Feministische Außenpolitik

 

 

Das Zauberwort von der feministischen Aussenpolitik macht die Runde. Die Wahrheit ist: Machtpolitik hat kein Geschlecht

 

Die Staatsräson hat Vorrang vor dem Pazifismus, egal ob Frauen oder Männer auf dem Thron sitzen.

 

Josef Joffe in der NZZ am 04.06.2022

 

Der Begriff «feministische Aussenpolitik» läuft in diesen Tagen durch die Gazetten, angespornt von Putins Eroberungs-krieg in der Ukraine, dem Frauen, Kinder und Wehrlose zum Opfer fallen. Das Patriarchat, ein Schlüsselbegriff des Feminismus, hat nach 77 Jahren Grossmachtsfrieden in Europa wieder zugeschlagen. Was könnten Frauen in der Führung besser machen?

 

Eine Antwort ist so alt wie die Komödie «Lysistrata» von Aristophanes. Der Name der Heldin ist Programm. «Lysis» ist «Auflösung, «Stratos» Heer. Die Frau hat also im Peloponnesischen Krieg die Armeen zerlegt, wiewohl ganz friedlich. Ihre Waffen: Sex und Gold, was die Männer noch mehr lockte als der Krieg. In Athen und Sparta verschwören sich die Frauen gegen die Buben mit dem XY-Chromosom. Die Athenerinnen verschanzen sich auf der Akropolis, wo die Kriegskasse lagert, und verweigern den Männern ihre Körper. Ähnlich in Sparta. Der Liebesentzug wirkt, die Jungs legen ihre Schwerter beiseite und sich selber ins Ehebett.

 

Es ist eine herzerwärmende Geschichte weiblicher Weisheit, nur stimmt sie nicht. Der Bruderkrieg dauerte 27 Jahre und endete mit dem Sieg Spartas. Doch hat sich die Idee festgesetzt, wonach Frauen die besseren, jedenfalls friedfertigeren Menschen seien. Mütter kümmern sich ums Leben, Männer um Krieg. Frauen sind umsichtig und fürsorglich, testoste-rongesteuerte Männer schlagen reflexhaft zu, Aggressivität und Gewalt wurzeln in ihrer Natur. Seit dem Ukraine-Krieg ist die Lysistrata-Saga wieder akut. Leider ist sie in den letzten 2500 Jahren nicht bestätigt worden. Der Frieden blieb bloss eine Pause zwischen zwei Kriegen.

 

Gegen Aggressoren hilft nur Gewalt

 

Was ist feministische Aussenpolitik (FAP)? Es gibt zwei Versionen. Eine findet sich in der Anleitung des Auswärtigen Amtes in Berlin, wo es mehr um Proporz als um Strategie geht. Einer FAP «geht es nicht um das Ausschliessen, sondern um das Einbinden . . . Wenn die Hälfte der Bevölkerung keine Möglichkeit zu gleichberechtigter Teilhabe hat, kann keine Gesellschaft ihr Potenzial voll ausschöpfen, können wir Frieden und Sicherheit nicht dauerhaft erreichen.»

 

Die zweite ist ambitionierter. Sie will das Wesen internationaler Politik umkrempeln. Ein probates Beispiel: FAP «fordert das Ende einer simplen Weltsicht. Sie denkt strukturelle Gewalt wie Rassismus, Sexismus oder Klassismus mit. Denn die Fokussierung auf die Bedürfnisse von gerade weissen Männern reicht nicht aus, um die Komplexitäten des Lebens zu verstehen . . . Jede Waffe mehr bringt mehr patriarchale Gewalt, [diese] mehr Waffen.» Der Sinn der FAP «muss sein, dass patriarchale Regime wie das Putins auch in Russland nicht mehr existieren können».

 

Das ist die harte Version: eine neue Weltordnung plus Regime-Change, was an George W. Bushs Kriege erinnert. Sodann an den US-Präsidenten Woodrow Wilson und seine Parole im Ersten Weltkrieg: «Make the world safe for democracy». Das hehre Ziel der beiden hatte zwei Haken. Ihre Strategie forderte insgesamt drei Kriege mit Millionen Toten und hat Europa nach 1918 und Nahost nach «mission accomplished» weder befriedet noch demokratisiert.

 

Heute darf man Wilson/Bush so ironisieren: «Macht die Welt sicher durch Feminismus.» Das wirft drei Probleme auf. Erstens: Ob Potentat wie Saddam oder Autokrat wie Putin, die Aggressoren haben leider die Macht, und deren Sturz erfordert überlegene Gegengewalt. Weibliche Überzeugungskraft läutert sie ebenso wenig wie männliche; freiwillig gehen sie nicht, zumal da draussen das Kriegsverbrechertribunal lauert. Also Krieg für den Frieden – und da geht sie dahin, die weiche Macht jedweden Geschlechts.

 

Pazifismus, ein Kern der FAP, verbessert die Welt nur in der Vorstellungskraft. «Wer Frieden will», dozierten die Römer, «muss sich auf den Krieg vorbereiten.» Und ihn notfalls führen. Denn, um Friedrich Schiller zu bemühen: «Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.»

 

Weibliche Machtpolitik in der Praxis

 

Das ist das erste Problem – wie bei Schopenhauer, der wähnte: «Die Welt ist meine Vorstellung, dies ist die Wahrheit.» Das zweite würde eine dogmatische Feministin aufspiessen. Sie würde ihren laxen Kolleginnen vorwerfen, just mit den Kategorien der weissen Männer zu hantieren. Etwa so: «Ihr reproduziert doch bloss die alten Rollenklischees. Ihr redet letztlich genauso wie die Männer. Ihr preist Frauen als Friedensbringer, ihr schreibt ihnen zu, wovon die Jungs träumen: Sanftmut, Hingabe, Kinder-Küche-Kirche. So bleibt ihr gefangen in der Unterwerfung.» FAP wäre demnach ein Irrweg. Wenn Frauen wie Männer handeln, was wird aus ihrer spezifischen Identität als Frau? Man kann den Kuchen nicht essen und behalten.

 

Das dritte Problem ist das gravierendste, ein Denkfehler. Er verwechselt Gender mit Gebaren. Die plakatierten Tugenden der Frauen – Friedfertigkeit usw. – lassen sich von ihrer Position in Gesellschaft und Staat nicht trennen. Wer keine Macht hat, wird den Krieg nicht proben. Unter dem traditionellen «Patriarchat» mussten Frauen andere Machtquellen anzapfen – siehe Lysistrata und Genossinnen, deren sexuelle Macht Rüstung und Schwert austrickste.

 

Greifen wir nun in die Geschichte, wo Frauen die Herrschaft errangen, und das Bild sich dreht. Fangen wir an mit Deborah, der israelitischen Heerführerin. «Es gebrach an Regiment in Israel, bis dass ich, Deborah, aufkam, eine Mutter Israels.» (Richter 5,7) Unter ihrer Führung siegte ihr Volk im Befreiungskrieg gegen seine kanaanitischen Unterdrücker. Frieden lässt sich nicht oft ohne Waffen schaffen.

 

Boudicea sammelte 60 n. Chr. ein 100 000-Mann-Heer gegen die Römer, die Britannia unterjocht hatten. Sie schlug sie und brannte Londinum (London) nieder. Die Frau griff zur Gewalt, weil es das nationale Interesse so gebot.

 

Ein Sprung nach vorn. Isabella von Spanien vereinte ab 1492 mit ihrem Mann Ferdinand die iberische Halbinsel und ver-jagte die muslimischen Eroberer. Ihr Motto im Wappen: «Er wiegt so viel wie sie.» Unter ihrer Herrschaft entstand ein riesiges Imperium in Lateinamerika. Mit anderen Worten: Kolonialismus ist nicht allein Männersache, wie es im Katechis-mus des Korrekten heisst.

 

Johanna von Orleans war eine Kriegsherrin. Und Elizabeth I. (Königin von 1558 bis 1603) entsandte ein Heer in die Niederlande, um die protestantischen Brüder (und die Insel) gegen die ausgreifenden Spanier zu schützen – klassische Gleichgewichtspolitik. Sie erfand den englischen Kolonialismus und besiegte die Armada des spanischen Erbfeindes. Sie liess ihre katholische Rivalin Maria Stuart köpfen. Die «Jungfrau-Königin» deklamierte in ihrer berühmtesten Rede: «Ich weiss, ich habe den Körper einer schwachen, zarten Frau, doch das Herz und den Willen eines Königs.» Auch wer Röcke trägt, gehorcht auf dem Thron der Staatsräson.

 

Maria Theresia von Österreich führte ständig Krieg. Katharina die Grosse (Kaiserin von 1762 bis 1796) war eine Vorzeige-Imperialistin. Sie verleibte sich die Krim ein, dann in den Polnischen Teilungen (mit Habsburg und Preussen) das grösste Stück der Beute. Sie kolonisierte Noworossija rings um das Schwarze und das Asow-Meer. Die Frau «friedfertig» zu nennen, hiesse, sie zu beleidigen.

 

Nun in die Neuzeit. Golda Meir, die erste Regierungschefin Israels, führte ihren Staat 1973 in den Jom-Kippur-Krieg, als Ägypten und Syrien das Land zu überrollen drohten. Diese Frau war robuster als manche ihrer Generäle. Staatsräson und Erinnerung vereinten sich in der weiblichen Seele zur Gewaltbereitschaft: «Israel ist die stärkste Garantie gegen einen neuen Holocaust.»

 

Indira Gandhi marschierte 1971 gegen Pakistan. Das dortige Regime verlor West-Pakistan, heute Bangladesh; seitdem ist Indien die Vormacht in Südasien. Unter der weiblichen Ägide entstand die indische Atombombe. Nicht schlecht für eine friedensbeseelte Frau.

 

Margaret Thatcher, die «Iron Lady», täuschte die Welt mit ihrer eleganten Garderobe – keine Hosen, stets onduliertes Haar. Als Argentinien 1981 die Falklands eroberte, entsandte sie die Flotte und triumphierte über 12 000 Kilometer hinweg. Manche Männer im Kabinett waren nicht ganz so mutig. Auch nicht George Bush, der 1990 zögerte, Saddam aus Kuwait zu vertreiben. Legendär ist ihr Anruf beim Präsidenten: «Du wirst doch nicht wackeln, George!»

Lieber Gas als Solidarität

 

Was lehrt dieser kurze Ausschnitt aus der Geschichte? Machtpolitik kommt von Macht, nicht aus dem Hormonhaushalt. Auf dem Thron handeln Frauen nicht anders als Männer. Dann gilt ihre Sorge nicht den Kindern, sondern dem Staat. Angela Merkel vermied Krieg jenseits symbolischer Einsätze, dies aber genauso wie ihr Macho-Vorgänger Gerhard Schröder und heute der risikoscheue Olaf Scholz. «Weiblich» war ihre kalte Interessenpolitik nicht. Siehe ihr stures Festhalten an Nord Stream 2, welche die östlichen Nachbarn umging. Gas für Deutschland zählte mehr als europäische Solidarität.

 

Gender ist weder Schicksal noch Tugend. Wo man steht, hängt davon ab, wo man sitzt – auf dem Thron oder an der Wiege. Natürlich haben Männer über Jahrtausende Krieg geführt, die Aussenpolitik bestimmt, weil die Frauen nichts zu sagen hatten – ausser im Umweg über des Königs Ohr wie bei Madame de Pompadour. Das Weib hatte gefälligst für Nachwuchs, Wärme und Speisung zu sorgen. Doch zeigen unsere Beispiele, dass an der Macht Frauen wie Männer vorweg dem Wohle des Staates dienen, wo Selbstsucht und -schutz sich zum ewigen Basso ostinato vereinen.

 

Machen wir ein Gedankenexperiment und unterstellen ein weltweites Regiment der Frauen. Wer würde auf Kants «Ewigen Frieden» wetten, wer auf den «sacro egoismo» der Nationen? Wer auf Mutter Theresa, wer auf Maggie Thatcher?

 

PS: Wer mehr über Herrscherinnen wissen will, möge Antonia Frasers Klassiker «The Warrior Queens» (1988) lesen.

 

Josef Joffe lehrt internationale Politik und politische Theorie an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Washington.

 

https://www.nzz.ch/feuilleton/annalena-baerbocks-feministische-aussenpolitik-ist-eine-chimaere-ld.1687185?mktcid=nled&mktcval=174&kid=nl174_2022-6-4&ga=1