Individualismus

 

 

Individualismus - Die Leugnung der menschlichen Natur

 

 

 

Nur in der lebendigen Beziehung ist die Wesenheit des Menschen,

die ihm eigentümliche, unmittelbar zu erkennen.

Auch der Gorilla ist ein Individuum, auch der Termitenstaat ist ein Kollektiv,

aber Ich und Du gibt es in unserer Welt nur, weil es den Menschen gibt,

und zwar das Ich erst vom Verhältnis zum Du aus.

 

Martin Buber

 

 

Die Individualität einer Persönlichkeit können wir, wie es Martin Buber in seiner kleinen philosophiegeschichtlichen  Abhandlung Das Problem des Menschen zutreffend ausgedrückt hat, nur in einer echten Ich-Du-Beziehung angemessen erfassen und verstehen. Solche Ich-Du-Beziehungen entstehen am besten und tiefsten in Ehen oder in langjährigen Partnerschaften sowie in Eltern-Kind-Beziehungen und intensiven Freundschaften. Die Arzt-Patienten-Beziehungen zwischen Psychotherapeuten und ihren Patienten oder Klienten sind hingegen kurzfristigere Sonderformen, die zwar in einigen Aspekten intensiv sein können, aber immer auch thematisch selektiv und nur zweckgebunden sind.

 

Der Fingerabdruck oder die DNA-Sequenz, den die Polizeibehörden und demnächst vielleicht auch schon das Ein-wohnermeldeamt im Personalausweis als dauerhafte biologische Erkennungsmerkmale verwenden, taugen zwar zur praktischen Identifizierung eines Menschen, aber sie lassen jemand überhaupt nichts von der lebensgeschichtlichen Genealogie und psychologischen Komplexität eines einzelnen Menschen mit seiner individuellen Persönlichkeit, seinem spezifischen Temperament und seinem lebenslang gewachsenen Charakterprofil verstehen.

 

Die Individualität einer Persönlichkeit wahrzunehmen, kennen zu lernen und so weit wie möglich zu verstehen, ist also eine Sache von Beziehungen der persönlichen Nähe und manchmal auch der erotischen Intimität, die Andere ausschließt. Sie ist eine notwendige Voraussetzung für die angemessene Achtung und liebevolle Fürsorge für einen uns nahe stehenden Menschen, für einen Freund, einen Ehe- oder Lebenspartner oder für unsere Kinder im wichtigen Unterschied zur bloß minimalen moralischen Achtung, die ich einem jeden Menschen ganz einfach nur deswegen schulde, weil er auch ein Mensch ist und kein Tier oder nur eine Pflanze ist, mit denen ich weder reziproke psychologi-sche Beziehungen noch ethische und moralische Beziehungen noch geschäftliche oder rechtliche Verhältnisse eingehen kann.

 

Die bundesdeutsche Verfassung ist zwar keine allgemeine Ethik, keine bundesdeutsche "Hausordnung" und auch keine moralische Zivilreligion für die Bürger und Menschen. Sie gibt in Artikel 1 des Grundgesetzes "Die Würde des Menschen ist unantastbar." vielmehr nur eine sittliche Idee und ein oberstes normatives Prinzip vor, an der sich die Lektüre und Interpretation des Grundgesetzes, die verfassungsrichterlichen Organe, deren verfassungshermeneutische Interpreten und die Legislative, Judikative und Exekutive des bundesdeutschen Rechtsstaates idealerweise orientieren sollten. Damit geht von der bundesdeutschen Verfassung ein rechtlicher Anspruch auf einen gewissen rechtsstaatlichen Schutz der allgemeinen Würde eines jeden einzelnen Menschen aus, der unter natürlichen, sozialen und politischen Realbedingungen jedoch immer nur nur annäherungsweise eingelöst werden kann.

 

Diese sittliche Idee der allgemeinen und unveräußerlichen Würde eines jeden Menschen wird jedoch nicht erst durch den Rechtsstaat konstituiert, sondern nur von ihm anerkannt und als Leitprinzip der Verfassung oder institutio-nalisiert. Diese sittliche Idee der allgemeinen und unveräußerlichen Würde eines jeden Menschen entspringt nämlich der menschlichen Natur selbst, die weder bloß materialistisch noch naturalistisch noch biologistisch verstanden werden kann. Denn im Menschen gibt es etwas, das ihn wesentlich von allen intelligenten Tieren unterscheidet und das sind seine genetisch fixierte und angeborene Sprach- und Vernunftbegabung und damit die Fähigkeit unter günstigen lebensgeschichtlichen Entwicklungsbedingungen einen freien Willen zu entwickeln, der es ihm ermöglicht, sich selbst nicht nur durch eigene  individuelle Motive, sondern auch durch allgemeine Gründe selbst zu bestimmen und auf diese Weise seinen Lebenswandel selbst zu gestalten.

 

Diese anthropologische Tatsache hat eine metaphysische Qualität und sie ist der eigentliche Grund dafür, warum der Mensch trotz seiner evolutionären Abstammung nicht in der Natur aufgeht, sondern sie zur Freiheit, zur Vernunft und zur sittlichen Verantwortung hin transzendiert. Diese anthropologische Tatsache wurde vom biblischen Schöpfungs-mythos intuitiv richtig erfasst und wird im Judentum, im Christentum und im Islam als der Glaube an die vom Schöpfer  verliehene Gottebenbildlichkeit des Menschen ausgedrückt. Es gibt keine anderen Religionen, die die menschliche Natur so angemessen erfassen, sodass aus ihrer Erkenntnis die ihr inhärierende Würde erkennbar wird und aus dieser Er-kenntnis seiner Würde allgemeingültige Menschenrechte abgeleitet werden können.

 

Die Individualität einer Persönlichkeit in und aufgrund einer persönlichen Beziehung wahrzunehmen und wertschätzen zu können, ist etwas spezifisch Menschliches, Wertvolles und Gutes. Der ideologische Individualismus hat jedoch nichts mit einer solchen Begegnung zwischen Ich und Du und dem Verstehen der individuellen Persönlichkeit eines Anderen zu tun. Er hat auch nicht mit einem Verständnis dieser anthropologischen Tatsachen und Zusammenhänge

von menschlicher Natur, menschlicher Würde und Menschenrechten zu tun. Es handelt sich nämlich nur um eine wertblinde, anarchische und libertäre Ideologie der bloßen Subjektivität und Willkür, die diese anthropologischen Tatsachen und Zusammenhänge von menschlichen Natur, menschlicher Würde und Menschenrechten leugnet oder lieber gar nichts von ihnen wissen will. Schließlich führt die Leugung einer gemeinsamen Natur der Menschen auch zur Verdrängung ihrer vitalen Grundbedürfnisse nach sauberer Atemluft, trinkbarem Wasser, genießbarer Nahrung sowie nach angemessener Kleidung und schützender Behausung.

 

Diese anarchische und libertäre Ideologie verabsolutiert die Subjektivität und Willkürfreiheit der einzelnen Menschen im Sinne einer absoluten Freiheit von jeder objektiven Erkenntnis von Wahrheit und evidenten logischen Rationalität und objektiv gültigen sittlichen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten. Diese anarchische und libertäre Ideologie stellt den Menschen einen Freibrief für x-beliebige Einstellungen, Überzeugungen und Weltanschauungen aus, als ob sie alle gleich gültig wären und obwohl sie jeder wissenschaftlichen, philosophischen oder theologischen Plausibilität und Rationalität entbehren, nur weil diese Menschen sie faktisch und zufälig haben. Dennoch propagiert sie ständig und willkürlich immer neu erfundene Rechte, ohne sie auch nur annähernd allgemeingültig begründen zu können.

 

Diese Ideologie spricht den Menschen immer mehr angebliche, erfundene und konstruierte "Rechte" (wie z.B. auf zwei oder mehrere Staatsbürgerschaften, verschiedene Geschlechteridentitäten, etc.) zu, ohne ihnen moralische, rechtliche oder staatsbürgerliche Pflichten (wie z.B. Wehrpflicht, soziales Dienstjahr, Steuerloyalität, Achtung der geltenden Gesetze, etc.) abzuverlangen. Diese Ideologie hat das Zeug, das Beste der westlichen Kultur, wie Glaube und Vernunft, Judentum und Christentum, Philosophie und Theologie, rechtsstaatliche Ordnung zum Schutz des Lebens, der Freiheit und des Eigentums, Wissenschaften und Künste, Demokratie und Rechsstaat, Bürgerrechte und Menschenrechte, soziale Marktwirtschaft und Daseinsvorsorge unter dem Deckmantel des weltanschaulichen Pluralismus zu unter-wandern und relativistisch ad absurdum zu führen, weil sie von den Bürgern und Menschen keine Selbstverantwortung für ihr Leben mehr erwartet und den Staat zum allumfassenden sozialen Betreuungsstaat umzufunktionieren versucht.

 

Die Anhänger dieser Ideologie tun so, als ob es keine eigenständige, vom menschlichen Bewußtsein, Denken und Geist unabhängige Wirklichkeit  gäbe. Daher leugnen sie auch die Existenz einer allgemeinen menschliche Natur, die angemessen zu beschreiben, begrifflich zu erfassen und kausal, teleonom oder intentional zu erklären, das Ziel jeden Erkennens und allen Wissens im Alltag und in den Wissenschaften ist. Im Wesentlichen handelt es sich um die subjekti-vistische, relativistische oder skeptizistische Leugnung der Möglichkeit objektiver Erkenntnis und der sich an die Wirk-lichkeit annähernden Erreichbarkeit objektiven Wissens im Alltag und in den formalen, empirischen und historischen Wissenschaften. Man leugnet oder vergisst, dass Erkenntnis der gegenwärtigen Situationen, der vergangenen Fakten und der wahrscheinlichen Szenarien der Zukunft die notwendige Voraussetzung für ethisch und moralisch richtiges Denken und Urteilen, Entscheiden und Handeln ist und zwar nicht nur in der wissenschaftlichen Forschung, sondern auch in alltäglichen, familiären und beruflichen, medizinischen und rechtlichen, ökonomischen und politischen Ange-legenheiten.

 

Diese subjektivistische und konstruktivistische Einstellung macht es nicht mehr möglich zwischen Wahrheit und Lüge, Verantwortung und Willkürfreiheit, Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit zu unterscheiden. Letzten Endes zerstört sie Ethik und Moral, Recht und Rechtsstaatlichkeit, alle Bürger- und Menschenrechte und ermöglicht ein anarchisches Chaos, eine Herrschaft der Stärkeren und damit einen neuen Unrechtsstaat der politischen Willkürherrschaft. An die Stelle der erfahrenen Verantwortung von gereiften Erwachsenen tritt die unerfahrene und unreife Willkür von Kindern und Jugendlichen. Die objektive und universale Geltung von ethischen und moralischen Idealen, Prinzipien, Werten und Normen wird geleugnet und durch einen sensualistischen und hedonistischen Subjektivismus ersetzt. Aber gleichzeitig werden ständig Rechte ohne Pflichten eingefordert und man selbst stilisiert sich ständig und leichtfertig zum Opfer einer angeblich rassistischen oder sexistischen Diskriminierung (Opferkult) und der Verletzung eigener Rechte (Protestkult). Die Leugnung der allgemeinen menschlichen Natur führt dann auch zur Leugnung der biologischen Tatsache, dass es genau zwei und eben nur zwei komplementäre Geschlechter gibt. Weiterhin wird dann oft die Existenz der zwei kom-plementären Geschlechter (Sexes) geleugnet und sie werden mit dem kulturell und sozial bedingten sozialen Geschlech-terrollen (Gender) verwechselt oder ersetzt, von denen es laut Facebook über 60 geben soll.

 

Die psychologischen und mentalen Ursachen sind eine emotionale, irrationale und willkürliche Akzeptanz von logi-schen Widersprüchen und eine Subjektivierung und Relativierung der Zuschreibung von kognitiven Einsichten, von Erkenntnissen und Wissen. Es gilt gemeinhin als aufgeklärt oder gebildet zu meinen, dass kognitive Einsichten, Erkennt-nisse und Wissensinhalte immer nur subjektiv wären, d.h. nur meine Einsichten, Erkenntnisse und Wissensbestände wären, während Andere ganz andere und sogar entgegengesetzte Einsichten, Erkenntnisse und Wissensinhalte haben, äußern und vertreten könnten. Das aber ist eine verdummende Verwechslung von bloßem Meinen mit Wissen. Das wird dann fälschlich als tolerant und daher als wünschenswert hingestellt, obwohl es meistens nur in bestimmten Situationen bequem und eigennütztig, opportunistisch und zweckmäßig ist, eine sachliche Kontroverse zu vermeiden.

 

Die philosophiegeschichtlichen Ursprünge des weltanschaulichen Individualismus liegen erstens im Nominalismus des 16. und 17. Jahrhunderts, der damals jedoch nur in der Theologie aufkam, aber sich nie in der frühneuzeitlichen Natur-forschung (Kopernikus, Galileo, Kepler, Newton) etablieren konnte, zweitens im Empirismus des 18. Jahrhunderts, ins-besondere bei dem skeptischen David Hume und dem idealistischen Bishop Berkeley, drittens im weltanschaulichen Materialismus und Naturalismus des 19. Jahrhunderts, demzufolge kognitive Einstellungen, Überlegungen und Über-zeugungen aller Art bloß durch die jeweilige Lebensweise oder durch das Gehirn physiologisch determiniert sind, und viertens im Existenzialismus und Postmodernismus des 20. Jahrhunderts, demzufolge kognitive Einstellungen, Überle-gungen und Überzeugungen nur expressiver Ausdruck einer freien, existenziellen und persönlichen Wahl sind, sich jedoch angeblich nicht allgemein und mit einem objektiv gültigen Bezug auf allgemein erkennbare Fakten und all-gemein gültige Ideale, Prinzipien, Normen und Werte begründen lassen.

 

Während Aufklärungsphilosophen wie Thomas Reid noch an die Zuverlässigkeit des gesunden Menschenverstandes im Kampf gegen Aberglaube, Esoterik und Obskurantismus glaubten und während Immanuel Kant sorgfältig zwischen sinnlicher Anschauung, konkreter Urteilskraft, empirischem Verstand und apriorischer Vernunft unterschieden hatte, um seine kritische Philosophie sowohl gegen den Empirismus als auch gegen den Rationalismus zu formulieren und zu begründen, folgten auf Kant zumindest in Deutschland romantische und religiöse Bewegungen der Gegenaufklärung (Baader, Schlegel, Schelling) und idealistische und utopistische Bewegungen des nationalistischen oder europäischen Republikanismus (Fichte, Hölderlin, Hegel).

 

Schwerer hatte es vor allem in Deutschland, aber teilweise auch in England und Frankreich ein an Aristoteles, die Scholastik und Thomas Reid anknüpfender Kritischer Realismus, der sich sowohl gegen die religiöse (meist katho-lische) Romantik als auch gegen den erkenntnistheoretischen, weltanschaulichen und utopisch-politischen Idealismus gestellt hatte. Denn die katholische Romantik war gegenaufklärerisch und restaurativ anti-republikanisch und der Atheismus (Fichte) oder Pantheismus (Hölderlin und Hegel) der Idealisten war zwar politisch republikanisch, aber dennoch wie im berühmten "Systemprogramm" des Deutschen Idealismus eine bodenlose, weltfremde und utopische Schwärmerei.

 

Nüchterne Protestanten, die von den Reformatoren Calvin, Luther, Melanchthon und Zwingli gelernt hatten, dass die religiöse Schwärmerei eines Thomas Müntzer oder der sektiererischen Wiedertäufer zu anarchischen Aufständen und zu willkürlicher Gewalt führen kann und die daher von der anthropologischen und politischen Notwendigkeit früher monarchischer Herrschaftsweisen und später republikanischer Institutionen überzeugt waren, konnte die politische Utopie einer egalitären, friedlichen und gerechten Gesellschaft ohne ökonomisch und rechtlich regulierende  staatliche Institutionen nicht überzeugen. Dagegen sprach von Anfang an ihr biblisch begründetes Menschenbild, das um die angeborene Fehlbarkeit, Schwäche und Verführbarkeit der Menschen weiß, insbesondere, wenn sie weder an Gott glauben, und daher ein frommes und ehrfürchtiges Leben führen, noch sich vor Gott und seiner angemessenen und liebevollen Gerechtigkeit fürchten.

 

Der Glaube der Christen darf daher nach protestantischer Überzeugung nicht einer individuellen Beliebigkeit und subjektiven Willkür anheim fallen, sondern muss den sittlichen Anforderungen der in der Bibel und in den Evangelien überlieferten Offenbarung in Jesus Christus gerecht werden. Diese Offenbarung wird zwar nur durch die Perspektive der Evangelisten und Apostel vermittelt und ist daher keine angeblich direkt von Gott durch einen Engel geoffenbarte Heilige Schrift wie der Koran, aber mit Hilfe des Heiligen Geistes und mit der allgemeinen menschlichen Vernunft lassen sich die biblischen Schriften textuell angemessen und geschichtlich informiert interpretieren, um ihren tieferen Sinn zu verstehen und für die zeitgenössischen Christen der Gegenwart auszulegen, um das ursprüngliche Evangelium zu bewahren und um es unverfälscht in den christlichen Gemeinden zu verkündigen.

 

Wer die Evangelien kennt, dem ist es sonnenklar, dass weder Jesus noch Paulus die moralischen und rechtlichen For-derungen des jüdischen Gesetzes verworfen haben, sondern sie nur von formalistischen Auslegungen, von übertriebe-ner Strenge und von normativ überfrachteten Verbotsexzessen auf das für ihren jüdischen Glauben Wesentliche zurück-führen wollten, das sie wie auch schon Rabbi Hillel im Doppelgebot der Liebe "Liebe Gott über alles und Deinen Nächsten wie Dich selbst!" erkannt hatten. Damit wurden zwar einige rituelle Regeln (wie z.B. Speiseverbote, Reinigungsrituale, Sabbatgebote, etc.) relativiert, der Kern der lebenserhaltenden Gebote und Verbote und die die Menschen, ihre Gesund-heit, ihre Arbeit und ihr Eigentum schützenden Gesetze jedoch bewahrt und teilweise aus appellativen und religiösen Gründen sogar noch verschärft.

 

Daher ist es ebenfalls klar, dass Jesus und Paulus wie die frommen und milderen Schriftgelehrten der Juden zwar an die Freiheit, Einsicht und Selbstverantwortung der Menschen appellierten, aber stets an eine verantwortungsvolle und gegenüber ihren Mitmenschen respekt- und liebevolle Freiheit im gesetzestreuen Glauben an einen Gott, der es auch mit seinen Geboten und Verboten gut mit ihnen meint, aber sicher nicht an die relativistische und utilitaristische Will-kürfreiheit der mächtigen und gewalttätigen Römer mit ihrer unterdrückerischen Schreckensherrschaft durch ab-schreckende drakonische Folterstrafen und öffentliche Kreuzigungen. Aber auch ihre jüdischen Handlanger wie die Denunzianten und Steuereintreiber fanden nicht ihre Zustimmung und sollten umkehren, sich ihnen anschließen und dem Beispiel Jesu nachfolgen. Ziel und Zweck ihrer zunächst innerjüdischen Reformbewegung war die Abkehr von der Lieblosigkeit und Gottlosigkeit der Sünde, die Heilung von "Dämonen" und psychosomatischen Krankheiten, die Barm-herzigkeit gegenüber den Reumütigen und ehemaligen "Sündern", aber nicht die relativierende Verharmlosung der lieblosen und gottlosen Sünde und eines verantwortungslosen Lebens selbst.

 

Aber der gemeinschaftliche Glaube der Juden und Christen ist weder nach Platon (Dialog Eutyphron und Politeia) noch nach Aristoteles (Nikomachische Ethik und Politik) eine notwendige Voraussetzung für eine allgemeine Ethik und eine Philosophie von Recht und Staat. Daher haben diese beiden klassischen griechischen Philosophen die kognitiven Voraussetzungen für einen säkularen Rechtsstaat geschaffen, an die in der Römischen Antike die Stoiker Cicero, Epiktet und Seneca, im Mittelalter die Philosophen und Theologen Augustinus, Thomas von Aquin und Francisco de Vitoria, in der Frühen Neuzeit die Philosophen und Naturrechtslehrer Francisco Suarez, Hugo Grotius, Samuel von Pufendorf und Baruch de Spinoza und in der Epoche der Aufklärung die Philosophen und Naturrechtslehrer Gottfried Achenwall, Christian Thomasius, Christian Wolff, Jean Jacques Rousseau und Immanuel Kant anknüpfen konnten. Eine "offene Gesellschaft" im Sinne Karl Poppers ist auf einen starken, freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat angewiesen.

 

Daher war die Freiheit zu Philosophieren (libertas philosophandi) nicht nur der Garant für die positive Religionsfreiheit der Bürger und Menschen, einen bestimmten Glauben anzunehmen oder eine bestimmte gemeinschaftliche Glaubens- und Lebensweise auszuüben, sondern immer auch der Garant für die negative Religionsfreiheit, einen bestimmten Glauben oder alle Glaubensweisen abzulehnen und keine bestimmte gemeinschaftliche Glaubens- und Lebensweise anzunehmen. Die Freiheit zu Philosophieren war schließlich auch der Garant dafür, einen Glauben auf seine eigene Weise (nach eigener facon) auszuüben. Die Freiheit zu Philosophieren war jedoch niemals ein Motivationsgrund oder eine Rechtfertigung für subjektivistische und relativistische, gedankliche und begriffliche Willkür oder gar für eine gedanken-lose anarchische Beliebigkeit oder für einen libertären und sophistischen Individualismus des "anything goes".