Klimawandel und Kapitalismus


 

Nicht die Konzerne – wir selbst sind das Problem

 

In ihrem neuesten Buch fordert Naomi Klein den Abschied vom Kapitalismus, denn der sei schuld am Klimawandel. Doch die Sozialistin macht es sich viel zu einfach.

 

Von Felix Ekardt -DIE ZEIT 11. März 2015

 

Naomi Klein legt die Messlatte ziemlich hoch. "Dieses Buch ändert alles", steht in boulevardtauglichen Riesenlettern auf der Rückseite ihres neuen Werks Die Entscheidung geschrieben. Dazu trägt das Buch den leicht reißerischen Untertitel Kapitalismus versus Klima, und ihr deutscher Verlag porträtiert die globalisierungskritische kanadische Journalistin als eine weltweit führende Intellektuelle.

 

Dabei ist Kleins zentrale These – die schon im Titel verraten wird – gar nicht neu. Der Kapitalismus sei die Hauptursache des Klimawandels und die zentrale Motivationsquelle klimaschädlichen Handelns, schreibt sie. Die Menschheit müsse sich deshalb entscheiden: Kapitalismus oder Klimaschutz?

 

Auf 700 Seiten stellt Klein in gut marxistischer Tradition eindrücklich vor allem die mächtigen Unternehmensinteressen der fossilen Industrie dar. Die bedrohen in der Tat den Klimaschutz. Nicht immer systematisch und oft zu lang, aber dennoch lohnend sind auch weitere Beobachtungen Kleins, etwa die Darstellung der Klimaskeptiker-Szene und ihrer verschwörungstheoretischen Absonderlichkeiten oder der US-Umweltverbände, die sich häufig von Unternehmens-interessen korrumpieren lassen.

 

Für viele in linksalternativen Kreisen wird nach No Logo und Die Schock-Strategie auch dieses neue Klein-Buch mit seinem klaren antikapitalistischen Bekenntnis und der vermeintlich einfachen Lösung des Klimaproblems wieder eine Art globales Manifest sein, obwohl sich die Autorin in ihren Beispielen sehr stark auf die USA und Kanada kapriziert.

Naomi Klein instrumentalisiert das Klima-Thema

 

Bemerkenswert ist: Naomi Klein selbst sagt ziemlich unverblümt, sie suche vor allem "frische Argumente" gegen den Kapitalismus, den sie ohnehin ablehne. Um Klimaschutz geht es ihr also eher indirekt. Nun springen zwar seit Jahren Persönlichkeiten wie Anthony Giddens oder Harald Welzer, die von Hause aus dem Umweltdiskurs eher fernstehen, auf den Klima-Trend auf – doch so offensichtlich ist das Thema selten instrumentalisiert worde

 

Entgegen Kleins eigener Wahrnehmung erzeugt ein solch strategisches Verhalten starke Parallelen zu den Klimaskeptikern. Auch für die steht das Ergebnis vorab fest, nur eben inhaltlich genau andersherum als bei Klein: Wirtschaftswachstum, freies Autofahren und unreguliertes Unternehmertum sind für viele von ihnen per se gut. Und wenn der Klimawandel all das gefährdet, so bestreitet man eben seine Existenz.

 

Wenn Klein in ihrem Buch die gesellschaftlichen Ursachen des Klimaproblems analysiert, gerät ihr das deutlich unterkomplex. Aus ihrer Sicht wird der Klimawandel allein durch den Wunsch multinationaler Konzerne und reicher Leute verursacht, Geld zu verdienen. Doch dem ist nicht so.

 

Selbst wenn klassisch marxistisch alles eine ökonomische Ursache hätte, so wären nicht allein die Reichen die Bösen. Wir alle sind aufs Engste mit der Wachstumswelt verflochten: über Arbeitsplätze, Konsumwünsche oder Pensionsfonds, die über Aktienpakete Eigentümer der Unternehmen sind. Ohne uns alle und ohne entsprechende Politiker, die ebenso eigennützig agieren wie die von Klein inkriminierten Reichen, gäbe es die Konzerne nicht.

 

Schuld sind für Naomi Klein immer die anderen

 

Außerdem wird menschliches Verhalten nicht nur durch kalte Eigennutzkalküle geprägt. Bürger, Manager und Unternehmer lassen sich auch durch Gefühle beeinflussen und durch un- oder halbbewusste Vorstellungen davon, was normal sei. Die Wirkungen des Klimawandels scheinen uns räumlich oder zeitlich (noch) weit entfernt, das erschwert uns die emotionale Anteilnahme. Und sie sind komplex, also schwer zu greifen. All das führt dazu, dass die Erderwärmung uns als weniger dringlich erscheint – aber mit dem Kapitalismus hat es eher am Rande zu tun. Gleiches gilt für allgegenwärtige menschliche Neigungen wie die zu Bequemlichkeit, Gewohnheit, das Streben nach sozialer Geltung und Anerkennung oder die Fähigkeit, Ausreden zu erfinden.

 

Klein verkennt einen weiteren banalen, aber folgenreichen Umstand: Das kapitalistische Konkurrenzdenken dürfte trotz aller kultureller Beigaben auch eine Wurzel darin haben, dass der Mensch dem Tierreich entstammt – die Konkurrenz um die überlebenstauglichsten Eigenschaften hat uns geprägt. Auch Kooperation war in der Steinzeit vermutlich überlebensfördernd, aber eben in kleinen Verbänden. Die Steinzeit mag lange vorbei sein; dennoch ist Kooperation in der Familie für uns immer noch bei Weitem einfacher, als es eine globale, gemeinsame Anstrengung zur Klimarettung wäre.

 

Aus all diesen Gründen ist das Klima-Thema entgegen Kleins Forderungen kaum tauglich für eine politische Massenbewegung. Wir alle mit unseren alltäglichen Gefühlen, Wünschen und unserem kurzsichtigen Eigennutz sind das wichtigste Problem, ob wir nun Politiker, Unternehmer oder Bürger sind. Und wer möchte schon gerne gegen sich selbst demonstrieren.

 

Ewiges Wachstum ist unmöglich

 

Recht hat die Globalisierungskritikerin indes damit, dass ewiges Wachstum ökologisch auf einem endlichen Planeten voraussichtlich nicht möglich sein wird. Doch sie unterschätzt die Chancen der Technik. Zum Beispiel im Fall der erneuerbaren Energien: Auch Windräder kann man verkaufen und damit Wachstum erzeugen, und sie schützen zugleich das Klima.

 

Vermutlich reicht der technische Fortschritt allein nicht aus, um den Klimawandel auf ein noch beherrschbares Maß zu begrenzen. Es wird auch Verhaltensänderungen geben müssen: etwa mehr Genügsamkeit. Das könnte dann wirklich das Ende der Wachstumsgesellschaft sein, von der momentan noch so viele gesellschaftliche Institutionen abhängen: etwa der Arbeitsmarkt, das Rentensystem, die Banken und die Kreditfinanzierung technischer Innovationen. Das Problem scheint nicht unlösbar – doch die einfache Forderung Kleins, sich vom Kapitalismus zu verabschieden, greift viel zu kurz.

 

Die von der Freihandelsgegnerin Klein vorgeschlagenen primär nationalen Maßnahmen sind übrigens kaum der Königsweg zum Klimaschutz. Denn wenn nur einzelne Staaten sich für eine strengere Klimapolitik entscheiden, werden Emissionen wohl schlicht in andere Länder verlagert. Bleiben Öl und Gas in anderen Ländern schön billig, importieren wir unsere Autos, Handys und Nahrungsmittel einfach noch konsequenter aus dem Ausland als bisher.

US-Kulturdominanz beschränkter Qualität

 

Schief ist auch Kleins Kritik am Emissionshandel, denn genau er hat die Fähigkeit, die Nutzung fossiler Brennstoffe in allen beteiligten Ländern und allen Lebensbereichen absolut zu verringern – sofern die Politik die Vorgaben richtig setzt. Im Moment tut sie das in Europa nicht, weil sie absolut gesehen zu viele CO2-Emissionen erlaubt und wichtige Bereiche – etwa Gebäudewärme, Verkehr und Ernährung – komplett aus dem Emissionshandel ausklammert. Aber dadurch wird nicht die Idee falsch, sondern nur die bisherige Ausführung.

 

Die von der Autorin gelobte deutsche Energiewende hingegen ist bislang eine bloße Stromwende. Sie vernachlässigt völlig, dass in der Summe viel mehr fossile Energie für andere Zwecke eingesetzt wird als zur Stromerzeugung: zum Heizen etwa, im Verkehr, zur Herstellung von Kunststoffen oder Mineraldünger. In all diesen Bereichen geschieht politisch nahezu nichts. Auch deshalb hat die EU in der Summe immer noch Pro-Kopf-Emissionen, die das Fünffache dessen betragen, was dauerhaft und global verträglich wäre.

 

US-amerikanische Filme, Wissenschaftler und eben auch Sachbuchautorinnen wie Naomi Klein dominieren weltweit die Diskussionen. Auf ihre Qualität lässt sich das nicht immer zurückführen. Es ist nicht ohne Ironie, dass Naomi Klein mit ihren Vereinfachungen ein vermutlich sehr erfolgreiches globalisiert-kapitalistisches Buchprodukt erzeugt hat, das nun mit großem Aufwand – beschrieben in der Danksagung – weltweit unter die Leute gebracht wird. Sie setzt auf einfache Botschaften, ebenso wie die Marketingfachleute allzu vieler Unternehmen.

 

Schuld am Klimawandel sind natürlich nicht die Buchkäufer, sondern die anderen, die Kapitalisten. Wenn die Lösung doch nur so einfach wäre.

 

 

Felix Ekardt ist Jurist, Soziologe, Rechtsphilosoph und Religionswissenschaftler. Er leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und lehrt an der Universität Rostock. Von ihm erschien 2014 das Taschenbuch "Jahrhundertaufgabe Energiewende".

 

https://www.zeit.de/wirtschaft/2015-03/naomi-klein-kapitalismus-klimawandel/komplettansicht

 



 

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https://www.arte.tv/de/videos/081077-002-A/data-science-vs-fake/