Identitätspolitik

 

Deutsch sein ist eh ganz blöd

 

Seran Ates - CICERO ONLINE  am 15. August 2019

 

Als Tochter eines Kurden und einer Türkin wehrt sich Seyran Ates dagegen, auf ihren „Migrationshintergrund“ reduziert zu werden. Noch mehr ärgert sie jedoch der linke Reflex, Muslime als unterdrückte Minderheit zu beschützen. Religionsfreiheit, fordert sie, müsse auch Grenzen haben:

 

 

Das ist schon so eine Sache mit der Identität. Wie sieht es 2019 mit der Identität der Menschen, die keinen urdeutschen Hintergrund haben aus? Die erste Generation aus den Anwerbeländern wurde Gastarbeiter genannt und Ausländer. Jahr für Jahr, als man sah, dass sie nicht so schnell in ihre Heimatländer zurückkehren, wurden andere Bezeichnungen gesucht und gefunden. Heute sind wir bei den Begriffen „Menschen mit Migrationshintergrund oder Migrations-geschichte“ angekommen. Irgendwie muss man ja die Menschen bezeichnen, die unter das Zuwanderungsgesetz fallen.

 

Merkwürdigerweise aber auch dann noch, wenn sie inzwischen ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Seit 9/11 werden alle Menschen aus islamischen Ländern als Muslime wahrgenommen und bezeichnet. Nun, es mag eine Form des Respektes sein, Menschen mit ihrer Identität wahrzunehmen. Aber, ist es nicht auch eine gewisse Arroganz die Identität „der Anderen“ bestimmen zu wollen und sie ausschließlich mit einer ganz bestimmten Identität gleichzusetzen, während man beispielsweise für sich als Urdeutschen und Europäer in Anspruch nimmt, viele Identi-täten zu besitzen?

 

Mehr als nur eine Identität

 

Wie oft habe ich bei Diskussionen über Identitäten von Urdeutschen den Satz gehört, dass sie nicht auf eine Identität reduziert werden wollen. Sie wollten als Mutter, Vater, Single, Mann, Frau, Trans, Vegetarier, Veganer, Fußballfan oder Fahrradfahrer wahrgenommen werden und nicht nur als Deutscher. Im Unterton hört man meistens ganz laut: Deutsch sein ist eh ganz blöd.

 

Aber wenn es um Zuwanderer und Muslime geht, dann bestehen gewisse Urdeutsche, vor allem solche mit sogenan-nten liberalen und linken Ansichten, darauf, die Zuwanderer nicht nur hauptsächlich mit ihrer Zuwanderungsidentität wahrzunehmen. Sie tun alles dafür, damit diese „armen Menschen“, die vom Westen grundsätzlich als unterdrückt wahrgenommen werden, darin zu unterstützen, ihre Identität als Türken, Kurden, Muslime, Araber, Geflüchtete und so weiter zu bewahren. Egal oder gar unabhängig davon, ob deren Traditionen mit den Menschenrechten vereinbar sind.

 

Hype um Kurden

 

Die größte zu schützende Identität von Minderheiten scheint inzwischen die Identität als Muslim zu sein. Interessant ist dabei, dass Menschen, die es in ihrem eigenen Lager zur politischen Überzeugung gemacht haben, Religionen zu bekämpfen, plötzlich die Religion „Islam“ für sich als die schützenswerteste aller Identitäten der Anderen, der Minder-heiten entdeckt haben.

 

In den 70er und vor allem in den 80er Jahren gab es einen großen Hype um Kurden. Kurden, die vor allem aus der Türkei stammten, waren die coolsten der Ausländer, die größten Opfer, um die man sich als guter Linker und Liberaler kümmern musste. Mein Vater war ein assimilierter Kurde. Meine Mutter ist eine Türkin. Ich habe hautnah erlebt, wie Kurden in der Türkei unterdrückt, diskriminiert und als Menschen zweiter oder dritter Klasse behandelt wurden und heute noch werden.

 

Ich weiß aber auch, dass Kurden ein sehr stolzes, archaisches und patriarchales Volk sind. Sie sind zudem nicht alle per se gute Menschen, weil die Kurden insgesamt schlecht behandelt wurden und werden. Auch unter Kurden gab es und gibt es häusliche Gewalt, Zwangsheirat und Ehrenmorde. Auch in Deutschland. Meine linken und liberalen urdeutschen Freund*innen wollten in den 80er und 90er Jahren nichts oder nicht viel davon wissen. Sie machten sich Sorgen, dass man Rechten Argumente gegen Ausländer geben würde. Sie wollten verhindern, dass Ausländerfeindlichkeit geschürt wird, wenn man über Frauenfeindlichkeit und Menschenrechtsverletzungen, gar über Rassismus unter Türken und Kurden öffentlich berichtete. Es galt vielmehr die Identität der Türken und Kurden zu schützen. Eine deutsche Identität würden sie hingegen niemals schützen wollen.

 

Linke Identität

 

Ich sah mich immer als Person, die für Menschen- und Frauenrechte, gleiche Bildungschancen und gegen Diskrimi-nierungen in der Gesellschaft ebenso eintritt wie gegen soziale Ungerechtigkeiten und gegen eine soziale Ordnung, die ausschließlich materiellen Zwecken genügen sollte. Für viele Jahre habe ich mich selbst als „links“ definiert und ich dachte, dass das beherzte Vertreten der oben genannten Positionen wohl auch „links“ sei.

 

Im Laufe der Zeit musste ich jedoch feststellen, dass sich zwischen dem, was ich als als linke Position verstehe und dem, was linke Politik in der Realität bedeutet, eine Kluft geöffnet hat. Die historischen Errungenschaften linker Bewegungen sind nicht zu leugnen, aber es hat sich bedingt durch den eigenen Erfolg eine gewisse Saturiertheit breit gemacht. Linken Bewegungen ist gewissermaßen die Revolution abhanden gekommen. In Ermangelung großer Ziele und unter zunehmendem Druck wurde klar, dass linke Politik neue Aufgaben braucht.

 

Opfer der „Ausländerfreunde“

 

Man setzte auf bewährte Rezepte. Man verlieh „marginalisierten“ oder stigmatisierten Gruppen politisches Gewicht, um den Stimmlosen eine Stimme zu geben, über die sie selbst nicht verfügten. Damit erreichte man bis dato weitgehend unsichtbare Gruppen und erschloss neue politische Segmente – eine Lobby für Minderheiten nach gewissen Merkmalen sozusagen – oder das, was man gemeinhin unter Identitätspolitik versteht. In den 80er und 90er Jahren wurden solche Linke übrigens in bestimmten Migrantenkreisen abfällig „Ausländerfreunde“ genannt. Sie benutzten uns „Ausländer“ zur eigenen Befriedigung, mangels eigener Identität.

 

Einer der vielen Kardinalfehler der Linken war meines Erachtens, dass im gleichen Schritt die wichtigen ideologischen Fundamente linker Bewegungen zu weit aus dem Fokus rückten. Man entschied sich – bewusst oder nicht – für den „Reflex“, die Auflehnung, den Kampf, der aber niemals Selbstzweck sein sollte, und man nahm offenbar in Kauf, dass man dadurch gewisse Inhalte verwässerte. Zudem etablierte sich zusehends eine gesellschaftliche Überzeugung, Ideen seien unverrückbar mit der ethnischen Herkunft und/oder religiösen Prägung verbunden. Identität scheint wichtiger als Weltbilder, Gruppenzugehörigkeit wichtiger als Gedankenfreiheit. Die Universalität der Menschenrechte wurde zum Schutz der Identität der Minderheiten infrage gestellt. Heute heißt es in manchen linken Kreisen, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte müsse nicht für Muslime gelten, weil sie eine andere kulturelle Identität hätten.

 

Das Kopftuch als modisches Accessoire

 

Und so kann oder konnte es geschehen, dass sich heute manche linke Parteien paradoxerweise genau für jene Posi-tionen einsetzen, gegen die sie einst so beherzt ankämpften. Nur so ist es zum Beispiel erklärbar, wenn einstige pro-gressive Linke, die das Kopftuch als Symbol des politischen Islam und der Unterdrückung und Kontrolle des Körpers und der Sexualität der Frau ansahen (was es meiner Meinung nach mehrheitlich auch ist), es heute als modisches Accessoire und als positiven Teil der kulturellen Identität muslimischer Frauen bejubeln.

 

Die unvermeidliche Konsequenz dieses rückschrittlichen Denkens ist eine Lagerbildung entlang imaginierter Gruppen: Wer nicht für Gruppe x ist, muss gegen sie sein und verdient, folgerichtig, die gesellschaftliche Ächtung. Wer es also wagt, öffentlich gegen den Islam (oder wie in meinem Fall: gegen seine illiberalen Ausprägungen) anzuschreiben, der verdient es, an den Pranger gestellt zu werden. Hinzu kommt die gerade recht moderne Auffassung, „der Westen" führe mit jeder Handlung sein koloniales Erbe fort und missbrauche seine Freiheit bloß, um weltweit Muslime zu unter-drücken. Der Gehirnakrobatik sind keine Grenzen gesetzt, um die guten Muslime gegen den bösen Westen zu ver-teidigen. Da wundert es auch nicht mehr, wenn die Burka von gewissen Gender-Ikonen als das größte Freiheitssymbol gefeiert wird, welches Teil der Identität der muslimischen Feministinnen sei.

 

Ich möchte in diesem Beitrag bewusst nicht auf die Auswüchse der rechten Identitätspolitik eingehen. Sie ist leider eine unappetitliche Konsequenz der Identitätspolitik des linken Lagers.

 

Das Phänomen der muslimischen Identitätspolitik

 

Berlin-Tempelhof, an einem Sonntag im August. Ein Treffen der Neuköllner Begegnungsstätte (NBS) – offenbar gibt es eine Nähe zur Muslimbruderschaft, sagen informierte Kreise, die NBS selbst bestreitet dies vehement. Grün Berlin stellt für ein Open Air Gebet eine Rasenfläche zur Verfügung: auf dem Tempelhofer Feld. Bei der Versammlung sind 1.000 Muslime, hübsch nach Männchen und Weibchen getrennt, anwesend. Sollte Geschlechtertrennung als Teil der Identität von Muslimen akzeptiert werden? In der Moschee, oder im öffentlichen Raum? Macht das einen Unterschied? Ist es antimuslimisch, wenn man diese Trennung nach Geschlecht kritisiert?

 

Und: Wo wir schon über Männer und Frauen sprechen: Was ist denn die „Natur der Frau“ und was die „Natur des Mannes“? In vielen Islamischen Lehrbüchern, die in diversen islamischen Bildungszentren in Deutschland Verbreitung finden, ist zu lesen, dass es in der Natur der Frau liege, für Haus und Familie zu sorgen. Bei den Katholiken hieß das Kinder, Küche, Kirche. Gottgewollt und naturgegeben. Ist es zu akzeptieren, dass Männer Frauen mit dem Verweis auf ihre religiöse Identität den Handschlag verweigern?

 

Die Büchse der Pandora

 

Wenn wir diese Diskussion zu Ende führen und gegenüber scheinbar homogenen Gruppen wie „den Muslimen“ diverse Türen öffnen, um von wesentlichen Bausteinen der europäischen Rechtsstaaten abzuweichen, dann tun wir weder diesen Musliminnen und Muslimen etwas Gutes, noch tragen wir zu deren Integration bei. Nein, wir öffnen die Büchse der Pandora, und wir stellen zentrale politische Errungenschaften Europas in Frage.

 

Vor wenigen Tagen gab es einen medialen Aufschrei, als eine islamische Gruppierung, wohl ebenfalls der Muslim-bruderschaft nahestehend, in München auf der Homepage einen Text mit Bezug auf den Koran über das „Schlagen der Frau“ veröffentlicht hatte. Was mich irritiert: Warum fällt das jetzt erst auf? Diese und andere Einrichtungen verbreiten solche Texte seit mehr als 30 Jahren:

 

Schritt für Schritt zum konservativen Islam

 

Ich beobachte, dass wir in unserer Gesellschaft zu vielen Gruppen mit problematischem Rechtsverständnis zu viel Gewicht einräumen, nur weil diese gut finanziert oder gut organisiert sind. Dieser Raum wird natürlich genutzt, und so verschiebt sich täglich die Grenze dessen, was als gesellschaftlich akzeptiert gilt, ein Stückchen weiter. Es verschiebt sich auch das Bild dessen, was als „islamisch“ gesehen wird, weil eben diese Gruppen eine klare Vorstellung davon haben und anderen ihr Wertebild aufzwängen wollen. Das wirft einerseits „die Muslime“ in einen Topf, was bedauerlich ist, andererseits entstehen dadurch Rollenbilder.

 

In Frankfurt gibt es zum Beispiel ein Europäisches Zentrum für Humanwissenschaften. Dieses Zentrum soll sowohl mit dem erwähnten Zentrum in München als auch mit den Veranstaltern des Open Air Gebets in Neukölln in Verbindung stehen. Dieses Zentrum ist eine Art ideologische Kaderschmiede und vermittelt ein Weltbild der Muslimbrüder. Ein Weltbild, bei dem in Deutschland eigentlich alle Alarmglocken schrillen sollten. Das Zentrum ist europaweit vernetzt und bildet Imame aus, beziehungsweisse dient als spirituelle Anlaufstelle im Westen.

 

Bedürfnis nach Schubladendenken

 

Seit der Gründung 2014 versucht es beharrlich, sich zu etablieren und trägt substanziell zur Definition dessen bei, was in Deutschland als „islamisch“ gesehen wird. Das ist problematisch, denn die führenden Personen sind Hardliner. In Fragen rund um Sexualität, Familie, Frauenrechte, Religion und Politik, wird man dort wenige Gemeinsamkeiten mit jenen Sichtweisen finden, die mittlerweile in ganz Deutschland akzeptiert sind. Das Resultat sind, wie erwähnt, Vor-kommnisse wie in München oder in Berlin-Tempelhof. Wir kritisieren in diesem Kontext häufig Resultate und ver-schließen die Augen davor, wo diese Entwicklungen beginnen.

 

Ich verstehe, dass wir in einer aufgeheizten Zeit leben. Es scheint das Bedürfnis nach Schubladendenken allgemein größer zu werden. Der Wunsch nach Simplifizierung führt zu stärkerer Polarisierung und Zuspitzungen von links wie von rechts. Mein Appell lautet daher an die gemäßigten Kräfte, denen die Errungenschaften der Nachkriegs-Bundesrepublik am Herzen liegen, sich möglichst rasch in den Diskurs einzuklinken.

 

Tacheles reden

 

Ich würde mir wünschen, dass all jene, die mir frustriert im Vertrauen von ihren Erlebnissen im Umgang mit Identitären, rechten Musliminnen berichten, ihre Stimme erheben und inakzeptable Vorgänge öffentlich thematisieren. Dann könnten wir immerhin in einen Dialog treten, denn wir müssen Mittel und Wege finden, wie wir Muslime einbinden, ohne sie als homogene Gruppe in einen Topf zu werfen und in Bausch und Bogen zu kritisieren. Ebenso müssen wir auch Wege finden, wie wir mit einschlägigen Einrichtungen in Frankfurt, München, Hamburg oder Berlin künftig „Tacheles“ reden können und ihnen klar die Grenzen dessen aufzeigen, was in Deutschland möglich ist.

 

Zu häufig sagen mir Politikerinnen und Politiker: „Wir sehen, was hier vor sich geht, aber wir sind machtlos“. Wenn wir weiterhin achselzuckend in der Beobachterrolle verharren, dann führt das auf Dauer nur zu Frustration bei den Menschen und zu einem Erstarken jener Kräfte, die mit radikalen Antworten aufwarten. Und dass dies kein Ziel sein kann, sollten wir aus unserer Geschichte wissen.

 

Seyran Ates arbeitet als Anwältin und Publizistin. Sie ist Gründerin der liberalen Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin.

 

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