Literatur

 

 

Gustav Eberlein, Goethe bei Betrachtung von Schillers Schädel
Gustav Eberlein, Goethe bei Betrachtung von Schillers Schädel

 


 

 

 

An die jungen Dichter

Lieben Brüder! es reift unsere Kunst vielleicht,
Da, dem Jünglinge gleich, lange sie schon gegährt,
Bald zur Stille der Schönheit;
Seid nur fromm, wie der Grieche war!

Liebt die Götter und denkt freundlich der Sterblichen!
Haßt den Rausch, wie den Frost! lehrt und beschreibet nicht!
Wenn der Meister euch ängstigt,
Fragt die große Natur um Rath. 


Friedrich Hölderlin

 

 


 

 

Das Wagnis

 

 

Über die Vielseitigkeit der Schrift.

 

Sie sind die Festungen der Freiheit, die Festräume der Fantasie, die Kraftwerke der Integration, sie machen uns zu Rebellen des Eigensinns: die Bücher, die Büchereien, die Bibliotheken. Und manchmal brennen sie, denn hier ist nicht nur das Erbauliche gelagert.

 

 

Doron Rabinovici - Die Presse, 06.11.2015

 

Sie sind die Festungen der Freiheit,die Festräume der Fantasie, die Kraftwerke der Integration, sie machen uns zu Rebellen des Eigensinns: die Bücher, die Büchereien, die Bibliotheken. Und manchmal brennen sie, denn hier ist nicht nur das Erbauliche gelagert. Über die Vielseitigkeit der Schrift.

 

In Polen lebte einst vor dem Krieg ein Bibliothekar. Nie hatte er eine Ausbildung genossen. Er, der Sohn eines einfachen Buchhalters aus Plock, war in seinen Beruf hineingewachsen. Er stieg zum Leiter der Grosser-Bibliothek in Warschau auf. Als die Wehrmacht einmarschierte, lehnte er das Visum für die USA, das ihm angeboten wurde, ab, denn er wollte auf seine Frau in Wilna, wohin er geflohen war, warten. Sie wurde jedoch von den Sowjets verhaftet. Herman Kruk sollte in Wilna, im Jerusalem des Nordens, zum Begründer der Ghettobibliothek werden. Zugleich begann er, eine Chronik des Ghettos zu schreiben. Er versteckte die Aufzeichnungen in dreifacher Kopie. Kruk wurde im September 1943 nach Estland deportiert, zunächst ins Arbeitslager Kooga, im Sommer 1944 nach Lagedi. Selbst dort setzte er sein Tagebuch fort. Am 17. September 1944, am Tag vor der Liquidierung desLagers und vor seiner Ermordung, schrieb Herman Kruk die letzten Sätze und vergrub seine Aufzeichnungen, die nach der Befreiung gefunden wurden. – Wozu mitten im Ghetto, während die Menschen hungern und sterben, einen eue Bibliothek errichten? Herman Kruk schrieb: „Wilna ertrank in jüdischem Blut. Da musste es doch ganz und gar weltfremd wirken, an Bücher und Lesen zu denken.“ Kruk schrieb: „Im Ghetto Bücher lesen – mit dieser Idee konnte kaum jemand etwas anfangen. So sah es jedenfalls am 8. September (1941) aus, als die Bibliothek beschlagnahmt wurde. Als aber die Bibliothek am 15. September für die Ghetto-Leser eröffnete, zeigte sich, dass die früheren Annahmen weit von der Wirklichkeit entfernt gewesen waren: Die neuen Ghettobürger drängten sich wie durstige Lämmer nach den Büchern. Die vielen schrecklichen Ereignisse konnten weder die Kinder noch einen Großteil der Erwachsenen abhalten.“

 

Am 13. Dezember 1942 wurde die Ausleihe des hunderttausendsten Buches gefeiert. Außenstellen im Gefängnis, im Jugendklub und in Fabriken mussten eingerichtet werden. Die Bücher wurden katalogisiert. Der Bestandfußte auf jenen Bänden der ehemaligen Bibliothek, die nicht von den Besatzern geplündert worden waren, doch die Sammlung wurde durch Werke aufgestockt, die ins Ghetto geschmuggelt werden konnten. Der Lesesaal war an sieben Tagen in der Woche geöffnet. Kruk schreibt: „Der Mensch erträgt Hunger, Not und Schmerz, aber nicht die Einsamkeit. Stärker noch als unter normalen Bedingungen ist er in Notzeiten auf Bücher angewiesen.“

 

Ist hierin auch der Grund zu finden, der meine Mutter, Schoschana Rabinovici, als Kind antrieb, im Ghetto und selbst im Lager Gedichte zu verfassen? Auf Packpapierfetzen schrieb sie, was ihr und den Ihren widerfuhr. Auf Jiddisch und in hebräischer Schrift.

 

Im Konzentrationslager Kaiserwald war es auch, wo sie, der von den Mördern das Deutsche buchstäblich eingebläut wurde, deutsche Lieder zu singen lernte. Jüdische Frauen aus Deutschland saßen mit ihr abends zusammen und lehrten sie alte Weisen, trugen ihr, mitten im KZ, die Lyrik der deutschen Klassik vor. Hier hörte sie Heines „Loreley“ zum ersten Mal und stimmte mit ein in die Strophen, obgleich sie wohl nicht darüber rätseln musste, was es bedeuten sollte, dass sie so traurig war. – Die Besinnung auf das Geistige war eine Strategie des Überlebens und ein Akt des Aufstands gegen die Vernichtung. Die Mörder hatten bereits im Ghetto die jüdische Erziehung verboten. Herman Kruk kämpfte dagegen an, und alle, die damals Bücher einschleusten, wagten für das Schmuggeln von Literatur nicht weniger als ihr Leben. Noch gefährlicher war jedoch, die Verbrechen festzuhalten, um von ihnen zu künden. Kruk war kein Partisan, doch an Mut fehlte es ihm, der Menschen und Bücher rettete, nicht. Allein die Arbeit im Archiv war ein Wagnis, dessen Entdeckung einem Todesurteil gleichgekommen wäre.

 

Die Massenmörder wollten die Opfer namenlos machen. Nichts sollte an die Toten gemahnen, und so wird, wer das Leid der Verfolgten nun ausblenden will, zum Komplizen der Untat. Die Partisanen hatten sich in ihrem zumeist aussichtslosen Kampf an die Nachwelt gewandt. Sie wollten zumindest im Gedächtnis der kommenden Generationen nicht ausgelöscht sein. Das Schreiben und das Archivieren waren von Anfang an Teil dieses Widerstandes, und nach dem Krieg waren es ehemalige Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen, die sich mühten, die Erinnerung aufrechtzuerhalten. So sind Widerstand und Erinnerung ineinander verschränkt.

 

Den Krieg gegen Literatur, die sie als jüdisch oder verjudet bezeichneten, begannen die Nazis bekanntlich bereits im Frühjahr ihrer Machtergreifung. Die Bücherverbrennungvom 10. Mai 1933 war eine Aktion der Deutschen Studentenschaft und der öffentliche Festakt zur Verfolgung aller jüdischen, marxistischen und pazifistischen Schriftsteller, ja, des kritischen Geistes schlechthin. Was in Berlin begann, sollte wochenlang in 22 Universitätsstädten fortgesetzt werden. Einzigartig war das Ritual der Barbarei, das überall, ob in Dresden, Rostock oder München, demselben Muster zu folgen hatte, doch Scheiterhaufen für Dichtkunst waren nichts Neues und werden auch heute noch errichtet. Sie brannten im Altertum, im Mittelalter und in der Neuzeit. Diese Hinrichtungen der Literatur wurden in China vollzogen, von der Kirche und von Königen angeordnet, doch auch von so manchen Revolutionären durchgeführt.

 

Der berühmte Satz von Heinrich Heine: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, er richtete sich nicht, wie oft angenommen, gegen das Autodafé am deutschnationalen Wartburgfest 1817, sondern entstammt seinem nur wenige Jahre später erschienenen Stück „Almansor“ und handelt von der Einäscherung des Korans nach der Eroberung des maurischen Granada durch christliche Ritter.

 

Im Namen der einen heiligen Schrift wurde die andere angezündet, und dieser Feuerkreis des Hasses ist bis in unsere Tage nicht durchbrochen. Unmöglich ist mir zu übergehen, wie in China immer wieder Bücher und andere Medien oppositioneller Gruppen vernichtet werden. Ebenso wäre es unverzeihlich, nicht an die Roten Khmer in Kambodscha zu erinnern, Bücher wurden abgefackelt und Lehrer ermordet, jedes Zeichen eigenständigen Geistes sollte getilgt werden. Ich denke an die Bücherverbrennung des Romans „Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie, 1988 erschienen, auch an die Fatwa gegen den wunderbaren Romancier und daran, wie sein italienischer Übersetzer Ettore Capriolo bei einem Messerangriff verletzt, der japanische Hitoshi Igarashi erstochen und der norwegische William Nygaard, angeschossen wurde.

 

1998 zerstörten die Taliban in Kabul die Druckerei, das Museum und die Bücherei der Nasir-i Khuschra Stiftung und ließen dabei nicht ein Werk übrig. Nicht einmal eine tausendjährige Ausgabe des Korans wurde verschont, denn die Eiferer der Heiligkeit lassen keine andere Lesart und keine weitere Darstellung zu. Die Auflistung der Bücherverbrennungen zieht sich wie ein roter Faden oder vielleicht eher wie eine Zündschnur durch die Geschichte. Verbrannt wurden etwa homoerotische Gedichte vom ägyptischen Kulturministerium, das Tagebuch der Anne Frank durch Neonazis, der Koran durchfundamentalistische Christen und immer wieder die Bibel in der Islamischen Republik des Iran.

 

Die Mörder der dschihadistischen Gruppe IS hassen indes alle Kultur. Sie feiern stolz das Zerstören von Bibliotheken, von Kirchen und von Monumenten. Sie schlachten Unbeteiligte vor laufender Kamera ab. Sie zeigen ihre Massenhinrichtungen auf Youtube. Sie brüsten sich mit der sexuellen Versklavung von Frauen. Sie zelebrieren Enthauptungen. Auf den Videos ist nicht nur zu sehen, wie sie Bücher verbrennen, sondern auch Menschen. Sie präsentieren der Presse Ausbildungslager für Kindersoldaten, als wären es Waisenhäuser oder Tagesschulen.

 

In diesem Frühjahr zündeten diese Terrorbanden die Bibliothek von Mossul an. Ein Bibliotheksmitarbeiter erklärte, es seien etwa 112.000 Manuskripte und Bücher zerstört worden, wobei die Unesco viele davon als Raritäten bewertet. Von 8000 Jahre alten Schriften ist zu lesen gewesen.

 

Dies alles geschieht im Namen heiliger Texte. Es geht den Dschihadisten darum, nur eine Auslegung gelten zu lassen. Sie meinen, der Himmel auf Erden müsse errichtet werden, und zwar auf Teufel komm raus. Sie sind davon überzeugt, das heilige Wort, ja, jeder einzelne Buchstabe stamme von Gott, weshalb es nur Lästerung sein könne, es neu zu deuten. Sie zerstören die einstigen Tempel, die Überreste früherer Religionen, auch die Vorläufer des eigenen Glaubens, weil sie die Kultur und die Geschichte an sich nicht anerkennen wollen. Die Weigerung, das Sakrale zu historisieren, eint die Fundamentalisten aller Konfessionen, denn sonst müssten sie zugeben, was offensichtlich ist. Jedes heilige Buch war zu Beginn eine Ketzerschrift. Was einst Bekenntnis hieß, wird nun als Aberglaube abgetan. Die Überlieferung ist nicht so alt, wie sie vorgibt zu sein.

 

Die Dschihadisten träumen von einer frühen Zeit, die es so nie gab. Die Weisen, denen sie nachbeten, waren in ihrem Glauben noch aufgehoben. Sie galten als Vordenker ihrer Epoche. Die Eiferer von heute leben gegen die Welt und die Gegenwart an. Sie rezitieren das eine, um nicht das andere zu lesen. Die Bibliothek ist hingegen dadurch charakterisiert, über mehr als bloß ein Buch zu verfügen. In der Bibliothek sind alle Formate vorhanden, und es führt ein Band zum nächsten, und jede weitere Lektüre kann das, was ich bisher las, in ein neues Licht tauchen. Hier ist nicht nur das Gute, das Erbauliche gelagert. Nein, die Bibliothek lebt davon, auch die Nebenstimmen und die Gegenstimmen anzuhäufen, die Dominante und den Kontrapunkt, das Profane und das Bigotte, das Eklektische und das Obszöne, die Handschrift und die Radierung, die Klassik, die Avantgarde und den Kitsch. Keine Sprache ist ausgeschlossen.

 

Das Lesen an sich strebt nach anderem als das Deklamieren und das Psalmodieren. Die Schrift, ob es nun eine buddhistische Sutra, ein biblischer Psalm oder eine muslimische Sure ist, mag täglich heruntergeleiert werden, denn auf diese Weise finden Gläubige zur Transzendenz, zur Meditation, zum Trost oder zur Harmonie, doch ganz anderes geschieht, wenn wir, Fromme oder Ketzer, etwa einen Roman lesen. Selbst wenn wir ihnbereits zum fünften Mal durchgehen, erleben wir alles darin auf eine immer neue Art. Wir suchen das Fremde, wobei das Fremde wohl immer eine Frage der Definition ist, denn die beste Art, das Fremde loszuwerden, ist bekanntermaßen: es kennenzulernen.

 

Ich erinnere mich an eine japanische Professorin der Judaistik, die mich nach einem Vortrag in Kobe ansprach, und als ich meine Begeisterung über ihr schönes Deutsch ausdrückte, erklärte sie, in Heidelberg studiert und in New York gelehrt zu haben, und als sie in der Subway von Manhattan gesessen sei, den aufgeschlagenen Talmud auf den Knien, sei sie von einer älteren Dame gefragt worden. „Sorry, where are you from?“ Sie habe geantwortet: „I am from Japan.“ Worauf die alte Frau meinte: „Funny, Japanese looks just like Hebrew!“

 

Ja, der Leser kann sich auch der Thora und dem Talmud auf immer neue Weise nähern. Wer will,der kann in den heiligen Schriften ein literarisches, ein historisches oder ein theologisches Werk sehen, das immerzu offenbleibt für neue Interpretationen. Es ist die Vielseitigkeit der Schrift, die so zelebriert wird. Mit jeder zusätzlichen Perspektive gewinnt sie an Gestalt, und auch so mancher Geistliche genießt es, über die verschiedenen Auslegungen zu diskutieren. Immerhin wird die Bibel mit gutem Grund das Buch der Bücher genannt.

 

Die Absage an das weite Spektrum von Lesarten der verschiedenen heiligen Schriften kennzeichnet nicht bloß die so unterschiedlichen und miteinander verfeindeten Eiferer des Glaubens, sondern ebenso die Fanatiker der gottlosen Ideologien. Alle wollen sie uns glauben machen, das Heil liege in der Vernichtung, in einer Apokalypse, und es ist deshalb kein Zufall, wenn Vertreter dieser sehr unterschiedlichen Weltanschauungen einander so ähnlich werden, wenn sie kritische Bücher ablehnen, wenn sie unabhängige Intellektuelle verfolgen, wenn sie in dem Fremden eine Gefahr wittern, in dem Homosexuellen eine Bedrohung, in jeder unabhängigen Frau die eigene Entmannung und in dem Juden das Übel der ganzen Welt sehen. Sie wollen alle eine Ursprünglichkeit bewahren, die bloße Illusion ist und nur die eigene Ignoranz beweist.

 

Vom einzig wahren Charakter des einen Islam wissen uns die radikalen Islamisten und die rechtsextremen Rassisten gleichermaßen zu schwatzen. Beide wollen, aus gegensätzlichen Gründen, die Vielseitigkeit der Schrift nicht gelten lassen. Wie skurril, wenn einer, der vor Kurzem noch eine antisemitische Karikatur veröffentlichte – ein Bankerjude im „Stürmer“-Stil, mit Hakennase und Judensternen als Manschettenknöpfe –, nun plötzlich Sorgen äußert, mit den Flüchtlingen käme der Antisemitismus nach Österreich. Unter dem Vorwand, Kritik an den Mullahs und an den Dschihadisten zu üben, werden die Muslime pauschal diffamiert. Dabei müsste, wer gegen den islamistischen Terror kämpfen will, zuallererst jenen Moslems helfen, die unter ihm leiden.

 

Das ist kein „Kampf der Kulturen“, der das Abendland von allen Moslems schlechthin trennt, und er darf es auch nicht werden, denn würden wir uns ihm hingeben, hätten wir schon verloren – und zwar alles, worum es uns geht und was wir sind. Ja, der Dschihadismus hat uns den Krieg erklärt, und wo notwendig ist er politisch, polizeilich und militärisch zu führen. Aber weder das Ressentiment noch die Leugnung des Konflikts helfen uns weiter. Es gilt, die Freiheit zu verteidigen, indem sie eben nicht preisgegeben wird.

 

Nicht den „Kampf der Kulturen“, sondern jenen für mehr Kultur, gegen die Unkultur heißt es aufzunehmen. Die Bibliothek und die Bücherei sind die Orte, in denen ich der Vielseitigkeit der Schrift begegnen kann, doch nicht nur deshalb, weil hier ein Buch sich in all den anderen spiegelt und von ihnen auch erhellt wird, nein, vielmehr ist die Bibliothek ein Ort der allgemeinen und inneren Sammlung zugleich. Hier finde ich zu mir, wenn ich auf die anderen Menschen stoße, die sich ebenfalls in einen Text versenken. Es ist ein Mysterium. Die Lektüre steckt an, und die Augen der anderen schärfen meinen Blick. Ich trete ein und komme zur Ruhe, womit ich nicht unbedingt die Stille meine, die ich brauche, um mich auf ein Buch einlassen zu können. Nein, die Bibliothek bietet mir neben der Konzentration auch die Zerstreuung. Ich treffe auf andere, die ebenfalls ihren Forschungen nachgehen, die mit mir bei einem Kaffee eine Frage erörtern wollen oder ein Buch besprechen. Bibliotheken sind Räume der Kommunikation, der Sinnesfreude, des Geisteswitzes und der Lebenslust.

 

Das Lesen wird gerne propagiert, doch gleichzeitig klagt jeder darüber, nicht genug Zeit zu haben, um sich der Lektüre widmen zu können. In dem Roman „Fahrenheit 451“ beschreibt Ray Bradbury eine Gesellschaft, die alle Literatur verbietet. Wird ein Buch entdeckt, rückt die Feuerwehr aus, um es in Brand zu legen. Dabei ist esnicht so sehr die Diktatur, die das Lesen unterdrückt. Nein, die Menschen geben sich selbst dem Fernsehen und den Drogen hin, nur wenige Dissidenten ziehen sich in den Wald zurück, um sich hier die gelesenen Bücher einzuprägen.

 

Es ist allerdings beinah unmöglich, gar kein Buch zu lesen, und vollkommen undenkbar, alles zu lesen, was eine Stadtbücherei oder gar eine Bibliothek bietet. Das erinnert an den General Stumm aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“, der – angesichts der dreieinhalb Millionen Bände in der Hofbibliothek – den Bibliothekar fragt, wie er sich denn in diesem Tollhaus der Überfülle auskenne. Der Bibliothekar antwortet: „Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: weil ich keines lese!“ Wer sich auf den Inhalt einlasse, sei als Bibliothekar verloren. Er lese deshalb nur die Kataloge.

 

Wie wunderbar sind doch die großen Bibliotheken! Sie bergen mehr Bücher, als ich je lesen könnte, verfügen über herrliche Lesesäle, über verlockende Präsenzbestände und über die neuesten Zeitungen, aber keine von ihnen nimmt Platz in meinem Zuhause ein oder muss von mir abgestaubt werden.

Die Bibliotheken und die Büchereien verführen mich zum Lesen, denn es ist das Buch, das mich lehrt, mich in andere Menschen hineinzudenken, um mich dadurch besser zu verstehen. Ich kehre verwandelt aus einem Buch in die Wirklichkeit zurück. Ich werde dadurch zu einem anderen, und zugleich werde ich zu mehr von mir.

 

Die Büchereien sind Stätten der Begegnung und des Austausches. Sie sind offen für alle, bieten Schutz und Platz für jene, die nicht – oder noch nicht – in die Bibliothek finden. Sie sind unser Büchereck ums Eck. Wir bringen ein Buch und leihen uns ein neues aus. Es ist ein Geben und Nehmen. Und es geht hier nicht nur um Bücher, ob Lexika oder Romane, Fachwerke oder Lyrikbände, Comics oder Gebetsbreviere. Auch Filme und Musikalben, Schulhilfen und Spiele werden ausgefolgt. Zugleich werden hier Malkurse, Buchpräsentationen, Workshops, Sprachseminare und, wer hätte das gedacht, Lesezirkel abgehalten.

 

Die Bibliotheken und die Büchereien sind Kraftwerke der Integration, und dabei meine ich nicht bloß das, was im Zusammenhang mit Asyl und Migration in den Medien diskutiert wird, denn die Integration einer Gesellschaft kann nur gelingen, wenn sie nicht das Sonderprogramm für die Andersartigen bleibt. Sonst würde mit diesem Begriff nicht der Zusammenschluss, sondern die Ausgrenzung vorangetrieben. Spracherwerb, Deutschkenntnisse, Schreibfertigkeit sind nicht nur für jene wichtig, die nicht in Österreich geboren wurden.

 

Es braucht die Bibliotheken und die Büchereien. Wer von den Freiheiten und den Werten Europas redet, darf nicht bei ihnen sparen. Sie sind die Festungen unserer Freiheit und die Festräume unserer Fantasie. Hier leben wir die Aufklärung und die Menschenrechte. Hier gehen wir in die Offensive gegen den Terror und gegen die Scharfmacher. Die Bücher machen uns zu Freischärlern der Inspiration und zu Rebellen des Eigensinns. Mit ihnen stehen wir bereit gegen die Einäugigkeit und gegen die Ignoranz – wohl im Sinne all dessen, wofür schon der Bibliothekar Herman Kruk wirkte. Mit ihnen bezeugen wir die Vielseitigkeit der Schrift. ■

 

 

 


 

 

Matthias Claudius

 

An meinen Sohn Johannes

 

 

Gold und Silber habe ich nicht;
was ich aber habe, gebe ich dir.

 

 

Die Zeit kommt allgemach heran, daß ich den Weg gehen muß, den man nicht wiederkommt. Ich kann Dich nicht mitnehmen und lasse Dich in einer Welt zurück, wo guter Rat nicht überflüssig ist. Niemand ist weise von Mutterleibe an, Zeit und Erfahrung lehren hier und fegen die Tenne. Ich habe die Welt länger gesehen als Du. Es ist nicht alles Gold, lieber Sohn, was glänzt, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verließ, brechen sehen. Darum will ich Dir einigen Rat geben und Dir sagen, was ich gefunden habe und was die Zeit mich gelehrt hat.

Es ist nichts groß, was nicht gut ist und ist nichts wahr, was nicht besteht.

Der Mensch ist hier nicht zu Hause und er geht hier nicht von ungefähr in dem schlechten Rock umher. Denn siehe nur, alle andre Dinge hier, mit und neben ihm, sind und gehen dahin, ohne es zu wissen; der Mensch ist sich bewußt und wie eine hohe bleibende Wand, an der die Schatten vorübergehen. Alle Dinge mit und neben ihm gehen dahin, einer fremden Willkür und Macht unterworfen; er ist sich selbst anvertraut und trägt sein Leben in seiner Hand. Und es ist nicht für ihn gleichgültig, ob er rechts oder links gehe. Laß Dir nicht weismachen, daß er sich raten könne und selbst seinen Weg wisse.

Diese Welt ist für ihn zuwenig und die unsichtbare siehet er nicht und kennet er nicht. Spare Dir denn vergebliche Mühe und tue Dir kein Leid und besinne Dich Dein. Halte Dich zu gut, Böses zu tun. Hänge Dein Herz an kein vergänglich Ding. Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten. Was Du sehen kannst, das siehe und brauche Deine Augen und über das Unsichtbare und Ewige halte Dich an Gottes Wort. Bleibe der Religion Deiner Väter getreu und hasse die theologischen Kannengießer. Scheue Niemand so viel, als Dich selbst. Inwendig in uns wohnet der Richter, der nicht trügt und an dessen Stimme uns mehr gelegen ist, als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechen und Egypter.

Nimm es Dir vor, Sohn, nicht wieder seine Stimme zu tun und was Du sinnest und vorhast, schlage zuvor an Deine Stirne und frage ihn um Rat. Er spricht anfangs nur leise und stammelt wie ein unschuldiges Kind; doch, wenn Du seine Unschuld ehrst, löset er gemach seine Zunge und wird Dir vornehmlicher sprechen. Lerne gerne von ander'n und wo von Weisheit, Menschenglück, Licht, Freiheit, Tugend etc. geredet wird, da höre fleißig zu.

Doch traue nicht flugs und allerdings, denn die Wolken haben nicht alle Wasser und es gibt mancherlei Weise. Sie meinen auch, daß sie die Sache hätten, wenn sie davon reden können und davon reden. Das ist aber nicht, Sohn. Man hat darum die Sache nicht, daß man davon reden kann und davon redet. Worte sind nur Worte und wo sie so gar leicht und behende dahin fahren, da sei auf Deiner Hut, denn die Pferde die den Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsameren Schrittes. Erwarte nichts vom Treiben und den Treibern und wo Geräusch auf der Gassen ist, da gehe fürbaß. Wenn Dich jemand will Weisheit lehren, so siehe in sein Angesicht. Dünket er sich noch und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, laß ihn und gehe seiner Kundschaft müßig. Was einer nicht hat, das kann er auch nicht geben. Und der ist nicht frei, der da will tun können was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll. Und der ist nicht weise, der sich dünkt, daß er wisse; sondern der ist weise, der seiner Unwissenheit inne geworden und durch die Sache des Dünkels genesen ist. Was im Hirn ist, das ist im Hirn und Existenz ist die erste aller Eigenschaften. Wenn es Dir um Weisheit zu tun ist, so suche sie und nicht das Deine und brich Deinen Willen und erwarte geduldig die Folgen.

Denke oft an heilige Dinge und sei gewiß, daß es nicht ohne Vorteil für Dich abgehe und der Sauerteig den ganzen Teig durchsäure. Verachte keine Religion, denn sie ist dem Geist nach gemeint und Du weißt nicht, was unter unansehnlichen Bildern verborgen sein könne. Es ist leicht zu verachten, Sohn, und verstehen ist viel besser. Lehre nicht andere, bis Du selbst gelehrt bist. Nimm Dich der Wahrheit an, wenn Du kannst und laß Dich gerne ihretwegen hassen; doch wisse, daß Deine Sache nicht die Sache der Wahrheit ist und hüte, daß sie nicht ineinander fließen, sonst hast Du Deinen Lohn dahin. Tue das Gute vor Dich hin und bekümmere Dich nicht, was daraus werden wird. Wolle nur einerlei und das wolle von Herzen. Sorge für Deinen Leib, doch nicht so als wenn er Deine Seele wäre. Gehorche der Obrigkeit und laß die anderen über sie streiten. Sei rechtschaffen gegen Jedermann, doch vertraue Dich schwerlich. Mische Dich nicht in fremde Dinge, aber die Deinigen tue mit Fleiß. Schmeichle niemand und laß Dir nicht schmeicheln. Ehre einen jeden nach seinem Stande und laß ihn sich schämen, wenn er's nicht verdient.

Werde niemand nichts schuldig; doch sei zuvorkommend, als ob sie alle Deine Gläubiger wären. Wolle nicht immer großmütig sein, aber gerecht sei immer. Mache niemand graue Haare, doch wenn Du recht hast, hast Du um die Haare nicht zu sorgen. Mißtraue der Gestikulation und gebärde Dich schlecht und recht. Hilf und gib gerne, wenn Du hast und dünke Dir darum nicht mehr und wenn Du nicht hast, so habe den Trunk kalten Wassers zur Hand und dünke Dir darum nicht weniger. Tue keinem Mädchen Leides und denke, daß Deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist. Sage nicht alles, was Du weißt, aber wisse immer, was Du sagst. Hänge Dich an keinen Großen. Sitze nicht, wo die Spötter sitzen, denn sie sind die Elendsten unter allen Kreaturen. Nicht die Frömmelnden, aber die frommen Menschen achte und gehe ihnen nach. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht im Herzen hat, ist wie die Sonne, die da scheint und wärmt, wenn sie auch nicht redet. Tue was des Lohnes wert ist und begehre keinen. Wenn Du Not hast, so klage sie Dir und keinem anderen

Habe immer etwas Gutes im Sinn. Wenn ich gestorben bin, so drücke mir die Augen zu und beweine mich nicht. Stehe Deiner Mutter bei und ehre sie so lange sie lebt und begrabe sie neben mir. Und sinne täglich nach über Tod und Leben ob Du es finden möchtest und habe einen freudigen Mut und gehe nicht aus der Welt, ohne Deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter des Christentums durch irgend etwas öffentlich bezeugt zu haben.

Dein treuer Vater

 


 

 

Diesen tiefsinnigen Zeilen von Matthias Claudius möchte ich eine Anmerkung hinzufügen. Nach den schrecklichen Entwicklungen in Deutschland zwischen 1933 und 1945 halte ich den Satz "Gehorche der Obrigkeit und laß die anderen über sie streiten." für ziemlich bedenklich. Ich denke, dass wir zwar grundsätzlich die staatsbürgerliche Pflicht haben, einer legitimen Obrigkeit zu gehorchen. Aber darüber, ob unsere jeweilige Obrigkeit legitim sei, sollten wir sehr wohl miteinander streiten.

 

Siehe dazu auch Gustav Radbruch, Fünf Minuten Rechtsphilosophie

in der Rubrik Rechtsphilosophie!

 

 


 

 

Matthias Claudius

 

Also am Menschen liegt es

Ich hasse mich und meine Mitmenschen nicht, und es ist mir nicht gleich viel, ob es mir und andern wohl oder übel gehe.

Ich sehe freilich auch wohl ein, daß manches in der Welt anders sein könnte und sein sollte, und daß eine Besserung nicht unnötig wäre; nur kommt es mir so vor, daß die Besserung nicht ärger als das Übel sein müsse, das man bessern will; daß man den Kopf nicht dran geben müsse, um das Ohrläppchen zu retten, und daß ein kleineres Glück, das man hat, besser sei als ein größeres, das man erst haben soll usw.

Auch kommt es mir so vor, daß die äußern Einrichtungen es allein wohl nicht gar täten. Es gibt Republiken, und doch sind dort Mißvergnügte. Also am Menschen liegt es. Dem ist nichts gut und nichts recht; der will immer etwas anders und etwas neues; will immer bauen und bessern; ist immer nicht reich, nicht mächtig, nicht geehrt genug; und der macht gute Einrichtungen schlecht und schlechte gut. Der Mensch also muß gebessert werden; und, würde ich raten, nicht von außen hinein. Dreht man doch nicht am Zeiger, daß das Werk in der Uhr recht gehe, sondern man bessert das Werk in der Uhr, daß der Zeiger recht gehen könnne. Ebenso möchte ich auch beim Menschen nicht bloß am Zeiger gedreht, sondern das Inwendige gebessert haben, damit auf dem Zifferblatt sich alles von selbst mache. Ich möchte überhaupt, dünkt mich, eine Besserung, dadurch nicht einem Menschen gegen den andern, einer Partei gegen die andre, einem Volk gegen das andre, sondern dadurch allen Menschen, allen Parteien, allen Völkern geholfen würde; kurz eine Besserung, welche die Bösen gut, die Übelgesinnten wohlgesinnt, die Törichten weise, die Treulosen treu etc. und so, ohne Ausnahme, alle Menschen, Hohe und Niedrige, Fürsten und Untertanen, Freunde und Feinde, zu guten, bescheidenen, barmherzigen, großmütigen, edlen und glücklichen Menschen machte.

Das ist mein Sinn, darauf ich mich verlasse.

 

 


 

 

Matthias Claudius

 

Sämtliche Werke. Gedichte - Prosa - Briefe in Auswahl,

Darmstadt: Deutsche Buchgesellschaft 1958

 

Worauf es ankommt. Ausgewählte Werke,

Gerlingen: Lambert Schneider 1995

 

Es gibt was Besseres in der Welt. Ein Matthias Claudius Buch,

Herausgegeben von Hans-Jürgen Schultz

München: dtv 1989

 

Der Wandsbecker Bote. Mit einem Vorwort von Peter Suhrkamp

und einem Nachwort von Hermann Hesse

Frankfurt a.M.: Insel 1981

 

Peter Berglar, Matthias Claudius mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten,

Reinbek: Rowohlt 1992

 

 


 

 

Heinrich Heine

 

Werke in vier Bänden, Wiesbaden: R.Löwit 1978

 

Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland,

Stuttgart: Reclam 1997

 

Christian Liedtke, Heinrich Heine, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1997

 

 


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Gedichte von Matthias Claudius
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