Cancel-Culture

 

 

Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht,

aber ich würde mein Leben dafür einsetzen,

daß Sie sie äußern dürfen.

 

Voltaire

 

 

Die sog. Cancel-Culture ist rabiate jakobinische Intoleranz ohne jeglichen Respekt

vor der Meinungsfreiheit und vor der Freiheit der Wissenschaften, Künste und Religionen.

Wenn man dieser Intoleranz nachgibt, kann sie zu einem neuen Totalitarismus führen!

 

UWD

 


 

Storno statt Streitkultur

 

Gastbeitrag von Michael Sommer am 4. Mai 2021

 

Die Universität Osnabrück hatte den Althistoriker Egon Flaig zu einem Vortrag über Machtkonzepte eingeladen. Dem AStA gefiel das nicht. Er sieht in Flaig eine Figur der Neuen Rechten. Doch statt sich mit dem Historiker öffentlich zu streiten, rief die Studentenvertretung zum Canceln auf.

 

Cancel Culture, so etwas gibt es doch gar nicht, sagen die, die sich linksliberal nennen, aber tatsächlich einfach nur links sind. Cancel Culture, das sei eine Erfindung mimosenhafter alter weißer Männer, die nicht begreifen wollen, dass die Zeit über sie hinweggegangen ist, dass sich die Diskussionskultur verändert hat und dass sie den Debatten bestenfalls noch vom Spielfeldrand aus zusehen, weil sie die neue Zeit, die da marschiert, nicht recht begreifen. Wer es böser mag, sagt: Cancel Culture ist ein rechtes Narrativ, dessen einziger Zweck die Verteidigung von Diskursmacht sei: gegen die Marginalisierten, die Jungen, die weniger Privilegierten.

 

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“, so steht es in Artikel 5 des Grundgesetzes. Und so sei es ja auch, sagen die, die behaupten, es gebe keine Cancel Culture. Jeder könne seine Meinung frei sagen – nur eben nicht unwidersprochen. Das gelte auch in der Wissenschaft, die Artikel 5 in besonderem Maße schützt: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“

 

Ein einschlägig ausgewiesener Experte

 

Also alles in bester Ordnung? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich mit den Formen des „Widerspruchs“ befassen, der da geäußert wird, und man muss sich die Mühe machen, die Arenen auseinanderzuhalten, in denen gestritten wird. Tut man das, dann zeigt sich, dass nicht die Cancel Culture ein rechtes, sondern ihre Leugnung ein links-identitätspolitisches Narrativ ist, das in der Wissenschaft vor allem dem Zweck dient, die wissenschaftliche Logik des Erklärens und Verstehens der politischen Logik des „Kampfes gegen Rechts“ zu unterwerfen.

 

Anschauungsmaterial dafür hat unlängst ein Fall am Historischen Seminar der Universität Osnabrück geliefert. Die Abteilung Alte Geschichte hatte im Rahmen ihrer Vortragsreihe zu „Macht, Gewalt und Geschlecht“ Egon Flaig, Professor im Ruhestand an der Universität Rostock, zu einem Vortrag über „Die Grenzen von Machtkonzepten: Warum sich mit Bourdieu keine politische Soziologie der Antike machen lässt“ eingeladen. Flaig ist nicht nur ein renommierter Alt-historiker, sondern auch einschlägig bestens ausgewiesen. Wie kein anderer hat er Denkfiguren der Annales-Schule, der französischen Soziologie und der historischen Anthropologie für die althistorische Forschung fruchtbar gemacht.

 

Ein streitbarer Wissenschaftler

 

Der Althistoriker Flaig hat aber immer wieder auch zu Fragen der Zeit Stellung bezogen, seine Äußerungen wurden auch jenseits des Elfenbeinturms wahrgenommen. Zwar sind und waren die Grenzen zwischen Geschichtswissenschaft und Politik stets fließend, wie der Historikerstreit und andere in die Öffentlichkeit hineinstrahlende akademische Debatten gezeigt haben. Doch hat Flaig, wiewohl streitbar, dezidiert als Wissenschaftler zu aktuellen politischen Großthemen wie Rassismus, Kolonialismus, Sklaverei, Migration Stellung bezogen. Nicht jeder goutiert, dass er konsequent Episteme über Moral stellt.

 

Aus Sicht der Hüter dieser Moral ist so ein langes Sündenregister entstanden. Flaig hat mit Verve gegen Jürgen Haber-mas Stellung bezogen und ihn dafür kritisiert, dass er unlauter mit seinen Gegnern im Historikerstreit umgegangen ist, dass er insbesondere Ernst Nolte unsauber und aus dem Zusammenhang gerissen zitiert hat. Kritik an Habermas gilt als Sakrileg, weil die Singularität des Holocausts zu so etwas wie der Staatsräson der Berliner Republik geworden ist. Flaig ist stark vom hierzulande wenig verstandenen französischen Republikanismus beeinflusst. Er wendet sich gegen den Essenzialismus von Ethnopluralismus sowie linker Identitätspolitik und sieht durch sie die Errungenschaften der Auf-klärung und des Westens in Gefahr. Wer an Kontaktschuld glaubt, hat schnell vermeintlich belastendes Material gegen Flaig in der Hand: Er schreibt für den „Tumult“, gibt der „Jungen Freiheit“ Interviews und gutachtete gar für die AfD-Bundestagsfraktion. Flaig selbst hält Kontaktschuld für Humbug: Er spräche „privatissime selbst mit dem Teufel, wenn er ausreichend höflich bliebe“, zitiert ihn Mathias Brodkorb in der „FAZ“.

 

Kein Rauch ohne Feuer?

 

Natürlich eckt Flaig mit seinen Thesen an. Und so überrascht nicht, dass ihm längst das Attribut „umstritten“ angehängt wurde, das im Debattenraum der letzten Jahre zur vermeintlich vornehmen, tatsächlich aber perfiden Umschreibung von „rechts“ geworden ist: perfide deshalb, weil im Prinzip natürlich alles und jeder umstritten ist und man den Vorwurf deshalb nicht extra begründen muss. Wer umstritten ist, hat eigentlich schon nichts mehr zu verlieren. Hinter seiner intellektuellen und moralischen Satisfaktionsfähigkeit steht ein Fragezeichen. Kein Rauch ohne Feuer.

 

Für den AStA der Universität Osnabrück, der am 8. April 2021, eine „Stellungnahme zum geplanten Vortrag mit Egon Flaig“ abgab, ist der Althistoriker sogar „mehr als umstritten“. Die Studentenvertreter verlangten darin, die Universität dürfe Flaigs „rechten und revisionistischen Ansichten“ keine Bühne bieten. Selbst geben sich die furchtlosen Streiter gegen Rechts auf der Website des AStA mit wenigen Ausnahmen nur mit ihren Vornamen zu erkennen: als Jonas und Roman, Franco und Janine, Kristina und Victoria, Jesse, Anne, Rob und Andreas. Am 19. April legte die Fachschaft Geschichte in einer ebenfalls nicht namentlich gezeichneten Erklärung noch einmal nach: „Die Einladung von Egon Flaig sendet das Signal, dass diskriminierenden und verletzenden Äußerungen unreflektiert eine Bühne geboten wird.“

 

Menschenfeindliche Positionen?

 

Die Studenten basteln ihre „Analyse“ aus den stereotypen Versatzstücken der „Kampf gegen Rechts“-Rhetorik zusam-men: Bei Flaig ließen sich Positionen feststellen, „welche strenge wissenschaftliche Standards der Wissensproduktion unterlaufen, marginalisierte Personen an Universitäten gefährden oder schlicht menschenfeindlich sind“, heißt es etwas ungeschlacht in einem Statement, das der AStA am 17. April auf seiner Website veröffentlicht hat. Mit der Einladung sende man ein Signal aus, „dass diskriminierenden und verletzenden Äußerungen unreflektiert eine Bühne geboten wird“, moniert die Fachschaft. Geradezu ungeheuerlich ist die Behauptung des AStA, Flaig falle „durch eine indirekte Rechtfertigung des Mordes an Walter Lübcke“ besonders auf.

 

Mit quellenkritischer Beweisaufnahme halten sich die studentischen Staatsanwälte nicht lange auf. Lieber setzen sie sich gleich selbst den Richterhut auf und das Strafmaß fest: „Der AStA spricht sich daher deutlich gegen die Einladung von Egon Flaig aus.“ Flaig soll demnach durch die Abteilung Alte Geschichte ausgeladen werden. Den Satz „Vielleicht sollte also an Flaigs Stelle lieber frischer Wind in die Alte Geschichte gebracht werden, um endlich wirklich aus der Geschichte lernen zu können“, dürfte man in der Abteilung wohl auch als unterschwellige Drohung verstanden haben.

 

„Antifaschistischer Abwehrkampf“

 

Worum es ihnen über die Causa Flaig hinaus eigentlich geht, sagen die Studenten übrigens auch: „Wir betonen einen notwendigen, antifaschistischen Abwehrkampf gegen die Bemühungen einer politischen Rechten, den gesellschaft-lichen Diskurs nach Rechts zu verschieben, um somit menschenverachtenden Ideologien einen breiteren Boden zu bereiten.“ Der AStA wähnt sich tatsächlich als Speerspitze im „Abwehrkampf“ gegen eine rechte Verschwörung.

 

Ist das Cancel Culture? Ja natürlich, weil die Studenten denunziatorisch den Ruf eines Wissenschaftlers schädigen, um zu verhindern, dass er an ihrer Universität einen Vortrag hält, und weil sie sich anmaßen, in die Lehre der einladenden Hochschullehrerin hineinpfuschen zu dürfen. Ist hier gegen das Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit, wie es in Artikel 5, Absatz 3 verankert ist, verstoßen worden? Nein, denn die Freiheit von Forschung und Lehre ist ein Individualrecht des Einzelnen gegen den Staat, und der hat in Osnabrück, vertreten durch die Präsidentin der Universität, Professorin Su-sanne Menzel-Riedl, korrekt und konsequent gehandelt, sich hinter die Gastgeberin gestellt und den reibungslosen Ablauf des Vortrags ermöglicht.

 

Ein Dumme-Jungen-Streich?

 

Also alles nur ein Sturm im Wasserglas? Ein Dumme-Jungen-Streich von AStA-Funktionären, die sich warmlaufen für eine Karriere in der Berufspolitik? Leider nicht ganz, denn neun Angehörige des Historischen Seminars, darunter mit Chris-toph Rass auch ein Professor, haben sich mit dem Cancel-Versuch der Studenten solidarisiert. Sie bemängeln die Dis-kussionskultur in der Universität. Das ist ihr gutes Recht. Sie gehen aber einen Schritt weiter, loben die Statements von AStA und Fachschaft als „mutig und entschieden“ und erklären zum Versuch, die Einladung Flaigs zu verhindern: „Das Team der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung teilt diese Kritik.“

 

Damit verlassen die Dozenten selbst die wissenschaftliche Arena und begeben sich auf ein schlüpfriges politisches Par-kett. Sie hätten mit Egon Flaig streiten und versuchen können, seine Thesen zu widerlegen. Sie haben sich stattdessen mit Leuten gemeingemacht, für die Wissenschaft wenig mit Erkenntnis, dafür aber viel mit „Haltung“, Meinung und Gefühl zu tun hat. Sie hätten auf die Kraft des besseren Arguments setzen können. Diesem ausschließlich mit den Waffen der Wissenschaft geführten Agon haben sie sich verweigert. Wer zu canceln versucht, ahnt wohl, dass er in einem solchen Wettstreit den Kürzeren ziehen würde.

 

Cancel Culture an der Uni - Storno statt Streitkultur | Cicero Online

 


 

Die Kunst zensiert sich selbst

 

Bernd Stegemann am 5. April 2021 im CICERO ONLINE

 

In seinem neuen Debattenbuch „Die Öffentlichkeit und ihre Feinde“ wirft Dramaturg und Theaterwissen-schaftler Bernd Stegemann einen Blick auf die Bedrohung der Öffentlichkeit. Dabei kritisiert er unter anderem eine übertriebene politische Korrektheit, die skurrile Auswüchse zeitigen kann. Ein Auszug.

 

Seit vielen Jahren begleitet der Dramaturg Bernd Stegemann die kulturpolitischen Debatten im Land. Auch „Cicero“ hat seine klugen und vielschichtigen Essays zur Identitätspolitik, zum Antisemitismus oder zum neuen Populismus immer wieder mit großem Erkenntnisgewinn publiziert. Jetzt hat Stegemann mit dem an Karl Popper angelehnten Buch „Die Öffentlichkeit und ihre Feinde“ (Verlag Klett-Cotta) eine Streitschrift vorgelegt, in der er hintersinnig gegen Political Correctness, Cancel Culture und Sprechverbote argumentiert und erläutert, was politisch korrektes Sprechen mit dem diktatorischen Denken von Recip Tayyip Erdoğan gemein hat. Im Folgenden publizieren wir einen Auszug aus dem Buch:

 

Political Correctness und Cancel Culture

 

Die Political Correctness ist ein Kind der neoliberalen Postmoderne. Sie vereinigt alle Kennzeichen dieser Denkweise und liefert den atomisierten Individuen eine neue Orientierung in Form von Moral. Die politische Korrektheit geht von einem naiven Sprachverständnis aus, wie man es auch in der Framing-Theorie findet. Ein Wort bezeichnet etwas und es transportiert dabei eine Wertung. Während der Migrationskrise 2015 sollten aufgrund solcher Überlegungen die Flüchtlinge nicht mehr so genannt werden, sondern Geflüchtete heißen. Zum einen meinte man, in der Endsilbe »linge« etwas negativ Verkleinerndes zu erkennen, wie etwa beim Däumling oder Weichling. Zum anderen wollte man die Migrationsgründe nicht auf die anerkannten Fluchtgründe eingrenzen, sondern auf die reine Tatsache der Fliehens erweitern. So sollten die anerkannten Fluchtgründe für alle Arten von Migration gelten. Und außerdem waren die Geflüchteten genderneutral. Der Flüchtling meint zwar kein bestimmtes Geschlecht, verwendet aber dafür das generische Maskulinum, dessen Abschaffung eines der Hauptziele der Political Correctness ist. An diesem Beispiel ist gut zu erkennen, wie sich eine politische Absicht, die z.B. offene Grenzen für alle fordert, mit dem naiven Sprachglauben verbindet, dass eine solche Absicht vor allem durch die Art, wie sie formuliert wird, Zustimmung erhält. Jenseits aller Argumente für und gegen Migration sollte die Bezeichnung für Flüchtlinge so verändert werden, dass sie bereits eine positive Wertung transportiert. Naiv ist ein solches Sprachverständnis, weil es davon ausgeht, dass Menschen ohne vorheriges Sprachverständnis die Worte hören.

 

Beim Umgang mit dem N-Wort, das zum Symbol für die politischen Sprachkorrekturen geworden ist, führt dieses Missverständnis zu immer neuen Kapriolen. Das N-Wort wird als Gradmesser eingesetzt, um die moralische Qualität der Sprache zu vermessen. Das Wort »Neger« hat eine eindeutig rassistische Konnotation. Es ist eine abwertende Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Insofern ist es unstrittig, dass es nicht mehr verwendet wird. Warum aber braucht es dann die sperrige Erfindung des »N-Wortes«? Es gibt sehr viele Schimpfworte, die im alltäglichen Gebrauch nicht verwendet werden und die keine Substitute benötigen. Das N-Wort wird jedoch fleißig verwendet und löst dabei zwei gegenläufige Reaktionen aus. Auf der einen Seite werden diejenigen, die nicht wissen, was damit gemeint ist, mit Unverständnis reagieren. Auf der andern Seite werden alle, die das Wort kennen, automatisch das »N« zum ganzen Wort »Neger« vervollständigen. Das N-Wort ist also entweder unverständlich oder ein anderer Ausdruck für »Neger«. Da die politische Korrektheit aber ein naives Sprachverständnis hat, ignoriert sie dieses und glaubt sich auf der moralisch guten Seite, da sie die vier Buchstaben »eger« hinter dem »N« vermieden hat. Dass die vier Buchstaben aufgrund des sprachlichen Vorwissens von jedem Hörer ergänzt werden, gehört nicht mehr zu ihrem Verantwortungsbereich. Sie handelt also im Mikrobereich einzelner Worte gesinnungsethisch. Sie hat das Wort nicht ganz ausgesprochen und ist darum gut. Was die Welt damit macht, steht nicht in ihrer Verantwortung.

 

Das naive Sprachverständnis hat jedoch noch eine andere Konsequenz, die ideologisch weitreichender ist. Kommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass Worte nicht ohne ihren Kontext verstanden werden. Wer sein teures Auto einen Kleinwagen nennt, kokettiert und möchte wohl ein Kompliment. Das Sprechen in Anführungszeichen kann nicht nur einzelne Worte betreffen, sondern ist auch die Voraussetzung für viele Arten von Texten. Wenn ein Journalist ein Interview führt, dann sind die Aussagen des Interviewten eindeutig von den Fragen getrennt, und sie sind nicht mit den Aussagen des Interviewers identisch. Und wenn ein Schauspieler einen Rollentext spricht, so sind das nicht seine Worte, sondern die der Figur, die ein Autor geschrieben hat.

 

Das naive Sprachverständnis der politischen Korrektheit ignoriert diese Differenzen. Die Grenze zwischen Schauspieler und Figur, zwischen Journalisten und Interviewten und zwischen Autoren und ihren Kunstwerken wird nicht mehr anerkannt. Indem sie diese Unterscheidung leugnet, fällt die politische Korrektheit in ein Sprach- und Kunstverständnis vor die Neuzeit zurück. Vor allem die Künste und die öffentliche Kommunikation waren damals von dieser Gleichsetzung stark eingeschränkt. In Shakespeares Dramen durften keine Figuren auftreten, die in irgendeiner Beziehung zum Herrscherhaus standen. Und als in Schillers »Maria Stuart« am Ende ein katholischer Priester auftreten sollte, um der zum Tode verurteilten Maria Stuart das letzte Sakrament zu spenden, war der Protest groß. Ein Schauspieler, der einen Priester spielt, erschien ungeheuerlich. Diese Verwirrung erscheint aus heutiger Sicht fast rührend, doch damit würde man verkennen, dass es sich dabei nicht nur um eine Naivität handelt, sondern vor allem um ein Machtmittel. Das Königshaus sollte im Theater ebenso wenig wie ein Priester dargestellt werden, weil durch den Akt der Darstellung die Aura der Macht Schaden nehmen würde. Was auf einer Bühne erscheinen kann, ist auch im wirklichen Leben weniger bedrohlich. Diese Art der Entzauberung gehört zum Kern des Theaters, und seine Wirkung ist vom Volkstheater der Commedia dell’Arte bis zum Kabarett unserer Tage zu erleben. Wer öffentlich ausgelacht werden kann, steht nicht mehr über seinem Publikum.

 

Dass die Mächtigen diese Relativierung fürchten, zeigt die unheilvolle Tradition der Zensur. Eines ihrer wichtigsten Instrumente besteht darin, dass die Grenze zwischen dem Autor und seiner dargestellten Welt geleugnet wird. So begründet z.B. der türkische Präsident Recip Tayyip Erdoğan die Inhaftierung von Journalisten damit, dass sie in ihren Zeitungen Terroristen eine Bühne geboten haben sollen. Auf den Einwand, dass es sich doch um ein Interview gehandelt habe, dass also die Journalisten nicht ihre eigene Meinung wiedergegeben hätten, antwortet er mit der Brutalität, die sich im naiven Sprachverständnis der politischen Korrektheit begründet. Es lohnt sich, Erdoğans Begründung ausführlich zu zitieren, da in ihr der ideologische Kern der Sprachkontrolle offen ausgesprochen wird: »Meines Erachtens ist der Journalist, der einen Terroristen interviewt, einer, der den Terroristen unterstützt, weil er weiß, dass diese Person ein Terrorist ist. Wenn Sie die Gedanken eines Terroristen in Ihrer Publikation abdrucken, was ist das dann? Das ist die Veröffentlichung des Terrorismus selbst.

 

Die identitätspolitischen Korrektoren der Worte folgen der gleichen Argumentation, wenn sie behaupten, dass ein Schauspieler, der in seiner Rolle das N-Wort auf einer Bühne ausspricht, dadurch nicht geschützt ist, selbst zum Rassisten zu werden, bzw. dem Rassismus eine Bühne gegeben zu haben. Ihre Behauptung lautet darum vergleichbar der von Erdoğan, dass Schauspieler und Figur einen rassistischen Sprechakt vollziehen und darum von der Bühne verbannt werden müssen.

 

Dass es sich hierbei nicht nur um eine theoretische Diskussion handelt, hat der Fall von Zensur beim Berliner Theatertreffen gezeigt. Dort sollte 2017 eine Inszenierung des Romans »89/90«69 gezeigt werden. In der Wendegeschichte treten einige Neonazis auf, die gerne andere als »Neger« bezeichnen. Diese realitätsnahe Sprache sollte nun bei der Aufführung während des Theatertreffens unterlassen werden. Auf Anweisung der künstlerischen Leitung wurde die Regisseurin kurz vor Vorstellungbeginn damit konfrontiert, dass das N-Wort auf der Bühne des Berliner Theatertreffens nicht ausgesprochen werden dürfe. Die Regisseurin beugte sich der Autorität und machte durch einen klugen Regieeinfall diesen Zensur-Eingriff deutlich.

 

Immer wenn die Figur »Neger« gesagt hätte, ließ sie nun den Schauspieler den Beep-Ton machen, der aus dem US-amerikanischen Fernsehen bekannt ist und mit dem unliebsame Worte übertönt werden. So war jedem Zuschauer klar, dass hier ein Eingriff stattgefunden hat. Aus dem N-Wort war ein Beep geworden, der bei jedem Zuschauer die wiederum gleiche Assoziation wachgerufen hat, die das Wort »Neger« gehabt hätte. Die Zensur des Theatertreffens war damit bloßgestellt und in ihrer bedenklichen Botschaft vorgeführt: Die Figurenrede der Nazis darf auf ihrer Bühne nur in geläuterter Form auftreten, so dass die empfindlichen Ohren des Publikums von keinem Nazi-Jargon mehr beleidigt werden.

 

Solche Eingriffe in das öffentliche Sprechen und Handeln auf der Bühne sind in der Theatergeschichte oft vorgekommen. So hat der Aufklärer Christoph Martin Wieland bei seinen Shakespeare-Übersetzungen die anrüchigen Passagen im Akt der Selbstzensur weggelassen. Und dass Frauen als Schauspielerinnen auftreten dürfen, ist erst eine Errungenschaft der Aufklärung, die gegen kirchliche Verbote durchgesetzt werden musste. Das Irritierende an der Zensur des Berliner Theatertreffens ist, dass hier das Theater sich selbst zensiert, und dass diejenigen, die dieses durchsetzen, von sich selbst behaupten, sie würden damit dem Fortschritt in der Kunst und der Welt dienen.

 

Alle früheren Verbote gingen von einer Autorität aus, die eindeutig die Freiheit der Kunst einschränken wollte. Sei es durch die Kirche oder die weltlichen Machthaber, die den Spott und das Gelächter fürchteten. Das Theater und die Kunst sahen sich in ihrer ganzen Geschichte mächtigen Autoritäten ausgesetzt. Dass die Eingriffe aufgrund der Maßgaben der politischen Korrektheit in der Spätmoderne aus dem Zentrum der Kunst selbst erfolgen, ist in der Geschichte neu, passt aber zum neoliberalen Umbau der Gesellschaft. So wie jeder zum Unternehmer seiner selbst werden soll, so soll sich die Freiheit der Künste nun auch selbst einschränken. Nicht mehr eine provozierte Obrigkeit fordert nun Verbote, sondern die lautesten Rufe kommen aus dem Milieu der Kunstschaffenden selbst. Die Beispiele für Bilder, die aus Museen verband werden sollen, sind inzwischen zahlreich, und die meisten haben ihre Ursache nicht in einer empörten Kirche oder einer ängstlichen weltlichen Macht, sondern sie kommen aus der Mitte der Künstler und ihrer professionellen Kritiker.

 

Bernd Stegemann: Die Öffentlichkeit und ihre Feinde. Verlag Klett Cotta 2021. 384 Seiten. 22 Euro.

 

Political correctness - Die Kunst zensiert sich selbst | Cicero Online