Glaube und Vernunft -
komplementär, also verschieden, aber vereinbar und aufeinander angewiesen
Glaube (faith) im Sinne einer ganzheitlichen, sich mit der lebensgeschichtlichen Entwicklung der ganzen Persön-lichkeit wandelnden Einstellung zum eigenen Selbstsein und Leben sowie zum Sinn des ganzen Dasein der Menschen in der Welt hat von Anfang an emotionale, motivationale und kognitive Anteile und impliziert meistens auch eine bestimmtes Menschenbild und eine bestimmte Weltanschauung.
Da in jeder persönlichen oder gemeinschaftlichen Weltanschauung implizit oder explizit etwas absolut gesetzt wird bzw. als höchstes Wesen gedacht und für den höchsten Wert gehalten wird, ist sie entweder theistisch, in irgendeinem Sinne pantheistisch oder aber atheistisch. Daher glaubt jemand in irgendeinem Sinne an Gott oder setzt etwas Anderes fälschlich absolut, wie die Natur, den Staat, die eigene Nation oder Religion, wie Macht, Ruhm oder Geld, oder auch nur partikulare sittliche Ideale wie Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit, etc.
Glaube in diesem weiten und offenen Sinne hängt gewöhnlich zunächst einmal faktisch davon ab, aus welcher Familie und Schicht, Gesellschaft und Kultur jemand stammt und aufgewachsen ist. Da Menschen jedoch unter gewöhnlichen Bedingungen intelligente und sprachbegabte Lebewesen sind, die grundsätzlich durch diverse Ausbildungs- und Bildungsprozesse dazu angeregt und ermutigt werden können, über sich selbst und ihr Dasein in der Welt nachzudenken, können sie sich auch ihres eigenen erlernten Glaubens bewusst werden und ihn besser kennen und verstehen lernen, indem sie auch andere Glaubensweisen kennen lernen, sie miteinander vergleichen und Gründe für und gegen diese Glaubensweisen erörtern und abwägen.
Vernunft (reason) im weiteren Sinne der Philosophie und Theologie und nicht nur im engeren Sinne der Logik
und Mathematik als formaler Wissenschaften oder der methodischen Naturwissenschaften, der Sozial- und Kulturwissenschaften oder der historischen Geistes- und Geschichtswissenschaften oder auch der praktischen Wissenschaften von Medizin, Jurisprudenz und Ökonomie geht eben vom Verstehen der eigenen und anderen Denk- und Glaubensweisen aus, um sie zu vergleichen und rational zu erörtern und um sie auf ihre Konsistenz und Plausibilität hin zu prüfen.
Glaube (faith) und Vernunft (reason) schließen sich auf diese Weise wohl verstanden nicht aus, obwohl jeder Mensch in diesem Sinne einen bestimmten, aber lebensgeschichtlich veränderlichen Glauben hat, der jedoch von den meisten Menschen gewöhnlich lebensgeschichtlich erworben wurde und gewohnheitsmäßig gepflegt wird und der von ihnen nur selten skeptisch geprüft, rational erörtert, methodisch begründet und philosophisch oder theologisch durchdacht wird.
Alle Menschen haben in diesem weiten Sinne einen weltanschaulichen, selbst- und menschenbildlichen Glauben, aber nur wenige Menschen haben das Talent und verfügen über die Zeit und Muße, Ausbildung und Bildung, ihn mit Hilfe philosophischer oder theologischer Methoden auf seine Rationalität hin zu prüfen und zu korrigieren, sodass er auch den besten, jeweils kulturell und epochal verfügbaren Standards der Vernunft entsprechen und standhalten kann.
Obwohl alle Menschen in diesem weiten Sinne irgendeinen Glauben haben (müssen) und obwohl es keinen Menschen gibt, der ganz ohne irgendeinen Glauben leben kann, sodass der Glaube lebensgeschichtlich immer zuerst kommt und eine intensive und exstensive Auseinandersetzung mit philosophischer oder theologischer Rationalität nicht zwingend ist und später in ihrem Leben hinzukommt, sodass ein vernünftiger Glaube etwas besonderes, mühsam erworbenes und erarbeitetes bleibt, gibt es auch einen Sinn, indem kein persönlicher oder gemeinschaftlicher Glaube ganz ohne Vernunft bzw. ganz ohne vernünftige Gründe bleiben kann.
Der Grund dafür liegt in der sprach- und vernunftbegabten Natur der Menschen, die als Sprecher irgendeiner konventionellen Sprache implizite logische Gedankengänge und Schlüsse zu ziehen gelernt haben, obwohl sie sich vielleicht noch nie mit formaler Logik, rationaler Philosophie oder auch Theologie befasst haben. Denn implizite logische Gedankengänge und Schlüsse vollziehen sie ebenso unbewusst und gewohnheitsmäßig wie sie implizit grammatischen Regeln folgen, wenn sie miteinander sprechen.
Komplementarität von Glaube und Vernunft
Wenn sich Glaube und Vernunft also nicht gegenseitig ausschließen, sondern vielmehr komplementär sind,
weil sie durchaus aufeinander angewiesen sind, und wenn Vernunft im weiteren Sinne der Philosophie und Theologie etwas recht Seltenes ist, das nicht für alle Menschen verständlich, zugänglich und maßgeblich ist,
dann können Philosophen und Theologen auch nicht erwarten, dass sich alle anderen Menschen nach ihnen richten und auf sie hören, um sich selbst in ihrem persönlichen Leben einzurichten oder um ihr soziales Zusammenleben ökonomisch und politisch zu organisieren.
Das utopische Ideal eines fiktiven Stadtstaates, in dem Philosophen wie Könige regieren würden, hatte Platon in seiner berühmten Schrift Politeia als ein gewagtes Gedankenexperiment durchgeführt, vermutlich ohne dabei beabsichtigt zu haben, selbst zu versuchen, es jemals irgendwo zu realisieren. Wie verschiedene reale Diktaturen oder Theokratien in der Geschichte der Menschheit lehren, führten solche anfangs gut gemeinten Versuche immer nur zu freiheits- und lebensfeindlichen Zwangsherrschaften, in denen ein absoluter Herrscher (von Gottes Gnaden oder auf der Grundlage einer angeblichen Theorie der Geschichte) oder eine angeblich nur wohl-wollende und allwissende Clique weitgehend willkürliche Gesetze einführen und Maßnahmen durchführen lässt, die zwar die eigene Herrschaft stützen, aber das eigene Staatsvolk ausbeuten und unterdrücken, wozu dann nicht selten auch terroristische Mittel wie heimliche Ermordungen, öffentliche Hinrichtungen, spektakuläre Schaupro-zesse und abschreckende Strafen eingesetzt wurden. Zeitgenössische Beispiele sind die islamistische Republik Iran, die kommunistische Republik Nordkorea und einige der zentralasiatischen Republiken.
Vom Standpunkt freiheitlich-demokratischer Republiken aus betrachtet sind solche utopischen Ideale angeb-lich wohlwollender und weiser Philosophenkönige nicht nur mit Vorsicht zu genießen, sondern auch abzulehen, da die meisten Menschen auch ohne die Ratschläge von Philosophen oder Theologen recht gut leben können. Der bereits in der Kindheit erworbene persönliche oder auch gemeinschaftliche Glaube, der sich in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter weiter entwickelt, wird durch verschiedene Lebensereignisse herausgefordert und korrigiert, sodass sich in der Regel auch gewisse Anpassungen an die Realität ganz von alleine einstellen, die vermutlich auch die vernünftigen Überlegungen der Philosophen oder Theologen bewirkt hätten. Außerdem ist es immer wieder fraglich, ob die Überzeugungen und Überlegungen bestimmter Philosophen oder Theologen wirklich vernünftiger sind, als der lebenserhaltende Common Sense, denn oft sind sie es gerade nicht.
Intentionalität von Glaube und Vernunft