Islamismus

 

 

 

 

 

 

Islamismus

 

Friedmann Eißler

 

 

Islamismus ist eine politisch-extremistische Ideologie, die politische Herrschaft aus der Religion ableitet. Sie verfolgt das Ziel einer islamgemäßen Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die staatliche Ordnung und die Gesellschaft bis in die private Lebenswelt der Menschen sollen vom fundamentalistisch ausgelegten islamischen Recht bestimmt werden, das als umfassendes Regelsystem auf der Basis von göttlich geoffenbarten, unveränderlichen Normen verstanden wird (Scharia). Eine Trennung von Religion und religiös-weltanschaulich neutralem Staat (Prinzip der Säkularität) wird abgelehnt, die rechtsstaatliche Demokratie allenfalls pragmatisch akzeptiert, im Grundsatz jedoch als „Menschenwerk“ zurückgewiesen. Islamisten erheben einen exklusiven Wahrheits- und politischen Geltungsanspruch ihres Verständnisses vom Islam und leiten daraus im Sinne des islamistischen Slogans „Der Islam ist die Lösung!“ die Gestaltung von Staat und Gesellschaft ab. Islamistische Konzeptionen präsentieren sich häufig als dritter Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Wie das Ziel konkret aussehen soll (z. B. Theokratie, Theodemokratie, Kalifat, Parlamentarismus im Rahmen schariarechtlicher Normen) und mit welchen Mitteln es zu erreichen sei, wird von politisch-legalistischen, revolutionär-militanten oder dschihadistischen islamistischen Gruppierungen sehr unterschiedlich gesehen. Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung sind indes nicht die definierenden Kriterien von Islamismus.

 


Geschichte

 

Der Islamismus ist ein modernes Phänomen. Er stellt eine mögliche Variante im zeitgenössischen Islam dar, die seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts weltweit Anhänger gefunden und durch Migration und „Ideologieimport“ auch in Europa Fuß gefasst hat.

 

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts traten in Reaktion auf die europäischen Kolonialisierungsbestrebungen und die damit verbundenen Krisenphänomene in der islamischen Welt Reformer auf, die die Rückkehr zu den eigenen religiösen Fundamenten als Voraussetzung für eine vom Westen unabhängig(er)e Entwicklung betrachteten. Modernisten wie Dschamal ad-Din al-Afghani (1839 – 1897) und Muhammad Abduh (1849 – 1905) forderten eine neue Auslegung der Quellen, die die grundsätzliche Übereinstimmung des Islam mit den Grundprinzipien der Moderne aufzeigen sollte. Die islamische Tradition und Geistesgeschichte beurteilten sie weitgehend kritisch. Eine wirkungsvolle Modernisierung musste mit der Reform der Religion beginnen. So standen die kompromisslose Ausrichtung am islamischen Tauhid (Einheitsbekenntnis), die Beseitigung von Aberglaube und Fremdelementen (Mystik!) und die Reinterpretation der Scharia ebenso auf dem Programm wie die Modernisierung von Bildung, Technologie und Wissenschaften. Geht die Rückkehr zum Ideal der „frommen Altvorderen“ (salaf as-salih) mit der Ablehnung jeglicher Veränderung als „Neuerung“ einher, haben wir es mit der antimodernistischen Haltung zu tun, die etwa bei den Wahhabiten und (Neo-)Salafiten anzutreffen ist. Hier ist die reine Wiederbelebung („Erneuerung“) der angeblich „ursprünglichen“ Tradition das Ziel und nicht ihre moderne Fortentwicklung. Traditionalisten wiederum bewerten zwar die (westliche) Moderne ebenfalls kritisch, schätzen jedoch die islamische (z. B. osmanische) Kultur und Religion – inklusive mystischer Elemente – bis ins 19. Jahrhundert als eine Blütezeit, die erst durch den verderblichen Einfluss westlicher bzw. unislamischer Kräfte niedergegangen sei. Diese Haltung prägt weite Teile des Islam in der Türkei – und damit auch bei uns.

 

Alle drei erwähnten, in sich differenzierten Strömungen haben sich auch mit politischem Aktivismus verbunden. In das vielfältige Spektrum des Islamismus gehören deshalb die Muslimbruderschaft, die modernistische Thesen aufnimmt, ebenso wie die türkische Milli Görüs-Bewegung, die bei inhaltlichen Überschneidungen mit der Muslimbruderschaft deutlich traditionalistische Akzente setzt, oder der militante Salafismus, der zum Dschihad gegen die Ungläubigen aufruft und die Errichtung eines gottgefälligen Gemeinwesens mit allen Mitteln, auch Gewalt, durchsetzen will.

 

Auf Protagonisten wie Afghani und Abduh konnten sich sowohl liberale und säkulare als auch religiöse oder militant-revolutionäre „Reformansätze“ beziehen. Als älteste und einflussreichste sunnitische islamistische Vereinigung gilt die Muslimbruderschaft, die 1928 in Ägypten von Hasan al-Banna (1906 – 1949) gegründet wurde. Fast zeitgleich und unabhängig davon formulierte einer der wichtigsten Vordenker des Islamismus und Gründer der Jama’at-e-Islami, Abu l-A’la Maududi (1903 – 1979), seine politische Theorie von der alleinigen Herrschaft Gottes, die maßgeblichen Einfluss auf den arabischen und iranischen Islamismus ausübte. Von der Muslimbruderschaft führt eine Entwicklungslinie über den Abduh-Schüler Raschid Rida (1865 – 1935) und den Theoretiker des radikalen Islamismus Sayyid Qutb (1906 – 1966) zum militant-dschihadistischen Salafismus.

 

Der schiitische Islamismus im Iran knüpft an spezifisch schiitische Vorstellungen an und hat mit Ayatollah Chomeinis Konzept der stellvertretenden Herrschaft des Rechtsgelehrten (velayat-e faqih) das erste und bislang einzige islamistische Staatssystem errichtet.

 


Inhaltliche Gesichtspunkte

 

Der Islamismus kann sich auf die religiösen Quellen des Islam (v. a. Koran und Sunna) berufen, insofern diese die politische Dimension muslimischen Lebens von vornherein in den Blick nehmen und deren Gestaltung normativ-autoritativ umreißen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Konstituierung des ersten islamischen Gemeinwesens in Medina durch den Propheten Muhammad („Vertrag von Medina“), dessen Lebenswandel bis ins Detail als verbindliches Vorbild gilt und der in Medina nicht mehr in der Defensive, sondern politisch erfolgreich war. Ansätze finden sich im Koran, spätere Quellen enthalten weitere Impulse zu vielfältigen gesellschaftlichen Themen, deren – nicht nur islamistische – Auslegung dazu dienen kann, eine „umfassende islamische Gesellschaftsordnung“ religiös bzw. religionsgesetzlich zu untermauern.

 

Ein zentrales Thema ist die absolute Souveränität (hakimiyya) Gottes (Sure 12,40; 6,57) und seines Gesandten (Sure 4,80; 5,92), die sich im „Gesetz Gottes“ (shari’at Allah) Ausdruck verschafft. Von ihr her muss sich die Einheit der islamischen Weltgemeinschaft (umma) und der Gesellschaft(en) in allen Bereichen gestalten. Die Ausschließlichkeit des Islam (Sure 3,19.85), die Überlegenheit der muslimischen Gemeinschaft (Sure 3,110; 2,143) oder der Status von Nichtmuslimen (Sure 9) werden häufig unter unmittelbarer Heranziehung von Koranversen thematisiert. Konzepte wie Demokratie oder Menschenrechte werden islamisch eingeordnet und qualifiziert (vgl. die „Beratung“, schura, Sure 42,38; 3,159, oder den Verweis auf Sure 2,256 „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ im Blick auf „Religionsfreiheit“).

 

Eine überscharfe „Innenwelt-Außenwelt“-Wahrnehmung führt in radikaleren Lesarten dazu, dass unter das Verdikt des Unglaubens auch alle Muslime fallen, die den eigenen Kriterien nicht entsprechen (takfir = für ungläubig Erklären). Hinzu kommt eine nicht selten ausgesprochen harsche Israelkritik mit antisemitischen Tendenzen.

 

Was die Grundlagen des Glaubens und der Religionspraxis – zum Beispiel Gebete, Speisegebote, Rolle der Frau, Geschlechtertrennung – angeht, unterscheiden sich Islamisten nicht von anderen Muslimen (ihrer Glaubensrichtung). Sie entnehmen Koran und Sunna jedoch gesellschaftspolitische Handlungsanweisungen.

 


Verbreitung, Organisationen

 

Belastbare Zahlen sind kaum zu ermitteln. Werden Angaben des Verfassungsschutzes zurate gezogen, gehört rund ein Prozent der Muslime in Deutschland islamistischen Organisationen an, gut 42000 Personen. Davon fällt offenbar der größte Teil (31000) mit der Mitgliederschaft der IGMG (s. u.) zusammen. Der Salafismus stellt eine zahlenmäßig erhebliche Gruppe dar (4000 bis 5000), die zuletzt das größte Wachstum und das stärkste Radikalisierungspotenzial zu verzeichnen hatte.

 

Einige islamistische Organisationen in Deutschland in Stichworten:

 

• Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e. V. (IGMG): Teil der transnationalen europäischen Milli Görüs-Bewegung, die auf den türkischen Politiker Necmettin Erbakan (gest. 2011) zurückgeht und im Kern die Errichtung eines sozialen, ökonomischen und politischen Systems auf islamischer Grundlage (adil düzen „gerechte Ordnung“) anstrebt; Betonung der religiösen Bildungsarbeit; befindet sich in einer Phase des personellen und strukturellen Wandels.

 

• Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V. (IGD): wichtigste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft; Gründungsmitglied des europäischen Dachverbands „Föderation Islamischer Organisationen in Europa“ (FIOE, Brüssel); Verbindungen zur Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD), die wiederum Gründungsmitglied des „Forum of European Muslim Youth and Student Organizations“ (FEMYSO) ist, einer Nebenorganisation der FIOE; eine weitere wichtige Institution auf Initiative der FIOE ist der „Europäische Rat für Fatwa und wissenschaftliche Studien“ (ECFR, Dublin).

 

• Tablighi Jama’at: traditionalistisch sunnitisch, strenges Islamverständnis (Deobandi); tritt als friedliche, apolitische Missionierungsbewegung auf.

 

• Die arabischen Organisationen Hamas, Hizb ut-Tahrir (seit 2003 in Deutschland verboten) und Hizb Allah (Hisbollah, schiitisch) sind stark an der Politik ihrer Herkunftsländer orientiert; Bestreitung des Existenzrechts Israels.

 


Einschätzung

 

Das Miteinander in der religiös-weltanschaulich pluralen Gesellschaft lebt vom Respekt vor der vitalen Eigen- und Andersartigkeit des Anderen und vom Vertrauen in die gemeinsamen und gleichen Rechte und deren gleichberechtigte Wahrnehmung. Wird die menschenrechtliche und soziale Gleichberechtigung ausdrücklich oder unterschwellig geleugnet, ist dem Dialog der Boden entzogen und ein gelingendes gesellschaftliches Miteinander grundsätzlich gefährdet. Von fundamentalen bzw. radikalen („an die Wurzel gehenden“) religiösen Positionen an sich muss diese Gefahr noch nicht ausgehen, sofern die Spielregeln der pluralistischen Gesellschaft angenommen und in Anspruch genommen werden. Islamismus jedoch ist „Fundamentalismus in politischer Aktion“ mit dem Ziel der Transformation – sei es mit legalen und friedlichen oder militanten, dschihadistischen Mitteln – der gesellschaftlichen Verhältnisse bis hin zur Errichtung eines islamischen Staates. Islamismus ist eine Spielart des Extremismus und heute die größte ideologische Kraft in der islamischen Welt.

 

Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist sinnvoll und notwendig. Der Islam ist und wird nicht zwingend islamistisch, es besteht aber die Möglichkeit. Es wäre daher verfehlt, in der Betonung des politischen Aspekts grundsätzlich eine Verfälschung oder einen Missbrauch der Religion zu sehen. Andernfalls wäre etwa auch eine Differenzierung zwischen islamischen Positionen, die das geschichtlich vorhandene Reformpotenzial des Islam angesichts pluraler rechtsstaatlicher Gesellschaftsformen ausloten (moderne Hermeneutik, kulturwissenschaftliche Zugänge), und einer von Islamisten geforderten „Reform“ im Sinne der Etablierung schariarechtlicher Strukturen gar nicht möglich. Man würde das Feld dem Machtdiskurs des Mainstream überlassen, der vorwiegend islamistisch geprägt ist. Es ist weder rassistisch noch „islamophob“, auf den Zusammenhang von Islam und Islamismus hinzuweisen.

 

Der explizit islamistische Diskurs ist Sache einer zahlenmäßig verhältnismäßig kleinen Minderheit unter den in Deutschland lebenden Muslimen, verfügt jedoch überproportional und international gestützt über mediale und finanzielle Ressourcen, die seinem Anspruch auf Deutungshoheit über „den Islam“ und dessen einzig richtige Interpretation wirkungsvoll Nachdruck verleihen. Die Resonanz unter jüngeren, auch gebildeten Muslimen sowie insbesondere jungen Konvertiten ist erheblich. Wichtigstes Kommunikations- und Propagandamedium ist das Internet.

 

Pauschale Zuschreibungen sind problematisch, wie sich im Fall der IGMG zeigt. Andererseits sind islamistische Tendenzen nicht auf bestimmte Verbände und Gruppen beschränkt. Es wird daher jeweils um eine sach- und kontextbezogene Auseinandersetzung mit konkreten Äußerungen gehen. Der Dialog mit (gesetzeskonform agierenden) Vertretern islamistischer Gruppen im Raum der Kirche ist möglich. Die damit verbundenen Schwierigkeiten werden aus dem Vorangehenden deutlich und sollten offen thematisiert werden. Muslime dürfen nicht durch reduktionistische oder essenzialistische Islam(miss)deutungen auf radikale bzw. islamistische Positionen nachgerade festgelegt werden. (Damit würden islamistische Diskursverfahren nur unter umgekehrtem Vorzeichen geradezu gestützt.) Unabdingbar erscheinen hingegen für alle Beteiligten die selbstkritische Reflexion der verfassungsrechtlich gesicherten pluralen Situation und das offene Bekenntnis zu ihr gerade als Bedingung der Möglichkeit für Menschenrechte, Religionsfreiheit und ein gelingendes Zusammenleben.

 

 

Literaturhinweise

 

Kommentierte Quellen zum Islamismus

 

Andreas Meier, Der politische Auftrag des Islam – Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. Originalstimmen aus der islamischen Welt, Wuppertal 1994

 

 

Sekundärliteratur

 

Heiner Bielefeldt/Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Politisierte Religion. Ursachen und Erscheinungsformen des modernen Fundamentalismus, Frankfurt a. M. 1998

 

Claudia Dantschke, Islam und Islamismus in Deutschland, Schriftenreihe Zentrum Demokratische Kultur, Berlin 2006

 

Eckhard Jesse/Uwe Backes, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, 4. völlig überarb. und aktual. Aufl., Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung 1996 (1. Aufl. 1989)

 

Johannes Kandel, Islamismus in Deutschland. Zwischen Panikmache und Naivität, Freiburg i. Br./Basel/Wien 2011

 

Gilles Kepel, Das Schwarzbuch des Djihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München/Zürich 2002

 

Klaus Kienzler, Der religiöse Fundamentalismus. Christentum, Judentum, Islam, München 2007

 

Olivier Roy, Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung, München 2006

 

Lukas Wick, Islam und Verfassungsstaat. Theologische Versöhnung mit der politischen Moderne?, Würzburg 2009

 

 

Quelle: EZW Berlin, Materialdienst 7 / 2014

 

 


 

Charlie Hebdo und das linke Appeasement.

 

Die europäische Linke hat die islamistische Gefahr

viel zu lange banalisiert.

 

 

Ernst Hillebrand im IPG-Journal vom 08.01.2015

 

"Viel zu oft hat die europäische Linke aus Gründen der Political Correctness weggesehen."

 

Das Attentat gegen Charlie Hebdo kam mit Ansage. Islamistische Gewalt oder ihre Androhung ist spätestens seit der Fatwa gegen Salman Rushdie Teil der politischen und kulturellen Landschaft Europas. Diesmal hat sie mit Charlie Hebdo eine Ikone der libertären Gesellschaften Europas getroffen: Wie kein anderes Medium war „Charlie“ ein Kind des Mai 68.

 

Die Frage ist, ob die europäische Linke aus diesem Angriff endlich Konsequenzen zieht. Denn die bittere Wahrheit ist, dass die europäische Linke viel zu lange die islamistische Gefahr banalisiert hat. Gefangen in einem werterelativierenden Multikulturalismus hat sie passiv zugesehen, wie an den Rändern der Zuwanderungsgesellschaften Westeuropas ein Klima des antiwestlichen Hasses heranwuchs. Wenn dieser Hass schließlich tätig wurde, hat sie sich meistens weggeduckt. Viel zu oft hat die europäische Linke aus Gründen der Political Correctness weggesehen: Als islamische Fanatiker im Zuge des Karikaturenstreits Menschen töteten und bedrohten, hat sie Verständnis für die verletzten Gefühle der Täter gezeigt, nicht für die der Opfer.

 

Erst nach einem Aufschrei der Öffentlichkeit ging die Labour-Regierung in Großbritannien gegen die Fanatiker vor, die mit ihren „Kill all Enemies of Islam“-Plakaten durch britische Städte zogen. Weggesehen wurde auch, als in britischen Islamschulen die Amputation von Gliedern zum Unterrichtsthema wurde. Wenn, wie in Rotherham, organisierte sexuelle Gewalt aus migrantischen Milieus gegen Minderjährige ausging, wurde die Strafverfolgung behindert. Als die französische Assemblée Nationale für das Verbot der Burka stimmte, enthielt sich die PS-Fraktion der Stimme. Weder Salman Rushdie noch Kurt Westgaard haben von der europäischen Linken viel Unterstützung erfahren. Im Gegenteil: Immer wieder hat die Linke eingestimmt in den Chor derjenigen, die jede Kritik an der kulturellen und politischen Praxis des Islam als „menschenfeindliche“ Islamphobie und Xenophobie tabuisierten. Säkulare und assimilationsorientierte Einwanderer wurden in ihrem Kampf gegen religiöse Identitätspolitiken weitgehend allein gelassen.

 

Die Dynamik und Pathologie der ideologischen und politischen Entwicklungen in der islamischen Welt hat die Linke nie ernsthaft interessiert. Religiöser Fanatismus, Gewaltkultur, Radikalisierung und Anti-Okkzidentialismus in migrantischen Milieus wurden immer nur als Reaktion auf angebliche Ausgrenzungserfahrungen behandelt. Auf eine perverse Art artikuliert sich hier ein paternalistischer Gutmenschenrassismus, der auch 50 Jahre nach der Entkolonialisierung den muslimischen Anderen nicht als Subjekt seiner Geschichte begreifen kann, sondern nur als reagierendes Objekt westlichen Handelns. Der Islamismus ist aber nicht in Seine-Saint Denis oder Neukölln entstanden, sondern in Riad, Kairo und Islamabad. Er ist ein ideologisches Kind der Modernisierungskonflikte der islamischen Welt selbst.

 

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff hatte völlig Recht, als er erklärte, dass „der Islam zu Deutschland gehört“. Man mag das gut oder schlecht finden, es ist einfach so, weil in diesem Land (und auf diesem Kontinent) eine signifikante Gruppe von Menschen lebt, die dieser Religion angehören und sich ihrem Weltbild verpflichtet fühlen. Diese Normalität des Islam in Europa bedeutet aber auch, dass die europäische Linke sich mit ihm wie mit jeder anderen Ideologie auseinanderzusetzen hat.

 

Gegner eines linken Menschenbildes

 

Sie hat zu prüfen, wo und wie ihre Werte und Ziele mit den Normen und der kulturellen und gesellschaftlichen Praxis dieser Religion übereinstimmen, aber auch, wo sie diesen widersprechen. Dort, wo diese Ideologie im Widerspruch zu zentralen Zielen eines linken Menschenbildes steht, wo sie elementaren Freiheits- und Gleichheitsnormen widerspricht, ist sie ein politischer Gegner, wie jede andere derartige Denkschule auch. Oliver Schmolke, einer der klügsten Köpfe der deutschen Sozialdemokratie, schreibt in seinen Buch „Über die Freiheit“: „Die Menschen, die kamen, brachten die nationalen Identitätskämpfe ihrer Heimatländer mit, und sie als Gleiche anzuerkennen, muss auch heißen, ihre Ideologien mit gleichem Maß zu beurteilen.

 

Nationalistische und religiös fundamentalistische Einwanderer sind Rechtsextreme, die wie ihre europäischen Verwandten einer Ideologie der Ungleichheit anhängen. Das hätten Linke immer wissen und sagen müssen.“

 

Das haben sie aber oft genug nicht getan. Die Tradition der Ideologie- und Religionskritik, die seit den Tagen der Aufklärung ein wesentliches Element der normativen und praktischen Emanzipations- und Freiheitsambition der europäischen Linken war, wurde durch das Schlagwort der Xenophobie mundtot gemacht. Stattdessen hat die Linke tatenlos zugesehen, wie sich eine homophobe, anti-semitische, radikal freiheits-, gleichheits- und frauenfeindliche Ideologie in Europa breit gemacht hat. Zur wachsenden Gewaltbereitschaft dieser Bewegung hat sie – jenseits von Warnungen vor „Verallgemeinerungen“ – fast nichts zu sagen gehabt. Diese Realitätsverweigerung droht sich nun bitter zu rächen. Der Kampf gegen religiösen Totalitarismus und Obskurantismus hat im 19. Jahrhundert dazu beigetragen, die Linke in Europa groß zu machen. Ihre Feigheit, diesen Kampf unter geänderten Umständen wieder aufzunehmen, droht sie nun klein zu machen: politisch und moralisch.

 

 

Ernst Hillebrand

 

Dr. Ernst Hillebrand ist Leiter des Referats Internationale Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung. Nach Studium der Politikwissenschaften ist er seit 1990 in verschiedenen Funktionen für die FES tätig, u.a. als Referatsleiter Mittel- und Osteuropa und Leiter der Büros in Paris und London.

 

 

http://www.ipg-journal.de/rubriken/soziale-demokratie/artikel/charlie-hebdo-und-das-linke-appeasement-733/

 

 


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Ernst Hillebrand, Charlie Hebdo und das linke Appeasement
Der werterelativistische Multikulturalismus und politische Gefahr des Islamismus. IPG-Journal vom 08.01.2015
Hillebrand, Charlie Hebdo und das linke
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Michael Krüger, Die Drohung ist das Grauenhafte
Der Verleger Michael Krüger der deutschen Übersetzung der "Satanischen Verse" von Salman Rushdie
im Interview, DIE WELT, 11. Januar 2015 http://www.welt.de/136235337
Krüger, Die Drohung ist das Grauenhafte.
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Martin Rhonheimer, Töten im Namen Allahs
Gewalt und theologische Tradition im Islam
NZZ 06.09.2014
Rhonheimer, Töten im Namen Allahs.pdf
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