Integration in den Schulen

 

 

Flüchtlinge an Schulen. Wie Apartheid

 

Peter Maxwill


An vielen Schulen bleiben junge Flüchtlinge und andere Migranten unter sich. Was bedeutet das für den Lernerfolg, die Integration? Eine Studie liefert Einblicke.

 

Es gibt natürlich Extremfälle, den Hamburger Stadtteil Billbrook zum Beispiel. 98 Prozent der dort lebenden Kinder und Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund, viele von ihnen kamen erst in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland. Nun leben sie in diesem unwirtlichen Viertel, das als sozialer Brennpunkt gilt. Ihre Lage ist vergleichsweise perspektivlos.

 

Der Fall Billbrook ist krass, eine krasse Ausnahme aber ist er nicht. In etlichen Schulen im Land hat die Mehrheit der Schüler einen Migrationshintergrund, viele sind zugleich sozial benachteiligt. Das ist eines der Ergebnisse einer neuen Studie des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

 

Die Forscher sind am Beispiel von 56 sogenannten segregierten Schulen der Frage nachgegangen, welche Chancen und Risiken sich für die 130.000 jugendlichen Flüchtlinge ergeben, die das deutsche Schulsystem seit 2015 aufgenommen hat. Dazu befragten die Wissenschaftler Dutzende Lehrer an solchen Schulen und werteten die Ergebnisse systematisch aus.

 

Die Ausgangslage

 

Obwohl Zehntausende Flüchtlinge deutsche Schulen besuchen, haben viele von ihnen kaum Kontakt zu gleichaltrigen Einheimischen ohne Migrationshintergrund. "Schuld daran ist die Segregation, die sich in der deutschen Schulland-schaft seit Jahren abzeichnet", schreiben die Forscher. Sie sprechen von "segregierten Schulen", in denen mehr als 50 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben.

 

Demnach gibt es zwar Regeln, die den Unterricht in reinen "Ausländerklassen" verbieten - oft brächten diese aber nichts oder würden mit Sonderregelungen außer Kraft gesetzt. Vor allem in Ballungsräumen sitzen in Klassenzimmern immer häufiger mehrheitlich Schüler, die selbst oder deren Eltern zugewandert sind.

 

Besonders schwierig ist diese Situation für Jugendliche an weiterführenden Schulen: Anders als Kindern fällt Teenagern das Erlernen der deutschen Sprache schwer, viele sind von Krieg und Flucht traumatisiert, erleben die Pubertät in einem kulturell fremden Umfeld und müssen zudem viel Verantwortung in der Familie übernehmen.

 

Die Chancen

 

Ein grundsätzliches Problem sind den Forschern zufolge die segregierten Schulen aber nicht - "zumal sie im Umgang mit Zuwanderung und sprachlicher Vielfalt langjährige Erfahrung haben".

 

So berichteten 60 Prozent der befragten Lehrer, dass ein Großteil ihrer Schüler nach der Vorbereitungsklasse für Flüchtlinge zum Regelunterricht der Schule wechselt - und dort erreiche jeder Zweite schon nach kurzer Zeit beträchtliche Erfolge. Das liegt demnach vor allem an ihrem Lerneifer und der Vorbildung.

 

Die Probleme

 

Dennoch ist das Lernniveau in segregierten Schulen häufig niedrig, wie die Wissenschaftler schreiben. Das liege unter anderem daran, dass viele Schüler "sozial benachteiligt, konfliktbelastet, nicht selten leistungsschwach und zum Teil verhaltensauffällig" seien. "Diese Lernhindernisse", heißt es weiter, "könnten auch die zukünftigen Bildungsbiografien vieler junger Flüchtlinge prägen."

 

Bedenklich ist den Forschern zufolge, dass:

  • junge Flüchtlinge in der Schule kaum Anschluss an Einheimische finden;
  • im Regelunterricht Flüchtlinge nur selten individuell unterstützt werden;
  • viele Lehrer ihre Förderung kaum untereinander absprechen.

"Die Fellows", so heißt es in dem Bericht, "berichten von zahlreichen Jugendlichen, die deshalb in den nächsten Jahren Gefahr laufen, im Schulbetrieb 'unterzugehen'."

 

Die Perspektiven

 

Gerade für diese Risikofälle fordern die befragten Lehrer deutlich mehr Förderung - sprachlich, pädagogisch, fachlich, psychologisch. Um das zu schaffen, drängen die Wissenschaftler auf grundsätzliche Reformen:

  • Schon angehende Lehrer müssten speziell für den Umgang mit kultureller Vielfalt und Sprachproblemen geschult werden und sich spezialisieren können.
  • Lehrern müssten mehr Fortbildungen angeboten werden, etwa zu Migration und den psychischen Folgen einer Flucht.
  • Segregierte Schulen müssten mehr Geld erhalten, zudem müsse neues Personal nach individuellem Bedarf je Schule sinnvoller verteilt werden.
  • Flüchtlinge dürften nicht nur nach Alter und Kapazitäten einer Schule zugewiesen werden - auch Faktoren wie die kulturelle Zusammensetzung der Schülerschaft müssten berücksichtigt werden.

Ganz neu ist die Debatte nicht, seit Jahren kursieren Ideen wie eine "Migrantenquote" pro Klasse oder die Aufhebung der Schulpflicht für Flüchtlingskinder - während Experten wahlweise auf rein pädagogische Konzepte oder eine stringente Durchmischung von Schulklassen setzen. Inzwischen jedoch drängt die Zeit.

 

Denn die tatsächlichen Auswirkungen segregierter Schulen sind bislang nur bedingt spürbar, wie die Forscher schreiben: Ein Großteil der jugendlichen Flüchtlinge besucht noch die Vorbereitungsklassen, weshalb viele wenig Kontakt zu einheimischen Schülern haben. Schon in den nächsten Monaten aber werden viele dieser Flüchtlinge in reguläre Klassen wechseln - und immer mehr Lehrer vor große Herausforderungen und eine wichtige Frage stellen: Wie gelingt die Integration im Klassenzimmer?

 

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/fluechtlinge-an-schulen-das-problem-heisst-segregation-a-1194851.html

 


 

Schulen und gescheiterte Integration

 

VIDEO-INTERVIEW MIT FRANK A. MEYER am 27. April 2018

 

Der Schweizer Journalist, Medienberater und Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer spricht mit Cicero-Redakteur Alexander Kissler darüber, warum unsere Schulen überfordert sind. Ein wichtiger Grund sei die schlecht funktionierende Integration. Er fordert eine Maximal-Quote für Schüler mit Migrationshintergrund

 

Wie sollen Schulen auf wachsenden Antisemitismus und Integrationsprobleme reagieren? Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer findet, dass die Schulen zunächst damit überfordert sind. Denn das Problem sei das Resultat eines gesamt-gesellschaftlichen Problems, nämlich der gescheiterten Integration. Schulen sollten eigentlich Wissen vermitteln. Treffe diese Institution aber auf einen bildungsfeindlichen, konservativen Islam, entstünde das Problem. Ob Schulen das alleine lösen könnten, sei fraglich.

 

Die Kinder seien daran nicht schuld, sondern die Opfer solch bildungsfeindlicher Indoktrination. Auch die übrigen Kinder in den Klassen hätten ein Problem, weil sie nicht mehr ausreichend gefördert würden. Darum bräuchte es eine Maximal-Quote pro Klasse für Kinder mit Migrationshintergrund.

 

Im aktuellen Cicero und auf Cicero Plus finden Sie unsere Titelgeschichte zum Thema überforderte Schulen.

 

https://www.cicero.de/meyers-blick-schulen-integration-antisemitismus-islam-bildung