Wozu Philosophie?

 

 

 

Unser europäisches Denken hebt an bei den Griechen. (…)

Dies Verhältnis der Sprache zur wissenschaftlichen Begriffsbildung lässt sich,

streng genommen, nur am Griechischen beobachten,

da nur hier die Begriffe organisch der Sprache entwachsen sind:

nur in Griechenland ist das theoretische Bewusstsein selbstständig entstanden,

(…) alle anderen Sprachen zehren hiervon, haben entlehnt, übersetzt,

das Empfangene weitergebildet.

 

Bruno Snell, Die Entdeckung des Geistes

 

 

 

WOZU HEUTE NOCH PHILOSOPHIE? (1969)

 

Ein Gespräch mit dem Heidelberger Philosophen Karl Löwith (1897-1973) im Jahr 1969

 

Mit den SPIEGEL-Redakteuren Dieter Brumm, Dr. Helmut Gumnior und SPIEGEL-Stenograph Heinz Daenicke.

 

Quelle: 19.10.1969 • DER SPIEGEL 43/1969

 

SPIEGEL: Herr Professor Löwith, in der vergangenen Woche beschäftigte sich der IX. Deutsche Kongreß für Philosophie in Düsseldorf in einer Fülle von Veranstaltungen mit dem Thema »Philosophie und Wissenschaft«. Philosophie wird in der Bundesrepublik, von der Öffentlichkeit wenig bemerkt, fast ausschließlich an den Universitäten betrieben -- dort aber gleich auf 82 Lehrstühlen gelehrt. Wozu, so kann man sich fragen, wird ein derart großer Aufwand mit der Philosophie getrieben?

 

LÖWITH: Ich finde den großen Aufwand auch lächerlich; man hat die Möglichkeiten und die Apparate und nutzt sie aus. Aber diese Betriebsamkeit spricht weder für noch gegen die Philosophie. Das Thema dieses Kongresses, das Mißver-hältnis von Philosophie und Wissenschaft, war sogar außerordentlich sinnvoll.

 

SPIEGEL: Der Vorstand der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland hat von einer »Entfremdung zwi-schen der Philosophie und den positiven Wissenschaften« und von einer »fragwürdigen und gefährdeten Stellung der Philosophie« gesprochen.

 

LÖWITH: Das ist faktisch so und liegt einfach daran, daß schon seit mindestens 50 Jahren diejenigen, die Philosophie unterrichten, selbst wenn sie begabt und noch so fleißig sind, den ununterbrochen sich erneuernden Forschungs-ergebnissen nicht mehr folgen können.

 

SPIEGEL: Sie selbst haben andererseits auch hervorgehoben, daß die »produktiven Antriebe alles gegenwärtigen Denkens schon seit hundert Jahren nicht mehr der Philosophie entspringen, sondern den großen wissenschaftlichen Entdeckungen zu verdanken sind«. Da taucht doch die Schwierigkeit auf, daß die Philosophie auf Entdeckungen ange-wiesen ist, die sie gleichwohl nicht verarbeiten kann.

 

LÖWITH: Das ist höchst bedauerlich. Epochale Entdeckungen wie die von Darwin, Marx, Freud und Einstein sind in ihren Konsequenzen heute von einem durchschnittlichen Studenten oder auch Dozenten der Philosophie nicht einmal dann beherrschbar, wenn er sich dafür interessieren würde.

 

SPIEGEL: Was bleibt dann aber für die Philosophie zu tun übrig? Soll sie nur noch einen Generalaspekt geben -- in der Gefahr, das Ganze in einer falschen Perspektive zu sehen?

 

LÖWITH: Das ist in der Tat die Schwierigkeit. Um sie von den hochspezialisierten Wissenschaften grob zu unterscheiden, kann man sagen, daß die Philosophie ganz gleich, ob im traditionellen Sinn Metaphysik oder das, was sich Heidegger darunter vorstellt -- in der Tat nur möglich ist, wenn sie sich um das »Ganze« kümmert. Das Ganze war traditioneller-weise nicht einfach der Mensch, sondern bis hin zu Hegel eine Dreiheit. Gott, Mensch (Seele) und Welt. Heute hat sich dieses Ganze, meiner Ansicht nach mit Recht, durch die Kritik der Onto-Theologie reduziert auf Mensch und Welt. Welt kann dabei aber nicht nur verstanden werden in der Beschränkung auf die Menschenwelt, sondern Welt heißt Universum, das wirkliche physische Weltall.

 

SPIEGEL: Aber wer könnte es heute wagen, Aussagen über das Universum zu machen?

 

LÖWITH: Dazu möchte man wissen, was in der Physik, Astronomie, Weltraumforschung und dergleichen vor sich geht. Ich kenne unter sämtlichen Philosophen, die zu meiner Zeit noch gelebt haben, einen einzigen, der kompetent war,

weil er zugleich ein bedeutender Mathematiker und Physiker war, ein Mitarbeiter von Bertrand Russel: nämlich Alfred Whitehead. Whitehead konnte es noch riskieren, in seinem großen Werk eine Kosmologie zu entwickeln, die nicht einfach in der Luft schwebt, sondern exakte Kenntnisse in der Physik und Mathematik zur Voraussetzung hat. Die deutschen Philosophen dagegen, Fichte, Schelling, Hegel, hatten keine produktive Berührung mehr mit den Fach-wissenschaften.

 

SPIEGEL: Würden Sie dann sagen, daß von den gegenwärtigen Richtungen der Philosophie in Deutschland nur die-jenigen an der Zeit sind, die sich besonders mit den Naturwissenschaften beschäftigen und von daher auch ihre Methoden nehmen wollen -- also etwa der Positivismus oder der Neopositivismus?

 

LÖWITH: Soweit ich die Dinge übersehe, möchte ich bezweifeln, daß die Positivisten oder Neopositivisten in den Natur-wissenschaften wirklich mitreden können.

 

SPIEGEL: Muß man sich angesichts all dieser Schwierigkeiten dann aber nicht der Frage stellen: Wozu heute noch

Philosophie?

 

LÖWITH: Darauf kann ich nur mit zwei Beispielen antworten: Die zwei philosophischen Werke, die vor mehr als 40 Jahren Aufsehen erregt und mit Recht viele junge Menschen angesprochen haben, das waren Heideggers »Sein und Zeit«, 1927, und die bald darauf erschienene dreibändige »Philosophie« von Karl Jaspers. Jaspers hatte fachliche Kenntnisse der Psychiatrie; er lehnte es ausdrücklich ab, daß Philosophie mit beweisbaren oder widerlegbaren Dingen zu tun habe. Sie wird zu einem vagen Lesen von Chiffren der Transzendenz. Das hat uns zwar damals in gewisser Weise auch be-eindruckt. Aber heute sehe ich es in der Tat als außerordentlich unbefriedigend und unverbindlich an.

 

SPIEGEL: Würden Sie das gleiche von Heidegger auch sagen?

 

LÖWITH: Nein, denn Heidegger fragt unentwegt nach der Wahrheit des Seins im Ganzen. Zur Vorbereitung dieser Seinsfrage analysiert er mit großer Energie das menschliche Dasein, und diese Analyse hatte kraft ihrer zeitgeschicht-lichen Bedingtheit eine außerordentliche Wirkung.

 

SPIEGEL: Sie meinen also, daß Jaspers und Heidegger die Philosophie noch einmal gerettet haben?

 

LÖWITH: Das wäre zuviel gesagt, aber Sie sehen an diesen zwei Beispielen, und bei Heidegger sehr viel eindringlicher als bei Jaspers, daß es offenbar auch heute noch möglich ist, unter Abstraktion von den Ergebnissen fachwisserschaftlicher Forschung über das Ganze des Seins nachzudenken. Dennoch würde ich nicht zurücknehmen, was ich vorhin gesagt habe: daß es außerordentlich prekär ist, wenn die Ergebnisse der Fachwissenschaft dabei in keiner Weise eingearbeitet sind. Heidegger hatte damals weder eine Zeile von Marx gelesen, noch interessierte er sich für Darwin und für Freud. Aber trotz dieser fundamentalen Mängel kann ein bedeutender spekulativer Denker heute noch konkrete Analysen geben, die von seinem prinzipiellen Anliegen relativ unabhängig sind.

 

SPIEGEL: Sie selbst aber sind auch skeptisch dem Fortschritt der Wissenschaften gegenüber. Sie haben vor dem Ver-trauen gewarnt, das von der modernen Wissenschaft in den Fortschritt gesetzt wird.

 

LÖWITH: Ich bezweifle nicht, daß ein evidenter, unwiderleglicher Fortschritt in den Naturwissenschaften gemacht wor-den ist, der alle Verhältnisse des gesellschaftlichen und politischen Lebens unserer Zeit mitbestimmt. Ich frage mich nur in bezug auf all diese Fortschritte im Plural, ob sie heute noch den Optimismus motivieren können, eine fortschreitende Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens hervorzubringen. Denn ich behaupte, daß heute selbst für die maßgebenden Leute, die diesen Fortschritt in den Naturwissenschaften befördern, der Fortschritt zum Fatalismus geworden ist. Man kann ihn nicht mehr aufhalten; die Entwicklung der wissenschaftlichen Technik ist irreversibel.

 

SPIEGEL: Sie meinen, Fortschritt sei heute schon zum Selbstzweck geworden?

 

LÖWITH: Ich frage mich, ob vielleicht im ganzen Verhältnis des Menschen zur Welt etwas nicht mehr stimmt, wenn man glaubt, sie auf diese Weise immer mehr beherrschen zu müssen und beherrschen zu können. Es ist mir zweifelhaft, ob der Mensch wirklich alles machen soll, was er de facto machen kann. Es gibt ja für uns keine Instanzen mehr, weder religiöse noch moralische, die uns Einhalt gebieten könnten.

 

SPIEGEL: Würden Sie der Philosophie eine solche Instanz zubilligen?

 

LÖWITH: An sich wäre es eine legitime Aufgabe der Philosophie, so wie es in früheren Jahrhunderten eine legitime Aufgabe der Religion und der Kirche war, in allen solchen Fragen Maßstäbe und Grenzen der Verantwortung zu setzen. Wenn man aber nicht weiß oder sich nicht zutraut, behaupten zu können, welches die oberste Instanz ist, und das kann heute niemand, dann wird diese an sich legitime Aufgabe unerfüllbar.

 

SPIEGEL: Bezieht sich Ihre Skepsis nicht nur auf die deutsche Situation? In Frankreich zum Beispiel haben die Philo-sophen ein ganz anderes Gewicht als bei uns in Deutschland.

 

LÖWITH: Die akademische Isolierung der deutschen Philosophie war immer auffallend groß. In Frankreich dagegen hatte die Philosophie schon immer eine viel nähere Verbindung zur Literatur und den sozialen und politischen Proble-men. Und dazu kommt, daß in Frankreich der Marxismus, ganz gleich, in welcher Variante, eine ungleich größere Rolle gespielt hat als bei uns, wo nach Kriegsende der Marxismus zunächst der Ostzone überlassen wurde.

 

SPIEGEL: Sie haben aber selbst gesagt, daß der »Marxist im Sinne von Marx nicht zugleich Philosoph sein kann«.

 

LÖWITH: Ja, das würde ich trotzdem aufrechterhalten. Ebenso wie viele französische sind auch unsere Intellektuellen,

die heute eine gewisse Rolle spielen, so das Frankfurter Institut, Horkheimer, Adorno und vor allem der außerordentlich kluge und verantwortungsvolle Habermas, durch Marx und den Marxismus geprägt. Das ist ein Novum. Marxismus aber, wie ihn Marx selber verstand, ist faktisch mit Philosophie in dem vorhin besprochenen Sinn unvereinbar. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil schon der junge Marx klipp und klar erklärt hat, daß es nach der Vollendung der deut-schen spekulativen Philosophie darauf ankomme, die Philosophie als solche aufzuheben und sie in der sozialen Praxis zu verwirklichen und damit die Welt zur Vernunft zu bringen. Wenn man dieses Programm ernstnimmt, dann hat man damit die Philosophie als solche abgeschafft, und an ihre Stelle tritt eben das, was sich nunmehr Marxismus nennt.

 

SPIEGEL: Aber viele Marxisten betrachten sich dennoch als Philosophen -- sogar in Rußland.

 

LÖWITH: Ein Marxist, der sich selber versteht, kann keine Philosophie neben sich dulden. Wenn in den kommunistischen Ländern wie Jugoslawien und der Tschechoslowakei an den Universitäten noch Philosophie unterrichtet wird, dann ist das nur eine Konzession an den überlieferten Betrieb: Man unterrichtet eben in marxistischer Orientierung noch immer Geschichte der Philosophie.

 

SPIEGEL: Soll das heißen, daß Habermas, Horkheimer, Adorno entweder keine Marxisten sind oder keine Philosophen?

 

LÖWITH: Adorno ist ein besonderer Fall, weil er ein hochgebildeter, philosophisch informierter Mann gewesen ist, der sich auf Theorie beschränken wollte; aber der eigentliche Kern und das Motiv seiner philosophischen Schriften ist doch der Versuch, auf eine sublimierte, mehr oder minder raffinierte Art die revolutionäre Tendenz von Marx in die Philo-sophie hineinzubringen: durch eine radikale Kritik alles Bestehenden.

 

SPIEGEL: Und wie ist es bei Habermas?

 

LÖWITH: Habermas hat mir einmal erklärt, und das hat mich beeindruckt, daß für ihn die Frühschriften von Marx ungleich wichtiger geworden seien als Nietzsche. Das ist ein Generationsunterschied. Mag sein, daß für die jungen Leute heute das ganze Pathos und der Jugendstil von Nietzsches Zarathustra unerträglich geworden sind. Ich habe

mich daran nicht gestoßen und habe ebenso wie später Heidegger immer Nietzsche für den letzten großen deutschen Philosophen gehalten.

 

SPIEGEL: Herr Professor Löwith, Sie sind in gewisser Weise zugleich Schüler und Zeitgenosse Heideggers; das gleiche

gilt ja für Herbert Marcuse, dessen Gesellschaftskritik Sie einen »utopischen Marxismus« genannt haben. Wenn Sie nun sagen, daß die junge Generation sich mehr als die Ihre auf Marx zurückbesinnt und wenn Sie weiter sagen, daß dies Ernstnehmen von Marx eigentlich die Zerstörung der Philosophie bedeutet, bestreiten Sie dann nicht einer ganzen Generation junger Philosophen, Philosophen zu sein?

 

LÖWITH: Ja, das tue ich in der Tat, denn wer die Welt auf die sozialpolitische Praxis der geschichtlichen Menschenwelt reduziert, hat damit aufgehört, sich noch auf das Ganze dessen, was ist, zu besinnen. Als Ende der zwanziger Jahre zum erstenmal die Texte des jungen Marx veröffentlicht wurden, also die Kritik der Hegelschen Philosophie, da haben sie auf mich sofort einen außerordentlich starken Eindruck gemacht. Marx« Kritik der traditionellen Philosophie wurde mir außerordentlich wichtig. Marcuse, den ich schon damals kannte, war darin mit mir einig. Aber andererseits hat mein Interesse an Marx nie dazu geführt, daß ich mich politisch engagiert hätte -- auch wenn ich, im Unterschied zu Adorno, an einem so klugen Mann wie Marcuse begrüße, daß er in so offener Weise eine politisch relevante Position bezogen hat.

 

SPIEGEL: Dennoch befürworten Sie theoretisch das Engagement des Philosophen. Sehen Sie die Aufgabe der Philo-sophie darin, auf eine Veränderung der Gesellschaft hinzuwirken?

 

LÖWITH: Ich kann mir überhaupt keine Philosophie im eigentlichen Sinn vorstellen, die die Tendenz oder auch die faktische Möglichkeit haben könnte, in der heutigen Gesellschaft oder in irgendeiner Gesellschaft -- sonst unmittelbar effektiv zu sein. Nach meiner altmodischen Auffassung ist sie eine Angelegenheit für wenige, einzelne. Wenn sie ernst betrieben wird, verlangt sie eine Konzentration auf das Wesentliche, die den Seitenblick auf unmittelbare zeitgenössi-sche Wirksamkeit ausschließt. Mittelbar kann sie sehr wohl wirken.

 

SPIEGEL: Dann wäre es doch nur konsequent, die Philosophie von der Universität verschwinden zu lassen, so wie jetzt auch das Philosophikum verschwindet.

 

LÖWITH: Das habe ich begrüßt -- alle vernünftigen Leute haben das begrüßt. Denn warum soll man, um einen vollen Hörsaal zu haben, mit Leuten rechnen, die wegen eines Examens kommen? Auch gegen die Ausklammerung der Philo-sophie aus der sogenannten Philosophischen Fakultät, in der sie ohnedies eine dubiose Rolle spielt, hätte ich nichts. Die ganze Fakultät nennt sich zwar philosophisch, aber die Philosophie gibt es eigentlich nicht mehr. Ich sage das nicht, weil ich heute emeritiert und nicht mehr unmittelbar beteiligt bin, sondern weil das Faktum, wie wir es in Deutschland um 1800 herum gehabt haben, daß nämlich sehr bedeutende Philosophen europäischen Rangs wie Kant, Fichte, Schelling und Hegel zugleich Universitätslehrer und Universitätsbeamte waren, nur eine unwahrscheinliche Ausnahme gewesen ist. Fast alle anderen bedeutenden Philosophen, die man aus der Geschichte der Philosophie kennt -- F. Bacon, Descar-tes, Hobbes, Spinoza, Leibniz, Locke, Hume -- waren keine Universitätslehrer.

 

SPIEGEL: Sie haben den Deutschen vorgehalten, »in besonderer Weise für Pathos und Führung empfänglich und un-empfänglich für nüchterne Skepsis, geistigen Leicht-Sinn und common sense« zu sein. Zeigt sich das auch bei den deutschen Philosophen?

 

LÖWITH: Zum Glück heute etwas weniger als zu meiner Jugend, als noch der Kreis um Stefan George florierte, als man Heideggers »Sein und Zeit« las und Jaspers« »Existenzerhellung«. Und ich glaube, in keinem anderen Land wäre es möglich gewesen, aus der Verehrung für Dichter wie Hölderlin und Rilke eine Art Heiligenkult zu machen. Heute hat die Wiener und die Oxforder Schule nachträglich auch bei uns eine große Ernüchterung gebracht; ich kenne eine ganze Reihe jüngerer Leute, die von diesen sprachkritischen Studien sehr beeindruckt sind. Aber auch die vielen Erörterungen über Gesellschaftstheorie sind ja an sich sehr nüchterne Angelegenheiten. Was ich erschreckend finde, ist, da trotz dieser Ernüchterung unter den führenden Leuten der außerparlamentarischen Opposition. den SDS-Studenten etwa, mit einem doktrinären und dogmatischen Pathos Reden gehalten werden, wie ich sie aus der Nazi-Zeit kannte.

 

SPIEGEL: Sie vergleichen das nur vom Pathos, nicht vom Inhalt her?

 

LÖWITH: Mein eigentliches Interesse war immer ein kritisches, in der Linie des jungen Heidegger: »Destruktion« einer nicht mehr lebendigen Überlieferung, ein Abbau auf Fundamente hin. Und dazu gehört der Abbau der christlich-theo-logischen Überlieferung innerhalb der Metaphysik, ebenso wie der Zweifel an Heideggers Interpretation der Technik, von der er sagt, sie sei nicht etwas bloß von Menschen Gemachtes, sondern ein Geschick des Seins. Ich habe nicht die geringste Erfahrung von diesem Seins-Geschick. dagegen habe ich sehr wohl eine Erfahrung vom Fortschritt der wissenschaftlichen Technik als einem phantastischen Unternehmen der Menschheit in einer Richtung, die schon Max Weber aufs deutlichste aufgezeigt hat: in der Richtung auf eine universale Rationalisierung sämtlicher menschlichen Verhältnisse einschließlich der sozialen und politischen.

 

SPIEGEL: Kann eine der gegenwärtigen Richtungen in der Philosophie vor Ihrer Kritik bestehen?

 

LÖWITH: Ich halte die sprachkritischen Arbeiten für philosophisch wichtiger als die Gesellschaftstheorie. Wenn Sprach-kritik vernünftig und ohne den übertriebenen Anspruch gemacht wird, zu dekretieren. was sinnvolle und sinnlose Fragen sind, wenn sie philologisch und semantisch kritisch arbeitet, dann kann sie eine außerordentlich fruchtbare und sinnvolle Funktion haben. Deshalb befinde ich mich völlig außerhalb des Horizonts und der Dimension von Heideggers Denken, wenn er behauptet, daß die Sprache nicht nur eine Behausung des Menschen ist, sondern das »Haus des Seins«.

 

SPIEGEL: Damit bleibt die Philosophie dann aber doch im Wissenschaftsbereich; halten Sie ein Hinausschreiten in soziale oder politische Praxis für unmöglich?

 

LÖWITH: Die soziale und politische Praxis enthält Theorie -- heute zum Beispiel marxistische oder anti-marxistische --

und also Sprache. Eine Aufgabe sprachkritischer Philosophie könnte es sein, auch in diesem Bereich die Zweideutigkeit, Vieldeutigkeit und oft Sinnlosigkeit des gebrauchten Vokabulars und Jargons in Frage zu stellen.

 

SPIEGEL: Wäre es also eine Aufgabe von Philosophen, die Sprache im politischen Bereich zu analysieren, um von daher Kritik an der Politik zu üben?

 

LÖWITH: Gewiß, sogar in erster Linie. Wenn ich in den letzten Jahren alle diese Manifeste und Diskussionen unserer linksradikalen Studenten mit ihrem sozialistischen und marxistischen Vokabular hörte, war es für mich erschreckend, daß junge Menschen, die immerhin doch studieren und etwas lernen wollen, mit einer derart dogmatischen Unver-frorenheit ununterbrochen ein Vokabular verwenden, das zum Teil von Marx abstammt, zum Teil von heutigen Sozio-logien marxistischer Orientierung, deren Worte wie: spätkapitalistisch, repressiv, progressiv, manipuliert und so weiter völlig ungeprüft sind.

 

SPIEGEL: Wenn der Philosoph Sprachkritik treibt und auch die zeitgenössische politische Sprache analysiert, haben wir dann nicht den Berührungspunkt zwischen Philosophie und Gesellschaft?

 

LÖWITH: Zumindest ist es die Stelle, an der sie sich heute am ehesten berühren. Aber ich befürchte, wir sind uns nicht einig in dem, was Sie Philosophie und Gegenwart nennen. Diese ist nicht von heute, sondern von weit her. Und die Philosophie lebt seit jeher in und von der Sprache. Deshalb interessiert mich die sprachanalytische Schule.

 

SPIEGEL: Will der Philosoph, der die politische Sprache analysiert, nun doch unmittelbar auf politische und gesellschaft-liche Praxis einwirken -- zum Beispiel, indem er den Sprachgebrauch des SDS bekämpft?

 

LÖWITH: Unmittelbar kann er es nicht, selbst wenn er es wollte. Die Sprache der Politik und der Gesellschaftswissen-schaft ist wahrhaft kritisch nur der philosophischen Reflexion zugänglich, und wenn Soziologen und Politologen es selber versuchen, dann reflektieren sie eben auf ihr eigenes Geschäft, aber ohne ihre Voraussetzung: daß der Mensch seinem Wesen nach ein gesellschaftliches Gattungswesen ist, in Frage zu stellen. Die Reflexion der reflektierten Sozio-logen begrenzt sich an der Besessenheit von einem Willen zur Veränderung, den sie sich als soziale Pflicht moralisch auferlegen.

 

SPIEGEL: Dann würden Sie sagen, daß die Sprachkritik den endgültigen Abgesang auf die Metaphysik anstimmt?

 

LÖWITH: Sie ist in der Tat eine Art Abgesang auf die Metaphysik. Darin steckt ein positives und fruchtbares Moment, aber man darf sich nicht einbilden, daß man auf dieser Ebene die Philosophie in ihren klassischen metaphysischen Problemen wiederherstellen könnte. Man besinnt sich nur mit Recht auf das universelle Instrument alles Denkens.

 

SPIEGEL: Glauben Sie, daß die Philosophie mit ihren klassischen Problemen überhaupt wiederherstellbar ist?

 

LÖWITH: Nein. Die klassischen Probleme Gott-Mensch(Seele)-Welt: Von der Seele mag sowieso niemand mehr sprechen, weil man nicht weiß, ob man überhaupt eine hat. Von Gott trauen sich nicht einmal mehr die Theologen zu reden. Und von der Welt der Natur könnte man zwar durchaus sinnvoll sprechen, aber, wie gesagt, nur dann in einer nicht dilet-tantischen oder halb mythischen oder halb dichterischen Weise, wenn man in der Naturwissenschaft die nötigen Kenntnisse hat.

 

SPIEGEL: Herr Professor Löwith, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

https://www.spiegel.de/kultur/wozu-heute-noch-philosophie-a-69d79250-0002-0001-0000-000045520624?context=issue

 



 

Theodor W. Adorno, Wozu noch Philosophie?, in: Eingriffe: Neun kritische Modelle. Frankfurt a. M. 1963

 


 

„Wozu noch Philosophie?“ (2008)

 

Die Neurowissenschaften bezweifeln die Willensfreiheit, Moral wird auf biochemische Vorgänge zurückgeführt. Die Philosophie steht zunehmend gegenüber den Naturwissenschaften unter Rechtfertigungsdruck. Sie muss aus dem Elfenbeinturm der akademischen Forschung heraustreten, um ihre Unverzichtbarkeit öffentlich unter Beweis zu stellen. Dies haben Philosophen auf einer Tagung an der Universität in Bonn gefordert.

 

Von Inge Breuer | 27.11.2008 | Deutschlandfunk

„Die ethischen Fragen bilden einen großen Raum. Aber wenn sie an die Fragen der Gerechtigkeit, mit der Versorgung mit den Grundgütern der Medizin denken, dann sind die anders gelagert. Es geht dabei um Verteilungsgerechtigkeit, also um Fragen der Umschichtung von Mitteln. Und es muss natürlich auch um Fragen der Umsetzung der Menschen-rechte gehen.“

„Wozu – noch – Philosophie?“ hieß die Tagung, die von Montag bis Mittwoch dieser Woche an der Universität Bonn stattfand. Wozu noch Philosophie? – Das klingt nach Krise! In einer Zeit, in der die Erfolge der Naturwissenschaften philosophische Grübeleien überstrahlen, in der die Neurowissenschaften die Willensfreiheit bezweifeln und Moral auf biochemische Vorgänge zurückgeführt wird, steht Philosophie unter Rechtfertigungsdruck. Sie muss aus dem Elfen-beinturm der akademischen Forschung heraustreten, um so wie vormals Sokrates auf dem Markt ihre Unverzichtbarkeit öffentlich unter Beweis zu stellen. Findet auch Professor Theo Kobusch, Mitveranstalter der Bonner Tagung:

„Die Philosophie ist zu bestimmter Zeit in den Elfenbeinturm gegangen und hat verzichtet, auf das öffentliche Leben einzuwirken. Ich glaube aber, dass das im Wandel begriffen ist, dass die Philosophie inzwischen begriffen hat, dass ihre Aufgabe inzwischen darin besteht. Das Logon didonai war immer ihre Aufgabe, das Rechenschaft geben. Und das kann nur vor dem Forum der Öffentlichkeit geschehen. Dass man auch in den Medien sich platzieren muss und Farbe bekennen muss – und nicht nur Bücher schreiben darf.“

Die Philosophie beschäftige sich vornehmlich mit drei Fragen, hieß es bei Immanuel Kant: Was kann ich wissen, also der Frage nach der Erkennbarkeit der Welt. Was darf ich hoffen – also der Frage nach Gott. Und: Was darf ich tun? – also der Frage nach dem richtigen, dem ethischen Handeln. Letztere Frage, meint Professor Theo Kobusch, ist heute in den Vordergrund getreten.

„Was soll ich tun? – die Fragen aller Fragen derzeit, deswegen gibt es so viele Ethik-Kommissionen und die Ethik ist zur ersten Disziplin innerhalb der Philosophie geworden, das ist keine Frage. Aber die anderen Fragen, was kann ich hoffen, also die Frage der Religion ist wichtig geblieben, und was wir erkennen können, die Frage wird nie obsolet werden.“

Mittlerweile kann der Mensch mehr, als er verantworten kann. Je mehr er aber kann, desto mehr muss er über das nachdenken, was er tut. Die rasante Entwicklung von Natur- und Biowissenschaften nötigt zu einer Auseinandersetzung mit den Chancen, den Risiken und vor allem der moralischen Bewertung der Möglichkeiten, die sich damit auftun. Wann beginnt und wann endet menschliches Leben? Ist Natur ein Wert „an sich“ oder darf man sie zum Instrument menschlicher Interessen machen? Wie wägt man Chancen und Risiken neuer Technologien gegeneinander ab?

„Das Programm von Descartes, dass wir „Maître et possesseur de la nature“ sind, haben wir längst durchgeführt und die sich daran anschließende Frage lautet prompt, ob wir denn auch mit der Natur alles machen dürfen, was wir können? Alsbald kommt dann auch der andere, die andere Kultur mit ins Spiel, die wir womöglich verletzen, wenn wir total die Meisterschaft über die Natur gewinnen wollen. In anderen Disziplinen ist das noch viel evidenter, die Fragen der Medizin sind per se auch ethische Fragen.“

Professor Volker Gerhard, Philosoph an der Humboldt-Universität, ist Mitglied im Nationalen Ethikrat sowie verschiede-ner Ethik-Kommissionen. Er begleitet die biopolitische Debatte um Stammzellenforschung oder Sterbehilfe mit moral-philosophischen Reflexionen. Aber nimmt die Politik solche Reflexionen wirklich zur Kenntnis – oder entscheidet sie am Ende doch nach jeweils parteipolitischen oder ökonomisch pragmatischen Kalkülen?

„Meine Erfahrung ist, dass der Rat nicht nur gefragt wird, sondern dass er auch gehört wird. Und wenn ich jetzt mal den Erfolg der Empfehlungen des alten nationalen Ethikrates ansehe, dann ist er ganz offenkundig. Er hat sich in der Veränderung der Einstellung zur Stammzellenforschung gezeigt, das Importgesetz wäre damals nicht entstanden ohne die Empfehlung des Ethikrats. Auch zur Revision der Stichtagsregelung wäre es nicht gekommen ohne die Empfehlung des Ethikrats. Ich geh davon aus, dass es alsbald zu einem Gesetz über die Patientenverfügung kommt, auch da liegen Empfehlung des alten nationalen Ethikrates vor, und es gibt im Augenblick eine ganz starke Bewegung auf die Selbstbestimmung am Lebensende.“

Doch Volker Gerhard warnt vor einer Engführung der Philosophie auf bloß ethische Fragen. Fragen nach der Gerechtig-keit, nach universalen Werten, nach Menschenrechten machen die Philosophie zur Partnerin der Politik. Schließlich sei es der Philosophie in einigen Teilen der Erde ja sogar gelungen, die lange lediglich moralisch geforderten Grundwerte des Menschen in einklagbare Grundrechte zu transformieren – und sie in den politischen Verfassungen niederzulegen.

„Mit den Fragen des Menschenrechts seiner Institutionalisierung, sind wir im Bereich der großen Fragen von Philosophie und Politik. Und wenn sie daran denken, dass Menschenrechtsfragen elementar sind auch im Umgang mit China, überhaupt dem Verhältnis Europas zu seinem östlichen Nachbarn, dann muss man sagen, ist die Philosophie zentral mit Aufgaben, gedanklich natürlich, beschäftigt, die für die Politik im Mittelpunkt stehen.“

Vor allem aber dürfe Philosophie, warnt Volker Gerhard, nicht allzu „modernistisch“, allzu „zeitgeistig“ sich gerieren. Zwar lässt sich ein reges Interesse an außerakademischer Philosophie verzeichnen, erklimmen philosophische Bücher Bestenlisten, gibt es ein philosophisches Quartett im Fernsehen. Und populärphilosophische Fragen nach dem Glück oder dem Sinn des Lebens haben ebenfalls Konjunktur. Dennoch: Philosophie dürfe nicht lediglich mediengerecht Stellung beziehen zu allem Brandaktuellen, Spektakulären oder Abseitigen.

Die Aufgabe der Philosophie sei vielmehr, eine skeptische „Distanz zu allem Selbstverständlichen“, allem scheinbar Offenbaren zu wahren. Querzudenken sozusagen, und Fragen und Problemstellungen der jeweiligen Zeit im Kontext einer Geschichte zu verstehen, die uns zu dem werden ließ, was wir heute sind.

Weiterzufragen da, wo andere schon lange eine Antwort gefunden haben. Denn auch Sokrates, der Stammvater der Philosophie, begab sich zwar auf den Markt, um seine Argumente zu erproben – ein Marktschreier war er aber deshalb noch lange nicht.

„Die Ansprüche, die an die Philosophie gestellt werden, sind oft Anspruche an die Tagesaktualität, sie hängen auch mit dem Modernitätsbewusstsein zusammen. Und da möchte man natürlich gern steile Thesen, etwas Unerhörtes, etwas Sensationelles etwas Alarmistisches. Und hier muss man allerdings nüchtern sagen, dass sich die Philosophie als Fach hier sehr zurückhalten sollte und sehen sollte, dass sie hier auch nicht reagieren muss. Sie braucht Augenmaß, sie braucht den Blick für die Gründe, sie muss größere Zusammenhänge deutlich machen.“

 

https://www.deutschlandfunk.de/wozu-noch-philosophie-100.html

 


 

Rudolf Brandner, Was ist und wozu überhaupt – Philosophie?

Vorübungen sich verändernden Denkens

 

Es ist längst zu einer fraglosen Selbstverständlichkeit der Gegenwartsphilosophie geworden, im Hinweis auf verschie-dene „Ansätze“ des Philosophierens jede Auseinandersetzung um das Philosophieren schon im „Ansatz“ zu ersticken.

 

Und dies paradoxerweise angesichts einer geschichtlich erfahrenen Fragwürdigkeit der Philosophie selbst, die nur noch im gelangweilten Hinweis auf den vereinbarten geschichtlichen Vollzug der Moderne Erwähnung findet. So hat ein jeder seinen Ansatz und ist zufrieden.

 

Die Frage nach der Philosophie, wie Brandner sie stellt, versucht demgegenüber, das im „Ansatz“ verschluckte Potential des Denkens zu reaktivieren und eine Auseinandersetzung um die geschichtliche Situation zugänglich zu machen.

 

Rudolf Brandner, geboren 1955, mehrere Gastdozenturen in Deutschland und Italien, unterrichtet zur Zeit Philosophie an der Universität Freiburg im Breisgau.

 

https://www.passagen.at/gesamtverzeichnis/philosophie/was-ist-und-wozu-ueberhaupt-philosophie/

 


 

Wozu heute noch Philosophie? Offen bleiben

 

Markus Brauer am 17.05.2016 in der Stuttgarter Zeitung

 

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – Der Leitspruch der Aufklärung ist angesichts zunehmend irrationaler Tendenzen in Gesellschaft und Politik dringlicher denn je.

 

Stuttgart - Der normale Betrachter wird es mit Arthur Schopenhauer (1788-1860) und seinem ironischen Diktum halten: Die Philosophie sei „zuvörderst ein Ungeheuer mit vielen Köpfen, deren jeder eine andere Sprache redet“. Oder mit Karl Marx (1818-1883), für den das „Elend der Philosophie“ darin besteht, dass sie „hohles Geschwätz“ sei. Man könnte er-gänzen: Philosophie sei weltfremd, abgehoben, verkopft, sinnlos. Die Liste mit Negativ-Attribute ließe sich mühelos fortsetzen.

 

Der Philosoph aus der Tonne

 

Wie einst Diogenes von Sinope (410-323 v. Chr.) in seiner Tonne sitzt der Philosoph von heute im Elfenbeinturm der Wissenschaft, abgeschieden und unberührt von den Irrungen und Wirrungen der Welt und brütet über Gott und die Welt. Ein weit verbreitetes Klischee.

 

Slavoj Žižek, einer der populärsten zeitgenössischen Denker formuliert es so: „Es ist im Kern das, was wir fanatischen Philosophen wirklich denken: Dass die Realität nur existiert, damit wir Bücher darüber schreiben können.“ Nun ist der slowenische Gesellschaftskritiker über jeden Verdacht erhaben, sich vor der chaotischen Realität ins intellektuelle Nirwana zu flüchten.

 

Was Žižek meint, ist dies: Um die Welt zu gestalten, muss man sie deuten. Der 66-jährige Philosoph verweist auf die „kognitiven Landkarten“, die den Menschen die Richtung zeigen und einen Überblick geben, wo die Geschichte hingeht, was heute passiert.

 

Reale Basis und geistiger Überbau

 

Wie verhalten sich Denken und Handeln, Erkenntnis und Interesse, Gedanke und Erfahrung zueinander? Marx, der Vater des Dialektischen Materialismus, spricht von einer Wechselbeziehung von geistigem Überbau und realer Basis. Sein und Bewusstsein bedingen und durchdringen einander, so dass nur das wechselseitige Miteinander – die dialektische Syn-these von These und Antithese – die geschichtliche Wirklichkeit bildet.

 

Ohne geistige Durchdringung des Realen wird alles Planen und Handeln zum unkoordinierten, konfusen Agieren. Ohne Realitätsbezug und den Willen zur Veränderung wird alles Denken zur fruchtlosen Spekulation.

 

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert“, lautet sein Generalverdacht gegen die Denkerzunft, „es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Dabei ist das Werk des Begründers des Marxismus das beste Beispiel dafür, wie ein für Normalsterbliche weitgehend unverständliches Gedankengebäude den Geschichtsverlauf radikal verändern kann.

 

Liebe zur Weisheit

 

Als „Liebe zur Weisheit“ (so die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes „philosophia“) geht es der Philosophie weder um das alltägliche Kleinklein noch um die Detailversessenheit anderer Wissenschaften, sondern um Grund-sätzliches. Sie stellt sich grundlegenden Fragen und beantwortet diese ebenso grundlegend. Insofern ist sie als Grundlagenwissenschaft die Basis aller Wissenschaften und Lebenspraxis – auch wenn der Laie das vielen philosophischen Texten gar nicht anmerkt.

 

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?

 

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1727-1804) fasst das weite „Feld der Philosophie“ in vier zentralen Fragen zusammen: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Die erste Frage beantworte die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. „Im Grunde“, so der deutsche Großdenker, „könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.“

 

Philosophieren ist nichts Exklusives, sondern durch und durch alltagsbezogen. Jeder Mensch philosophiert – mehr oder weniger – bewusst. Wir alle haben philosophische Überzeugungen. Die Philosophie beschäftigt sich mit Sachverhalten, die banal und selbstverständlich erscheinen und von den meisten nicht hinterfragt werden.

 

Wenn sich jemand wundert, warum seine Existenz so verläuft, ob sie seinen Wünschen und Träumen entspricht, ob er sie als erfüllt oder gescheitert erfährt, dann steckt er schon mitten im Prozess des Philosophierens.

 

„Das Leben selbst zwingt uns zum Philosophieren“, erklärt Matthias C. Müller, der seine philosophische Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und in Stuttgart einen „Philosophischen Garten“ kultiviert. „Deshalb sind wir alle Philosophen, sind es nur nicht unbedingt mit der Ausdauer und der Konsequenz professioneller Philosophen. Das Besondere an der Philosophie ist, dass sie den alltäglichen Ablauf des Lebens und den zunächst selbstverständlich scheinenden Zustand der Welt in Frage stellt.“

 

Gedankenspiele und Haarspaltereien?

 

Viele würden in der Philosophie ein harmloses, aber letztlich nutzloses Gedankenspiel sehen, „das aus Haarspaltereien und Streitigkeiten über Dinge besteht, über die wir ohnehin nichts wissen können“, bemerkte der britische Mathemati-ker und Philosoph Bertrand Russel (1872-1970) einmal süffisant.

 

Ein voreiliger Schluss. Denn Philosophie geht jeden an – sogar ihre Verächter. „Worum es geht, ist zu zeigen, wie die Komplikationen, die die Philosophie aufzeigt, nicht etwas dem Menschen Fremdes sind, sondern etwas, das zu ihm gehört“, betont Žižek. „Wenn Du die Philosophie nicht verstehst, heißt das, dass Du einen Teil Deiner selbst nicht verstehst.“

 

Philosophieren – auf die Methode kommt es an

 

Unbezweifelbare Gewissheit

 

Die Philosophie ist eine Schule des Denkens. Behauptungen werden einer kritischen Prüfung unterzogen, die eigenen Positionen rational begründet und gute Gründe vorgebracht, dass das, was man sagt, auch wahr und nicht bar jeder Logik und Sinnhaftigkeit ist.

 

Der französische Philosoph Rene Descartes (1596-1650) hat für die „Methode, richtig zu denken“ (seine 1637 erschiene-ne Schrift „Discours de la mèthode“ ist eines der wichtigsten Werke in der Philosophiegeschichte) vier Regeln aufgestellt, von denen die erste lautet: „Akzeptiere nur als wahr, was unbezweifelbar gewiss ist.“

 

Folglich soll man niemals eine Sache für wahr und richtig halten, ohne sie vorher eingehend zu prüfen und die Sachlage zu kennen, um voreilige Schlüsse zu vermeiden. Wer Descartes‘ Rat befolgt, wird nicht so schnell auf all die Tricks von Demagogen, Quacksalbern, Lifestyle-Blendern und Vernunft-Leugnern hereinfallen.

 

Sich mit der Philosophie und ihren Disziplinen, ihrer Geschichte und ihren Meisterdenkern auseinanderzusetzen, ist niemals und für niemanden vertane Zeit. Man lernt dabei das methodisch-systematische Fragen, bei dem man sich ausschließlich der Vernunft bedient, um die Welt mit den Mitteln von Begriffen, Argumenten und Erfahrungen zu ergründen und zu begründen.

 

Für den britischen Philosophen John Locke (1632-1704) ist die Fähigkeit zum kritischen und logischen Denken das, was die Essenz des Menschen ausmacht – als „ein denkendes intelligentes Wesen, das Vernunft und Reflexion besitzt und sich als sich selbst denken kann“.

 

Streben nach Wissen

 

„Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“ Mit diesem Satz beginnt die „Metaphysik“, eines der Hauptwerke des griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.). Wissbegier ist für ihn eine natürliche Antriebskraft des Menschen. Wenn man politische Debatten verfolgt, kann man daran berechtigte Zweifel haben – wie ein aktuelles Beispiel zeigen soll:

 

Die Zuwanderung Hunderttausender Menschen aus Krisen- und Kriegsländern hat zu einem Erstarken rechter Parteien und einem ideologisch aufgeladenen Block-Denken geführt: links gegen rechts, liberal gegen konservativ, offene Grenzen gegen Abschottung, „Wir schaffen das“ gegen „Das Boot ist voll“.

 

Die Wahlerfolge der Rechtspopulisten in Europa haben auch damit zu tun, dass viele Bürger sich vor Veränderungen fürchten und sich der Illusion hingeben, alles könne so weitergehen wie bisher. Sie bevorzugen es bevormundet zu werden und lieber dort zu bleiben, wo sie sich sicher fühlen als sich der Ungewissheit und dem Wagnis eigenen Nachdenkens zu stellen.

 

Philosophieren – seinen Verstand gebrauchen

 

Philosophische Tugenden

 

Was kann Philosophie hier leisten? Wie kann sie dazu beitragen, dass wir Vorurteile hinterfragen, Argumente prüfen und Parolen anzweifeln? Jeder ist gefordert sich auf die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis zu machen. Nach Ansicht von Žižek beginnt philosophische Weisheit dort, wo man anfängt über die eigenen Gewohnheiten zu staunen und die existierenden Probleme und Dilemmas immer wieder in einem neuen Licht zu sehen. „Genau das ist im Wesentlichen die Aufgabe der Philosophie.“

 

Philosophie ist eine Lebenseinstellung, ein Daseinskonzept, eine Grundhaltung. Sie setzt Offenheit, Neugier, Fähigkeit zur (Selbst-) Kritik und Bereitschaft zur Veränderung voraus. Philosophische Tugenden sind kein Privileg von Intellektu-ellen, sondern Basiskoordinaten des Menschseins. Dogmatismus, geistige Erstarrung und intellektuelle Selbstgefällig-keit sind der Feind jeden philosophischen Denkens, das ebenso anregend wie verwirrend sein kann.

 

Der sichere Boden unter den Füßen kann sich ganz schnell auflösen und plötzlich steht man vor einem Abgrund. Doch das Risiko Fragen zu stellen, lohnt sich. Genauso wie das Nachdenken einzuüben und zu praktizieren statt vorgefertigte Phrasen einfach nur wiederzukäuen.

 

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“

 

Philosophieren ist eine strapaziöse Angelegenheit. Es bedeutet auf geistiges Fast-Food zu verzichten und selbstverant-wortlich zu denken und handeln. „Sapere aude“ („Wage es, weise zu sein“): Dieses Sprichwort des römischen Dichters Horaz (65-8 v. Chr.), erklärte Kant 1784 zum Leitspruch der Aufklärung und zum Grundsatz der Philosophie: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Nur so könne der Mensch sich „aus seiner selbst verschuldeten Unmün-digkeit“ befreien.

 

Um das zu erreichen, muss der Mensch Zeit seines Lebens das Denken erlernen, Offenheit einüben und sich die Fähig-keit zum Staunen bewahren. Wer dies beherzigt, hat das Zeug zu einem echten Philosophen – auch ohne akademischen Titel, große Bibliothek und Fachkauderwelsch.

 

Grenzsituationen des Lebens

 

Der Weg zur Philosophie führt über die kritische Prüfung von Erkenntnis und Erfahrung. „Ohne radikalen Zweifel kein wahrhaftiges Philosophieren“, sagt der Philosoph Karl Jaspers (1883-1969). Kritisches, logisches und systematisches Denken ist dabei sehr nützlich, weil es hilft die Absichten der Anderen zu durchschauen. Auch im Alltag – bei der Stimm-abgabe in der Wahlkabine und beim Kauf eines Gebrauchtwagens genauso wie beim Abschluss einer Versicherung und bei politischen Diskussionen – kann dies durchaus von Vorteil sein.

 

Philosophische Fertigkeiten helfen zudem sich in Grenzsituationen des Lebens zu bewähren. „Situationen“, wie Jaspers erklärt, „über die wir nicht hinaus können, die wir nicht verändern können. Die Grenzsituationen – Tod, Zufall, Schuld und die Unzuverlässigkeit der Welt – zeigen mir das Scheitern“. Es sind Situationen, die zum Nachdenken und Hinter-fragen anregen. Und das wiederum bedeutet nichts anderes als zu Philosophieren.

 

Philosophieren – offen und kommunikativ sein

 

Warum Erdogan und Putin keine Philosophen sind

 

So wie der Einzelne der Philosophie bedarf, so essenziell ist der philosophische Diskurs für die Gesellschaft. Eine Gesell-schaft, in der nicht mehr öffentlich über Grundsätzliches wie Gut und Böse, die Freiheit und Determination des Willens, das Glück des Einzelnen und der Gemeinschaft, der Gerechtigkeit von Staat und Gesellschaft, der Notwendigkeit und den Grenzen von Solidarität sowie der Unverletzlichkeit und Würde des Lebens nachgedacht wird (und vor allem werden darf), droht zu erstarren.

 

„Ich bin nur mit dem anderen, allein bin ich nichts“, betont Jaspers, ein prominenter Vertreter der im 20. Jahrhundert populären Existenzphilosophie. Mit dem anderen sein kann man aber nur, wenn man die Meinung des anderen und offene Kommunikation zulässt und fördert.

 

Autokraten wie Recep Tayyip Erdogan oder Wladimir Putin halten davon wenig. Anderen die Meinung aufzudrücken

und die Meinung anderer zu unterdrücken ist Gift für eine offene Gesellschaft, weil sie Dialog und Kommunikation,

das Schmiermittel jeder Demokratie und der Philosophie verhindert.

 

„Wer meint alles zu durchschauen, philosophiert nicht mehr“

 

Aus Sicht der Philosophie kann gar nicht genug gestritten, hinterfragt und kritisiert werden. Nicht die kontroversen, aufgeregten und bisweilen an gesellschaftliche Panikattacken grenzenden Diskussionen im Gefolge der Euro- und Flüchtlingskrise sind das Problem, sondern die Sprachlosigkeit, Unfähigkeit zur Kommunikation und der Selbstbetrug, dass nur ein Weg zum Ziel führt – nämlich der eigene.

 

Weder dem türkischen Präsidenten noch seinem russischen Amtskollegen wird man ernsthaft unterstellen, sie hätten einen ausgeprägten Hang zum Philosophieren. Zumindest, wenn man sie und ihr Handeln an dem misst, was laut Karl Japsers den Menschen erst zum Philosophen macht. „Wer meint alles zu durchschauen, philosophiert nicht mehr. Wer nicht mehr staunt, fragt nicht mehr. Wer kein Geheimnis mehr kennt, sucht nicht mehr.“

 

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.wozu-heute-noch-philosophie-offen-bleiben.8fb16d78-d3f1-4ed8-8aab-df0ef506a317.html

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erdaufgang auf dem Mond