Wie können wir die Menschwerdung Gottes verstehen?
Unter "Menschwerdung" verstehen Christen seit ihren ersten Anfängen im Alten Irael die einmalige geschichtliche Tatsache, dass der eine, wahre und wirkliche Gott, der die ganze Welt und alle Geschöpfe "im Himmel und auf Erden" geschaffen hat, in seinem einzigen Sohn Jesus Christus wirklich Mensch geworden ist. Damit verbunden ist der Glaube daran, dass Jesus Christus nicht bloß irgendein natürlicher und sterblicher Mensch sowie ein großer jüdischer Prediger und Rabbi, eine einflussreicher Prophet und Wunderheiler gewesen ist, sondern eine Inkarnation des höchsten ewigen Logos Gottes.
Dieser biblisch belegte Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus (Yeschuah Messiah) ist ein wesentlicher Bestandteil der christlichen Idee der Trinität, die in einem philosophischen Begriff die in den Evangelien und einigen apostolischen Briefen bezeugte göttliche Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist zum Ausdruck bringt.
Es handelt sich bei dem Gedanken der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus nicht nur um einen kirchlichen Glaubensartikel, den sich irgendwelche frühen christlichen Theologen in den ersten drei Jahrhunderten nachträglich ausgedacht haben, um der Ausbreitung ihres christlichen Glaubens eine dogmatische Grundlage und eine starke Motivationsgrund zu geben. Vielmehr folgt dieser Gedanke aus vielen biblisch belegten Äußerungen, die Jesus Christus schon zu Lebzeiten über sich selbst, über seine Herkunft, über seine Identität und über seinen Auftrag in der Welt gemacht hat.
Auch nach seinem wirklichen Tod, nach seiner leiblichen Auferstehung und nach seiner endgültigen Himmelfahrt hat Jesus Christus sowohl vor seinen Anhängern und Nachfolgern als auch gegenüber seinen Gegnern und Verfolgern verschiedene Äußerungen über sich selbst gemacht, die eindeutig bezeugen, dass er "nicht nur von dieser Welt" sei, sondern schon "vor aller Zeit" und damit auch schon vor Abraham und vor Moses bei Gott, seinem Vater gewesen ist.
Es geht aus einigen im Neuen Testament belegten Selbstaussagen Jesu eindeutig hervor, dass er für sich in Anspruch genommen hat, nicht nur ein weiterer jüdischer Prophet, der schon vor langer Zeit prophezeite Messias und König der Juden aus dem Hause Davids sei, sondern der eine und wahre "Sohn Gottes", der mit seinem Vater "eins" sei. Man kann sich fragen, wie dieses myteriöse "Einssein" zu verstehen sei, ob nur jüdischer gedacht als eine "Einigkeit im Willen", als ein geistliche Einheit im Sinne von "ein Herz und eine Seele" sein oder philosophischer gesprochen als eine "Einheit im Wesen" trotz einer Verschiedenheit in der Erscheinung der beiden Personen.
Aber klar und kaum bezweifelbar ist es, dass die religiöse Obrigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten seiner Zeit im antiken Jerusalem Jesus Christus gerade wegen dieser provokanten Selbstaussagen der gottlosen Blasphemie bezichtigt und angeklagt hat und dass sie ihn gerade daher an die römische Besatzungsmacht zur Folter und zum Tod am Kreuz ausgeliefert haben. Was sie ihm nämlich öffentlich vorgeworfen haben, das war gerade dies, dass er sich "zum Gleichen wie Gott" gemacht hat. Seine Gegner haben seine Selbstaussagen also ganz klar verstanden und sie heben sie nach ihrem jüdischen Glauben ganz unmissverständlich für eine gottlose Ketzerei gehalten, die sie glaubten mit dem Tode bestrafen zu müssen.
Der Glaube an die einmalige und wirkliche Menschwerdung Gottes in Jesus Christus gehörte von Anfang an und über viele Jahrhundert hinweg zum wesentlichen und unverzichtbaren Kernbestand
des christlichen Glaubens. Daher galt der Arianismus, also die schon früh aufgekommene Lehre, dass Jesus Christus nur ein natürlicher Mensch und besonderer Prophet gewesen ist, aber weder der "eingeborene Sohn Gottes" noch Gott und Mensch in Personalunion gewesen ist, also die Einheit einer menschlichen mit einer göttlichen Natur. Erst seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurde dieser Glaubensinhalt im Zuge der historisch-kritischen Exegese und der bibelkritischen Hermeneutik im Anschluss an den Neostoiker Baruch de Spinoza, an den Aufklärer Samuel Reimarus und an den Dichter und Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing zunehmend in Frage gestellt und geleugnet.
Man darf heute davon ausgehen, dass sich diese drei Autoren und ihre späteren Anhänger der anti-christlichen Stoßrichtung ihrer historisch relativierenden und theologisch subjektivierenden Bibelkritik voll und ganz bewusst gewesen sind. Daher wird die europäische Epoche der Aufklärung und das ideologische Projekt der Aufklärung bis zum heutigen Tage meistens nicht mit der christlichen Variante der schottischen Aufklärung und der Philosophie des Common Sense von Thomas Reid (1710 - 1796) und William Hamilton (1788 - 1856) verbunden, sondern eher mit der schottischen Aufklärung im Anschluss an die beiden bekannteren empiristischen und naturalistischen Philosophen David Hume und Adam Smith sowie mit der französischen Aufklärung im Anschluss an die materialistischen und sensualistischen Intellektuellen Diderot, D'Alembert und Baron D'Holbach.