Islamisierung


Studien zu Muslimen:

 

Droht eine Islamisierung Deutschlands?


Von Nikolas Busse

 

Wissenschaftler haben befragt, geschätzt und hochgerechnet. Ihre Studien zeigen: Die Muslime in Deutschland erscheinen mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zu schwach für die von Pegida befürchtete Islamisierung.

 

Ob die Sorge vor einer Islamisierung Deutschlands berechtigt ist, die in Dresden so viele Menschen auf die Straße getrieben hat, ist eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Einerseits sind in den vergangenen Jahren Lebensweisen unter muslimischen Einwanderern bekanntgeworden, die nicht zur freiheitlichen Grundordnung Deutschlands passen. Sie reichen von Zwangsehen bis Terrorismus. Andererseits konzentriert sich dieses Geschehen auf einige wenige Problemviertel in deutschen Großstädten, und es ist unklar, wie weit verbreitet es ist. Der Augenschein hilft also nicht weiter. Einige Anhaltspunkte darüber geben diverse Statistiken und Umfragen.

 

Um zu beurteilen, ob eine Gruppe die Kultur eines Landes maßgeblich beeinflussen kann, muss man zunächst ihre Größe betrachten. Im Fall der Muslime ist sie nicht leicht zu bestimmen. Da islamische Gemeinschaften keinen Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts genießen, erfassen die Einwohnermeldeämter die Religionszugehörigkeit von Muslimen nicht. Man ist auf Befragungen und Hochrechnungen angewiesen. Eine allgemein akzeptierte Schätzung stammt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2009. Danach leben zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime in Deutschland, ungefähr fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Das erscheint zu wenig, um einem Gemeinwesen die eigene Kultur überzustülpen, selbst wenn es eine muslimische Partei gäbe. Dass fünf Prozent der Bevölkerung 95 Prozent dominieren, ist allenfalls in einer Diktatur vorstellbar.

 

Afrikanerinnen haben die meisten Kinder

 

Nun ist zu berücksichtigen, dass der Bevölkerungsanteil der Muslime in den nächsten Jahren steigen wird, weil ihre Geburtenrate höher ist als die der nichtmuslimischen Bevölkerung. Das Bundesamt hat vor vier Jahren in einer Studie festgestellt, dass ausländische Frauen seit 1970 durchgängig höhere Geburtenraten haben als deutsche. Die Geburtenziffer deutscher Frauen betrug 1,3 Kinder je Frau; bei Ausländerinnen waren es 1,6. Eine Auswertung nur für Musliminnen fehlte, weil sich hier wieder Probleme mit der Erfassung stellen. Aber immerhin ließ sich feststellen, dass die Geburtenrate von Türkinnen noch einmal etwas höher lag, nämlich bei 1,8. Die höchste Geburtenrate haben mit 2,6 Kindern Afrikanerinnen, unter denen auch viele Musliminnen sind (Daten für 2006 bis 2008). Das Bundesamt weist allerdings darauf hin, dass sich das generative Verhalten von Migrantinnen an das der Deutschen anpasst. So bekämen jüngere Türkinnen weniger Kinder.

 

Entwicklung in den nächsten Jahren

 

Man kann solche Kennziffern, verbunden mit Annahmen über die Migration, in die Zukunft hochrechnen. Das „Pew Research Center“ in Washington, ein angesehenes Meinungsforschungsinstitut, hat vor vier Jahren eine Schätzung über die demographische Entwicklung der Muslime auf der ganzen Welt vorgelegt. Für Deutschland wurde ein Anstieg der muslimischen Bevölkerung auf 5,5 Millionen bis zum Jahr 2030 vorhergesagt. Das wären 7,1 Prozent der Gesamtbevölkerung, etwas weniger als heute in Frankreich. Auch wenn solche Studien mit Vorsicht zu genießen sind, weil die Bevölkerungsentwicklung zusätzlich von politischen Faktoren beeinflusst wird, erscheinen die Muslime als Gruppe in diesem Szenario immer noch nicht stark genug, um die großen Linien dieser Gesellschaft zu bestimmen.

Trotzdem kann eine Minderheit, die den rechtlichen und sittlichen Grundkonsens eines Landes nicht teilt, viel Konflikt hervorrufen. Zu den Schlagwörtern, die die öffentliche Debatte dazu in den vergangenen Jahren bestimmt haben, liegt wenig oder kein statistisches Material vor. So ist unbekannt, wie viele islamische Friedensrichter es in Deutschland gibt.

 

Ein Prozent sind Ehrenmorde

 

Medienberichte legen immerhin nahe, dass diese sogar Straftaten nach der Scharia schlichten. Zu zwei Reizwörtern aus der Schule gibt es immerhin Daten: So hat das Bundesamt für Migration in der Studie von 2009 festgestellt, dass 86,5 Prozent der muslimischen Schüler am gemischtgeschlechtlichen Sportunterricht teilnehmen. Das ist kaum weniger als bei Angehörigen anderen Religionen (88,7 Prozent). 2,2 Prozent der muslimischen Mädchen nehmen nicht am gemischtgeschlechtlichen Schwimmunterricht teil, was ein wenig mehr ist als bei anderen Religionen (0,8 Prozent).

 

Andere Zahlen deuten auf größere Integrationsprobleme hin. So hat das Bundesfamilienministerium für das Jahr 2008 ermittelt, dass in 830 deutschen Beratungsstellen 3443 Personen Rat wegen einer Zwangsheirat suchten. Ein großer Teil davon waren Muslime. Da es weit mehr Beratungszentren in Deutschland gibt und viele Betroffene gar keinen Rat suchen dürften, gibt es vermutlich noch mehr Fälle.

 

Das deutet darauf hin, dass es sich um kein kleines Phänomen handelt. Auch „Ehrenmorde“ sind keine Einzelfälle. Das Bundeskriminalamt hat für den Zeitraum von 1996 bis 2005 78 Fälle in Deutschland gezählt, also knapp acht im Jahr. Das entspricht etwa einem Prozent aller Morddelikte, die im Jahr in Deutschland verübt werden. Die Täter waren meist Muslime, überwiegend aus der Türkei und arabischen Ländern, aber auch aus dem ehemaligen Jugoslawien, Albanien, Pakistan und Afghanistan.

 

Die Minderheit der Minderheit

 

Eine schon etwas ältere, aber umfangreiche Studie des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2007 zeigt außerdem, dass unter Muslimen in Deutschland Einstellungen verbreitet sind, die schwer mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar sind. So gaben 46,7 Prozent an, dass die Gebote ihrer Religion wichtiger seien als die Demokratie.

 

65,5 Prozent waren für eine staatliche Kontrolle von Medien und Presse. 33,6 Prozent befürworteten die Todesstrafe. 48,4 Prozent waren der Meinung, dass die Demokratie schuld sei an der hohen Kriminalität. 20,2 Prozent waren für die Abschaffung des Streikrechts. 9,4 Prozent sprachen sich dafür aus, dass in Deutschland die Prügelstrafe wie in der Scharia verhängt werden kann.

 

Die Autoren der Studie kamen zu dem Schluss, dass bei etwa zehn Prozent der Muslime eine „ausgeprägte Distanz“ zu den Grundprinzipien von Demokratie und Rechtsstaat bestehe. Diese Leute lebten oft in wirtschaftlich schwierigen Umständen, hätten wenig Bildung, Erfahrungen mit Diskriminierung und informierten sich hauptsächlich über nichtdeutsche Medien. Es wären etwa 400.000 Menschen – eine Minderheit in der Minderheit, aber keine Größe, die politisch zu vernachlässigen wäre.

 

 

Nikolas Busse ist Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

 

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Religion & Public Life - November 29, 2017

 

Europe’s Growing Muslim Population

 

Muslims are projected to increase as a share of Europe’s population – even with no future migration

 

http://www.pewforum.org/2017/11/29/europes-growing-muslim-population/

 

The Growth of Germany's Muslim Population

http://www.pewforum.org/essay/the-growth-of-germanys-muslim-population/