Martin Luther King (1929-1968), amerikanischer Pastor, Bürgerrechtler und Pazifist
Aufklärung über Säkularisierung
Der Ausdruck "Säkularisierung" (genauer: Säkularisation) bezeichnete früher einmal die weltliche Enteignung der katholischen Kirche und die gewaltsame Aneignung und Übernahme von Klöstern durch Fürsten und Könige zu Beginn des 19. Jahrhunderts (1803). Später verstand man darunter die Verstaatlichung von Schulen, Universitäten und anderen Institutionen, die zuvor von christlichen Kirchen gegründet, entwickelt und geführt wurden. Heute versteht man darunter die vor allem die in den skandinavischen und einigen osteuropäischen Ländern des ehemaligen Einfluss-breiches der UdSSR am weitesten verbreitete Entchristlichung der Bildung, Kultur und Gesellschaft in Europa. Von diesem Prozess der Säkularisierung wurden etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts auch vormals vorwiegend christlich geprägte Gesellschaften, Kulturen und Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien erfasst.
Kulturmarxisten und Liberale verbreiten etwa seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ideologisch motivierte Mythen über den Prozess der Säkularisierung im sog. Westen. Denn sie glauben immer noch an den teils hegelianischen und teils marxistischen Fortschrittsmythos, dass es eine entweder metaphysisch oder ökonomisch-politisch bewirkte geschichtliche Fortschrittsdynamik hin zu immer schwächeren religiösen und konfessionellen Bindungen gäbe, den man auch als "Prozess der Säkularisierung" bezeichnen kann. Zwar gab es in Europa im letzten Jahrhundert tatsächlich eine Tendenz zur weiteren Säkularisierung. Aber in dieser Hinsicht ist Europa eine Ausnahme, denn weltweit lässt sich diese Tendenz nicht bestätigen. Daher war der zuerst hegelianische, dann marxistische Glaube an eine angebliche geschichtliche Notwendigkeit dieser Entwicklung falsch und ist daher wohl auch weitgehend verschwunden.
Dennoch reden immer noch manche linken Politiker gerne davon, dass man "auf der richtigen Seite der Geschichte" stehen müsste. Aber diejenigen, die immer noch nur allzu gerne blind an diese hegelianischen und marxistischen Fortschrittsmythen glauben, sind die eigentlich Ignoranten, die eine wissenschaftliche Aufklärung über die Folgen und Nachteile der Säkularisierung nötig haben. Diese wissenschaftliche Aufklärung über die weitere Säkularisierung der Gesellschaft hat mit der Religionssoziologie im 19. Jahrhundert begonnen, als Soziologen wie Emile Durkheim und Max Weber damit angefangen hatte, die Entwicklung und die sozialen Folgen der Säkularisierung zu untersuchen. In vielen neueren empirischen Untersuchungen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich jedoch herausgestellt, dass sich die Säkularisierung der sog. westlichen Gesellschaften im Großen und Ganzen nachteilig auswirkt, da sie schlimme Folgen und hohe Kosten mit sich bringt. Diese Folgen sind im Wesentlichen:
1. Steigende Kriminalitätsraten
2. Zunahme des Drogenkonsums und des Medikamentenmissbrauches
3. Weniger Eheschließungen und Familiengründungen
4. Sinkende Geburtenraten
5. Steigende Scheidungsraten
6. Verfall der gesunden Bevölkerungspyramide
7. Steigende Gesundheitsrisiken vor allem, aber nicht nur im Bereich der seelischen Gesundheit
8. Höhere Suizidraten (vor allem im Zusammenhang mit Depressionen)
9. Stärkere Tendenzen der politischen Radikalisierung (Nationalismus, Sozialismus, Rechts- und Linksradikalismus)
10. Geringere Akzeptanz demokratischer Abstimmungen und Wahlergebnisse
Damit hat sich nicht nur die teils hegelianisch, teils marxistische Annahme einer geschichtlichen Notwendigkeit des Prozesses der Säkularisierung zerschlagen, sondern auch zwar die frühere Erwartung eines damit verbundenen gesellschaftlichen Fortschrittes.
1. Säkularisierung und Modernisierung
Der spanisch-amerikanische Religionssoziologe Jose Casanova hat sich in seinem Buch Public Religions in the Modern World (1994) den Säkularisierungsthesen von Max Weber und Émile Durkheim entgegengestellt und anders als sie eine zunehmende öffentliche Bedeutung und Renaissance der Religionen festgestellt. "Entgegen dem Mainstream der Forschung widersprach er dem Postulat eines unauflöslichen Zusammenhangs von Säkularisierung und Moderne,
und der Prognose eines wachsenden Bedeutungsverlusts der Kirchen. Hierzu untersuchte er in empirischen Einzel-studien die Religion in Spanien, Polen, Brasilien und den USA. Für die ersten drei Länder konnte er einen wichtigen Einfluss der katholischen Kirche auf die Demokratisierungsbemühungen der 1970er- und 1980er-Jahre nachweisen."
Ein Bedeutungsverlust der Religion bzw. ihre Privatisierung sind danach nicht empirisch zu belegen. "Den Kirchen und Religionsgemeinschaften prognostiziert er vielmehr eine politische Renaissance, wenn sie sich offener und innovativer mit der Moderne auseinandersetzen." (Wikipedia-Artikel über Jose Casanova)
Wenn die Säkularisierung jedoch nicht das Resultat einer geschichtlich notwendigen Entwicklung ist, sondern das kontingente Resultat politischer Entscheidungen, dann besteht auch die Möglichkeit, dieser Entwicklung einer weiteren Säkularisierung politisch entgegen zu wirken. Zumindest in Polen und Ungarn haben dies konservative Regierungen
seit Beginn des 21. Jahrhunderts auf verschiedene Weisen erfolgreich getan. Die konservative Regierung unter Giorgia Meloni hat sich ihnen auf ihre eigene, italienische Weise angeschlossen. Im restlichen Europa rivalisieren antiklerikale und antisemitische Bewegungen und Parteien immer noch mit solchen, die das jüdische und christliche Erbe Europas wertschätzen und verteidigen.
Beide Seiten werden durch bürgerliche Freiheitsrechte, einen säkularen Rechtsstaat mit Gewaltenteilung und einer weitgehenden Trennung von religiösen Institutionen (Kirchen, Synagogen und Moscheen, etc.) geschützt. Trotz der modernen Garantie der bürgerlichen Religions- und Gewissensfreiheit gehört der überlieferte soziale Konflikt zwischen einer weiteren Säkularisierung der Gesellschaft und einer neuen Wiederkehr der Religionen und Konfessionen nicht der Vergangenheit an. Dieser soziale Konflikt bleibt trotz der Vorrangigkeit des Rechtsstaates und der Freiheit der Religionen und Weltanschauungen bestehen. Der säkulare Rechtsstaat ist und bleibt trotzdem eine Bedingung für die rechts-staatliche Garantie der bürgerlichen Freiheitsrechte, wie der Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit, der Presse-freiheit, der aktiven und passiven Wahlfreiheit, der Freiheiten der Versammlung und der Demonstrationen sowie aller anderen bürgerlichen Freiheitsrechte.
Dennoch gibt es dabei ein weithin verleugnetes Problem: Denn auch der weitgehend säkulare und demokratische Rechtsstaat kann nicht gegenüber allen Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen in gleicher Weise völlig neutral sein. Denn er lebt aufgrund seiner Verfassung und wegen seinen rechtsstaatlichen Institutionen von rechtlichen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten, die bestimmte ethisch-moralische und philosophische Voraussetzungen haben. Darauf hat bereits 1964 der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde in seinem Essay Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation" hingewiesen.
"Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit,
die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesell-schaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechts-zwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter
Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat."
(Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, In: Recht, Staat, Freiheit. 2006,
S. 112 f.)
Die ethisch-moralischen und philosophischen Voraussetzungen des modernen, freiheitlich-demokratischen Rechts-staates stammen in Europa nun jedoch ursprünglich aus den beiden historisch angestammten Religionen von
Judentum und Christentum sowie aus der Tradition des Römischen Rechtes und der griechischen, genauer: stoischen Philosophie, der wir das vorpositive Naturrechtsdenken verdanken. Der moderne Rechtsstaat konnte allerdings auch erst entstehen, nachdem Humanismus und Reformation, Aufklärung und Moderne die bereits im Judentum und Christentum angelegte Trennung von weltlicher und geistlicher Herrschaft, ursprünglich von Königspalast und Tempel im Alten Israel, dann von Kaiserreich und Kirche im Frühen Christentum teilweise beibehalten und teilweise umgestaltet hatten. Die Säkularisierung des Staates war der Preis für die verfassungsmäßige und rechts-staatliche Freiheit der Religionen und Konfessionen, der Weltanschauungen und Philosophien der Bürger und Menschen im modernen Nationalstaat.
Nun gibt es jedoch Religionen und Konfessionen, wie den Buddhismus und den Hinduismus, die der moderne Rechts-staat mit seiner Garantie der Religionsfreiheit zwar in den Grenzen des Rechtes anerkennen und tolerieren kann, auf deren Existenz er jedoch zu seinem eigenen Erhalt nicht selbst angewiesen ist. Schließlich gibt es jedoch auch Religionen und Konfessionen, die weder mit seiner Verfassung noch mit seinen rechstaatlichen Institutionen noch mit seinen ethischen und rechtlichen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten vereinbar sind. Dazu gehören bestimmte Formen der Interpretaion des Koran und daher auch bestimmte Varianten des Islam, wie der Salafismus und der Wahabismus, der politische Islam mit seiner Forderung nach der Errichtung eines Kalifates sowie der gewaltbereite, immer noch auf Ausbreitung und Eroberung angelegte traditionelle Islam, der Terroranschläge als probates Mittel zu seiner Ausbreitung verherrlicht, gutheißt oder zumindest toleriert. Diese Formen des Islam sind definitiv nicht mit dem modernen, freiheit-lich-demokratischen Rechtsstaat vereinbar und können daher von Rechts wegen auch nicht geduldet werden.
Daher genügt es nicht, nur im Sinne der Gleichbehandlung auf das gesetzliche und rechtskonforme Verhalten aller Bürger und Menschen zu achten, die auf dem Staatsgebiet eines modernen Rechtstaates leben. Vielmehr hat jeder moderne Rechtsstaat zum Zweck seiner Selbsterhaltung und der Erhaltung seines Gewaltmonopols die Aufgabe, sich selbst und seine Bürger und Menschen neben dem linken und rechten politischen Extremismus auch vor religiös fundierten politischen Extremismus zu bewahren und zu schützen.
2. Säkularisierung und Selbsterhaltung der Kultur und Gesellschaft
3. Konservative Familienpolitik oder Korrektur durch Einwanderung?
4. Wie viel Einwanderung verträgt Europa?
5. Welche Einwanderer können in Europa integriert werden und welche nicht?