Positionen im Vergleich

 

 

 

 

Raffael, Schule von Athen
Raffael, Schule von Athen

 

 

 

Metaphysik im Licht der Erkenntnistheorie


A. Idealistische Philosophien


Idealistische Philosophen behaupten auf die eine oder andere Weise, dass es keine von meinem bzw. unserem menschlichen Bewusstsein und Geist unabhängige materielle Wirklichkeit gibt. Außerdem behaupten sie, dass Alles, was es gibt, bzw. dass die letzte und höchste Realität Geist bzw. geistig sei. Dabei muss man jedoch zwischen starken und schwachen Varianten des Idealismus unterscheiden. Die starken Varianten, wie z.B. von Platon, Berkeley oder Fichte gelten in der gegenwärtigen (europäischen und amerikanischen) Philosophie als nur noch historisch relevante Positionen und nur noch ganz wenige Philosophen nach Kant und Brentano, Nicolai Hartmann und Karl Jaspers vertreten und verteidigen noch solche idealistische Positionen mit allen ihren Konsequenzen. Dies hat vor allem mit der Tatsache zu tun, dass auch der Deutsche Idealismus als gescheitert gilt. Im Folgenden werden fünf überlieferte Varianten eines stärkeren oder schwächeren Idealismus unterschieden und deren Auffassungen skizziert. Dass dazu gewisse Vereinfachungen nötig sind, versteht sich von selbst.


1. Objektiver Idealismus (Platon)

Es gibt eigentlich nur gewisse zeitlose Ideen, wie die Idee des Guten und des Schönen, universale und zeitlose Formen von Tugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit, Frömmigkeit, etc.) oder von Dingen (Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien, etc.) sowie abstrakte Entitäten (Zahlen und geometrische Figuren). Ihnen alleine kommt volle und eigentliche Realität zu, weil sie zeitlos beständig und unvergänglich sind, während konkrete, zeitliche und vergängliche materielle Einzeldinge, Ereignisse und Prozesse in der Welt nicht eigentlich, eigenständig und wirklich existieren.

 

Der Mensch besteht aus einem vergänglichen Körper, einer lebendigen Seele und einem unsterblichen Geist, mit dem er an der Realität dieser Ideen und Formen und damit an etwas Ewigen und Göttlichen teilhaben kann. Dadurch unter-scheidet er sich wesentlich von allen anderen Lebewesen, wie den Tieren und Pflanzen, die über keinen solchen unsterb-lichen Geist verfügen. Dieser Geist verlässt nach dem leiblichen und seelischen Tod den Körper, der nur eine Art von Hülle oder Gefäß für ihn ist.

 

Die verschiedenen Götter der Menschen sind zwar von den Menschen geschaffene Bilder von sittlichen Ideen, aber das Weltall wurde von einer schöpferischen Gottheit, dem Demiurgen geschaffen. Die Materie, aus der die natürliche Welt (Weltverachtung) und die menschlichen Körper (Leibfeindlichkeit) bestehen, besitzen keine eigenständige und wirkliche Realität und sie sind auch der eigentliche Ursprung des Bösen. (Mythologischer Theismus)

 


2. Phänomenaler Idealismus (Berkeley)

Es gibt keine von den ständig wechselnden Wahrnehmungen und Vorstellungen im Bewusstsein unabhängigen materiellen Dinge, d.h. Gegenstände mit ihren sich verändernden Eigenschaften in der Welt. Es gibt nur das jeweils eigene Bewusstsein, das Bewusstsein anderer Personen und den einen Geist Gottes, an dem die Gesamtheit des Bewusstsein aller Menschen teilhat. Sein ist deswegen eigentlich gar nichts anderes als Wahrgenommenwerden (Esse est percipi.). Davon unabhängig gibt es kein wirklich Seiendes, obwohl uns unsere menschlichen Sinne im Alltag den Anschein selbstständiger materieller Einzeldinge vermitteln. Gott ist der eine, zeitlose und allumfassende Geist (divine mind), in dem sich alle einzelnen Geister (individual minds) wechselnden Erscheinungen befinden. (Mystischer Theismus)


3. Subjektiver Idealismus (Fichte)

Es gibt keine von meinem eigenen Bewusstsein unabhängige Welt der materiellen oder lebendigen Dinge, d.h. die Gegenstände mit ihren sich ändernden Eigenschaften, sondern es gibt nur mich selbst, mein absolutes Ich, und meine Bewusstseinsakte und -phänomene. Ganz gleich, welche Gegenstände mir im Alltag und in den Wissenschaften als eigenständige und beharrliche Dinge in der Welt erscheinen mögen und welche ich demzufolge auch für unabhängige Dinge in der Welt halten mag, handelt es sich bei ihnen nur um etwas, was ich mit meinem eigenen Bewusstsein und Geist gesetzt bzw. erzeugt habe. Auch jedes andere Ich (Subjekt) mit seinen jeweiligen wechselnden Bewusstseinsakten und -phänomenen ist nur eine Erscheinung in meinem eigenen Bewusstsein und Geist (Solipsismus).

 

Gott ist auch nur eine Vorstellung im meinem Bewusstsein und eine Setzung bzw. ein Erzeugnis meines Geistes. Der subjektive Idealismus führt deswegen in objektiver Hinsicht zu einem dogmatischen Atheismus und in subjektiver Hinsicht zu einem Mystizismus, demzufolge Gott nur eine Erscheinung in meinem eigenen Bewusstsein bzw. eine Setzung meines absoluten Geistes darstellt. Eine solche von mir gesetzter bzw. erzeugter Gott ist dann jedoch nur eine Fiktion oder Projektion meines eigenen Geistes. Objektiv betrachtet gibt es dann jedoch gar keinen Gott, der von den Setzungen meines eigenen Geistes unabhängig wäre, sodass es sich dann aber um eine atheistische Leugnung Gottes im Sinne der monotheistischen Religionen handelt. Denn in den verschiedenen Glaubensweisen dieser mono-theistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam, etc.) bin ich als Subjekt, Person oder Mensch umgekehrt ein Geschöpf Gottes und Gott ist gerade kein Erzeugnis meines eigenen Geistes. (Subjektiver Theismus und objektiver Atheismus)


4. Monistischer Idealismus (Schelling)

Es gibt keine vom menschlichen Bewusstsein unabhängige Welt der Objekte, d.h. der Menschen, Tiere, Pflanzen und Mineralien. Was den Menschen aufgrund ihrer leiblichen Natur jeweils als ein einzelnes Objekt in der Welt erscheint und was sie jeweils für ein einzelnes Objekt in der Welt halten, ist ein anschauliches Produkt ihres eigenen leiblichen Bewusstseins. Das Subjekt bzw. das Ich ist zwar nichts Absolutes, das die Objekte und Personen in der Welt durch einen Urteilsakt des Geistes setzt und dadurch erzeugt (wie bei Fichte), aber sie sind gleichwohl nicht unabhängig von der Sinnlichkeit und dem Verstand der Menschen. Subjekte und Objekte bilden vielmehr einen wechselseitigen Zusammen-hang und eine Einheit, sodass das einzelne Subjekt bzw. das Ich sozusagen identisch ist mit seiner jeweiligen Welt der Objekte. Das menschliche Subjekt ist sozusagen die Gesamtsumme seiner Sinnesfelder in der Natur. - Der Mensch hat anders als die anderen Lebewesen (Pflanzen und Tiere) jedoch einen freien Willen und dieser freie Wille besteht in der menschlichen Fähigkeit, zwischen dem Guten und dem Bösen zu wählen. Aber der Vorrang des Guten vor dem Bösen ist kein Faktum der praktischen Vernunft (wie bei Kant), sondern eine Sache der freien Willkür in der Selbstbestimmung des Menschen. Gott ist nicht nur eine Vorstellung im menschlichen Bewusstsein, die uns von unserer leiblichen Natur eingegeben wird, sondern immanenter und transzendenter Schöpfer aller Wesen in der Natur und verborgene Kraft in allen Dingen in der Natur. Gott befindet sich demzufolge sowohl in uns als auch in allen Dingen in der Welt. (Pantheismus)


5. Historischer Idealismus (Hegel)

Hegel distanziert sich von der kritisch-realistischen Weltanschauung und Philosophie des Common Sense (Thomas Reid), die eine vom menschlichen Bewusstsein unabhängige, aber erkennbare Welt der empirischen Gegebenheiten für selbstverständlich halten. Dieser sog. "Mythos des Gegebenen" ist nach Hegel zu überwinden. Die Philosophie muss sich so radikal wie nie zuvor der Geschichtlichkeit und Kulturabhängigkeit der Philosophien und Wissenschaften, Künste und Religionen bewusst werden. Aufgrund der universalen Geschichte der Ideen und Methoden hängt das menschliche Wissen und Können jeweils von dem geschichtlich gewachsenen und kulturell geformten Bewusstsein und Geist der Menschen ab. Sowohl der ontologische Realismus des Aristoteles als auch der empirische Realismus und tranzendentale Idealismus Kants waren sich angeblich noch nicht hinreichend der tiefen Imprägnierung der menschlichen Erfahrung durch die wandelbaren geschichtlich gewachsenen Begriffe, Konzeptionen und Theorien bewusst. Nach Descartes’ neuzeitlicher Entdeckung der unhintergehbaren Evidenz des Selbstbewusstseins und nach Kants philosophischer Entdeckung der apriorischen Kategorien des Verstandes und apriorischen Formen der Anschauung soll der kritische Realismus des Aristoteles als überwunden gelten.

 

Kant hat mit seiner umfassenden Vernunftkritik die rationalistischen Philosophien von Descartes, Leibniz und Spinoza über Gott, Selbst und Welt zurecht als dogmatisch entlarvt und die empiristischen Philosophien von Locke, Hume und Berkeley als unzureichend aufgewiesen, wenn es darum geht zu verstehen, wie das erfolgreiche menschliche Erkennen und Wissen in Logik, Mathematik und Physik möglich sind. Kant hat aufgrund seiner scholastischen Unterscheidung von Gegenständen der Erfahrung (Phenomena) und Gegenständen des Denkens und Urteilens (Noumena) zurecht behauptet, dass die menschliche Erfahrungserkenntnis von raum-zeitlichen Gegenständen (die in bestimmten logischen Urteilsformen formuliert werden muss) sowohl von den apriorischen Anschauungsformen des Räumlichen und Zeitlichen als auch von logischen Urteilsformen und bestimmten Kategorien des empirischen Verstandes (wie z.B. von linearer Kausalität und kausaler Wechselwirkung) geprägt wird. Deswegen hat Kant zurecht behauptet, dass wir Menschen immer nur eine adäquate Erfahrungserkenntnis von Gegenständen erreichen können, wie sie uns anschaulich erscheinen und wie wir sie logisch beurteilen und begrifflich erfassen können. Daraus hat er zurecht gefolgert, dass wir Mensche (anders als ein allwissender Gott) die Dinge an sich nicht (vollständig) erkennen können, d.h. so erkennen können, wie sie unabhängig von unseren zufälligen empirischen Anschauungen und von unseren apriorischen Anschauungsformen sowie ganz unabhängig von unseren logischen Urteilsformen und Kategorien des empirischen Verstandes an sich sind.

 

Fichte hat dann vergeblich versucht, nicht nur diese kantische Unterscheidung von Gegenständen der Erfahrung (Phenomena) und Gegenständen des Denkens (Noumena) zu überwinden, sondern auch seine angebliche These von der gänzlichen Unerkennbarkeit der Dinge an sich zu widerlegen. Fichte hat jedoch Kants differenzierte These nicht richtig wiedergegeben und nicht angemessen verstanden, denn Kant hat damit ganz sicher nicht wie die antiken Skeptiker behaupten wollen, dass Menschen im Alltag und in den Wissenschaften gar nichts Zuverlässiges über die Gegenstände in der Welt erfahren, erkennen und wissen können. Denn es ging ihm ja gerade darum, gegen den problematischen Idealismus von Descartes und gegen den dogmatischen Idealismus von Berkeley zu zeigen, dass angemessene und objektiv gültige Erfahrungserkenntnisse von raum-zeitlichen Gegenständen in der "Außenwelt" im Alltag und in der exakten und quantifizierenden Naturwissenschaft (der Newtonschen Physik) möglich und wirklich sind, sodass menschliche Subjekte nicht immer solipsistisch in der "Innenwelt" ihrer Empfindungen und Gefühle eingeschlossen sind. Weiterhin hat Fichte dann in seiner sog. Wissenschaftslehre auf eine phantastische Art und Weise vergeblich versucht, das gesamte menschliche Wissen aus dem subjektiven Selbstbewusstsein des absoluten Ich bzw. der evidenten Selbstidentität des Ich=Ich abzuleiten.

 

Schelling hat zwar im Laufe seiner Entwicklung verschiedene Stadien durchlaufen, aber für Hegels Jenaer Phase der Selbstfindung und des Durchbruches zu seiner eigenen Position in der Differenzschrift (1801) war es am wichtigsten, dass Schelling anders als Fichte die Existenz des absoluten Ich geleugnet hat und einen alternativen Versuch gemacht hat, um  sowohl den radikalen Skeptizismus (Pyrrho von Elis und Sextus Empiricus) als auch den rationalistischen Dogmatismus (Descartes, Leibniz und Spinoza) zu überwinden. Dazu gibt er jedoch anders als Fichte nicht nur Kants scholastische Unterscheidung von Gegenständen der Erfahrung (Phenomena) und Gegenständen des Denkens (Noumena) auf, sondern gleich die ganze Unterscheidung zwischen dem einzelnen Subjekt und den einzelnen Objekten, sodass beide Pole der menschlichen Wahrnehmung und Erfahrung sowie der Erfahrungserkenntnis und des Wissens zu einer beide Pole umgreifenden Natur verschmelzen. Außerdem hat Schelling versucht, gegen Kant die menschliche Fähigkeit zur "intellektuellen Anschauung" zu rehabilitieren.

 

Hegels Frühschrift Glauben und Wissen (1802) zufolge hat Kant zwar mit seiner differenzierten Metaphysikkritik und Transzendentalphilosophie versucht, sowohl den empiristischen Skeptizismus (Hume) als auch den rationalistischen Dogmatismus (Descartes, Leibniz und Spinoza) zu überwinden, aber er hat mit seiner immer noch skeptischen Begrenzung der Reichweite des menschlichen Erkennens und Wissens auf den Bereich der sinnlichen Erfahrung von Gegenständen und Personen in der raumzeitlichen Welt die Philosophie ihrer eigenen spekulativen Dimension beraubt. Damit blieb nach Hegel Kants Philosophie immer noch skeptische Verstandesphilosophie und konnte noch nicht -- wie dann bei ihm selbst -- wieder in Anlehnung an das aristotelische "Denken des Denkens" zu spekulativen Einsichten der Vernunft über Gott und die Welt gelangen.

 

Hegel hat sich nun aber in seiner Phänomenologie des Geistes (1807) das maximal denkbare philosophische Projekt vorgenommen, nicht nur die gesamte entwicklungs-logische Genese des individuellen menschlichen Erkennens und Wissens von den einfachen und unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmungen bis zum absoluten Wissen in Kunst, Religion und den Philosophie begrifflich zu erhellen, sondern dann auch in  seinen Berliner Vorlesungen die geschichtliche Genese und aufsteigende Entwicklung der Religionen und Philosophien bis zu seiner eigenen Philosophie des historischen Idealismus als entwicklungslogischen Kulminationspunkt des dialektischen Weges des Weltgeistes durch die Geschichte der Menschheit darzustellen. Insofern gibt es ein Primat des Geistes im Sinne eines historisch reflektierenden Bewusstseins über die bloße Faktizität der geschichtlichen Welt.

 

In seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820) unterscheidet er nicht mehr wie noch Kant in seiner Metaphysik der Sitten (1797) zwischen der gesinnungsethischen Dimension der Moral und der verantwortungsethischen Dimension des Rechtes, sondern entfaltet die gesamte Rechtsphilosophie als eine vernünftige Theorie der Sittlichkeit jenseits der alten Naturrechtslehren von Cicero bis Fichte.

Das reflektierende Bewusstsein von den kulturellen und sozialen Konstruktionen des menschlichen Geistes ist jedoch selbst wiederum ein historisch und kulturell gewachsene Form des menschlichen Geistes und keine naturwüchsige Gegebenheit. Dies zeigt sich zwar in der Geschichte aller Konstruktionen des menschlichen Geistes, aber insbesondere in denjenigen Formen des absoluten Geistes, die da sind: sinnliche Kunst, vorstellende Religion und reflektierende Philosophie. Die in den positiven Religionen erscheinenden Ideen von Gott sind zwar auch eine Vorstellung im menschlichen Bewusstsein, aber welche bestimmten Vorstellungen die Menschen von Gott haben, hängt von der jeweiligen Kultur, Religion, Philosophie und Bildung ab. Die Religionen der Menschheit haben zwar eine eigene Entwicklungsgeschichte, ähnlich wie der einzelne Mensch sich von Kindheit und Jugend an hin zum Erwachsenen und schließlich zum Alten und Greisen hin entwickelt. Die Religionen der Menschheit stehen jedoch nicht auf der gleichen Stufe in der geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Bewusstseins und Geistes und können deswegen auch nicht als  gleichwertig aufgefasst werden.

Das Christentum steht Hegel zufolge auf der höchsten Stufe unter den positiven Religionen, weil es alle wesentlichen Merkmale einer idealen Religion in sich vereinigt (wie z.B. Schöpfungslehre, Erlösungs und Versöhnungslehre, Ethos der Liebe, Mystik, Vergemeinschaftung, etc.). Aber auch das Christentum hat sich in verschiedenen Stufen von der Antike über das Mittelalter hin zur Neuzeit mit ihrer Dialektik von Aufklärung und Romantik weiter entwickelt. Das protestan-tische Christentum ist die höchste Stufe des positiven Christentums und in ihm vollendet sich damit das religiöse Bewusstsein der Menschheit. Gleichwohl ist auch das positive Christentum immer noch nicht die höchste Stufe in der Entwicklung des religiösen Bewusstseins. Die höchste Stufe des absoluten Geistes bleibt nämlich den Philosophen vorbehalten, in denen das religiöse Bewusstsein zu sich selbst kommt und in dem auch das positive Christentum im reflektierenden Selbstbewusstsein des Philosophen aufgehoben wird.

Der historische Idealismus führt dialektisch von der These des Pantheismus (Spinoza), demzufolge Gott mit der ganzen Natur identisch ist, und in der Konfrontation mit der Anti-These des Atheismus (Fichte), demzufolge es objektiv gesehen gar keinen Gott gibt, weil er nur eine Setzung des Menschen darstellt, über den ethischen Theismus (Kant) zur Synthese eines historischen Theismus (Hegel), demzufolge Gott mit dem Weltgeist identisch ist, der in seinem dialektischen Gang durch die mit Konflikten behaftete Weltgeschichte erst zu sich selbst kommt. Der neuzeitliche Rechtsstaat ist als eine sittliche Form des objektiven Geistes die höchste Form absoluten Geistes und seine globale Ausbreitung ist das Endziel der Weltgeschichte (Historischer Theismus).

 


B. Dualistische Philosophien


Dualistische Philosophien leugnen weder die vom menschlichen Bewusstsein unabhängige Realität der materiellen Gegenstände, Ereignisse und Prozesse in der Außenwelt noch die immaterielle Realität von Bewusstsein in Menschen und höheren Tieren noch die vom menschlichen Bewusstsein abhängige Realität des Denkens und der Inhalte des sprachlichen Geistes im Menschen. Vielmehr handelt es sich ihnen zufolge beim Materiellen und Psychischen um zwei eigenständige und nicht aufeinander reduzierbare Wirklichkeiten. Das menschliche Bewusstsein mit seinen seelischen Funktionen und geistigen Inhalten ist demzufolge nicht nur ein bloßes Epiphänomen oder eine bloße Funktion des menschlichen Organismus und seines vitalen Verhaltens.

Deswegen irren sich ihnen zufolge sowohl die Idealisten, die die Existenz einer vom Bewusstsein und Geist unabhängigen Außenwelt der materiellen Dinge und Lebewesen leugnen, als auch diejenigen Realisten, die als Behavioristen oder Reduktionisten, Naturalisten oder Materialisten, die nicht-materielle Existenz von Bewusstsein und Geist leugnen. Dualisten unterscheiden sich jedoch einerseits in der ontologischen bzw. genealogischen Frage nach einer Erklärung der Natur dieser unterschiedlichen Realitäten sowie andererseits in der epistemologischen Frage nach einer Erklärung der Erkennbarkeit dieser beiden unterschiedlichen Entitäten bzw. Realitäten.

Deswegen kann Descartes in ontologischer Hinsicht als ein objektiver Dualist verstanden werden und zugleich in epistemologischer Hinsicht als ein “problematischer Idealist“ (Kant), weil für ihn die Erkenntnis der Phänomene des eigenen Bewusstseins (cogitationes) im eigenen Ich oder Subjekt (res cogitans) mit introspektiver Gewissheit geschieht, während die Erkenntnis der kontingenten und materiellen Gegenstände (res extensa) in der Außenwelt immer angezweifelt werden kann.

Die wesentliche Differenz zwischen Descartes’ Rationalismus und dem Empirismus von Locke und Hume besteht in der ontologischen Abstinenz und in der genealogischen Psychologie sowie in der empiristischen Leugnung von angeborenen Ideen und der Akzeptanz des aristotelischen tabula-rasa-Modells von der Natur des menschlichen Geistes bei Locke und Hume.

Die wesentliche Differenz zwischen Descartes’ Rationalismus und Kants Kritizismus besteht hingegen in dem psychologischen Zugeständnis an die Empiristen in Bezug auf die Leugnung von angeborenen Ideen bei gleichzeitiger Zurückweisung von deren Empirismus der bloß genealogischen Analysen. Zugleich versucht Kant die rationalistische Überzeugungen von der beharrlichen Substantialität und Unsterblichkeit des menschlichen Geistes sowie von der Beweisbarkeit des Daseins Gottes und der menschlichen Freiheit des Willens zu widerlegen.


1. Ontologischer Dualismus (Descartes)

Es gibt in ontologischer Hinsicht zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Substanzen in der Welt: (1.) materielle Substanzen (res extensa), die ausgedehnt, beweglich und veränderbar sind, zu denen sowohl mein eigener Körper (corpus) als auch die wahrnehmbaren Körper der anderen Menschen gehören; und (2.) denkende, fühlende und wollende Substanzen (res cogitans), wie z.B. meine eigene Seele (anima) mit ihren verschiedenen Bewusstseins-phänomenen (cogitationes) von Kognitionen, Emotionen und Motivationen sowie mit ihrem Geist (mens), in dem sich auch die angeborenen Ideen befinden, wie z.B. die Idee Gottes (idea dei).

Ich selbst bin als Mensch eine zusammengesetzte Einheit aus einer nicht-materiellen Substanz (res cogitans) und einem materiellen Körper (res extensa), der eine ausgedehnte Substanz ist. Ich habe zwar bestimmte Vorstellungen (repraesentationes) von solchen ausgedehnten Substanzen in meinem Bewusstsein, aber ich kann weder die Existenz dieser materiellen Dinge noch die Existenz anderer Menschen und deren Seelen im strengen Sinne beweisen. Denn es könnte sein, dass ich das alles nur träume, sodass in diesen Fragen keine vollkommene Gewissheit erreicht werden kann.

Beweisen kann man jedoch das Dasein Gottes als des höchsten und vollkommensten Wesens. Denn die evidente Idee von Gott als dem höchsten und vollkommensten Wesen finde ich unmittelbar in meinem Bewusstsein und die Notwendigkeit der Existenz Gottes ist bereits im Begriff von Gott als dem höchsten und vollkommensten Wesen enthalten. Aber meine gewohnte Überzeugung von der Existenz der Außenwelt mit ihren von meinem eigenen Bewusstsein unabhängigen Substanzen ist nur eine Annahme, die nicht die gleiche Evidenz der klaren und deutlichen Vorstellungen in meinem Bewusstsein besitzt. Dennoch kann und darf ich mich auf die Existenz der Außenwelt verlassen, denn in meinem Bewusstsein finde ich die angeborene Idee von Gott als einem höchst gütigen Wesen, das mich nicht dauerhaft über die Existenz dieser Außenwelt täuschen würde so wie es ein mächtiger böser Dämon tun könnte. (Rationaler Theismus)

 


2. Empirischer Dualismus (Locke)

Alle Erkenntnis und alles Wissen stammt ausschließlich aus der unmittelbaren Erfahrung von sinnlichen Eindrücken (impressions) in unserem Bewusstsein (Empirismus). Dies gilt auch für die Ideen (ideas) und die allgemeinen Begriffe (concepts), die durch Abstraktion aus den sinnlichen Eindrücken gewonnen werden. Sie sind demzufolge nicht dem menschlichen Intellekt angeboren, sondern in der Erfahrung erworben. Im menschlichen Verstand gibt es deswegen nichts, was nicht zuvor in den menschlichen Sinnen gewesen ist. Es gibt materielle Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen, deren unabhängige Existenz aus der menschlichen Erfahrung zuverlässig erschlossen werden kann, obwohl es keinen unmittelbaren Kontakt mit ihnen gibt, sondern nur mit unseren sinnlichen Vorstellungen (presentations) von ihnen als Bündeln von Eigenschaften. Alle diese Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen haben primäre Eigenschaften (primary qualities), wie Ausdehnung, Masse, Gewicht, Bewegung, Stoßkraft, etc., während ihnen die sekundären Eigenschaften (secondary qualities), wie Farbe, Geruch, Geschmack, etc. nicht wirklich an sich zukommen, sondern nur den sinnlichen Präsentationen von ihnen im Bewusstsein (Repräsentationalismus).

Sekundäre Eigenschaften werden gewöhnlich, aber fälschlich für Eigenschaften der Dinge selbst gehalten, während sie eigentlich nur in psychischen Relationen zu solchen Dingen bestehen. Gott ist weder ein raum-zeitliches Ding in der Welt mit primären Eigenschaften, das an sich existiert, noch bloß eine sinnliche Präsentation in unserem Bewusstsein mit sekundären Eigenschaften. Die meisten Menschen haben jedoch eine aus der Erfahrung gewonnene Idee von einem solchen höchsten Wesen, und sie erklären damit den mutmaßlichen Ursprung der Welt. (Empiristischer Theismus)


3. Skeptischer Dualismus (Hume)

Menschen glauben gewöhnlich im Alltag und in den Wissenschaften, dass es Dinge in der Welt gibt, die vom menschlichen Bewusstsein unabhängig sind und die sie durch Erfahrung kennen (Empirismus). Dabei handelt es sich jedoch nur um eine natürliche Denkgewohnheit, die sie zwar aus praktischen Gründen für zutreffend halten, die sie jedoch weder rational begründen noch beweisen können. Die Welt ist nichts anderes als die Summe aller Felder der Erfahrung, die Menschen machen können. Die Welt an sich gibt es nicht und es gibt auch keinen objektiven Grund der Einheit der verschiedenen Felder der menschlichen Erfahrungen. Die Einheit der Erfahrungswelt liegt nur im intersubjektiven Grund der menschlichen Erfahrungen, also in dem sich wandelnden Bewusstseinsstrom der Menschen. Der Glaube an die Existenz eines Gottes, einer unsterblichen Seele, eines substanziellen Ichs angesichts des Stromes der Phänomene des Bewusstseins und eines freien Willens sind keine notwendigen oder auch nur natürlichen Denkgewohnheiten, sondern es handelt sich nur um kulturelle und historisch bedingte Überzeugungen, die von den individuellen oder kollektiven Denkgewohnheiten der Menschen abhängen. Alle Versuche eines rationalen Beweises der Existenz eines Gottes, einer unsterblichen Seele und eines freien Willens sind zum Scheitern verurteilt und der Glaube an das Dasein Gottes ist aber auch nicht unvernünftig. Das Dasein Gottes lässt sich weder rational beweisen noch rational widerlegen. (Agnostizismus)


4. Kritischer Dualismus (Kant)

Es gibt unzählig viele Dinge in der raum-zeitlichen Natur, d.h. im Kosmos und in der irdischen Natur, die zwar vom menschlichen Bewusstsein, Denken und Urteilen unabhängig existieren, aber die wir nur durch sinnliche Erfahrung und mit empirischen Begriffen kennen und erkennen können. Solche raum-zeitlichen Dinge sind im kategorialen Denken und Urteilen des Menschen Substanzen oder Einzeldinge mit ihren mannigfaltigen Eigenschaften, mit zeitlichen Veränderungen an diesen Substanzen und ihren Eigenschaften, in räumlichen Relationen zwischen diesen Substanzen sowie mit Kausalitäten und Wechselwirkungen zwischen ihnen, etc.

Alle diese Dinge nennen wir Menschen "Gegenstände der Erfahrung" und auf diese bezieht sich unsere menschliche Erfahrungserkenntnis von konkreten Einzeldingen in der Welt (mundus sensibilis), wie z.B. Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen. Daneben gibt es aber auch unzählige andere Dinge, die zwar keine raum-zeitlichen Gegenstände der Erfahrung und Erfahrungserkenntnis sind, die jedoch für intelligente Lebewesen wie für die Menschen mit der Fähigkeit zum Denken und Urteilen, Selbstbewusstsein und Reflexion sowie Verstand und Vernunft intelligibel sind, d.h. gedacht und verstanden werden können (mundus intelligibilis), wie z.B. Ideale, Prinzipien, Normen und Regeln. Solche intelligiblen Dinge sind auch alle Vorstellungen im menschlichen Bewusstsein, d.h. Anschauungen und Empfindungen der Sinnlichkeit und Begriffe des Verstandes, Urteile der Urteilskraft und Entscheidungen des Willens, Ideen und Ideale der Vernunft, sämtliche Produkte der menschlichen Einbildungskraft und des intuitiven Ahnungsvermögens, etc. Alle allgemeinen Begriffe des Verstandes von konkreten Substanzen und Gegenständen in der Welt (Mineralien, Pflanzen, Tiere, und Menschen) stammen jedoch aus der Erfahrung und sind nicht angeboren.

Diese empirische Erkenntnis von den erscheinenden Dingen setzt jedoch von Anfang an apriorische Strukturen der raum-zeitlichen Erfahrung, apriorische Kategorien des logischen Denken und Schließens, apriorische Prinzipien des rationalen Urteilens sowie regulative Ideen voraus, die selbst nicht aus der Erfahrung stammen können (gegen den Empirismus). Diese apriorischen Strukturen sind jedoch auch nicht physisch angeboren, sondern sie entstehen erst in der Aktivität und Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, der Sprache und des Denkens. Mit Hilfe dieser apriorischen Vorgaben in den Erkenntnisvermögen von Sinnlichkeit und Verstand, Urteilskraft und Vernunft können Menschen als endliche intelligente Lebewesen die raum-zeitlichen Gegenstände in einer naturgesetzlich geordneten Welt objektiv erkennen. Dazu brauchen sie jedoch immer sowohl Anschauungen von diesen Gegenständen (Erfahrung) als auch passende Begriffe und angemessene Urteile über die variierenden Anschauungen von diesem Gegenständen (Reflexion).

Ohne die apriorischen (nicht-empirischen) Formen der Anschauung und begrifflichen Kategorien des menschlichen Erkenntnisvermögens wäre jedoch keine objektive Erkenntnis von den Gegenständen der Erfahrung möglich. Wir Menschen hätten dann immer nur wechselnde Erscheinungen im zeitlichen Nacheinander des Bewusstseinsstromes, aber keine Erkenntnis von zeitlich beharrlichen Substanzen mit bestimmten Eigenschaften und Veränderungen in räumlichen Verhältnissen unter konkreten kausalen Bedingungen (Ursachen, Wirklungen und Wechselwirkungen) und deswegen auch keinerlei Kenntnis von allgemeinen Naturgesetzen. Diese Einsicht basiert jedoch nur auf einer kontrafaktischen Überlegung über die konkreten Bedingungen der Möglichkeit der wirklichen Erfahrungserkenntnis im Alltag und in den Wissenschaften. Deswegen hat diese Einsicht und Überlegung auch keine skeptischen, subjektivistischen oder idealistischen Konsequenzen, sondern erklärt nur die apriorischen Ermöglichungsbedingungen objektiver Erfahrungserkenntnis. Wie sich die Dinge an sich unabhängig von unseren wirklichen menschlichen Erfahrungen und von unseren intersubjektiven Bedingungen der Möglichkeit der objektiven Erfahrungserkenntnis verhalten mögen, ist eine bloß spekulative Frage jenseits realer Erfahrungserkenntnis. Der Begriff von den unerkennbaren “Dingen an sich” ist nur ein transzendentalphilosophischer Grenzbegriff.

Jenseits der inneren und äußeren Erfahrung des Menschen, die auf diese Weise objektive Erkenntnis von Gegenständen mit wechselnden Eigenschaften in der raum-zeitlichen Welt ermöglicht, gibt es zwar (a.) apriorische Erkenntnisse (Begriffe, Urteile, Schlüsse, Denkoperationen, Prinzipien, etc.) in Logik und Mathematik (Prolegomena) sowie (b.) apriorische Erkenntnisse (Imperative, Syllogismen, Denkoperationen, Prinzipien, etc.) in Moral und Recht (Metaphysik der Sitten) sowie (c.) apriorische Erkenntnisse (Begriffe, Urteile, Schlüsse, Denkoperationen, Prinzipien, etc.) in den empirischen Naturwissenschaften (Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaften), aber (d.) keine objektiven Erkenntnisse über das Intelligible (mundus intelligibilis) der Ideen und Postulate der theoretischen und praktischen Vernunft jenseits möglicher Erfahrung (mundus sensibilis), wie z.B. vom Sein, von Gott, von der Idee des höchsten Guten, von einer unsterblichen Seele oder von der Freiheit des Willens. Denn alle diese Inhalte von Ideen und Ideale kennen wir nur als etwas Intelligibles, d.h. aus verstehbaren Begriffen der Reflexion bzw. der Vernunft, aber nicht aus der sinnlichen Erfahrung von konkreten Gegenständen der sinnlichen Anschauung. Deswegen wäre es auch irreführend, diese Inhalte von Reflexionsbegriffen mit sinnlich erfahrbaren Gegenständen zu verwechseln und sie von daher für konkrete Substanzen in der raum-zeitlichen Welt zu halten (Amphibolie der Reflexionsbegriffe). Aus diesem Grunde gibt es anders als bei den erfahrbaren Gegenständen in Raum und Zeit von ihnen auch keine objektiven Erkenntnisse, sondern nur rationalen Glauben und philosophische Einsichten des Verstehens im dialektisch reflektierenden Denken.

Da es sich bei ihnen zwar um für den Menschen denknotwendige Orientierungsbegriffe der Metaphysik, aber damit auch nur um intelligible Inhalte von Reflexionsbegriffen handelt und nicht um konkrete Realitäten, können weder das reale Dasein Gottes noch die reale Existenz eines freien Willens noch die reale Existenz einer unsterblichen Seele im strengen Sinne bewiesen werden. Objektive Realität bedeutet nämlich so viel wie erfahrbares Dasein von konkreten Gegenständen in Raum und Zeit. Alle rationalen Beweisversuche scheitern und sie erzeugen nur einen illusionären Schein von rationaler Stringenz und Plausibilität im Denken, denn sie beziehen sich nur auf Orientierung stiftende metaphysische Gedankendinge bzw. auf denknotwendige Inhalte von Reflexionsbegriffen. (Ethikotheologie).

Aufgrund der apriorischen Strukturen der menschlichen Vernunft sind wir Menschen jedoch geneigt, metaphysische Fragen nach Gott und Seele, Welt und Natur, Determination und Freiheit sowie nach dem Rechten und Guten zu stellen. Auch kommen wir nicht umhin, auf die eine oder andere Weise an diese intelligiblen Dinge jenseits aller menschlichen Erfahrung und Beweisbarkeit zu glauben. Denn der metaphysische Glaube an diese immer nur intelligiblen Dinge ist für das moralische und rechtliche Bewusstsein denknotwendig und von daher in der Struktur unserer praktischen Vernunft selbst angelegt.

Aber die metaphysische Überzeugung von der substanziellen Realität der Inhalte dieses metaphysischen Glaubens und Denkens entspringt aus griechischem Philosophieren, aber nicht aus dem biblischem Geist des Judentums und Christentums selbst und lässt sich bei kritischem Nachdenken über die religiösen Erfahrungen von Juden, Christen und Muslimen nicht aufrecht erhalten. Denn die abstrakte philosophische Kategorie der beharrlichen Substanz stammt aus der lebensweltlichen Erfahrung gegenständlicher Objekte in Raum und Zeit und lässt sich weder auf die hoch komplexe und dynamische Wirklichkeit des lebendigen menschlichen Gemütes bzw. Geistes noch auf das unendliche und unfassbare geheimnisvolle Wesen Gottes anwenden, ohne in beiden Fällen zu einer irreführenden Verdinglichung und damit zu einer metaphysischen Selbsttäuschung zu führen.


5. Aporetischer Dualismus (Thomas Nagel)

Menschliche Subjektivität mit ihren zahlreichen unmittelbaren inneren Erfahrungen von den Phänomenen des Bewusstseins (d.h. von Emotionen, Kognitionen, Motivationen und Volitionen) und mit ihren zahlreichen äußeren Erfahrungen von sekundären Eigenschaften (Locke) von Gegenständen, Ereignissen und Prozessen in der Welt sind beide Realitäten und Wirklichkeiten in der Welt und lassen sich aus prinzipiellen logischen, epistemologischen und ontologischen nicht auf neuronale Prozesse im Gehirn und Nervensystem von Tieren und Menschen reduzieren. Deswegen ist eine rein objektivierende wissenschaftliche Welterklärung, wie sie von Szientisten, Naturalisten und Materialisten angestrebt und gefordert wird, prinzipiell unmöglich.

Trotzdem ist es richtig, dass Naturwissenschaftler in Physik, Chemie und Biologie so weit wie möglich nach einer möglichst objektiven Erkenntnis der Welt streben. Das gilt auch für die Kultur- und Sozialwissenschaften bis hin zur Linguistik, Psychologie und Neurowissenschaften. Dort stoßen wissenschaftliche Forschungen und introspektive Selbsterforschung auf eine eigentümliche Dependenz der sozial und kulturell imprägnierten psychischen Phänomene des menschlichen Bewusstseins der inneren und äußeren Erfahrung, aber auch des Unbewussten (z.B. der Träume) von neuronalen Prozessen in Gehirn und Nervensystem. Daraus folgt jedoch weder eine wundersame Parallelität noch eine ontologische Identität von den Phänomenen des Bewusstseins bzw. Unterbewusstseins mit den neuronalen Prozessen in Gehirn und Nervensystem.

Der darwinistische Naturalismus mancher Szientisten, Naturalisten und Materialisten, der alle subjektiv gegebenen Phänomene des menschlichen (und höheren tierischen) Bewusstseins inklusive der sprachlichen Intelligenz des Menschen restlos auf physikalische oder chemische Prozesse bzw. auf biologische und neuronale Funktionen zu reduzieren versucht, kann sowohl aufgrund der wirksamen Realität der menschlichen Subjektivität der Bewusstseinsphänomene als auch aufgrund der transzendentalen Eigengesetzlichkeit des Logischen und Mathematischen, das nicht bloß psychologisch geschweige denn neurobiologisch oder gar evolutionsbiologisch erklärt werden kann, kein vollständiges und zutreffendes Weltbild sein.


Daraus folgt jedoch weder die Richtigkeit der Hypothese von einem intelligent Design des Universums und der irdischen Natur geschweige denn die mythische oder theologische Glaubensüberzeugung an eine göttliche Schöpfung aus dem Nichts (wie in Judentum, Christentum oder Islam). Gott ist und bleibt ein Inhalt des Glaubens, aber nicht des wissenschaftlichen Wissens. (Agnostizismus)


C. Realistische Philosophien


Realistische Philosophen behaupten auf die eine oder andere Weise, dass es eine vom eigenen individuellen sowie kollektiven menschlichen Bewusstsein und Geist unabhängige Wirklichkeit gibt, die bestimmte eigenständige Strukturen aufweist, die man teilweise wahrnehmen, teilweise erschließen und damit erforschen und entdecken kann. Dabei muss man jedoch auch zwischen starken und schwachen Varianten des Realismus unterscheiden. Die schwachen Varianten eines naiven, direkten oder empirischen Realismus, die jede implizite Präfiguration der empirischen Gehalte der menschlichen Wahrnehmungen von Gegenständen, Ereignissen und Prozessen durch die menschliche Sinnlichkeit (Reid), durch apriorische Formen der sinnlichen Wahrnehmung (Kant) oder durch bestimmte logische Strukturen des Denkens, Schließens und Urteilens (Kant) oder der Sprache (Herder, Humboldt, Wittgenstein, u.a.) ablehnen, werden nur noch selten vertreten und gelten in der zeitgenössischen Philosophie als nur noch historisch relevant.

Nur noch wenige Philosophen nach Kant verteidigen noch diese Positionen mit allen ihren Konsequenzen. Kant hat damit auch den direkten Realismus des Aristoteles überwunden, der auf einer mangelnden Unterscheidung zwischen den Denkgesetzen der Logik und Semantik und den Seinsgesetzen der Sachverhalte in der Welt basierte und die Kategorien der menschlichen Orientierung in der Lebenswelt fälschlich als Strukturen der Welt ontologisierte. An der Differenz zwischen Denk- und Seinskategorien hat nach Kant jedoch auch Nicolai Hartmann festgehalten, aber nicht ohne den bewahrenswerten Kern von Kants Entdeckung der impliziten Präfiguration der menschlichen Urteile über die objektiven Gegenstände der Erfahrungswelt durch intersubjektive Denkkategorien festzuhalten.

Da Kants kritische Philosophie nolens volens auch zur Initialzündung für die Entstehung des Deutschen Idealismus wurde, herrscht immer (vor allem bei naiven bzw. direkten Realisten) immer noch das weit verbreitete Missverständnis vor, dass Kant ein (inter)subjektiver Idealist gewesen sei. Das war er aber sicher nicht, da er sich aus guten Gründen sehr deutlich sowohl vom problematischen Idealismus von Descartes als auch vom dogmatischen Idealismus von Berkeley distanziert hatte (Prolegomena). Den objektiven Idealisten Platon hielt er sogar wegen dessen bereits von Aristoteles kritisierten Ideenlehre für den “Erzvater aller Schwärmerei” (Logik-Vorlesung).

Auch der junge Hegel hat in Glauben und Wissen in polemischer Absicht die ebenfalls falsche These propagiert, das Kant immer noch ein bloßer Verstandesphilosoph in der Nähe der Empiristen Hume und Locke gewesen sei, so als ob sich Kants Philosophie auf die Analytik des empirischen Verstandes reduzieren ließe und so als ob es bei ihm keine Dialektik der denknotwendigen Ideen der menschlichen Vernunft (Gott, Seele, Welt, Freiheit, Determination, etc.) geben würde. Der Deutsche Idealismus war jedoch insgesamt eine ganze Reihe von scheiternden Versuchen, Kants kritische Philosophie durch spekulatives Denken zu überwinden.


1. Ontologischer Realismus (Aristoteles)

In der Welt gibt es sowohl Individuen wie Universalien, nämlich die verschiedenen Arten oder Sorten von Substanzen, nämlich (a.) Portionen von Materie als unbelebte materielle Körper , (b.) Pflanzen als belebte materielle Körper oder organische Lebewesen mit Wachstum und Fortpflanzung, aber ohne Bewusstsein und Empfindungen, sowie (c.) Tiere als belebte materielle Körper oder organische Lebewesen mit physischem Wachstum und Fortpflanzung, motorischer Selbstbewegung im Raum, instinktiver Intelligenz, Bewusstseinsfunktionen wie Wahrnehmungen und Empfindungen, aber ohne gemeinsame Sprache und logisches Denken, sowie (d.) Menschen als belebte materielle Körper oder organische Lebewesen  mit physischem Wachstum und Fortpflanzung, mit psychischer Entwicklung, motorischer Selbstbewegung, Bewusstseinfunktionen in Form von Wahrnehmungen und Emotionen (Affekte, Stimmungen, Empfindungen, Gefühle und Leidenschaften), Sprache und Denken, Urteilen und Handeln, Überlegungen und Argumentationsfähigkeit.

Abstrakte Begriffe und allgemeine Ideen existieren jedoch (anders als bei Platon) nur im menschlichen Bewusstsein und Universalien existieren nur in den Dingen (universalia in rebus), aber nicht unabhängig von ihnen (wie bei Platon). Sowohl Allgemeinbegriffe als auch Ideen werden durch Abstraktionen bzw. Konstruktionen des Verstandes aus den empirischen Begriffen von den in der Erfahrung gegebenen Dingen mit ähnlichen oder gleichen Merkmalen gewonnen. Die zehn Kategorien des Verstandes bezeichnen nach Aristoteles die allgemeinsten Hinsichten, nach denen man alles Seiende auf seine Eigenart hin befragen kann: 1. Was ist etwas? (Substanz) 2. Wie ist etwas beschaffen? (Qualität) 3. Wie groß ist etwas? (Quantität) 4. Worauf bezieht sich etwas? (Relation) 5. Wo ist etwas? (Ort) 6. Wann ist etwas? (Zeit) 7. In welcher Position befindet sich etwas (Situation) 8. Was hat etwas oder jemand? (Haben) 9. Was tut etwas oder jemand? (Tun) 10. Was erleidet etwas oder jemand? (Erleiden) Außerdem unterscheidet er zwischen vier Arten von “Ursachen”: 1.Woraus ist etwas beschaffen? (Stoff) 2. Wie ist etwas geformt? (Form) 3. Was verursacht etwas? (Ursache und Wirkung) 4. Wozu dient etwas? (Zweck) etc.


Gott ist kein raum-zeitliches Ding in der Welt und kann deswegen auch nicht mit den Sinnen wahrgenommen und mit den Begriffen und Kategorien des Verstandes direkt erfasst werden. Das Dasein Gottes kann jedoch als absolute Ursache bzw. als erster Beweger des Universums erschlossen werden. Gott ist jedoch keine Person und er greift nicht in die natürliche Welt ein, z.B. durch Wunder (Deismus). Sein Dasein kann jedoch rational aus der teleologischen Struktur der geordneten Vielfalt der Formen von Lebewesen in der Natur erkannt werden. (Physikotheologie)


2. Psychologischer Realismus (Brentano)

In der Welt gibt es nur Individuen in Raum und Zeit. Aber diese Individuen teilen bestimmte Eigenschaften, aufgrund deren sie als Individuen ein und desselben Typs bzw. ein und derselben Art oder Sorte bestimmt und klassifiziert werden können. Auf diese Weise haben Menschen anhand ihrer Erfahrungen in allen Sprachen, Gesellschaften und Kulturen gewisse Allgemeinbegriffe gebildet, für die es in den verschiedenen Sprachen entsprechende Ausdrücke gibt. Aufgrund dieser Allgemeinbegriffe und Ausdrücke sind dann auch allgemeine Urteile als Urteile über bestimmte Mengen von Individuen möglich. Dadurch werden dann auch allgemeine ontologische Urteile möglich, wie z.B. (1.) dass es leblose materielle Körper gibt, (2.) dass es Pflanzen als organische Lebewesen mit Wachstum und Fortpflanzung, aber ohne Bewusstsein, Wahrnehmungen und Empfindungen, (3.) dass es Tiere gibt mit Wachstum und Fortpflanzung, motorischer Selbstbewegung, instinktiver Intelligenz, Bewusstsein, Wahrnehmungen und Empfindungen, aber ohne eine gemeinsame Sprache und logisches Denken sowie, (4.) dass es Menschen gibt mit physischem Wachstum und psychischer Entwicklung, motorischer Selbstbewegung und sinnlichen Wahrnehmungen, Bewusstsein und Selbstbewusstsein, Emotionen (Affekte, Stimmungen, Empfindungen, Gefühle und Leidenschaften), Sprache und Kommunikation, Denken und Urteilen, Reflexion und Argumentation gibt.

Ideen, Universalien und abstrakte Gegenstände (Zahlen, Mengen, Funktionen, Figuren, etc.) sind nützliche Fiktionen der menschlichen Einbildungskraft und der Vernunft. Sie existieren jedoch nicht unabhängig vom menschlichen Bewusstsein und deswegen auch nicht in den Dingen selbst (universalia in rebus). Sie entspringen nur den allgemeinen Begriffen, die durch Abstraktionen des Verstandes aus der Erfahrung von Individuen mit ähnlichen oder gleichen Merkmalen gewonnen werden.

Für die alltägliche, wissenschaftliche und philosophische Erkenntnis von Sachen und Personen sowie von utilitarischen, ästhetischen und ethischen Werten und Normen grundlegend sind die intentionalen psychischen Phänomene und bewusste Akte aus dem Bereich von Interessen (Emotionen und Motivationen), Vorstellungen (Empfindungs- und Sinnesqualitäten) und Kognitionen (Urteile und Schlüsse). Auf dieser Basis gibt es nicht nur unmittelbare empirische und mittelbare induktive Tatsachenerkenntnisse, sondern auch (un-) mittelbare, aber nur analytische Vernunfterkenntnisse in Logik und Mathematik (Arithmetik und Geometrie). Dadurch kann es auch zu allgemeinen Einsichten in bestimmte Grundsätze der Logik, der Mathematik und der Wertaxiomatik kommen, wodurch allgemeine Ethik und Ästhetik möglich werden. Philosophie sucht darüber hinaus durch begriffliche Analyse und Argumentation nach allgemeinen philosophischen Einsichten der empirischen Psychologie (Determination und Willensfreiheit), der Kosmologie (Materie, Raum, Zeit und Kontinuum) und der Theologie (Gott, Geistigkeit und Unsterblichkeit der Seele).

Gott ist weder ein Individuum in der Welt noch ist er mit der Welt bzw. der Natur identisch wie im Pantheismus. Er kann weder sinnlich wahrgenommen werden noch mit einem Erfahrungsbegriff erfasst werden, sondern nur aus der Schönheit und Ordnung der Natur als ihr intelligenter Schöpfer erschlossen werden. (Kosmotheologie) Gott ist jedoch nicht nur intelligente Schöpfer der Welt, sondern auch das höchste und vollkommenste Wesen, das alle Vollkommenheiten in sich vereinigt. (Ontotheologie)


3. Kritischer Realismus (Nicolai Hartmann, Karl Jaspers)

Die eine Welt enthält verschiedene Schichten des Seienden, die sich im Laufe der Natur- und Kulturgeschichte genealogisch entwickelt haben und aufeinander aufbauen. Die unteren Schichten haben eine tragende Funktion, sodass die höheren Schichten davon abhängen.

Zur untersten Schicht gehören sämtliche Gegenstände, Eigenschaften und Prozesse, die in der Physik und Chemie erforscht werden. Aus den materiellen und energetischen Gegenständen und Prozessen dieser chemisch-physikalischen Schicht besteht fast das ganze Universum. Auf diese unterste Schicht bauen zumindest auf der Erde - vermutlich aber auch auf anderen Planeten in den habitablen Zonen anderer Sonnensysteme irgendwo im Universum - in einer höheren Schicht die späteren und selteneren organischen Systeme und teleonomen Funktionen des Lebendigen auf, die in der Biologie und Ökologie erforscht werden. Zur nächsten und viel späteren Schicht gehören die psychischen, sozialen und kulturellen Phänomene, insofern sie von und durch die denkenden, fühlenden und handelnden Menschen realisiert werden. In einer noch höheren und späteren Schicht liegen die abstrakten Entitäten des Geistes, d.h. die Ideen, Ideale, Prinzipien, Regeln, Normen und Werte als potentielle Inhalte entweder des subjektiven menschlichen Geistes, der in der Psyche von menschlichen Subjekten bzw. Personen realisiert ist, oder aber des objektiven Geistes, der z.B. in den sprachlichen Zeichen und Zeichensystemen, in Büchern und Bibliotheken oder in rechtlichen und politischen Institutionen realisiert ist. Hartmann neigt dazu, sich die abstrakten Entitäten als zeitlose platonische Ideen vorzustellen, Jaspers hingegen als zeitliche hegelianische Ideen der Zeitgeschichte.

Alle Gegenstände und Eigenschaften in dieser geschichteten Wirklichkeit sind real und existieren unabhängig von der eigenen bzw. individuellen Subjektivität, d.h. unabhängig davon, ob sie von mir oder jemand Anderem wahrgenommen und verstanden werden. Denken und Sein sind jedoch verschieden. Denken im psychologischen Sinne individueller Gedanken konstituiert nur die Inhalte der eigenen Gedankengänge im eigenen Bewusstsein, aber kein äußerliches objektives Sein. Sein ist weder bloß sinnliches Wahrgenommenwerden, wie im phänomenalistischen Idealismus von Berkeley noch bloß begriffliches Gedachtwerden, wie im absoluten oder historischen Idealismus Hegels.

Der Mensch als intelligentes Lebewesen ist in einer langen Natur- und Kulturgeschichte entstanden und befindet sich als denkendes, sprechendes, fühlendes, wollendes und handelndes Wesen mitten in einer von seinem Erkennen unabhängigen materiellen Welt vor, in der auch andere Lebewesen wie Pflanzen und Tiere entstanden sind. Das objektive Erkennen der Menschen von Sachverhalten in der Welt ist keine geistige Konstitution von Gegenständen wie die Idealisten behaupten, sondern eine auf Wahrnehmung, sprachlichem Begreifen, Denken und Urteilen basierendes Erfassen dessen, was auch schon unabhängig vom erkennenden Menschen vorhanden ist.

Das entwickelte menschliche Bewusstsein mit allen seinen kognitiven, emotionalen, motivationalen und volitionalen Akten und Funktionen ist zwar von den biophysischen und neuronalen Prozessen in Gehirn und Nervensystem abhängig, aber es lässt sich in seiner Eigenart und Eigengesetzlichkeit nicht auf solche Prozesse reduzieren, wie Naturalisten und Materialisten meinen. Die höhere Schicht des psychischen Seienden basiert auf einer tieferen Schicht des biophysischen Seienden, von der sie zwar funktional abhängt, aber mit der sie jedoch nicht ontologisch identisch ist und auf die sie auch nicht reduziert werden kann.

Ob es überhaupt einen Gott gibt, der die Welt und den Menschen erschaffen hat, und wie er seinem Wesen nach beschaffen ist, wirkt und handelt können weder Philosophen durch bloßes Nachdenken erkennen noch die einzelnen Wissenschaftler durch empirische Forschungen herausfinden. Allerdings können sie auch nicht sicher erkennen, dass es keinen Gott gibt. Gott ist ein transzendenter Gegenstand des menschlichen Glaubens und Denkens, der Liebe und der Hoffnung, aber nicht des innerweltlichen menschlichen Erkennens und Wissens im Alltag oder in den Wissenschaften. Mystische, symbolische und andere subjektive religiöse Erfahrungen gehören zum Glaubensleben, verbürgen jedoch keine objektive Gotteserkenntnis. (Agnostizismus)


4. Wissenschaftlicher Realismus (Quine, Sellars, Rorty)

Was es eigentlich und unabhängig vom Denken und Sprechen der Menschen in der Welt gibt, das sagen unsere jeweils besten naturwissenschaftlichen Theorien über die Welt und weder die Geistes- noch die Kultur- noch die Sozialwissenschaften. Nach der modernen Physik gibt es auf der untersten Ebene der Realität nur bestimmte hypothetische Teilchen, die nicht einmal mikroskopisch wahrnehmbar sind, und auf der obersten Ebene der Realität riesige makroskopische Gegenstände, Ereignisse und Prozesse in der sich ausdehnenden Raum-Zeit des Universums sowie das Licht, die Gravitationskraft, elektromagnetische Felder, unzählige Galaxien mit einer unzählbaren Anzahl von Sonnensystemen, schwarze Löcher, rote Riesen und andere umstrittene astronomische Gestalten im Universum. (Szientismus)

Organische Lebewesen, wie Pflanzen mit Wachstum, aber ohne Bewusstsein, Wahrnehmungen und Empfindungen, und Tiere mit physischem Wachstum, motorischer Selbstbewegung im Raum, instinktiver Intelligenz, Bewusstsein, Wahrnehmungen und Empfindungen, aber noch ohne Sprache und Denken sind zwar Realitäten der Biologie als Wissenschaft des Lebendigen , aber sie bestehen den besten verfügbaren Theorien der modernen Naturwissenschaften zufolge letzten Endes auch aus nichts Anderen als aus den Portionen von Materie, den Zellen und Molekülen der organischen Chemie und den kleinsten Partikeln der Teilchenphysik. Das gilt auch dann, wenn sich weder das Verhalten von einzelnen Tieren noch das Verhalten von ganzen Populationen von Arten in ökologischen Nischen nur noch biologisch, aber nicht mehr chemisch oder physikalisch erklären lässt. (Naturalismus)

 


5. Naturalistischer Realismus (LaMettrie, Haeckel, Freud)

In der Welt gibt es nur natürliche Gegenstände, Ereignisse und Prozesse in Raum und Zeit, auf der Erde und im Universum, nämlich anorganische materielle Körper und organische Lebewesen, wie Pflanzen mit Wachstum, aber ohne Bewusstsein, Wahrnehmungen und Empfindungen und wie Tiere mit physischem Wachstum und Fortpflanzung, motorischer Selbstbewegung im Raum, Instinktiver Intelligenz, Bewusstsein, Wahrnehmungen und Empfindungen, aber ohne gemeinsame Sprache und logisches Denken sowie Menschen mit physischem Wachstum und psychischer Entwicklung, motorischer Selbstbewegung, Bewusstsein und Selbstbewusstsein, Emotionen (Affekte, Stimmungen, Empfindungen, Gefühle und Leidenschaften), Sprache und Kommunikation, Denken und Urteilen, Reflexion und Argumentation. (Naturalismus)

Die Bewusstseinsphänomene der Menschen, wie z.B. Emotionen, Motivationen, Volitionen und Kognitionen, sind jedoch nichts anderes Produkte von physiologischen bzw. biochemischen Prozessen im Gehirn und Nervensystem menschlicher Organismen. Logische und semantische Funktionen des menschlichen Denkens, wie z.B. Prädikation, Proposition, Universalien, etc., aber auch ethische und ästhetische Ideen und die abstrakten Objekte, Regeln und Prinzipien der Logik und Mathematik existieren weder unabhängig vom menschlichen Bewusstsein noch in den Dingen (universalia in rebus), sondern werden durch Abstraktionen des Verstandes aus der Erfahrung von Individuen gewonnen bzw. erfunden, um Erfahrungen zu strukturieren. Aber auch diese Abstraktionen des Verstandes lassen sich auf bestimmte Gehirnprozesse reduzieren. Eigentlich und wirklich gibt es nur das kulturell bedingte und konventionelle Sprachverhalten und dann die linguistische Beobachtung von solchem Sprachverhalten, das durch biologisch erforschbare Gehirnprozesse gesteuert wird. Es gibt weder eine Seele noch einen Geist und das denkende, fühlende und handelnde Subjekt ist nichts anderes als das physiologisch erforschbare Gehirn und Nervensystem eines Menschen. (Neuroreduktionismus)

Es gibt keinen Gott und das Wort ‘Gott’ entspringt bloß einer menschlichen Wunschvorstellung von einem höheren Wesen und dient einerseits der vorwissenschaftlichen Erklärung des Unerklärbaren der Entstehung der Welt, des Lebendigen und der menschlichen Intelligenz, und andererseits der Bewältigung der Angst der Menschen vor dem Tod, Leiden und unabwendbaren Schicksalsschlägen. (Atheismus)


6. Materialistischer Realismus (Demokrit, Hobbes, Marx)

In der Welt gibt es eigentlich nur mikroskopische und makroskopische materielle Gegenstände, Ereignisse und Prozesse in Raum und Zeit, auf der Erde und im Universum. Organische Lebewesen, wie Pflanzen mit Wachstum, aber ohne Bewusstsein, Wahrnehmungen und Empfindungen, sowie Tiere mit physischem Wachstum, motorischer Selbstbewegung im Raum, instinktiver Intelligenz, Bewusstsein, Wahrnehmungen und Empfindungen, aber ohne gemeinsame Sprache und logisches Denken bestehen letzten Endes aus nichts Anderen als aus großen Portionen von Materie, die aus kleinsten materiellen Partikeln zusammengesetzt sind, die miteinander interagieren. (Materialismus)

Menschen mit physischem Wachstum und psychischer Entwicklung, motorischer Selbstbewegung, Bewusstsein und Selbstbewusstsein, Emotionen (Affekte, Stimmungen, Empfindungen, Gefühle und Leidenschaften), Sprache und Kommunikation, Denken und Urteilen, Reflexion und Argumentation bestehen auch aus nichts Anderem als aus solchen Portionen von Materie und kleinsten materiellen Partikeln. Selbst die Bewusstseinsphänomene von Menschen, wie Emotionen, Motivationen, Volitionen und Kognitionen, sind nichts anderes als natürliche physiologische bzw. biochemische Prozesse im Gehirn und Nervensystem, die letzten Endes auch aus nichts Anderem als aus chemischen und physikalischen Partikeln bestehen. Logische und semantische Funktionen und Strukturen des menschlichen Denkens, wie z.B. Prädikation, Proposition, Universalien, etc., aber auch ethische und ästhetische Ideen und die Objekte, Prinzipien und Regeln der Logik und Mathematik existieren weder unabhängig vom menschlichen Bewusstsein noch in den Dingen (universalia in rebus), sondern werden durch die Abstraktionen des Verstandes aus der Erfahrung von Individuen gewonnen bzw. erfunden, um Erfahrungen zu ordnen und zu strukturieren. Eigentlich gibt es nur das kulturell bedingte und konventionelle Sprachverhalten von Menschen und dann die linguistische Beobachtung von solchem Sprachverhalten, das durch biologisch erforschbare Gehirnprozesse gesteuert wird. Es gibt weder eine Seele noch einen Geist und das denkende Subjekt bzw. die Person ist nichts anderes als das physiologisch erforschbare Gehirn und Nervensystem eines menschlichen Organismus, der in seiner Umwelt im Laufe seiner Lebenszeit bestimmte aktualisierbare Dispositionen des verbalen und nonverbalen Verhaltens erworben hat. (Neuroreduktionismus)

Es gibt keinen Gott und das Wort ‘Gott’ ist nur Ausdruck einer menschlichen Wunschvorstellung von einem höheren Wesen und dient einerseits der vorwissenschaftlichen und mythologischen Erklärung der Entstehung der Welt, des Lebendigen und der menschlichen Intelligenz, und andererseits der Bewältigung der Angst der Menschen vor dem Tod, dem Leiden, der Schuld und anderer Schicksalsschläge. (Atheismus)

 

Copyright: Ulrich W. Diehl, Heidelberg 2017

 


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