Die Wachen haben eine gemeinsame Welt, im Schlaf wendet sich jeder seiner eigenen zu.

 

Heraklit

 

 

Aristoteles sagt irgendwo: Wenn wir wachen, so haben wir eine gemeinschaftliche Welt,

träumen wir aber, so hat jeder seine eigne.

 

Immanuel Kant, Träume eines Geistersehers

 

 

Der logische Egoist hält es für unnötig, sein Urteil auch am Verstande Anderer zu prüfen;

gleich als ob er dieses Probiersteins (criterium veritatis externum) gar nicht bedürfe. ...

Dem Egoismus kann nur der Pluralismus entgegengesetzt werden,

das ist die Denkungsart: sich nicht als die ganze Welt in seinem Selbst befassend,

sondern als bloßen Weltbürger zu betrachten und zu verhalten.

 

Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht

 

 

 

Sie betrachten die Internetseiten von Ulrich Walter Diehl aus Heidelberg. Auf diesen Seiten geht es in erster Linie um Philosophie und zwar um die Grundzüge einer kritisch-realistischen Philosophie, sodann um evangelische Theologie und schließlich um politische Aufklärung.

 

Die Philosophie des kritischen Realismus, die ich hier darstelle, geht im Wesentlichen auf philosophische Einsichten zurück, die ich in meiner langjährigen Auseinandersetzung mit den philosophischen Werken und differenzierten Positionen von Immanuel Kant, Franz Brentano, Edmund Husserl und Nicolai Hartmann gewonnen habe. Ihnen allen verdanke ich mehr als ich hier en detail zum Ausdruck bringen kann - vermutlich auch, dass ich kein Hegelianer und kein Marxist geworden bin, also weder Idealist noch Materialist. Das hatte zwar sicher auch lebensgeschichtliche Ursachen und Gründe, aber jemand kann nur durch eine intensive Auseinandersetzung mit solchen Autoritäten zu sich selbst und seiner eigenen "Position" finden. Sowohl beim Idealismus als auch beim Materialismus handelt es sich um monistische Weltanschauungen, die die irreduzible ontologische Komplexität der Wirklichkeit und die verstehbare Fülle des Seienden ebenso verkennen wie die methodische Vielfalt der modernen Wissenschaften.

 

Vor allem aber habe ich mit ihrer Hilfe das fatale Schisma zwischen analytischer Sprachphilosophie und verschiedenen Spielarten der Phänomenologie überwinden können, das etwa seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein den größten Teil der universitären Schulphilosophie dominiert. Die analytische Philosophie ist (mit einigen Ausnahmen wie z.B. bei Hector-Neri Castaneda, Roderick Chisholm, Dagfinn Foellesdal, Thomas Nagel, u.a.) weitgehend logo-ratio-zentrisch und vernachlässigt die raum-zeitliche Wirklichkeit der Lebenswelt, die wir Menschen mit unseren Sinnen in ihrer zeitlichen Dynamik wahrnehmen und durch erkundende Interaktion in ihrer ontologischen Komplexität erkennen können. Deswegen hat sie auch eine Tendenz zum Szientismus. Weil sie selbst so weltarm bleibt, klammert sie sich ersatzweise an das sog. wissenschaftliche Weltbild mit seinen reduktionistischen Grundgedanken. Die Phänomenologie hingegen ist oft egozentrisch und fundamentalistisch. Sie verleugnet anders als der Common Sense, dass es eine von unserem menschlichen Bewusstsein und Geist unabhängige und eigenständige Wirklichkeit gibt, die wir Menschen perspektivisch wahrnehmen und objektiv erkennen können, in der wir Anderen begegnen und in der wir miteinander sprechen und handeln können.

 

Obwohl ich in meinem Studium der Philosophie in Heidelberg, Würzburg und Bloomington (Indiana, USA) Kant und den Deutschen Idealismus, Brentano und die Phänomenologie sowie Wittgenstein und die Analytische Philosophie kennen und verstehen gelernt hatte, konnte ich aufgrund verschiedener Einwände und skeptischer Vorbehalte niemals einer dieser verschiedenen Philosophien ganz und gar zustimmen. Deswegen habe ich in der Auseinandersetzung mit Kant, Brentano, Husserl und Hartmann Einsichten gewonnen, die zum harten Kern meiner philosophischen Intuitionen und weltanschaulichen Überzeugungen wurden. Ich habe diesen vier bedeutenden Philosophen am meisten vertraut, weil sie sich alle jeweils in ihrer Zeit mit methodischer Skepsis auf eine unbestechliche Weise um ein wissenschaftliches Philosophieren bemühten, das vor allem der Erforschung der Situation des Menschen in der Welt verpflichtet war und dabei fast alle klassischen und neueren Gebiete der europäischen Philosophie berücksichtigte.

 

Trotz ihrer ähnlichen Methoden und Ziele hatten diese vier Philosophen jedoch teilweise verschiedene Voraussetzungen und kamen teilweise zu unvereinbaren Ergebnissen. Diese Unvereinbarkeiten forderten mein kritisches Nachdenken heraus und regten mich dazu an, in ihrem Sinne selbstständig weiter nachzudenken. Leitmotiv war für mich dabei stets das paulinische Motto: "Prüfet Alles, das Gute behaltet!" Dabei war es natürlich hilfreich, dass sich schon Brentano und der frühe Husserl intensiv mit Kants kritischer Philosophie auseinandergesetzt haben und dass sich dann später auch Nicolai Hartmann nicht nur mit den Positionen von Platon und Aristoteles, sondern auch mit denen von Husserl und Kant auseinandergesetzt hatte. In dieses nach-kantische Philosophieren, das immer noch gültige Einsichten aus der Tradition aufnimmt, bewahrt und in auch heute noch plausible philosophische Konzeptionen einfügt, gehörten für mich zuerst Carl-Friedrich von Weizsäcker und Georg Picht, dann bei meinem Studium an der Indiana University in den USA Hector-Neri Castaneda und danach Hans-Georg Gadamer und Wolfgang Wieland. Auch ihnen habe ich sehr viel zu verdanken.

 

Wenn Philosophen in der Vergangenheit wirklich etwas Wahres und Richtiges entdeckt haben, dann bleibt das - wie in den formalen und empirischen Wissenschaften auch - weiterhin gültig. Das ist beim formal-logischen Prinzip des (auszuschließenden) Widerspruches nicht anders als beim mathematischen Satz des Pythagoras. Das ist bei Einsichten in die ontologischen Grundstrukturen der Welt nicht anders als bei Einsichten in die existenziellen Lebensbedingungen des menschlichen Daseins in der Welt. Und das ist bei Einsichten in die kategorialen Strukturen des menschlichen Geistes nicht anders als bei Einsichten in begriffliche Zusammenhänge theoretischer, praktischer und poietischer Vernunft. Natürlich muss es sich dabei auch wirklich um allgemein und sachlich gültige Einsichten handeln und nicht nur um subjektive Eindrücke, spontane Einfälle oder persönliche Überzeugungen.

 

Solche philosophische Einsichten sind Früchte eines strengen Philosophierens mit Hilfe methodischer Skepsis und dem Ziel objektiv gültiger Erkenntnis. Philosophische Einsichten ergeben sich durch eine strenge Disziplin selbstkritischen und diskursiven Denkens. Sie werden auf die Probe gestellt durch die regelmäßige Konfrontation mit Andersdenkenden und durch wirkungsgeschichtliche Bewährung über mehrere Generationen hinweg. Ein mutiges Festhalten an solchen philosophischen Einsichten ist kein Dogmatismus, wie der skeptizistische, subjektivistische und relativistische Zeitgeist gerne unterstellt. Dogmatismus ist vielmehr nur das unbewusste oder mutwillige Immunisieren von blinden Vorurteilen und von fragwürdigen Überzeugungen gegen berechtigte Einwände. In diesem Sinne ist dann auch das defensive Immunisieren von skeptizistischen, subjektivistischen und relativistischen Überzeugungen dogmatisch.

 

Nicht wenige Zeitgenossen zweifeln daran, dass es überhaupt eine objektive Erkenntnis von bestehenden Sachverhalten in der Welt gibt. Sie glauben, dass es nur subjektive Meinungen und dann Meinungen über Meinungen gibt. Das aber halten sie dann seltsamerweise für wahr und widersprechen sich damit selbst. Denn wenn es keine objektive Erkenntnis von Sachverhalten in der Welt gibt, dann kann die Überzeugung, dass es nur subjektive Meinungen und Meinungen über Meinungen gibt, auch nicht objektiv wahr sein. Es handelte sich dann auch nur um eine weitere Meinung über einen beliebigen Wahrheitsanspruch von Meinungen. Das aber können sie gar nicht zugestehen, weil es damit zugleich den Anspruch aufhebt, etwas Richtiges zu behaupten. So verstricken sich alle Skeptiker, Subjektivisten und Relativisten unweigerlich in Widersprüche.

 

Die im Volksmund beliebte Frage, ob das Glas halbvoll oder halbleer sei, soll darauf verweisen, dass die Antwort jeweils von der optimistischen oder pessimistischen Einstellung des Betrachters abhänge. Nun ist es sicher zutreffend, dass die jeweilige Antwort den subjektiven Faktor der persönlichen Einstellung oder Stimmung offenbart. Aber dies ist auch eine weithin anerkannte Tatsache, die sich dadurch erklären lässt, dass Lebewesen mit Bewusstsein und also auch Menschen psychische Einstellungen, Prozesse und Zustände haben, die subjektive Phänomene enthalten. Deswegen ist es sicher möglich, zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven sowie zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Aber es ist deswegen auch fragwürdig, ganz allgemein das Subjektive um des Objektiven willen oder das Objektive um des Subjektiven willen zu leugnen. Zwar bedarf es immer der Urteilskraft, um entscheiden zu können, worauf es in einer bestimmten Situation gerade ankommt. Aber nur eine Philosophie, die beides kennt und versteht, kann der komplexen Wirklichkeit gerecht werden. Andernfalls wird sie zur bloßen Ideologie.

 

Das Glas jedenfalls existiert unabhängig von dem Grad seiner jeweiligen Füllung. Deswegen kann man (sich) auch die Frage stellen, ob das Glas ganz voll oder ganz leer sei? Wenn es immer leer bleibt, weil es kein Wasser mehr gibt, könnte jemand verdursten. Wenn es immer wieder voll ist, aber mit Schnaps gefüllt wird, dann könnte jemand betrunken werden. Es gibt zwar wirklich subjektive Phänomene, aber deswegen ist doch nicht alles bloß subjektiv. Subjektivismus im Sinne der Verweigerung des Strebens nach Objektivität ist eine irreführende Ideologie und manchmal eine eigen-nützige Realitätsverweigerung. Objektivismus ohne ein erworbenes Bewusstsein der subjektiven Voraussetzungen des Erkennens und Wissens ist jedoch auch problematisch. Deswegen bevorzugen kritische Realisten die Kunst der Unterscheidung zwischen dem Subjektivem und dem Objektiven. Dieses Bewusstsein der eigenen und fremden Subjektivität inmitten objektiver Gegebenheiten ist gewissermaßen eine höhere Objektivität.

 

Manche meinen dann, dass "die Wahrheit zu zweit beginnt", als ob die bloße Intersubjektivität oder der bequeme Konsens ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre. Menschen können sich jedoch auch zu zweit irren und ihre gemein-samen Irrtümer unbekümmert teilen. Deswegen bedarf es eher eines drastischen Appells als einer weiteren rationalen Argumentation, die die bequeme Selbstimmunisierung der Skeptiker, Subjektivisten und Relativisten kaum zu durch-brechen vermag. Zum Beispiel: Die lebensgefährliche und zumindest teilweise von Menschen erzeugte Erderwärmung verschwindet weder dadurch, dass jemand glaubt, dass es sie gar nicht gibt, noch dadurch, dass zwei sich darin einig sind, dass es sie gar nicht gibt. Sie würde noch nicht einmal verschwinden, wenn ein ganzes Volk oder gar alle Völker der Vereinten Nationen sich darin einig wären, dass es sie nicht gibt.

 

Auch die sinnliche Wahrnehmung ist nicht immer notwendigerweise die Lösung zur Entscheidung über die Existenz eines Sachverhaltes, wie Empiristen und Phänomenologen fälschlich meinen. Radioaktive Strahlung kann zumindest in niedrigen Dosierungen vorhanden sein und sich schädlich auswirken, obwohl niemand sie sehen oder hören, riechen oder schmecken, ertasten oder fühlen kann. Deswegen wird sie gewöhnlich mit Geigerzählern gemessen. Sie kann genau so wie kausale, teleonome und intentionale Beziehungen nur rational erschlossen werden. Die Wirklichkeit richtet sich nun einmal nicht nach den Empfindungen und Wahrnehmungen, Gefühlen und Überzeugungen der Menschen, sondern die Menschen müssen sich auf die Realität einlassen, wenn sie etwas wirklich erkennen und wissen wollen und sich nicht nur mit ihren willkürlichen Meinungen und gewohnten Überzeugungen durchsetzen wollen. Und es gibt eben auch Wirkliches, das Menschen nicht mit ihren Sinnen wahrnehmen, empfinden oder fühlen können.

 

Wissenschaftliches Philosophieren sucht nach allgemein und sachlich gültigen Einsichten, die zeitlos gültige Wahrheiten vermitteln jenseits subjektiver Eindrücke, spontaner Einfälle und persönlicher Überzeugungen, die allesamt immer noch wahr oder falsch, richtig oder unrichtig sein können. Solche echten Einsichten sollten jedoch im Prinzip sprachlich vermittelbar und intersubjektiv nachvollziehbar sein, um dann von Anderen auch verstanden werden zu können und um nach skeptischer Überprüfung eine persönliche oder gemeinschaftliche Zustimmung finden zu können. Deswegen kommt es darauf an, dass sich spätere Generationen in offenen Bildungsprozessen solche philosophischen Einsichten ihrer Vorgänger erneut verstehend aneignen können, um ihnen dann gegebenenfalls selbst zustimmen zu können. Auf diese Weise bleibt der große geschichtliche Strom der philosophischen Einsichten in dauerhaft gültige Wahrheiten lebendig und das gemeinsame Philosophieren in diesem Geist kann den skeptizistischen Subjektivismus und den sophistischen Relativismus der bloßen Meinungsvielfalt überwinden, der immer wieder zu einer gefährlichen Herrschaft der blinden Willkür und des egozentrischen Willens zur Macht führen kann.

 

Der kritische Realismus, den ich hier vorstelle, knüpft zwar in einigen Hinsichten an die kritische Philosophie Kants an.

Er geht jedoch in einigen wichtigen Hinsichten über Kant hinaus. Dabei bewegt er sich jedoch nicht wie die Deutschen Idealisten in Richtung eines ontologischen oder metaphysischen Idealismus, sondern gerade umgekehrt wie Franz Brentano und Nicolai Hartmann in Richtung eines neoklassischen Realismus. Allerdings esteht er dabei auf dem Bewußtsein der subjektiven Bedingungen der Möglichkeit der objektiven Erkenntnis und des Wissens von wirklichen Gegebenheiten. Der kritische Realismus unterscheidet sich einerseits von Husserls egologischer Phänomenologie der Subjektivität und Intersubjektivität mit ihrer ontologischen Zurückhaltung (Epoché) und andererseits vom Positivismus und Szientismus durch eine größere Wertschätzung des Common Sense und der alltäglichen Welterfahrung gegenüber der wissenschaftlichen Konstruktion von Hypothesen und Theorien. 

 

Der kritische Realismus ist von daher keine Transzendentalphilosophie mehr im Sinne Kants oder im Sinne des mittleren und späten Husserl. Denn er geht (1.) mit Nicolai Hartmann davon aus, dass die raum-zeitliche Welt auf der unteren physischen Ebene aus verschiedenen Formen von Materie und Energie besteht und dass sie ontologische Ordnungen, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten aufweist, die unabhängig vom (eigenen) menschlichen Bewusstsein und Intellekt bestehen. Er geht (2.) mit Brentano davon aus, dass Raum und Zeit nicht nur (inter-) subjektive Formen der mensch-lichen Erfahrung sind, sondern vom menschlichen Bewusstsein, Denken und Geist unabhängige Ordnungen (Kontinua) der Wirklichkeit, die auch schon vor der kosmischen Entstehung des Lebens und vor der evolutionären Entstehung des Menschen existiert haben. Er geht weiterhin (3.) davon aus, dass erwachsene Menschen mit einem weitgehend gesundem Menschenverstand im Alltag und in den Wissenschaften nicht nur sinnliche Eindrücke, einfache Erschei-nungen oder komplexe Phänomene, sondern reale Situationen und Einzeldinge, Ereignisse und Prozesse sowie organische Lebewesen und menschliche Personen und ihre psychischen Erlebnisse, Äußerungen und Befindlichkeiten mehr oder weniger gut wahrnehmen, erkennen und entdecken, verstehen und erklären können. Zu diesem Zweck haben und nutzen sie sowohl empirische als auch apriorische Begriffe, Kategorien und Axiome, wie z.B. solche des Logischen und des Mathematischen oder auch des Ethischen, Moralischen und Rechtlichen, die sie nicht bloß aus der Erfahrung (Selbst- und Welterfahrung) gewonnen haben können. Sie haben einige Ideale, Prinzipien, Normen und Werte anfangs gemeinsam mit der Sprache, dem Denken und Handeln in einer menschlichen Gemeinschaft erworben und sie haben andere dann im Laufe des Lebens angesichts von persönlichen Konflikten, sachlichen Problemen und höherstufigen Lernprozessen entdeckt und weiter entwickelt. (Jean Piaget und Erik Erikson)

 

Mit Kant, Husserl und Hartmann akzeptiere ich (4.), dass es für das endliche Bewusstsein, den begrenzten Verstand und die apriorische Vernunft des Menschen bestimmte Grenzen möglicher Erkenntnis und möglichen Wissens gibt. Das schließt dann aus, dass jemand alleine durch vernünftiges Nachdenken empirisch erkennen oder gar apriori im Sinne logisch-mathematischer Stringenz beweisen kann, dass es einen Gott gibt, was sein mutmaßliches Wesen und sein vermeintlicher Wille sind. Ebenso wenig kann jemand alleine durch vernünftiges Nachdenken erkennen oder gar formal beweisen, dass es eine unsterbliche Geistseele, ein Leben nach dem Tod oder eine leibliche Auferstehung der Toten gibt. Bei diesen religiösen Angelegenheiten, die Transzendentes jenseits aller möglichen Selbst- und Welterfahrung im Alltag und in den Wissenschaften betreffen, handelt es sich zwar um wichtige Themen des Glaubens, die für die meisten Menschen vor allem im Alter, im Leiden und im Sterben existenziell relevant sind. Aber es handelt sich dennoch um etwas, was wir Menschen alleine durch philosophisches Nachdenken nicht sicher erkennen oder wissen können. Das schließt jedoch nicht aus, dass es philosophische Argumente für einen Glauben an Gott (z.B. als Urgrund der schöpfe-rischen Entwicklung des Universums und der Evolution des Lebens und der Menschheit auf der Erde) gibt, die den Glauben an Gott zumindest als plausibel und rational ausweisen und die dem Unglauben der Atheisten und Skeptiker zumindest ebenbürtig sind.

 

Religiöse Glaubensinhalte können innerhalb eines strengen, wissenschaftlichen Philosophierens mit kontroversen Argumenten pro und contra rational diskutiert werden (Kant und Brentano; Hoerster, Mackie, Plantinga und Swinburne), d.h. sie sind weder bloßer Unsinn noch wahnhafte Illusion, wie die Positivisten meinten und wie es militante Atheisten und Szientisten immer noch propagieren. Aber solche rationalen Kontroversen enden oftmals in tiefen Aporien ohne eine einhellige rationale Lösung, die für alle kompetenten Teilnehmer an einer solchen Kontroverse einsichtig oder plausibel wäre. Wer jenseits von denkfauler Bequemlichkeit, bloßer Heuchelei, bloßem Willen zur Macht und allzu menschlicher Selbsttäuschung wirklich an Gott, an eine unsterbliche Geistseele oder an eine leibliche Auferstehung glaubt, der glaubt dies gewöhnlich aufgrund seiner religiösen Erziehung oder einer religiösen Erfahrung (wie z.B. einer Bekehrung oder Erweckung, einer Außerkörpererfahrung oder eines Nahtoderlebnisses) oder aufgrund seiner Liebe zu und seines besonderen Vertrauens in eine religiöse Autorität (wie z.B. von Jesus oder Paulus, Moses oder Mohammed), oder auf eine Heilige Schrift mit Offenbarungsanspruch (wie z.B. die Bibel, den Tanach oder den Koran). Wer sich mit solchen emotionalen Glaubensursachen jedoch nicht abfinden möchte, muss sich dann um rationale Gründe bemühen, um seine erworbenen Neigungen zum Glauben zu überprüfen und um sie - falls möglich - in rationale Überzeugungen zu verwandeln.

 

Die Beschränkung auf die Erkennbarkeit des menschlichen Daseins in der raum-zeitlichen Lebenswelt und im weiteren Universum bedeutet jedoch keineswegs, dass der kritische Realismus einen allgemeinen Skeptizismus, Subjektivismus oder gar Relativismus begünstigen würde. Ganz im Gegenteil handelt es sich weder um eine Form des Skeptizismus im Sinne Humes, demzufolge wir im Alltag und in den Wissenschaften bestenfalls mehr oder weniger gute empirische Vermutungen anstellen können, aber kein gut begründetes Wissen über kausale, funktionale, teleonome oder intentio-nale Zusammenhänge in unserer Lebenswelt und im Universum erreichen können. Noch handelt es sich um eine Form des Empirismus im Sinne Lockes, demzufolge Menschen keine gemeinsame menschliche Natur und keine angeborenen kognitiven Anlagen (Tabula-rasa) haben, weil das menschliche Bewusstsein angeblich immer nur ein zufälliges Bündel von erworbenen Impressionen und Assoziationen darstellt. (Thomas Reid, Erich Fromm, Steven Pinker)

 

Auch handelt es sich weder um einen problematischen Idealismus im Sinne Descartes, demzufolge wir angeblich nicht wissen können, ob es wirklich eine eigenständige und bewusstseinsunabhängige Außenwelt gibt, noch um einen dogmatischen Idealismus im Sinne Berkeleys, demzufolge das wirkliche Dasein der Dinge in der Lebenswelt und im Universum angeblich nur ein bloßes Wahrgenommenwerden (esse est percipi) darstellt. Schon gar nicht handelt es sich um einen egozentrischen und selbstherrlichen Idealismus im Sinne Fichtes, demzufolge es gar keine vom menschlichen Bewusstsein unabhängige Welt gibt, sondern nur vom tätigen Ich behauptete Tatsachen. Anders als Kant denke ich jedoch wie Brentano, dass es keiner rationalen "Widerlegung des Idealismus" bedarf, weil die Beweislast bei denjenigen liegt, die etwas so Offensichtliches wie die Existenz einer eigenständigen Wirklichkeit gegen den Common Sense, gegen den gesunden Menschenverstand und gegen die erfolgreiche Praxis im Alltag und in den Wissenschaften bestreiten.

 

Skeptische Gedankenexperimente wie das berühmte Cartesische Traumargument, das Wittgenstein'sche Privat-sprachenargument oder Putnams Brain-in-a-Vat-Argument sind zwar interessante Gedankenexperimente, aber für die allgemeine und gewöhnliche Erkenntnispraxis im Alltag und in den Wissenschaften so weit hergeholt, dass sie jenseits relevanter Wahrscheinlichkeiten und rationaler Plausibilitäten liegen. Hinter solchen Gedankenexperimenten steckt gewöhnlich eine übertriebene Sehnsucht nach einer Gewissheit, die zwar zur Logik und Mathematik sowie zur unmittel-baren sinnlichen Gewissheit gehört, aber in der individuellen oder gemeinschaftlichen Erkenntnispraxis im Alltag und in den empirischen Wissenschaften gewöhnlich nicht erreichbar ist (John Dewey). Außerdem bleibt dabei die Intentionali-tät der meisten psychischen Phänomene der Wahrnehmung und des Urteils ebenso außer Acht wie die epistemische Überprüfbarkeit der eigenen Wahrnehmungen und Urteile an den Wahrnehmungen und Urteilen anderer Menschen mit Urteilskraft und gesundem Menschenverstand.

 

Deswegen bedarf es dann anders als bei Kant auch keiner "Transzendentalen Deduktion" (Rechtfertigung der objektiven Gültigkeit) der (inter-)subjektiven Kategorien mehr, weil die erworbenen Denkkategorien des empirischen Verstandes zugleich als gut bestätigte ontologische Seinskategorien der Lebenswelt gelten dürfen. Auch psychologische Kategorien der Selbst- und Fremdzuschreibung psychischer Phänomene, reflexive Kategorien der theoretischen, praktischen und poietischen Vernunft sowie apriorische Kategorien, wie z.B. logische, mathematische und bestimmte ontologische Operatoren, haben sich ebenfalls zum größten Teil in der alltäglichen und wissenschaftlichen Praxis der Anwendung auf konkrete Gegenstände oder Personen in der externen Lebenswelt so gut bewährt, dass es keiner transzendentalen Argumente für ihre Anwendbarkeit bzw. für ihre objektive Gültigkeit mehr bedarf. Methodischer Zweifel muss in der Philosophie wie in den formalen und empirischen Wissenschaften immer der jeweiligen Thematik und Problematik angemessen sein und von daher begrenzt werden. (Aristoteles und Ludwig Wittgenstein)

 



 

Die Philosophie des kritischen Realismus, die ich hier entfalte, unterscheidet sich jedoch auch von der Analytischen Philosophie dadurch, dass sie sich nicht nur mit der logischen und semantischen Analyse von sprachlichen Begriffen und philosophischen Argumenten für beliebige Thesen befassen will, sondern (1.) mit der allgemeinen und überprüfbaren Situation des menschlichen Daseins in der Welt, (2.) mit den allgemeinen und überprüfbaren ontologischen Strukturen der Lebenswelt sowie (3.) mit den allgemeinen empirischen Kategorien des menschlichen Verstandes und (4.) mit den universalen apriorischen Kategorien und Prinzipien der theoretischen, praktischen und poietischen Vernunft in der gelingenden Praxis im Alltag und in den Wissenschaften.

 

Sie unterscheidet sich auch deswegen von der Analytischen Philosophie, dass sie mit Kant und über Kant hinaus gehend die vielfache Existenz und philosophische Relevanz von synthetisch-apriorischen Prinzipien und Operationen in Logik und Mathematik (Analysis und Geometrie), in Allgemeiner Ethik, Moral- und Rechtsphilosophie (Otfried Höffe, Kategorische Rechtsprinzipien) sowie in der Staatslehre und in der politischen Philosophie anerkennt und verteidigt. Anders als bei Kant handelt es sich dabei jedoch nicht nur um formale Einsichten in interne kognitive Strukturen der Vernunft oder interne Formen der sinnlichen Anschauung, sondern wie beim frühen Husserl (LU) auch um materiale Einsichten in interne kognitive Strukturen des Bewusstseins und in externe Grundstrukturen der Lebenswelt und des menschlichen Daseins beim zutreffenden und erfolgreichen Denken, Urteilen und Handeln über sich selbst, andere Personen und die raum-zeitliche Lebenswelt.

 

Die Analytische Philosophie , die ihre historischen Anfänge im Positivismus des Berliner und Wiener Kreises, bei Frege und Wittgenstein, bei Russell und Moore hatte, ist seit einigen Jahrzehnten in der sog. westlichen Welt (GB, USA, Australien und Europa) die dominante Schulphilosophie. Sie hat nach dem 2. Weltkrieg jedoch verschiedene Phasen durchlaufen und sich von vielen anfänglichen Dogmen und Methoden entfernt. Heute diskutiert sie Themen und Probleme aus fast allen klassischen Fachgebieten der Logik und Sprachphilosophie, der Erkenntnis- und Wissenschafts-theorie, der Ontologie und Metaphysik, der philosophischen Psychologie (Philosophy of Mind) und Handlungstheorie, der Ethik und Rechtsphilosophie sowie der Religionsphilosophie. Allerdings liegt dabei der methodische Schwerpunkt immer noch in der logischen und sprachlichen Analyse von Begriffen und Argumenten ohne formales synthetisches Apriori wie bei Kant und ohne materiales Synthetisches Apriori wie beim frühen Husserl (LU).

 

Inhaltlich dominiert dann ersatzweise meistens eine naturalistische und szientistische Weltanschauung, die eigentlich ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert darstellt. Daraus resultiert dann ethisch und politisch eine affirmative Haltung zum skeptizistischen Individualismus und relativistischen Liberalismus, zur modernen Technokratie und zum ökonomisch-politischen Kapitalismus auf Kosten der vitalen, existenziellen und personalen Interessen der menschlichen Natur und der natürlichen Lebensbedingungen der Menschheit. Inhaltlich fehlt ein ernsthaftes Interesse an philosophischer Anthropologie und der zweiten, kulturellen Natur des Menschen, an der Leiblichkeit und Sozialität menschlicher Personen, an ökologischen, kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen menschlicher Existenz und persönlicher Entwicklung, an den komplexen Verflechtungen des Kulturellen, Ökologischen, Ökonomischen und Politischen über-haupt, an den Grenzsituationen der menschlichen Existenz und psychiatrischer Psychopathologie sowie an den verschiedenen Formen der Ethik, Mystik, Spiritualität und Lebenspraxis in den großen Religionen der Menschheit. Obwohl die blinden Flecken der Analytischen Philosophie enorm sind, werden sie immer noch nicht angemessen aufgezeigt und kritisiert.

 

Zwar gibt es zumindest in Deutschland noch einige wenige Repräsentanten anderer philosophischer Schulen, wie z.B. der Frankfurter Schule, der Lebensphilosophie, des Kritischen Rationalismus, des Erlanger und Konstanzer Konstruk-tivismus oder der Neuen Phänomenologie. Ich selbst habe jedoch von großen Klassikern wie Platon oder Aristoteles, Kant oder Hegel, Brentano oder Husserl das eine oder andere Wesentliche gelernt, sodass ich mich weder der Analytischen Philosophie noch einer dieser anderen Schulen ganz anzuschließen vermag. Am meisten habe ich immer noch von der philosophischen Hermeneutik Hans-Georg Gadamers und einigen seiner Schüler gelernt. Denn dort hat man sich nicht über die großen Klassiker und ihre überlieferten Werke erhaben gefühlt, sondern von ihnen bereitwillig gelernt, was es von ihnen immer noch zu lernen gibt.

 

So habe ich von Platon wesentliche Einsichten über die Bedeutung der menschlichen Reife der Philosophierenden und über die dialogische Verständigung über philosophische Fragen und Antworten gewonnen. So habe ich von Aristoteles wesentliche Einsichten über ontologische Strukturen der gemeinsamen Lebenswelt und über die systematische Topologie der philosophischen Themen und Probleme gewonnen. So habe ich von Kant Wesentliches über die synthetisch-apriorischen Bedingungen philosophischer Einsichten jenseits der bloß empirischen Erkenntnis von Gegenständen, Personen und Situationen in der raum-zeitlichen Welt gelernt. Und so habe ich von Hegel Wesentliches über die Geschichtlichkeit aller Philosophien, Weltanschauungen und positiven Religionen sowie über den objektiven Geist in den konkreten Institutionen von Recht und Staat gelernt. Und so habe ich in der Auseinandersetzung mit Brentano gelernt, dass die meisten psychischen Phänomene intentional sind, während bloß physische Gegenstände und Situationen, Ereignisse und Prozesse nicht intentional sind. Und so habe ich schließlich vom frühen Husserl (LU) gelernt, dass  kategoriale Anschauung und eidetische Variation informativ sein können und von Nicolai Hartmann, dass es ontologische Schichten und emergente Dependenzen im Aufbau der Persönlichkeit und der Lebenswelt gibt: reale und irreduzible physische und bio-organisch-vitale, psychische und geistige Ebenen.

 

Das alles kann zu einem tieferen und weiteren Verständnis des ambivalenten menschlichen Daseins in der modernen Lebenswelt beitragen als das Meiste, was die advokatorische analytische Philosophie seit ihren Anfängen zu bieten hatte. Denn die meisten analytischen Philosophen zweifeln bereits daran, dass philosophische Erkenntnisse über die menschliche Natur und über ontologische Strukturen der Lebenswelt überhaupt möglich sind. Sie bleiben immer noch allzu oft wie David Hume oder Bertrand Russell in einem epistemischen Skeptizismus befangen, der nur notdürftig durch einen überholten Naturalismus und reduktionistischen Szientismus ausgeglichen wird. Aus dieser seelisch-geistigen Leugnung der Möglichkeit der objektiven Erkenntnis durch Selbsttranszendenz des menschlichen Bewusst-seins führen nur wesentliche Einsichten heraus, die man bei großen Klassikern wie Platon und Aristoteles, Kant und Hegel sowie bei Brentano, dem frühen Husserl und Nicolai Hartmann gewinnen kann.

 

Aber diese philosophischen Einsichten in wesentliche Zusammenhänge sind leider nicht so leicht und schnell sprachlich vermittelbar, wie sich das die rastlosen Kinder des flüchtigen, aber oberflächlichen Zeitgeistes in der immensen Flut der medialen Bilder, der auditiven Einflüsse und der unüberprüfbaren Informationen wünschen. Das ist angesichts der rasanten technischen Entwicklung der modernen Bild- und Informationsmedien tragisch, zumal die philosophisch Gebildeten zu vereinsamen drohen und von der Mehrheitsgesellschaft nicht mehr verstanden werden. Vermutlich bedarf es zuerst eines schmerzhaften Schocks durch weitere ökologische, ökonomische und politische Katastrophen.

 



 

Wer philosophieren lernen will, muss sich in der glücklichen Lage befinden, die dafür nötige Zeit und Muße zu finden. Dazu bedarf es wie in vielen anderen Disziplinen auch eines erfahrenen Lehrers, dem man sich für einige Zeit anvertrauen kann. Denn die Kunst des Philosophierens zu erlernen, ist eine Schulung der Urteilskraft im Sinne der aristotelischen Phronesis und der kantischen Urteilskraft. Das gelingt aus psychologischen Gründen am Besten in einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Das Ziel ist die Ausbildung von Besonnenheit im Sinne von Platons Dialog Charmides. Das treibende Motiv ist die Liebe zur Weisheit. Der persönliche Grund ist die persönlich Erfahrung seiner eigenen und der allgemeinen menschlichen Fehlbarkeit, Gebrechlichkeit und Unvollkommenheit.

 

Philosophieren ohne eine gründliche Vertiefung in die Geschichte, Methodik und Systematik des Philosophierens in der Vergangenheit und Gegenwart wird jedoch kaum gute Früchte hervorbringen. Das Gleiche gilt für ein "abgehobenes" Philosophieren, das keinen vertieften seelischen Bezug zu den nahe liegenden Zielen und Zwecken des konkreten Alltagslebens mit sich führt. Philosophie hat es nämlich mit den eigentlichen Zielen und Zwecken des menschlichen Daseins in der Welt zu tun. Es geht beim Philosophieren immer auch darum herauszufinden, was an und für sich selbst wertvoll und gut ist, und nicht bloß als ein probates Mittel zur situationsbedingten Realisierung beliebiger Ziele und Zwecke, die von der Natur vorgegeben sind oder die wir aus erworbener Gewohnheit selbst gesetzt haben.


Insofern hat es Philosophie tatsächlich auch mit den letzten Fragen nach dem Sinn des menschlichen Daseins in der Welt angesichts der Endlichkeit des menschlichen Lebens zu tun. Diesen Sinn kann man aufgrund seiner fehlbaren menschlichen Natur infolge eigener Dummheiten und Fehler oder aufgrund eines ungünstigen Schicksals und schädlicher Widerfahrnisse verfehlen. Am Anfang mögen unvertretbare, existenzielle und individualethische Fragen stehen, die jemand nur für sich selbst beantworten kann: Wer bin ich? Was will ich tun? Wie will ich leben? Was will und was kann ich erreichen?


Diese existenziellen Fragen sind für das je eigene Philosophieren von einer besonderen motivierenden Kraft. Sie sind jedoch nur der persönliche Ursprung, aber noch lange nicht der ganze Inhalt des philosophischen Interesses. Insofern geht zwar alles Philosophieren von den persönlichen Anliegen des existenziellen Fragen aus, aber es geht doch zugleich auch über sie hinaus. Denn die Fragen, danach, wer ich bin, was ich tun will, wie ich leben will und was ich in meinem eigenen endlichen Leben erreichen kann und will, kann kein Mensch beantworten, ohne sich zu fragen, was er oder sie selbst als ein Mensch ist und was es bedeutet als ein Mensch und als dieser eine Mensch unter anderen Menschen und unter bestimmten natürlichen, sozialen und politischen Umständen in dieser Welt zu leben. Insofern führen die persönlichen existenziellen Fragen nach dem Sinn des jeweils eigenen Daseins in der Welt früher oder später zu den allgemeinen philosophischen Fragen danach, wie Menschen überhaupt in dieser Welt leben, leben können und leben sollen, sowie danach, wie diese Welt beschaffen ist, in der ich und andere Menschen leben.


Die Frage nach der Art und Weise, wie die Welt eigentlich beschaffen ist, wird seit einigen Jahrhunderten jedoch nicht mehr nur von der Philosophie beantwortet, sondern in erster Linie von den verschiedenen Wissenschaften, die die Gegenstände ihrer verschiedenen Fächer und Forschungsgebiete mit ihren jeweils passenden Methoden bearbeiten. Insofern sind alle Menschen, die gegenwärtig über die Beschaffenheit der Welt, in der sie leben, philosophieren wollen, gut beraten, sich mit den zuverlässigsten Resultaten der Einzelwissenschaften und deren begrenzten Gegenständen und Methoden der Erforschung von Teilgebieten der Welt auseinanderzusetzen. Die wissenschaftliche Erforschung der Welt scheint nämlich neben der alltäglichen Erfahrung der jeweiligen Lebenswelt nach wie vor der beste Weg zu sein, um herauszufinden, wie die Welt im Kleinen und Besonderen sowie im Großen und Ganzen beschaffen ist.


Aber auch dann, wenn bereits alle Fragen danach beantwortet wären, wie die Welt im Großen und Ganzen des Universums sowie im Kleinen und Besonderen ihrer kleinsten physikalischen Teilchen beschaffen ist, wären die meisten existenziellen Fragen noch gar nicht beantwortet. Darauf hat Ludwig Wittgenstein zurecht hingewiesen. Denn es gibt philosophische Fragen über die Welt, die die Einzelwissenschaften nicht beantworten können, sondern zurecht an die Philosophie oder an die Theologien der verschiedenen Religionen und Konfessionen delegieren. Die metaphysische Frage danach, warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr gar nichts gibt, kann keine Einzelwissenschaft beantworten. Die Frage, warum es überhaupt diese eine Welt gibt und nicht vielmehr gar keine Welt, grenzt zwar an die Grundfragen der naturwissenschaftlichen Kosmologie, aber die gegenwärtig akzeptierten Theorien über den Ursprung des Universums bestehen auch nur aus den derzeit plausibelsten Hypothesen darüber, wie dieses noch weitgehend unverstandene Universum vermutlich entstanden sein könnte. Seriöse Wissenschaftler stellen gewöhnlich nur solche Fragen, die zu einem methodisch reflektierten und durchführbaren Forschungsansatz führen können. Sie kümmern sich zumindest von Berufs wegen nicht so sehr um solche metaphysische Fragen, die sie ganz zurecht den Philosophen und Theologen überlassen.


Aber auch die Frage, warum es auf unserem Planeten Erde überhaupt Leben gibt und auf welche Art und Weise die unzähligen Arten von Lebewesen entstanden sind, die nur aufgrund einer weitgehend unbeschädigten Erdatmosphäre und in einem lebenstauglichen Klima leben und überleben können, können Philosophen kaum ohne die ständige Berücksichtigung und intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Lebenswissenschaften von Geologie, Biologie und Ökologie angemessen behandeln. Diese Wissenschaften vom Lebendigen untersuchen nicht nur die natürlichen und naturgeschichtlichen Bedingungen, die es über viele Tausende von Jahren in der Vergangenheit ermöglicht haben, dass pflanzliches, tierisches und menschliches Leben auf der Erde wirklich wurde. Sie können auch untersuchen, welche notwendigen Bedingungen in der Gegenwart hinreichend sind und in der Zukunft hinreichend bleiben müssen, damit die meisten Arten von pflanzlichem, tierischem und menschlichem Leben auf der Erde erhalten bleiben können. Diese prognostischen Versuche, zuverlässige Aussagen über die Chancen und Risiken der Erhaltung des Lebens und der Menschheit auf der Erde anzustrengen, sind mittlerweile sogar für das bloße Überleben der Menschheit notwendig geworden. Die Menschheit kann es sich schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr leisten,

sich nicht mit diesen wissenschaftlichen Fragen zu befassen.


Philosophen sind von daher gut darin beraten, sich mit diesem Problemen auseinanderzusetzen und sich zumindest in dieser ernsten Angelegenheit nicht auf allzu menschliche Vertröstungen und unrealistische Hoffnungen zu setzen. Auch wenn die Religionen und Konfessionen der Menschheit eine wichtige psycho-soziale Funktion für die Entwicklung und Reifung der Persönlichkeit sowie für das Zusammenleben vielfältiger Gemeinschaften und für die öffentliche Sittlichkeit der meisten Menschen auf der Erde haben, sollte das Philosophen und Theologen nicht blind machen für die drängenden Probleme der aktuellen Erderwärmung, der schwindenden Energieressourcen und des enormen Wachstums der Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten.

 

Es hat in der Geschichte der Menschheit schon viele Naturkatastrophen, wie Erdbeben und Vulkanausbrüche, Flut-katastrophen und Überschwemmungen, Hurrikane und Tornados, Seuchen und Epidemien sowie einige Kultur-katastrophen wie Wirtschaftskrisen, Weltkriege und Völkermorde sowie untergegangene Kulturen und Religionen gegeben. Es ist ein harte Wahrheit, dass dabei nicht nur Hunderte oder Tausende, sondern Millionen von Menschen umgekommen sind, ganz gleich, welchen Glauben sie hatten und was sie sich von Gott oder von ihren Göttern erhofft hatten. Die irdische Natur und das ganze Universum kümmern sich jedenfalls nicht um die Bedürfnisse und Hoffnungen der Menschen, denn weder die Natur noch das Universum sind eine Person mit einem Bewusstsein, mit einem Willen und einem Verstand. Sie sind auf eine grausame Weise gleichgültig und deswegen auch kein Ersatz für den Glauben an einen liebenden, gerechten und barmherzigen Gott, der an unsere menschliche Freiheit und Verantwortung appelliert. 

 

Die praktische Notwendigkeit, nicht trotz, sondern gerade wegen des Glaubens an Gott nach bestem Wissen und Gewissen das Nötige zu tun, das Menschen als intelligenten Lebewesen mit ihrer Fähigkeit zur Antizipation und Verantwortung, Prognose und Planung möglich ist, gehört jedenfalls zum gemeinsamen Glauben der Juden, Christen und Muslime. Denn ihnen zufolge ist der Mensch ein Geschöpf Gottes, das zumindest in gewissen Grenzen mit einem freien Willen begabt ist und von daher auch die Verantwortung für sich selbst, das Wohlergehen der Menschen und der anderen Lebewesen auf der Erde übernehmen kann, darf und soll. Die monotheistischen Religionen sind von daher wichtige Ressourcen zur Lösung der anstehenden ökologischen Probleme, da sie ihren unverfälschten Lehren zufolge an Freiheit und Verantwortung appellieren, Gerechtigkeit fordern, Solidarität zeigen und Frieden stiften. Denn die meisten Juden, Christen und Muslime glauben, dass die Schöpfung an sich gut ist und dass das Leben auf der Erde es auf jeden Fall wert ist, erhalten zu werden.

 

Was einem naturalistischen Verständnis zufolge angeblich nur durch "Zufall und Notwendigkeit" (Jacques Monod) ent-standen sein soll, wird man jedoch kaum für so wertvoll halten, dass man es um seiner selbst willen erhalten möchte. Deswegen haben dogmatische Naturalisten und hartgesottene Materialisten keinen echten motivierenden Grund, das Leben auf der Erde und die Menschheit zu erhalten. Sie sind vielmehr bloß irrational motiviert oder sie identifizieren sich sogar zynisch mit einem gleichgültigen Universum gegen das gemeinsame Interesse der Menschheit. Was im Univer-sum so selten ist, wie das Leben auf der Erde und wie intelligentes Leben in unserem eigenen Sonnensystem, sollte jedoch zumindest für uns Menschen schon alleine aufgrund seiner kosmischen Seltenheit einen ganz besonderen, unermeßlichen Wert haben. Wer also den jüdisch-christlichen Glauben an einen anthropomorphen Schöpfergott (ein schöner Schöpfungsmythos von der Schaffung einer kosmischen Ordnung aus einem materiellen Chaos) oder die griechisch-philosophische Konzeption einer Schöpfung der Welt aus dem Nichts nicht teilen kann, der möge sich wenigstens die Schönheit des Planeten Erde und das Wunder des Lebens mit seinen unzähligen Varianten und Formen vor Augen halten. Der judeo-christliche Glaube an einen Schöpfer lässt sich jedoch auch entmythologisieren und ent-personalisieren und dann als die allmächtige und schier unendliche schöpferische Kraft in und hinter der Entstehung des Kosmos, der Entstehung unseres Sonnensystems und unserer Erde, der Entstehung des pflanzlichen und tierischen Lebens und schließlich des Menschen verstehen. Auf diese Weise ist dann sogar eine rationale Theodizee möglich.

 

Die vielfache Wahrnehmung von Schönheit und Erhabenheit in der irdischen Natur kann für uns Menschen eine Quelle der vitalen Kräfte unseres Leibes und eine Wonne für unsere Sinne sein. Die vielfältigen Pflanzen und empfindungs-fähigen Tiere, die sich schon alleine aus natürlichen und zielgerichteten inneren Antrieben selbst zu erhalten streben, haben, ohne es selbst zu verstehen, aus menschlichem Verständnis einen bestimmten Eigenwert, wenn auch keine angeborene Würde wie die sprachbegabten und moralfähigen Menschen. Aber trotzdem handelt es sich bei dieser Schönheit und Erhabenheit in der irdischen Natur nur um die sinnlichen Erscheinungsweisen von momentanen perspektivischen Ansichten der Natur und nicht um ein tieferes begriffliches Verständnis ihrer wirkenden Kräfte und verborgenen Gesetzmäßigkeiten, die im Alltag und in den modernen Naturwissenschaften erforscht und genutzt werden. Daher dürfen wir nicht vergessen, dass das ganze schöne und vielfältige Leben der Tiere und Pflanzen ohne den Menschen immer auch ein grausamer und sinnloser Kampf ums Dasein und ein unerbittlicher Kreislauf des Fressens und Gefressenwerdens wäre. In der ganzen schönen Welt der Tiere und Pflanzen gibt es nämlich kein Wahr und Falsch, keinen Sinn und Unsinn, kein Gut und Böse, kein Recht und Unrecht. Natürlich gibt es vitale Bedürfnisse und lebensdienliche Weisen der Selbsterhaltung der Individuen und Arten. Aber Wahr und Falsch, Sinn und Unsinn, Gut und Böse, Recht und Unrecht gibt es erst im kulturellen und sittlichen Leben der Menschen.

 

Dass unter Menschen als intelligenten Lebewesen mit einem leiblichem Bewusstsein und Selbstbewusstsein, mit Sprache und Denken, mit ihren Lebens- und Denkweisen etwas qualitativ Anderes gelten soll als das sog. Recht des Stärkeren bzw. das sog. Gesetz des Dschungels, das vermittelten sowohl alle oben genannten großen Philosophen als auch die abrahamitischen Religionen in ihren ursprünglichen Lehren. Trotzdem erleben wir so gut wie täglich, dass einige Zeitgenossen ohne Glaubensmut, ohne Quellen der Hoffnung und der Liebe Gefahr laufen, auf diese Stufe des Kampfes ums bloße Dasein zurückzufallen. Die romantische Sehnsucht nach einer regressiven Rückkehr in den vor-bewussten Mutterschoß einer angeblich harmonischen Natur ist nur der verzweifelte Versuch, dem spezifisch menschlichen Bewusstsein von Wahr und Falsch, Sinn und Unsinn, Gut und Böse sowie Recht und Unrecht durch eine Rückkehr in den verlorenen paradiesischen Zustand einer kindlichen Unschuld zu entkommen.

 

In der kapitalistischen Werbeindustrie werden die Menschen ständig mit kitschigen und einseitigen Darstellungen von einer angeblich nur harmonischen und schönen irdischen Natur gefüttert, um sie zu hedonistischen Konsumidioten zu machen, die dem allgemein verbreiteten Wachstumswahn der Wirtschaft dienen sollen. Deswegen haben sie die tiefere Ehrfurcht vor der ambivalenten und für den Menschen potentiell gefährlichen Macht der Natur als einer einmaligen, unwiederholbaren und geschichtlichen Schöpfung verlernt und scheren sich kaum um deren anhaltende Zerstörung durch den kapitalistischen Götzendienst am Mammon. Wahre Ehrfurcht vor dem Lebendigen in der irdischen Natur weiß um die Ambivalenzen der anschaulichen Schönheit und Erhabenheit einerseits und den lebensgefährlichen Bedrohungen des Lebendigen durch ihre unerbittliche Macht andererseits. Das relativ sichere Leben der saturierten Bürger und Menschen in den modernen Städten mit fließendem Wasser und Zentralheizung hat zu einem kitschigen Naturbild, einem hedonistischen und instrumentalen Konsum der Natur als bloßem Erholungsraum und zu einer Entfremdung von den Schattenseiten der irdischen und kosmischen Natur geführt.

 

Atheismus, Subjektivismus und Relativismus als den vorherrschenden Ideologien des neuzeitlichen und modernen Fortschrittsglaubens sind die unglücklichen Erben jener glaubensfeindlichen politischen Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts, die zum grauenhaften Massenmord an Millionen von Menschen geführt haben. Faschismus, National-sozialismus und Marxismus-Leninismus bekämpften allesamt nicht nur das Judentum, sondern auch das Christentum. Sie bekämpften deren Glauben an Gott und seine sittlichen Gebote und versuchten ihn durch den Aberglauben an menschliche Idole und den geschichtlichen Fortschritt durch Wissenschaft, Kunst und Technik zu ersetzen.

 

Die modernen Wissenschaften, Künste und Techniken stellen uns Menschen jedoch immer wieder vor neue schwierige Herausforderungen, die jedenfalls nicht alleine mit Hilfe der Wissenschaften, Künste und Techniken selbst bewältigt werden können. Denn keine noch so gut bestätigte wissenschaftliche Theorie und keine noch so raffinierte technische Erfindung können uns sagen, wie sie auf eine kluge Weise angewandt werden können, um trotz aller erhofften Erfolge unerwünschte Nebenwirkungen und langfristige Schäden zu vermeiden. (Rainer Enskat, Bedingungen der Aufklärung) Und sicher nicht alles, was anfangs als vermeintlicher Fortschritt angepriesen, vermarktet und verkauft wird, stellt sich auch langfristig wirklich als ein echter Fortschritt heraus (z.B. Internet, Künstliche Intelligenz, Robotik, Smartphones, Social Media, etc). Jeder noch so große wissenschaftliche Fortschritt wirft neue Fragen auf. Jeder technische Fortschritt ist aufgrund seiner kaum vorhersehbaren Nebenwirkungen immer ambivalent wie ein zweischneidiges Schwert. Wesentlichen Fortschritt gibt es nach Rousseau und Kant nur im sittlichen Leben der Menschen und in der klugen Errichtung, Erhaltung und Verbesserung sittlicher und politischer Institutionen, wie z.B. des modernen, demokratischen und liberalen Rechtsstaates, der vor der politischen Willkür der Mächtigen schützen muss und vor dem deswegen alle gleichen Bürger und Menschen in gleicher Art und Weise zu behandeln sind.

 

Philosophie kann sich jedoch der intensiven und extensiven Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen modernen Einzelwissenschaften nicht mehr entziehen. Gleichwohl sollte sie darauf bedacht sein, sich nicht der einen oder anderen dieser Einzelwissenschaften, wie z.B. der Physik, der Biologie oder der Soziologie, auszuliefern. Sobald sie das täte, verlöre sie sehr schnell ihre eigene Bestimmung. Genuine Philosophie hat nun einmal ihre eigene Bestimmung mit anderen, eigenen Zielen und Aufgaben, die niemals mit den Zielen und Aufgaben einer bestimmten Einzelwissenschaft übereinstimmen können. Sie ist weder Natur- noch Kulturwissenschaft, weder Psychologie noch Soziologie. Deswegen muss sich die Philosophie immer wieder auch auf ihre eigenen Ziele und Aufgaben besinnen. Dazu kann sie immer wieder auch an eines der überlieferten Modelle des Philosophierens anknüpfen, aber dazu muss sie auch der Situation der Menschen in der Gegenwart und den neuen Problemen in der wissenschaftlich-technisch geprägten Lebenswelt gerecht werden. Denn es geht in ihr um ein tieferes und weiteres Verstehen, das über das hinaus geht, was uns die Natur- und Kulturwissenschaften mit ihren beschränkten Gegenstandsbereichen und Methoden erklären können.

 



 

Der Traum von einem radikalen Neuanfang ohne eine Anknüpfung an bereits vorhandene Paradigmen und Modelle oder gar von einer ganz neuen Philosophie scheint endgültig ausgeträumt zu sein. Heidegger und Wittgenstein träumten diesen Traum auf verschiedene Weise und scheiterten dabei. So etwas kann heute nur noch jemand erhoffen, der die Geschichte der Philosophie nicht gut genug kennt und deswegen auch deren bleibende Bedeutung für das aktuelle philosophische Denken in der Gegenwart unterschätzt. Aber auch, wenn der Traum von einem solchen radikalen Neuanfang ohne Anknüpfung an irgendwelche Vordenker ausgeträumt zu sein scheint, heißt das noch lange nicht, dass es gar keine Grundlegung der Philosophie in Anknüpfung an bestimmte Vordenker geben könnte.

 

Daraus folgt jedoch nicht, dass sich Philosophen nur noch auf einem geerbten Trümmerfeld von Ruinen aus der Geschichte der Philosophie bewegen können. Manche Philosophiehistoriker meinen, dass sich heutige Philosophen nur noch einige Fundstücke aus solchen Ruinen verstehend aneignen können. Das Ende des Traumes von einer absoluten und letztbegründeten Grundlegung der Philosophie bzw. von einem vollkommenen System der Philosophie bedeutet nicht, dass sich Philosophen nur auf einer Spielwiese von gedanklichen Beliebigkeiten hin und her bewegen können, bis sie irgend wann bemerken, dass sie sich immer nur im Kreise gedreht haben.


Das Ende des Traumes von einem absoluten Neuanfang bedeutet jedoch auch nicht, dass sich Philosophen nur noch mit verschiedenen Phänomenen der gemeinsamen Lebenswelt befassen können, dann aber alles philosophische Denken ganz postmodern im Bruchstückhaften und Zusammenhanglosen lassen müssen. Und das Ende des Traumes von einem absoluten Anfang bedeutet schließlich auch nicht, dass zeitgenössische Philosophen nicht an bestimmte Überzeugungen und Methoden der größten Philosophen, wie z. B. von Platon und Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin, Kant und Hegel, anknüpfen könnten.

 

Auch wenn manche Neuansätze und Denkwege als solche nicht mehr weiter führen, um eine neue systematische Philosophie nach dem klassischen Zuschnitt eines Platon oder Aristoteles, eines Kant oder Hegel zustande zu bringen, so können sie doch zumindest zur produktiven Reparatur, umsichtigen Transformation und langfristigen Rehabilitation einiger Grundgedanken und Einsichten beitragen. Klar scheint mir zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur zu sein, dass eine rein subjektivistische Phänomenologie im Anschluss an den transzendentalphilosophischen Husserl, eine bloß faktizistische Daseinsanalyse im Anschluss an Heidegger und eine nur kulturrelativistische Sprachanalyse im Anschluss an Wittgenstein alleine nicht genügen können, um zur vollständigen Gestalt einer systematischen Philosophie mit theoretischer, praktischer und poietischer Philosophie zu gelangen. Diese wirkungsmächtigen Leitfiguren der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts taugen nicht für eine produktive Weiterführung des philosophischen Denkens im 21. Jahrhundert. Dies gilt aus verschiedenen Gründen ebenfalls für die Wegbereiter der sog. Analytischen Philosophie, wie z.B. Gottlob Frege, Bertrand Russell und Rudolf Carnap.


Eine Philosophie, die sich nicht nur mit den privaten und egozentrischen Problemen des Gelingens des eigenen Lebens, also der sog. Lebenskunst, in der unausweichlichen Konfrontation mit Konflikten und "Grenzsituationen" (Karl Jaspers), sondern auch mit den öffentlichen Problemen eines gedeihlichen Zusammenlebens in nachhaltigen Lebensräumen, generativen Verbänden und rechtsstaatlich-politischen Institutionen auseinandersetzt, kann sich nicht bloß auf das eigene Dasein oder das bewusste sinnliche Erleben oder das persönliche, aber irrationale Engagement zurückziehen.

Sie muss vielmehr erforschen, ob und wie die gemeinsamen Lebensverhältnisse der Menschen, Tiere und Pflanzen sowie die kulturellen, ökonomischen und politischen Tendenzen der modernen Industrie- und Informations-Gesellschaften nicht nur phänomenologisch beschrieben, positivistisch erklärt und willkürlich verändert werden können. Sie muss erforschen, ob und wie sie kommunal, national und global in ihren gegenwärtigen Tendenzen antizipiert, prognostiziert und transformiert werden können, um sie lebenspraktisch und politisch zukunftsfähig zu machen.

 

Zwar müssen Philosophen wie alle Menschen und Bürger zuerst die Verhältnisse und Umstände in der Lebenswelt verstehen und erklären können, um etwas Konkretes zu ihrer nachhaltigen Verbesserung beitragen zu können. Bloß "etwas bewegen" zu wollen, wie einige Politiker gerne reden, genügt sicher nicht. Verändern ist leicht. Verbessern ist schwer. Alle Veränderungen können immer auch Verschlimmerungen sein. Aber um etwas wirklich und nachhaltig verbessern zu können, brauchen wir Menschen realisierbare Ziele und sinnvolle Aufgaben im Lichte des empirisch adäquaten und kognitiv kohärenten Horizontes einer sittlichen Orientierung. Ein Philosophieren ohne praktische Philosophie, d.h. ohne Ethik, ohne Rechtsphilosophie und ohne politische Philosophie, würde auf einer Schwundstufe dessen stehen bleiben, was die paradigmatischen Philosophien der europäischen Tradition einmal gewesen sind.


Der ebenso rastlose wie rasante Zeitgeist ist gegenüber einem authentischen Philosophieren in einer kritischen und konstruktiven Auseinandersetzung mit der philosophischen Überlieferung eher skeptisch als wohlwollend. Er neigt eher zu einem flüchtigen und oberflächlichen Denken auf einer subjektivistischen, positivistischen oder relativistischen Schwundstufe. In diesem Sinne zeugen die folgenden Seiten von dem beharrlichen Versuch, den hastigen Zwängen des postmodernen Zeitgeistes mit seiner Unterwerfung unter die technische Beschleunigung und die neoliberale Öko-nomisierung aller menschlichen Lebensverhältnisse zu entkommen.

 

Wissenschaftliche Philosophie basiert auf den immer noch gültigen Einsichten der großen Philosophen, die sich gegen die sophistischen Einwände der Skeptiker, Subjektivisten und Relativisten verteidigen lassen. Die meisten populären Philosophen und ihre Anhänger und selbst viele akademische Philosophen betreiben jedoch eher Sophistik als Philosophie. Denn sie gehen gar nicht wirklich von echten Aporien und offenen Fragen aus, um dann in einem dialektischen Streit der Positionen Pro und Contra den stärkeren Argumenten zu folgen. Statt dessen suchen sie nur Selbstbestätigung und argumentative Schützenhilfe für ihre jeweilige Weltanschauung, ihren politischen Standpunkt und ihre beruflichen Karrieren. Sophisten wollen auf diese Weise nur Dispute zu gewinnen, um sich durchzusetzen.

 

Die Wahrheitsansprüche des jüdischen, christlichen und islamischen Monotheismus stimmen mit den immer noch gültigen Einsichten der großen Philosophen jedoch nur teilweise überein und gehen deswegen in vielen Hinsichten über sie hinaus.  Wohlverstandene Philosophie ist deswegen weder Apologie einer bestimmten Religion noch Kritik aller Religionen. Sie führt vielmehr zunächst einmal zu einer offenen Hermeneutik der Religionen. Denn religiöses Denken, Fühlen und Handeln muss von ihr als ein Anderes der eigenen philosophischen Vernunft erst einmal angemessen verstanden werden. Authentisch praktizierte Religionen haben eine gelebte Eigenständigkeit jenseits einer Philosophie, die kulturelle Realitäten wie die Wissenschaften, Religionen und Künste zu verstehen versucht.

 

Philosophen können jedoch auch nicht neutral bleiben, wo es um die Wahrheitsansprüche der verschiedenen Religionen und Weltanschauungen geht. Deswegen gibt es auch keinen überzeugenden Weg, auf dem Philosophen durch das Denken alleine zum dreieinigen Gott des christlichen Glaubens gelangen könnten. Ohne die Bibel als historisches und narratives Dokument der Entstehung des christlichen Glaubens gäbe es keine christliche Theologie. Christliche Theologie ist biblische Theologie unter Mitwirkung des heiligen Geistes im Glauben. Ob es daneben noch so etwas wie eine christliche Philosophie geben kann, ist zumindest fraglich geworden. Meistens handelt es sich dabei um gnostisches oder neuplatonisches Denken.

 



 

Auf der Seite Evangelische Theologie geht es dann um den christlichen Glauben evangelischer Christen, der sich in einigen wesentlichen Hinsichten von dem christlichen Glauben römisch-katholischer und orthodoxer Christen unterscheidet. Der Glaube an Gott, an Jesus Christus und an den Heiligen Geistes wie er in den Evangelien vermittelt wird, eint zwar alle Christen unterschiedlicher Konfessionen und Traditionen.

 

Aber ihr jeweiliges Verständnis des Verhältnisses zwischen Philosophie und Theologie trennt sie ebenso wie ihr doch recht verschiedenes Verständnis von Kirche und Tradition, Bibel und Auslegung, Gemeinde und den Sakramenten. Das geht oftmals tief hinein bis in das in ihrer jeweiligen Tradition bevorzugte Gottesbild, Weltbild und Menschenbild. Insofern gibt es keine christliche Theologie ohne philosophische Voraussetzungen und Implikationen.

 

Evangelische Theologie dient der Verkündigung des Glaubens an das Evangelium von Jesus Christus als dem lebendigen Wort Gottes. Dazu muss sie einerseits die radikale Entmythologisierung durch eine maßlose historisch-kritische Exegese vermeiden, weil sie sonst den Kern des Evangeliums zerstören würde. Andererseits kann sie sich jedoch auch nicht auf einen allzu buchstabengläubigen Bibelglauben berufen. Sie muss sowohl den kultur-historischen Abstand zur Entste-hung der biblischen Schriften als auch die geistige, geistliche und kulturelle Situation ihrer zeitgenössischen Adressaten berücksichtigen. Dazu bedarf es einer soliden theologischen Ausbildung und Bildung.

 

Wegweisend scheinen mir dafür heute einige Schriften und Vorträge von Nicholas Thomas Wright zu sein, der ein anerkannter Historiker des frühen Christentums und ein versierter anglikanischer Theologe für Neues Testament ist. N.T. Wright zeigt, dass und wie christliche Theologen zugleich aus der biblischen Exegese, aus der frühen kirchlichen Tradition und von den modernen Wissenschaften lernen können, das trinitarische Gottesbild, das christliche Ethos, das christliche Menschenbild und den befreienden Kern des Evangeliums zu bewahren, ohne den Verstand zu opfern und ohne katholische, orthodoxe, lutheranische und calvinistische Doktrinen unbedacht zu übernehmen.

 



 

Um Missverständnisse zu vermeiden, noch ein paar Erläuterungen zu den Seiten unter der Rubrik Politische Aufklärung: Sämtliche Texte, die dort zu finden sind, halte ich in aktuellen politischen Debatten für hilfreich und klärend. Aber sie geben nicht immer und schon gar nicht in allen Punkten meine aktuelle politische Meinung wieder. Auch ergeben sie sich nicht aus meinen philosophischen Einsichten und theologischen Überzeugungen. Vielmehr publiziere ich sie als Bürger, der unsere freiheitlich-demokratische Rechtsordnung gegen Vorurteile, ideologische Missverständnisse und gewalttätige Angriffe von linken und rechten politischen Extremisten sowie insbesondere gegen anti-europäische Nationalisten und gegen die Intellektuellen der Neuen Rechten verteidigt.

 

Diese moderne Rechtsordnung ist die beste, die Deutschland jemals hatte, weil sie zumindest ihrem Anspruch nach gewisse Bürger- und Menschenrechte auch gegen die mit dem Gewaltmonopol versehene Staatsmacht garantiert.

Zu diesen bürgerlichen Freiheitsrechten gehören u.a. Meinungs-, Presse-, Publikations-, Wissenschafts-, Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit in den Grenzen des geltenden Rechtes. Davon will ich hier Gebrauch machen.

 

Die unzähligen hasserfüllten Beiträge im Internet sind unerfreulich und wären nicht weiter der Rede wert, wenn sie nicht als Symptome ökonomisch-politischer und weltanschaulich-religiöser Krisen in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt ernst zu nehmen wären. Deswegen möchte ich mit den ausgewählten Beiträgen etwas Nützliches und Sinnvolles entgegensetzen und hoffe, dass wenigstens einige interessierte Leser das zu schätzen wissen.

 

Das ist nicht zuletzt auch der Versuch, zu zeigen dass, das Internet, das als Open Access Medium gefährdet ist, nicht nur expressiv und exzessiv missbraucht werden kann, sondern auch nüchtern und reflektiert zu Zwecken der engagierten Dokumentation und Information im Sinne einer "politischen Aufklärung" genutzt werden kann. 

 

Ulrich W. Diehl

 


 

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