Wirtschaftswachstum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VW XL 1 - Das Ein-Liter-Auto


 

 

Bloß keine Postwachstums-Esoterik

 

Niks Heisterhagen und Stefan Laurin in CICERO ONLINE am 27. März 2020

 

Mitten in der Coronavirus-Krise spekulieren „Fridays for Future“ und Postwachstums-Ideologen auf ihre große Stunde. Doch es wäre ein Fehler, Covid-19 als Katalysator für eine weitere De-Industrialisierung zu missbrauchen. Deutschland braucht künftig mehr heimische Wertschöpfung, nicht weniger.

 

In diesen Tagen findet man zwei Arten von politischen Büchern in den Sachbuchbestsellercharts. Sehr konservative Bücher à la „Die Welt ist nicht mehr so wie sie war“ wie das neue Buch von Peter Hahne „Seid ihr noch ganz bei Trost!“. Oder Bücher wie das von der Ökonomin Maja Göpel „Unsere Welt neu denken“, wo urban-linke Beobachter des Weltgeschehens „Alles muss anders und das ist auch gut so“-Bücher schreiben, und damit nicht selten auch ihre Postwachstumsträume, Verzichtsideologien und „Weniger ist mehr“-Philosophie verkaufen. Maja Göpels neues Buch jedenfalls will anregen, anders zu wirtschaften. Es fordert Umdenken und eine Abkehr – inklusive Wachstumskritik und Lebensartkritik.

 

Man dachte eigentlich, generelle Wachstumskritik würde nur noch ein Schattendasein innerhalb grün-radikaler Milieus führen, nachdem die grüne Partei sich von der „Club of Rome“-Wachstumskritik Anfang der 1970er Jahre und marxistischen Träumen wie dem von Jutta Ditfurth langsam verabschiedete und im Sinne ihres langjährigen Vordenkers Ralf Fücks eher zu Ideen eines „Green New Deals“ und damit zu „Grünem Wachstum“ umschwenkte. Postwachstums-Ökonomen wie Niko Paech waren jahrelang eher in Subkulturen dominant. Nun gewinnen sie mit ihrer „Weniger ist mehr“-Philosophie immer mehr Boden und das schon vor Corona. Mitten in der weltweiten Viruskrise scheint für manche endlich der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, vieles in Frage zu stellen, was Jahrzehnte unseren Wohlstand gesichert hat. Die Coronakrise als ein Katalysator für Postwachstums-Ideologien?

 

Deutungshoheit urbaner Beobachter

 

In den Mainstream jedenfalls ist die Idee vom Postwachstum spätestens mit „Fridays for Future“ eingesickert – auch Luisa Neubauer warb schon eindringlich für Postwachstums-Orientierung. Seit „Fridays for Future“ nimmt die neue Ouvertüre der „Weniger ist mehr“-Philosophie einen Stringendo-Ton an, der uns die Abkehr von wachstumsorientierter Politik immer eindringlicher als einzigen Ausweg verkauft. Die Federführer dieser Umkehr sind urbane Eliten, die kaum einen Bezug zur Wertschöpfungsbasis dieses Landes mehr aufweisen. Sie verdienen ihr Geld entweder in der Bürokratie, Universität, einer Partei wie den Grünen oder bei einem eher linksliberalen Medium, haben aber selten eine Fabrik von innen gesehen und wollen auch nicht wissen, wie ein Shopfloor heute aussieht oder welche Rolle Künstliche Intelligenz bei der Industrie 4.0 spielt. Was die Welt der Industrie 4.0 so spannend macht, wollen sie oft nicht einmal wissen.

 

Ihr Thema sind die Narrative, über die sie als urbane Beobachter Deutungshoheit erstreben. Ein Gastbeitrag in der freundlich gewogenen und in urbanen Zentren produzierten Zeitung ist da auch oft drin. So schaffen urbane Medien ihre eigene Realität, die mit der in Sindelfingen, Blomberg und Ingolstadt relativ wenig gemeinsam hat. Aber in einer Stadt wie Blomberg, einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen, sitzen die Hidden Champions dieser Republik. Phoenix Contact ist es in Blomberg. Eines der führenden Industrie 4.0-Unternehmen hierzulande, die von Elektrotechnik über Automatisationstechnik ein breites Portfolio haben und aus der Provinz heraus Hochtechnologie in alle Welt verkaufen. Diese Unternehmen wie Phoenix Contact schaffen den Wohlstand dieses Landes und die gut bezahlten Jobs.

 

Schöne Texte für Kaminabende

 

Das Jahresdurchschnittseinkommen in der Industrie lag 2018 bei 56.143 Euro brutto. In boomenden Dienstleistungsbereichen wie Verkehr und Lagerei, zu denen auch Amazon und DHL gehören, waren es gerade einmal 39.475 Euro. In anderen Dienstleistungsberufen, gerade in denjenigen hippen und kreativen Jobs, die man uns seit der Dotcom-Phase als Zukunft des Kapitalismus verkaufen möchte, wird in der Regel auch weit unter dem Niveau der Industrie entlohnt. Der Hipster in seiner 4er-WG in Berlin Kreuzberg und mit 1.400 Netto, kann sich zwar als kulturelle Avantgarde fühlen, aber den Wohlstand des Landes schaffen die Ingenieure und Facharbeiter bei Unternehmen wie Phoenix Contact.

 

Deutschland ist ein Industrieland. Aber genau das möchten uns die Öko-Beobachter aus den urbanen Zentren am Liebsten ausreden. Ihr neues Ökotopia hat aber eher nur literarischen Wert als dass dadurch Arbeitsplätze und Wohlstand geschaffen werden. Das neue und oft postindustriell verstandene Ökotopia verzückt Leser. Es sind schöne Texte für Kaminabende. Diese Öko-Belletristik hat mit der deutschen Realität und Wirtschaftsstruktur jedoch wenig zu tun.

 

Ausgerechnet der externe Schock des Corona-Virus, der eine ökonomische Rezession mit sich bringen wird, kann nun zwei Folgen für die Sichtweise auf Industrie und Wachstum haben:

 

1. Nach der Corona-Krise könnten diejenigen postindustriellen Postwachstums-Aktivisten mediales Oberwasser gewinnen, und uns eine neue schöne Arbeitswelt von Home-Office Grafikdesignern vorstellen, wo weniger produziert wird. Die Folge wäre: Deutschland würde ärmer.

 

2. Die Luxusideologie und Verzichtsideologie von manchen „Friday for Future-Aktivisten“ und den etwas älteren Bürgerkindern aus dem neuen „Kulturkapitalismus“ (Andreas Reckwitz) wird die Corona-Krise nicht überstehen.

 

Die Postwachstumsideologien aber dürfen nach der Coronakrise nicht gewinnen. Im Gegenteil, wir dürfen stattdessen nicht nur darauf hoffen, dass ein Bewusstsein zurückkehrt, was den Wohlstand dieses Landes eigentlich schafft, wir sollten auch über eine Reindustrialisierung nachdenken.

 

Ökologische Industriepolitik statt Verzicht

 

7,4 Millionen Menschen arbeiteten laut Statistischem Bundesamt 2017 in Deutschland in der Industrie und im Baugewerbe noch 2,3 Millionen Menschen. Die Industrie-Unternehmen erwirtschafteten 2018 ein Viertel des Bruttosozialprodukts, das Baugewerbe weitere fünf Prozent. Sie sorgen für den volkswirtschaftlichen Wohlstand, der wiederum dafür sorgt, dass vom Finanzbeamten bis zum Ausdruckstänzer Millionen Menschen ein Einkommen haben. Die Industrie exportierte 2018 Waren im Wert von 1295 Milliarden Euro. Die Dienstleistungsbranche hingegen nur im Wert von 290,7 Milliarden Euro. Das sind gewaltige Unterschiede.

 

Diese Zahlen deuten an, warum man sich nun in keiner Weise auf „Die Welt neu denken“-Diskurse einlassen sollte – zumindest nicht in der naiven „Alles muss anders“-Form dieser Diskurse. Wir können den Kapitalismus neu denken, wir müssen ihn sogar neu denken. Gerecht ist er nämlich immer weniger und ökologisch auch nicht. Warum aber Kapitalismuskritik mit Wachstumskritik einhergehen soll, ist weder offensichtlich noch richtig. Die Zusammenbindung von Ökologie und Ökonomie ist zwar in der Tat eine Jahrhundertaufgabe. Aber dafür steht eine ökologische Industriepolitik bereit, und eben nicht der Verzicht auf Auto, Konsum und die Befreiung von allem Überflüssigen. „Alles anders“ muss nicht heißen: Von allem weniger. Es kann auch heißen: Bessere Technik, grünere Industrie und mehr Wohlstand durch deutsche GreenTech.

 

Re-Industrialisierung statt De-Industrialisierung

 

Wir müssen jetzt also nicht nur De-Industrialisierungsdiskurse verhindern, sondern sollten sogar Re-Industrialisierungsdiskurse führen. Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wie groß die Abhängigkeit auch in existenziellen Bereichen wie der medizinischen Versorgung von China und Indien ist. Durch alle Lager hinweg wird nun gefordert, zumindest solche Teile wieder in Deutschland produzieren zu lassen. Bei der Zurückverlagerung der Produktion in der Pharmaindustrie sollte es jedoch nicht bleiben. Wir brauchen auch eine generelle Debatte über die Rücknahme der Auslagerung von Produktion.

 

Neue Techniken wie Industrieroboter und 3-D-Druck ermöglichen auch dieses Reshoring der Produktion, weil es nicht mehr die Manpower benötigt, die europäische Unternehmen aufgrund der Lohnkosten einst zum Offshoring der Produktion nach Rumänien, China und Vietnam trieb. Losgröße 1, also individualisierte Unikatsproduktion jenseits der Economies of Scale, gewinnbringend zu produzieren, ist auch längst möglich – der Industrie 4.0 sei Dank. Deutschland kann einen Industrieboom erleben – wenn es denn nur will. Allerdings muss es dafür sehr bald die Grundlagen schaffen: Schnelle Genehmigungsverfahren, eine hohe Akzeptanz bei den Bürgern für die Industrie, eine neue Technikkultur im Land und massive Investitionen in sein Bildungssystem.

 

Energie muss preiswert werden

 

Aber das alleine reicht auch noch nicht: Das Reshoring von Produktion und Wertschöpfung zurück nach Deutschland würde nämlich weitere Implikationen haben. Der Energieverbrauch im Land würde massiv steigen und die grünen Hipster werden dann lernen müssen, dass Energie so preiswert sein muss, dass Industrie möglich ist. Der neue Maßstab für den Energiepreis ist die pharmazeutische Fabrik in Leverkusen, nicht das MacBook in der Kreuzberger WG. Der Hipster wird aber noch einen weiteren Lernprozess durchgehen müssen. Er hat nämlich gerade wie andere Millionen von Menschen die Erfahrung gemacht, dass öffentlicher Nahverkehr allein wegen der Ansteckungsgefahr riskant ist. Und dieser wird in der Krise noch ausgedünnt. Das Auto, das außerhalb einer neuen grünen Verzichtsphilosophie nie weg war, wird bleiben. In der Krise fuhr nur Bahn wer keine Alternative hatte. Und wer die Angst angesichts eines niesenden Mitpassagiers erlebt hat, wird ein eigenes Auto haben wollen.

 

Man kann den Hipster der Kreuzberger WG ja sogar verstehen. Er hat nicht das Geld für ein eigenes Auto und in Berlin fehlt es ohnehin meist an Parkplätzen – vom anstrengenden Berliner Verkehr gar nicht erst zu sprechen. Natürlich neigt der ein oder andere dann dazu, was er selbst nicht hat, bei anderen kritisch zu sehen. Aber offener Neid war nie sonderlich gesellschaftsfähig. Ein neues Ökotopia jedoch, inklusive des antizipierten Endes des Individualverkehrs, hat einen ähnlichen Effekt, nämlich das eigene Besitzlose zum neuen Maßstab gesellschaftlicher Vorbildhaftigkeit zu erklären, mit einer „Weniger ist mehr“-Philosophie diesem die Legitimität und den höheren Sinn zu verleihen und in der Folge die Summe des Individualverkehrs zu begrenzen. Diesen Weg darf das Industrieland Deutschland, insbesondere die Autonation Deutschland, nicht einschlagen. Ein postmaterialistisches Deutschland wird nur einen Effekt haben: Ein materialistisch ärmeres Deutschland.

 

Corona ist kein Stromausfall

 

Die Corona-Krise wird also idealerweise dazu führen, dass der seit Jahren Überhand nehmende Postmaterialismus durch die neue Krisenerfahrung und Erfahrungen des Mangels – man denke nur an die leeren Regale infolger der Hamsterkäufe von Toilettenpapier und Seife – zerstört wird und wieder das wird, was er zuvor war: Eine nicht mehr wirkmächtige Wunschvorstellung postmaterialistischer Gesellschaftsschichten, die keinen Bezug zur Wohlstandsbasis dieser Gesellschaft haben: nämlich der deutschen Industrie.

 

Oder um es in den Worten des Journalisten Dieter Schnaas zusammenzufassen, der gerade in der „Wirtschaftswoche“ in einem Essay zur Corona-Krise schrieb: „Nein, nein, liebe Chefbeobachter, spart euch bitte eure Besinnungsaufsätze über totalitäre Demokratien und klimafreundliche Stillstandsrepubliken – Corona ist kein Stromausfall, der uns daran erinnert, dass im Kerzenschein schön kuscheln ist. Und schon gar kein Ausgangspunkt für Verzichtsdiskurse.“ Also jetzt bloß keine Postwachstums-Esoterik.

 

https://www.cicero.de/wirtschaft/coronavirus-oekonomische-folgen-postwachstum-industrie-deutschland?