschreibungen psychischer Eigenschaften an Hirnregionen oder Zelltypen sind weder falsch noch richtig, sie sind vielmehr logisch unsinnig, weil „das Gehirn“ oder „eine Zelle“ ebensowenig „denken“, „entscheiden“, „mitfühlen“ usw. kann wie ein Transistor Musik abspielen kann. Bei der begrifflichen Überschreitung der Erklärungsreichweite neuro-logischer Konzepte in der Absicht, mentale (psychische) Zusammenhänge auf biologische (neuronale) Prozesse zu reduzieren handelt es sich – philosophisch ausgedrückt – um einen „Kategorienfehler“. (Der „mereologische Fehlschluss“ ist ein Spezialfall eines Kategorienfehlers.)

 

Unter einem Kategorienfehler oder einer Kategorienverwechslung versteht man in der analytischen Philosophie eine Begriffsverwirrung, die dadurch entsteht, dass ein Begriff im Rahmen einer Kategorie verwandt wird, innerhalb derer er nicht verwandt werden kann, ohne dass die Aussage unsinnig wird. Dabei kann die Aussage grammatikalisch korrekt sein und daher evident wirken, obwohl sie inhaltlich konfus ist. Ein zur Veranschaulichung übertriebenes Beispiel wäre der Satz „Siegfried ist die Wurzel aus minus eins.“ Siegfried ist ein männlicher Eigenname, unter anderem der des Helden aus der Nibelungensage. Zur Not könnte ein Russel-Terrier „Siegfried“ heißen, es bleibt jedoch ein Eigenname. Daher ist seine Gleichsetzung mit einer imaginären Zahl obwohl grammatikalisch richtig, dennoch sprachlogisch unsinnig. (Im Beispiel „Siegfried“ ist das unmittelbar evident, in Bezug auf die Hirnforschung ist es etwas komplizierter.)

Die Aussage „Siegfried ist die Wurzel aus minus eins“ ist weder richtig noch falsch, sie ist vielmehr sinnlos. Es wäre empirisch unmöglich, ihre Falschheit zu beweisen oder ihre Richtigkeit zu belegen, weil man Aussagen mit Kategorien-fehlern empirisch nicht überprüfen kann. Es gibt keine Person und keinen Terrier, der, auf welche Weise auch immer, daraufhin überprüft werden könnte, ob er „minus eins“ ist oder nicht. Kategorienfehler können somit empirisch weder belegt noch widerlegt werden. Ihre Unsinnigkeit kann nur (und muss daher) sprachanalytisch herausgearbeitet werden.

 

Kategorienfehler entstehen regelmäßig, wenn in einer grammatikalisch korrekten Aussage ein Ausdruck durch einen anderen ersetzt wird, der nicht derselben logischen Kategorie angehört. Die Aussage „Siegfried ist ein Held aus der Nibelungensage“ ist grammatikalisch UND semantisch (also vom Sinn her) richtig und darüber hinaus logisch korrekt und empirisch wahr. Die Aussage „George W. Bush ist ein Held aus der Nibelungensage“ ist ebenfalls grammatikalisch und sprachlogisch korrekt, aber empirisch unwahr (denn in der Nibelungensage gibt es keinen Helden dieses Namens).

Die Aussage „Siegfried ist die Wurzel aus minus eins“ ist grammatikalisch richtig aber sprachlogisch/begrifflich falsch, daher kann ihre Wahrheit oder Unwahrheit empirisch nicht überprüft werden: die Aussage ist unsinnig, bedeutungslos, absurd. Kategorienfehler finden sich typischerweise in ideologischen Verzerrungen („Hitler hat die Autobahnen gebaut“), aber auch in Metaphern („sein Herz wollte ihm aus dem Leib springen“), in Gedichten („es blutet die Seele“), in Witzen oder ironischen Zuspitzungen. Stets werden dann Begriffe in einem Kontext verwandt, in dem sie semantisch korrekterweise eigentlich nicht verwandt werden dürfen.

 

In der Wissenschaftssprache führen unentdeckte und unbeabsichtigte (oder auch ideologisch beabsichtigte) Katego-rienfehler zu Verwirrung und bisweilen zu Mythen, vor allem wenn sie die Interessen bestimmter Gruppen untermauern sollen, weil sie evident klingen und empirisch nicht widerlegt werden können. Aus ihnen entstehen dann häufig Schein-probleme, an denen sich mitunter Generationen von Gelehrten ergebnislos den Kopf zerbrechen (z.B. die Frage der christlichen Scholastik: „Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze?“).  Kategorienfehler sind häufig im Rahmen reduktionistischer Konzeptionen zu finden. Wenn man beispielsweise makro-ökonomische Verwerfungen durch die Psychologie einzelner Beteiligter zu erklären versucht („Die globale Finanzkrise entstand durch die Gier der Banker“), dann verwendet man individual-psychologische Begriffe im Kontext eines Erklärungsparadigmas, in dem individual-psychologische Begriffe keinen kausalen Erklärungswert haben. Die Gier Einzelner (die so alt ist wie die Menschenwelt) kann globale Finanzkrisen nicht erklären. Gier ist ein individual-psychologisches Phänomen, ein globale Finanzkrise ein makro-ökonomisches. Vergleichbare reduktionistische Kategorienfehler liegen vor, wenn man versuchen würde, ästhetische Qualitäten durch physikalische Untersuchungen zu erklären (wenn beispielsweise ein Chemiker durch die Analyse der Farben eines Gemäldes versuchen wurde, dessen ästhetische Anmutungsqualität zu erfassen).

 

Ein reduktionistisches Programm liegt insbesondere immer dann vor, wenn man versucht, Prozesse eines „höheren“ Wissenschaftsbereichs durch Konzepte „grundlegenderer“ Wissenschaften zu erklären, also beispielsweise psycho-logische Zusammenhänge durch biologische. Reduktionistische Konzepte erscheinen häufig zunächst evident, weil die „höheren“ Prozesse die „grundlegenden“ ja lebensweltlich voraussetzen. Der biologistische Reduktionist kann immer argumentieren: „Ohne Gehirn gibt es keine Psyche, und Hirnverletzungen haben umschriebene psychische Ausfälle zur Folge, also ist ‚das Ich‘, ‚die Seele‘, ‚das Selbst‘ offensichtlich nichts anderes als das Gehirn und psychische Prozesse sind vollständig als neurologische Prozesse beschreibbar (oder werden es schon bald sein).“ Reduktionistisch wird ein solches Konzept nicht schon durch Aufweis von Zusammenhängen unterschiedlicher wissenschaftslogischer Ebenen, sondern erst durch den Versuch, „höhere“ Prozesse durch „grundlegendere“ zu erklären. Auf eine psychologische Frage wird dann so geantwortet, als sei eine biologische Frage gestellt worden. Wenn aber die Handlungen einer Person auf der psychischen Ebene erklärt werden sollen, dann bietet die Angabe von Hirnprozessen keine befriedigende Antwort.

 

Wenn wir uns etwa fragen: „Warum ruft Peter gerade Claudia an?“, und ein Hirnforscher antwortet: „Weil die XYZ-Region in seinem Gehirn aktiviert ist“, dann ist das keine befriedigende Antwort auf eine psychologische Frage. Wenn wir menschliche Handlungen auf der psychologischen Ebene erklären wollen, fragen wir nach Gründen, also nach Motiven. Eine psychologisch befriedigende Antwort könnte z.B. sein: „Weil er sich gestern Abend in Claudia verliebt hat, und er möchte sich jetzt mit ihr verabreden“ oder „Weil er mit ihr über das Projekt ABC sprechen möchte, bei dem es noch einiges zu planen gibt“. Wir befinden uns hier auf der Ebene von Motivationen, die in soziale und biografische Dyna-miken der beteiligten Personen eingebettet sind. Hirnaktivierungen haben auf dieser Ebene keinen kausalen Erklä-rungswert. Ganz anders liegt der Fall, wenn wir auf der neurologischen Ebene beispielsweise die Ausfälle eines hirngeschädigten Patienten erklären wollen mit der Frage: „Warum kann der hirngeschädigte Paul seine Frau Gerda nicht anrufen?“. Dann wäre die Aussage: „Weil er einen Tumor in der LMN-Region seines Gehirns hat, so dass er nicht mehr sprechen kann“ eine Antwort, die uns sagt, was wir wissen wollen. Psychische Prozesse, soweit sie nicht auf neurologische Schäden (z.B. durch Unfälle oder Tumore) oder Interventionen (z.B. elektrische Hirnstimulation oder Psychopharmaka) zurückgehen, können nicht auf der neurologischen Ebene erklärt werden.

 

Psychische Prozesse wie Gefühle, Erlebensqualitäten, Überzeugungen, Bedeutungen usw. können (hier bin ich anderer Meinung als Bennett und Hacker) nur durch unmittelbares Erleben und forschendes Erkunden der eigenen Erfahrungen aus der 1.-Person-Perspektive („Introspektion“) erfasst und durchdrungen werden, nicht aber durch noch so differen-zierte Beschreibung neurologischer Mechanismen. Bei einem anderen Menschen können psychische Prozesse nur durch einfühlendes Verstehen, interpersonalen Austausch und Sich-Miteinander-Auseinandersetzen in sozialer Inter-aktion („Dialog“) nachvollzogen und (z.B. psychotherapeutisch) verändert werden. Die Benennung von neuronalen Prozessen, die mit ihnen „korrellieren“ bringt auf der psychischen Ebene keinen Erkenntnisfortschritt und eröffnet keine neuen praktischen Anwendungsmöglichkeiten. (Neuronale Beschreibungen sind aber relevant für z.B. psychopharma-kologische oder neurochirurgische Verfahren.)

 

Das Bewusstsein als subjektives Erleben des Psychischen ist etwas Besonderes. Es ist anders als alle anderen Prozesse oder Objekte in der Natur. Es ist unter anderem

  • subjektiv: es existiert nur insofern es von einem Subjekt erfahren wird,
  • einheitlich: jede Erfahrung wird als ein Ganzes erlebt,
  • qualitativ: jede Erfahrung ist eine bestimmte Art wie-es-ist, diese Erfahrung zu haben (z.B. gerade diesen Text zu schreiben im Unterschied zu Joggen im Wald) – in der Philosophie wird das als „Qualia“ bezeichnet,
  • intentional: jede Erfahrung ist bezogen auf etwas, ist die Erfahrung „von“ etwas (z.B. vom eigenen Körperzustand, vom Geschmack eines Espresso o.ä.).

Kein Objekt der unbelebten Natur, kein Stein, kein Stern, kein Bach, kein Wind ist subjektiv, qualitativ, intentional und einheitlich. Ein Bachkiesel erlebt nicht und nichts. (Inwiefern höhere oder niedere Tiere oder gar Pflanzen Bewusstsein oder rudimentäre Formen davon haben ist umstritten. Darauf kann ich hier nicht weiter eingehen.) Wie es möglich ist, dass biologische Wesen ab einem bestimmten Entwicklungsgrad (wohin wir auch immer die Grenze setzen mögen) Bewusstsein entwickeln und was genau das Verhältnis von subjektivem Erleben (sowie unbewussten Prozessen) und biologischem Körper ist, ist eines der größten ungelösten Rätsel der Wissenschaft und seit Jahrtausenden umstritten. Meiner Meinung nach haben wir zur Zeit noch nicht die paradigmatischen Voraussetzungen um hier auch nur die richtigen Fragen stellen zu können. Wir sind in der selben Situation wie die Menschen des Mittelalters bei der Beobach-tung von Blitzen: es fehlten ihnen die Grundkonzepte um das Phänomen „Blitz“ auch nur einordnen zu können.

 

Das neuromentale Problem (der Zusammenhang zwischen Leib und Seele, Psyche und Gehirn usw.) ist also trotz einer Unmenge von Hypothesen und philosophischen Debatten um diese Frage weiterhin ungelöst. Auf der psychischen Ebene erfordert die Erkundung und Transformation des Erlebens und Verhaltens meines Erachtens ein eigenes Wissen-schaftsparadigma: Psychologie und Psychotherapie als intersubjektive Wissenschaften. Intersubjektive Wissenschaft (die es z.Z. nur in Ansätzen gibt) wäre keine Naturwissenschaft wie Physik, Chemie oder Biologie (oder Neurologie) aber auch keine Geisteswissenschaft wie Philosophie, Literaturwissenschaft oder Kunstgeschichte, ebensowenig Formalwissen-schaft wie Mathematik oder Logik. Sie handelt vom Menschen in seiner Besonderheit als Subjekt (nicht als „Ding unter Dingen“, nicht als Einzelfall einer sozialen Gemeinschaft und nicht in seiner Reduktion auf ein System von Nervenzellen) und von der Interaktion von Subjekten, die angemessen nicht objektivisch und auch nicht systemisch (als selbstorganisierte Interaktion von Objekten) verstanden werden kann.

 

Die Psyche ist eben kein Computer (sonst müsste der weltweit schnellste, chinesische Supercomputer mit dem Namen „Milchstraße“ oder auch das Internet als Ganzes längst das Wahlrecht erhalten haben). Die Zwecke, die ein Mensch verfolgt aus Gründen, die ihm wichtig sind, sind nicht die Zwecke und Gründe seines Gehirns, sondern des Menschen als Person. Sie werden nur vor dem Hintergrund lebensweltlicher Verhältnisse (z.B. biografischer Erfahrungen, aktueller sozialer Bedingungen, existenzieller Werte-Entscheidungen usw.) verständlich, aber nicht durch Beschreibung neuronaler Ereignisse und „Mechanismen“.

 

Wenn in der Psychotherapie wie in den letzten Jahren üblich auf die Frage nach der Entstehung von Ängsten auf eine Aktivierung in der Amygdala verwiesen wird, dann liegt hier dann und insoweit ein Kategorienfehler in Form eines merologischen Fehlschlusses vor, wie man glaubt, mit diesem Satz auf der psychologischen Ebene etwas kausal Rele-vantes ausgesagt zu haben. Die Angabe neurologischer oder physiologischer Parameter (Aktivierung von Hirnzentren, Hormonausschüttungen, Herzfrequenzvariabilität, Hautwiderstand, Atemfrequenz usw.) betreffen die physiologische Ebene psychosomatischer Prozesse, die zwar mit der psychischen Ebene zusammenhängen, sie haben aber auf der psychischen Ebene keinen kausalen Erklärungswert.

 

Dass unter Stress die Herzfrequenz sich erhöht ist interessant für die Entstehung von Herzkrankheiten, aber der Anstieg der Herzfrequenz kann nicht als Begründungen für die Entstehung von psychischem Stress dienen. Es handelt sich um die physiologische Ebene eines psychosomatischen Zusammenhangs im Menschen als ganze Person, ist aber nicht um die Ursache des psychischen Stresses. Herzfrequenz und Stress hängen zusammen, aber die erhöhte Herzfrequenz „erzeugt“ nicht den erlebten und gefühlten Stress, er kann durch die Herzfrequenzerhöhung nicht erklärt (darauf nicht reduziert) werden. Wenn der alleinerziehende Klaus gerade gestresst ist, weil er die Kinder vor der Arbeit in den Kindergarten bringen muss, dann geht das physiologisch mit einer erhöhten Herzfrequenz einher, aber diese erklärt seinen Stress nicht. (Das spricht aber nicht gegen die Erforschung der Veränderung der Herzfrequenz bei Stress.)

Wenn die Patientin Dorothea, die von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde, unter Panikattacken leidet, dann kann das dadurch erklärt werden, dass sie das Trauma psychisch nicht verarbeitet hat, und das hat (möglicherweise) eine anhaltend erhöhte Aktivierung in ihrer Amygdala zur Folge. Auf der psychologischen Ebene erklärt die Aktivierung der Amygdala aber nichts. Es folgt daraus auch nichts für die psychotherapeutische Behandlung (sondern bestenfalls für eine – künftig evtl. zu entwickelnde – neuropharmakologische Behandlung).

 

Anders liegt der Fall, wenn einem Menschen Adrenalin gespritzt wird (z.B. bei einem akuten Asthmaanfall), und er daraufhin Stresssymptome entwickelt, oder wenn wegen eines Gehirntumors Hirnareale entfernt werden müssen und der Mensch dann unter psychischen Ausfällen leidet. Hier sind somatische Interventionen bzw. Läsionen tatsächlich die Ursache für psychische Beeinträchtigungen, und dann machen neurologische Erklärungen Sinn. (Wie sich das bei Psychosen verhält ist unklar, weil die Entstehung von Psychosen zur Zeit meines Wissens weder neurologisch noch psychologisch hinreichend erklärt werden kann.) Die Aktivierung der Amygdala kann die Entstehung von Angst nicht erklären, ebensowenig wie das Feuchtwerden von Händen eine Verlegenheit, eine erhöhte Herzfrequenz den psychi-schen Stress oder ein verringerter Muskeltonus eine Depression erklären kann. Das spricht nicht gegen die Erforschung neurophysiologischer Prozesse, sondern gegen ihre kausale Interpretation auf der psychologischen Ebene.

 

Leider wurde von vielen Psychologen und Psychotherapeuten das Einsinsortieren der Psychotherapie als Natur-wissenschaft in den letzten Jahrzehnten aktiv betrieben (vor allem um sich als „harte Wissenschaft“ in den ökonomi-schen Verteilungskämpfen gegenüber den Medizinern zu behaupten). Wissenschaftlich ist das, wie Habermas schon 1968 in „Erkenntnis und Interesse“ herausgearbeitet hat, ein „szientistisches (naturwissenschftliches) Selbstmissver-ständnis“.

 

Psychische Prozesse können nicht neurologisch erklärt werden, ebenso wie politische Prozesse nicht psychologisch oder kulturhistorische Prozesse nicht biologisch erklärt werden können, ganz egal wie differenziert man das versuchen mag. Der Versuch, das zu tun, führt notwendig zu wissenschaftslogischen (kategorialen) Verwirrungen. Der von Hirnforschern gern angeführte Verweis auf „in naher Zukunft“ zur Verfügung stehende, immer differenziertere Untersuchungsmethoden und immer größere Datenmengen führt daher auch nicht weiter. Der behandlungspraktische Output der Hirnforschung für die Psychotherapie ist daher auch bisher praktisch gleich null: trotz der Milliarden, die inzwischen in die Hirnforschung geflossen sind, kann keine einzige psychische Störung unter dem Scanner diagnistiziert werden, und die Hirnforscher haben keine einzige neue psychotherapeutische Behandlungsmethode entwickelt.

 

Die psychische und die körperliche Ebene sowie soziale, ökologische, kulturelle usw. Ebenen als Einheit zu betrachten ist das Wesen einer ganzheitlich (holistisch) verfassten Wissenschaft. Wechselwirkungen dieser Ebenen zu untersuchen und zu nutzen ist der Kern beispielsweise der Psychosomatik, der Psychopharmakologie, von Biofeedbackmethoden oder der Körperpsychotherapie. Wenn jedoch der mögliche Klärungshorizont einer „basalen“ Wissenschaftsdisziplin überschritten wird um Prozesse und Dynamiken zu erklären, die im Rahmen einer wissenschaftlogisch „höheren“ Disziplin liegen, so entsteht Konfusion: dann liegt ein Reduktionismus und damit eine Kategorienverwechslung z.B. in Form eines merologischen Fehlschlusses vor.

 

Hier zur Verdeutlichung was ich meine einige Beispiele aus dem zur Zeit viel gelesenen (und ansonsten ausgezeichne-ten) Buch von Bessel van der Kolk „Verkörperter Schrecken“, erschienen 2015 im Probst-Verlag. Es ist z.Z. DAS Standard-werk der Traumatherapeuten:

 

„Wir wissen heute, dass ihr Verhalten [das von Traumatisierten, W.E.] … durch reale physische Veränderungen in ihrem Gehirn verursacht wird.“ (S. 11) [Wie bitte – verursacht? W.E.]

 

„Unsere Scans zeigten, dass bei Flashbacks jedesmal das Broca-Areal abgeschaltet worden war.“ [Es wird nicht „abge-schaltet“, sondern es ist im Vergleich zu anderen Hirnregionen etwas weniger durchblutet.] Damit hatten wir einen visuellen Beweis dafür, dass sich die Auswirkungen von Traumata nicht unbedingt von denjenigen physischen Läsionen, wie sie bei Schlaganfällen vorkommen, unterscheiden.“ (S. 57)“ [Wie bitte – Traumatisierte haben einen Hirnschaden?]

 

„Wir wissen nun, dass die beiden Gehirnhälften unterschiedliche Sprachen sprechen.“ (S. 59) [Eine „Hirnhälfte“ kann keine Sprache sprechen, nur eine Person als Ganze kann das.]

 

„Mein Kollege Bruce Perry hat angemerkt, das Gehirn werde ‚benutzerabhängig‘ geformt.“ (S. 71) [Wer soll das sein, der ‚Benutzer‘ des Gehirns? „Der Geist in der Maschine“? Das ist eine verdeckt esoterische (dualistische) Sichtweise, nach der der Geist „im Gehirn steckt wie die Hand im Handschuh“. Wissenschaftlich ist diese Aussage unsinnig.]

 

„Das ist seine [Bruce Perrys] Art, das Phänomen … zu beschreiben, … nach der Neuronen, die ‚zusammen feuern, ver-netzt werden‘ (‚fire together, wire together‘). Wenn ein Schaltkreis wiederholt feuert, kann daraus eine Art Standard-einstellung werden …“ (ebenda) [Das ist ein mechanisches Modell wie aus den allerersten Anfangsjahren der Assozia-tionspsychologie: Lernen als Ergebnis bloß zeitlicher Verknüpfung. Wo bleiben emotionale Bewertungen, soziale Reflexion, finales Denken usw.?]

 

„Fühlen wir uns sicher und geliebt, spezialisiert sich unser Gehirn auf Exploration …“ (ebenda) [‚Das Gehirn‘ kann sich nicht ‚spezialisieren‘, nur die Person als Ganzheit kann das.]

 

„Wichtig für das Verständnis von Traumata ist, dass die Frontallappen auch der Sitz der Empathie sind … Schon bald stand fest, dass die Spiegelneuronen viele bisher unerklärliche Aspekte mentaler Aktivität zu erklären vermochten, beispielsweise die Empathie.“ (S. 71 ff) [Empathie ist die psychische Fähigkeit einer Person und daher ebensowenig lokalisierbar wie die Fähigkeit, Fußball zu spielen. Sie kann ebensowenig im Frontallappen „sitzen“ wie der Weltfrieden im UNO-Gebäude oder der Faschismus im Führerbunker. Spiegelneurone können Empathie nicht „erklären“, in ihnen können sich höchstens bestimmte neurologische Prozesse abspielen, die mit der personalen, psychischen Funktion „Empathie“ einhergehen.]

 

„Sensorische Informationen … werden … zur Amygdala weitergeleitet, die ihre emotionale Bedeutung einschätzt. Ist die Deutung der Gefahr durch die Amygdala zu intensiv und/oder die Filterung der höheren Gehirnbereiche zu schwach, was bei PTBS häufig vorkommt, verlieren die Betroffenen die Kontrolle über ihre automatischen Notfallreaktionen, was zu längerem Erstarren oder zu Aggressionsausbrüchen führen kann.“ (S. 76) [Die Amygdala kann nicht „einschätzen“, das kann nur die Person. Es wird suggeriert, man könne durch neurologische Lokalisierungen psychische Prozesse erklären, was aber nicht der Fall ist.]

 

Leider ziehen sich diese erkenntnistheoretisch sehr problematischen Formulierungen durch das ganze Buch hindurch. Ähnliche Formulierungen finden sich z.Z. in vielen psychologischen und psychotherapeutischen Handbüchern, Kongressbeiträgen, Ausbildungen und TV-Sendungen.

 

https://werner-eberwein.de/was-ist-ein-kategorienfehler/