Das Christentum ist keine "Buchreligion".
Die evangelische Kirche ist nicht die "Kirche der Freiheit", sondern die Kirche Jesu Christi.
Die Kirche Jesu Christi ist keine rechtsförmige Institution, sondern die Gemeinschaft der Christen.
Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen kommen, da bin ich mitten unter ihnen. Matthäus 18:20
Immer weniger Gläubige:
Wie kann es mit den theologischen Fakultäten weitergehen?
Im System der klassischen Fakultäten kam der Theologie der erste Rang vor der juristischen, medizinischen und philosophischen Fakultät zu. An diese ruhmreiche Vergangenheit wird in den theologischen Fakultäten gern erinnert. Man versichert einander, dass man im Grunde die mittelalterliche universitas litterarum in Paris erfunden habe – was nicht ganz falsch ist.
Selbst die berühmte Berliner Reformuniversität, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gegründet wurde, verdankt dem Theologen Friedrich Schleiermacher mindestens so viel wie Wilhelm von Humboldt, dem seinerzeitigen Leiter der Sektion für Kultus und öffentlichen Unterricht im preußischen Ministerium des Inneren.
Mehr als 50 Standorte
Inzwischen ist an die Stelle des Stolzes, erste Fakultät einer Universität zu sein, vielerorts die Furcht getreten, als gleich-sam letzte Fakultät gerade noch geduldet zu werden. Gegenwärtig gibt es in Deutschland mehr als 50 Standorte für
das Studium der evangelischen und eine vergleichbare Anzahl für das der katholischen Theologie. Doch das Gespenst von Kürzung und Abbau streicht durch die Gänge. Die Sorge um Schließung ist hinter vorgehaltener Hand zu ver-nehmen.
Aus nachvollziehbaren Gründen hinterlassen die vielschichtigen Prozesse der Säkularisierung doch ihre Spuren: Die Einschreibungszahlen in den theologischen Studiengängen brechen ein. Längst vergangen sind die goldenen Zeiten
der Achtziger- und Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, bei denen Babyboomer-Jahrgänge zuverlässig Hunderte Erstsemester in die Fakultäten bedeutender Standorte wie Göttingen, Heidelberg, Münster oder Tübingen hinein-spülten.
Während sich früher die gebildeten Bürgertumskinder nahezu gleichmäßig auf die Gründungsfakultäten verteilten, immatrikulieren sich im Bereich der Theologie immer mehr fromme Menschen, die glauben, eigentlich gar kein
Studium zu brauchen, oder aber Menschen ohne alle religiösen Hintergründe, die sich verwundert fragen, wieso
Jesus von Nazareth zur Zeit des Kaisers Augustus geboren wurde.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem der Geisteswissenschaften im Wissenschaftssystem, das vor allem mit
einer stark geschrumpften und in der Zusammensetzung veränderten Nachfrage nach diesen Fächern zu tun hat.
Die klassische theologische Lehre mit ihrer (im Raum der evangelischen Kirche) fein ziselierten philologischen Kunst dreier alter Sprachen und dem hohen Anspruch, auf dem Niveau klassischer deutscher (Religions-)Philosophie
Theologie zu treiben, ist dadurch an vielen Orten zu einem für alle Beteiligten mehr oder weniger schwer zu er-tragenden Karstgelände geworden.
Die tatsächlichen Einschreibungszahlen pro Semester und noch viel mehr die Zahl der faktisch Studierenden werden lieber diskret gehalten. Bislang bleibt den theologischen Einrichtungen die alle Jahre wiederkehrende öffentliche Schamerfahrung der Kirchen erspart, wenn sie ihre Mitgliederzahlen offenlegen müssen. Immatrikulations- und Absolventenzahlen werden aber hochschulintern sorgfältig erfasst und zwischen den Fakultäten verglichen, schon
weil das Bundesverfassungsgericht die Hochschulen verpflichtet, wegen der grundrechtlichen Ausbildungsfreiheit
die Lehrkapazitäten maximal auszunutzen.
Überbelegung ist kein Problem mehr – im Gegenteil
Universitäten operieren mit vergleichenden Auslastungsstatistiken, die die Zahl der Studierenden und Lehrenden für alle Disziplinen ins Verhältnis setzt. Qualitätspflege, beispielsweise durch eine bestmögliche Betreuung und kleine Lerngruppen, muss in diesem von staatlichen Kapazitätsverordnungen dominierten System hintanstehen, im Unter-schied zu prominenten Universitäten des Auslands, die ihre Zulassungszahlen vollkommen frei festsetzen dürfen.
Seit einiger Zeit sind nun Überbelegungen, anders als vor vierzig Jahren, kein Problem der theologischen Studiengänge mehr, im Gegenteil. Die Unruhe an den Universitäten wächst spürbar angesichts einer verschwindend geringen Aus-lastung der theologischen Studiengänge. Häufig wird nicht mal jeder dritte Studienplatz besetzt.
An der faktischen Auslastung hängt aber an den meisten Standorten die Ausstattung von Einheiten mit Professuren, weiteren Stellen und verfügbaren Mitteln. Die bestehenden Fakultäten sind nach diesen Maßstäben unausgelastet,
weit dramatischer als etliche andere Geistes- oder Professionswissenschaften. Eine Zeit lang wurde diese Sonder-situation im deutschen Wissenschaftssystem grummelnd hingenommen. Nun aber kommen die Zeiten des selbst-verständlichen Mittelaufwuchses an ihr Ende.
Unmut in Ministerien und Unileitungen
Verteilungskämpfe verschärfen sich, einzelne Länder machen ihren Hochschulen schon harte Sparvorgaben. Die Forderung nach Kapazitätsanpassungen in der Theologie liegt auf der Hand. Bislang werden sie hinter verschlossenen Türen geäußert, doch der Unmut in Ministerien und Universitäten über das Ungleichgewicht von Ausstattung und Auslastung wächst.
Bislang führte der Reformdruck dazu, dass vereinzelt in den Ruhestand verabschiedete und gut ausgestattete W3-Professuren nur noch mit nackten Juniorprofessuren nachbesetzt werden. Vor weiteren Zumutungen scheint das Religionsrecht zu schützen, sind doch viele Standorte und gelegentlich sogar die Zahl der Professuren durch Staats-verträge zwischen Staat und Kirchen im Detail garantiert.
Bei Studien- und Prüfungsordnungen sowie Berufungen haben die Kirchen ein Mitentscheidungsrecht. Der zur
religiös-weltanschaulichen Neutralität verpflichtete, theologisch mithin in seiner Kompetenz nicht zuständige Staat
kann gegen den Willen der Kirchen und ohne ihr Mitwirken an seinen Universitäten keine Theologie anbieten und betreiben. Traditionell spiegelt sich der besondere Status des Faches auch in seiner Organisation in Form eigen-ständiger Fakultäten wider.
Da und dort ist das Gefüge in Bewegung geraten
An einigen Standorten ist dieses Gefüge in Bewegung geraten. In Hamburg wurde die Theologie in eine kulturwissen-schaftliche, in Erlangen-Nürnberg in eine philosophische Großfakultät integriert. Die staatskirchenrechtlich garantierten Reservatrechte hängen nun an der kleineren Einheit des Fachbereichs. Ähnlich ist es in Mainz, wo die katholische und evangelische Theologie in einem Fachbereich und doch in getrennten Fakultäten betrieben wird.
Im Kern sind die überkommenen Organisationsformen der Theologie bislang aber unangetastet geblieben. Signi-fikante Aufbruchsbestrebungen, sich grundlegend institutionell neu zu organisieren und so zugleich zu konsolidieren, sind noch nicht erkennbar.
Verschiedene Formen der Religionsforschung, also mehrere Theologien sowie weitere historische, sozialwissenschaft-liche und philologische Disziplinen, unter einem institutionellen Dach zu vereinen, wie an manchen Universitäten in den USA üblich, hat in Deutschland bislang niemand versucht. In den Campuslösungen von Münster und Tübingen werden theologische und religionswissenschaftliche Einheiten räumlich benachbart untergebracht und sind nicht zu einer Fakultät zusammengeschlossen.
Das Interesse des Staats
Anders als oft behauptet folgt der sorgsam gepflegte Traditionalismus in der Organisation theologischer Forschung
und Lehre nicht zwingend aus dem Religionsverfassungsrecht. Verfassungsrechtlich gefordert ist der eigenständige Fakultätsstatus einzelner konfessionell bestimmter Theologien nicht. Das zeigt sich schon daran, dass Lehrkräfte vielerorts an sehr kleinen Instituten für evangelische und katholische Theologie ausgebildet werden.
Der Staat hat seit der Frühen Neuzeit ein Interesse an einer universitären Ausbildung der Geistlichen und dem Aus-tausch angehender Geistlicher mit Studierenden anderer Wissenschaften. Religiöses Personal, das ein Universitäts-studium durchlaufen hat, prägt mittelfristig auch Religionskulturen.
Deshalb hat der Staat, auch unter dem Eindruck islamistischer Bedrohungen, mittlerweile in Form der islamischen Theologie die Entstehung einer Disziplin befördert, die im deutschen Wissenschaftssystem unbekannt war. Wissen-schaftliche Theologie und Islamunterricht in den öffentlichen Schulen sollten bei der islamischen Aneignung und Durchdringung liberaldemokratischer Denkformen helfen. Zu Fakultäten für islamische Theologie hat das nicht geführt.
Kirchen haben immer weniger Mitglieder
Wie wird es weitergehen? Prognosen über die schrumpfenden Mitgliederzahlen der Kirchen erwiesen sich bislang teils als verlässlich, teils als eher zu optimistisch. Der Verlust an volkskirchlicher Substanz hat Folgen für den Personal- und damit für den theologischen Ausbildungsbedarf von Religionslehrkräften und Pfarrern.
Hinzu kommt in der katholischen Kirche, dass sich hierzulande kaum noch jemand auf die Lebensform eines Priesters einlassen will. In ganz Deutschland gibt es nur noch 50 neue Priesteramtskandidaten pro Jahr. Für beide Kirchen gilt:
Wer in den kommenden Jahrzehnten wohl die Hälfte seiner Mitglieder verlieren wird, der wird auch weniger theo-logischen Nachwuchs brauchen.
Deshalb wird es nicht ausreichen, auf die vertraglichen Vereinbarungen zwischen Staat und Kirchen zu verweisen,
die die Fakultäten und Fachbereiche im Bestand garantieren. Grundlage der Verträge ist ein adäquater theologischer Ausbildungsbedarf für Geistliche und Religionslehrkräfte – und der besteht schon jetzt bei Weitem nicht mehr in dem Umfang, wie theologische Fakultäten und Institute vorgehalten werden.
Status quo nicht mehr haltbar
Die Erhaltung des Status quo ist schlicht keine realistische Option. Es ist vielmehr eine Frage der Zeit, bis erste Uni-versitätsleitungen die Schließung von Standorten verlangen und Landesregierungen mit Vertragsänderungen oder
gar -kündigungen drohen.
Verantwortliche Akteure in Kirche und Theologie haben nur die Wahl zwischen schleichender Erosion und zufälliger Disruption einerseits – man denke nur an entsprechende Ankündigungen aus der AfD – und planvoller Konzentration und Reorganisation zum Erhalt einer in Forschung und Lehre leistungsfähigen Theologie im Konzert der Religions-forschung andererseits.
Gerne wird argumentiert, dass Theologie als eine der Gründungsfakultäten der mittelalterlichen wie der neuzeitlichen Universität unabdingbar für eine moderne „Volluniversität“ sei (mit diesem merkwürdigen Stichwort wird das um-schrieben, was man früher universitas litterarum nannte).
Aber in den jetzt unter den Bedingungen sinkender Finanzmittel anstehenden Priorisierungsdebatten ist nicht nur
von den Theologien verlangt, dass sie sich auf einige wenige gut ausgestattete Standorte konzentrieren müssen.
Die Zukunft liegt generell in ausdifferenzierten und hinreichend spezialisierten Wissenschaftseinrichtungen, nicht in
der uniformen Einheit aller Disziplinen innerhalb einer Organisation.
Die hiermit skizzierte Lage führt zu einer Fülle an Fragen, die beantwortet werden müssen, will man Theologie als belangvolle Disziplin in Forschung und Lehre an staatlichen Universitäten erhalten.
Kann die Struktur bleiben wie im 19. Jahrhundert?
Erstens: Ist es sinnvoll, alle theologischen Fakultäten weiterhin – und im Unterschied zu vielen anderen universitären Fächern – immer noch so zu strukturieren wie im neunzehnten Jahrhundert? In der evangelischen Theologie werden fünf sogenannte Kernfächer, nämlich Altes und Neues Testament, Kirchen- oder Christentumsgeschichte, Systematische Theologie und Praktische Theologie in der Regel von jeweils zwei Professuren besetzt.
Diese Kanonbildung hat ihren Preis. So ist längst klar, dass die sogenannte zwischentestamentliche Literatur, die un-abdingbar zum Verständnis beider Testamente ist, dadurch nicht angemessen gelehrt und erforscht werden kann. Innerhalb der Teildisziplinen wie beispielsweise der Kirchen- und Christentumsgeschichte wurden die in den jeweiligen Bezugswissenschaften längst überwundenen Binnengliederungen fortgeschrieben: Kaum ein historisches Institut, das etwas auf sich hält, gliedert noch nach den vier Großepochen Antike, Mittelalter, Neuzeit und Zeitgeschichte, wohl aber die theologischen Fakultäten, wobei es in den evangelischen Einrichtungen dann noch eine Reformationsgeschichte gibt, in der erbittert darüber gestritten wird, ob die entsprechende Epoche eher zum Mittelalter oder zur Neuzeit gehört.
Über diesen konzeptionellen Strukturkonservativismus kann auch nicht hinwegtäuschen, dass es an einzelnen Stand-orten Professuren gibt, die sich gewissen allgemeinen Entwicklungstrends in den Geistes- und Kulturwissenschaften verdanken – beispielsweise „Dogmatik und Gender“, „interkulturelle Theologie“ oder „Ethik in Theologie und Medizin“.
Einen Studienort wie beispielsweise New Haven, wo neben dem Department of Religious Studies der Yale University
die Yale Divinity School (YDS) existiert, gibt es in Deutschland nicht. Dort unterrichten mehr als 50 Professoren ihre Studierenden gemeinsam, von einer anglikanischen und jüdischen Neutestamentlerin über einen lutherischen Mediävisten bis hin zu einem griechisch-orthodoxen Byzantinisten.
Spitzenforschung setzt hinreichende Quantität voraus. Die Zusammenlegung mehrerer kleinerer Einrichtungen hierzulande zu einer Fakultät solcher Prägung und die dadurch mögliche Etablierung neuer Teildisziplinen wie einer Professur etwa für das Christentum Asiens würde den durch die Konservierung der Strukturen des neunzehnten Jahrhunderts erzeugten Hausstaub auf der deutschen Theologie fortblasen helfen.
Weiter jede Konfession für sich?
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zweite Frage: Wie sinnvoll ist es, dass weiterhin alle Fakultäten monokonfessio-nell ausgerichtet sind? Schon immer hatten Universitäten wie Münster, München oder Tübingen, an denen es Fakultäten für evangelische und katholische Theologie gibt, eine besondere Attraktivität für neugierige Studierende.
Es wäre einen Versuch wert, an einzelnen Standorten die Konfessionsbindung der Theologie in Deutschland nicht
mehr auf Fakultäten, sondern nach dem Vorbild der YDS in New Haven oder der Chicago Divinity School auf einzelne Professuren oder Institute zu beziehen und auch innerhalb einer Fakultät Professuren mit unterschiedlichen Kon-fessionen und je nach Disziplinbereich auch Religionen zu besetzen.
Eine solche Besetzungspolitik würde neue Forschungsperspektiven eröffnen und hätte eine andere Sicherheit der
dort Ausgebildeten in der Religions- und Weltanschauungspluralität in unserer Gesellschaft zur Folge. Für Fragen der Studienordnungen, des Prüfungsrechts und der Berufungen lassen sich auch unter deutschen Bedingungen ge-
eignete Vorkehrungen treffen, um disziplinäre Selbstbestimmung und religiösen Freiheitsschutz zu gewährleisten.
Geht es auch näher an der Praxis?
Dem schließt sich eine dritte Frage an: Unter den klassischen ausbildungsorientierten Disziplinen der deutschen Universität weist die Theologie im Studium die größte Praxisdistanz auf. Kann diese ausgeprägte Entkoppelung der Theorie von der Praxis, die sich ebenfalls einem Ausbildungskonzept des neunzehnten Jahrhunderts verdankt, so fortgeführt werden und weiterhin im Studium auf Referendariat und Vikariat als die eigentlich lebensorientierende Nachschulung verwiesen werden?
Muss nicht die lebenserschließende Kraft theologischer Topoi von vornherein in Art und Anlage des Studiums eingeübt werden, damit Studierende nicht Gefahr laufen, im ersten Examen auswendig gelernte Lehrinhalte zu reproduzieren, deren Gott und Welt aufschließender Sinn ihnen selbst weitgehend entzogen bleibt?
Die medizinische Fakultät der Berliner Charité hat schon 1999 einen Reformstudiengang eingeführt, der vorklinische und klinische Phase kombiniert und weitere Praxiselemente integriert. Welche theologische Fakultät hierzulande wagt das 2027?
Besser wissenschaftlich breit aufstellen?
Vierte Frage: An den kleinen Lehramtsinstituten gibt es zum Teil nur zwei Professuren. Wie kann da ein breit gebildetes religionskundiges Lehramtspersonal gedeihen? Und wie kann das Lehrpersonal über ein hartes Unterrichtspensum hinaus forschend in andere Wissenschaftskontexte ausstrahlen?
Wäre es nicht für die Theologie als wissenschaftliche Disziplin gewinnbringend, möglichst breit aufgestellte Lehr- und Forschungseinheiten zu bilden und Chancen des universitätsübergreifenden Lehrexports konsequent zu nutzen?
Im Zeitalter digitalisierter Lehre werden sich ohnehin viele exzellente Studiengänge mit Gewinn von zu Hause aus absolvieren und mit Präsenzphasen vor Ort kombinieren lassen.
Besser in kirchlichen Einrichtungen als an Unis?
Man mag gegenläufig zum bisher Gesagten – fünftens – fragen, ob nicht die Kirchen ihre Geistlichen künftig selbst ausbilden sollen. Es gibt parallel zu den darbenden Fakultäten noch einige Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft, deren Einschreibezahlen teilweise beachtlich sind.
Kritiker einer Verlagerung der Ausbildung von Geistlichen und Religionslehrkräften an solche Einrichtungen betonen, dass die freie Forschung, die zu den Wesensmerkmalen einer akademischen Disziplin gehört, auch in der Theologie nach deren Umformungen in der Neuzeit essenziell sein muss und nur gewährleistet ist, wenn Theologie als akade-mische Disziplin an staatlichen Universitäten gelehrt wird.
Das sichert einerseits einen gegenüber aller Ideologie distanzierten Anspruch der Wissenschaftlichkeit im Geist re-flexiver Aufklärung und andererseits ein unabhängiges, souveränes Lehrpersonal, das sich nicht im Schatten einer
wie auch immer geprägten geistlichen Aufsicht zu orientieren hat.
Die Einbindung eines theologischen Fachbereichs in das Konzert mannigfacher Nachbardisziplinen kann jedenfalls
eine inter- und dann auch transdisziplinäre Vernetzung in Studium und Lehre befördern. Nur so wird die in vielen Geisteswissenschaften anstehende Erweiterung um naturwissenschaftliche Methoden wie Fragestellungen (z.B. wie in der Genetic History, die den Geschichtswissenschaften mit genetischen Analysen eine neue Quellengattung beschert) überhaupt möglich sein, weil nur an Universitäten eine entsprechend qualifizierte, exzellente Naturwissenschaft etabliert werden kann.
Welche Instanz hätte Mandat und Durchsetzungskraft für eine Umstrukturierung?
Die letzte Frage ist im stark föderal geprägten System deutscher evangelischer Landeskirchen und römisch-katholischer Bistümer vielleicht am schwersten zu beantworten: Welche Instanz kann sich sinnvollerweise der verzwickten Frage nach einer Konzentration der Standorte theologischer Fakultäten, Fachbereiche und Institute bei gleichzeitiger Auf-fächerung der Lehr- und Forschungsprofile annehmen?
Wer hilft, die oft nur nach dem Prinzip sola structura geführte Diskussion über Zusammenlegungen und Schließungen
in einen produktiven Prozess zum Aufbau von diversifizierten, international konkurrenzfähigen Einheiten mit best-möglich qualifiziertem Personal und vielversprechenden Forschungsperspektiven zu verwandeln?
Es ist ja nicht so, dass die Akteure in theologischer Wissenschaft und Kirche den Schwund an Studierenden und die absehbare kirchliche Transformation ignorierten oder sich von vornherein jeder Veränderung verweigerten.
Fakultäten, Lehramtsinstitute und Kirchen sind auf dem richtigen Wege, wenn sie – möglichst gemeinsam – in
dieser Weise auf eingeschlagenen Pfaden entschlossen vorangehen.
Doch kurzfristig hat kein beteiligter Akteur ein starkes Eigeninteresse an Veränderung. Von den Fakultäten und In-
stituten selbst oder ihrem Zusammenschluss in den Fakultätentagen wäre es zu viel verlangt, einen groß angelegten Transformationsprozess zu koordinieren.
Auch die Landeskirchen und Diözesen scheinen nicht die Reformtreiber zu sein: Die Kirchenleitungen der evangelischen Landeskirche stehen zwar in staatskirchenrechtlicher Verantwortung, ihre eigene kirchenorganisatorische Bringschuld und Verantwortungslasten machen sie jedoch schwerlich zu einem die Reformen vorantreibenden Gegenüber, sosehr sie in einen Standortreformprozess einbezogen gehören.
Es bleibt nur, eine starke dritte, unabhängige Instanz zu bemühen, die mit den Vertretenden der Disziplin gemeinsam das Feld evaluiert, sinnvolle Zielstellungen identifiziert und über genug fachlichen und wissenschaftspolitischen Sach-verstand verfügt, um glaubwürdig zu vermitteln und anzuregen.
Wenn man an die „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“ denkt, die der Wissenschaftsrat nicht zuletzt auf Anregung seines damaligen Vorsitzenden Peter Strohschneider und der damaligen Bundesministerin Annette Schavan im Januar 2010 vorlegte, könnte eine solche Instanz der Wissenschaftsrat sein. Internationale Expertisen könnte man über begleitende Tagungen in einer
der großen Wissenschaftsstiftungen einholen.
Eine solche Lösung von Fragen, die schon länger der Beantwortung harren, hat die Theologie verdient. Die Universi-tätslandschaft unseres Landes wäre signifikant ärmer ohne leistungsfähige Theologien. Und um die Zukunftsfähigkeit eines immer deutlicher multireligiösen Landes wäre es auch schlechter bestellt.
Wer hingegen dem Religionsrecht und den Staatskirchenverträgen zumutet, eine universitäre Disziplin auf Dauer vor Kapazitätsanpassungen zu schützen, untergräbt mittelfristig sowohl die Akzeptanz der Theologie im Verbund der anderen Fächer als auch die Legitimation eines Kernelements im kooperativ-freiheitlichen Religionsverfassungsrecht. Dieser Preis wäre so hoch, dass er durch nichts zu rechtfertigen wäre.
Immer weniger Gläubige: Wie kann es mit den theologischen Fakultäten weitergehen?
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 26.01.2021
Projekt Weltverbesserung
Eine hellsichtige Analyse des gegenwärtigen Christentums
Das Christentum, besonders der Protestantismus, ist eine Buchreligion. Entsprechend besteht kein Mangel an Büchern zur Lage der Kirche. Der Bochumer Professor Günter Thomas hat nun eine Analyse
des Gegenwartschristentums vor-gelegt, die aus dieser Masse durch Scharfsinn hervorsticht. Der Vorzug des Werks besteht darin, dass es nicht nur die Probleme der Organisation beschreibt. Thomas
legt auch die theologischen Grundentscheidungen frei, die ihrem gegenwärtigen Handeln zugrunde liegen. Das Ergebnis ist eine flott geschriebene Abrechnung mit den bestimmenden Strömungen der
neueren Theologie.
Die liberale Theologie im Gefolge Schleiermachers wird dabei ebenso ins Visier genommen wie diejenigen, die nach dem Krieg die dialektische Theologie Karl Barths fortschrieben,
von Dorothee Sölle und Jürgen Moltmann bis hin zum gegenwärtigen EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm. Die Grundthese des Autors besagt, dass die christliche Theo-logie schon seit der Antike gegen
den falschen Gegner antritt, indem sie sich vorrangig mit der Philosophie misst. Nach Günter Thomas ist aber nicht der Logos, sondern der Mythos die eigentliche Herausforderung für das
Christentum - und zwar besonders in der Moderne, die eine mythisch-mediale Erzählmaschine sondergleichen bilde. Abends bei Netflix seien die Leute bereit, im Modus des "als ob" Konstrukte
zumindest für zwei oder drei Stunden als Realität zu akzeptie-ren, die nicht weniger ungewöhnlich sind als ein Glaube an die Menschwerdung Gottes.
Die Säkularisierung erscheint bei Thomas damit nicht als allmähliche Zersetzung von Metaphysik in Oberseminaren, sondern als Niederlage der Religion gegen die konkurrierenden Mythen der
Gegenwart. Vor allem drei geistige Strö-mungen sieht Thomas als prägend: Den Vitalismus, also den Kult der Stärke und des Lebens, dessen kulturelle Leit-formation der Sport ist.
Günter Thomas erkennt im Vitalismus der Moderne die Wiederkehr der nordischen Religionen. Die "Edda" sickert wieder ein - und macht dabei keineswegs vor der Kirchentür halt. Wenn christliche
Verlagshäuser auf Slogans wie "Dem Leben trauen" setzen, hält Thomas das für einen Irrtum, dem durch einen Besuch in einer Kinder-klinik abzuhelfen sei.
Die zweite Strömung nennt Thomas "Neostoizismus". Es geht um den Versuch, inmitten einer unübersichtlichen Welt zumindest den eigenen Nahbereich unter Kontrolle zu bringen. Vor
allem die Familie wird so zum Ort, an dem Liebe gelebt werden kann. Auch wenn die christliche Nächstenliebe dadurch verkürzt wird, verwandeln sich die Kirchen auch dieser Strömung bisweilen
an.
Die evangelische Kirche ist besonders anfällig für den dritten Idealtyp, die "verzweifelte Hoffnung". Wer sieht, wie
eine Sea-Watch-Kapitänin zum Vorbild führender EKD-Geistlicher wurde, weiß sofort, wovon die Rede ist: dem Projekt Weltverbesserung unter der Fahne von "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung".
Das Regenbogen-Denken hat zuletzt allerdings eine entscheidende Veränderung erfahren: Der utopische Optimismus der "Habermas-Jahrzehnte" hat sich
verflüchtigt. Bei Bewegungen wie "Fridays for Future" geht es stattdessen um die Verhinderung einer Dystopie. Die untergründige Bitterkeit des Moralismus wird dadurch verstärkt. Aus Hoffnung wird
verzweifelte Hoffnung.
Thomas beklagt, dass die Kirchen darüber das Eigene zunehmend aus dem Blick verloren hätten. "Wie ein unterirdi-scher Schwelbrand in Kohlenflözen" habe sich im westlichen Christentum die
Auffassung durchgesetzt: "Was auch immer Gott ist, er ist kein lebendiger Akteur." Die Überzeugung, dass Gott in der Geschichte handelt, stehe jedoch im Zentrum des Christentums.
Gott interagiert mit der Welt als Bewahrer, Versöhner und Erlöser. Er verharrt also weder in der Transzendenz, noch verliert er sich im Diesseits. Diese Irrlehren sieht Günter in der modernen
Theologie jedoch zunehmend vertreten. In der Verkündigung der Kirchen werde systematisch der Unterschied verwischt zwischen Ver-söhnung, die durch Jesus Christus bereits erfolgt ist, und der noch
ausstehenden Erlösung am Ende aller Tage. In der Konsequenz ist nicht mehr klar, was Auferstehung bedeutet. Sie wird verzwergt zu einer "Auferstehung ins Leben"
und einem Weiterleben in Gedanken der Angehörigen. Solchen Lehren hält Günter Thomas den Paulus-Vers "Wenn
die Toten nicht auferstehen, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot" entgegen.
Eine weitere Folge besteht darin, dass ein grenzenloser Moralismus einzieht. Denn sobald man die "radikale Hoffnung" auf Erlösung fallenlässt, die selbst eine todkranke
Kindesmutter trösten könnte, droht sich die Kirche schleichend in einen Akteur der "verzweifelten Hoffnung" zu verwandeln. Die Säulenheilige dieser Strömung ist Dorothee Sölle
mit ihrem Credo "Christus hat keine anderen Hände als unsere Hände". In diesem Satz spiegelt sich die Hybris, das Leid der Welt mit Moral beseitigen zu wollen. Aber auch eine spirituelle
Depression, von Gott nichts mehr zu erhoffen. Dazu passt die Diagnose des Autors, dass die Theologie das Scheitern des Marxismus nicht ausreichend aufgearbeitet hat und der
Sozialismus oft weiter als heimliches Leitbild dient. Ergebnis sei eine unausgesprochene Spaltung der Kirche in "radikal-moralische Salonsozialisten" und "Täter" mit schlechten Gewissen und
zugleich hohen Einkommen, die den ganzen Laden finanzieren. Das werde nicht mehr lange gutgehen, meint Thomas.
Der Autor rät der Kirche zudem dringend davon ab, den eingeschlagenen Kurs der Spezialisierung weiterzuverfolgen und Glaube, Liebe, Hoffnung wie Unternehmenssparten zu behandeln,
die man auch eigenständig an der Börse plazieren könnte. Statt sich weiter in Spezialgemeinden aufzusplitten, plädiert Thomas dafür, Kirchengemeinden konsequent an der "Einheit von Glaube, Liebe
und Hoffnung" auszurichten. Eine Gemeinde müsse alle Grunderfah-rungen christlicher Existenz ermöglichen. Thomas vertritt damit ein Gemeindebild, das viel stärker den Ideen des amerikanischen
Megachurch-Planers Rick Warren gleicht als den Zukunftskonzepten, die in deutschen Kirchenämtern verfolgt werden.
Und statt die Gerichtsvollzieher, Landwirte und Pharmavertreter in den eigenen Reihen "antikapitalistisch oder öko-theologisch anzunörgeln" müsse die Kirche würdigen, dass auch diese
Berufsgruppen als "Weltenbauer" zum Fort-bestand der Gesellschaft beitragen und damit ebenso ein Werk Gottes tun wie Sozialpädagogen und Entwicklungs-helfer. Die konsequente Orientierung der
Kirche an den Laien bedeutet für Thomas mitnichten einen Verzicht auf gehaltvolle Theologie - im Gegenteil. Er gibt zu, dass er selbst lange daran geglaubt habe, dass Glaubensinhalte heut-zutage
erst einmal "übersetzt" werden müssten. Inzwischen hält er das für einen großen Irrtum, denn das Ergebnis solcher "Übersetzungen" sei allzu häufig "Theologie der Krabbelgottesdienste". Thomas ist
deshalb auch davon überzeugt, dass es im Religionsunterricht viel stärker darum gehen müsste, das "Weltabenteuer Gottes" als "Denk-abenteuer" darzulegen.
Als Hoffnungszeichen wertet Thomas das anhaltend hohe Interesse an Kirchenmusik. Beim Hören der Matthäus-passion seien die Menschen zumindest für eine Weile bereit, ihre Zweifel
zu dispensieren, so wie sie sich beim Gospel-singen plötzlich darauf einlassen, "auf Zeit" starke Gewissheiten zu kommunizieren. Solche Erprobungsräume sind für den Systematischen Theologen aus
Bochum auch deshalb so wichtig, weil er die Bindung des Christseins an einen vermeint-lich festen "Glauben" für verfehlt hält. Denn am Weltabenteuer Gottes nimmt man nicht nur im Modus des
"Glaubens" teil, sondern auch als Liebender, Klagender oder Hoffender. Deshalb ist es auch möglich, sich über "Als ob"-Erfahrungen auch an das Christentum allmählich heranzutasten.
Diese Offenheit für Ambivalenzen und der Verzicht auf das Pathos der "Entscheidung" könnten zu dem Schluss führen, dass es sich beim Autor um einen liberalen
Theologen handelt. Dieser Eindruck täuscht, denn Günter Thomas setzt dezidiert nicht beim religiösen Bewusstsein an. Auch das Ausmisten des Traditionsbestandes ist nicht sein Projekt. An einer
Stelle schreibt Thomas, so wie er hätten vermutlich "die allermeisten Christen der allermeisten Zeiten" gedacht. Handelt es sich also um eine Art "Neoorthodoxie"? Nicht ganz zufällig wird mit
diesem Begriff im englischsprachigen Raum auch die Schule Karl Barths bezeichnet. Zwar geht Thomas mit keiner anderen Strömung so ins Gericht wie mit der links-barthianischen Schule und ihren
kirchlichen Protagonisten. Doch wirft man einen Blick in andere Bücher des Bochumer Theologen, in denen er nicht populärwissenschaftlich schreibt, sondern mit Fußnoten und Literaturverzeich-nis,
führen etliche Spuren zurück in die barthianische Tradition. Günter Thomas frischt dieses Erbe nun sprachlich und gedanklich auf.
Die Frage ist natürlich, ob er dadurch das inhärente Problem dieses Ansatzes loswird. Kant und Habermas mögen bei Netflix zwar nicht explizit vorkommen. Aber Skepsis, Rationalismus und
historische Kritik sind dennoch Teil der Gegenwartskultur. Die Herausforderung, das moderne Wahrheitsbewusstsein mit der christlichen Lehre in Überein-stimmung zu bringen, herrscht eben
nicht nur im Oberseminar. Diese Einsicht war stets Ausgangspunkt liberaler Theologie. Ihr Bemühen, das Christentum mit dem Logos der Moderne zu versöhnen, hat zwar nicht zum erhofften Erfolg
geführt. Aber es ist längst nicht ausgemacht, dass man dem Problem entwischt, indem man sich stattdessen mit den Mythen der Moderne beschäftigt. Es gibt daher keine Garantie,
dass die Kirchen ihre Krise mit den Rezepten aus Bochum lösen können. Die Analyse von Günter Thomas gehört aber dennoch auf die Nachttische derer, denen eine Zukunft des Christentums in der Mitte
der Gesellschaft wichtig ist.
REINHARD BINGENER
Günter Thomas: "Im Weltabenteuer Gottes leben". Impulse zur Verantwortung für die Kirche.
Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt
2020. 368 S., 16,- Euro.
Die Kirchen machen sich selbst überflüssig
Zwischen Missbrauchs- und Vertrauenskrise, Klimapolitik und Genderpropaganda kam den grossen Kirchen der Glaube abhanden. So arbeiten sie an der eigenen Abschaffung.
Alexander Kissler, Berlin, NZZ vom 21.12.2022
Weihnachten, das beliebteste Fest der Christenheit, vermag nicht darüber hinwegzutäuschen: Die grossen steuer-finanzierten Kirchen befinden sich in einem beklagenswerten Zustand.
Die einzige Ökumene, die verlässlich funktioniert, ist die Geschwisterlichkeit der Austritte und die Brüderlichkeit der Irrelevanz. Die Marginalisierung durch Selbstsäkularisierung schreitet voran. Wollte man nach Unterschieden beim Spitzenpersonal suchen, bliebe bestenfalls die Wahl zwischen Hypermoral in protestantischen und Unmoral in ka-tholischen Kreisen.
So hart das Urteil klingen mag, so sehr bestätigen es die bestallten Vertreter der Kirchen. Die Krise der Katholiken verdichtet sich in den Namen Bätzing und Bode. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz und sein Stellvertreter, Oberhirten im hessischen Limburg und im niedersächsischen Osnabrück, machen im Schnittpunkt mannigfacher Fehlentwicklungen eine derart unglückliche Figur, als wären sie entschlossen, ihre Kirche besenrein zu hinterlassen.
Eine öffentlichkeitswirksame Geste
Von Franz-Josef Bode stammt ein Satz, der in die Annalen der Dekadenz eingehen könnte. Befragt, warum er trotz gut dokumentiertem Fehlverhalten beim Umgang mit zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs nicht zurücktrete, sagte Bode: Ihm seien zwar moralische, aber keine juristischen Verfehlungen vorzuwerfen.
Nimmt man Bode ernst, gehört Moral zu den minder wichtigen Gütern in der gegenwärtigen katholischen Kirche.
Darin bestätigen ihn seine bischöflichen Mitbrüder, die bloss nicht moralisieren, sondern «gemeinsam Perspektiven entwickeln» wollen – so formuliert es der Essener Diözesanverantwortliche Franz-Josef Overbeck. Im Zuge dieser Neujustierung forderte Overbeck jüngst einen eigenen Rechtsstatus für Tiere und Pflanzen.
Bei Bode kommt hinzu: Er war es, der sich 2010 öffentlichkeitswirksam auf den Boden des Doms legte und die Be-troffenen des Missbrauchs um Vergebung bat. Trocken ergänzt der Zwischenbericht der Universität Osnabrück zu «Pflichtverletzungen der Bistumsleitung»: Bodes «herausragende Geste» sei mit dem Versprechen einhergegangen,
die Hilfen für die Opfer auszuschöpfen; dies «wurde in der Verwaltungspraxis seines Bistums gegenüber den Be-troffenen jedoch nicht umgesetzt».
Auf nationalem Sonderkurs
Bode hat laut dem Zwischenbericht «in den ersten Jahrzehnten seiner Amtszeit mehrfach Beschuldigte, auch solche,
an deren Gefährlichkeit kaum Zweifel bestehen konnte, in ihren Ämtern belassen oder in Ämter eingesetzt, die weitere Tatgelegenheiten ermöglichten». Dennoch ist ein Rücktritt für Bode keine christliche Option. Er deutet das persönliche Versagen als Ausdruck einer systemischen Schieflage und will sich, statt persönlich Verantwortung zu übernehmen, für die Weihe verheirateter Männer zu Priestern einsetzen und für einen neuen Blick auf das «Positive, Gute und Richtige» an homosexuellen Partnerschaften.
In seiner Intransigenz übertrifft Bode den heftig kritisierten Kölner Kardinal Woelki, der dem Papst immerhin seine Demission anbot. Während der DBK-Vorsitzende Bätzing im Fall des theologisch eher konservativen Woelki vehement auf dessen Rückzug drängt, waltet beim progressiven Bode grösste Rücksichtnahme. Schliesslich wollen beide, Bätzing wie Bode, auf dem nationalkirchlichen Sonderkurs vorankommen, wie ihn der «Synodale Weg» für Deutschland zementieren soll.
Leere Kirchen, schwindende Mitgliederzahlen
Bei Katholiken und Protestanten verlassen nicht nur die Getauften ihre Kirche in Scharen. Die Verbliebenen nehmen auch Reissaus vor den Gottesdiensten. Selbst Anna-Nicole Heinrich, die 26-jährige Präses der Evangelischen Kirche, bekannte nun, dass der Sonntagsgottesdienst in der Ortsgemeinde «nicht zu ihren Ritualen» gehöre. Fest ritualisiert sind hingegen die Taufen der mittlerweile drei von der EKD ins Mittelmeer entsandten «Seenotrettungsschiffe» des Bündnisses United4Rescue, bei denen die Fahne der Antifa zuverlässig flattert.
Die Transformation zur hypermoralischen Gender- und Klimakirche ist bei den deutschen Protestanten weitgehend abgeschlossen. Auf der jüngsten Synode bekam eine Vertreterin der klimaextremistischen Letzten Generation den grössten Applaus. Am Klima-Aktionstag von «Fridays for Future» hat sich die EKD beteiligt. Mit einem katholischen Contra ist nicht zu rechnen: Bischof Bätzing lobte die Letzte Generation, verglich sie gar mit den Urchristen. Der Jesuit Jörg Alt schloss sich dem Klebeprotest an.
Weihnachten ist nicht in erster Linie ein Familienfest, sondern ein Fest des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung.
Die steuerfinanzierten Grosskirchen verbreiten derzeit keine Hoffnung. Ihnen kam der Glaube abhanden.
Weihnachten: Wie sich die Kirchen selbst überflüssig machen (nzz.ch)
Günter Thomas
Im Weltabenteuer Gottes leben. Impulse zur Verantwortung für die Kirche
Dieses Buch möchte ermutigen, indem es theologisch provoziert. Geschrieben wurde es für alle, die Verantwortung für ihre Kirche übernehmen wollen. Es wendet sich also an alle Getauften. In den gegenwärtigen Krisen der Kirche plädiert es für einen hoffnungsvollen Realismus.Die einzelnen Impulse des pointiert argumentierenden Bochumer Systemati-kers Günter Thomas fügen sich wie Puzzlestücke zu einem Bild: Gottes Lebendigkeit ernst nehmen; sich als Glaubende im Weltabenteuer Gottes entdecken; kühn anerkennen, in einer noch unerlösten Welt zu leben; und vor allem als Kirche mit Verwegenheit Glaube, Liebe und Hoffnung bezeugen. Denn darum geht es Gott bei seinem Weltabenteuer. Nur wenn Christen ihren speziellen Ort im Drama Gottes besetzen, kann sich eine doppelte Befreiung ereignen: die Be-freiung von manischer Selbstüberschätzung ihrer öffentlichen Relevanz und die Befreiung von einer lähmenden Er-schöpfungsdepression, die sich angesichts düsterer Zukunftsprognosen schleichend verbreitet.
Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 3. Aufl., 2021
DAS WORT & DAS FLEISCH | 19 Die anglikanische Kirche
Keine europäische Kirche wird im Moment so gegensätzlich wahrgenommen wie die anglikanische Kirche, die Church of England. Für die einen ist sie ein Vorbild: Angesichts der rasanten Säkularisierung in England und dem Verlust von Geld und Einfluss haben die Anglikaner ganz auf Mission gesetzt.
Entstanden sind z.B. erfolgreiche Glaubenskurse wie der Alpha Kurs, der heute weltweit praktiziert wird. Das gleiche gilt für die Bewegung „Fresh Expressions of Church“. Neben den klassischen Ortskirchen wurden in England neue Gestalten von Kirche gefördert: spirituelle, kreative oder sozialdiakonische Initiativen, die Zehntausenden einen neuen Zugang zum Glauben ermöglichten.
Andere ziehen eine kritische Bilanz. Mit ihrer starken Betonung von Mission sei die anglikanische Kirche heute für die meisten Briten viel zu konservativ beziehungsweise zu evangelikal. So hat sie in der Bevölkerung mehr Zustimmung verloren als die meisten anderen ehemaligen Staatskirchen. Was ist die Anglikanische Kirche heute: Vorbild oder Ab-schreckung?