4. Philosophische Theologie

 

 

 

Was ist philosophische Theologie?

 

Religionsphilosophie behandelt wie die empirischen Religionswissenschaften die Religionen der Menschheit. Diese sind wie die Wissenschaften und Künste historische und kulturelle Gebilde, die im Laufe der langen Kulturgeschichte der Menschheit entstanden sind. Über die Weltbilder und die Glaubensweisen der vorgeschichtlichen Menschen sind nur noch Spekulationen möglich, da sie fast keine kulturellen Spuren hinterlassen haben, die solche Rückschlüsse erlauben. Religionsphilosophie ist deswegen wie die empirischen Religionswissenschaften gegenüber der Frage nach der Existenz Gottes (Theos, Jahwe, Allah, Deus, Manitou, etc.) neutral. Zum Begriff und zum Wesen von Religion können die Natur-wissenschaften nichts sagen, denn das Thema fällt einfach nicht in das Gebiet naturwissenschaftlicher Forschung und es kann mit naturwissenschaftlichen Methoden auch nicht erforscht werden.

 

Zur Metaphysik als einer grundlegenden philosophischen Disziplin, die nach dem fragt, was es wirklich gibt, und welche grundlegenden Kategorien des Seienden es gibt, gehört jedoch immer auch die Frage nach der Existenz und dem Wesen Gottes. Kein Philosoph kann in Bezug auf diese existenziell relevante ontologische Frage wirklich neutral bleiben und kein bedeutender Philosoph der europäischen Geschichte der Philosophie von ihren Anfängen bis in die Gegenwart hinein hat jemals ganz dazu geschwiegen. Dafür gibt es existenzielle, psychologische und soziologische Gründe. Jeder Mensch, der diese existenzielle Frage mehr oder weniger gründlich philosophisch erörtert, muss sich kraft seiner Selbstkenntnis entweder zum Atheismus oder Theismus in einer bestimmten Variante bekennen.

 

Auch Agnostiker und Fideisten können sich nicht geschickt herausreden, indem sie nur behaupten, dass man doch einfach nicht wissen oder nicht beweisen kann, ob es Gott wirklich gibt, sondern nur glauben oder ahnen kann, dass es Gott gibt. Jenseits dieser epistemologischen Frage steht die ontologische Frage, ob es Gott wirklich gibt (d.h. als eine eigenständige Wirklichkeit jenseits allzumenschlicher Bedürfnisse, Hoffnungen, Vorstellungen und Wünsche). Und dann müssen auch Agnostiker und Fideisten Farbe bekennen und sagen, ob sie denken und glauben, dass es Gott wirklich gibt, oder aber, dass sie denken und glauben, dass es Gott nicht gibt. Der persönliche Glaube unterliegt in jedem Leben selbstverständlich einer gewissen Entwicklung, die mit der Entwicklung der Persönlichkeit korrespondiert. Erwachsen können wir eigentlich nur dann jemanden nennen, der seinen Kinderglauben verloren und durch Lebenserfahrung, Zweifel und Nachdenken zu einer reflektierten reiferen Auffassung gelangt ist.

 

In der Metaphysik kommt es jedoch wie auch sonst in der Philosophie nicht nur darauf an, dass man seine eigene Meinung hat und sie wie ein Steckenpferd hegt und pflegt. Solche bloßen Meinungen haben lebensgeschichtliche, psychische und soziale Ursachen und Gründe. Von Hause aus aufgrund von Herkunft und Erziehung, Sozialisation und Bildung und vielleicht auch aufgrund der jeweiligen Persönlichkeit mit dem jeweiligen Geschlecht, Temperament und Charakter neigt jemand zu dem einen oder anderen diffusen Glauben oder Unglauben, Gottesbild und Menschenbild.

 

Aber wer kann und will schon als Erwachsener sein ganzes Leben dabei stehen bleiben, was man ihm in seiner Kindheit und Jugend beigebracht und vermittelt hat? Jeder Mensch, der wirklich erwachsen geworden ist, will doch irgendwann einmal sich selbst Klarheit verschaffen und Rechenschaft über sein Glauben und Denken geben. Aber nur von sich selbst sagen und jemandem mitteilen, was man glaubt und wie man denkt, ist noch keine Philosophie oder Theologie. Denn Philosohische Theologie ist Rede von Gott und nicht Rede über sich selbst und sein Glauben und Denken über Gott.

 

In der Philosophischen Theologie können gegensätzliche Meinungen über Gott schroff aufeinander prallen und es wird dann immer wieder allen Beteiligten schnell klar, dass sie in ihrer logischen Gegensätzlichkeit nicht miteinander vereinbar sind. Wer dem einsamen Nachdenken und dem gemeinsamen Dialog oder Disput ausweicht, will nur mit seiner jeweils erworbenen und gewohnten Meinung in Ruhe gelassen werden. Manche weichen um der Harmonie willen dem Disput aus. Andere möchten angesichts der Konfrontation mit den Andersdenkenden Recht haben. Nicht Wenige neigen sogar dazu, um Recht zu behalten, Andere zu diffamieren, herabzusetzen, kleinzumachen, verächtlich zu machen, loszuwerden und zu mobben, etc. Damit verrät jemand jedoch nur seine Engstirnigkeit und Engherzigkeit, seine Angst und Mutlosigkeit, seine persönliche Unsicherheit und mangelnde Selbsterkenntnis.

 

Deswegen kommt es in der Philosophischen Theologie letzten Endes darauf an, dass man sich die rationalen Argumente pro und contra anhört. Es gibt jedoch kaum bekannte überzeugende Argumente gegen die Existenz Gottes auf einem hohen philosophischen, d.h. logischen, erkenntnistheoretischen und ontologischen Niveau. Nirgendwo wird in den Wissenschaften bewiesen, dass es etwas nicht gibt, geschweige denn, dass es etwas gar nicht geben kann. In allen empirischen Wissenschaften werden vielmehr faktische Daten erhoben, um dann Modelle, Theorien und Hypothesen zu entwerfen, die die gesammelten Daten vergleichsweise am besten erklären können.

 

Die bekannten alten und neuen Argumente für den Atheismus (von Demokrit, Epikur und Lukrez; von Diderot, Helvetius, D'Holbach und La Mettrie und von Feuerbach, Marx, Freud, u.a.) basieren jedoch immer noch auf unhaltbaren materialistischen bzw. naturalistischen Überzeugungen und damit auf einem fragwürdigen Reduktionismus, der schon aus prinzipiellen Gründen nicht einmal in der Philosophie der Natur, der Kultur, des Menschen, der Psyche und des Geistes überzeugend sein kann. Deswegen war in der europäischen Philosophie - anders als in der biblischen Tradition des jüdischen und urchristlichen Glaubens - der Materialismus bzw. Naturalismus von jeher immer mit dem Atheismus verbunden und der Idealismus bzw. Spiritualismus mit dem Theismus.

 

Ein seit dem 19. Jahrhundert weit verbreitetes weltanschauliches Vorurteil besagt, dass es einen grundsätzlichen und unauflösbaren Konflikt zwischen den Naturwissenschaften und den Religionen gibt. Das ist jedoch fragwürdig, denn die Naturwissenschaften können die Frage nach der Existenz und dem Wesen Gottes gar nicht angemessen beantworten. Denn die Frage nach der Existenz und dem Wesen Gottes kann von seriösen Naturwissenschaftlern im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht einmal angemessen gestellt und behandelt werden, da sie einfach gar nicht in irgendein Gebiet ihrer naturwissenschaftlichen Forschungen fällt. Deswegen können Naturwissenschaftler normalerweise auch ganz gut ohne theistische Voraussetzungen auskommen. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Natur-, Kultur- und Sozialwissenschaftler. Sobald sie sich trotzdem öffentlich für den Atheismus aussprechen, überschreiten damit immer schon die Grenzen ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Kompetenzen und Methoden. Sie verbreiten dann aber nur ihre persönlichen weltanschaulichen Meinungen und missbrauchen dazu ihre öffentliche Anerkennung als Wissenschaftler für außerwissenschaftliche, zumeist weltanschauliche und politische Zwecke.

 

Was die Religionen angeht, gibt es zumindest eine Religion, die gar keinen Gott im Sinne der monotheistischen Religionen kennt, nämlich den Buddhismus. Zwar kennt der Buddhismus auch die Anbetung und Verehrung heiliger Bilder und Statuen von Gautama Buddha oder von anderen Buddhas, die ihm und seiner Lehre nachfolgten, aber jedenfalls keinen verehrungswürdigen Schöpfergott. Die materielle Welt gilt im Buddhismus als das Werk eines schrecklichen Dämons, der den ewigen Kreislauf der schicksalhaften Wiedergeburten und damit das unausweichliche Leiden geschaffen hat, aus dem es durch Askese und Vernichtung des eigenen Ichs auszusteigen gilt. Das letzte Ziel im Buddhismus ist es, nicht mehr wiedergeboren zu werden, um das schicksalhafte Rad der Wiedergeburten endlich verlassen zu können. Nur im Westen meinen modische Pseudobuddhisten fälschlich, der Buddhismus sei ein hoffnungsvoller Weg, um den Tod durch eine Wiedergeburt überwinden zu können.

 

Unsere europäische Kultur ist ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die moderne Liberalisierung und Säkularisierung in einigen öffentlichen Bereichen praktisch atheistisch geworden, obwohl alle Juden und auch viele Christen im 20. Jahrhundert unter der nationalsozialistischen Diktatur und unter den sozialistischen Diktaturen unterdrückt wurden, schwer gelitten haben und grausam ermordet wurden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zuerst durch emanzipatorische und kulturrelativistische Bewegungen und dann durch den neoliberalen Kapitalismus zu einer weiteren Marginalisierung von Juden und Christen.

 

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts nimmt die öffentliche Diskriminierung von Juden und Christen unter dem Deckmantel einer angeblich aufgeklärten Liberalisierung und Säkularisierung wieder zu. Juden können sich nicht mehr öffentlich zu ihrem Glauben bekennen und z.B. durch eine Kippa als Juden zu erkennen geben, weil sie sonst Repressionen zu erwarten haben. An der antisemitischen Hetzjagd beteiligen sich nicht nur neofaschistische Heiden, sondern auch intolerante Atheisten und israelfeindliche Islamisten. Auch Christen werden in den dominanten Medien immer wieder als angeblich ignorant und intolerant verspottet. Für Juden und Christen ist es sehr schwer geworden, gegen den medialen Mainstream des öffentlichen Atheismus anzukommen, der oftmals nur einen bequemen hedonistischen Vulgärmaterialismus und opportunistischen Konsumismus kaschiert.

 

Man braucht schon persönliche Zivilcourage, um sich öffentlich zum jüdischen oder christlichen Glauben zu bekennen. Deswegen ist es wichtig geworden, zu zeigen, dass man weder dumm oder naiv noch intolerant oder reaktionär sein muss, wenn man wie Kant oder Hegel, wie Friedrich Daniel Schleiermacher oder Albert Schweitzer kein Atheist ist. Die Gefahr der sozialen Ausgrenzung und der aggressiven Diskriminierung in Beruf und Privatleben ist angewachsen. Aufgrund bloßer Unkenntnis und medialer Indoktrination kennt man kaum aufgeklärte moderne Christen, die weder bornierte Bibelfundamentalisten noch politische Reaktionäre sind.

 

Ein zeitgenössischer Glaube an Gott, der nicht bloß archaisches und mythologisches Denken aus uralten Zeiten aufnimmt, tradiert und reformuliert, wird andere, neue Formen annehmen müssen, die zeitgemäß sind und durchaus kompatibel mit den zuverlässigsten Resultaten moderner Wissenschaften. Nur auf diese Weise kann der längst überholte, noch aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammende vermeintliche Konflikt zwischen dem Glauben und den Wissenschaften im 21. Jahrhundert endlich auf eine überzeugende Weise überwunden werden. Zwischen dem weltanschaulichen Pluralismus moderner Demokratien, der religiösen Toleranz moderner Rechtsstaaten und dem sich selbst verabsolutierenden Offenbarungsglauben von traditionellem Judentum, Christentum und Islam bestehen sicher gewisse Spannungen, die nur durch Aufklärung und Bildung, Reformierung und Säkularisierung zu überwinden sind.

 

Philosophische Theologie kann und muss sich zwar mit dem metapysischen Gehalt des Glaubens an Gott bzw. des Unglaubens auseinandersetzen. Aber philosophische Theologie kann niemals von sich aus den trinitarischen Kerngehalt des christlichen Glaubens an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist erreichen. Denn der christliche Glaube ist ein biblischer Glaube, der auf das Zeugnis des Alten und Neuen Testamentes angewiesen ist und bleibt. Deswegen gibt es auch keine philosophischen Argumente oder gar stringente Beweise für den christlichen Glauben, sondern nur apologetische Plädoyers für die rationale Annehmbarkeit des christlichen Glaubens.

 

 

Philosophische Argumente für die Existenz Gottes

 

1. Gottesbeweise – Argumente pro und contra

 

Zwar kann man die Existenz Gottes sicher nicht im formalen Sinn logischer oder mathematischer Folgerungen beweisen und damit Atheisten und Skeptiker strikt widerlegen. Denn in der formalen Logik kommt es gerade nicht auf den Inhalt der verwendeten Begriffe oder die Referenz der Eigennamen an, sondern nur auf die logische Form der Schlüsse. Es gibt jedoch philosophische Argumente, Konzeptionen und Theorien, die die Existenz Gottes zumindest plausibel machen und damit Atheisten und Skeptiker in Verlegenheit bringen können. Ob durch diese Argumente dann auch Agnostiker und Fideisten herausgefordert werden, hängt vom jeweiligen Selbstverständnis der Agnostiker und Fideisten und von einem angemessenen Verständnis von Glauben und Wissen ab.

 

2. Rationalität des Glaubens an Gott

 

Zugleich zeigen diese philosophischen Argumente, dass es jedenfalls nicht dumm, irrational oder unaufgeklärt ist, (auf eine bestimmte Weise) an Gott zu glauben, sondern durchaus gescheit, rational und aufgeklärt sein kann, (auf eine bestimmte Weise) an Gott zu glauben. Der Glaube an Gott ist damit nicht mehr nur das unfreiwillige Produkt von prägender Erziehung und Sozialisation bzw. von passiver religiöser Erfahrung (Erweckung oder Wiedergeburt) oder aktiver persönlicher Entscheidung (Bekehrung / Initiation / Taufe, etc.). Sobald man haltbare und starke Argumente für die Existenz Gottes akzeptiert, wird der Glaube von einer irrationalen Einstellung zu einer rationalen Überzeugung.

 

3. Der Gott der monotheistischen Religionen

 

Der Glaube an den Gott der jüdischen, christlichen oder islamischen Offenbarung (bezeugt im Tanach, in der Bibel und im Koran) lässt sich auf diese Weise jedoch nicht philosophisch beweisen und er bleibt damit eine Sache des persönlichen und gemeinschaftlichen Glaubens der Juden, Christen und Muslime. Manche philosophischen Argumente für die Existenz Gottes sprechen jedoch nicht nur für den monotheistischen Kerngehalt des Glaubens der Juden, Christen und Muslime, sondern auch dafür, dass sie - trotz aller deutlichen Unterschiede in Bezug auf die Person Jesu - auf verschiedene Weise an ein und denselben Gott glauben. Das geben jedoch die Gläubigen in den orthodoxen und konservativen Kreisen dieser Religionen weniger gerne zu als die Gläubigen in den modernen und liberalen Kreisen.

 

4. Theodizee, Freiheit und Verantwortung der Menschen

 

Moderne Argumente für die Existenz Gottes sprechen jedoch nicht dafür, dass Gott jederzeit und überall das ganze Universum einschließlich alles Geschehens auf der Erde „regiert“, wie man sich das Jahrhunderte lang in monarchischen Metaphern vorgestellt hatte (Anthropomorphismus). Die Einheit und Transzendenz Gottes (jenseits anthropomorpher Gottesbilder) spricht vielmehr dafür, dass so weit wie möglich eine natur- oder kulturwissenschaftliche Erklärung für alle natürlichen und kulturellen Phänomene in der Welt gesucht werden. Die Säkularisierung als Entdämonisierung der Natur und Kultur war selbst eine Wirkungsgeschichte des christlichen Glaubens. Es gibt jedoch auf allen vier Ebenen des Physischen, Organischen, Psychischen und Mentalen irreduzible Realitäten und Komplexitäten, die nicht einfach kausal oder funktional erklärbar sind und deswegen nur als Seiendes eigener und höherer Art verstanden werden können.

 

Die Einheit und Transzendenz Gottes (jenseits anthropomorpher Analogien, Metaphern und Vorstellungen) enthebt den Menschen auch nicht der Last der Freiheit und Verantwortung für sich selbst und Andere (Autonomie und Orthonomie). Sie ermöglicht es auch nicht, Gott für alle natürlichen Ereignisse und Prozesse in der Welt sowie für alle kulturellen und sittlichen Verhaltensweisen der Menschen aktuell oder providentiell verantwortlich zu machen (Theodizee). Vielmehr verfügen alle Menschen von gesundem Gemüt und Menschenverstand über ein gewisses Maß an persönlicher Freiheit der Wahl und der Selbstbestimmung, des Willens und des Handelns. Deswegen sind sie gewöhnlich als Erwachsene für sich und ihre Zukunft selbst verantwortlich, nicht aber für ihre genetische Ausstattung, ihre familiäre Herkunft, Erziehung und Sozialisation oder für ungünstige Umstände, erlittene Schicksalsschläge und von Anderen zugefügte Ungerechtigkeiten in ihrem Leben. Moderne Theologie muss eine fatalistische Entmündigung der Menschen (Alles liegt in Gottes Hand.) ebenso vermeiden wie eine Überhöhung menschlicher Möglichkeiten (Jeder ist seines Glückes Schmied.).

 

5. Gott und die Zukunft der Menschheit

 

Die Menschheit kann sich wegen der absoluten Einheit und Transzendenz Gottes auch nicht darauf verlassen, dass ihre Zukunft von Gott und seinem "guten Willen" abhängt und dass sie angesichts von Bevölkerungsexplosion, Klimawandel und Ausbeutung der Natur von einem allmächtigen, allwissenden und barmherzigen Gott gerettet würden. Vielmehr ist die Menschheit für die kurzsichtige Zerstörung der Natur bzw. Schöpfung selbst verantwortlich. Es ist verantwortungslos zu erwarten, dass Gott die Menschheit schon retten und vor einem selbst gemachten Untergang bewahren wird. Vom liberalen Zeitgeist der Moderne werden die warnenden Stimmen der biblischen Propheten und die apokalyptischen Visionen nur allzu gerne verdrängt.

 

6. Gott und die Würde des Menschen

 

Nach Kant hängt die allgemeine und unveräußerliche Würde des Menschen von seiner Moralfähigkeit ab und diese wiederum von seiner Fähigkeit zur Autonomie, d.h. zur sittlichen Selbstbestimmung. Die Moralfähigkeit selbst ist jedoch nicht angeboren, sondern muss durch Erziehung und Bildung erworben werden. Nur die kognitiven Anlagen zum Erwerb von Sprache und Denken, zur Entwicklung von Gewissen und sittlicher Autonomie sind angeboren. Diese kognitiven Anlagen gehören zwar zur menschlichen Natur, aber sie transzendieren diese Natur, weil sie auf günstige kulturelle Entwicklungsbedingungen in einer sozialen Gemeinschaft angewiesen sind.  Zugleich verweist nach Kant die Moralfähigkeit auf etwas Unbedingtes hin, das jeden Menschen individuiert und die soziale Gemeinschaft oder Gruppe seiner Herkunft transzendiert. Deswegen trifft die biblische Rede von der „Gottebenbildlichkeit des Menschen“ den überschüssigen metaphysischen Gehalt der menschlichen Moralfähigkeit und der allgemeinen Menschenwürde, der nicht bloß naturalistisch oder kulturalistisch (biologisch, evolutionär, neurowissenschaftlich, psychologisch, soziologisch. etc) erklärbar ist. Menschen haben genau deswegen eine Würde, weil man sie anders als Steine, Pflanzen und Tiere nicht nur als Portionen von Natur, als Aggregat von natürlichen Mechanismen und natürlichen Kräften erklären und verstehen kann. Kraft ihrer kulturbedingten Sprache haben sie das angeborene Potential zu einer geistigen Freiheit, Sittlichkeit und kreativen Tätigkeit, das freilich geschützt und gefördert werden muss, um zur Entfaltung in einer leiblichen Person kommen zu können.

 

7. Religionsphilosophische Differenzierungen

 

Philosophische Argumente für den Glauben an Gott müssen genau differenzieren, auf welchen Glauben an Gott, welches Gottesbild und welche Vorstellung von Gott sie sich beziehen. In der Realität der menschlichen Psyche und Lebensformen hängen alle Gottesbilder und Gottesgedanken jedoch so eng mit bestimmten Weltanschauungen, Menschenbildern und Ethosformen (ethischen und rechtlichen Konzeptionen) zusammen, dass sie kaum davon getrennt werden können.

 

Polytheismus: Glaube an eine Vielzahl von Göttern, die sich nach Name, Gestalt und Funktion unterscheiden lassen (und manchmal Aspekte einer übergeordneten einzigen Gottheit darstellen); Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse, Recht und Unrecht sind relativ und hängen von Kasten und Kulten, Stämmen und Kulturen ab; Gottesurteile: wer und was auch immer sich durchsetzt und gewinnt, hat Gott (die Vorsehung) auf seiner Seite: sog. „Recht des Stärkeren“; der Mensch hat keine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es auch keine universalen Rechte der einzelnen Bürger und Menschen, sondern nur die Allmacht des Schicksals und die Rechte und Pflichten der Menschen bestimmter Individuen, Familien, Gruppen, Gilden, Kasten oder Stände (indischer, germanischer, römischer und griechischer Polytheismus; Wahrheitsskepsis des Pilatus)

 

Pantheismus: Glaube an Gott als das Eine und Ganze der Welt (Heraklit: hen kai pan) bzw. daran, dass Gott mit der Natur identisch ist (Spinoza: deus sive natura); Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse, Recht und Unrecht kommen nicht nur in der Welt bzw. in der Natur vor, sondern sie gehören auch zu Gott selbst; Gott ist selbst gut und böse zugleich und er hat keinen guten Willen und kann deswegen auch nicht wollen, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt. Es gibt sog. Gottesurteile: wer und was auch immer sich durchsetzt und gewinnt, hat Gott (bzw. die Vorsehung) auf seiner Seite; es gilt das sog. „Recht des Stärkeren“, d.h. der Mensch hat keine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es auch keine universalen Rechte der einzelnen Bürger und Menschen, sondern nur parochiale und positive Rechte eines bestimmten Volkes (Hitler und der Nationalsozialismus).

 

Kosmotheismus: Glaube an eine Gottheit bzw. den Himmel als großer Geist des Universums, d.h. dass die Gottheit sich (als großer Geist) im Universum befindet und insofern dem Kosmos immanent und nicht transzendent ist; Gott bzw. der Himmel ist jenseits von Gut und Böse, Recht und Unrecht; Gott hat keinen guten Willen und kann deswegen auch nicht wollen, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt. Es gibt Gottesurteile: wer und was auch immer sich durchsetzt und gewinnt, hat Gott (bzw. die Vorsehung) auf seiner Seite: es gilt das sog. „Recht des Stärkeren“; der Mensch hat keine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es auch keine universalen Rechte der einzelnen Bürger und Menschen, sondern nur parochiale und positive Rechte von Stämmen und Völkern (Chinesische und Indianische Frömmigkeit).

 

Panentheismus: Glaube an eine apersonale und transzendente Gottheit, in der sich die ganze Welt bzw. das Universum befindet; diese Gottheit ist mit dem Sein identisch; Gott ist das Sein, das Sein ist gut und es ist besser als das Nicht-Sein; das Sein kann nicht aus dem Nichts bzw. dem reinen Nicht-Sein hervorgegangen sein (ex nihilo nihil fit), sondern es ist ewig und allumfassend und einfach; das Sein ist jenseits von Gut und Böse, Recht und Unrecht; es hat keinen Willen (wie die Menschen) und es kann deswegen auch nicht wollen, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt, wie das wohlwollende Menschen wollen können. (Meister Eckehart und der Neuplatonismus)

 

Theismus: Glaube an einen ewigen, intelligenten, personalen und transzendenten Gott, der die raumzeitliche Welt aus dem Nichts oder einem Chaos von Materie geschaffen hat und willentlich in sie hinein wirken kann (Wunder); Gott ist der Inbegriff des Wahren, Schönen und Guten und will, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt; Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse, Recht und Unrecht sind absolut und nicht nur relativ; Antike: Menschen haben keine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es auch keine universalen Rechte der einzelnen Bürger und Menschen (Sokrates, Platon und Aristoteles); Neuzeit: jeder Mensch hat aufgrund seiner potentiellen Moralfähigkeit bzw. Gottebenbildlichkeit eine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es universale Rechte der Bürger und Menschen. (Immanuel Kant, Franz Brentano)

 

Biblischer Monotheismus: Glaube an einen einzigen personalen Schöpfergott, der die Welt transzendiert und der Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Pflanzen, Tiere und Menschen geschaffen hat, der die Welt erhält und manchmal willentlich (durch Wunder) in die Welt eingreift sowie (durch Propheten) sittliche Gebote und Verbote offenbart hat; Gott ist nicht jenseits von Gut und Böse, Recht und Unrecht; das Böse kommt zwar (um der Willensfreiheit der Menschen willen) in Gottes Schöpfung vor, aber es wurde nicht selbst willentlich von Gott geschaffen, sondern nur zugelassen; der Mensch ist das ursprünglich gut geschaffene Ebenbild Gottes, aber aufgrund des Sündenfalls auch Sünder; Gott hat einen sittlichen Willen und er will, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt; moralischer Widerspruch und rechtlicher Einsatz gegen das sog. Recht des Stärkeren; Wahrheit und Falschheit, das Gute und Böse; Recht und Unrecht gelten jedoch nur aufgrund der eigenen Offenbarung bzw. Religion (Tanach der Juden, Altes Testament der Christen und Koran der Muslime)

 

Jesuanische Theologie: Glaube, dass der lebendige Gott Geist ist und "im Geist und in der Wahrheit angebetet" werden muss; Gott ist damit nicht fern und fremd, sondern nahe und vertraut; Gott kann und darf von jedem Menschen mit "Du" angesprochen werden, denn er ist dem menschlichen Herzen näher als der Schöpfergott des Alten Testamentes, also ABBA (Daddy) nicht JAHWE bzw. JEHOVA; Gott will im Herzen des Menschen geboren werden und dauerhaft wohnen; der menschliche Leib ist der Tempel des Geistes und der wahre Tempel des lebendigen Gottes, der ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist; das Reich Gottes beginnt im Herzen des Menschen und ist mitten unter den wieder- geborenen Menschen, die zu Gott im eigenen Herzen gefunden haben. (Jesus in den Evangelien, Martin Buber)

 

Johanneische Theologie: Glaube, dass Gott die Liebe ist, und dass, wer in der Liebe bleibt, in Gott bleibt; wer liebt, kann tun, was er oder sie will, weil jemand, der liebt, nichts Böses tun wird; Glaube, dass das Evangelium von Jesus Christus in den Menschen eine übernatürliche seelische Dynamik von Glaube, Liebe und Hoffnung bewirken kann, die den Menschen auf natürlichen Wegen nicht erreichbar ist; bei dieser Liebe handelt es sich um eine selbstlose Liebe (agape) und nicht nur um erotische (eros) oder freundschaftliche Liebe (philia). (Johannes-Evangelium und Augustinus)

 

Trinitarische Theologie: Glaube an Gott als dreifaltige Offenbarung in den drei Personen von Vater, Sohn und Heiliger Geist, die trotz ihrer ontologischen Verschiedenheit eines göttlichen Wesens sind; der lebendige Gott als ewiger Vater ist nicht derselbe wie der als Mensch geborene, gestorbene, gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes Jesus Christus (Yeschua Messiah) und der Sohn Gottes ist nicht derselbe wie der heilige Geist in den getauften und auferweckten Christen, in denen durch den Glauben an Jesus Christus der Geist Gottes wohnt. (Kanonische Evangelien und Paulus)

 

Deismus: Glaube an einen unpersönlichen, kosmischen und schöpferischen Urgrund der Welt (causa sui), aus dem die ganze Welt, alles Leben und der Mensch hervorgegangen sind, der jedoch selbst nicht (mehr) in sie hineinwirkt (Gott bewirkt keine Wunder); Gott hat den Menschen ein Verständnis von Gut und Böse, Recht und Unrecht ins Herz bzw. Gewissen „eingeschrieben“; es gibt evidente Rechte der Bürger und Menschen auf Leben, Freiheit und die Suche nach Glück. (Thomas Paine, Federalists)

 

Atheismus: Glaube, dass es (wahrscheinlich) keinen Gott gibt. Die Welt besteht aus kleinsten Partikeln von toter Materie und Energie (Materialismus); sie ist durch den sog. Urknall aus dem Nichts entstanden (Big-Bang-Hypothese); das Leben auf der Erde ist nur durch kosmische Zufälle und durch eine lange Evolution aus toter Materie und Energie entstanden und der Mensch stammt nur von höheren Primaten ab (Naturalismus und Evolutionismus); Logik und Mathematik, Ethik, Moral und Recht können nicht absolut und rational begründet werden, sondern nur relativ und irrational als bloße Folge von menschlichen Interessen und Dezisionen, historischen Konventionen und Institutionen, das Dasein des Menschen ist absurd und sinnlos. (Sozialdarwinismus, Marxismus-Leninismus, Stalinismus, Maoismus)

 

Agnostizismus: Glaube, dass man weder empirisch aufgrund von Evidenzen noch apriori aufgrund von Argumenten rational erkennen oder wissen kann, dass es Gott wirklich gibt bzw. dass es Gott nicht wirklich gibt, sodass man weder den Glauben der Theisten noch den Unglauben der Atheisten und Skeptiker beweisen oder widerlegen kann. (Kant: ich musste das Wissen aufheben, um für den Glauben Platz zu bekommen.)

 

Fideismus: Glaube, dass man nur irrational (aufgrund eines blinden Vertrauens in die biblischen Schriften oder aufgrund einer religiösen Erfahrung oder Entscheidung) an Gott glauben kann, aber nicht rational (empirisch aufgrund von Evidenzen oder apriori aufgrund von Argumenten) erkennen oder wissen kann, dass es Gott wirklich gibt. Glaube und Vernunft schließen sich gegenseitig aus. (Tertullian: Credo, quia absurdum est)

 

Rationalismus: Glaube, dass man den Glauben an Gott rational (empirisch aufgrund von Evidenzen und/oder apriori aufgrund von Argumenten) verstehen und begründen kann und damit den Unglauben der Atheisten und Skeptiker widerlegen kann; Glaube und Vernunft ergänzen sich und sind aufeinander angewiesen. (Augustinus: Credo, ut intelligam)

 

Fundamentalismus: Glaube, dass eine Hlg. Schrift wie die christliche Bibel, der jüdische Tanach oder der islamische Koran die absolute, unantastbare und vollständige Wahrheit enthält; Verabsolutierung einer Hlg. Schrift als Offenbarung Gottes unter Mißachtung der Selbstoffenbarung Gottes in der Schöpfung und in seinen Propheten; die absolute Wahrheit offenbart sich nicht durch Gott selbst, sondern in inspirierten, aber von Menschen verfassten Schriften; etwas gilt schon deshalb als wahr und richtig, weil es in einer Hlg. Schrift geschrieben steht; aber es gibt sehr viel Wahres und Richtiges, das dort nicht geschrieben steht und nichts ist nur deswegen wahr und richtig, weil es irgendwo geschrieben steht; vieles steht in den Heiligen Schriften, weil es wahr und richtig ist, aber nichts ist nur deswegen wahr und richtig, weil es dort geschrieben steht; wenn etwas wahr ist, dann ist es immer nur deswegen wahr, weil es (den Sachverhalten in) der Wirklichkeit entspricht, aber nicht deswegen, weil es von Menschen irgendwo aufgeschrieben wurde.

 

 


 

 

1. Das Argument gegen die Instrumentalisierung des Glaubens an Gott

 

1. Wer wirklich und wahrhaftig über Gott nachdenkt, zu Gott betet oder zu anderen Menschen von Gott predigt, der muss auch glauben, dass es Gott wirklich gibt.

 

2. Über Gott nachdenken, zu Gott beten und zu anderen Menschen von Gott predigen, ohne wirklich und wahrhaftig zu glauben, dass es Gott auch wirklich gibt, weil es sich dabei nur um eine (existenziell, finanziell, pädagogisch, ethisch, rechtlich oder politisch) nützliche menschliche Idee handele, wäre nicht nur in sich widersprüchlich und sinnlos, sondern auch irreführend und heuchlerisch.

 

3. An Gott glauben, heißt immer auch zu glauben, dass Gott wirklich existiert und dass Gott nicht nur eine nützliche Idee (Erfindung, Fiktion, Projektion, Vorstellung, etc.) bestimmter Propheten, Priester, Philosophen, Theologen oder anderer Menschen ist.

 

4. Wer jedoch behauptet, dass Gott nur eine nützliche Idee (Erfindung, Fiktion, Projektion, Vorstellung, etc.) bestimmter Menschen ist, der denkt und spricht nicht wirklich und wahrhaftig von Gott, sondern nur von einer menschlichen Idee (Erfindung, Fiktion, Projektion, Vorstellung, etc.).

 

5. An Gott glauben, heißt zu glauben, dass Gott ein ewiges und allumfassendes, immanentes und transzendentes Wesen ist, das der Urgrund des Universums ist, aus dem das ganze raumzeitliche Universum, alles Lebendige und alle höheren intelligenten Lebewesen einschließlich des Menschen hervorgegangen sind.

 

 

2. Das ontologische Argument

 

1. Unter 'Gott' verstehen wir gewöhnlich das höchste Wesen, das es gibt.

 

2. Unter dem höchsten Wesen verstehen wir ein absolutes und vollkommenes, ewiges und allumfassendes, immanentes und transzendentes Wesen, das der letzte Urgrund des Universums ist (causa sui) und das das ganze raumzeitliche Universum, alles Lebendige und alle höheren intelligenten Lebewesen einschließlich den Menschen geschaffen hat.

 

3. Wenn wir unter 'Gott' das höchste Wesen verstehen, das es gibt, dann denken wir damit auch schon,

dass Gott existiert.

 

4. Wenn wir unter 'Gott' das höchste Wesen verstehen, das es gibt, dann ist es nicht widerspruchsfrei denkbar,

dass Gott nicht existiert.

 

5. Wenn es nicht widerspruchsfrei denkbar ist, dass Gott nicht existiert, dann liegt es bereits im recht verstandenen Begriff vom Wesen Gottes, dass er wirklich existiert.

 

Also gibt es Gott.

 

 

3. Das kosmologische Argument

 

1. Ich glaube aufgrund meiner eigenen alltäglichen Erfahrung und aufgrund allgemein zugänglicher wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass ich mich selbst wie alle anderen Menschen auf der Erde in einem raumzeitlichen Universum befinde, das es wirklich gibt und das nicht nur meine subjektive und individuelle Vorstellung oder eine intersubjektive und kollektive Vorstellung ist.

 

2. Ich glaube auch aufgrund meiner eigenen alltäglichen Erfahrung und aufgrund allgemein zugänglicher wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass nichts in der raumzeitlichen Welt einfach aus dem sog. Nichts hervorgeht.

(Ex nihilo nihil fit.)

 

3. Wenn nichts in der raumzeitlichen Welt einfach aus dem Nichts hervorgeht, dann hat alles, was in der raumzeitlichen Welt existiert, auch einen bestimmten Grund, d.h. eine notwendige Ursache oder mehrere notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen, aus denen es hervorgegangen ist.

 

4. Wenn nichts in der raumzeitlichen Welt aus dem Nichts hervorgeht, und alles, was in der raumzeitlichen Welt existiert, auch einen Grund hat, d.h. eine notwendige Ursache oder mehrere notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen, aus denen es hervorgegangen ist, dann ist es äußerst unwahrscheinlich, dass auch das ganze Universum einfach ohne irgendeinen letzten Grund einfach aus dem Nichts hervorgegangen sein kann (Big-Bang-Hypothese).

 

5. Deswegen ist es wahrscheinlicher, dass es auch einen ewigen und letzten Weltgrund gibt, aus dem die raumzeitliche Welt hervorgegangen ist.

 

6. Diesen einen, ewigen und letzten Weltgrund nennt man aber in allen Religionen und Weltanschauungen „Gott“.

 

Also ist es wahrscheinlich, dass es Gott wirklich gibt.

 

 

3. Das personalistische Argument

 

1. Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht gibt es in der ganzen irdischen Natur und im ganzen Universum nur, insofern es intelligente, sprach- und vernunftbegabte und selbstbewusste Personen mit einem Geist (nous / intellectus) gibt, die intentional (emotional und rational) Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden können.

 

2. Materielle Dinge ohne Zweckbezogenheit, Pflanzen mit Zweckbezogenheit, aber ohne Bewusstsein und Tiere mit Zweckbezogenheit und Bewusstsein, aber ohne ein sprachliches Selbst- und Objektbewusstsein können nicht zwischen Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht unterscheiden. Manche höheren intelligenten Lebewesen mit einem rudimentären vorsprachlichen Selbst- und Objektbewusstsein können zwar gewisse Kausal- und Zweckzusammenhänge antizipieren sowie auf eine unfaire Ungleichbehandlung reagieren, aber sie können noch nicht Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden.

 

3. Dass es auf der Erde intelligente, sprach- und vernunftbegabte und objekt- und selbstbewusste menschliche Personen gibt, die Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden können, muss einen gewissen Sinn und Zweck haben und kann deswegen weder bloß einem kosmischen Zufall entspringen noch bloß einer blinden Wahrscheinlichkeit folgen noch bloß aufgrund von natürlichen Notwendigkeiten entstanden sein (Emergenz aufgrund von physikalischen, chemischen oder biologischen Naturgesetzen), da diese intelligiblen Inhalte (logische, semantische, ästhetische, moralische und rechtliche Bedeutungen, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte) alles Natürliche (Biologische und Neurophysiologische), alles Naturgesetzliche und damit auch alles naturwissenschaftlich Erklärbare transzendieren.

 

4. Da es auf der Erde aber nun einmal intelligente, sprach- und vernunftbegabte und objekt- und selbstbewusste menschliche Personen gibt, die Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden können, kann es solche intelligenten Wesen weder nur aufgrund eines bloßen kosmischen Zufalls noch nur aufgrund einer blinden Wahrscheinlichkeit noch nur aufgrund einer evolutionären Emergenz nach natürlichen Ursachen und Zwecken geben, sondern es muss sie aufgrund einer übernatürlichen Bestimmung des Menschen zu solchen geistigen Fähigkeiten geben.

 

5. Wenn es aber eine solche übernatürliche Bestimmung des Menschen zu solchen geistigen Fähigkeiten gibt, derzufolge es auf der Erde intelligente, sprach- und vernunftbegabte und objekt- und selbstbewusste menschliche Personen gibt, die Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden können, dann muss diese übernatürliche Bestimmung des Menschen von einer übernatürlichen höheren Intelligenz intendiert und realisiert worden sein, die selbst diese Unterschiede verstehen kann. Denn die Emergenz dieser übernatürliche Bestimmung des Menschen zum Intelligiblen (mundus intelligibilis) kann nicht bloß naturalistisch oder biologisch erklärt werden.

 

6. Eine übernatürliche Bestimmung des Menschen zum Intelligiblen (mundus intelligibilis) kann es aber nur geben,

wenn es auch ein höheres übernatürliches intelligentes Wesen gibt, das für diese geistige Bestimmung des Menschen schöpferisch verantwortlich ist. Ein solches höheres übernatürliches intelligentes und schöpferisches Wesen nennen

wir jedoch gewöhnlich „Gott“.

 

Also existiert Gott.

 

 

4. Das transzendentale Argument

 

1. Logik basiert auf transzendentalen geistigen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten des korrekten Denkens und Schließens jenseits biologischer, neurophysiologischer und psychologischer Ursachen und Bedingungen, Zwecken und Mitteln menschlicher Kognition, die weder bloß frei stipuliert noch willkürlich erfunden sein können.

 

2. Mathematik basiert auf transzendentalen geistigen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten des korrekten Rechnens und Beweisens jenseits biologischer, neurophysiologischer und psychologischer Ursachen und Bedingungen, Zwecken und Mitteln menschlicher Kognition, die weder bloß frei stipuliert noch willkürlich erfunden sein können.

 

3. Ethik und Moral basiert auf transzendentalen geistigen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten des korrekten Wollens und Handelns jenseits biologischer, neurophysiologischer und psychologischer Ursachen und Bedingungen, Zwecken und Mitteln menschlichen Wollens und Handelns, die weder bloß frei stipuliert noch willkürlich erfunden sein können.

 

4. Recht basiert auf transzendentalen geistigen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten des korrekten Handelns und Verhaltens jenseits biologischer, neurophysiologischer und psychologischer Ursachen und Bedingungen, Zwecken und Mitteln menschlicher Handlungen und Vereinbarungen, die weder bloß frei stipuliert noch willkürlich erfunden sein können.

 

5. Diese transzendentalen geistigen Ideale, Prinzipien, Normen und Werte des logischen Denkens und Schließens, des mathematischen Rechnens und Beweisens, des ethischen und moralischen Wollens und Handelns sowie des rechtlichen Handelns und Verhaltens basieren weder auf biologischen, neurophysiologischen oder psychologischen Ursachen und Bedingungen oder Zwecken und Mitteln noch auf menschlichen Entscheidungen, historischen Gegebenheiten oder kulturellen Institutionen, sondern sie gehören einer übermenschlichen und zeitlosen Welt des Geistes (mundus intelligibilis) an.

 

6. Diese übermenschliche und zeitlose Welt des Geistes (mundus intelligibilis) ist der Geist Gottes.

 

7. Der Geist Gottes setzt nun aber die Existenz Gottes voraus.

 

Also existiert Gott.

 

 

© Ulrich W. Diehl, Heidelberg September 2018

 

 


Download
Jochen Walldorf, Gott und die Wahrheit. Philosophisch-theologische Überlegungen zur Erkenntnisfähigkeit des Menschen und zur Erkennbarkeit der Welt.
Kerygma und Dogma 58,1 (2012), 54–76
Walldorf, Gott und die Wahrheit.pdf
Adobe Acrobat Dokument 210.5 KB