Das Leben ist kurz,
die Kunst ist lang,
die Gelegenheit ist flüchtig,
das Experiment ist gefährlich,
das Urteil ist schwierig.

Life is short,
and art long,
occasion fleeting,
experiment perilous,
judgment difficult.

Vita brevis,
ars longa,
occasio praeceps,
experimentum periculosum,
iudicium difficile.

HIPPOKRATES

 

 

 

Sie befinden sich auf der Internetseite von Ulrich Diehl. Auf dieser Seite geht es inerster Linie um Philosophie. Aber alles Philosophieren findet in zeitlich situierten kulturellen Kontexten statt. Diese Kontexte sind von Religionen und Konfessionen imprägniert, die sich nicht ausblenden lassen, ohne einen erheblichen Verlust zu riskieren, dem Ganzen einen erträglichen und zuträglichen Sinn zu geben. Religionen und Konfessionen sind nämlich kulturell überlieferte Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen.

 

Da sich alles menschliche Dasein immer schon in kulturellen Lebenswelten bewegt, die von bestimmten Entwürfen eines Sinns des Ganzen geformt wurden, dann ist auch das soziale, wirtschaftliche und politische Denken und Handeln in diese Lebenswelten eingebettet und auf diese umfassenden Entwürfe angewiesen. Deswegen geht es hier in zweiter Linie dann auch um Religionen und Konfessionen im Allgemeinen sowie um die eigene Religion und Konfession im Besonderen. Und es geht dann am Ende auch um gewisse aktuelle Problemlagen des Politischen, die Deutschland, Europa und die ganze Welt bewegen.

 

Die meisten Menschen philosophieren gelegentlich über sich und ihr Leben. Aber sie tun es nur spontan, wenn das Leben grundlegende Entscheidungen und drängende Probleme an sie heran trägt, die philosophische Fragen berühren. Die meisten Menschen haben zu keine Zeit und Muße dafür, sich dazu auch intensiv mit der Geschichte, Methodik und Systematik des Philosophierens auseinanderzusetzen. Vielen fehlt es an Bildung, Vorkenntnissen und Interesse, sich intensiver mit philosophischen Themen und Problemen auseinanderzusetzen. Manche beschäftigen sich lieber mit Themen aus den Bereichen von Gesundheit und Sport, Wirtschaft und Politik, Wissenschaften und Künsten, etc.

 

Einige Menschen interessieren sich jedoch intensiver für Philosophie und beschäftigen sich regelmäßiger und gründlicher mit philosophischen Gedanken. Manche lesen etwas über die großen Philosophen aus der Vergangenheit, die mit ihrem Leben, Denken und schriftlichen Zeugnissen bleibende Beispiele gegeben und hinterlassen haben, wie man über sich und das menschliche Dasein in der Welt philosophieren kann. Andere bevorzugen es, sich lieber mit zeitgenössischen Philosophen zu befassen, die sich auch mit den Themen und Problemen unserer Gegenwart befasst haben und noch befassen.

 

Die modernen Wissenschaften, Künste und Techniken stellen uns Menschen immer wieder vor neue Herausforderungen, die nicht alleine mit Hilfe der Wissenschaften, Künste und Techniken selbst bewältigt werden können. Keine wissenschaftliche Theorie und keine technische Erfindung können uns sagen, wie sie auf eine kluge Weise angewandt werden können, um trotz aller erhofften Erfolge unerwünschte Nebenwirkungen und langfristige schädliche Folgen zu vermeiden. Nicht alles, was anfangs als Fortschritt angepriesen, vermarktet und verkauft wird, stellt sich auch langfristig wirklich als Fortschritt heraus.

 

Wer philosophieren will, muss sich in der glücklichen Lage befinden, die dafür nötige Zeit und Muße zu finden. Nur, wer hinreichend Zeit und Muße hat, kann auch die gegebenen Situationen kennen lernen und die Tatsachen erforschen, die den anstehenden Entscheidungen vorausgehen. Wer etwas sach- und situationsgerecht entscheiden will und dabei möglichst allen Betroffenen gerecht werden will, der braucht die Chance, eine ganze Weile innehalten und zur Ruhe kommen zu können, damit gründliches Nachdenken über die Faktenlage und kluges Abwägen über gegebene Handlungssituationen sowie über Aufgaben, Forderungen, Werte und Ziele möglich wird. Das ist nicht nur die Aufgabe praktischer Vernunft im Alltagsleben, sondern auch die Aufgabe praktischen Philosophierens.

 

Zwar gibt es auch ein Philosophieren, das sich allzu sehr in lebensfremde und praxisferne Theorien ergeht und sich dadurch von der alltäglichen Lebenspraxis und dann auch von den ganz konkreten Lebensproblemen der meisten Menschen entzieht. Solches Denken nennt man im Anschluss an eine lange Tradition philosophischen Denkens kontemplativ, wenn man ihm wohlwollend begegnet, oder aber auch abstrakt bzw. spekulativ, wenn man sich davon distanzieren möchte.

 

Wer aufgrund anderweitiger Interessen, Kenntnisse, Fähigkeiten oder Motive nicht bereit ist, sich intensiver auf philosophisches Denken und die Geschichte, Methodik und Systematik der Philosophie einzulassen, der sollte vielleicht besser diese Internet-Seite wieder verlassen. Es gibt viele andere interessante Beschäftigungen, Interessen und Hobbies, denen die Leute nachgehen können und tatsächlich auch nachgehen. Zwar werden auch diese Leute gelegentlich über sich und ihr Leben philosophieren. Das bringt das Leben mit sich. Aber sie gehören dann eben nicht zu den Leuten, die intensiver einsteigen wollen und sich länger und gründlicher mit Philosophie befassen wollen. Das kann nicht nur am Zeitmangel liegen, sondern auch daran, dass andere Interessen stärker sind. Manchmal liegt es auch ganz einfach an der jeweiligen Persönlichkeit und am fehlenden Talent.

 

Ein Philosophieren ohne ein stärkeres persönliches Interesse an einer gründlichen Vertiefung in die Geschichte, Methodik und Systematik des Philosophierens in der Vergangenheit und Gegenwart wird kaum gute Früchte hervorbringen. Das Gleiche gilt für ein "abgehobenes" Philosophieren, das keinen vertieften seelischen Bezug zu den nahe liegenden Zielen und Zwecken des konkreten Alltagslebens mitsamt der drängenden Bedürfnissen und Interessen der einzelnen Menschen und Gesellschaften oder aber keinen geistigen Bezug zu den praktischen Idealen der ethisch-moralischen Orientierung der Denkens, Fühlen und Handelns hat.

 

Philosophie hat es nämlich mit den eigentlichen Zielen und Zwecken des menschlichen Daseins in der Welt zu tun. Es geht beim Philosophieren darum herauszufinden, ob es etwas gibt, was an und für sich selbst wertvoll und gut ist, und nicht bloß als ein probates Mittel zur zufälligen und situationsbedingten Realisierung irgendwelcher anderer beliebiger Ziele und Zwecke, die uns von Natur aus vorgegeben sind oder die wir uns aus erworbener Gewohnheit selbst gesetzt haben.


Insofern hat es Philosophie tatsächlich auch, aber nicht nur mit den sog. letzten Fragen angesichts der Endlichkeit des menschlichen Lebens zu tun. Mit anderen Worten geht es beim Philosophieren oftmals auch um den eigentlichen Sinn des menschlichen Daseins in der Welt, den man aufgrund der gemeinsamen menschlichen Natur offensichtlich auch verfehlen kann, sodass man zumindest unglücklich und unzufrieden wird, wenn nicht gar verzweifelt oder sogar seelisch und körperlich krank. Mit dieser tieferen Frage nach dem eigentlichen Sinn des menschlichen Daseins in der Welt, sind im Grunde schoan alle anderen wesentlichen philosophischen Fragen verbunden: Am Anfang mögen existenzielle und individualethische Fragen stehen, die jemand nur für sich selbst beantworten kann und die niemand anderes für ihn beantworten kann: Wer bin ich? Was will ich tun? Wie will ich leben? Was will und was kann ich erreichen?


Diese existenziellen Fragen sind für das je eigene Philosophieren von einer besonderen motivierenden Kraft. Aber sie sind nur der persönliche Ursprung, aber noch lange nicht der ganze Inhalt des philosophischen Fragens. Insofern geht alles Philosophieren zwar von persönlichen existenziellen Fragen aus, aber doch auch zugleich auch über sie hinaus. Denn die Fragen, danach, wer ich bin, was ich tun will, wie ich leben will und was ich in meinem eigenen endlichen Leben erreichen kann und will, kann kein Mensch beantworten, ohne sich zu fragen, was er oder sie selbst als ein Mensch ist und was es bedeutet als ein Mensch und als dieser eine und bestimmte Mensch unter anderen Menschen und unter bestimmten natürlichen Bedingungen und unter bestimmten sozialen und politischen Umständen in dieser Welt zu leben. Insofern führen die persönlichen existenziellen Fragen nach dem Sinn des jeweils eigenen Daseins in der Welt früher oder später zu den allgemeinen philosophischen Fragen nach der Art und Weise, wie Menschen überhaupt in dieser Welt leben und leben können und wie diese Welt beschaffen ist, in der ich selbst lebe und mein Leben zu führen gedenke.


Die philosophische Frage nach der Art und Weise, wie die Welt denn eigentlich beschaffen ist, wird seit einigen Jahrhunderten jedoch nicht mehr nur von der Philosophie beantwortet, sondern in erster Linie von den verschiedenen Wissenschaften, die die Gegenstände ihrer verschiedenen Fächer und Forschungsgebiete mit ihren jeweils passenden Methoden bearbeiten. Insofern sind alle Menschen, die gegenwärtig über die Beschaffenheit der Welt, in der sie leben, philosophieren wollen, gut beraten, sich mit den zuverlässigsten Resultaten der Einzelwissenschaften und deren begrenzten Gegenständen und Methoden der Erforschung von Teilgebieten der Welt auseinander zu setzen. Denn die wissenschaftliche Erforschung der Welt scheint neben der alltäglichen Erfahrung der jeweiligen Lebenswelt nach wie vor die beste Methode zu sein, um herauszufinden, wie die Welt im Großen und Ganzen sowie im Kleinen und Besonderen beschaffen ist.


Aber auch dann, wenn bereits alle Fragen danach beantwortet wären, wie die Welt im Großen und Ganzen des Universums sowie im Kleinen und Besonderen ihrer kleinsten physikalischen Teilchen beschaffen ist, wären die meisten existenziellen Fragen noch gar nicht beantwortet. Darauf hat im 20. Jahrhundert Ludwig Wittgenstein hingewiesen. Denn es gibt philosophische Fragen über die Welt, die die Einzelwissenschaften nicht beantworten können, sondern zurecht an die Philosophie oder manchmal auch an die Theologien der verschiedenen Religionen und Konfessionen delegieren. Die alte metaphysische Frage danach, warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr gar nichts gibt, kann keine Einzelwissenschaft beantworten. Die Frage, warum es überhaupt diese eine Welt gibt und nicht vielmehr gar keine Welt, grenzt zwar an die Grundfragen der naturwissenschaftlichen Kosmologie, aber die gegenwärtig akzeptierten Theorien über den Ursprung des Universums bestehen auch nur aus derzeit plausiblen Hypothesen darüber, wie dieses noch weitgehend unverstandene Universum vermutlich entstanden ist. Seriöse Einzelwissenschaftler stellen nur solche wissenschaftliche Fragen, die zu einem methodisch reflektierten und durchführbaren Forschungsansatz führen können und kümmern sich von Berufs wegen nicht um solche metaphysische Fragen, die sie ganz zurecht den Philosophen oder Theologen überlassen.


Aber auch die Frage, warum es auf unserem Planeten Erde überhaupt Leben gibt und auf welche Art und Weise die unzähligen Arten von Lebewesen entstanden sind, die nur aufgrund einer weitgehend unbeschädigten Erdatmosphäre und in einem lebenstauglichen Klima leben und überleben können, können Philosophen kaum ohne die ständige Berücksichtigung und intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Lebenswissenschaften von Geologie, Biologie und Ökologie angemessen behandeln. Diese Wissenschaften vom Lebendigen untersuchen nicht nur die natürlichen und naturgeschichtlichen Bedingungen, die es über viele Tausende von Jahren in der Vergangenheit ermöglicht haben, dass pflanzliches, tierisches und menschliches Leben auf der Erde möglich wurde. Sie können auch untersuchen, welche notwendigen Bedingungen in der Gegenwart hinreichend sind und in der Zukunft hinreichend bleiben müssen, damit die meisten Arten von pflanzlichem, tierischem und menschlichem Leben auf der Erde überhaupt erhalten bleiben können. Diese prognostischen Versuche, zuverlässige Aussagen über die Chancen und Risiken der Erhaltung des Lebens und damit auch der Menschheit auf der Erde anzustrengen, sind mittlerweile für das Überleben notwendig geworden. Die Menschheit kann es sich schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr leisten, sich nicht mit diesen wissenschaftlichen Fragen zu befassen.


Philosophen sind von daher gut darin beraten, sich mit diesem Problemen auseinanderzusetzen und in dieser ernsten Angelegenheit nicht auf allzu menschliche Vertröstungen und unrealistische Hoffnungen zu setzen. Auch wenn die Religionen und Konfessionen der Menschheit eine wichtige psycho-soziale Funktion für das einzelne Leben und die Persönlichkeitsentwicklung sowie für die vielfältigen Gemeinschaften und die öffentliche Sittlichkeit der meisten Menschen auf der Erde haben, sollte das Philosophen und Theologen nicht blind machen für die drängenden Probleme des aktuellen Klimawandels, der schwindenden Energieressourcen und des enormen Wachstums der Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten. Es hat in der Geschichte der Menschheit schon viele furchtbare Naturkatastrophen, wie Erdbeben und Vulkanausbrüche, Flutkatastrophen und Überschwemmungen, Hurrikane und Tornados, Seuchen und Epidemien sowie Wirtschaftskrisen, Kriege und Völkermorde sowie untergehende Kulturen gegeben. Dabei sind nicht nur Hunderte oder Tausende, sondern Millionen von Menschen umgekommen, ganz gleich, welchen Glauben sie hatten und was sie sich von Gott oder von ihren Göttern erhofft hatten.

 

Die praktische Notwendigkeit, trotz des Glaubens an Gott selbsttätig und nach besten Kräften das Nötige zu tun, widerspricht zumindest nicht dem Glauben der Religionen von Judentum, Christentum und Islam. Denn ihnen zufolge ist der Mensch ein Geschöpf Gottes, das zumindest in gewissen Grenzen mit einem freien Willen begabt ist und von daher auch die Verantwortung für sich selbst, das Wohlergehen der Menschen und der anderen Lebewesen auf der Erde übernehmen kann, darf und soll. Diese monotheistischen Religionen sind zumindest so lange kein Problem für die Zukunft der Menschheit, sondern auch ein wichtiger Faktor in der Lösung der anstehenden ökologischen Probleme als sie an Freiheit und Verantwortung appellieren, Gerechtigkeit fordern, Solidarität zeigen und Frieden stiften. Aber um sich als Jude, Christ oder Muslim für das Überleben der ganzen Menschheit auf der Erde einzusetzen, muss man zuerst daran glauben, dass diese Schöpfung an sich gut ist. Zumindest die Mehrheit der Menschen kann und darf nicht glauben, dass die Welt bloß eine monströse Fehlkonstruktion ist, die es nur noch wert ist, so bald wie möglich zugrunde zu gehen - oder dass die menschliche Spezies nur eine Krankheit ist, an der unser Planet Erde leidet. Ein Vertrauen in die Welt und das Leben brauchen Menschen auch dann,  wenn sie sowohl die Entstehung der Erde in unserem Sonnensystem als auch die Entstehung des Lebens und der Menschheit auf der Erde eher für das Produkt einer außerordentlichen Serie von kosmischen Zufällen hält. Auch das, was einem naturwissenschaftlichem Verständnis zufolge zufällig entstanden zu sein scheint, kann sehr schön sein und deswegen für so wertvoll erachtet werden, dass man es jedenfalls erhalten möchte.

 

Was so außerordentlich selten ist, wie das Leben auf der Erde und wie intelligentes Leben im Universum und erst recht in unserem eigenen Sonnensystem, hat schon alleine aufgrund seiner kosmischen Seltenheit einen ganz besonderen, unermeßlichen Wert. Wer also den Glauben an einen Schöpfergott und an seine Schöpfung der Welt aus dem Nichts nicht teilen kann (weil es ein Mythos ist, der mit Hilfe einer schönen Geschichte ein kosmisches Rätsel aufzulösen versucht), der möge sich wenigstens die Schönheit des Planeten Erde und das Wunder des Lebens mit seinen unzähligen Varianten und Formen vor Augen halten. Die Wahrnehmung der Schönheit und Erhabenheit der irdischen Natur kann für uns Menschen immer wieder eine Quelle der vitalen Kräfte unseres Leibes und eine Wonne für unsere Sinne sein. Trotzdem handelt es sich dabei um bloße Erscheinungsweisen der Natur und nicht um ihre tiefer wirkenden Kräfte und Seinsweisen, wie sie im Alltag und in den Naturwissenschaften erforscht werden. Deswegen sollten wir nicht vergessen, dass das Leben der Tiere und Pflanzen auch ein an sich sinnloser Kampf ums Dasein und ein ewiger unerbittlicher Kreislauf des Fressens und Gefressenwerdens ist. In der Welt der Tiere und Pflanzen an sich gibt es keinen Sinn und Unsinn, kein moralisches Gut und Böse, kein ethisches Recht und Unrecht. Sinn und Unsinn, Gut und Böse, Recht und Unrecht gibt es erst in der Welt des Menschlichen. Dass unter den Menschen als intelligenten Lebewesen mit leiblichem Bewusstsein und Selbstbewusstsein, Sprache und Denken, Ethosformen und Reflexionsweisen etwas Anderes gelten soll, als das sog. Recht des Stärkeren bzw. das sog. Gesetz des Dschungels, das in der Welt der Tiere und Pflanzen gilt, das sagen uns alle klassischen Philosophien und alle großen Religionen der Menschheit.

 

Philosophie kann sich der intensiven und extensiven Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen modernen Einzelwissenschaften nicht mehr entziehen. Gleichwohl sollte sie darauf bedacht sein, sich nicht der einen oder anderen dieser Einzelwissenschaften, wie z.B. der Physik, der Biologie oder der Soziologie, auszuliefern. Sobald sie das täte, verlöre sie sehr schnell ihre eigene Bestimmung als Philosophie. Die Philosophie hat nun einmal ihre eigene Bestimmung mit anderen, eigenen Zielen und Aufgaben, die niemals mit den Zielen und Aufgaben einer bestimmten Einzelwissenschaft zusammenfallen können. Deswegen muss sich die Philosophie immer wieder auch auf ihre eigenen Ziele und Aufgaben besinnen. Dazu kann sie immer wieder auch an eines der überlieferten Modelle des Philosophierens anknüpfen, aber dazu muss sie auch der Situation der Menschen in der Gegenwart und den neuen Problemen in der wissenschaftlich-technische geprägten Lebenswelt gerecht werden.


Der Traum von einem radikalen Neuanfang ohne eine Anknüpfung an bereits vorhandene Paradigmen und Modelle oder gar an eine ganz neue Philosophie scheint endgültig ausgeträumt zu sein. So etwas kann nur jemand erhoffen, der die Geschichte der Philosophie (noch) nicht kennt und deswegen auch deren bleibende Bedeutung für das philosophische Denken in der Gegenwart unterschätzt. Aber auch, wenn der Traum von einem solchen radikalen Neuanfang ohne Anknüpfung an irgendwelche Vordenker ausgeträumt zu sein scheint, heißt das noch lange nicht, dass es gar keine Grundlegung der Philosophie in Anknüpfung an bestimmte Vordenker geben könnte.

 

Daraus folgt jedoch nicht, dass sich Philosophen nur noch auf einem geerbten Trümmerfeld von Ruinen aus der Geschichte der Philosophie bewegen können. Manche Philosophiehistoriker meinen, dass sich heutige Philosophen nur noch einige Fundstücke aus solchen Ruinen verstehend aneignen können. Das gegenwärtige Ende des Traumes von einer absoluten und endgültigen Grundlegung der Philosophie bzw. von einem vollkommenen System der Philosophie bedeutet nicht, dass sich Philosophen nur auf einer Spielwiese von gedanklichen Beliebigkeiten hin und her bewegen können, bis sie irgend wann bemerken, dass sie sich immer nur im Kreise gedreht haben.


Das Ende des Traumes von einem absoluten und ahistorischen Neuanfang bedeutet jedoch auch nicht, dass sich Philosophen nur noch mit verschiedenen Phänomenen der gemeinsamen Lebenswelt befassen können, dann aber alles philosophische Denken im Bruchstückhaften und Zusammenhanglosen lassen müssen. Und schließlich bedeutet das Ende des Traumes von einem absoluten und ahistorischen Anfang auch nicht, dass zeitgenössische Philosophen nicht an bestimmte Überzeugungen und Methoden von großen Philosophen, wie z. B. Platon und Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin, Kant und Hegel, Franz Brentano und Charles Sanders Peirce, Nicolai Hartmann und Karl Jaspers anknüpfen könnten.

 

Auch wenn manche Neuansätze und Denkwege als solche nicht mehr weiter führen, um eine neue systematische Philosophie nach dem klassischen Zuschnitt eines Platon oder Aristoteles, eines Kant oder Hegel zustande zu bringen, so können sie doch zumindest zur produktiven Reparatur, umsichtigen Transformation und langfristigen Rehabilitation von deren Systematik beitragen. Klar scheint mir zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur, dass eine rein subjektivistische Bewusstseinsanalyse im Anschluss an Husserl, eine bloß faktizistische Daseinsanalyse im Anschluss an Heidegger und eine nur kulturrelativistische Sprachanalyse im Anschluss an Wittgenstein alleine nicht genügen können, um zur vollständigen Gestalt einer systematischen Philosophie mit theoretischer, praktischer und poietischer Philosophie zu gelangen. Diese wirkungsmächtigen Leitfiguren der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts taugen nicht für eine produktive Weiterführung des philosophischen Denkens in unserem noch recht jungen 21. Jahrhundert. Dies gilt aus verschiedenen Gründen ebenfalls für die drei großen Wegbereiter der sog. Analytischen Philosophie: Gottlob Frege, Bertrand Russell und Rudolf Carnap.


Eine Philosophie, die sich den ursprünglichen Fragen nicht nur nach dem Gelingen des eigenen Lebens in der unvermeidbarer Konfrontation mit Konflikten und "Grenzsituationen" (Jaspers), sondern auch nach einem gedeihlichen Zusammenleben in nachhaltigen politischen Verbänden und Institutionen bewusst bleibt, kann sich nicht bloß auf das eigene Dasein und das persönliche, aber irrationale Engagement zurückziehen. Sie muss vielmehr darauf abzielen, die realen Lebensverhältnisse der Menschen, Tiere und Pflanzen sowie die kulturellen, ökonomischen und politischen Tendenzen der modernen Industrie- und Informations-Gesellschaften nicht nur phänomenologisch beschreiben, positivistisch erklären und willkürlich verändern zu können, sondern sie wirksam und nachhaltig, auch kritisch-rational und konstruktiv verbessern zu können.

 

Zwar müssen Philosophen wie alle Menschen und Bürger zuerst die Verhältnisse und Umstände in der Lebenswelt verstehen und erklären können, um etwas Konkretes zu ihrer nachhaltigen Verbesserung beitragen zu können. Aber um etwas wirklich und nachhaltig verbessern zu können, brauchen Menschen jedenfalls auch realisierbare Ziele und Aufgaben im Lichte eines empirisch adäquaten und kognitiv-kohärenten Horizontes einer sittlichen Orientierung. Ein Philosophieren ohne praktische Philosophie, d.h. ohne Ethik, ohne Rechtsphilosophie und ohne politische Philosophie, würde auf einer Schwundstufe dessen stehen bleiben, was die paradigmatischen Philosophien der europäischen Tradition einmal gewesen sind.


Der gegenwärtige Zeitgeist ist gegenüber einem authentischen Philosophieren in einer kritischen und konstruktiven Auseinandersetzung mit der philosophischen Überlieferung eher skeptisch als wohlwollen und neigt von daher eher zu einem selbstherrlichen und modischen Denken auf einer subjektivistischen, positivistischen oder relativistischen Schwundstufe. In diesem Sinne zeugen die folgenden Seiten von einem ehrgeizigen Versuch, den hastigen Zwängen des Zeitgeistes und des akademischen Karrieredenkens mit seiner Unterwerfung unter die technische Beschleunigung und die Ökonomisierung aller menschlichen Lebensverhältnisse zu entkommen. Ein Scheitern ist bei einem echten und ernsthaften Philosophieren immer möglich, aber "es kommt darauf an das Hoffen zu lernen" (Ernst Bloch).

 


Ulrich W. Diehl