Soziale Netzwerke

 

 

Bernd Stegemann:

 

«Twitter ist ein Perpetuum mobile der Wut und der Angst. Mit der Zeit lässt man sich in dieses sinnlose Spiel hineinsaugen»

 

Soziale Netzwerke lebten von Aggressionen, sagt der Autor Bernd Stegemann. Hinzu komme eine Identitäts-politik, die Ansprüche durchsetze, indem sie diese zornig oder panisch vorbringe. Der herrschaftsfreie Diskurs drohe von einer neuen Standesgesellschaft abgelöst zu werden.

 

Hansjörg Friedrich Müller, Berlin, NZZ, 06.11.2021

 

Herr Stegemann, Sie haben ein Buch über Wut geschrieben. Was war der Anstoss? Leben wir in einem Zeitalter des Zorns?

 

 

Als Theatermann interessiere ich mich für öffentliche Gefühlsäusserungen. Und da fällt mir auf, dass wir es in der Öffentlichkeit derzeit vor allem mit zwei Emotionen zu tun haben: Wut und Angst. Das ist fragwürdig, denn was richtet man damit an? Dass es sich mit Wut und Angst nicht gut lebt, sieht jeder, der auf seine eigenen Erfahrungen damit schaut. Umso bemerkenswerter finde ich, dass es diese beiden Gefühle sind, die gerade die Öffentlichkeit dominieren.

 

 

Nun ist Wut durchaus etwas Ambivalentes: Empörung über die bestehenden Verhältnisse kann auch der Ausgangspunkt dafür sein, eine Veränderung zum Besseren herbeizuführen.

 

 

Sicher, und mit der Angst verhält es sich ähnlich: Hätten wir im Strassenverkehr keine Angst, würden wir uns selbst und andere gefährden. Angst ist existenziell notwendig. Dasselbe gilt für die Wut: Man braucht schliesslich Energie, um etwas ändern zu können. Aber beide Gefühle haben die Tendenz, rasch ins Negative zu kippen. Aus Angst kann irratio-nale Panik werden, und wenn jemand seine Wut immer weiter füttert und daraus seine Identität zieht, wird ihm das auf Dauer nicht guttun.

 

 

Ihr Buch trägt den Titel «Wutkultur». Das erinnert an Wortschöpfungen wie «Streitkultur» oder «Trauerkultur». Kann man durch den richtigen Umgang mit seiner Wut dafür sorgen, dass aus dem Zorn etwas Positives er-wächst?

 

 

Jede Gesellschaft braucht Methoden, um mit den grossen Gefühlen umzugehen, zu denen der Mensch fähig ist: Angst muss eingedämmt werden, damit es keine Massenpaniken gibt und sich kein hysterischer Mob bildet. Auch die Wut muss kultiviert werden, damit sie nicht zu einem Flächenbrand führt. Gleichzeitig gibt es Geschäftsmodelle, die darin bestehen, diese Gefühle zu provozieren und zu produzieren. Damit meine ich die sozialen Netzwerke.

 

 

Haben Sie praktische Schlüsse aus Ihrer Beschäftigung mit dem Thema gezogen – oder anders gefragt: Sind Sie gelassener geworden, seit Sie intensiv über Wut nachdenken?

 

 

Eine praktische Konsequenz, die ich aus der Beschäftigung mit den Mechanismen der Wutsteigerung und -bewirtschaf-tung gezogen habe, war die Entscheidung, mich von Twitter abzumelden. Ich habe erkannt, dass es sich um ein toxi-sches Medium handelt, dessen Sinn eigentlich nur darin besteht, Wut und Empörung zu triggern und immer neue Anlässe zu kreieren, damit Menschen wütend werden. Twitter ist ein Perpetuum mobile der Wut und der Angst.

 

 

Fiel Ihnen der Ausstieg schwer?

 

 

Zuerst hatte ich leichte Entzugserscheinungen: Man denkt, man sei bei Twitter am Puls der Zeit. Nach meiner Abmel-dung dachte ich: O Gott, du bist nicht mehr dabei, du weisst nicht mehr, was los ist. Es dauerte dann aber nicht lange, bis ich gemerkt habe, dass diese Twitter-Welt eigentlich eine Fake-Blase ist. Wenn man nicht mehr daran teilnimmt,

hat das keinerlei Auswirkungen.

 

 

Wie lange dauerte es, bis Sie den Ausstieg bewältigt hatten?

 

 

Nach ein oder zwei Wochen merkte ich, dass ich gar nichts vermisste. Was wichtig ist, bekommt man auch über andere Kanäle mit. Und man verschwendet weniger Lebenszeit.

 

 

Haben Sie beim Twittern negative Seiten an sich selbst entdeckt, etwa dass Sie sich durch Ihren Umgang damit radikalisiert hätten?

 

 

Radikalisiert habe ich mich vielleicht in dem Sinne, dass ich eine Abhängigkeit entwickelt habe, die mich dazu gebracht hat, auf Empörungswellen mitzusurfen. Mit der Zeit lässt man sich in dieses sinnlose Spiel von Provokation und Erre-gung hineinsaugen, und dann beginnt man aktiv danach zu suchen, worüber man sich als Nächstes aufregen könnte.

 

 

Sollte der Staat oder die Gesellschaft etwas tun, um die negativen Auswirkungen sozialer Netzwerke einzudämmen? Oder ist es klüger, auf die Eigenverantwortung der Nutzer zu setzen?

 

 

Regulierungsversuche sind nicht der richtige Weg. Was man tun könnte und müsste, ist, deutlich mehr Aufklärung über die Mechanismen zu betreiben. Schon in der Schule sollte die entsprechende Kompetenz vermittelt werden, denn Kin-der sind ja auf Facebook oder Instagram unterwegs, sobald sie den Finger bewegen können. Doch was die Souveränität der Nutzer betrifft, gibt es grosse Defizite. Auch die klassischen Medien wie Zeitungen oder Fernsehen müssten sich ihrer Verantwortung stellen.

 

 

Was sollten sie konkret tun?

 

 

Vor allem sollten sie nicht jeden Shitstorm aufgreifen, als ob er relevant wäre. In Deutschland nutzen vielleicht drei Prozent der Menschen Twitter. Es gibt dort einige laute Krakeeler wie den TV-Unterhalter Jan Böhmermann, der die Stimmung kalkuliert anheizt. Anstatt solche Vorgänge zu analysieren oder zu ignorieren, fallen klassische Medien darauf herein. Wenn man als professioneller Medienmacher Twitter nicht durchschaut, hat man seine Arbeit nicht gemacht. Gefordert wären aber auch die Politiker: Aus Angst, ins Kreuzfeuer zu geraten, steigen sie auf Erregungswellen ein, die niemanden interessieren würden, wenn man sie nur drei Tage lang ignoriert hätte. Aber auch jeder Einzelne ist gefor-dert, sich nicht anstecken zu lassen und nicht jeden Shitstorm ernst zu nehmen.

 

 

Wer wütend ist, hat in öffentlichen Debatten einen schweren Stand. Seit etwas mehr als zehn Jahren ist der «Wutbürger» im deutschen Diskurs präsent, ein Ausdruck, der in stigmatisierender Absicht verwendet wird.

Was halten Sie von dem Begriff?

 

 

Ich glaube, zu Beginn hat man ihn noch durchaus ambivalent verwendet. Es war der Journalist Dirk Kurbjuweit, der ihn aus Anlass der Proteste gegen das Bahnhofsbauprojekt «Stuttgart 21» in einem Essay im «Spiegel» geprägt hat. Der Wutbürger war ein neues Phänomen: Auf einmal gingen nicht mehr nur rebellische Studenten auf die Strasse, sondern auch das gesetzte Bürgertum.

 

 

Der Begriff enthält ja bereits einen Widerspruch: Zumindest im Idealfall ist der Bürger kein Wüterich, sondern er zeichnet sich durch die Kontrolle seiner Affekte aus.

 

 

Ja, das Bürgerliche ist das Disziplinierende, die gelungene Bildungsbiografie, die ständige Selbstregulierung. Wenn der Bürger wütend wird, ist das in der Tat ein neues und auch ein wenig unheimliches Phänomen, das im Widerspruch zu seinem Lebensmodell steht. Der Umgang mit der Wut ist es auch, der den Konservativen vom Rechten unterscheidet: Während der Konservative das Bestehende bewahren will, träumt der Rechte häufig vom Umsturz, auch wenn er nicht so recht weiss, was eigentlich darauf folgen soll.

 

 

Das grosse Thema Ihres Buches ist der Zusammenhang zwischen Wut und Identitätspolitik, die von rechts wie von links kommen kann. Was unterscheidet linke und rechte Identitätspolitik?

 

 

Von rechts gibt es die alte Identitätspolitik, die Vorrechte aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Nation oder Rasse reklamiert: Wir dürfen mehr, weil wir die Nation XY sind. Diese Sichtweise ist seit 1968 dekonstruiert worden: Die Nation, aber auch das Geschlecht und die Rasse sind lediglich Erfindungen. Mittlerweile gibt es auch eine linke Identitätspolitik, die zwar nach wie vor davon ausgeht, dass all das ein Konstrukt ist, gleichzeitig aber über den Opferstatus neue Identitäten konstruiert: die Frau, der Migrant oder der Muslim als Opfer. Und dann greifen genau dieselben Mentalitäten wie bei der alten, rechten Identitätspolitik: Ich als Frau, als Muslim oder als Migrant muss diese oder jene Vorrechte haben.

 

 

Ist Identitätspolitik der eigentliche Treiber des Zorns, den wir derzeit in der Öffentlichkeit erleben?

 

 

Identitätspolitik ist immer Politik aus der ersten Person: wir als Gruppe XY. Und um diesem Anspruch mehr Gewicht zu verleihen, wird er wütend oder panisch vorgebracht. Das Kalkül dabei ist, dass einem starken Gefühl weniger einfach widersprochen werden kann. So bewirtschaftet vor allem Identitätspolitik die aggressiven Gefühle, da sie den Zu-sammenhalt des «Wir» stärkt und damit schlagkräftiger ist als rationale Argumente.

 

 

Linke Identitätspolitik beschreiben Sie als raffiniert und komplex, rechte als leicht durchschaubar. Also ist die rechte Variante etwas für schlichte Gemüter, während die linke ein Gift ist, das auch bei intelligenten Menschen seine Wirkung entfalten kann?

 

 

Ich bin mir nicht sicher, ob das viel mit Intelligenz zu tun hat, aber es braucht zumindest eine grössere Diskursfähigkeit, um linke Identitätspolitik betreiben zu können, weil man dabei immer diesen Doppelschritt machen muss: zunächst zu erkennen, dass jede Identität ein Konstrukt ist, dann aber selbst eine Opferposition zu konstruieren, die ihrerseits auf gar keinen Fall dekonstruiert werden darf. Das ist in der Tat raffiniert, weil man je nach Belieben zwischen zwei Positionen hin- und herspringen kann: Mal schiebt man die Opferposition nach vorne, weil man einen Vorteil davon hat, etwa wenn es um die Besetzung von Posten anhand einer Quote geht. Wenn man aber von anderen auf das Geschlecht oder die Ethnie reduziert wird, klagt man über Rassismus oder Sexismus.

 

 

Über den AfD-Politiker Marc Jongen, einen der Vordenker rechter Identitätspolitik in Deutschland, schreiben Sie, er verhalte sich wie ein zündelnder Teenager, der nicht wisse, an was für einem grossen Dynamitfass er da hantiere. Wie ist das bei den linken Identitätspolitikern? Wissen sie, was sie tun?

 

 

Das ist eine interessante Frage, die allerdings nur schwer zu beantworten ist. Die grosse Gefahr der linken Identitäts-politik besteht darin, dass durch sie der westliche Universalismus beschädigt wird, der unter grossen Mühen erkämpft wurde. Freiheit und Gleichheit werden durch linke Identitätspolitik permanent angegriffen: die Freiheit, indem man verhindert, dass bestimmte Meinungen öffentlich vertreten werden dürfen. Die Gleichheit, indem bestimmte Gruppen Sonderrechte beanspruchen. Diese Angriffe sind auch deshalb so gefährlich, weil sie auf die Öffentlichkeit so wirken, als stritten ihre Urheber für etwas Gutes. Bei den Rechten merkt jeder, dass sie etwas Böses wollen, vor allem in Deutsch-land, wo rechte Ideen schon aus historischen Gründen verpönt sind. Die linke Identitätspolitik trägt dagegen die Fahne des Fortschritts und der Emanzipation vor sich her.

 

 

Ein anderer Aspekt, den Sie behandeln, ist die Anschlussfähigkeit der linken Identitätspolitik beim Kapitalismus. Schadet die heutige Linke unbewusst den Interessen der Arbeiter?

 

 

Identitätspolitik und Klassenpolitik sind jedenfalls nicht dasselbe. Früher sagten linke Politiker, die Menschen sollten leben, wie sie wollten; Aufgabe der Politik sei es, dafür zu sorgen, dass sie möglichst die gleichen ökonomischen Chancen hätten. Dafür braucht es Gewerkschaften, vernünftige Arbeitsverträge und Krankengeld. Das alles kostet die Unternehmen Geld. Verglichen damit sind Greenwashing oder Pinkwashing preiswert. Eine Modemarke wirbt mit queer-feministischen Slogans, oder ein Getränkehersteller behauptet, durch den Kauf einer Flasche Mineralwasser helfe man dem Regenwald. So können Firmen ohne grossen Aufwand ihr Image aufbessern.

 

 

Auch die Corona-Krise hat zu sehr viel Wut geführt. Sie beklagen, in der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 hätten Politik und Medien versucht, Kritiker durch Stigmatisierung aus dem Diskurs zu verbannen. Dies habe einer Radikalisierung Vorschub geleistet. Hat man denselben Fehler im Umgang mit den Kritikern der staatlichen Corona-Massnahmen wiederholt?

 

 

Um diese Frage beantworten zu können, ist es noch zu früh. Auffällig ist aber, dass es in allen Industrieländern relativ grosse Minderheiten gibt, die sich nicht impfen lassen wollen. Vielleicht ist das eine Trotzreaktion. Diese könnte darauf zurückzuführen sein, dass man ähnlich wie in der Flüchtlingskrise einen Konsens herzustellen versuchte, indem man Kritiker als böse oder rechts bezeichnete. Man versuchte, die Debatte abzukürzen, indem man die kritischen Argumente gar nicht mehr diskutierte.

 

 

Dieser Versuch musste wohl zwangsläufig scheitern.

 

 

Man hat dadurch Konflikte unterdrückt, doch unterdrückte Konflikte führen irgendwann zu Eruptionen. Die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten war ein solcher Ausbruch. Wir erleben gerade eine Regression: Erst die Aufklärung machte den grossen Schritt, nicht mehr auf die Position dessen zu schauen, der spricht, sondern auf das, was er sagt. Das ist es, was Jürgen Habermas mit herrschaftsfreiem Diskurs meint: dass das Argument zählt und nicht die autoritäre Geste. Wenn wir die Aufklärung nicht verteidigen, könnten wir wieder in einer ständischen Gesellschaft landen: Der Adlige und der Pfarrer dürfen etwas sagen, aber der Bauer hat nicht das Recht dazu. Die neuen Stände organisieren sich gerade entlang der Grenze, wer als Opfergruppe gilt und darum gehört werden muss und wer wie die «alten weissen Männer» als Täter gilt. Solche Hierarchien haben zwar jahrtausendelang funktioniert, aber es war nicht gut.

 

Bernd Stegemann, 54, ist Professor für Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. 2018 gehörte er zu den Initiatoren von «Aufstehen», einer Bewegung, durch die Sahra Wagenknecht und andere die deutsche Linke einen wollten, um ihr zu mehr Durchschlagskraft zu verhelfen. Mit Wagenknechts Rückzug im Frühjahr 2019 sei «Aufstehen» gescheitert, räumt Stegemann ein; dennoch sei es einen Versuch wert gewesen, eine linke Erzählung zu entwickeln, die nicht in Empörungsfallen laufe, sondern auf gleiche Chancen hinarbeite.

 

Zuletzt erschien von ihm «Wutkultur» (Verlag Theater der Zeit, Berlin 2021. 104 S., Fr. 19.90).

 

https://www.nzz.ch/feuilleton/stegemann-twitter-ist-ein-perpetuum-mobile-der-wut-und-der-angst-ld.1653745?mktcid=nled&mktcval=174&kid=nl174_2021-11-6&ga=1&trco=