Frauenquoten

 

 

Frauenquoten: der Siegeszug eines Denkfehlers

 

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer will eine verbindliche Frauenquote in der CDU einführen.

Dieses Instrument der Frauenförderung hebelt die Freiheit und Gleichheit der Individuen aus.

 

Anna Schneider, Berlin - NZZ - 08.07.2020

 

Die verstärkte Repräsentation von Frauen in politischen Ämtern ist ein gutes Ziel. Um es zu erreichen, will CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ihre Partei auf eine verbindliche Frauenquote von 50 Prozent verpflichten. Dieser Vorschlag sickerte an diesem Dienstag durch, Kramp-Karrenbauer hat der Satzungskommission der CDU einen entsprechenden Vorschlag vorgelegt.

 

In der Kommission fremdeln aber offenbar einige mit diesem Kurs der Parteispitze, der die CDU in sozialdemokratisches Fahrwasser bringt. Frauenfeindlich, das will im Jahr 2020 niemand mehr sein. Bloss: Ist die Frauenquote nicht das eigentlich frauenfeindlichste aller Antidiskriminierungsinstrumente? Vor dem CDU-Parteitag im November letzten Jahres wurde die Frage, ob es eine parteiinterne Frauenquote geben soll, kontrovers diskutiert – einen Beschluss dazu soll es bis zum Parteitag im Dezember geben.

 

Die Tatsache, dass es wenige Frauen in Spitzenpositionen gibt, ist durchaus zu kritisieren. Dennoch gibt es gute Gründe dafür, Quoten abzulehnen.

 

Gleichberechtigung und Gleichstellung sind nicht dasselbe

 

Politische und rechtliche Gleichberechtigung, darum ging es der Frauenrechtsbewegung in der ersten und der zweiten Phase. Inzwischen hat sich mit dem Begriff der Gleichstellung ein ähnlich klingendes Schlagwort im Kampf um die Geschlechtergleichheit in den Diskurs und die Köpfe eingeschlichen. Ein Beispiel: Unter dem Motto «Mit Recht zur Gleichstellung» lud das Frauenministerium unlängst zu einer Fachkonferenz. Trotz 40 Jahre Frauenrechtskonvention und 25 Jahre Vierte Weltfrauenkonferenz von Peking – beides «gleichstellungspolitische Meilensteine» – sei noch nirgendwo auf der Welt echte Gleichstellung zwischen Männern und Frauen erreicht. Doch was bedeutet das überhaupt?

 

Es gilt auseinanderzuhalten: Gleichberechtigung bedeutet Gleichheit vor dem Gesetz. Tatsächliche Ungleichheiten der Positionen sind hinzunehmen, da Individuen ungleich sind – das macht sie aus. Das Ideal der Gleichstellung geht hingegen davon aus, dass eine absolute Verteilung der Geschlechter, also 50:50, notwendig ist. Hier liegt der erste Denkfehler, denn weder sind alle Frauen noch alle Männer gleich. Was nicht der Tatsache widerspricht, dass Männer und Frauen grundsätzlich gleich gut und gleich geeignet sind und also gleich repräsentiert sein sollten.

 

Gleichberechtigung ermöglicht Freiheit, weil Ungleichheiten nicht negiert werden. Gleichstellung ist Gleichmacherei, die den Menschen nicht mehr in seiner Individualität, sondern nur als Vertreter eines Kollektivs wahrnimmt.

 

Perpetuierung althergebrachter Rollenbilder

 

In der Realität bestehen diskriminierende Machtstrukturen, insbesondere in Form von Netzwerken, von denen in erster Linie Männer profitieren. Um diese zu durchbrechen, ist es notwendig, Frauen zu ermächtigen und zu unterstützen, damit sie sich selbst Strukturen aufbauen können. Eine verpflichtende Quote ist dafür ein zu plumpes Instrument. Frauenquoten schaffen Quotenfrauen, was letztlich dem Anliegen schadet. Denn eine Frauenquote ist, das lässt sich nicht beschönigen, ein Armutszeugnis für Frauen. Anstatt ihnen zuzutrauen, dass sie sich auf dem freien Markt durchsetzen können, erklärt man sie zu hilfsbedürftigen Wesen. Das ist das Gegenteil von Emanzipation, das ist Patronage. Viele, die lautstark gegen die vermeintlichen Zwänge des Patriarchats ankämpfen, greifen in Verteidigung der Frauenquote paradoxerweise auf Rollenbilder zurück, die sie eigentlich abschaffen wollen: der privilegierte Mann, die zum Objekt gemachte Frau. So werden im Namen der positiven Diskriminierung Stereotype zementiert.

 

Die Frage, wann die adäquate Repräsentation von Frauen in den Top-Etagen der Arbeitswelt zahlenmässig erreicht ist, lässt sich nicht beantworten. Folgt man der Logik der staatlichen Gleichstellungspolitik, stellen sich noch andere Fragen: Weshalb geht es bei der Forderung nach Frauenquoten nur um Führungspositionen und prestigeträchtige Tätigkeiten? Warum spricht niemand über Quoten bei der Müllabfuhr, auf dem Bau oder bei Reinigungsdiensten? Wieso gibt es keine Quoten für benachteiligte Gruppen wie etwa Migranten? In diesem Sinne könnten noch beliebig viele, in unter-schiedlichem Masse und nach unterschiedlichen Kriterien diskriminierte Gruppen gebildet werden. Die Reduzierung von Menschen auf ihre äusseren Merkmale führt in eine identitätspolitische Sackgasse.