Stagnation des Feminismus

 

 

„Man hält krampfhaft am Opferdiskurs fest“

 

Interview mit Svenja Flaßpöhler in CICERO ONLINE am 13. Juli 2018

 

Mit dem Hashtag #metoo wollten Frauen auf sexistische Übergriffe aufmerksam machen. Doch damit haben sie dem Feminismus einen Bärendienst erwiesen haben, sagt Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophie Magazins. Warum?

 

Frau Flaßpöhler, sowohl in den USA als auch in Deutschland, mit den Enthüllungen über Dieter Wedel, sorgte der Hashtag #metoo für Wirbel. Sie haben ein Buch über die Debatte geschrieben. Warum?

 

Weil mich an der Metoo-Debatte die Undifferenziertheit stört. Mich stört, dass überhaupt nicht klar ist, was mit #metoo gemeint ist. „Me too“, das suggeriert: Mir ist etwas passiert. Auch ich bin Opfer geworden. Aber es bleibt offen, worauf sich das bezieht. Geht es hier um Situationen, in denen Frauen tatsächlich keine Handlungsoption haben? Bezieht sich das auf Vergewaltigung, Nötigung? Oder geht es um verbale Belästigung und Situationen, in denen man sich unwohl fühlt, in denen man das Gefühl hat, dass jemand einen Schritt zu weit geht? Das ist nicht eindeutig, und dadurch entsteht der Eindruck einer „patriarchalen Struktur“, die Frauen unterdrückt. Was soll das wiederum heißen? Rechtlich gesehen leben wir natürlich nicht mehr in einem Patriarchat.

 

Wenn Frauen begehren würden, gäbe es kein #metoo?

 

Um es klar zu sagen: Dass Frauen sich gegen handfeste männliche Gewalt zur Wehr setzen, gegen die sie schon rein körperlich chancenlos sind – und sei es nachträglich durch ein „metoo“ – ist natürlich begrüßenswert. Doch der Gegenstand der Initiative hat sich ja rasant ausgedehnt auf alle möglichen Situationen, in denen Frauen durchaus Handlungsoptionen hätten, aber sie nicht nutzen. Hier setzt meine Kritik an. Wir müssen in den Blick bekommen, warum Frauen oft so eigentümlich reaktionsarm bleiben, sich passiv verhalten, den Mann gewähren lassen – und sich dann hinterher über seine Übergriffigkeit beschweren.

 

Woher rührt diese Passivität?

 

Dieses Verhalten geht zurück auf eine Jahrhunderte alte Kulturgeschichte, die Frauen keine eigene sexuelle Position zugestanden hat. Frauen begehren nicht. Frauen haben ein Nichts zwischen den Beinen. Sie sind einzig dazu da, das Begehren des Mannes zu spiegeln. Aus dieser Position haben sich Frauen offenbar immer noch nicht befreit, und das erklärt meinen Ruf nach weiblicher Potenz: Eine potente Frau wehrt sich direkt in den konkreten Situationen. Sie tritt nicht hinterher hilflos nach. Und deshalb braucht sie auch kein #metoo, das Frauen zu hilflosen Wesen stilisiert, die sich selber nicht wehren können.

 

Was ist Ihr Ansatz?

 

Anstatt Frauen zu infantilisieren, müssen wir sie zu Autonomie und Mündigkeit ermutigen! Ein konkretes Beispiel: Es wird ja immer wieder gesagt, dass Frauen, die von ihrem Chef aufs Hotelzimmer gebeten werden, sich nicht wehren könnten. Sie würden dann eventuell ihren Job riskieren. Fakt ist aber, dass sich Autonomie dadurch auszeichnet, das man sich selbst ein Gesetz gibt. Dass man die ist, die man sein will und sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit befreit. Das heißt eben auch, dass der Mensch Risiken eingeht und Widerstände überwindet. Es ist absurd zu behaupten, dass wir nur in risikofreien Situationen autonom handeln könnten.

 

Wie kann sich eine Frau wehren, um kein Opfer mehr zu sein?

 

Sie muss sich aus der Spiegelfunktion befreien, indem sie ihr eigenes Gewordensein begreift: Warum fällt es mir so schwer, mich einem Mann gegenüber klar zu verhalten? Gar selbst den ersten Schritt zu machen? Offensiv zu sein? Selbst zu verführen, anstatt verführt zu werden? Oder im Zweifelfsfall auch klar „Nein“ zu sagen, anstatt zu denken,

dass man ihn dadurch kränkt? Wir dürfen den Männern nicht die Schuld für die eigene Passivität in die Schuhe schieben.

 

Nun kann man die Idee hinter #metoo auch weiter drehen und den Hashtag für Geschichten verwenden, in denen man sich explizit gewehrt hat. Das hätte dann auch ein Vorbild für heranwachsende Frauen.

 

Klar, dann wäre metoo nicht länger auf die Objektposition fokussiert, sondern auf die Subjektposition. Die handelnde, potente Frau als „Rolemodel“, das wäre in der Tat eine zukunftsweisende Wendung. Das würde den Frauen aber eben auch etwas abverlangen. Genau das vermisse ich im Moment. Metoo verlangt alles vom Staat, von den Institiutionen, von den Männern, aber nichts von den Frauen. Auf diese Weise wird die Frau zu einem unmündigen Kind.

 

Aber führt das Hashtag nicht dazu, dass sich Frauen solidarisieren?

 

Nein, sich solidarisch zeigen heißt: Ich stelle mich klar vor jemanden, der schwächer ist als ich. Ich setze mich für ihn ein. Ich riskiere etwas. Ein Tweet aber fordert mir absolut nichts ab. Ich stelle mir ernsthaft die Frage, was genau Metoo eigentlich will. Einen starken Staat, der für die Frauen ihr Sexualleben regelt? Institutionen, die Männer schon beim Verdacht auf verbale Belästigung rausschmeißt oder ihre Kunstwerke nicht ausstellt? Gläserne Türen in Universitäten? Männer, die man einschüchtert mit der Drohung: Pass auf, sonst bist du als nächstes dran? Das Fundament einer funktionierenden liberalen Demokratie ist die Mündigkeit der Bürger. Untergraben wir dieses Fundament, haben wir ein ernsthaftes Problem.

 

Ein „Anklagediskurs“ ist #metoo auch deswegen, weil Männer in der Debatte überhaupt nicht zu Wort kommen, oder?

 

Was ausgesprochen schade ist. Ich würde mir hier auch mehr Mut auf männlicher Seite wünschen. Warum wehren sich Männer nicht dagegen, dass sie auf ein triebgesteuertes Tier reduziert werden? Warum schildern sie Verführungs-situationen nicht mal aus ihrer Sicht? Das wäre doch hochinteressant. Im Moment wird der Diskurs von Frauen gegen die Männer geführt, die Öffentlichkeit fungiert hier als Richter. Übrigens hat ganz sicher nicht jede missratene Situation zwischen den Geschlechtern, die bei #metoo geschildert wird, ihren Ursprung im Unterdrückungswillen des Mannes. Oft handelt es sich um Missverständnisse oder um fehlerhafte Deutungen von Signalen.

 

Warum hört man eigentlich keine männlichen Stimmen in der Debatte?

 

Es ist sicher so, dass Männer weniger Leidensdruck haben, was natürlich auch auf die Kulturgeschichte zurückgeht. Männer waren lange das dominierende Geschlecht. Sie bestimmen in zwischengeschlechtlichen Situationen den Ton, machen den ersten Schritt. Genau das ist das Problem. Diese Dynamik würde sich ja tatsächlich ändern, wenn sich zwei gleich potente Geschlechter begegnen würden. Natürlich ist das schwierig. Kulturgeschichtlich wurde die verführende Frau für ihre Verführungskraft immer abgestraft. Das haben wir heute noch im Hinterkopf: Verführende Frauen sind Schlampen oder Huren. Insofern gibt es Misogynie natürlich noch, der Punkt ist nur, dass auch wir Frauen sie verinnerlicht haben. Wir müssen hinterfragen, inwieweit wir immer noch in bestimmten Denkmustern feststecken.

 

In Ihrem Buch bemängeln Sie eine Stagnation des Feminismus. Ist #metoo Ursache oder Wirkung dieser Stagnation? Ich würde eher sagen: #metoo ist das Symptom.

 

Und zwar auch ein Symptom für den Feminismus der vergangenen zwanzig Jahre, der die heterosexuelle Position der Frau nicht gestärkt, sondern eher geschwächt hat. Ich spreche hier von dem dekonstruktiven Feminismus, der auf der einen Seite für die gesamte Entwicklung der feministischen Theorie extrem wichtig war. Er hat immerhin gezeigt, welche Ausgrenzungsmechanismen damit einhergehen, wenn man Frauen auf ein Wesen reduziert und Heterosexualität zur natürlichen Norm erklärt.

 

Das klingt ja erstmal gut.

 

Das Problem ist aber, dass der dekonstruktive Feminismus das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat und von einer „zwangsheterosexuellen Matrix“ spricht. Das bedeutet, dass Emanzipation nur durch Zwischenpositionen möglich ist, also: durch queere, lesbische, transsexuelle Identitäten. Ich glaube, wir merken jetzt, dass die heterosexuelle Frau durch diesen Feminismus nicht repräsentiert wurde; letztlich also hat auch dieser Feminismus ausgegrenzt.

 

Wie muss ein Feminismus aussehen, der nicht in diese Falle tappt?

 

Was wir brauchen, ist ein Feminismus, der die Frau nicht auf ein „Wesen“ reduziert, aber andererseits auch nicht sagt: Alles ist Konstruktion. Noch gibt es kein feministisches Subjekt. Ich plädiere daher für einen Feminismus der der körperlichen Erfahrung. Im Augenblick aber fühle ich mich durch den #metoo-Diskurs eher in die fünfziger Jahre zurückversetzt. Hier wird eine gesellschaftliche Realität heraufbeschworen, die wir längst überwunden haben. Es ist insofern auch auffällig, dass die Protagonisten dieser Geschichten alte Männer sind. Die individuellen und gesellschaft-lichen Entwicklungen werden ausgeblendet, stattdessen hält man krampfhaft am Opferdiskurs fest. Dabei sind Frauen so frei wie nie zuvor. Warum also nutzen wir die Möglichkeiten nicht, die uns offen stehen?

 

Svenja Flaßpöhler. „Die potente Frau“, Ullstein-Verlag, 48 Seiten, 8 Euro

 

https://www.cicero.de/innenpolitik/metoo-feminismus-debatte-unmuendigkeit-sexismus-

 


 

„Letzten Endes braucht man einen Arsch in der Hose“

 

Antje Hildebrandt in CICERO ONLINE am 24. Juni 2019

 

Der moralische Totalitarismus der Linken treibt immer bizarrere Blüten. Jetzt darf sich ausgerechnet in der ur-linken „taz“ eine der beliebtesten Hassfiguren linker Feministinnen darüber mokieren: Svenja Flaßpöhler. Sie

hat ein ganz einfaches Rezept, um den Diskurs zu versachlichen.

 

Es ist ein Satz, der das ganze Dilemma der Debattenkultur auf den Punkt bringt: „Wenn an die Stelle von Argumenten Gefühle treten, ist an Diskutieren nicht zu denken.“ Svenja Flaßpöhler hat diesen Satz jetzt im Interview mit der taz gesagt. Flaßpöhler? Das ist die Chefredakteurin des Philosophie Magazins, die die aufgeregte #MeToo-Debatte gegen den Strich bürstete, als sie die Frauen in ihrer Streitschrift „Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit“ aufforderte, sich endlich aus ihrer Opferrolle zu befreien.

 

„Seither“, verriet sie jetzt im Interview mit der taz, „gelte ich in linken Kreisen als rechtsreaktionär.“ Dieses Geständnis ist die Ouvertüre zu einer Abrechnung mit Genderwahn und anderen bizarren Auswüchsen der political correctness, und es kostet nicht viel Phantasie sich vorzustellen, wie den Stammlesern/*innen der taz bei solchen Worten die Halsader schwillt. Dass sich ausgerechnet das Zentral-Organ der Linken traut, der in ihren Kreisen umstrittenen Feministin eine Bühne zu geben, verdient einen Tapferkeitsorden am lila-farbenen Bande.

 

Zumal Flaßpöhler ihre Kommentare über moralischen Totalitarismus genauso pointiert formuliert wie ihr Buch. Unerschrocken beklagt sie die Folgen der „Habermaschen A-priori-Ausgrenzung“ von bestimmten Positionen, die zu einem linken Elitismus führe, „der sehr gefährlich ist, weil man dem anderen immer schon von vornherein abspricht, überhaupt diskursfähig zu sein.“ So deutliche Worte hat man schon lange nicht mehr gelesen, und vielleicht ist es genau das, woran die Debattenkultur krankt. Dass es zu wenige Svenja Flaßpöhlers gibt. Ob sie gar keine Angst vor einem Shitstorm habe, wird sie von den beiden Interviewern, dem Autor Peter Unfried und dem Soziologen Harald Welzer, gefragt. Ihre Antwort möchte man sich einrahmen und über den Schreibtisch hängen: „Scheiß auf den Shitstorm. Wenn jetzt schon Journalisten-Kollegen damit anfangen zu sagen, hmmm, wenn ich jetzt so schreibe, dann wird die taz-Leserin das nicht liken, dann wird es wirklich gefährlich. Letzten Endes braucht man einen Arsch in der Hose.“

 

https://www.cicero.de/innenpolitik/svenja-flasspohler-me-too-moralischer-totalitarismus-taz