Radikaler Universalismus

 

Ist der Universalismus heute noch zu retten?

 

Der Philosoph Omri Boehm fordert mit dem Band Radikaler Universalismus eine Rückkehr zu dessen Ursprung: Erst mit dem richtigen Verständnis des humanistischen Appells der biblischen Propheten und Immanuel Kants kann Unge-rechtigkeit kompromisslos bekämpft werden – im Namen des radikalen Universalismus, nicht in dem der Identität. Boehm liefert dabei mehr als eine Neuinterpretation, er revolutioniert das grundlegende Verständnis von dem, was Universalismus eigentlich ist. Dabei beruft er sich auf Kant und seine oft missverstandene Wiederbelebung des ethischen Monotheismus der jüdischen Propheten. Ein kühner Entwurf, der in seiner Furchtlosigkeit einen Ausweg aus der festgefahrenen Identitätsdebatte eröffnet.

 



 

Omri Boehm, Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität

 

Seit Jahren wird über die sogenannte Identitätspolitik gestritten: Der politischen Linken wird vorgeworfen, sie beschäf-tige sich nur noch mit Sexismus und Rassismus. In Richtung der politischen Rechten geht ein sorgenvoller Blick, weil sie Nation und Volk ins Zentrum ihrer teils menschenfeindlichen Politik stellt. Identitätspolitik lässt sich allerdings auch im modernen Liberalismus finden, meint der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm, und zwar als Politik für die Mäch-tigen.

 

In seinem Buch "Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität" schlägt er eine Alternative vor: Grundlage unseres Han-delns sollte die Kant'sche Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen sein. Was Immanuel Kants Universalismus aus-macht und warum wir uns daran orientieren sollten, darüber spricht Omri Boehm heute bei rbbKultur.

 

Omri Boehm, geboren 1979, ist Associate Professor für Philosophie und Chair of the Philosophy Department an der New School for Social Research in New York. Er ist israelischer und deutscher Staatsbürger, hat u.a. in München und Berlin geforscht. Sein Buch Kant’s Critique of Spinoza erschien 2014 bei Oxford University Press. Er schreibt unter anderem über Israel, Politik und Philosophie in Haaretz, Die Zeit und The New York Times. Bei Propyläen erschien

seine von der Kritik hochgelobten Bücher Israel – eine Utopie und Radikaler Universalismus.

 

Omri Boehm: "Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität"

Übersetzung Aus dem Englischen von Michael Adrian

Verlag Propyläen Verlag, 2022

Seiten 176 Seiten | gebunden

Preis 22,00 Euro

ISBN 978-3-549-10041-7

„Omri Boehms Anliegen führt über die derzeit modischen Debatten zu 'cultural appropriation' hinaus. Ihm geht es um das Grundsätzliche am identitätspolitischen Denken, das mehr und mehr zu einem Käfig wird.“

 

Neue Zürcher Zeitung

 

„Ein leidenschaftlich klar formulierter Essay."

 

Der Tagesspiegel

 

"In seinem Kern ist das so scharfsinnige und temperamentvolle Buch, mit dem sich Boehm zwischen alle Stühle setzt, vor allem der zutiefst humanistisch motivierte Versuch, die Menschen ideell wieder auf die 'absolute Liebe zur Menschheit' zu verpflichten.“

 

Süddeutsche Zeitung

 

https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/der_tag/archiv/20220901_1600/gast_im_studio_1710.html

 


 

Omri Boehm: "Radikaler Universalismus"

 

Die einzig wahre Autorität

 

Jens-Christian Rabe am

 

Gerade jetzt eine große Verteidigung des Universalismus zu schreiben, erscheint so zwingend wie waghalsig: Zwingend, weil die Idee ja theoretisch immer noch gut ist, waghalsig, weil die Defizite der Ordnungen, die sich auf den Universalis-mus berufen, so offen zutage liegen. Viele Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund erleben Tag für Tag, dass vieles eben doch nicht so universal gilt, sondern uneingeschränkt höchstens für die Mitglieder der Mehrheitsgesell-schaften. Man übertreibt nicht, wenn man feststellt, dass damit nicht weniger als die Grundfesten der liberal-demokra-tischen westlichen Ordnung infrage stehen.

 

Gewagt hat die Verteidigung jetzt der 1979 geborene deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm, der an der renom-mierten New Yorker New School for Social Research lehrt. Bekannt wurde er vor gut zwei Jahren mit seinem Buch

"Israel - eine Utopie", in dem er zur Lösung des Israel-Palästina-Konflikts einen föderalen, binationalen Staat Israel vorschlug, eine "Republik Haifa". Sein neues Buch, das gerade einmal 155 Seiten hat, trägt den Titel "Radikaler Universalismus - Jenseits von Identität". Das - man ahnt es -, was in westlichen liberalen Demokratien unter Universa-lismus verstanden wird, ist für Omri Boehm bloß noch die "leere Hülse des Begriffs".

 

Liberale und identitäre Linke feiern gemeinsam die "Zerstörung des Begriffs der Menschheit"

 

Die Liberalen samt ihren berühmtesten Theoretikern von John Dewey und John Rawls bis Richard Rorty und Mark Lilla huldigten einem "falschen", nur auf individuelle Rechte fixierten Universalismus, der in Wahrheit nur ihren eigenen Interessen diente. Die "identitäre Linke" wiederum habe mit diesem falschen Universalismus mehr gemein, als sie sich eingestehen würde. Mit ihrem partikularistischen Fokus auf Identität betreibe sie auf ihre eigene Weise die "Zerstörung des Begriffs der Menschheit".

 

Dagegen setzt Boehm das, was er den "wahren Universalismus" nennt, den er in drei schwungvollen Kapiteln aus drei berühmten Quellen der Ideengeschichte destilliert: erstens der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Diskussion über Sklaverei und Bürgerrechte der Afroamerikaner; zweitens aus Kants Schriften, insbesondere dem Aufsatz "Was ist Aufklärung?" (die Ideen des Philosophen verteidigt Boehm leidenschaftlich gegen dessen jüngst viel thematisierten rassistischen Äußerungen); und drittens aus der Erzählung von der Opferung Isaaks im 1. Buch Mose

im Alten Testament.

 

Am dritten und kürzesten Kapitel des Buch lässt sich gut zeigen, worum es Boehm genau geht. Es beginnt mit Kants berühmter Antwort auf die Frage "Was ist Aufklärung?": "Aufklärung", schrieb Kant 1784, "ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", Unmündigkeit wiederum ist für Kant "das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen". Böhm aber will es noch einmal ganz genau wissen: Was soll das eigentlich heißen, "sich seines Verstandes zu bedienen"? Mit der ersten, negativistischen Antwort Kants, dass selbst denken eben vor allem bedeute, seine Gedanken nicht irgendeiner Autorität zu unterwerfen, ist es für Boehm icht getan.

 

"Satzungen und Formeln", so Kant, "sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit"

 

Die Definition Kants, auf die es Boehm eher ankommt, läuft darauf raus, dass die schädlichste Form der Unmündigkeit nicht einfach Nichtdenken oder das Delegieren des eigenen Denkens ist, sondern eine Denkweise, "bei der wir unseren Verstand auf tote oder mechanische Weise" gebrauchen: "Satzungen und Formeln", so Kant, "sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit."

 

In Bezug auf die Frage, was dies nun für Boehms Rechtfertigung seines radikalen Universalismus bedeutet, wird es

dann allerdings wieder heikler. Denn Boehm schließt sich Kants Überzeugung an, dass Aufklärung und Selbstdenken dieser anspruchsvollen Art - angesichts der Gefahr einer Tyrannei der Mehrheit - doch wieder erst durch einige wenige erreicht werden muss, deren Beispiel dann gefolgt werden kann. Das aber, Boehm sieht es sofort, ist nichts anderes als eine Form von Prophetie, die Vermittlung von Wahrheit durch Auserwählte. Und war und ist das nicht genau die Art von Kommunikation, die die Aufklärung gerade überwinden wollte?

 

Omri Boehm: Radikaler Universalismus - Jenseits von Identität.

Aus dem Englischen von Michael Adrian.

Propyläen Verlag, Berlin 2022. 155 Seiten, 22 Euro.

 

Was nun? Boehm versucht eine neue Definition dessen, was wir unter Prophetie verstehen sollten. Motto: Wenn die Begriffe nicht passen, haben wir sie bisher nur falsch verstanden. Nach einer schwungvollen Lektüre des Dekalogs und der Geschichte von Abrahams Opferung seines Sohnes Isaak (Genesis 22, 1-19) sowie von Maimonides' Interpretation der beiden Bibelstellen in seinem Buch "Führer der Unschlüssigen" steht für Boehm fest: Die höchste Form der Prophe-tie ist nicht die von Mose, der den Menschen einfach Gottes Gesetz verkündet, sondern die Abrahams.

 

Die übliche Deutung der Opferung Isaaks geht von einem frommen Abraham aus, der bereit ist, seinen Sohn zu opfern und dann von einem Engel aufgehalten wird. Soll heißen: Der Wille ist Gott genug, die grausame Tat ist nicht nötig. Boehm betont dagegen textkritisch, dass die Engelstelle später hinzugefügt wurde. Lässt man sie weg, trifft nicht mehr Gott die Entscheidung, Isaak am Leben zu lassen und stattdessen einen Widder zu opfern, sondern Abraham selbst.

Für Boehm gehorcht er an dieser Stelle einer moralischen Autorität, die noch über Gott steht: der Gerechtigkeit.

 

Das Beharren darauf, so Boehm, "dass die Gerechtigkeit jede Autorität übersteigt", sei Abrahams ganz eigene

Neuerung

 

Das Beharren darauf, so Boehm, "dass die Gerechtigkeit jede Autorität übersteigt", sei Abrahams ganz eigene Neue-rung. Mithin bestehe die wesentliche Behauptung und entscheidende geistige Innovation des ethischen Monotheismus auch nicht darin, dass es nur eine einzige wahre Gottheit gebe, sondern eben darin, dass "selbst diese einzig wahre Gottheit dem Moralgesetz unterworfen" sei. Anders gesagt: Die Bibel hat mit Boehm eine universelle Idee des Men-schen als einem Wesen, das für das "absolute Gesetz" offen ist, für das es aber keinen Gott mehr braucht, nicht mal

nur einen einzigen. Man muss nicht gläubig sein, um das für erstaunlich zu halten.

 

Trotzdem bleibt auch dem wohlwollenden Leser der Eindruck, dass das Buch höchstens nur ein halbes ist. Der Versuch, originell und mutig gegen den grassierenden Partikularismus - die dunkle Seite der Identitätspolitik ­- zu argumentieren, ist ehrenwert und nötig. Eine so stichfeste Begründung für den "radikalen Universalismus", wie Böhm zu liefern vorgibt, gelingt ihm aber leider nicht.

 

Der Vorrang der Wahrheit vor der Demokratie rede Fanatikern das Wort, bemerkten Kritiker

 

Die (stark von Kant inspirierte) Idee, einer metaphysischen, vollkommenen Idee von Gerechtigkeit in uns und über uns allen ist sehr schön, bleibt letztlich aber doch einen Hauch zu nebulös. Und ein klassischer Fehlschluss von einem Sollen auf ein Müssen. Man könnte umgekehrt einwenden: Merkwürdig aufwendige Systeme wie Glauben, Religion oder der Rechtsstaat hat man sich gerade deshalb ausgedacht, um Gerechtigkeit ethisch plausibler und faktisch zwingender erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich ist!

 

Eher säkular-soziologisch gestimmte Kritiker haben Boehm entsprechend vorgeworfen, mit der Rechtfertigung eines Vorrangs der Wahrheit vor der Demokratie dem Fanatismus das Wort zu reden. Immerhin implizit in Kauf nimmt er ihn, kein Zweifel. Im Auftrag der wahren Gerechtigkeit muss in Boehms Logik alles erlaubt sein. Andererseits ist philo-sophisches Denken nun einmal nicht so intersubjektiv orientiert wie soziologisches.

 

Vor allem aber gerät aus dieser Perspektive ein interessanter und zeitdiagnostisch relevanter Impuls des Buchs völlig aus dem Blick: Boehm will gegenüber dem Recht die Pflichten wieder stärker machen, die Menschen haben. Dabei will er allerdings weder - das ist ihm zu konservativ - traditionalistisch argumentieren noch liberal-demokratisch. Westliche liberale Demokratien sind für ihn - hier ist er sich mit identitären Linken einig - "für immer auf der gewaltsamen Unter-drückung anderer gegründet".

 

Sein radikaler Universalismus soll ein ganz anderer Weg sein, ein neuer alter guter Grund für Gerechtigkeit. Und die einzige nicht-nihilistische Möglichkeit, die Gegensätze, die entstehen, wenn alle auf ihre Identitäten bestehen und die andere Seite dann nur noch "gecancelt" sehen wollen, aufzulösen. In seinem Kern ist das so scharfsinnige und tempera-mentvolle Buch, mit dem sich Boehm zwischen alle Stühle setzt, vor allem der zutiefst humanistisch motivierte Versuch, die Menschen ideell wieder auf die "absolute Liebe zur Menschheit" zu verpflichten, indem es daran erinnert, wie alt dieser Gedanke ist. Das ist - theoretisch jedenfalls - das Gegenteil von Fanatismus. Aber natürlich auch halsbreche-risch schwärmerisch.

 

https://www.sueddeutsche.de/kultur/omri-boehm-radikaler-universalismus-identitaetspolitik-1.5657989

 


 

Omri Boehm: Radikaler Universalismus

 

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 19.09.2022

 

Omri Boehm: Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität

Propyläen Verlag (Berlin) 2022. 176 Seiten. ISBN 978-3-549-10041-7.

D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 24,90 sFr.

 

Konkretisierung versus Nihilismus

 

Die universalistische, aufgeklärte Idee, wie sie in der von den Vereinten Nationen 1948 proklamierten Menschenrechts-deklaration zum Ausdruck kommt – „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ – ist gültig; obwohl vorher und nachher, bis heute, die Menschen sich ego-, ethnozentristisch, faschistisch, rassistisch und populistisch verhalten: „Das Problem mit dem universalistischen Projekt der Aufklärung besteht nicht darin, dass es gescheitert ist, sondern dass man es überhaupt versucht hat“.

 

Es sind Fragen, Querverweise und Ideologien, die ein ernsthaftes Nachdenken und Realisieren eines „universellen Humanismus“ be- und verhindern. Es sind die Ungewissheiten und Ignoranzen, die ein erdbewusstes, rechtliches Denken, Handeln und Identitätsbilden gefährden. Konstrukte und Halteseile für ein radikales, universales Bewusstsein liegen vor; etwa die Kantische Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen

 

(vgl. z.B. dazu auch: Oskar Negt, Politische Philosophie des Gemeinsinns, Bd. 2: Philosophie und Gesellschaft.

Immanuel Kant, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27114.php).

 

Entstehungshintergrund und Autor

 

Das Menschenrecht als das höchste, globale Gut, kann nur wirksam werden, wenn die Aktions- und Reaktionsweisen

der Menschen – Anpassung und Widerstand – funktionieren. Wir bewegen uns in dem Dilemma, das der US-amerikanische Essayist Jim Holt mit der philosophischen Detektivgeschichte: „Gibt es alles oder nichts?“ anreißt (2014). Weil der Mensch (nämlich) ein unvollständiges, verletzliches Lebewesen ist (Angela Janssen, 2018), ist es wichtig zu erkennen, dass sich (nach Spinoza) „alles in der Natur mit blinder, logischer Notwendigkeit abspielt“. Der israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm von der New School for Social Research in New York plädiert (trotzdem) für einen „radikalen Universalismus“.

 

Aufbau und Inhalt

 

Angesichts der gesellschaftlichen Zerrissenheit, wie sie sich z.B. in den USA in den politischen Auseinandersetzungen

um Konservativismus und Modernität, um Geschichtsbewusstsein und -deutung vollzieht, wie sie sich durch die Aufkündigung von demokratischen, freiheitlichen Strukturen durch Putins Krieg in der Ukraine und Infragestellungen von Menschenrechten, durch rassistische und populistische Tendenzen überall in der Welt ereignet, bedarf es eines intellektuellen Hau-Rucks, um eine wahrhaftige Identitätsbildung der Menschen zu erreichen. Wie kann dies gelingen?

 

Omri Boehm versucht dies mit einem philosophischen, historischen, anthropologischen Dreischritt: Den ersten bezeichnet er als „Kainsmal“, mit dem verbrecherischen, in der Zeit jedoch „selbstverständlichem“ Denken und Handeln des Sklavenhandels, der Macht, die Macht macht, und der Suche nach Alternativen, wie sie von Denkern und Philo-sophen der Vergangenheit gedacht wurden: Nietzsche, Kant, Thoreau, Lincoln, Martin Luther King…

 

Im zweiten Schritt geht es um „Wahrheit als Volksfeind Oder der Vorrang der Philosophie vor der Demokratie“. Weil nämlich Wahrheit sowohl die Erfindung eines Lügners sein kann (Heinz von Foerster/Bernhard Pörksen, 2011), als sich auch als Fakt oder Fake News darstellt. Hier kommen wir wieder zu Kant und zu den Apologeten kantischen Denkens: „Wer bin ich?“ – „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“. Es sind die Auseinandersetzungen zwischen dem Absolutismus und dem Liberalismus (John Dewey), die sich im „Ich“ und „Wir“ manifestieren: „Für wahre Universalisten ( ) sollte das ‚Wir‘ nie der Beginn von Politik sein; es kann lediglich ihr niemals endgültiges Resultat sein“.

 

Mit dem dritten Schritt setzt sich Boehm mit der eigentlichen Herausforderung auseinander: „Die Abrahamitische Unterscheidung Oder Was Aufklärung ist“. Die erste philosophische, kantische Antwort: Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Es ist also nicht Schicksal oder genetische Anlage, sondern Selbstdenken.

Es wird gefordert und gefördert durch Denker, wie z.B. Mose ben Maimon, des Gesetzeslehrers und Philosophen Maimonides, der vor mehr als 1000 Jahren das griechische mit dem jüdisch-christlichen Denken zusammenbrachte: „Nichts kann Autorität über die Gerechtigkeit beanspruchen. Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz“. Es ist die Adorno-sche Diktion, dass es kein richtiges Leben im falschen geben könne.

 

Diskussion

 

Boehms philosophische Reflexionen und Analysen darüber, wie ein radikaler Universalismus humane, lebbare Identitäten hervorbringen kann, gründen auf seinen US-amerikanischen, gesellschaftlichen Erfahrungen, seinen Auseinandersetzungen mit den historischen und ideologischen Entwicklungen, und auf den jüdisch-christlichen Fundamenten in den USA und Europa. Ob es an den Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche liegt, oder ob Omri Boehms Diktion und Begriffsbildungen an manchen Stellen beim Leser Irritationen und Missverständnisse erzeugen,

ist eine Frage. Sie schmälert nicht das Verdienst des Autors, mit seiner Analyse über radikalen Universalismus fragend und argumentierend auf die lokale und globale, kontroverse wie vereinfachende Identitätsdebatte einzuwirken.

 

Wenn der Autor von der „Ideologie der Identität“ spricht, will er darauf verweisen, dass es notwendig und für ein freiheitlich-demokratisches Leben unverzichtbar ist, politische Meinungen, Programme und Strukturen kritisch zu hinterfragen: „Während wir in eine Epoche eintreten, in der wir die westliche liberale Demokratie … zu stärken und den Aufstieg rechtsextremer Politik und eines ethnischen Nationalismus zu bekämpfen haben, zugleich mit globalen Katastrophen und Migrationswellen konfrontiert sind, macht es einen Unterschied, ob wir an der Idee des universellen Humanismus als einen Kompass, sogar als einer Waffe festhalten, oder ob wir eine Gesellschaft hervorbringen, in der diese Idee verspottet oder verachtet wird“.

 

Fazit

 

Die verschwommenen lokalen und globalen Relativierungen und Rechtfertigungsversuche über die Einschätzungen, Wirkungen und Bewertungen der menschengemachten bipolaren, scheinbar „logischen“ und „konsequenten“ (kapita-listischen) Weltordnung, haben sich in der globalisierten Welt ad absurdum geführt. Ein radikaler Universalismus kann aus dem Dilemma herausführen: „Nur ein Gesetz oder eine Wahrheit, die unabhängig von menschlichen Konventionen (und Egoismen, JS), ist universell“.

 

Rezension von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer; Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim

 

https://www.socialnet.de/rezensionen/29631.php

 


 

Wahrheit für alle

 

Der Philosoph Omri Boehm verteidigt in seinem Buch "Radikaler Universalismus" die Ideen Kants

gegen rechte und linke Feinde.

 

Rezension von Thomas Assheuer am 12. September 2022 in der ZEIT; Nr. 37/2022

 

Es gibt einen konservativen Evergreen, der ist kurz und schlicht und stimmt irgendwie immer. Die Gesellschaft,

so tönt er, hat die Tradition verraten, die Wahrheit der Überlieferung. Wenn die liberale Freiheit sich an nichts

Höheres bindet, dann bleibe ihr nur der niedere Wille zur Macht. Der nackte Egoismus, das Hauen und Stechen.

 

Auch der Philosoph Omri Boehm findet das nicht ganz falsch. Tatsächlich seien liberale Gesellschaften im Begriff,

die Wahrheit zu verraten, wenngleich eine ganz andere als die, die Konservativen vorschwebt: Sie verraten die "einzig mögliche Quelle" ihrer Politik, die unbedingte Pflicht zu Gerechtigkeit und Gleichheit – den moralischen Universalismus. Wirkliche Freunde, schreibt Boehm, habe dieser schon lange nicht mehr gehabt, stattdessen wimmele es überall von falschen Universalisten. Scheinheilig beschwören sie die Menschenrechte – und meinen westliche Vorherrschaft. Pathetisch (und zu Recht) verteidigen sie Israel – und wollen vom Unrecht an den Palästinensern nichts wissen.

 

Im Vergleich zu diesen Heuchlern sind Identitätslinke und postkoloniale Theoretiker ehrliche Menschen. Ganz unver-hohlen, so Boehm, wetteiferten sie mit der globalen Rechten darum, "wer am schnellsten den abstrakten Universalis-mus durch konkrete Identität ersetzt". Das Wort Menschheit komme ihnen nicht über die Lippen, die Träume der amerikanischen Gründungsväter oder die eines Martin Luther King ließen sie kalt. Warum? Weil für Rechte wie für postkoloniale Linke das Problem nicht darin besteht, dass das universalistische Projekt der Aufklärung gescheitert ist, "sondern dass man es überhaupt versucht hat". Und während die Rechte erfolgreich ihren Heiligen Krieg gegen die Demokratie führt, verheddere sich die Linke in endlosen Debatten über Gender- und Critical-Race-Theorien. Die Rein-heit von Aussagen sei ihr wichtiger als deren Wahrheit, sie wolle nur noch wissen: "Wer spricht und mit welchem

Recht?" Einem Michel Foucault oder einem Roland Barthes wäre das obszön vorgekommen.

 

Radikaler Universalismus – Jenseits von Identität heißt das Buch des 43-jährigen Philosophen, und das Wort radikal darf man ernst nehmen, auch was den Umgang mit seinen philosophischen Gegnern angeht. Fast die komplette Ehrentribüne des Liberalismus wird von ihm abgeräumt, angefangen von Oliver Wendell Holmes Jr. über John Dewey, John Rawls bis hin zu Richard Rorty. In Boehms Augen sind es allesamt Denker, die aus Furcht vorm geistigen Bürger-krieg die Idee einer absoluten Wahrheit ausgemustert und durch wachsweiche Formeln ersetzt haben. Während der große Thomas Jefferson, Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, noch an "eine abstrakte Wahrheit" glaubte, "die für alle Menschen zu allen Zeiten gilt", glaubten kleinmütige Liberale bloß noch an das volatile "Wir" der nationalen Gemeinschaft, an Konsens und Meinung. Nur Jürgen Habermas will Boehm ausnehmen; dieser habe ein untrügliches Bewusstsein davon, dass die Religion eine Wahrheit aufbewahrt, die sich der vollständigen Übersetzung

ins Profane widersetzt – die Wahrheit des Universalismus.

 

Liberale bestehen auf dem Vorrang der Demokratie vor der Wahrheit und schreiben so schöne Sätze wie: "Kümmert euch um die Freiheit, dann kümmert sich die Wahrheit schon um sich selbst" (Richard Rorty). Für Boehm ist das eine Illusion. Die Wahrheit komme nicht freiwillig angeflogen, vielmehr müsse sich die Freiheit aktiv an ein Unbedingtes binden, sonst verkomme der Liberalismus zu dem, was er heute vielfach schon ist: zum Kampfplatz partikularer Interessen. "Nur ein Gesetz oder eine Wahrheit, die unabhängig von menschlichen Konventionen ist, ist universell."

 

Klar, das klingt nach Immanuel Kant, und tatsächlich ist er Boehms Gewährsmann, besser gesagt: Er ist sein Held. Gerade noch rechtzeitig habe dieser Revolutionär die Bühne betreten – und zwar in dem Moment, als die Aufklärer begannen, mit Kolonialherren gemeinsame Sache zu machen. In der Tat besaß Kant eine gute Witterung dafür, dass

der Rationalismus der Aufklärung genauso gut in Antihumanismus und Positivismus enden konnte, auch in Aber-glauben, Spökenkiekerei oder was auch immer. Aus diesem Grund, so Boehm, habe er dem Vernunftglauben die

Flügel gestutzt und dem moralischen Universalismus wieder den ihm gebührenden Platz eingeräumt. Es war Kant,

der die erste Kritik der nachmetaphysischen Aufklärung verfasste, und für Boehm gilt sie noch immer: Wer – wie viele postkoloniale Studien – keine abstrakte Idee vom Menschen habe, der könne nicht einmal begründen, was am Rassis-mus konkret falsch sein soll.

 

Boehm bewundert Kant auch deshalb, weil er (neben Maimonides) einer der Wenigen ist, der die jüdischen Propheten so verstanden hat, wie sie verstanden werden müssen. Das gelte vor allem für die Urszene der Hebräischen Bibel, für die Opferung Isaaks. Die übliche Deutung lautet bekanntlich, dass Abraham, fromm wie er ist, sich Gottes Befehl unter-wirft und bereit ist, seinem nichtsahnenden Sohn die Kehle durchzuschneiden. Tatsächlich, so Boehm, stimmt das Gegenteil. In Wahrheit gehorche Abraham gar nicht, sondern protestiere gegen Gott, so wie er schon gegen die Zer-störung von Sodom und Gomorrha protestiert habe. Wer die Stelle genau lese, dem werde klar, dass der Engel, der Abraham in den Arm fällt und Isaak rettet, erst später hinzugefügt wurde, die Szene passe weder dramaturgisch noch rhetorisch zur Geschichte. Mit einem Wort: Es ist Abraham selbst, der die himmelschreiende Ungerechtigkeit der grausamen göttlichen Prüfung erkennt und lieber einen Widder als seinen Sohn schlachtet. Aus freien Stücken, so Boehm, handelt er im Sinne einer absoluten Gerechtigkeit, die "nicht nur über der irdischen Autorität von Königen

steht, sondern auch über der Autorität der einen wahren Gottheit."

 

Es klingt seltsam, aber schon Abraham ist für Boehm ein modernes Subjekt, ein Mensch in der Revolte. Der Uner-schrockene "wagt es, Gottes Autorität auf der Grundlage der universellen Gerechtigkeit zu widersprechen", seine "Menschlichkeit verdankt sich dem Bewusstsein eines absoluten Gesetzes". Geistesgeschichtlich ist das spektakulär,

und so besteht für Boehm die eigentliche Revolution des Monotheismus nicht in der mosaischen Unterscheidung

von wahrem Gott und falschen Göttern. Nein, sie besteht im ethischen Ungehorsam, in der Pflicht zur Gerechtigkeit

als der "wahren Bedeutung des Glaubens". Abraham hatte kein Recht zu gehorchen, er versöhnt Freiheit und Wahrheit. Kurzum, wer heute ein Ideal für die verfeindete Weltgesellschaft sucht: Die jüdischen Propheten haben es gefunden. Abraham ist der "Vater aller Nationen".

 

Omri Boehm lehrt Philosophie an der New School for Social Research in New York, er besitzt sowohl die deutsche als auch die israelische Staatsbürgerschaft. Sein Radikaler Universalismus ist der Idealfall einer intellektuellen Einmischung; sie ist dicht geschrieben und trotzdem von großer Klarheit, nur die Pauschalbehandlung der postcolonial studies und die bemerkenswert unfreundliche Kritik an Richard Rorty strapazieren das Wohlwollen des Lesers. Die subtile Polemik, mit der Boehm an den großartigen Anfang des Universalismus erinnert, verdankt sich zweifellos der Befürchtung, dass es mit dem Westen bald zu Ende geht und dieser tun werde, was er schon so oft getan hat: Er wird seine Prinzipien ver-raten und – diesmal unwiderruflich – seine Gründungsideale preisgeben. Was Religionshasser dann als "emanzipator-ischen Fortschritt der säkular aufgeklärten Moderne" feiern werden, ist für Boehm eine Katastrophe. Übrig bliebe nur die "Religion" der Macht. Übrig bliebe der Nihilismus eines Donald Trump.

 

Für Ideale, erst recht für transkulturelle, gilt, dass sie recht schön in der Sonne glänzen und bis zum Jüngsten Tag auf ihre Verwirklichung warten. Boehm kennt den Einwand – und widerspricht. Für ihn ist Israel das Land, das der Welt demonstrieren kann, wie man den Universalismus mit Leben füllt. Dafür müsste die israelische Regierung den ersten Schritt tun und zusammen mit den Palästinensern eine Einstaatenlösung realisieren, in der "der Widerspruch zwischen jüdischem Staat und Demokratie" aufgehoben ist. Genau an dem Ort, wo die biblischen Propheten vor zweieinhalb-tausend Jahren mit der archaischen Gewalt gebrochen und die Hoffnung auf Gleichheit und Gerechtigkeit in die Welt gesetzt haben.

 

Omri Boehm: Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität;

aus dem Englischen von Michael Adrian;

Berlin: Propyläen 2022; 176 S.

22,– €, als E-Book 18,99 €

 

https://www.zeit.de/2022/37/radikaler-universalismus-omri-boehm-philosophie-rezension