Das Evangelium kam nach Griechenland und wurde eine Philosophie.
Das Evangelium kam nach Rom und wurde eine Institution.
Das Evangelium kam nach Europa und wurde eine Kultur.
Das Evangelium kam nach Amerika und wurde ein Geschäft.
Zitat aus dem Vorspann des ersten Films The Last Reformation - The Beginnung (2016)
The Last Reformation ist eine baptistische, charismatische und pfingstlerische Evangelisierungs-bewegung aus Dänemark. Sie wurde dort 2011 von Torben Sondergaard (*1976), einem ehemaligen Bäcker und autodidaktischen Autor, Pastor und Theologen, gegründet und sie wirkt mittlerweile auch in einigen anderen Ländern Europas, wie vor allem in Deutschland und Frankreich, in den Nieder-landen, in Norwegen und in der Schweiz, aber auch außerhalb Europas in Mexico und in den USA.
Diese christliche Missionsbewegung (TLR) orientiert sich stark an einem urchristlichen Verständnis von Jüngerschaft, von Umkehr und Glaubenstaufe von Erwachsenen, wie sie in der oft vernachlässig-ten Apostelgeschichte des Neuen Testamentes als gängige Praxis der frühen Christen berichtet und beschrieben wurden. Sie evangelisiert und will Menschen zum christlichen Glauben an Gott, Jesus Christus und den Heiligen Geist führen ganz gleich, ob sie bereits aus anderen christlichen Bewe-gungen, Kirchen und Konfessionen stammen oder ob sie ohne jede christliche Prägung, Vorerfahrung und Vorkenntnisse zu ihnen kommen.
Bei der Evangelisierung spielen "Dämonenaustreibungen", Heilungsgebete und eine Vermittlung des Heiligen Geistes durch Taufen zur Buße, Umkehr und Hinwendung zu Christus eine zentrale Rolle, wie sie auch von den frühen Christen auf die Anweisung von Jesus Christus hin vollzogen wurden. Wie in der Apostelgeschichte beschrieben, kann es dabei zur Zungenrede bzw. zum Sprachengebet kommen. In der Tat scheinen es Torben Sondergaaard und seinen Jüngern sogar darauf anzulegen, dass frisch Getaufte in Zungen reden, weil es ihnen als Beweis der Erweckung des Heiligen Geistes zu dienen scheint.
Bei der Zungenrede ("Glossolalien") handelt es sich bekanntlich um unwillkürliche spontane verbale Äußerungen, die sich meistens keiner den Anwesenden bekannten konventionellen Sprache (mit einer Semantik und Syntax) zuordnen lassen, sodass sie für die Anwesenden und für die Menschen selbst oft völlig unverständlich bleiben. Sie kommen nicht nur in der Apostelgeschichte, sondern auch im Ersten Brief an die Korinther im Kontext der spontanen Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten vor.
Torben Sondergaard, der selbst auch willkürlich in Zungen sprechen kann, versteht die zwar im ganzen Christentum bekannte, aber nur selten praktizierte Zungenrede wie üblich als ein unmittelbares Gebet zu Gott, das nach Paulus primär der Stärkung der Glaubenden und ihres eigenen Glaubens dient und erst sekundär der Gemeinde, weswegen es nach Paulus in der Gemeinde nicht übermäßig und völlig unkontrolliert praktiziert werden sollte und falls möglich übersetzt und ausgelegt werden sollte.
Obwohl "Dämonenaustreibungen" ebenfalls im Neuen Testament vorkommen und obwohl sie von Jesus Christus selbst sowie von den Aposteln und seinen Jüngern praktiziert wurden, gelten sie seit der Europäischen Aufklärung und Moderne als eine archaische Praxis der Heilkunst, die eher mit dem Schamanismus in außereuropäischen und vormodernen Kulturen verwandt ist, die jedoch nicht mehr in die moderne Humanmedizin und Psychologie integriert werden kann, da diese seit Beginn des 20. Jahrhunderts entweder psychoanalytisch von Neurosen oder seit der Mitte des 20. Jahrhunderts psychologisch von Persönlichkeitsstörungen zu sprechen gewohnt sind.
Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass Torben Sondergaard und seine neue Evangelisierungs-bewegung TLR ab 2019 in Dänemark auffällig wurden und von Seiten staatlicher Behörden und öffent-lichrechtlicher Medien angeprangert und bloßgestellt wurden.
"Dänische Journalisten baten Søndergaard dann darum, einen eigenen Dokumentarfilm für das dänische Fernsehen drehen zu dürfen. Sie gaben dabei echtes geistliches Interesse und eine positive Haltung gegen-über der Bewegung vor, sodass ihnen große Freiheiten für ihre Aufnahmen gewährt wurden. Insgeheim aber war ihr Ziel, investigativ über die Bewegung aufzuklären und vor ihr zu warnen. Der dreiteilige Dokumentar-film unter dem Titel „Guds Bedste Børn“ (Gottes beste Kinder) wurde vom dänischen Sender TV2 in drei Teilen am 2.1., 9.1. und 16.1.2019 ausgestrahlt. Dadurch wurden dänische Politiker auf die Bewegung auf-merksam und machten deutlich, dass sie gesetzlich gegen die Praktiken von „The Last Reformation“ vorgehen würden. Søndergaard verließ daraufhin am 26.1.2019 mit seiner Familie fluchtartig Dänemark und flog zu Freunden in die USA. Tatsächlich wurde im März 2019 in Dänemark ein Gesetz erlassen, das psychische Gewaltan-wendung genauso wie körperliche Gewalt unter Strafe stellt (§ 243). Søndergaard befürchtete daraufhin, dass er aufgrund seiner vielfach dokumentierten „Dämonenaustreibungen“ wegen psychischer Gewalt an Minder-jährigen und psychisch Kranken nun in Dänemark zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt werden und ihm außerdem das Sorgerecht über seine noch minderjährige Tochter entzogen werden könnte. Er stellte im Sommer 2019 einen Asylantrag in den USA wegen religiöser Verfolgung." (Frank Lüdke, Kirchenhistoriker an der FTH Gießen in einem Artikel der EZW; https://www.ezw-berlin.de/publikationen/artikel/neue-entwicklungen-bei-the-last-reformation)
Torben Sondergaard, der 2019 in den USA bei den zuständigen Behörden einen Antrag auf Asyl wegen religiöser Verfolgung in Dänemark gestellt hatte, wurde dann jedoch für ihn völlig überraschend bei einer richterlichen Anhörung im Jahr 2022 von der zuständigen Administration verhaftet und für 419 Tage inhaftiert, bis er von dem für seinen Fall zuständigen Gouverneur öffentlich verteidigt wurde und dann auf dessen Antrag hin vollständig rehabilitiert und aus dem Gefängnis entlassen wurde.
Im Sommer 2025 hat Torben Sondergaard mit seiner Familie die USA wieder verlassen und sie zogen nach Bergen in Norwegen um, wo er neuerdings auch mit Pastoren und Gemeinden kooperiert und von wo aus er seither seine Evangelisationsbewegung TLR in Europa, Mexiko und den USA leitet.
TLR scheint wie alle evangelikalen Bewegungen, ganz gleich, ob sie wie TLR baptistisch, charismatisch oder pfingstlerisch ausgerichtet sind, an einem eklatanten Mangel an historischem Bewusstsein und an einer unkritischen Verabsolutierung (angebliche Fehlerlosigkeit) der ganzen Bibel bzw. des Neuen Testamentes zu leiden. Es kommt daher in evangelikalen Bewegungen und Kirchen immer wieder vor, dass sie aus einer nur allzu verständlichen Furcht vor einem maßlosen und zersetzenden Missbrauch der historisch-kritischen Exegese und Hermeneutik das Kind mit dem Bade ausschütten. Sie behandeln die Bibel nicht als eine historisch gewachsene, selektierte und kanonisierte Sammlung von Schriften, sondern als einheitliches, offenbartes "Wort Gottes". Damit behandeln sie die Bibel entgegen einer langen christlichen Überlieferungsgeschichte eher so wie die Muslime ihren Koran verstehen. Daher gelingt es ihnen nur selten, die historisch-kritische Methode und Hermeneutik moderat einzusetzen, um angesichts der historischen Differenzen zwischen immer noch gültigen und nur noch geschicht-lichen Inhalten und Praktiken zu unterscheiden.
Dies scheint mir auch der tiefere Grund dafür zu sein, dass Torben Sondergaard die in der Apostel-geschichte berichtete Taufpraxis der frühen Christen einschließlich der "Dämonenaustreibungen" und Zungenreden meint bibeltreu nachahmen zu müssen. Hätte er an einer privaten Hochschule oder staatlichen Universität Evangelische Theologie studiert, dann hätte er sich nicht nur mit der ganzen Kirchengeschichte, sondern auch mit der Entstehung neuzeitlicher und moderner Philosophie und Theologie, Natur-, Kultur- und Humanwissenschaften auseinandersetzen müssen.
In der Praktischen Theologie wäre er dann einem zeitgenössischen Verständnis von seelsorgerlichen Ansätzen auf dem psychologischen Hintergrund moderner Psychologie, Psychotherapie und Psychia-trie begegnet. Ohne diesen umfassenden theologischen Bildungsweg meinte er zumindest anfangs vor seinem Gefängnisausfenthalt allen anderen Kirchen und Konfessionen vorwerfen zu müssen, dass sie sich mit ihrer gewohnten Taufpraxis nicht mehr direkt an der Taufpraxis der frühen Christen orien-tierten. Dabei hat er jedoch selbst die gemäßigt baptistische Taufpraxis seines theologischen Vorbildes, des charismatischen Baptisten und Bibellehrers David Pawson mit seinen massiven und übergriffigen "Dämonenaustreibungen" und offensiv eingesetzten Zungenreden verändert und radikalisiert.
Zungenreden gelten Torben Sondergaard anscheinend als eindeutige Beweise der Erfüllung mit dem Heiligen Geist. Es scheint ihm gar nicht in den Sinn zu kommen, dass das ursprüngliche Pfingstwunder der spontanen Ausgießung des Heiligen Geistes und der Sprachenrede noch etwas mit der räumlichen und zeitlichen Nähe und der unmittelbaren Begegnung der Apostel mit Jesus Christus zu tun hatte und daher nicht mehr viele Jahrhunderte später willentlich nachgeahmt und wiederholt werden kann oder gar durch psychische Tranceinduktion erzwungen werden sollte.
Dass die dänischen Behörden von Torben Sondergaards Praktiken insbesondere im Fall von Kindern und Jugendlichen alarmiert waren und sie zu deren Schutz mit Hilfe rechtlicher Mittel zu unterbinden versuchten, scheint mir genauso verständlich wie der spätere Versuch der amerikanischen Behörden, ihn durch eine Inhaftierung zur Ernüchterung und Raison zu bringen.
Enthusiastische Charismatiker wie Torben Sondergaard, die ihr eigenes übergriffiges Verhalten selbst nicht mehr bemerken geschweige denn kritisch reflektieren, können daher auch nicht mehr verstehen, warum es ihren Zeitgenossen zumindest grenzwertig und problematisch vorkommt. Sie scheinen auch nicht zu begreifen, dass es nicht Gott selbst ist, der durch sie hindurch wirkt, sondern dass sie es selbst sind, die etwas in seinem Namen tun und daher auch dafür moralisch verantwortlich sind und rechtlich verantwortlich gemacht werden können. Sie erleben sich anscheinend nicht mehr als ein handelndes Subjekt, sondern als ein erwähltes Instrument in der Hand Gottes. Außenstehenden und Skeptikern muss der Enthusiasmus solcher Charismatiker dann als wahnhaft vorkommen.
Individuelle Verantwortung für sein Verhalten, Tun und Unterlassen gehört nun einmal zum modernen Menschenbild westlicher Gesellschaften und es ist äußerst fraglich, ob es nützlich und gut wäre, es zu Gunsten eines kollektivistischen Menschenbildes nach Art der griechischen, israelischen und römischen Antike aufzugeben. Die derzeitige Verschmelzung eines Großteils des evangelikalen Christentums in den USA mit der nationalistischen MAGA-Bewegung der von Donald Trump gekaperten Republikaner scheint eine antimoderne Kulturrevolution anzustreben, die die Demokratie, den Rechtsstaat und die amerikanische Verfassung in ihrem Sinne umzugestalten oder doch wenigstens für ihre eigenen Ziele zu nutzen versucht.
Aufgrund der fehlenden Unterscheidung und Trennung von kirchlichen Praktiken und staatlichen Institutionen darf man bezweifeln, dass es sich bei diesem sog. christlichen Nationalismus wirklich noch um ein authentisches Christentum handelt und nicht vielmehr um einen politischen Missbrauch
des christlichen Glaubens evangelikaler Christen und amerikanischer Patrioten für die teilweise anti-demokratischen und rechtswidrigen Ambitionen von Donald Trump und seiner MAGA-Bewegung.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in Europa ebenfalls drei antimoderne Bewegungen gegen die individuelle Verantwortung der Menschen in der Moderne in den verschiedenen Varianten des italienischen Faschismus, des spanischen Klerikalautoritarismus und des deutschen National-sozialismus. Diese kämpften zwar gegen die ebenfalls kollektivistische internationale Bewegung und Ideologie des Marxismus-Leninismus ähnlich wie die nationalistische MAGA-Bewegung heute gegen den postmodernen und tribalistischen Wokeismus kämpft. Es könnte sein, dass TLR eines Tages auch als evangelikale Folge antimoderner Kulturkämpfe eingeschätzt und bewertet wird.
https://thelastreformation.com
https://pioneertrainingschool.ch
https://www.torbensondergaard.com
Eine ungewöhnlich sachliche Darstellung, faire Einschätzung und kompetente Kritik der Bewegung
The Last Reformation stammt von Prof. Dr. Frank Lüdke, einem Kirchenhistoriker der FTH Gießen.