Konservative Kapitalismuskritik

 

 

 

Konservative Kapitalismuskritik

 

Kevin Phillips

 

Konservative Intellektuelle in den USA betreiben inzwischen schärferes Capitalism Bashing als die Linken. Einer ihrer profiliertesten Exponenten warnt: Kapitalismus und Demokratie sind nicht deckungsgleich.

 

Beginnen wir mit einer schlichten Prämisse: Demokratie und Marktwirtschaft sind nicht das Gleiche. Schlimmer noch: Die Versuche, diese beiden Phänomene miteinander zu vermengen und am Ende gleichzusetzen, bilden seit einiger Zeit einen destruktiven Aspekt der amerikanischen Politik: Rückschritte in der Demokratie sind zeitgleich von einem Aufschwung der Märkte begleitet. Die Vorstellung, dass sich heute die Märkte von Regierungsgewalt beherrschen ließen, entbehrt der Grundlage.

 

Die größten US-Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln, Theodore und Franklin D. Roosevelt wären vermutlich über diese Entwicklung entsetzt gewesen. Denn eines war Ihnen immer klar: Die demokratische Bürgergesellschaft verträgt keine Aristokratien – auch keine pekuniären. Gerade unser Staatserhaltungstrieb, unser konservatives Wertegefühl sollten sich daher gegen die Anmaßungen der neuen Geldelite wehren.

 

Reichtum war stets ein Produkt von beidem: von Markt und Politik. Dass Reichtum zumindest zum Teil immer wieder neu verteilt wird, ist unausweichlich, sei es gewaltsam oder friedlich. Daher besteht fast zwangsläufig ein Spannungsverhältnis zwischen dem Lobpreis des Reichtums, der die Konzentration von politischer Macht begünstigt, und der Demokratie, der es um Verteilung von Macht geht.

 

In den Vereinigten Staaten ist es mit Hilfe schwacher Politiker auf der einen Seite und der Überzeugungskraft der Marktvergötterung und des Sozialdarwinismus auf der andern Seite zu einer enormen Reichtumskonzentration gekommen. Zum Glück aber scheinen Gesellschaften ihren eigenen Rhythmus zu haben, ihren eigenen Zyklus von Aufstieg und Fall, wie dies Arnold Toynbee und andere Historiker erkannt haben.

 

Die Politik in den USA war immer zyklischer als in andern Ländern. Historiker haben die unausweichlichen Spannungen zwischen den Werten der Kapitalisierung einerseits – Eigentum, Gewinne und Märkte – und andererseits der zentralen Rolle von Gleichheit, Brüderlichkeit, gesellschaftlicher Verantwortung und Gemeinwohl in der Demokratie betont.

 

Zwar versucht keine Seite offen die andere aus der Welt zu schaffen – weder das Kapital die Demokratie noch die Demokratie das Kapital –, aber diejenigen, welche die demokratischen Werte vertreten, halten am wenigsten von den kapitalistischen Grundsätzen und umgekehrt. Kapitalismus und Demokratie überlappen und verbünden sich zwar gerne, müssen jedoch immer auseinander gehalten werden. Sie lassen sich nicht vermengen.

 

Der demokratische Bewerber bei den Präsidentenwahlen 2000, der Millionär und Senator Bill Bradley, hat sich besorgt darüber geäußert, dass die Unfähigkeit, die amerikanische Politik vom Geld zu befreien, aus dieser Vermengung resultiere. Es fehle das Verständnis dafür, dass „Demokratie und Kapitalismus zwei getrennte Teile des amerikanischen Traums sind und dass es, um diesen Traum lebendig zu halten, darauf ankommt, dass nicht das eine das andere korrumpiert“. Dass dieses Verständnis heute fehlt, ist zu einem Gutteil so gewollt: Über zwei Jahrzehnte der Vergöttlichung privaten Interesses hinweg war man fortgesetzt und mit großzügiger finanzieller Unterstützung darum bemüht, die alten republikanischen Tugenden der Gründerväter – Bürgersinn, moralische Wertorientierung und politisches Engagement – durch das ökonomische Eigeninteresse zu ersetzen. Konservative Politiker, Bankiers und Journalisten priesen die Märkte als ökonomische Wahlmaschinen und die Unternehmen als die demokratisch Auserwählten des freien Marktes.

 

Derartige Chorgesänge schwollen als eine Art ökonomischer Version von Händels „Messias“ in den neunziger Jahren an. Der Markt und die Menschen sind ein und dasselbe. Hallelujah. Kaufen, Verkaufen und Konsumieren sind wahre Demokratie. Hallelujah. Der Wille des Volkes findet seinen Ausdruck im ehernen Gesetz von Angebot und Nachfrage. Hallelujah. Populismus ist Marktwirtschaft. Hallelujah. Die Nationen und die Völker mögen frohlocken. Hallelujah, Halleluhja.

 

In einem solchen Klima griff das Insistieren in den freien Markt auch auf das repräsentative Regierungssystem über. Letztlich aber scheinen die Verfechter einer allein nach Marktprinzipien funktionierenden Gesellschaft nicht über die Formel hinauszukommen: Eine Politik, die den Markt befördert, ist gut und effizient, einfach, weil sie den Markt befördert. Die schlichte Logik eines Vermischens von Markt und Politik bedeutet daher: Ungleichheit ist das natürliche Gesetz eines vom Geld bestimmten Marktes. Wenn der Kern der Demokratie darin besteht, zu kaufen, zu verkaufen, zu besitzen oder zu konsumieren, ist die Abhängigkeit der Politik von privaten Geldzuwendungen die logische Folge. Da das Kaufen die entscheidende Handlung auf dem Markt ist, nehmen Wirtschaft und Reichtum eine privilegierte Stellung in der Politik ein. Demokratische Politik sollte aber vielmehr den Rahmen liefern, innerhalb dessen gewöhnliche Menschen – deren entscheidende Handlung ja das Wählen, nicht das Kaufen ist – das Machtungleichgewicht des organisierten Geldes wieder ausgleichen.

 

Blenden wir zurück: auf die Analogie zwischen dem heutigen Marktdarwinismus und dem Sozialdarwinismus des „Vergoldeten Zeitalters“ an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Damals kam Theodore Roosevelt zu der Einschätzung: „Es gibt absolut nichts, was sich von einer Plutokratie zugunsten der Regierung vorbringen ließe, von Männern, die in bestimmter Hinsicht sehr mächtig und mit einem ‚money touch‘ gesegnet sind, aber über Ideale verfügen, die sich in ihrem Kern nicht von denen besserer Pfandleiher unterscheiden.“

 

Ob die Amerikaner des 21. Jahrhunderts die Politik wiederbeleben, die Plutokratie matt setzen und die Theorie des Marktes auf die Wirtschaft beschränken können, hängt davon ab, wie erfolgreich sich die grundsätzliche Unterscheidung zwischen Demokratie und Kapitalismus wieder ins Bewusstsein rücken lässt. Es geht darum, Märkte wieder als Bestandteil und nicht als entscheidendes Kriterium von Demokratie und repräsentativer Regierung zu sehen.

 

Kevin Phillips gehört zu den profiliertesten konservativen Intellektuellen der USA. Er schrieb u.a. „Die amerikanische Geldaristokratie“ (Campus) und eine Bush-Biografie

 

https://www.cicero.de/wirtschaft/konservative-kapitalismuskritik/36969

 


 

Konservative Kapitalismus-Kritik

 

Hartwig Bögeholz - Telepolis - 23. August 2011

 

Der maßgeblich von den USA und Großbritannien initiierte und vorangetriebene Siegeszug der Finanzwirtschaft hat viele Gesellschaften in kritische Lagen getrieben

 

Es ist eine kaum überwindbare Herausforderung für derzeit lebende Zeitgenossen, die Verschiedenartigkeit der uns umgebenden und auf uns einwirkenden, von unseren Gesellschaften hervorgebrachten und diese wandelnden Entwicklungen zu erkennen. In den tiefgreifenden und temporeichen Dynamiken, die uns und unsere Leben heute prägen, gehen kurzfristig-flüchtige, mittelfristig-episodische als auch langfristig-anhaltende Veränderungsprozesse unauflösbare Verbindungen ein. Nur, wenn es gelingt, diese Ebenen geistig auseinanderzuhalten, können wir diesen nüchternen Befund tätigen: Die sogenannten modernen Gesellschaften sind vom "Kapitalismus", der nichts anderes ist als ein mächtiger gesellschaftlicher Mechanismus, in eine prekäre Lage getrieben worden. Möglich wurde dies allein deshalb, weil politische Steuerung oder Gestaltung, politische Zähmung oder Begrenzung, politische Kontrolle oder Korrektur zusammenbrachen.

 

Erstaunlich, dass Kapitalismus-Kritik in Europa nun dort aufzukeimen beginnt, wo sie am wenigstens vermutet wird. Einen Anfang tat Charles Moore, konservativer Publizist im Vereinigten Königreich, vor kurzem im Daily Telegraph. Daraufhin zog Frank Schirrmacher, fürs Unkonventionelle abgestellter Mitherausgeber der FAZ, nach: Hat die Linke tatsächlich Recht?.

 

Beider Ausgangspunkt liegt naheliegenderweise darin, dass sich die politischen Strömungen des bürgerlichen Lagers im derzeitigen Geschehen nicht nur als passiv erweisen, sondern dass sie Bedeutung und Tragweite dieses Geschehens standhaft ignorieren (dass dieses für alle anderen politischen Tendenzen gleichermaßen gilt, vermag nicht wirklich Trost zu spenden).

 

Worin liegt die Bedeutung dieser Versuche, dem derzeitigen Geschehen geistig beizukommen? Hören wir O-Töne, zunächst von Moore:

 

The rich run a global system that allows them to accumulate capital and pay the lowest possible price for labour. The freedom that results applies only to them. The many simply have to work harder, in conditions that grow ever more insecure, to enrich the few. Democratic politics, which purports to enrich the many, is actually in the pocket of those bankers, media barons and other moguls who run and own everything.

 

Solch klare Worte mögen Schirrmacher nicht über die Lippen kommen. Ganz deutsch, verrennt er sich im ebenso verzweifelten wie aussichtslosen Versuch, die Problematik in die Zwangsjacke von Parteipolitik zu pressen:

 

Die CDU hat ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte, ihre Vorstellung vom Individuum und vom Glück des Einzelnen, niemals zurückgefordert. Sie hat nicht nur keine Verantwortung für pleitegehende Banken verlangt, sie hat sich noch nicht einmal über die Verhunzung und Zertrümmerung ihrer Ideale beklagt. Entstanden ist so eine Welt des Doppel-Standards, in der aus ökonomischen Problemen unweigerlich moralische Probleme werden. Darin liegt die Explosivität der gegenwärtigen Lage, und das unterscheidet sie von den Krisen der alten Republik.

 

Was erleben wir da? Ein Strohfeuer? Eine Besinnung? Eine Ab- oder gar Umkehr? Nichts dergleichen. Letztlich handelt es sich um nichts Anderes als das böse Erwachen nach Jahren der Autosuggestion. Wenn zahlreiche Regierungen freien Willens ihre Macht abtraten, sich bereitwillig den Verheißungen vor allem des Finanzsektors hingaben, ihre verbliebenen Politik-Instrumente maßgeblich nutzten, diesem vermeintlichen Bahnbrecher der Zukunft alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen – dann konnte man dieses auch schon vor fünf oder zehn Jahren erkennen.

 

Titel und Erscheinungsjahre der Bücher des US-Konservativen Kevin Phillips sprechen Bände: "Arrogant Capital: Washington, Wall Street and the Frustration of American Politics" (1994); American Theocracy: The Peril and Politics of Radical Religion, Oil, and Borrowed Money in the 21st Century" ( 2006); "Bad Money: Reckless Finance, Failed Politics, and the Global Crisis of American Capitalism" (2007).

 

Imagination des Reichtums ohne Arbeit

 

Zur Entlastung kann indes angeführt werden, dass nahezu alle der sich "links" gerierenden Kapitalismus-Kritiker ihrerseits in betrüblicher Regelmäßigkeit an tieferen, sachgerechten Analysen scheiterten. Weil ihre Qualifikation oft allein aus Selbstberufenheit herrührte, fielen ihre Überlegungen schrecklich-schablonenhaft aus, kamen moralisierend daher und, wichtiger noch, sie entbehrten jeglicher sozial-politischer Relevanz. Kurz, die vorgeblich linke Kapitalismus-Kritik vermochte der konservativen Kapitalismus-Kritik nicht auf die Sprünge zu helfen.

 

Langfristige Veränderungsprozesse betreffen die fundamentalen Richtungen, die Gesellschaften in ihren Entwicklungen nehmen – wobei sich die Geschwindigkeit dieser Prozesse in jüngerer Vergangenheit extrem beschleunigt hat. Nachdem die großen Nachkriegsverheißungen in den modernen Gesellschaften vielfach Wirklichkeit geworden waren, als klar wurde, dass einer Durchschnittsfamilie das zweite Eigenheim, das dritte oder vierte Auto, die fünfte jährliche Urlaubsreise nicht zu verkaufen war, suchte das akkumulierte Kapital neue Möglichkeiten. Und fand sie in der Imagination des Reichtums ohne Arbeit.

 

Wie rasend schnell sich diese Verheißung bei und in den Menschen ausbreitete, ist nur zum Teil dem Wirken der Urheber geschuldet. Der weit größere Teil war und ist die Empfänglichkeit unter den Zeitgenossen. Junge Leute, die ausgesprochen oder insgeheim als Lebensperspektive die Leitung einer "Reich & Faul GmbH" hegen, sind der schlagendste Ausdruck. Und noch der Massenandrang bei jedem Model- oder Musik-Casting kündet davon. Vorgemacht aber haben es die älteren Generationen, die ihre realwirtschaftlich verbrachten Lebensabschnitte zumeist wider besseres Wissen durch das mühelose Couponschneiden zu krönen hofften.

 

Dieser maßgeblich von den USA und Großbritannien initiierte und vorangetriebene, sodann weitgehend widerstandslos hingenommene Siegeszug der Finanzwirtschaft hat viele Gesellschaften in kritische Lagen getrieben. Die USA – realwirtschaftlich immer noch stark, finanzpolitisch aber so gut wie bankrott. Großbritannien – versunken im Schuldenmeer und realwirtschaftlich darnieder. Deutschland – realwirtschaftlich stark, doch nähert sich die Höhe der Staatsverschuldung der des jährlichen Bruttoinlandsprodukts; jeder neunte Steuer-Euro muss für (die derzeit extrem niedrigen) Zinsen aufgewendet werden. Von den hinlänglich bekannten Problemfällen gar nicht zu reden. In der EU wies 2010 einzig und allein Schweden einen ausgeglichenen Haushalt auf.

 

Dies ist der Boden für die Probleme, die wir auf der mittelfristigen Ebene anzusiedeln haben. Gesellschaften vermögen ihren nachwachsenden Generationen schon jetzt keine Perspektiven mehr zu bieten; soziale Polarisierungen verschärfen sich, Sozialsysteme werden ausgehöhlt; deutlich sichtbare Herausforderungen werden ignoriert; Vertrauen in die politischen Klassen wie demokratische Legitimation schwinden zusehends.

 

Was Moore und Schirrmacher vor allem umtreibt, ist die Kraftlosigkeit der von ihnen favorisierten bürgerlichen Parteien. Tatenlos sind diese ja durchaus nicht, nein, sie taten und tun etwas – bloß betreiben sie keine gestaltende Politik im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen Wohls. Liegt das nur am falschen Kurs, am Versagen der Parteiführungen, der von ihnen gestellten Regierungen? Natürlich nicht. Lassen wir einmal die Scheinheiligkeit eines David Cameron beiseite, der eine "broken society" beklagt, die gerade seine Partei-, Wirtschafts- und sonstigen Upper-Class-Freunde massiv betrieben und von der sie mächtig profitiert haben.

 

Viel bedeutsamer sind die Funktionseinbußen der politischen Systeme – ungeachtet ihrer jeweiligen nationalen Ausprägung. Regierungen und Staaten sind aufgrund der Schuldenlasten eingeengt, hecheln allen Entwicklungen hinterher, unterwerfen sich verschiedensten außerpolitischen Einflüssen, verweigern sich größeren Perspektiven und Lösungen, sind von den globalen Strömen aller Bereiche hoffnungslos überfordert. Europa verfügt mit der EU immerhin über die Möglichkeit, die Herausforderungen auf einer höheren Ebene als der des Nationalstaates anzugehen.

 

Doch auch bürgerliche Regierungen fallen viel zu oft und viel zu rasch auf ihr vermeintliches nationales Interesse zurück. Eine Politik, die die Entfesselung der Finanzindustrie herbeigeführt hat und nun den Teufel nicht mehr einzufangen vermag – das ist die Diagnose, die zu stellen ist. Vor diesem Hintergrund erwachsen tatsächlich Gefährdungen für die demokratische Verfasstheit der Gesellschaften.

 

Würde sich die konservative Kapitalismus-Kritik von ihren Illusionen über die Natur dieses gesellschaftlichen Mechanismus wie von Trugbildern über die Rolle bürgerlichen Parteien befreien; würde sich die linke Kapitalismus-Kritik von ihrem Denken in ewiggleichen und ewiggstrigen Schablonen wie ihren Selbsttäuschungen über "linke" Politik befreien – dann, ja, dann könnte der Boden bereitet werden, auf dem Gesellschaften in demokratischen Prozessen Entscheidungsmacht zurückerobern und womöglich gar einsetzen.

 

Für solch altmodischen Phänomene wie das Gemeinwohl etwa, für sozialen Ausgleich und Zusammenhalt, für die Einbindung aller gesellschaftlichen Gruppen, für die Schaffung von tragfähigen Perspektiven gerade für die jüngeren Generationen. (Hartwig Bögeholz)

 

https://www.heise.de/tp/features/Konservative-Kapitalismus-Kritik-3390982.html

 



 

Edward Feser, Hayek's Tragic Capitalism - Claremont Review of Books, Volume XIX, Number 2, Spring 2019

 

https://www.claremont.org/crb/article/hayeks-tragic-capitalism/