Entwurf einer kritisch-realistischen Philosophie

 

 

 

Entwurf einer kritisch-realistischen Philosophie

 

 

 

 

 

Knowledge without faith is lame,

faith without knowlegde is blind.

 

Arthur D. Wellrich

 

 

 

 

1. Die Philosophie ist – ihren ursprünglichen europäischen Paradigmen zufolge – eine sokratische Disziplin, d.h. eine meist kognitive, reflexive, dialektische, kommunikative und kooperative Suche nach der Wahrheit über den Menschen, über seinen Platz im Universum und über den Sinn des Lebens. Da Menschen nicht nur sachliche und wissenschaftliche Fragen stellen, sondern auch ästhetische und ethische, rechtliche und politische, philosophische und religiöse Fragen, kann die von den Philosophen gesuchte Wahrheit nicht nur in einer engen positivistischen Weise verstanden werden, sondern muss alle wichtigen menschlichen Angelegenheiten umfassen. Deshalb kann Philosophie auch eine Vorberei-tung des Glaubens an Gott (preambula fidei) für alle Männer und Frauen sein, die bewusst oder unbewusst Gott suchen.

 

2. Mein Zugang zur Philosophie ist kritisch im kantischen Sinne, d.h. weder skeptisch im Sinne einer Leugnung der Möglichkeit, objektives Wissen über den Menschen und die Welt zu erreichen, noch dogmatisch, im Sinne eines Ausgangs von bestimmten metaphysischen Überzeugungen über Gott, die Seele und die Welt. Die Philosophie sollte zwar versuchen, mit wissenschaftlichem Wissen und wissenschaftlichen Methoden kompatibel zu sein. Trotzdem ist die Philosophie ein kognitives Unternehmen sui generis und kann nicht auf eine formale, empirische, historische oder theoretische Wissenschaft reduziert werden. Darüber hinaus ist Philosophie methodisch und holistisch im hegelschen Sinne, d.h. Philosophie ist weder primär Logik, noch primär Sprachanalyse, noch primär Erkenntnistheorie, noch primär transzendentale Analyse oder transzendentale Phänomenologie, sondern sie basiert auf komplexen und vielfältigen Überlegungen, die logische, semantische, kognitive, erkenntnistheoretische, phänomenologische, pragmatische, ontologische und metaphysische Reflexionen einschließen.

 

3. Philosophie ist das Gegenteil jeder Ideologie, denn Ideologien entspringen fixierten Denkweisen über den Menschen, seinen Platz im Universum und über den Sinn des Lebens, die auf Vorurteilen und auf zu einfachen oder sogar falschen Prinzipien beruhen. Philosophie ist vielmehr eine rigorose und selbstkritische gemeinsame dialektische Suche nach objektiver Wahrheit und selbstevidenten Prinzipien. Dialektik sei dabei jedoch nicht im Sinne von Hegel oder Marx, sondern im Sinne von Platon und Aristoteles verstanden. Daher ist sie mehr als nur eine persönliche oder gemeinsame Weltanschauung, sondern eine teils einsame, teils gemeinsame intellektuelle Untersuchung, die nach Einsichten in die Grundstrukturen des menschlichen Geistes und nach einem Verständnis der grundlegenden ontologischen Strukturen der Welt sucht. Im Gegensatz zu den Anhängern von Ideologien akzeptieren Philosophen gewisse kognitive Aporien, obwohl sie nicht müde werden, nach zuverlässigen synthetischen Konzeptionen und synoptischen Modellen suchen.

 

4. Die Philosophie kann sich nicht mit der theoretischen Philosophie allein zufrieden geben, sondern sie muss auch die praktische und poietische Philosophie umfassen, wie sie zunächst von Aristoteles vorgeschlagen und verwirklicht wurde. Ebenso wenig kann die praktische Philosophie auf die theoretische Philosophie reduziert werden, wie in einigen Formen der vorsokratischen Metaphysik oder wie in einigen modernen Formen des Positivismus und Naturalismus, der Phäno-menologie oder des Existentialismus. Auch kann die theoretische Philosophie nicht auf die praktische Philosophie reduziert werden, wie es in einigen Formen des Pragmatismus der Fall ist. Schließlich kann die poietische Philosophie nicht auf eine von beiden reduziert werden, weil sie theoretisches Wissen und praktische Einsichten durch die Schaffung neuer Artefakte, Ereignisse und Prozesse in komplexen Situationen und Strukturen der Lebenswelt vereint.

 

5. Alles Philosophieren beginnt als intellektuelle Tätigkeit mit der eigenen persönlichen Existenz in der gewöhnlichen Welt des Alltagslebens und geht daher vom gesunden Menschenverstand aus, aber sie verteidigt ihn nicht nur dogmatisch, denn der gesunde Menschenverstand wird immer auch durch blinde Flecken und Unzulänglichkeiten des Zeitgeistes gebildet und teilweise verzerrt. Mein philosophischer Ansatz ist kantisch in dem Sinne, dass sich die Philosophie nicht damit begnügen kann, nur die impliziten Annahmen des gesunden Menschenverstandes explizit zu machen, aber er ist nicht hegelianisch in dem Sinne, dass die Philosophie nur ein Ausdruck des Zeitgeistes oder der letzte Höhepunkt des Weltgeistes wäre, der sich durch die Geschichte der Menschheit bewegt.

 

6. Die Philosophie ist als “deskriptive Metaphysik” (Peter F. Strawson) durchaus in der Lage, einige metaphysische Einsichten über die grundlegenden ontologischen Strukturen der Welt, in der wir leben, denken und handeln (Lebens-welt), zu gewinnen. Meine eigene Position ist eine Form des kritischen Realismus, der alle Formen des metaphysischen Monismus, wie Naturalismus und Materialismus oder Phänomenalismus und Idealismus, ablehnt. Der kritische Realis-mus akzeptiert im Gegensatz zum naiven Realismus und zum metaphysischen Realismus, dass Menschen weder in den Wissenschaften noch in der Philosophie oder Theologie eine standpunktlose und zeitlose "Sicht von Nirgendwo" (Thomas Nagel) erreichen können. Aber der kritische Realismus besteht darauf, dass objektive Wahrheiten dennoch erreicht werden können. Die Philosophie ist daher in der Lage, einige erkenntnistheoretische Einsichten in die eigenen kognitiven Potentiale des menschlichen Geisteslebens zu erreichen. Meine eigene Position knüpft zwar an Kants kritische Philosophie an, die gegen alle Formen von Skeptizismus und Dogmatismus, Empirismus und Rationalismus argumentiert, aber sie geht historisch und systematisch über Kants kritische Philosophie hinaus, indem sie auch den logischen Empirismus oder Positivismus der frühen analytischen Philosophie sowie alle Formen der (transzendentalen) Phänomenologie zu überwinden versucht, da sie meistens die Möglichkeit einer empirischen Ontologie und beschreibenden Metaphysik verneinen.

 

8. In der Philosophie des Geistes (Philosophy of Mind) vertrete ich eine nicht-reduktionistische Philosophie des Geistes und der Spiritualität in Übereinstimmung mit Karl Jaspers, Nicolai Hartmann und Carl Gustav Jung. Menschliche Sprache als die Fähigkeit, in komplexen Wortkombinationen zu kommunizieren und zu denken, die nach sozial erworbenen semantischen Intuitionen und Syntaxregeln synthetisiert werden, basiert auf der unter irdischen Realbedingungen einzigartigen menschlichen Fähigkeit, abstrakte Konzepte weitgehend unabhängig von der unmittelbaren Verhaltens-situation und den konkreten Umständen zu erzeugen und zu verstehen. Tiere und Pflanzen sind nicht dazu in der Lage, auf diese sprachliche Weise zu kommunizieren, und wir kennen keine anderen intelligenten Lebewesen auf unserem Planeten Erde oder im beobachtbaren Universum, die diese Fähigkeiten ebenfalls teilen. Das menschliche Geistesleben basiert jedoch nicht nur auf sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch auf verschiedenen anderen psychologischen Fähigkeiten, wie z.B. auf den Fähigkeiten von Empfindung, Motivation, Emotion und Intuition, von Erinnerung, Gedächt-nis und Antizipation, von Selbstbewusstsein, Selbstreflexion und Selbsterkenntnis, von Kreativität, Symbolisierung und Idealisierung. Daher ist das menschliche Geistesleben eine sehr komplexe, aber auch sehr verletzliche lebendige geistige Kraft, die auf der dynamischen menschlichen Seele basiert und vom organischen menschlichen Körper eines einzelnen Menschen unter anderen Personen getragen wird. Alle menschlichen Kulturen haben eine Art von Spiritualität hervor-gebracht, die meistens mit ihren Religionen verbunden ist, die auf Ritualen und Symbolen, Erzählungen und Mythen beruhen und manchmal auch mit Philosophien verbunden sind, die abstrakte Systeme von Idealen, Prinzipien, Werten und Normen entdecken oder hervorbringen.

 

9. In der Philosophie des Willens und Handelns vertrete ich eine kompatibilistische Konzeption der kontingenten Möglichkeit einer sozial erlernten psychologischen Fähigkeit der Willensfreiheit in Übereinstimmung mit Karl Jaspers und Nicolai Hartmann. Diese Fähigkeit gehört seelisch-geistig gesunden Menschen, die auf der Grundlage eines persön-lichen Bereichs potenziell widersprüchlicher Motivationen denken, sprechen, urteilen, entscheiden und handeln. Diese kontingente persönliche Fähigkeit des freien Willens ist teils schwächer, teils stärker von der Persönlichkeit und dem Charakter einer konkreten Person abhängig, die im Laufe des Lebens erworben wurden, und sie können durch die Persönlichkeit leicht beeinträchtigt, durch schlechte Gewohnheiten stark beschädigt oder durch den Verlust der psychischen Gesundheit fast vollständig verloren gehen, wie bei verschiedenen Formen psychopathologischer Er-krankungen, wie z.B. von Sucht, Depression oder Manie, Besessenheit, Paranoia oder Schizophrenie, usw. Die mensch-liche Willensfreiheit ist also keine metaphysisch notwendige psychologische Realität, die unabhängig vom Leben und von den Umständen einer Person sein könnte, sondern eine kontingente und erworbene Fähigkeit, die in mehreren Graden innerer Freiheit vorkommt, da sie von der komplexen und dynamischen Struktur der Persönlichkeit und von der Lebensgeschichte einer Person abhängt. Während der Körper, das Gehirn und sein Nervensystem gemäß den angeborenen Lebensfunktionen und kulturell erworbenen Gewohnheiten arbeiten, stehen sie in ständiger Interaktion mit anderen Menschen und verschiedenen Umständen in der Welt und können auf Kunst, Film und Musik, Kommunikation, Bildung und Information, Medikamente, Psychotherapie und Neuromodulation, Landschaft, Klima und Wetter usw. reagieren. Erwachsene haben jedoch normalerweise gelernt, andere Menschen und verschiedene Umstände in der Welt auf persönliche Weise auszuwählen, zu unterscheiden, zu schätzen und darauf zu reagieren. Daher haben sie nicht immer einen freien Willen in Bezug auf die motivierenden Antriebe ihrer angeborenen Lebensfunktionen und kulturell erworbenen Gewohnheiten, aber sie haben doch einen freien Willen, in einem gewissem Umfang, ein Veto einzulegen, wenn sie glauben, dafür gute Gründe zu haben, oder wenn sie intuitiv entscheiden, dass es ethisch angemessen oder moralisch geboten ist.

 

10. In der Ethik vertrete ich eine komplexe allgemeine philosophische Ethik, die auf verschiedenen Elementen aufbaut: (a.) auf Kardinaltugenden (oder guten Gewohnheiten) wie Besonnenheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Mut (Platon und Aristoteles), (b.) auf pragmatischen Axiomen der rationalen Wahl des situativ Besten unter dem Erreichbaren (Brentano), (c.) auf einigen vitalen Interessen oder Wertpräferenzen, z.B. für Leben und Gesundheit (inklusive der grundlegenden Lebensbedürfnisse nach frischer Luft, sauberem Wasser, gesunder Nahrung und angemessenem Wohnraum), Wissen und Freiheit, Freude und Glück, Selbstliebe und Liebe zu Verwandten und Freunden, (d.) auf den moralischen Pflichten der eigenen Selbstvervollkommnung und des Wohlwollens gegenüber anderen Menschen (Kant), und (e.) auf einigen moralischen Prinzipien, wie der Achtung der persönlichen Würde (Kant) oder der Goldenen Regel, die jedoch unabhängig von religiösen Überzeugungen über den mutmaßlichen Willen Gottes sind. Da die zentrale und letzte kognitive Tugend die phronesis oder die Fähigkeit der Urteilskraft (Aristoteles und Kant) aus der Sicht eines “unparteiischen Schiedsrichters” (Adam Smith) ist, ist diese Ethik eine Form der Situationsethik, die die Entscheidungen in konkreten Situationen (von ethischen und moralischen Konflikten) teilweise dem persönlichen Gewissen, dem Wissen und der Verantwortung der einzelnen Personen überlässt. Auf diese Weise ist die allgemeine Ethik mit einer Vielzahl unterschiedlicher Formen der Berufsethik, wie z.B. der Wirtschafts-, Rechts-, Medizin- oder politischen Ethik, vereinbar. Da niemand vollkommen ist, müssen alle Menschen durch Fehler lernen und kommen nicht umhin, Fehler zu machen und schuldig zu werden. Deshalb müssen die jüdisch-christlichen Tugenden der Demut, des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung auch in eine philosophische Ethik aufgenommen werden, um die tiefe menschliche Sehnsucht nicht nur nach Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern auch nach Barmherzigkeit, Mitgefühl, Solidarität, Vergebung und Versöhnung zu erfüllen.

 

11. In der Rechtsphilosophie vertrete ich eine komplexe Rechtsphilosophie, die auf einer kognitiven Rechtsethik (Kant und Brentano), den Bürgerrechten und den Menschenrechten beruht. Die Menschenrechte basieren auf der mensch-lichen Natur, d.h. auf ihren angeborenen Potentialen und erworbenen Fähigkeiten, ebenso wie die Tierrechte auf der Natur verschiedener höherer Tiere beruhen. Die Behauptung, dass die Menschenrechte auf der menschlichen Natur beruhen, beantwortet jedoch noch nicht die Frage, wie sie allgemeingültig erkannt und anerkannt werden können. Die Erkenntnis und Anerkennung von Menschenrechten entsteht aus der menschlichen Intelligenz, d.h. aus einem komplexen Zusammenspiel von menschlicher Erfahrung, Intuition und Gewissen, Einfühlungsvermögen, Phantasie und Reflexion. Deshalb sind die Menschenrechte nicht einfach von der Natur, der Religion oder dem Staat gegeben. Es gab und gibt viele menschliche Kulturen und Religionen ohne jegliche Vorstellung von unveräußerlichen Menschenrechten. Die Idee der unveräußerlichen Menschenrechte stammt aus der stoischen Philosophie, aus dem jüdischen und christlichen Glauben und aus dem römischen Recht. Sie blühte im Zeitalter der Aufklärung auf, als traditionelle theologische Vorstellungen vom Naturrecht säkularisiert und in vernünftige Rechte (Kant und Hegel) und schließlich in Menschenrechte umgewandelt wurden. Die Idee, dass die Rechtsstaaten moderner Demokratien grundlegende bürgerliche und unveräußerliche Menschenrechte garantieren, gesetzlich verankern und realisieren sollten, wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg unter Bezugnahme auf moderne Verfassungen (die aus den französischen und amerikanischen Menschenrechts-erklärungen hervorgegangen sind) und auf die Menschenrechtskonventionen der Vereinten Nationen festgelegt. Jedes positive Gesetz kann gut oder schlecht sein, d.h. moralisch gerecht oder ungerecht, ethisch gerecht oder ungerecht, pragmatisch wirksam oder unwirksam, usw. Daher sollte jedes positive Rechtssystem ein möglichst kohärentes Maximum an guten Gesetzen enthalten, d.h. bestenfalls nur faire, gerechte und wirksame Gesetze. Da sich die Natur und die Gesellschaften in der Geschichte verändern, kann kein juristisches und etabliertes Rechtssystem für immer angemessen oder gar vollkommen sein. Und da alle positiven Rechtssysteme konkrete Institutionen sind, die auf kulturellen Traditionen und gesellschaftlichen Konventionen gewachsen sind, brauchen sie ständige Reformen, indem sie das etablierte Rechtssystem korrigieren und verbessern. Jedes angemessene, integre und kohärente Rechtssystem muss jedoch grundlegende Bürgerrechte und unveräußerliche Menschenrechte sowie allgemeingültige Rechtsideale wie Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit, Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und Solidarität der gleichen Chancen auf ein menschenwürdiges Leben, pragmatische Sicherheit und exekutive Effektivität, usw. respektieren. Darüber hinaus enthält jedes gute Rechtssystem einige evidente kategorische Prinzipien der Gesetzgebung und der Recht-sprechung (Ulpian, Kant und Otfried Höffe), wie z.B. keine willkürlichen Gesetze, keine Strafe ohne Gesetz, keine Schuld ohne Zurechenbarkeit, keine Zurechenbarkeit ohne Wahlfreiheit, jede Schuld ist individuell, keine legitime Strafe ohne faires Verfahren, kein faires Verfahren ohne Anwalt, keine Selbstjustiz, keine legitime Macht gegen Menschen, Tiere, Sachen und Güter, wenn sie nicht rechtmäßig von Organen des Rechtsstaates ausgeführt wird, usw. Diese juristischen Ideale und evidenten kategorischen Prinzipien der Gesetzgebung und Rechtsprechung haben eine höhere verfassungs-rechtliche Dignität und müssen vor gewöhnlichen Rechtsreformen durch die Gesetzgebungsbefugnisse demokratisch gewählter Regierungen und Parlamente geschützt werden und unterliegen höheren Organen des Rechtsstaates, wie z.B. den Bundes- und Verfassungsgerichten mit ihrem besonderen Auftrag zu einer verbindlichen Auslegung der nationalen Verfassung.

 

12. In der politischen Philosophie vertrete ich eine Philosophie eines sozialen und ökologischen Liberal-Konservatis-mus, der das Ziel der Verwirklichung der Chancengleichheit (Ralf Dahrendorf) auf ein möglichst eigenverantwortliches und gutes Leben zum Schutz von Leben, körperlicher Unversehrtheit und Menschenwürde entsprechend den eigenen realen Begabungen, Tugenden, Überzeugungen, Idealen und Zielen anstrebt. Da jedoch Kinder und Jugendliche eine angemessene Ausbildung und Bildung benötigen und da behinderte, chronisch kranke und alte Menschen nicht nur von ihren Familien, sondern auch von öffentlichen Einrichtungen finanziell und medizinisch ausreichend unterstützt werden müssen, sollte es auch ein angemessenes (nationales) System der öffentlichen Solidarität in der Ausbildung und Bildung, im Gesundheitswesen und in der Daseinsvorsorge, in der Wohnungs- und Rentenpolitik geben, das nicht so sehr durch Steuern auf das Einkommen durch anständige Arbeit und fairen Handel, sondern viel mehr durch hohe Steuern auf bloße Finanzspekulationen und den Verbrauch von natürlichen Ressourcen und Luxusgütern finanziert wird. Andernfalls kann das übergreifende politische Ziel der Chancengleichheit (im Gegensatz zu einer sozialistischen Gleichheit der Resultate) nicht verwirklicht werden. Unter den sich verändernden Bedingungen des realen Lebens und den verbleibenden Grenzen des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens kann Chancengleichheit für eine möglichst große Zahl von Menschen nur durch gemeinsame Anstrengungen einer Vielzahl unterschiedlicher, effektiver und subsidiärer Zentren privatwirtschaftlicher, öffentlicher und staatlicher Aktivitäten erreicht werden. Das beste politische System, um dieses politische Ziel der Chancengleichheit zu erreichen, ist eine moderne Nation mit einer parlamenta-rischen Demokratie, einem repräsentativen Präsidialamt, einem Rechtsstaat, einem Sozialstaat und einer sozialen Marktwirtschaft, der nach den Prinzipien eines pragmatischen Ordoliberalismus arbeitet, im Gegensatz zum dysfunktionalen Neoliberalismus und zum dogmatischen Keynesianismus. Demokratisch gewählte Regierungen benötigen die politische Macht und starke rechtliche Institutionen, um das vermeintlich beste Interesse des Volkes einer Nation und den demokratischen Willen des Volkes, der durch regelmäßige freie und diskrete Wahlen zum Ausdruck kommt, zu sichern. Der nationale Markt, die gemeinsame öffentliche Infrastruktur und die Bedingungen der Daseins-vorsorge und der Lebenschancen zukünftiger Generationen müssen durch ausreichende Regelungen bewahrt werden, um sowohl eine übermäßige Ausbeutung der Tendenzen der globalen und lokalen Märkte zu verhindern als auch, um zu ver-hindern, dass die Kosten der Politik der Gegenwart auf zukünftige Generationen abgewälzt werden. Bürger- und Menschenrechte sollten durch eine moderne Verfassung und durch einen legitimen Rechtsstaat garantiert werden, der frei ist von Korruption, von der politischen Vorherrschaft der demokratischen Mehrheit und von ökonomischem Lobby-ismus, der der Mehrheit der Produzenten und Verbraucher schadet. Die nationale Verfassung und der Rechtsstaat sollten nicht vollständig dem Einfluss der stärksten Partei und dem Willen der Regierung unterliegen, sondern sie sollten von allen als weitgehend über der Parteipolitik und den Partikularinteressen stehend respektiert werden. Da kein Rechts-staat und keine Verfassung die notwendigen Voraussetzungen für ihren eigenen Bestand schaffen können (Ernst-Wolfgang Böckenförde), muss es staatliche Regelungen geben, die eine Vielzahl von rechtlichen, wirtschaftlichen, medizinischen, religiösen und pädagogischen Einrichtungen und Traditionen erhalten. Da jeder Rechtsstaat ein Monopol über die legitime Gewalt seiner Polizei und seines Militärs haben muss, hat er auch die besondere Erlaubnis, antidemo-kratische und gewalttätige Umwälzungen der Massen zu kontrollieren, ganz gleich, ob sie von einem rechten totalitären Nationalismus oder gewalttätigem Rassismus oder von einem linkem totalitärem Sozialismus oder gewalttätiger Anarchie ausgehen. Aber gewaltloser Widerstand, öffentliche Demonstrationen und soziale Bewegungen gegen eine ungerechte und repressive Politik, die den gemeinsamen Willen des Volkes und die zuverlässigen Ergebnisse gültiger demokratischer Wahlen nicht respektieren, können jedoch eine legitime Form des zivilen Ungehorsams sein und müssen dann von jedem legitimen Rechtsstaat respektiert werden. Politische Bildung, offener Zugang zu Informa-tionen, Diskussionen und kulturellen Veranstaltungen sowie ausreichende Transparenz über parlamentarische und staatliche Vorgänge gehören zu den bürgerlichen Grundrechten der Bürgerinnen und Bürger einer modernen Demo-kratie mit einem soliden Rechts- und Sozialstaat. Politische Ausnahmen wie in nationalen Notlagen von Bürgerkriegen oder Kriegen, Naturkatastrophen oder Epidemien regelt das Notstandsrecht.

 

13. In der Ästhetik und Kunstphilosophie vertrete ich eine post-kantische und post-hegelianische Auffassung von Ästhetik und Kunst. Ästhetische Urteile darüber, was schön oder hässlich, erhaben oder kitschig, interessant oder langweilig, heilig oder profan, faszinierend oder schrecklich ist, scheinen prima facie sehr subjektiv zu sein, je nach Persönlichkeit, Charakter und Temperament, kulturellem Hintergrund und Bildung der einzelnen Menschen. Emotionale Urteile darüber, was jemand als angenehm oder unangenehm, wohlschmeckend oder ekelhaft, aufregend oder langweilig, komisch oder tragisch, lustig oder traurig usw. empfindet, sind sicher auch subjektiv, aber sie hängen nicht nur von der Persönlichkeit, dem Charakter und Temperament, dem kulturellen Hintergrund und der Bildung der einzelnen Menschen ab, sondern oft auch von tieferen affektiven Reaktionen und sogar von vitalen Instinkten, die menschlichen Kulturen und sozialen Gruppen gemeinsam sind. Kant hatte grundsätzlich Recht, dass ästhetische Urteile über die Natur oder über kulturelle Artefakte zwar vom persönlichen Interesse an einem Objekt (interesseloses Wohlgefallen) weitgehend gleichgültig sind, aber dennoch in der Regel eine Erwartung der Zustimmung anderer implizieren (Hannah Arendt). Dennoch können ästhetische Urteile in einer guten Ausbildung reflektiert und durch Kultivierung verfeinert werden, denn die begriffliche Differenzierung bei der Beschreibung und Bewertung ästhetischer Phänomene kann anhand einer zuverlässigen Tradition qualifizierter Beispiele und bewährter und erprobter Paradig-men gelernt werden. Die persönliche Urteilskraft darf daher nicht nur als subjektiv im Sinne einer bloßen Relativität ohne zuverlässige gemeinsame und vermittelbare Standards betrachtet werden. Es gibt zwar gut ausgebildete Kritiker und ausgewiesene Experten in verschiedenen Bereichen (von der Küche bis zu den schönen Künsten), die gelernt haben, kulturelle Artefakte mit ihrer verfeinerten Sensibilität und Intuition zu beurteilen, und die auch in der Lage sind, ihre Urteile mit guten Gründen gegenüber anderen Kritikern oder Experten auf dem gleichen Gebiet zu rechtfertigen. Aber dennoch gibt es keine absolute oder nur allgemein akzeptierte Hierarchie der Künste, wie Hegel behauptete, und es gibt kein absolutes Urteil oder eine absolut richtige Beurteilung in ästhetischen Fragen über die Natur, die kulturellen Artefakte oder die Künste. Aus diesem Grund neigen die Künste und die kulturellen Artefakte in modernen Gesell-schaften dazu, dem Wandel der Moden, den politischen Ideologien oder dem aktuellen Marktgeschehen zum Opfer zu fallen. Darüber hinaus neigen sie dazu, zu bloßen Waren, zu Signalen der Gruppenidentität und zu Fetischen des sozialen Status zu werden. Auf diese Weise neigen sie dazu, ihren ursprünglichen Status und den innewohnenden Wert als Kunstwerke mit ihrer besonderen Aura (Walter Benjamin) zu verlieren. Deshalb müssen Religionen, Konfessionen und andere Identitätsgruppen in modernen Gesellschaften ihre gemeinsamen ästhetischen Standards und emotionalen Präferenzen - zusammen mit ihrem Glauben, ihrer Ethik und ihrer Weltanschauung - gegen die Neigungen und Vorur-teile der Massen, gegen den post-modernen Individualismus und gegen den ökonomischen Totalitarismus verteidigen. (Theodor W. Adorno und Pierre Bourdieu) Dennoch sind interkulturelle Zustimmung in Urteilen über das Schöne und Erhabene teilweise möglich wie z.B. in der Volkskunst, der Volksmusik, den Volksliedern und Märchen der Menschheit (Gottfried Herder). Obwohl in offenen Gesellschaften die Freiheit der Kunst geschützt werden muss, ist ein breiter Konsens von Urteilen über ästhetische Fragen möglich, wie z.B. über angemessene Proportionen in Architektur, Design und Stadtplanung (Roger Scruton).

 

14. In der Religionsphilosophie vertrete ich eine pan-en-theistische Auffassung von Gott als dem letzten Grund und scheinbar intelligenten Wesen, das das ganze Universum in Raum und Zeit mit seinen intellibiblen Naturgesetzen erschaffen hat und das die Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde in der Naturgeschichte und die Entstehung und Entwicklung des Menschen als intelligentes Lebewesen in der Kulturgeschichte ermöglicht hat. Daher ist Gott ein allumfassendes und ewiges, notwendiges und unveränderliches, selbstständiges und vollkommenes Wesen, das jedoch auch geheimnisvoll und für menschliche Vorstellungen und Begriffe nicht vollständig verstehbar ist. Da Gott jedoch von der kontingenten und weitgehend verstehbaren raum-zeitlichen Lebenswelt verschieden ist, kann er auch nicht einfach mit der Totalität aller Dinge identisch sein, weder mit dem Sein noch mit der Natur noch mit der Welt, wie in den verschiedenen Formen des Pantheismus. Die kontingente Welt hängt jedoch von Gott ab und existiert in Gott und aufgrund der unendlichen, schöpferischen und erhaltenden Kraft Gottes. Als Schöpfer des Universums und der gesam-ten Menschheit transzendiert Gott alle Kulturen, Religionen und Konfessionen. Das Problem der Theodizee, d.h. die Frage, wie die theistischen Vorstellungen von Gott als einem allmächtigen und allwissenden Wesen mit denen vereinbart werden können, dass Gott vollkommen gut (d.h. liebend, gerecht, gütig und barmherzig) ist, bedürfen jedoch einer Überwindung übernatürlicher, mythologischer und anthropomorpher Vorstellungen von Gott. Auf diese Weise ist der Panentheismus mit den besten wissenschaftlichen Theorien über den Beginn des Universums (basierend auf dem evidenten Prinzip des ex nihilo nihil fit) vereinbar, d.h. mit der immer noch rätselhaften Entstehung des Lebens auf der Erde, mit der noch nicht ausreichend verstandenen Evolution des intelligenten Lebens auf der Erde und mit der Emergenz der Kulturgeschichte des homo sapiens.

 

15. Da die Philosophie vor allem ein intellektuelle Disziplin und im Wesentlichen eine kognitive und reflektierende Wahrheitssuche ist, die tiefe Aporien, methodologische Skepsis und schwierige Fragen zulässt, ist sie weder ein Rivale noch ein Ersatz für einen religiösen Glauben, wie z.B. den jüdischen, christlichen oder islamischen Glauben. Jedoch kann die Philosophie eine Vorbereitung des Glaubens (preambula fidei) und eine persönliche Suche nach dem Glauben an Gott sein. Da man gemeinhin zurecht davon ausgeht, dass der religiöse Glaube auf einer Offenbarung beruht, die die Herzen und den Verstand der Gläubigen direkter anspricht, unterscheidet er sich wesentlich von der Philosophie. Daher gibt es viele andere Wege zum Glauben, und der Weg der Philosophie ist nur einer davon. Da der jüdische, christliche und islamische Glaube jedoch auch einige Überzeugungen über Gott und über Jesus (Yeschua oder Isa) enthält, die für ihre jeweiligen Glaubensweisen wesentlich, aber untereinander unvereinbar sind, müssen sich seriöse Philosophen (im Unterschied zu Ideologen und Sophisten) mit ihnen auseinandersetzen, sobald sie mit ihnen konfrontiert werden. Dies ist jedoch genau der Moment, in dem die Philosophie endet und die Theologie beginnt.

 

Heidelberg, 31. Oktober 2019