5. Philosophische Theologie

 

 

 

Was ist philosophische Theologie?

 

 

Religionsphilosophie behandelt wie die empirischen Religionswissenschaften die Religionen der Menschheit. Diese sind wie die Wissenschaften und Künste historische und kulturelle Gebilde, die im Laufe der langen Kulturgeschichte der Menschheit entstanden sind. Über die Weltbilder und die Glaubensweisen der vorgeschichtlichen Menschen sind nur noch Spekulationen möglich, da sie fast keine kulturellen Spuren hinterlassen haben, die solche Rückschlüsse erlauben.

 

Religionsphilosophie ist wie die empirischen Religionswissenschaften gegenüber der Frage nach der Existenz Gottes (Theos, Jahwe, Allah, Deus, Manitou, etc.) neutral. Zum Begriff und zum Wesen von Religion können die Naturwissen-schaften nichts sagen, denn das Thema fällt einfach nicht in das Gebiet naturwissenschaftlicher Forschung und es kann mit naturwissenschaftlichen Methoden auch nicht erforscht werden. Es ist Sache der Kultur- und Geisteswissenschaften.

 

Zur Metaphysik als einer grundlegenden philosophischen Disziplin, die nach dem fragt, was es wirklich gibt, und welche grundlegenden Kategorien des Seienden es gibt, gehört jedoch immer auch die Frage nach der Existenz und dem Wesen Gottes. Kein Philosoph kann in Bezug auf diese existenziell relevante ontologische Frage wirklich neutral bleiben und kein bedeutender Philosoph der europäischen Geschichte der Philosophie von ihren Anfängen bis in die Gegenwart hinein hat jemals ganz dazu geschwiegen. Dafür gibt es existenzielle, psychologische und soziologische Gründe. Jeder Mensch, der diese existenzielle Frage mehr oder weniger gründlich philosophisch erörtert, muss sich kraft seiner Selbst-kenntnis entweder zum Atheismus oder Theismus in einer bestimmten Variante bekennen.

 

Auch Agnostiker und Fideisten können sich nicht geschickt herausreden, indem sie nur behaupten, dass man doch einfach nicht wissen oder nicht beweisen kann, ob es Gott wirklich gibt, sondern nur glauben oder ahnen kann, dass es Gott gibt. Jenseits dieser epistemologischen Frage, was man von Gott wissen kann, steht die ontologische Frage, ob es Gott wirklich gibt (d.h. als einer absoluten und eigenständigen Wirklichkeit jenseits des empirisch erforschbaren Universums und unabhängig von allzu menschlichen Bedürfnissen, Hoffnungen, Vorstellungen und Wünschen). Dazu müssen auch Agnostiker und Fideisten Farbe bekennen und sagen, ob sie denken und glauben, dass es Gott wirklich gibt, oder aber, ob sie denken und glauben, dass es Gott nicht gibt. Der persönliche Glaube unterliegt in jedem Leben selbstverständlich einer gewissen Entwicklung, die mit der Entwicklung der Persönlichkeit korrespondiert. Erwachsen können wir eigentlich nur dann jemanden nennen, der seinen erworbenen Kinderglauben verloren und durch Lebenserfahrung, Zweifel und Nachdenken zu einer reflektierten eigenständigen und reiferen Auffassung gelangt ist.

 

In der Metaphysik kommt es jedoch wie auch sonst in der Philosophie nicht nur darauf an, dass man seine eigene Meinung hat und sie wie ein Steckenpferd hegt und pflegt. Solche bloßen Meinungen gibt es in Hülle und Fülle; sie sind unsicher und ändern sich oft, denn sie haben lebensgeschichtliche, psychische und soziale Ursachen und Gründe. Von Hause aus aufgrund von Herkunft und Erziehung, Sozialisation und Bildung und vielleicht auch aufgrund der jeweiligen Persönlichkeit mit dem jeweiligen Geschlecht, Temperament und Charakter neigt jemand zu dem einen oder anderen diffusen Glauben oder Unglauben, Gottesbild und Menschenbild.

 

Aber wer kann und will schon als Erwachsener sein ganzes Leben dabei stehen bleiben, was man ihm in seiner Kindheit und Jugend beigebracht und vermittelt hat? Jeder Mensch, der wirklich erwachsen geworden ist, will doch irgendwann einmal sich selbst Klarheit verschaffen und Rechenschaft über sein Glauben und Denken geben und sich nicht mehr bloß durch seine familiäre Herkunft bestimmt verstehen. Aber nur von sich selbst sagen und jemandem mitteilen, was man glaubt und wie man denkt, ist noch keine Philosophie oder Theologie. Denn Philosophische Theologie ist Rede von Gott und nicht Rede über sich selbst und seinen Glauben und sein Denken über Gott.

 

In der Philosophischen Theologie können gegensätzliche Meinungen über Gott schroff aufeinander prallen und es wird dann immer wieder allen Beteiligten schnell klar, dass sie in ihrer logischen Gegensätzlichkeit nicht miteinander verein-bar sind. Wer dem einsamen Nachdenken und dem gemeinsamen Dialog oder Disput ausweicht, will nur mit seiner jeweils erworbenen und gewohnten Meinung in Ruhe gelassen werden. Manche weichen um der Harmonie willen dem Disput aus. Andere möchten angesichts der Konfrontation mit den Andersdenkenden nur Recht haben und behalten. Nicht Wenige neigen sogar dazu, um Recht zu behalten, Andere zu diffamieren, herabzusetzen, kleinzumachen, ver-ächtlich zu machen, loszuwerden und zu mobben, etc. Damit verrät jemand jedoch nur seine Engstirnigkeit und Eng-herzigkeit, seine Angst und Mutlosigkeit, seine persönliche Unsicherheit und seine mangelnde Selbsterkenntnis.

 

Deswegen kommt es in der Philosophischen Theologie letzten Endes darauf an, dass man sich die rationalen Argumente pro und contra anhört und versteht. Es gibt jedoch kaum bekannte und auch überzeugende Argumente gegen die Existenz Gottes auf einem hohen philosophischen, d.h. logischen, erkenntnistheoretischen und ontologischen Niveau. Nirgendwo wird in den empirischen Wissenschaften bewiesen, dass es etwas nicht gibt, geschweige denn, dass es etwas gar nicht geben kann. In allen empirischen Wissenschaften werden vielmehr Daten über Fakten erhoben, um dann Modelle, Theorien und Hypothesen zu entwerfen, die die gesammelten Daten vergleichsweise am besten erklären können. Wie sollte man dann in der Philosophie beweisen können, dass es etwas nicht gibt oder nicht geben kann?

 

Die bekannten alten und neuen Argumente für den Atheismus (von Demokrit, Epikur und Lukrez; von Diderot, Helvetius, D'Holbach und La Mettrie und von Feuerbach, Marx, Freud, u.a.) basieren jedoch immer noch auf längst überholten und unhaltbaren materialistischen bzw. naturalistischen Überzeugungen und damit auf einem fragwürdigen Reduktionis-mus, der schon aus prinzipiellen Gründen nicht einmal in der Philosophie der Natur, der Kultur, des Menschen, der Psyche und des Geistes überzeugend sein kann. Deswegen war in der europäischen Philosophie der Materialismus bzw. Naturalismus meistens mit dem Atheismus verbunden und der Idealismus bzw. Spiritualismus eher mit dem Theismus. Der jüdische und christliche Glaube bewegt sich jedoch jenseits dieser beiden monistischen und reduktionistischen Alternativen des philosophischen Denkens.

 

Ein seit dem 19. Jahrhundert weit verbreitetes weltanschauliches Vorurteil besagt, dass es einen grundsätzlichen und unauflösbaren Konflikt zwischen den Naturwissenschaften und den Religionen gibt. Das ist jedoch fragwürdig, denn die Naturwissenschaften können die Frage nach der Existenz und dem Wesen Gottes gar nicht angemessen beantworten. Denn die Frage nach der Existenz und dem Wesen Gottes kann von seriösen Naturwissenschaftlern im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht einmal angemessen gestellt und behandelt werden, da sie einfach gar nicht in irgendein Gebiet ihrer naturwissenschaftlichen Forschungen fällt. Deswegen können Naturwissenschaftler normalerweise auch ganz gut ohne theistische Voraussetzungen auskommen. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Natur-, Kultur- und Sozialwissenschaftler. Sobald sie sich trotzdem öffentlich für den Atheismus aussprechen, wie z.B. der Biologe Richard Dawkins oder der Physiker Stephen Hawking, überschreiten damit immer schon die Grenzen ihrer jeweiligen wissen-schaftlichen Kompetenzen und Methoden. Sie verbreiten dann aber nur ihre persönlichen weltanschaulichen Mei-nungen und missbrauchen dazu ihre öffentliche Anerkennung als Wissenschaftler für außer-wissenschaftliche, zumeist weltanschauliche, politische oder kommerzielle Zwecke.

 

Was die Religionen angeht, gibt es zumindest eine Religion, die gar keinen Gott im Sinne der monotheistischen Religionen kennt, nämlich den Buddhismus. Zwar kennt der Buddhismus auch die Anbetung und Verehrung heiliger Bilder und Statuen von Gautama Buddha oder von anderen Buddhas, die ihm und seiner Lehre nachfolgten, aber jedenfalls keinen verehrungswürdigen Schöpfergott. Die materielle Welt gilt im Buddhismus als das Werk eines schrecklichen Dämons, der den ewigen Kreislauf der schicksalhaften Wiedergeburten und damit das unausweichliche Leiden geschaffen hat. Ziel des buddhistischen Weges ist es, aus diesem Kreislauf des Leidens durch Askese und Vernichtung des eigenen Ichs bzw. Selbst auszusteigen gilt. Das letzte Ziel im Buddhismus ist es, nicht mehr wieder-geboren zu werden, um das schicksalhafte Rad der Wiedergeburten endgültig verlassen zu können.

 

Nur im Westen meinen modische Alibi- und Pseudobuddhisten fälschlich, der Buddhismus sei ein hoffnungsvoller Weg, um den Tod durch eine Wiedergeburt überwinden zu können. Aber der Buddhismus kennt eigentlich keine Hoffnung, sondern verachtet alle Hoffnungen als Illusionen. Aus diesen Gründen ist der Buddhismus nicht nur eine asketische Mönchsreligion, sondern die lebens- und frauenfeindlichste Religion unter allen Weltreligionen mit einer Ächtung des natürlichen Strebens nach Glück und Wohlergehen. Aufgrund seines egozentrischen Zieles der Selbsterlösung ist der Buddhismus auch gleichgültig gegen das, was Juden, Christen und Muslime Gottes Schöpfung nennen. Es gibt keinen Grund, die Schöpfung zu retten oder die Naturzerstörung und die Selbstzerstörung der Menschheit aufzuhalten. Diese ganze Entwicklung kann dann nur als eine karmische oder schicksalhafte Entwicklung hingenommen werden. Das sog. „Mitleid mit allen Wesen“ ist nur durch seinen eigenen Heilsegoismus motiviert und keine schenkende Liebe zum Lebendigen aus einer Ehrfurcht vor dem Leben, die sich selbst im anderen Lebensformen wieder erkennt.

 

Unsere europäische Kultur ist ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die moderne Liberalisierung und Säkularisierung in einigen öffentlichen Bereichen praktisch atheistisch geworden, obwohl alle Juden und auch viele Christen im 20. Jahrhundert unter der national-sozialistischen Diktatur und unter den sozialistischen Diktaturen unter-drückt wurden, schwer gelitten haben und grausam ermordet wurden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zuerst durch emanzipatorische und kulturrelativistische Bewegungen und dann verstärkt durch den neoliberalen Kapitalismus zu einer weiteren Marginalisierung von Juden und Christen, die bis heute anhält.

 

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts nimmt die öffentliche Diskriminierung von Juden und Christen unter dem Deckmantel einer angeblich aufgeklärten Liberalisierung und Säkularisierung wieder zu. Juden können sich nicht mehr öffentlich zu ihrem Glauben bekennen und z.B. durch eine Kippa als Juden zu erkennen geben, weil sie sonst Repressionen zu er-warten haben. An der antisemitischen Hetzjagd beteiligen sich nicht nur neofaschistische Rechtsradikale, sondern auch intolerante Atheisten und israelfeindliche Islamisten. Auch Christen werden in den dominanten Medien immer wieder als angeblich ignorant und intolerant verspottet. Für Juden und Christen ist es schwer geworden, gegen den medialen Mainstream des öffentlichen Atheismus anzukommen, der oftmals nur einen bequemen Vulgärmaterialismus und opportunistischen Konsumismus kaschiert.

 

Man braucht schon persönliche Zivilcourage, um sich öffentlich zum jüdischen oder christlichen Glauben zu bekennen. Deswegen ist es wichtig geworden, zu zeigen, dass man weder dumm oder naiv noch intolerant oder reaktionär sein muss, wenn man wie Kant oder Hegel, wie Friedrich Daniel Schleiermacher oder Albert Schweitzer kein Atheist ist. Die große Gefahr der sozialen Ausgrenzung und der aggressiven Diskriminierung durch Mobbing im Berufsleben ist selbst an bekannten Akademien und Universitäten angewachsen.

 

Die Intoleranz gegenüber Juden und Christen hat erheblich zugenommen, obwohl sich Atheisten und Humanisten öffentlich gerade der Toleranz rühmen. Aber ihre vermeintliche Toleranz ist oft nur die "repressive Toleranz" (Herbert Marcuse) des gleichgültigen Relativismus und denkfaulen Subjektivismus von Egozentrikern und Narzissten. Aufgrund bloßer Unkenntnis und medialer Indoktrination kennt man kaum aufgeklärte und moderne Christen, die weder ängst-liche Bibelfundamentalisten noch politische Reaktionäre sind.

 

Das Bekenntnis zu den modernen Wissenschaften hingegen hat oft nur eine anti-religiöse Alibifunktion und basiert nicht auf einer tieferen Vertrautheit mit echter, ergebnisoffener wissenschaftlicher Forschung und ihren selbst-kritischen Methoden. Außerdem wird dabei meistens verdrängt, dass moderne Physiker die lebensfeindliche Macht der Atomwaffen ermöglicht haben, mit denen alles Leben auf der Erde und damit die ganze Menschheit ausgelöscht werden kann. Die unkritische Verehrung der modernen Wissenschaften geht sogar so weit, dass sich nicht wenige Physiker und Laien die Entstehung des Universums nach dem Modell einer gigantischen atomaren Explosion vorstellen. Der Atomphysiker und Philosoph Carl-Friedrich von Weizsäcker hielt das nicht für einen Zufall.

 

Ein authentischer Glaube an Gott, der nicht bloß archaisches und mythologisches Denken aus uralten Zeiten aufnimmt, tradiert und reformuliert, wird andere, neue Formen annehmen müssen, die zeitgemäß sind und durchaus kompatibel mit den zuverlässigsten Resultaten moderner Wissenschaften. Nur auf diese Weise kann der überholte, noch aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammende vermeintliche Konflikt zwischen dem Glauben und den Wissenschaften im 21. Jahr-hundert endlich auf eine überzeugende Weise überwunden werden. Zwischen dem weltanschaulichen Pluralismus moderner Demokratien, der religiösen Toleranz moderner Rechtsstaaten und dem manchmal  verabsolutierten Offenbarungsglauben von traditionellem Judentum, Christentum und Islam bestehen sicher gewisse Spannungen, die nur durch Aufklärung und Bildung, politische Reformen und rechtsstaatliche Säkularisierung zu überwinden sind.

 

Philosophische Theologie kann und muss sich zwar mit dem metaphysischen Gehalt des Glaubens an Gott bzw. des Unglaubens auseinandersetzen. Aber philosophische Theologie kann niemals von sich aus den trinitarischen Kerngehalt des christlichen Glaubens an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist erreichen, wie das Hegel versucht hatte. Denn der christliche Glaube ist ein biblisch begründeter Glaube, der nun einmal auf das überlieferte Zeugnis des Alten und Neuen Testamentes angewiesen ist. Deswegen gibt es auch keine philosophischen Argumente oder gar streng logische Beweise für den christlichen Glauben, sondern nur apologetische Plädoyers für die rationale Annehmbarkeit des christlichen Glaubens. Christlicher Glaube kann durchaus ganz vernünftig sein.

 

 


 

 

Philosophische Argumente für die Existenz Gottes

 

 

1. Gottesbeweise – Argumente pro und contra

 

Zwar kann man die Existenz Gottes sicher nicht im formalen Sinn logischer oder mathematischer Folgerungen beweisen und damit Atheisten und Skeptiker strikt widerlegen. Denn in der formalen Logik kommt es gerade nicht auf den Inhalt der verwendeten Begriffe oder die Referenz der Eigennamen an, sondern nur auf die logische Form der Schlüsse. Es gibt jedoch philosophische Argumente, Konzeptionen und Theorien, die die Existenz Gottes zumindest plausibel machen und damit Atheisten und Skeptiker in Verlegenheit bringen können. Ob durch diese Argumente dann auch Agnostiker und Fideisten herausgefordert werden, hängt vom jeweiligen Selbstverständnis der Agnostiker und Fideisten und von einem angemessenen Verständnis von Glauben und Wissen ab.

 

2. Rationalität des Glaubens an Gott

 

Zugleich zeigen diese philosophischen Argumente, dass es jedenfalls nicht dumm, irrational oder unaufgeklärt ist, (auf eine bestimmte Weise) an Gott zu glauben, sondern durchaus gescheit, rational und aufgeklärt sein kann, (auf eine bestimmte Weise) an Gott zu glauben. Der Glaube an Gott ist damit nicht mehr nur das unfreiwillige Produkt von prägender Erziehung und Sozialisation bzw. von passiver religiöser Erfahrung (Erweckung oder Wiedergeburt) oder aktiver persönlicher Entscheidung (Bekehrung / Initiation / Taufe, etc.). Sobald man haltbare und starke Argumente für die Existenz Gottes akzeptiert, wird der Glaube von einer irrationalen Einstellung zu einer rationalen Überzeugung.

 

3. Der Gott der monotheistischen Religionen

 

Der Glaube an den Gott der jüdischen, christlichen oder islamischen Offenbarung (bezeugt im Tanach, in der Bibel und im Koran) lässt sich auf diese Weise jedoch nicht philosophisch beweisen und er bleibt damit eine Sache des persön-lichen und gemeinschaftlichen Glaubens der Juden, Christen und Muslime. Manche philosophischen Argumente für die Existenz Gottes sprechen jedoch nicht nur für den monotheistischen Kerngehalt des Glaubens der Juden, Christen und Muslime, sondern auch dafür, dass sie - trotz aller deutlichen Unterschiede in Bezug auf die Person Jesu - auf verschie-dene Weise an ein und denselben Gott glauben. Das geben jedoch die Gläubigen in den orthodoxen und konservativen Kreisen dieser Religionen weniger gerne zu als die Gläubigen in den modernen und liberalen Kreisen.

 

4. Theodizee, Freiheit und Verantwortung der Menschen

 

Moderne Argumente für die Existenz Gottes sprechen jedoch nicht dafür, dass Gott jederzeit und überall das ganze Universum einschließlich alles Geschehens auf der Erde „regiert“, wie man sich das Jahrhunderte lang in monarchischen Metaphern vorgestellt hatte (Anthropomorphismus). Die Einheit und Transzendenz Gottes (jenseits anthropomorpher Gottesbilder) spricht vielmehr dafür, dass so weit wie möglich eine natur- oder kulturwissenschaftliche Erklärung für alle natürlichen und kulturellen Phänomene in der Welt gesucht werden. Die Säkularisierung als Entdämonisierung der Natur und Kultur war selbst eine Wirkungsgeschichte des christlichen Glaubens. Es gibt jedoch auf allen vier Ebenen des Physischen, Organischen, Psychischen und Mentalen irreduzible Realitäten und Komplexitäten, die nicht einfach kausal oder funktional erklärbar sind und deswegen nur als Seiendes eigener und höherer Art verstanden werden können.

 

Die Einheit und Transzendenz Gottes (jenseits anthropomorpher Analogien, Metaphern und Vorstellungen) enthebt den Menschen auch nicht der Last der Freiheit und Verantwortung für sich selbst und Andere (Autonomie und Orthonomie). Sie ermöglicht es auch nicht, Gott für alle natürlichen Ereignisse und Prozesse in der Welt sowie für alle kulturellen und sittlichen Verhaltensweisen der Menschen aktuell oder providentiell verantwortlich zu machen (Theodizee). Vielmehr verfügen alle Menschen von gesundem Gemüt und Menschenverstand über ein gewisses Maß an persönlicher Freiheit der Wahl und der Selbstbestimmung, des Willens und des Handelns. Deswegen sind sie gewöhnlich als Erwachsene für sich und ihre Zukunft selbst verantwortlich, nicht aber für ihre genetische Ausstattung, ihre familiäre Herkunft, Erzie-hung und Sozialisation oder für ungünstige Umstände, erlittene Schicksalsschläge und von Anderen zugefügte Un-gerechtigkeiten in ihrem Leben. Moderne Theologie muss eine fatalistische Entmündigung der Menschen (Alles liegt in Gottes Hand.) ebenso vermeiden wie eine Überhöhung menschlicher Möglichkeiten (Jeder ist seines Glückes Schmied.).

 

5. Gott und die Zukunft der Menschheit

 

Die Menschheit kann sich wegen der absoluten Einheit und Transzendenz Gottes auch nicht darauf verlassen, dass ihre Zukunft von Gott und seinem "guten Willen" abhängt und dass sie angesichts von Bevölkerungsexplosion, Klimawandel und Ausbeutung der Natur von einem allmächtigen, allwissenden und barmherzigen Gott gerettet würden. Vielmehr ist die Menschheit für die kurzsichtige Zerstörung der Natur bzw. Schöpfung selbst verantwortlich. Es ist verantwortungslos zu erwarten, dass Gott die Menschheit schon retten und vor einem selbst gemachten Untergang bewahren wird. Vom liberalen Zeitgeist der Moderne werden die warnenden Stimmen der biblischen Propheten und die apokalyptischen Visionen nur allzu gerne verdrängt.

 

6. Gott und die Würde des Menschen

 

Nach Kant hängt die allgemeine und unveräußerliche Würde des Menschen von seiner Moralfähigkeit ab und diese wiederum von seiner Fähigkeit zur Autonomie, d.h. zur sittlichen Selbstbestimmung. Die Moralfähigkeit selbst ist jedoch nicht angeboren, sondern muss durch Erziehung und Bildung erworben werden. Nur die kognitiven Anlagen zum Erwerb von Sprache und Denken, zur Entwicklung von Gewissen und sittlicher Autonomie sind angeboren. Diese kognitiven Anlagen gehören zwar zur menschlichen Natur, aber sie transzendieren diese Natur, weil sie auf günstige kulturelle Entwicklungsbedingungen in einer sozialen Gemeinschaft angewiesen sind.  Zugleich verweist nach Kant die Moralfähigkeit auf etwas Unbedingtes hin, das jeden Menschen individuiert und die soziale Gemeinschaft oder Gruppe seiner Herkunft transzendiert. Deswegen trifft die biblische Rede von der „Gottebenbildlichkeit des Menschen“ den überschüssigen metaphysischen Gehalt der menschlichen Moralfähigkeit und der allgemeinen Menschenwürde, der nicht bloß naturalistisch oder kulturalistisch (biologisch, evolutionär, neurowissenschaftlich, psychologisch, soziologisch. etc.) erklärbar ist. Menschen haben genau deswegen eine Würde, weil man sie anders als Steine, Pflanzen und Tiere nicht nur als Portionen von Natur, als Aggregat von natürlichen Mechanismen und natürlichen Kräften erklären und verstehen kann. Kraft ihrer kulturbedingten Sprache haben sie das angeborene Potential zu einer geistigen Freiheit, Sittlichkeit und kreativen Tätigkeit, das freilich geschützt und gefördert werden muss, um zur Entfaltung in einer leiblichen Person kommen zu können.

 

7. Religionsphilosophische Differenzierungen

 

Philosophische Argumente für den Glauben an Gott müssen genau differenzieren, auf welchen Glauben an Gott, welches Gottesbild und welche Vorstellung von Gott sie sich beziehen. In der Realität der menschlichen Psyche und Lebensformen hängen alle Gottesbilder und Gottesgedanken jedoch so eng mit bestimmten Weltanschauungen, Menschenbildern und Ethosformen (ethischen und rechtlichen Konzeptionen) zusammen, dass sie kaum davon getrennt werden können.

 

Polytheismus: Glaube an eine Vielzahl von Göttern, die sich nach Name, Gestalt und Funktion unterscheiden lassen (und manchmal Aspekte einer übergeordneten einzigen Gottheit darstellen); Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse, Recht und Unrecht sind relativ und hängen von Kasten und Kulten, Stämmen und Kulturen ab; Glaube an sog. Gottesurteile: wer und was auch immer sich durchsetzt und gewinnt, hat Gott (die Vorsehung) auf seiner Seite: es gilt das sog. „Recht des Stärkeren“; der Mensch hat keine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es auch keine allgmeinen Rechte der Bürger und Menschen, sondern nur die Allmacht des Schicksals und die Rechte und Pflichten der Menschen bestimmter Individuen, Familien, Gruppen, Gilden, Kasten oder Stände (indischer, germanischer, römischer und griechischer Polytheismus; Wahrheitsskepsis des Pilatus).

 

Pantheismus: Glaube an Gott als das Eine und Ganze der Welt (Heraklit: hen kai pan) bzw. daran, dass Gott mit der Natur (Spinoza: deus sive natura) oder mit dem reinen Sein (Meister Eckehart: deus est esse) identisch ist; Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse, Recht und Unrecht kommen nicht nur in der Welt bzw. in der Natur vor, sondern sie gehören auch zum Wesen Gottes selbst; Gott ist selbst gut und böse zugleich und er hat keinen guten Willen und kann deswegen auch nicht wollen, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt. Sowohl die natürlichen Übel, wie z.B. die verschiedenen Naturkatastrophen, als auch das von Menschen bewirktes moralisch Böse gehört zur Natur bzw. zum Wesen Gottes selbst. Es gibt sog. Gottesurteile: wer und was auch immer sich durchsetzt und gewinnt, hat Gott (bzw. die Vorsehung) auf seiner Seite; es gilt das sog. „Recht des Stärkeren“, d.h. der Mensch hat keine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es auch keine allgemeinen Rechte der Bürger und Menschen, sondern nur parochiale und positive Rechte eines bestimmten Volkes (Hitler und der Nationalsozialismus).

 

Kosmotheismus: Glaube an eine Gottheit bzw. den Himmel als großer Geist des Universums, d.h. dass die Gottheit sich (als großer Geist) im Universum befindet und insofern dem Kosmos immanent und nicht transzendent ist; Gott bzw. der Himmel ist jenseits von Gut und Böse, Recht und Unrecht; Gott hat keinen guten Willen und kann deswegen auch nicht wollen, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt. Es gibt Gottesurteile: wer und was auch immer sich durchsetzt und gewinnt, hat Gott (bzw. die Vorsehung) auf seiner Seite: es gilt das sog. „Recht des Stärkeren“; der Mensch hat keine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es auch keine allgmeinen Rechte der Bürger und Menschen, sondern nur parochiale und positive Rechte von Stämmen und Völkern (Chinesische und Indianische Frömmigkeit).

 

Panentheismus: Glaube an Gott, der als einfacher und ewiger, allumfassender und schöpferischer Urgrund von der kontingenten Natur bzw. Schöpfung verschieden ist,  und in dem sich die ganze Welt bzw. das Universum befindet, denn die Welt kann nicht aus einem bloßen Nichts hervorgegangen sein (ex nihilo nihil fit); Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse, Recht und Unrecht kommen zwar nur in der kulturellen und sittlichen Welt der Menschen vor, aber nicht in der Natur selbst, aber als Bestandteil der Schöpfung gehören sie nicht zum Wesen Gottes; Gott ist nicht selbst gut und böse zugleich, wie im Pantheismus. Weder natürliche Übel, wie z.B. Naturkatastrophen, noch von Menschen bewirktes moralisch Böses, wie ungerechte Kriege und alle möglichen Verbrechen, die in der Schöpfung vorkommen, gehören zum Wesen Gottes selbst, wie im Pantheismus. Gott mag sie um der Freiheit und Entwicklungsfähigkeit der Menschen zulassen, aber er hat sie nicht intendiert oder verursacht. (Aristoteles, Anselm von Canterbury und Leibniz)

 

Theismus: Glaube an einen ewigen, intelligenten, personalen und transzendenten Gott, der die raumzeitliche Welt aus dem Nichts oder einem Chaos von Materie geschaffen hat und willentlich in sie hinein wirken kann (Wunder); Gott ist nicht nur allmächtig und allwissend, sondern auch absolut gütig (gerecht, liebevoll und barmherzig) und will deswegen, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt; Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse, Recht und Unrecht sind absolut und nicht nur relativ; Antike: Menschen haben keine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es auch keine allgemeinen Rechte der Bürger und Menschen (Sokrates, Platon und Aristoteles); Neuzeit: jeder Mensch hat aufgrund seiner potentiellen Moralfähigkeit bzw. Gottebenbildlichkeit eine unveräußerliche Würde und deswegen gibt es allgemeine Rechte der Bürger und Menschen. (Immanuel Kant und Franz Brentano)

 

Biblischer Monotheismus: Glaube an einen einzigen personalen Schöpfergott, der die Welt transzendiert und der Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Pflanzen, Tiere und Menschen geschaffen hat, der die Welt erhält und manchmal willentlich (durch Wunder) in die Welt eingreift sowie (durch Propheten) sittliche Gebote und Verbote offenbart hat; Gott ist nicht jenseits von Gut und Böse, Recht und Unrecht; das Böse kommt zwar (um der Willensfreiheit der Menschen willen) in Gottes Schöpfung vor, aber es wurde nicht selbst willentlich von Gott geschaffen, sondern nur zugelassen; der Mensch ist das ursprünglich gut geschaffene Ebenbild Gottes, aber aufgrund des Sündenfalls auch Sünder; Gott hat einen sittlichen Willen und er will, dass das Recht über das Unrecht und das Gute über das Böse siegt; moralischer Widerspruch und rechtlicher Einsatz gegen das sog. Recht des Stärkeren; Wahrheit und Falschheit, das Gute und Böse; Recht und Unrecht gelten jedoch nur aufgrund der eigenen Offenbarung bzw. Religion (Tanach der Juden, Altes Testament der Christen und Koran der Muslime)

 

Jesuanische Theologie: Glaube, dass der lebendige Gott Geist ist und "im Geist und in der Wahrheit angebetet" werden kann und darf; dies setzt jedoch den nur durch Jesus Christus vermittelten persönlichen Glauben voraus, denn Gott war ihm nicht fern und fremd, sondern auf einzigartige Art und Weise nahe und vertraut; Gott kann und darf dann im Glauben durch den Heiligen Geist von jedem Menschen mit "Du" angesprochen werden; Gott will im Herzen des Menschen geboren werden und dauerhaft wohnen; der menschliche Leib wird dann zum Tempel des Geistes und der wahre Tempel des lebendigen Gottes, der ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist; das Reich Gottes beginnt im Herzen des Menschen und ist mitten unter den wiedergeborenen Menschen, die durch Jesus Christus zu Gott gefunden haben. (Jesus Christus in den Evangelien)

 

Johanneische Theologie: Glaube, dass der durch Jesus Christus vermittelte Gott die Liebe ist, und dass, wer in dieser Liebe bleibt, in Gott bleibt; wer liebt, kann dann tun, was er oder sie will, weil jemand, der liebt und demütig Gottes Willen tut, nichts Böses tun wird; Glaube, dass das Evangelium von Jesus Christus in den Menschen eine übernatürliche seelische Dynamik von Glaube, Liebe und Hoffnung bewirken kann, die den Menschen auf natürlichen Wegen nicht erreichbar ist; bei dieser Liebe handelt es sich um eine selbstlose Liebe (agape) und nicht nur um erotische Liebe (eros), affektive familiäre Bindungsliebe (storge) oder freundschaftliche Liebe (philia) oder auch Sympathie bzw. Zuneigung. (Johannes-Evangelium und Augustinus)

 

Trinitarische Theologie: Glaube an Gott als dreifaltige Offenbarung in den drei Personen von Vater, Sohn und Heiliger Geist, die trotz ihrer ontologischen Verschiedenheit eines göttlichen Wesens sind; der lebendige Gott als ewiger Vater ist nicht derselbe wie der als Mensch geborene, gestorbene, gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes Jesus Christus (Yeschua Messiah) und der Sohn Gottes ist nicht derselbe wie der heilige Geist in den getauften und auferweckten Christen, in denen durch den Glauben an Jesus Christus der Geist Gottes wohnt. (Kanonische Evangelien und Paulus)

 

Deismus: Glaube an einen unpersönlichen, kosmischen und schöpferischen Urgrund der Welt (causa sui), aus dem die ganze Welt, alles Leben und der Mensch hervorgegangen sind, der jedoch selbst nicht (mehr) in sie hineinwirkt (Gott bewirkt keine Wunder); Gott hat den Menschen ein Verständnis von Gut und Böse, Recht und Unrecht ins Herz bzw. Gewissen „eingeschrieben“; es gibt evidente Rechte der Bürger und Menschen auf Leben, Freiheit und die Suche nach Glück. (Thomas Paine, Federalists, Thomas Jefferson)

 

Atheismus: Glaube, dass es (wahrscheinlich) keinen Gott gibt. Die Welt besteht aus kleinsten Partikeln von toter Materie und Energie (Materialismus); sie ist durch den sog. Urknall aus dem Nichts entstanden (Urknall-Hypothese); das Leben auf der Erde ist nur durch kosmische Zufälle und durch eine lange Evolution aus toter Materie und Energie entstanden und der Mensch stammt nur von höheren Primaten ab (Naturalismus und Evolutionismus); Logik und Mathematik, Ethik, Moral und Recht können nicht absolut und rational begründet werden, sondern nur relativ und irrational als bloße Folge von menschlichen Interessen und Dezisionen, historischen Konventionen und Institutionen, das Dasein des Menschen ist absurd und sinnlos. (Sozialdarwinismus, Marxismus-Leninismus, Stalinismus, Maoismus)

 

Agnostizismus: Glaube, dass man weder empirisch aufgrund von Evidenzen noch apriori aufgrund von Argumenten rational erkennen oder wissen kann, dass es Gott wirklich gibt bzw. dass es Gott nicht wirklich gibt, sodass man weder den Glauben der Theisten noch den Unglauben der Atheisten und Skeptiker beweisen oder widerlegen kann. (Kant: ich musste das Wissen aufheben, um für den Glauben Platz zu bekommen.)

 

Fideismus: Glaube, dass man nur irrational (aufgrund eines blinden Vertrauens in die biblischen Schriften oder aufgrund einer religiösen Erfahrung oder Entscheidung) an Gott glauben kann, aber nicht rational (empirisch aufgrund von Evidenzen oder apriori aufgrund von Argumenten) erkennen oder wissen kann, dass es Gott wirklich gibt. Glaube und Vernunft schließen sich gegenseitig aus. (Tertullian: Credo, quia absurdum est)

 

Rationalismus: Glaube, dass man den Glauben an Gott rational (empirisch aufgrund von Evidenzen und/oder apriori aufgrund von Argumenten) verstehen und begründen kann und damit den Unglauben der Atheisten und Skeptiker widerlegen kann; Glaube und Vernunft ergänzen sich und sind aufeinander angewiesen. (Augustinus: Credo, ut intelligam)

 

Fundamentalismus: Glaube, dass eine Hlg. Schrift wie die christliche Bibel, der jüdische Tanach oder der islamische Koran die absolute, unantastbare und vollständige Wahrheit enthält; Verabsolutierung einer Hlg. Schrift als Offenbarung Gottes unter Missachtung der Selbstoffenbarung Gottes in der Schöpfung, in seinen Propheten und in Jesus Christus; die absolute Wahrheit offenbart sich nicht durch Gott selbst, sondern in inspirierten, aber von Menschen verfassten Schriften; etwas gilt schon deshalb als wahr und richtig, weil es in einer Hlg. Schrift geschrieben steht; aber es gibt sehr viel Wahres und Richtiges, das dort nicht geschrieben steht und nichts ist nur deswegen wahr und richtig, weil es irgendwo geschrieben steht; vieles steht in den Heiligen Schriften, weil es wahr und richtig ist, aber nichts ist nur deswegen wahr und richtig, weil es dort geschrieben steht; wenn etwas wahr ist, dann ist es immer nur deswegen wahr, weil es (den Sachverhalten in) der Wirklichkeit entspricht, aber nicht deswegen, weil es (von Menschen) aufgeschrieben wurde.

 


 

0. Vorüberlegung: Was meinen wir, wenn wir "Gott" sagen?

 

1. Wer von Gott spricht, über Gott nachdenkt, zu Gott betet oder zu anderen Menschen über Gott predigt, der sollte auch glauben, dass es Gott wirklich gibt und nicht nur „die Natur“ oder „das Leben“ oder „die Menschheit“.

 

Denn für Menschen besteht immer und überall die Gefahr, Gottes heiligen Namen zu missbrauchen. Man kann "Gott" sagen und mit seinen Worten etwas Anderes meinen, was nicht wirklich Gott ist. Philosophisch gedacht, handelt es sich dabei um falsche Verabsolutierungen; theologisch betrachtet geht es dabei ganz einfach um  Verwechslungen zwischen dem ewigem Schöpfer und seiner zeitlichen Schöpfung; prophetisch gesprochen besteht die Gefahr der Anbetung von Götzen, also um die Verehrung von etwas Geschaffenem, das weniger und geringer als Gott ist.

 

Die irdische Natur ist räumlich begrenzt und zeitlich endlich. Sie wird spätestens dann untergehen, wenn in ein paar Millionen Jahren die Erde in die Sonne stürzen und dort verglühen wird. Spätestens dann wird es aber auch auf der Erde kein Leben mehr geben und demzufolge auch keine Menschheit mehr. Wer glaubt, dass es dann auch Gott nicht mehr geben wird, ist ein Atheist. Denn dieser Glaube und ein solches Denken läuft darauf hinaus, dass Gott nur eine menschliche Idee (Erfindung, Fiktion, Projektion, Vorstellung, etc.) ist, die nicht unabhängig vom menschlichen Bewusstsein und Geist existiert.

 

2. Von Gott sprechen, zu Gott beten und von Gott predigen, ohne wirklich und möglichst wahrhaftig zu glauben, dass es Gott auch wirklich gibt, wäre vielleicht nicht logisch widersprüchlich, aber es würde auf einer Selbsttäuschung beruhen, die zu Täuschungen anderer Menschen führt, und wäre insofern irreführend und vielleicht sogar heuchlerisch.

 

3. Von Gott sprechen, zu Gott beten und von Gott predigen, setzt also immer schon die Überzeugung voraus, dass es Gott auch wirklich gibt, und das heißt, dass er unabhängig vom eigenen Bewusstsein und Geist existiert und dass Gott demzufolge nicht nur eine nützliche menschliche Idee (Erfindung, Fiktion, Projektion, Vorstellung, etc.) ist.

 

4. Wer jedoch glaubt und denkt, dass Gott eigentlich nur eine nützliche Idee (Erfindung, Fiktion, Projektion, Vorstellung, etc.) bestimmter Menschen ist, die man für bestimmte - auch noch so gut gemeinte - pädagogische, ethische oder politische Zwecke nutzen kann, der läuft Gefahr, den heiligen Namen Gottes zu missbrauchen. Denn an Gott glauben, heißt zu glauben, dass es Gott wirklich gibt und dass Gott nicht nur eine nützliche menschliche Idee ist. 

 

"Ich glaube; hilf' meinem Unglauben!" (Mk 9, 24)

 

 

1. Das ontologische Argument (frei nach Anselm von Canterbury)


1. Gott ist das größte und höchste Wesen, über das hinaus kein größeres und höheres Wesen gedacht werden kann.

 

2. Das größte und höchste Wesen, über das hinaus kein größeres und höheres Wesen gedacht werden kann, ist in jeder Hinsicht vollkommen (ontologisch: ewig und überall, epistemisch: allwissend, ethisch: liebevoll, gerecht, friedlich, etc., ästhetisch: schön, erhaben, harmonisch, etc.).

 

3. Ein Wesen, das in jeder Hinsicht vollkommen ist, muss auch existieren.  (beachte: 'x existiert' ist anders als 'x ist existent' kein Prädikat!)

 

4. Denn, wenn dieses in jeder Hinsicht vollkommene Wesen nicht existieren würde, wäre es nicht das größte und höchste Wesen, über das hinaus kein größeres und höheres Wesen gedacht werden kann.

 

5. Denn ein vollkommenes Wesen, das in jeder Hinsicht vollkommen ist und existiert, ist noch vollkommener als ein Wesen, das in jeder Hinsicht vollkommen ist, aber nicht existiert.

 

6. Denn zu jedem Wesen, das in jeder Hinsicht vollkommen ist, aber nicht existiert, können wir uns ein Wesen vorstellen, das in jeder Hinsicht vollkommen ist, aber auch noch existiert.

 

7. Deswegen ist es nicht widerspruchsfrei denkbar, dass Gott (als das größte und höchste Wesen) nicht existiert.

 

8. Deswegen ist es notwendig, dass Gott existiert.

 

Also existiert Gott.

 

 

2. Das ontologische Argument (frei nach Georg Friedrich Wilhelm Hegel)

 

1. Gott ist das Absolute, über das hinaus nichts mehr vorgestellt und gedacht werden kann.

 

2. Das Absolute, über das hinaus nichts mehr vorgestellt und gedacht werden kann, ist in jeder Hinsicht absolut (subjektiv - objektiv, innen – außen, materiell – geistig, etc.)

 

3. Ein Wesen, das in jeder Hinsicht absolut ist, muss auch existieren.  (beachte: 'x existiert' ist anders als 'x ist existent' kein Prädikat!)

 

4. Denn, wenn das Absolute nicht existieren würde, wäre es nicht das Absolute, über das hinaus nichts mehr vorgestellt und gedacht werden kann.

 

5. Denn ein Wesen, das in jeder Hinsicht absolut ist und existiert, ist mehr als ein Wesen, das in jeder Hinsicht absolut ist, aber nicht existiert.

 

6. Denn zu jedem Wesen, das in jeder Hinsicht absolut ist, aber nicht existiert, können wir uns ein Wesen vorstellen und denken, das in jeder Hinsicht absolut ist, aber auch noch existiert.

 

7. Deswegen ist es nicht widerspruchsfrei vorstellbar und denkbar, dass Gott (als das Absolute) nicht existiert.

 

8. Deswegen ist es notwendig, dass Gott existiert.

 

Also existiert Gott.

 

 

3. Das kosmologische Argument in einer modernisierten Version

 

1. Wir befinden uns in einer raumzeitlichen Welt, die es wirklich gibt und die nicht nur unsere subjektive und individuelle oder nur unser intersubjektive und kollektive Vorstellung ist.

 

2. Wir kennen keinen Sachverhalt in dieser raumzeitlichen Welt, der ohne Ursachen, d.h. ohne einzeln notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen, entstanden ist.

 

3. Wir haben aufgrund unserer bisherigen Erfahrung die berechtigte allgemeine Vermutung, dass es keine Sachverhalte in der raumzeitlichen Welt gibt, die ohne Ursachen, d.h. ohne einzeln notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen entstanden sind.

 

4. Wir haben aufgrund unserer bisherigen Erfahrung die berechtigte allgemeine Vermutung, dass alle Sachverhalte in der raumzeitlichen Welt Ursachen haben, d.h. einzeln notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen, aufgrund deren sie als Wirkung entstanden sind.

 

5. Da wir aus guten Gründen annehmen dürfen, dass alle Sachverhalte in der raumzeitlichen Welt Ursachen haben, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die ganze raumzeitliche Welt (beim sog. Urknall) ohne eine letzte Ursache (sozusagen aus einem bloßen Nichts) entstanden ist.

 

6. Daher ist es viel wahrscheinlicher, dass die ganze raumzeitliche Welt (mit oder ohne Urknall) aus einem ewigen und letzten Weltgrund hervorgegangen ist.

 

7. Einen solchen, ewigen und letzten Weltgrund nennt man gemeinhin „Gott“.

 

Also dürfen wir glauben, dass es Gott wirklich gibt.

 

 

4. Das Argument aus der Kontingenz der Welt in einer modernisierten Version

 

1. Alle Sachverhalte in der Welt (inklusive Substanzen, Attribute, Relationen, Ereignisse und Prozesse, etc.) sind kontingent, d.h. weder absolut notwendig noch absolut zufällig.

 

2. Sachverhalte, die weder absolut notwendig noch absolut zufällig sind, könnten unter anderen Umständen auch anders (gewesen) sein.

 

3. Denn alle Sachverhalte in der raumzeitlichen Welt sind endlich und haben einen Anfang, eine Dauer und ein Ende, d.h. sie entstehen zu einer bestimmten Zeit, bestehen für einen bestimmten Zeitraum und hören dann zu einer bestimmten Zeit wieder auf zu bestehen.

 

4. Alle Sachverhalte, die unter anderen Umständen auch anders sein könnten, haben bestimmte Ursachen in der raumzeitlichen Welt, d.h. einzeln notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen, aus denen sie als Wirkung entstehen, bestehen und vergehen.

 

5. Wenn die raumzeitliche Kette der Ursachen und Wirkungen für das Entstehen, Bestehen und Vergehen von Sachverhalten ad infinitum zurückgeführt werden könnte, dann wäre jedoch alles in der Welt absolut zufällig, also nicht kontingent.

 

6. Deswegen muss es eine absolut notwendige erste Ursache geben, bei der die raumzeitliche Kette der Ursachen und Wirkungen begonnen hat.

 

7. Eine solche absolut notwendige erste Ursache nennen wir jedoch 'Gott'.

 

Also gibt es Gott.

 

 

5. Das personalistische Argument

 

1. Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht gibt es in der ganzen irdischen Natur und im ganzen Universum nur, insofern es intelligente, sprach- und vernunftbegabte und selbstbewusste Personen mit einem Geist (nous / intellectus) gibt, die intentional (emotional und rational) Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden können.

 

2. Materielle Dinge ohne Zweckbezogenheit, Pflanzen mit Zweckbezogenheit, aber ohne Bewusstsein und Tiere mit Zweckbezogenheit und Bewusstsein, aber ohne ein sprachliches Selbst- und Objektbewusstsein können nicht zwischen Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht unterscheiden. Manche höheren intelligenten Lebewesen mit einem rudimentären vorsprachlichen Selbst- und Objektbewusstsein können zwar gewisse Kausal- und Zweckzusammenhänge antizipieren sowie auf eine unfaire Ungleichbehandlung reagieren, aber sie können noch nicht Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden.

 

3. Dass es auf der Erde intelligente, sprach- und vernunftbegabte und objekt- und selbstbewusste menschliche Personen gibt, die Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden können, muss einen gewissen Sinn und Zweck haben und kann deswegen weder bloß einem kosmischen Zufall entspringen noch bloß einer blinden Wahrscheinlichkeit folgen noch bloß aufgrund von natürlichen Notwendigkeiten entstanden sein (Emergenz aufgrund von physikalischen, chemischen oder biologischen Naturgesetzen), da diese intelligiblen Inhalte (logische, semantische, ästhetische, moralische und rechtliche Bedeutungen, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte) alles Natürliche (Biologische und Neurophysiologische), alles Naturgesetzliche und damit auch alles naturwissenschaftlich Erklärbare transzendieren.

 

4. Da es auf der Erde aber nun einmal intelligente, sprach- und vernunftbegabte und objekt- und selbstbewusste menschliche Personen gibt, die Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden können, kann es solche intelligenten Wesen weder nur aufgrund eines bloßen kosmischen Zufalls noch nur aufgrund einer blinden Wahrscheinlichkeit noch nur aufgrund einer evolutionären Emergenz nach natürlichen Ursachen und Zwecken geben, sondern es muss sie aufgrund einer übernatürlichen Bestimmung des Menschen zu solchen geistigen Fähigkeiten geben.

 

5. Wenn es aber eine solche übernatürliche Bestimmung des Menschen zu solchen geistigen Fähigkeiten gibt, derzufolge es auf der Erde intelligente, sprach- und vernunftbegabte und objekt- und selbstbewusste menschliche Personen gibt, die Sinn und Unsinn, Schön und Hässlich, Gut und Böse, Recht und Unrecht erfassen, verstehen und unterscheiden können, dann muss diese übernatürliche Bestimmung des Menschen von einer übernatürlichen höheren Intelligenz intendiert und realisiert worden sein, die selbst diese Unterschiede verstehen kann. Denn die Emergenz dieser übernatürliche Bestimmung des Menschen zum Intelligiblen (mundus intelligibilis) kann nicht bloß naturalistisch oder biologisch erklärt werden.

 

6. Eine übernatürliche Bestimmung des Menschen zum Intelligiblen (mundus intelligibilis) kann es aber nur geben, wenn es auch ein höheres übernatürliches intelligentes Wesen gibt, das für diese geistige Bestimmung des Menschen schöpferisch verantwortlich ist. Ein solches höheres übernatürliches intelligentes und schöpferisches Wesen nennen wir jedoch gewöhnlich „Gott“.

 

Also existiert Gott.

 

 

6. Das transzendentale Argument

 

1. Logik basiert auf transzendentalen geistigen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten des korrekten Denkens und Schließens jenseits biologischer, neurophysiologischer und psychologischer Ursachen und Bedingungen, Zwecken und Mitteln menschlicher Kognition, die weder bloß frei stipuliert noch willkürlich erfunden sein können.

 

2. Mathematik basiert auf transzendentalen geistigen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten des korrekten Rechnens und Beweisens jenseits biologischer, neurophysiologischer und psychologischer Ursachen und Bedingungen, Zwecken und Mitteln menschlicher Kognition, die weder bloß frei stipuliert noch willkürlich erfunden sein können.

 

3. Ethik und Moral basiert auf transzendentalen geistigen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten des korrekten Wollens und Handelns jenseits biologischer, neurophysiologischer und psychologischer Ursachen und Bedingungen, Zwecken und Mitteln menschlichen Wollens und Handelns, die weder bloß frei stipuliert noch willkürlich erfunden sein können.

 

4. Recht basiert auf transzendentalen geistigen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten des korrekten Handelns und Verhaltens jenseits biologischer, neurophysiologischer und psychologischer Ursachen und Bedingungen, Zwecken und Mitteln menschlicher Handlungen und Vereinbarungen, die weder bloß frei stipuliert noch willkürlich erfunden sein können.

 

5. Diese transzendentalen geistigen Ideale, Prinzipien, Normen und Werte des logischen Denkens und Schließens, des mathematischen Rechnens und Beweisens, des ethischen und moralischen Wollens und Handelns sowie des rechtlichen Handelns und Verhaltens basieren weder auf biologischen, neurophysiologischen oder psychologischen Ursachen und Bedingungen oder Zwecken und Mitteln noch auf willkürlichen menschlichen Entscheidungen, zufälligen historischen Gegebenheiten oder geschichtlich gewachsenen kulturellen Institutionen, sondern sie gehören einer übermenschlichen und zeitlosen Welt des Geistes (mundus intelligibilis) an.

 

6. Diese übermenschliche und zeitlose Welt des Geistes (mundus intelligibilis) ist der Geist Gottes.

 

7. Der Geist Gottes setzt nun aber die Existenz Gottes voraus.

 

Also existiert Gott.

 

 

7. Das ethisch-moralische Argument (frei nach Kant)

 

1. Es ist selbstevident, dass jeder erwachsene Mensch mit einem gesunden Menschenverstand sich ethisch-moralisch verhalten und motivieren und seine Entscheidungen im Lichte von ethisch-moralischen Ideen, Prinzipien, Normen und Werten treffen und begründen soll.

 

2. Sich ethisch-moralisch verhalten und motivieren und seine Entscheidungen im Lichte von ethisch-moralischen Ideen, Prinzipien, Normen und Werten treffen und begründen, garantiert nicht, dass jemand in dieser unvollkommenen Welt zugleich auch sein in der menschlichen Natur angelegtes Interesse an einem gelingenden und glücklichen Leben erreichen kann.

 

3. Deswegen muss jeder ethisch-moralisch motivierte Mensch daran glauben, dass es trotzdem richtig und sinnvoll ist, sich ethisch-moralisch richtig zu verhalten.

 

4. Der Preis für ethisch-moralisch richtiges Verhalten kann in in dieser unvollkommenen Welt sehr hoch sein und kann zu schweren Einbußen an guten Chancen auf ein gelingendes und glückliches Leben führen.

 

5. Deswegen bedarf es einer höheren Macht, die diese Einbußen des ethisch-moralisch motivierten Menschen an guten Chancen auf ein gelingendes und glückliches Leben ausgleichen kann und auch wirklich ausgleicht.

 

6. Eine solche höhere Macht, die einen solchen Ausgleich schaffen kann, nennen wir jedoch Gott.

 

Also ist es evident, dass es Gott wirklich gibt.

 

 

© Ulrich W. Diehl, Heidelberg März 2019

 


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