René Descartes (1596-1650)

 

 

René Descartes (1596-1650)

 

Biographie:

 

1604-12 Studium am jesuitischen College Royal in La Flèche (Anjou)

1612-16 Studium an der juristischen Fakultät in Poitiers

1618-19 militärische Ausbildung in Holland

1620 freiwilliger Militärdienst in der Truppe des Herzogs von Bayern

  • Erfahrung des ungeheuren Elends des Krieges
  • Erleuchtungserlebnis im Schützengraben bei Ulm
  • Ursprung der Idee der Verbesserung der Medizin und der Lebensverhältnisse

1623-24 Italienreise

1625-28 Aufenthalt in Paris

1628 Emigration nach Holland; Freundschaft mit holländischen Gelehrten seiner Zeit

  • Idee einer radikalen Neufundierung der zeitgenössischen Wissenschaften

1635 Verhältnis mit Hijlena Jans und Geburt der Tochter

1644-48 drei Reisen nach Frankreich

1649 Übersiedlung nach Schweden auf Einladung der Königin Christine von Schweden

1650 Krankheit und Tod in Stockholm

1663 Schriften auf dem „Index Romanus“

1667 Überführung nach Paris in die Chapelle du Sacre Coeur, St. Germain des Prés

 

Hauptwerke: 

  • Regulae ad directionem ingenii (1628)
  • Discours de la méthode (1637) 
  • Meditationes de prima philosophiae (1641)
  • Principia philosophiae (1644)
  • Passions de l’áme (1649)  

Intentionen: 

  • Überwindung des scholastischen Traditionalismus
  • Fundierung der Wissenschaften in der Metaphysik
  • Streben nach Gewissheit der Erkenntnis
  • Radikale Überprüfung der eigenen Überzeugungen
  • Radikaler Zweifel als Methode der Philosophie
  • Orientierung am „natürlichen Licht“ der Vernunft (lumen naturale)
  • Rationalisierung der Lebenspraxis
  • Verbesserung der Medizin zwecks Verlängerung des menschlichen Lebens

Meditationen über die Erste Philosophie (1641):

 

In seinen Meditationen über die Erste Philosophie, d.h. die Metaphysik versucht Descartes eine neue Fundierung aller Wissenschaften in der Metaphysik, das nach seiner Auffassung die scholastische Metaphysik seiner Zeit aufgrund der neueren Erkenntnisse der nova scientia. D.h. der neuen Physik und Kosmologie (Kopernikus, Kepler, Galilei, u.a.) unglaubwürdig geworden ist. Die Metaphysik der Scholastik fußte vor allem auf den Lehren von Aristoteles und Thomas von Aquin.

 

Um die Wissenschaften in einer neuen Metaphysik zu fundieren, wollte er zuerst einen archimedischen Punkt der philosophischen Erkenntnis finden, von dem aus eine neues Fundament und Gebäude der Metaphysik errichtet werden konnte. Für diesen archimedischen Punkt der unbezweifelbaren und täuschungsfrei evidenten Erkenntnis hielt er die Selbsterkenntnis und Selbstgewissheit, d.h.. die Erkenntnis seiner selbst als „denkendes Ding“ (res cogitans) sowie Gewissheit der eigenen Existenz („cogito, ergo sum“).

 

Gerade aber diese philosophische Einsicht war nicht so neu, wie Hegel meinte, da auch schon Augustinus das Phänomen der unbezweifelbaren und täuschungsfreien Gewissheit der eigenen Existenz kannte. Neu hingegen war Descartes' konsequente Radikalisierung der erkenntnistheoretischen Skepsis, um alle gewöhnlichen, alltäg-lichen und wissenschaftlichen Überzeugungen zu prüfen. Das eigentliche Novum liegt demzufolge in der Radikali-sierung des Zweifelns als Methode der Erkenntnis in der Philosophie und in den Wissenschaften.

 

Von diesem archimedischen Punkte der philosophischen Erkenntnis ausgehend versucht Descartes dann in seinen Meditationen, zu beweisen (1.) dass es angesichts der gelegentlichen Unzuverlässigkeit der Sinne (wie z.B. bei Sinnestäuschungen, Träumen, Wahnbildern, Phantomschmerzen, etc.) wirklich physische Gegenstände der Erkenntnis gibt, die unabhängig vom (eigenen) menschlichen Bewusstsein existieren, (2.) dass es trotz der gelegentlichen Unzuverlässigkeit der Sinne möglich ist, zuverlässige Erkenntnis von diesen realen physischen Gegenständen zu erlangen, (3.) dass es nicht möglich ist, dass ich bzw. wir dauerhaft und allumfassend über die wirklichen Gegenstände in der Welt getäuscht werden, (4.) dass es für diese grundsätzliche Zuverlässigkeit der (eigenen) menschlichen Erkenntnis aber der allwissenden, allmächtigen, gerechten und wohlwollenden Güte Gottes bedarf, der für die grundsätzliche Angemessenheit der Sinne und des Denkens an die realen Dinge in der Welt sorgt.

 

Descartes’ Überlegung dabei ist nämlich die folgende: wenn Gott nicht existieren würde und wenn er kein allwissendes, allmächtiges, gerechtes und wohlwollendes Wesen wäre, dann könnte es sein, dass Gott ein böser Dämon ist, der mich bzw. uns dauerhaft täuscht. Dann aber wäre keine dauerhafte und grundsätzliche Erkenntnis von der realen Gegenständen der wirklichen Welt möglich. Descartes musste damals so denken, da er es sich offensichtlich noch nicht vorstellen konnte, dass für die grundsätzliche Angemessenheit der Sinne an die realen Dinge in der Welt ein unvorstellbar langer Prozess der naturgeschichtlichen Evolution der Arten und für die grundsätzliche Angemessenheit des Denkens an die realen Dinge in der Welt ein sehr langer Prozess der kultur-geschichtlichen Adaption der Mentalitäten verantwortlich sein könnte. Deswegen musste er dafür die Existenz und das Wesen Gottes als Erklärungsgrund in Anspruch nehmen.

 

Dazu musste er aber beweisen, (1.) dass die Idee Gottes nicht nur eine zufällige und bezweifelbare Vorstellung in seinem Bewusstsein ist, sondern auch eine Vorstellung von einer vom Bewusstsein unabhängigen Realität ist, die nur durch eine äußere Ursache in sein endliches Bewusstsein gelangt sein kann und (2.) dass Gott notwendig und zweifelsfrei existiert. Um das Dasein Gottes als notwendig und unbezweifelbar zu beweisen, versuchte Descartes im Sinne des ontologischen Gottesbeweises von Anselm von Canterbury von der offensichtlich vorhandenen Idee Gottes in seinem Bewusstsein auszugehen, der zufolge Gott ein höchstes und vollkommenes Wesen ist, das alle denkbaren Vollkommenheiten in sich vereinigt. Wenn es ein solches Wesen ist, dann muss es aber auch existieren, denn es wäre ein Widerspruch in sich selbst anzunehmen, dass ein höchstes und vollkommenstes Wesen gar nicht existiert. Denn wenn Gott die Eigenschaft der Existenz fehlte, dann wäre er jedenfalls nicht mehr das höchste und vollkommenste Wesen. Er wäre in dieser Hinsicht unvollkommen.

 

Aufbau und Übersicht der Meditationes:

 

1. Meditation: Ausgangspunkt: Gründe für die Möglichkeit und Nützlichkeit des Zweifels an der sinnlichen Erkenntnis; Traumargument; Differenz zwischen Real- und Formalwissenschaften; Entdeckung der Idee Gottes im eigenen Bewusstsein; Problem der Möglichkeit der Täuschung durch Gott bzw. einen bösen Dämon; methodischer Zweifel als Mittel zur Vergewisserung über die Evidenz der Vorstellungen und Überzeugungen.

 

2. Meditation: Methodenproblem: Suche nach einem archimedischen Punkt als sicherem Anfang der Erkenntnis; Einsatz des radikalen methodischen Zweifels zur Entdeckung dessen, was zweifelsfrei evident ist; Entdeckung der Differenz des Körperlichen und des Geistigen; klare und deutliche Erkenntnis der substantiellen Verschiedenheit; Frage nach der Unsterblichkeit der Geistseele; Physik als Wissenschaft von den körperlich ausgedehnten Substanzen in Raum und Zeit.

 

3. Meditation: Gottesfrage: Beweis des Daseins Gottes als eines höchst vollkommenen Wesens; Notwendigkeit einer höchst vollkommenen Ursache außerhalb meines Bewusstseins für die Idee von Gott im eigenen Bewusstsein.

 

4. Meditation: Wahrheitsproblem: Beweis, dass im Bereich der theoretischen Erkenntnis alles, was wir mit Hilfe des natürlichen Lichtes der Vernunft klar und deutlich einsehen, auch wahr sein muss; Möglichkeit des Irrtums; verschiedene Ursachen des Irrtums; Rolle des Willens und der freien Entscheidung; Differenz von Wollen und Verstehen bzw. Einsehen; Differenz von Willensakten und Urteilsakten; Möglichkeit der Urteilsenthaltung.

 

5. Meditation: Grundfrage der Physik nach dem Sein und Wesen der körperlichen Gegenstände in Raum und Zeit; Grundfrage der Metaphysik nach dem Sein und Wesen Gottes; ontologisches Argument für das Dasein Gottes: (P1) Gott wird als das höchste und vollkommenstes Wesen gedacht; (P2) es kann aber nicht sein, dass ein solches Wesen nicht existiert, weil es sonst nicht das höchste und vollkommenste Wesen wäre; (C) Also: Gott existiert notwendig; Reflexionen für und wider das ontologische Argument: Vergleiche mit Reflexionen über die Idee eines (vollkommenen) Dreiecks und die Prinzipien der Geometrie; Abhängigkeit der Wissenschaften von der Erkenntnis des wahren Gottes.

 

6. Meditation: Differenz zwischen bildlichem Vorstellen und reinem Verstehen; Einbildungskraft und Verstandeskraft; Differenz zwischen dem Dasein meines Körpers und dem Dasein der Vorstellungen in meinem Bewusstsein; verschiedene Erfahrungen, die das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Sinne ins Wanken gebracht haben; Berechtigung des Zweifels an der Zuverlässigkeit der Sinne; Differenz von Wahrnehmung, Empfindung und Einbildung; unaufhebbare Einheit von Bewusstsein und Körper; Existenz des Körpers unter anderen Körpern; Mensch als Einheit aus Geist und Körper; Körper als eine Art von organischer Maschine; Differenz von Geist und Körper; Teilbarkeit des Körpers; Unteilbarkeit des Geistes; besondere Verbindung des Geistes mit dem Gehirn; Differenz von Geist und Gehirn; Problem der Phantomschmerzen; Fazit: gewöhnliche Zuverlässigkeit der Sinne, des Gedächtnisses und des Verstandes im Alltag; Möglichkeit des Irrtums in Einzelfällen; Unvollkommenheit und Schwäche der menschlichen Natur; Gott ist kein böser Dämon; radikaler Zweifel nur als Methode der philosophischen Selbstvergewisserung in Bezug auf die Prinzipen der Erkenntnis in den Wissenschaften und im Alltag.

 

Kritische Bilanzierung der Resultate:

 

Nach einer tour de force des philosophischen Denkens: eine gewisse Rückkehr zu den Prinzipien der (plato-nischen) Metaphysik: „Es gibt einen Gott, eine Seele, deren Unsterblichkeit zwar nicht demonstriert, aber doch durch den Beweis ihrer Realverschiedenheit vom Körper nahegelegt wird, und eine denkunabhängige Körper-welt.“ Der radikale methodische Zweifel diente lediglich der Vergewisserung über diese untrüglichen Prinzipien der Metaphysik. Trotz des Ausgangspunktes bei der Selbstvergewisserung des denkenden Subjektes: Abhängig-keit des denkenden Subjektes von Gott; das denkende Subjekt bleibt bei Descartes in seiner zuverlässigen und weitgehend täuschungsfreien Erkenntnisfähigkeit auf den gütigen Gott angewiesen, der auch außerhalb seines eigenen Bewusstseins wirklich existieren muss und es nicht dauerhaft und vollständig täuschen kann; sein von Hegel rehabilitierter ontologischer Gottesbeweis ist und bleibt auch nach Kants und Brentanos Einwänden immer noch umstritten.

 

Rezeptionsgeschichte und Relevanz für die Gegenwart:

 

Die katholische Kirche, die Descartes' Schriften noch nach seinem Tode auf den Index Romanus gesetzt hatte, wird  ihn im 19. Jahrhundert hingegen rehabilitieren. Auch die philosophische Wirkungsgeschichte seiner Meditationen war ungewöhnlich stark. Sie wurden von allen Rationalisten und Empiristen zur Kenntnis genommen und haben sie zu eigenen Positionen in Bezug auf die Erkenntnistheorie und Metaphysik herausgefordert: Leibniz, Spinoza und Pascal; Locke, Hume und Berkeley, u.a.

 

Stark war auch die Wirkung auf Kant, Fichte und Hegel (Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Seit Hegel wurden Descartes’ Meditationen als Anfang der neuzeitlichen Subjektivitätsphilosophie aufgefasst. Descartes galt daher als „Vater der neueren Philosophie“ (Schopenhauer) bzw. als „Begründer der neuzeitlichen Subjektivitäts-philosophie“ (Hegel), was allerdings auf eine eigenwillige Interpretation und eine Missachtung der scholastischen und vorkantianischen Elemente seines Denkens zurückzuführen ist.

 

Franz Brentano knüpfte in seinen epistemologischen Studien zwischen 1889 und 1916, die allerdings erst 1930 unter dem Titel Wahrheit und Evidenz publiziert wurden, mit seiner strengen methodischen Fundierung in der Evidenz des Logischen und Empirischen an Descartes und Locke und nicht an Kant an. In seiner Psychologie von Empirischen Standpunkt (1874) verteidigte der an Aristoteles orientierte Neuthomist jedoch gegen Kant und Locke die Entdeckung der Intentionalität der psychischen Phänomene.

 

Edmund Husserl, anfangs einer der wichtisten Schüler Franz Brentanos, verteidigte zu Beginn seiner frühen Rea-listischen Phänomenologie der Logischen Untersuchungen (1901) die Intentionalität der psychischen Phänomene, entwickelte dann aber unter dem Eindruck der Schriften von Fichte seine spätere Transzendentale Phänomeno-logie, wobei er sich zu Beginn seiner transzendentalen Wende in seinen Cartesianischen Meditationen (1929) auf Descartes bezogen hatte.

 

Die meisten naturalistischen und szientistisch-reduktionistischen Philosophen der sog. Analytischen Philosophie in der Nachfolge des positivistischen Logischen Empirismus (Wiener und Berliner Kreis) wie Daniel Dennett, Paul und Patricia Churchland, David Lewis und Richard Rorty benutzen Descartes gerne als Buhmann (straw man) für einen angeblich irrtümlichen Substanzen-Dualismus (res extensa und res cogitans). Diese schablonenhafte Kritik am "cartesischen Dualismus" hat eine rhetorische Funktion bekommen und schweißt Materialisten und Natura-listen ideologisch zusammen.

 

Dabei wird immer wieder gerne unterschlagen, dass sich Descartes wie Platon und Aristoteles selbstverständlich der Einheit der Person bzw. der "Ganzheit" des Menschen bewusst gewesen ist. Daher können der ausgedehnte materielle Körper und die immaterielle Seele auch bei Descartes nur zwei substanziell verschiedene, aber nicht aufeinander reduzierbare Realitäten sein, die jedoch voneinander abhängig sind und auch funktional interagieren, mithin nur zwei verschiedene ontologische Schichten in der Persönlichkeit des Menschen, aber keine disparaten Dinge, wie es ihm gerne unterstellt wird.

 

Leider haben im 20. Jahrhundert auch viele Laien und Mediziner diese modische Descartes-Schelte und diese fragwürdigen Klischeevorstellung von seinem angeblich fehlerhaftem Substanzen-Dualismus übernommen. Das kommt leider nur allzu oft daher, dass sie Descartes' Schriften, Forschungen und Überlegungen aufgrund einer fehlenden medizingeschichtlichen und geisteswissenschaftliche Bildung nur vom Hörensagen aus simplifizie-renden Darstellungen in Textbüchern kennen. Ihre Kritik an einer allzu mechanistisch denkenden sog. Apparate-medizin scheint mir zwar teilweise berechtigt zu sein, insofern sie erst einmal die immensen Erfolge der neuzeit-lichen und modernen Akutmedizin anerkennt und nicht nur in einer esoterischen und schwärmerischen Art und Weise polemisiert. Leider führt diese modische Polemik nur allzu oft dazu, dass man versucht, die angeblich bessere "ganzheitliche" Alternativmedizin und Naturheilkunde gegen die angeblich schlechtere kausal-analy-tische und fachspezifische "Schulmedizin" auszuspielen.

 

In Wirklichkeit hat gerade Descartes mit seinen Absichten einer radikalen Verbesserung der aus heutiger Sicht noch ziemlich hilflosen und sogar schädlichen Medizin seiner Zeit schon sehr präventiv und nicht nur reparativ, anthropologisch "ganzheitlich" und nicht nur mikroanalytisch gedacht. Seine philosophische Ethik (Passions de l'Ame) war daher auch noch ganz anders als die normativen Ethiken kantischer oder utilitaristischer Denkart noch ganz in eine anthropologische Affektenlehre bzw. in eine Theorie der menschlichen Emotionen (Empfindungen, Affekte, Gefühle und Leidenschaften) eingebettet. Eine Ethik dieser Denkart basiert daher primär auf empirischer Humanpsychologie und sekundär auf einer Klugheitslehre vom zweckrationalen Umgang mit den eigenen und fremden Emotionen. Einen solchen anderen Ansatz in der Ethik vertreten in der heutigen Zeit leider zwar nur noch wenige Philosophen, aber dafür die meisten Psychiater und Psychotherapeuten. Daher steht Descartes auch im Hinblick auf seine Ethik meistens Ärzten und Psychologen näher als Philosophen und Theologen.

 

Descartes war aufgrund seiner anatomischen Experimente sogar der Entdecker der Relevanz der unpaarigen Zirbeldrüse im weitgehend paarigen Gehirn und symmetrischen Nervensystem für ganz basale Bewußtseins-phänomene und Verhaltensmöglichkeiten, wie den Wechsel von Wachzustand und Schlafzustand und damit für die transtemporale Einheit der menschlichen Person. Die Zirbeldrüse bzw. Epiphyse (Epiphysis cerebri) "anato-misch auch Glandula pinealis genannt ist eine kleine, oft kegelförmige endokrine Drüse auf der Rückseite des Mittelhirns im Epithalamus ... In der Zirbeldrüse produzieren organtypische neurosekretorische Zellen, die Pinea-lozyten, das Hormon Melatonin. Dieses Neurohormon wird bei Dunkelheit gebildet und in Blut und Liquor frei-gesetzt, so überwiegend nachts. Melatonin beeinflusst den Schlaf-Wach-Rhythmus und andere zeitabhängige Rhythmen des Körpers. Eine Fehlfunktion der pinealen Sekretion kann – neben einem gestörten Tagesrhythmus – sexuelle Frühreife oder Verzögerung bzw. Hemmung der Geschlechtsentwicklung bewirken." (Wikipedia, Zirbel-drüse, Febr. 2021) Eine Fehlfunktion der pinealen Sekretion kann einen gestörten Tagesrhythmus bewirken. Ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus, wie z.B. bei Drogenmissbrauch oder bei einer manischen Depression, ist nicht nur neurologisch, sondern auch psychiatrisch relevant.

 

In der heutigen Psychiatrie gehen geisteswissenschaftliche Methoden der Phänomenologie und Psychopatho-logie und naturwissenschaftlich Methoden der Neurologie und Neurowissenschaften eine einzigartige Synthese ein, die für ein adäquates und umfassendes Menschenbild (auch philosophisch) relevant sind. Das hat zu einer erfolgreichen Methodenvielfalt von milieutherapeutischen, psychotherapeutischen und medikamentösen Thera-pien geführt. Aufgrund der neurowissenschaftlichen Forschungen konnten moderne Psychopharmaka in ihrem Wirkungsspektrum und ihrer Zielgenauigkeit zunehmend verbessert werden. Heute werden sie idealerweise in ärztlicher Absprache mit den Patienten und nach deren vorherigen Zustimmung (informed consent) feindosiert eingenommen. Diese Entwicklung hat zu einer weiteren Humanisierung der klinischen Psychiatrie beigetragen.

 

Damit war Descartes sogar ein früher Vorläufer der modernen neurowissenschaftlich informierten Psychiatrie, die seit einigen Jahren und Jahrzehnten den kausalen Zusammenhang zwischen den unbewussten, neuronalen und hormonellen Prozessen im Gehirn und Nervensystem einerseits und den bewußten seelischen Phänomenen des Menschen, wie den Emotionen, Motivationen, Volitionen und Kognitionen andererseits erforscht. Dieser komplexe Zusammenhang spielt eine wesentliche Rolle für die Subjektivität des Menschen, sowohl in Form des subjektiven Selbsterlebens der eigenen Psyche auf der Basis von neuronalen Homöostasen im Gehirn und Nervensystem als auch in Form der Interpretation der Wahrnehmungen von Objekten in der natürlichen, kulturellen und sozialen Lebenswelt. Insofern hat Descartes auch schon versucht, die unbewussten Vorgänge im Gehirn und Nerven-system mit dem bewußten Ich und Selbst einer einheitlichen menschlichen Person zusammen zu denken.

 

Die ontologische Unterscheidung zwischen drei irreduziblen Schichten des Seienden (Drei-Welten-Konzeption) des Wissenschaftstheoretikers Karl Popper und des Neurowissenschaftlers John Eccles kommt Descartes' Selbst-verständnis und seiner Unterscheidung zwischen Körper, Seele und Geist seiner trialistischen Konzeption der Einheit der Person (corporea - cogitationes - ideae mentis) in seinem Hauptwerk Principia philosophiae (1644) jedoch viel näher. Mit den Ausdruck "ideae" bezeichnete Descartes abstrakte  Entitäten, wie z.B. Zahlen und Funktionen, Ideale und Prinzipien, Regeln und Propositionen, etc. Auf der gleichen Linie liegen Nicolai Hartmanns Kritischer Realismus in Neue Wege der Ontologie (1942) sowie Karl Jaspers' Allgemeine Psychopathologie (1913).

 

Die beiden Analytischen Philosophen Thomas Nagel (What it is like to be a bat?, 1974) und David Chalmers (The Conscious Mind, 1996; The Hard Problem; 1997) verteidigten jedoch wie schon vor ihnen Franz Brentano und Edmund Husserl die semantische, ontologische und methodische Irreduzibilität der Bewußtseinsphänomene von Menschen und Tieren als sog. Qualia gegen die vorwiegend reduktionistischen Überzeugungen und  quantifizie-renden Methoden vieler Neurowissenschaftler.

 

Aber auch Neurowissenschaftler der sog. Embodiment-Bewegung in der biologischen Kognitionsforschung im An-schluss an Antonio Damasio und in der Psychologie und Psychotherapie verstehen sich gerne als monistische Anti-Dualisten im Fahrwasser eines östlichen Mystizismus (Buddhismus und Advaita-Vedanta) und verteidigen einen ausgesprochen anti-intellektuellen, anti-philosophischen und kulturpessimistischen Epiphänomenalismus, der die wesentlichen philosophischen Intentionen, phänomenologischen Methoden und psychologischen Über-zeugungen von Brentano und Husserl, Jaspers und Hartmann aufgibt.

 

Während die anti-mechanistischen Intentionen im Sinne einer Rehabilitation natürlicher Ziele und Zwecke bei Menschen und Tieren (Robert Spaemann und Reinhard Löw) nur allzu verständlich und zu begrüßen sind, werden jedoch durch eine behavioristische Reduktion alle spezifisch menschlichen Bewußtseinsphänomene (Emotionen, Motivationen, Volitionen, Kognitionen, Fiktionen und Reflexionen), die für alle universitären Wissenschaften und Künste sowie für die demokratischen und rechtstaatlichen Institutionen relevant sind, zu bloßen Epihänomenen des biologisch erforschbaren lebendigen Körpers und des subjektiv erlebbaren Leibes herabgestuft.

 

Das führt jedoch zu einem biologistischen Kulturrelativismus und unterwandert nicht nur die humanistischen Gehalte in den verschiedenen Menschenbildern der Religionen und Konfessionen von Judentum, Christentum und Islam, sondern auch die ethischen, moralischen, rechtlichen und politischen Errungenschaften der Moderne mit ihren drei Säulen von Demokratie, Rechtsstaat und (regulierter) Marktwirtschaft.

 


 

René Descartes – Vater der modernen Philosophie?

 

Zu seinem 400. Geburtstag am 31. März 1996

 

Ulrich W. Diehl

 

Wie können wir uns heute angemessen an den Mathematiker, Naturforscher und Philosophen René Descartes erinnern, dem solche Ehrungen für die längste Zeit seines Lebens kaum widerfahren sind? Bereits nach seinen ersten Publikationen im Alter von 32 Jahren sah er sich in seiner vertrauten französischen Heimat von einer entmutigenden Übermacht vorwiegend katholischer Philosophen und Theologen umgeben, die damals noch sowohl das intellektuelle als auch das wissenschaftliche Leben beherrschten. Der aus dem französischen Poitou stammende Edelmann René Descartes verließ deswegen in mittleren Jahren und nach längeren Reisen durch einige europäische Länder seine französische Heimat, um in den toleranteren Niederlanden einen Ort zu finden, der seinen philosophischen und natur-wissenschaftlichen Studien gegenüber aufgeschlossener war.

 

Wer sich heute an Descartes erinnert, lebt in einem weithin geeinten und befriedeten Europa, das intellektuell pluralistischer und politisch liberaler geworden ist. Die römisch-katholische Kirche ist zwar weltweit immer noch eine religiöse Institution mit geistlichem, kulturellem und politischem Einfluss, da sie in einigen europäischen Nationen die mehrheitliche Form des kirchlich verfassten Christentums darstellt. Trotzdem verfügen die meisten europäischen Nationen heute über republikanische und demokratische Grundstrukturen, die von französischen, englischen und deutschen Aufklärern erkämpft und geschaffen wurden. Gleichwohl wurden die alltäglichen Lebensverhältnisse und gesellschaftlichen Lebensformen nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Regionen der Welt noch viel nachhaltiger durch eine Epoche machende weltanschauliche, wissenschaftliche und technologische Revolution umgestaltet.

 

Diese kulturgeschichtliche Umgestaltung war nun aber vor allem eine Folge der Anwendung neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, die größtenteils im 17. und 18. Jahrhundert erworben wurden. Diese Erkenntnisse wurden dann im Laufe einer vergleichsweise raschen und überaus folgenreichen Weiterentwicklung der empirischen Wissenschaften und Technologien im 19. und 20 Jahrhundert weiter ausgebaut. Diese wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften und ihre weltanschaulichen und politischen Konsequenzen haben dann im 20 Jahrhundert auf dramatische Weise auch zu der Entstehung verschiedener totalitärer Massenbewegungen, wie Nationalsozialismus, Faschismus und Marxismus-Leninismus beigetragen. Diese totalitären Massenbewegungen, die nicht zuletzt aus den Weltanschauungskämpfen des 19. Jahrhunderts hervorgegangen waren, haben dann im ideologischen Kampf um die politische Vorherrschaft in Europa zwei Weltkriege bisher ungekannten Ausmaßes hervorgerufen.

 

Manche zeitgenössische Intellektuelle sind der Auffassung, dass der Philosoph, Mathematiker und Naturforscher René Descartes auf verschiedene Art und Weise wesentlich auch zu dieser zu seiner zeit sicherlich kaum absehbarer Entwicklung der neuzeitlichen und modernen Naturwissenschaften beigetragen hat. Mit ihren Bedenken stoßen sie auf nicht gerade wenige Menschen, denen gegen Ende unseres fragwürdigen 20. Jahrhunderts eben gerade diese immensen Erfolge der neuzeitlichen und modernen Naturwissenschaften zutiefst fragwürdig geworden sind: (1.) aufgrund von zwei Weltkriegen, in denen mit Hilfe von bisher unbekannten Technologien ABC-Waffen von ungeheurer Zerstörungskraft entwickelt wurden, (2.) aufgrund der immer noch ungelösten Problematik der zivilen Nutzung der Atomenergie als Energiequelle moderner Industrienationen und (3.) aufgrund der weit reichenden ökologischen Krise, die vor allem durch die Verwertung von fossilen Rohstoffen als Energiequelle in Fahrzeugen, Schiffen und Flugzeugen mitbedingt ist. Haben wir also heute einen guten Grund, diesen zwar aufrichtig Forschenden, aber damals natürlich noch ahnungs-losen René Descartes zu feiern? Oder sollten wir uns seiner eher verhalten und vorsichtig erinnern, weil sich viele Menschen heute sorgen, ob unsere moderne, wissenschaftlich-technisch geprägte Lebenswelt überhaupt zu einem guten Ende führen kann? Unsere Achtung vor seinen philosophischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Leistungen ist sicherlich berechtigt. Manche Sorgen über die derzeitige Entwicklung unserer wissenschaftlich-technisch geprägten Lebenswelt aber auch.

 

In einem ersten Teil wende ich mich in aller gebotenen Kürze der Lebensgeschichte dieses sonderbaren Mannes zu, der hauptsächlich für die neue Wissenschaft seiner Zeit stritt, aber von seiner Nachwelt zum "Vater der neuzeitlichen Philosophie" auserkoren wurde. In einem wirkungsgeschichtlichen zweiten Teil, erkläre ich dann, wie es dazu kommen konnte, dass auch unter geisteswissenschaftlich Gebildeten immer noch ein Descartesbild vorherrscht, das zum großen Teil ein Machwerk der hegelianischen und kantianischen Schulphilosophie des 18. und 19. Jahrhunderts ist; ein Bild, das von der zeitgenössischen Descartes-Forschung des 20. Jahrhunderts jedoch erheblich zurecht gerückt wurde. In einem dritten Teil erläutere ich dann die eigentliche Bedeutung seiner auch heute noch umstrittenen philosophischen Methode des radikalen Zweifels. Diese Methode diente ihm vor allem dazu, unter den zahl-reichen lebensweltlichen, wissenschaftlichen und philosophischen Überzeugungen, die er und seine Zeitgenossen hegten, solche zu entdecken, die mit Gewissheit und Evidenz ausgestattet sind, und von daher über jeden vernünftigen Zweifel erhaben sind.

 

1. Zur Lebensgeschichte von René Descartes

 

René Descartes wurde am 31. März 1696 in La Haye in der Touraine geboren - in einem ländlichen Gebiet, das südlich von Tours und südwestlich von Orléans liegt und das nur durch einen kleinen Fluss von dem sog. Poitou getrennt wird. Aus diesem Grund wurde er von seinen Zeitgenossen bisweilen auch "der Edelmann aus dem Poitou" genannt. Seine Eltern stammten beide ebenfalls aus dem Poitou. Sein Vater, der Jurist Jacques Descartes war ein selbstbewusster und weltoffener Beamter im Parlament in Rennes. Sein Großvater Pierre Descartes hingegen Arzt. Seine Mutter Jeanne Prochard stammte ebenfalls aus einer Beamtenfamilie im Poitou. Ihr Vater war ein Generalleutnant in Poitiers. Descartes stammte aus einer adligen Familie, wenn auch aus einem niedrigen Adel. Allerdings war ihm seine adlige Herkunft nicht besonders wichtig und er legte wenig Wert auf familiäre Herkunft und weltliche Titel. Die Latinisierung seines Namens Renatus Cartesius hat er ebenfalls nicht geschätzt, sondern pflegte sich René Descartes zu nennen.

 

Der kleine René verlor seine Mutter als er gerade ein Jahr alt war. Mit acht Jahren schickte ihn sein Vater 1604 - 1612 auf eine der besten Schulen Europas, das Collège Royal zu La Flèche in Anjou. Von da an wuchs der Knabe unter jesuitischer Erziehung mit lateinischer Grammatik, römischer und griechischer Literatur, Rhetorik, Mathematik, Physik und Philosophie auf. In der Philosophie studierte man dort damals vor allem Logik, Moral-philosophie und Metaphysik. Als begabter Mathematiker soll der junge Descartes bisweilen seine Lehrer in Verlegenheit gebracht haben. Die Jesuiten gehörten damals noch einem in voller Blüte stehenden und Neuerungen gegenüber durchaus aufgeschlossenen Orden an, der sich z.B. auch für die Entdeckungen des noch nicht verurteilten Galileo Galilei einsetzte.

 

Hinter dem äußerlich eher braven und eifrigen Schüler verbarg sich jedoch zunehmend ein neugieriger, furchtloser und gelegentlich auch rebellischer Geist, der sich den stumpfsinnigen Anmaßungen einer den Geist abtötenden, bloßen Traditionspflege widersetzte. Vieles, was ihm als vermeintliches Wissen gelehrt wurde, begann er bald in Frage zu stellen, um sich daraufhin von der traditionsgebundenen Schulweisheit abzuwenden. Seine Neugier führte ihn vielmehr dahin, zukünftig im "Buche der Welt" zu studieren. Als junger Mann im Alter von zwanzig Jahren erwarb er 1616 an der Fakultät zu Poitiers seine beiden Abschlüsse in der Jurisprudenz. Zwei Jahre später empfahl ihn der Vater zur militärischen Ausbildung nach Holland. Dort begegnet er zum ersten Mal seinem zukünftigen Freund und Wegbegleiter Isaac Beeckman, der ihn in seine visionäre Vorstellung von einer Mathematisierung der Physik einführte.

 

Zwischen 1619 und 1622 diente Descartes zu Beginn des 30jährigen Krieges in den verschiedensten Armeen Europas, unter anderem auch in der Truppe des Herzogs von Bayern. Es war ihm damals eher gleich, auf welcher Seite er stand. Ihn interessierte vielmehr das Schauspiel des Krieges, in dem ihm nun einmal eine interessante Rolle zugefallen war. Dennoch kamen ihm mitten in diesem Geschehen die zündenden Einsichten seines späteren Denkens, wie er seinen Zeitgenossen später im Discours berichtete. Mehrere Reisen z.B. zur Nachlassverwaltung eines verstorbenen Verwandten führten ihn nach Italien, bis er 1625 nach Paris zurückkehrte. 1628 emigrierte er in die Niederlande und freundete sich dort mit dem katholischen Medizinprofessor Cornelius van Hoogeland an, der als Rosenkreuzer seine Patienten unentgeltlich behandelte, sowie auch mit anderen bedeutenden Männern des freieren holländischen Geisteslebens. 1635 schließlich wurde ihm aus dem Schoße der Magd Hijlena Jans seine Tochter Francine geboren, die aber nur fünf Jahre alt werden sollte.

 

1637 erschien dann sein berühmter Discours de la Méthode (dt. Von der Methode). In dieser Abhandlung beschreibt er, wie er aufgrund seiner bisherigen Lebenserfahrungen zu seiner Bahn brechenden Methode des radikalen Zweifels gelangt ist. Die Nachwelt sollte den ersten einleitenden Teil bald von den folgenden drei durchführenden Teilen abtrennen, die sich mit Geometrie, Optik und Meteorologie befassten. Nachdem vor seinem Discours im nachhinein nur weniger bedeutende Schriften, wie z. B. die mit mathematischer Methode befassten Regulae ad directionem ingenii (dt. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft), erschienen waren, gingen 1641 seine als philosophisches Hauptwerk bekannten Meditationes de prima philosophiae (dt. Meditationen über die Grundlagen der Philosophie) in den Druck. Nach einer ersten Reise zurück nach Frankreich erschienen 1644 seine philo-sophisch-naturwissenschaftlichen Studien Principia philosophiae, (dt. Prinzipien der Philosophie) gegliedert in vier Teile: (1.) Über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis; (2.) Über die Prinzipien der körperlichen Dinge; (3.) Über die sichtbare Welt; (4.) Von der Erde.

 

Nach einer zweiten Reise nach Frankreich begann sein Briefwechsel mit der Königin von Schweden, vermittelt durch den französischen Botschafter Chanut, der ihn unbedingt nach Stockholm locken wollte. Nach einer dritten Reise nach Frankreich und nach Erscheinen seiner Theorie der Affekte in Les passions de l'ame (dt. Die Leiden-schaften der Seele) reiste er im September auf königliche Einladung hin nach Stockholm, um sich dort am Hofe aufzuhalten und der Königin, viel früher am Morgen, als er es gewohnt war, Unterricht in Philosophie zu erteilen. Nachdem er, der "Liebhaber der Poesie", der Königin zum Geburtstag ein Ballettlibretto mit dem Titel La naissance de la paix (dt. Die Geburt des Friedens) gedichtet hatte, bekam er bald darauf eine Lungenentzündung, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Und so starb einer, der sich seit der Mitte seines Lebens um die Verbesserung der Kenntnisse der physischen Natur des Menschen im Dienste der medizinischen Heilkunde bemüht hatte, in dem für uns eher verfrühten Alter von 53 Jahren am 11. Februar 1659 in Stockholm.

 

Dreizehn Jahre später setzte die katholische Kirche seine Schriften auf den Index Romanus. Nach der Überführung seines Sarges nach Frankreich im Jahre 1667 stritten sich die Behörden für viele Jahre um seine Gebeine, bis sie schließlich nach zwei Zwischenstationen doch nicht zu den Großen der Nation ins Panthéon überführt werden, sondern in Saint-Germain-des-Prés in der kleinen Kapelle des Heiligsten Herzens beigesetzt werden.

 

2. Descartes als "Vater der modernen Philosophie"?

 

René Descartes ist in die Geschichte der neuzeitlichen Philosophie, Mathematik und Physik als ein Mann eingegangen, der sich vor allem durch seine Kritik an der scholastischen Naturphilosophie und Metaphysik verdient gemacht hat. Allerdings ist er nicht nur als ein Kritiker derselben aufgetreten, was zwar allein schon bedeutsam gewesen wäre. Vielmehr ist es ihm auch Zeit seines Lebens gelungen, etwas Neues, Besseres und Fruchtbareres an deren Stelle zu setzen, wodurch er (1.) nichts Geringeres als eine neue Epoche des selbstbewussten und traditionslosen Philosophierens eingeleitet hat, wodurch er (2.) zur immer noch erstaunlichen Entstehung der neuzeitlichen mathematisch-empirischen Naturwissenschaft beigetragen hat und wodurch er schließlich auch (3.) nennenswerte Beiträge zur neuzeitlichen Algebra und Geometrie geliefert hat. Aus diesem Grunde gilt er zu Recht als ein bedeutender Wegbereiter der neuzeitlichen Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften. Und man darf ihn deswegen auch ganz ohne Zögern in einem Atemzug mit ähnlich großen Forschern nennen, wie. z.B. mit Kepler und Newton, Galilei und Gassendi einerseits sowie mit Leibniz und Locke, Hume und Kant andererseits. Das Fragwürdige an dieser Aufzählung ist nicht etwa die Bedeutung oder die Anzahl der genannten Persönlichkeiten, sondern vielmehr die für unsere akademisch gebildeten Vorurteile schon zur Gewohnheit gewordene Aufteilung in Natur-wissenschaftler und Philosophen. Eine solche Einteilung war weder zu Descartes' Zeiten üblich, noch ist sie geeignet, uns diesen bedeutenden Mann und die meisten seiner Zeit-genossen einigermaßen verständlich werden zu lassen.

 

So kommt es auch, dass selbst die Gebildeten unter unseren Zeitgenossen diesen ebenso tapferen wie vielseitigen Philosophen auf den Autor des vielfach und allzu leichtfertig zitierten "Cogito, ergo sum" festgeschrieben haben, das wir in seinen berühmt gewordenen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie finden. Dass sich hinter dieser heute eher abgenutzten Formel das schon für Augustinus bedeutsame geistige Erlebnis einer radikalen Selbstvergewisserung verbirgt, ahnen nicht einmal die meisten Fachleute der akademischen Philosophenzunft, da sie in der Regel eher an beruflicher Karriere und sicheren Lehrstühlen als an einer radikalen Selbsterforschung des menschlichen Geistes interessiert sind. Da besteht dann kaum die Chance, sich wenigstens einmal in seinem Leben derart radikal selbst auf den Grund zu gehen, wie das geistig entschlossene Männer vom Schlage eines Descartes oder Augustinus getan haben. Das ist heute nicht wesentlich anders als schon zu Descartes' Zeiten, da das Gelingen einer solchen persönlichen Selbstvergewisserung oftmals von be-stimmten rätselhaften Umständen eines seelisch befreienden Erlebnisses der Erleuchtung und der Wiedergeburt abhängt, die Christen früherer Zeiten noch als ein "Gnadengeschenk" empfanden. So geschah es eben auch Descartes, der aus tief empfundener Dankbarkeit darauf-hin gelobte, zur Madonna nach Loreto zu wallfahren – eine Begebenheit seiner persönlichen Biographie, das nicht so recht zu unserem weit verbreiteten Bild vom "Vater der modernen Philosophie" passen will.

 

Hegels viel zitierte Einleitung in die Geschichte der Philosophie hat das ihrige zu diesem philosophiegeschichtlichen Mythos beigetragen:

 

Wir kommen eigentlich jetzt erst zur Philosophie der neuen Welt und fangen diese mit Cartesius an. Mit ihm treten wir eigentlich in eine selbständige Philosophie ein, welche weiß, daß sie selbständig aus der Vernunft kommt und daß das Selbstbewußtsein wesentliches Moment des Wahren ist. Hier, können wir sagen, sind wir zu Hause und können wie der Schiffer nach langer Umherfahrt auf der ungestümen See 'Land' rufen; Cartesius ist einer von den Menschen, die wieder mit allem von vorn angefangen haben; und mit ihm hebt die Bildung, das Denken der neueren Zeit an. (S. 120)

 

In diesen feierlichen und pathetischen Tönen komponiert sich der stolze Hegel seinen eigenen Descartes, einen Descartes, wie er ihn haben will: einen Vorläufer seiner eigenen Philosophie des Selbstbewusstseins, in der das freie und spekulative Denken meint, alleine aus sich selbst heraus, sich selbst, Gott und die Welt erklären und verstehen zu können:

 

Damit hat nun die Philosophie ihren eigentlichen Boden wieder gewonnen, daß das Denken vom Denken ausgeht, als einem in sich Gewissen, nicht von etwas Äußerem, nicht von etwas Gegebenen, nicht von einer Autorität, sondern schlechthin von dieser Freiheit, die darin ist: 'Ich denke'. (S. 135)

 

Vergessen ist der begabte Mathematiker Descartes und seine Beiträge zur analytischen Geo-metrie; übergangen ist auch der geduldige Naturforscher Descartes, der sich nicht nur aus Zeitvertreib für Anatomie interessiert, sondern weil er erkannt hatte, dass die aristotelische Scholastik seiner Zeit den Fortschritt in der Medizin behinderte; verleugnet ist weiterhin der selbstkritische Philosoph Descartes, der sich in seinem Discours der Methode des Zweifels nur deswegen bedient hatte, um zum Nutzen und Wohlergehen der Menschen die Erforschung der menschlichen Natur (Optik) und die Erklärung der beobachtbaren Gegebenheiten zwischen Himmel und Erde (Meteorologie) voranzutreiben; verabschiedet ist ferner der neugierige junge Descartes, der die bloß scheinbar sich selbst genügende Welt der Bücher und Gedankenspiele verließ, um im lehrreichen "Buche der Welt" zu studieren; verdrängt ist schließlich auch der kirchentreue Christ Descartes, der sich in seinen Meditationen das Ziel setzte, den mit ihm befreundeten Atheisten und Skeptikern das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Stattdessen wird der Franzose René Descartes vom Deutschen Georg Wilhelm Friedrich Hegel kurzerhand latinisiert und musealisiert, um im Spiegelkabinett seines eigenen Geistes als Initiator der nach Hegel eigentlich erst modernen, nämlich der germanischen Philosophie im Unterschied zur griechisch-römischen Philosophie zu fungieren.

 

Die Reihe der mutwilligen Vereinnahmungen und verzerrenden Fehldeutungen durchzieht die Hauptströmungen der vor - und nach-kantischen deutschen Schulphilosophie: zuerst bei den beiden Kant-Kritikern Reinhold und Eberhard im ausgehenden 18. Jahrhundert, dann im Deutschen Idealismus bei Hegel, Schelling und Fichte, weiterhin bei den Neukantianern Buhle, Tennemann, Tiedemann und Erdmann im 19. Jahrhundert und schließlich auch noch bei den beiden Neukantianern Rickert und Natorp in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber auch schon bei Hegels spekulativen Gegenspieler Schopenhauer taucht der Mythos vom "Vater" der "Philosophie der Neueren" auf. 1 Drei der wichtigsten Aufklärungsphilosophen des 18. Jahrhunderts, Locke, Hume und Kant, sowie die beiden Begründer der Phänomenologie Brentano und Husserl haben es im Übergang zum 20. Jahrhundert vorgezogen, Descartes wie schon seine Zeitgenossen Pascal, Spinoza und Hobbes sowie Arnauld und Gassendi, dadurch zu ehren, dass sie sich mit ihm philosophisch auseinandersetzten, ihn mit Bedacht würdigten, von ihm hier und da lernten und ihn teilweise auch zu widerlegen suchten.

 

Was sollen wir also von dieser fast schon mythologischen Rede vom "Vater des neuzeitlichen Rationalismus" bzw. vom "Vater der modernen Philosophie" halten? Unter den meisten geisteswissenschaftlichen Forschern der abendländisch-europäischen Wissenschafts- und Geistesgeschichte versteht es sich heute fast schon von selbst, dass eine derartige Titulierung immer schon problematisch ist. Denn sowohl die Entwicklung der Wissenschaften als auch die Entfaltung der epochalen Geistesströmungen in Philosophie und Theologie, Politik und Ökonomie sind zumeist allzu sehr gesellschaftlich bestimmte Vorgänge, die sich oftmals nur allmählich und unter der Beteiligung mehrerer Personen entfalten, als dass man eine auch noch so bedeutende Einzelpersönlichkeit wie Descartes als den "Vater der modernen Philosophie", als den "Erzvater der Neuzeit" oder sogar als den "urstiftenden Genius der gesamten neuzeitlichen Philosophie" bezeichnen könnte, wie das Edmund Husserl getan hat. 2

 

Die Ernennung zu solchen allzu individuellen epochalen Vaterschaften zeugt vielmehr von einer geistigen Sehnsucht nach einer creatio ex nihilo, von einem in der Philosophie fragwürdigen Ruf nach der einen maß-gebenden Autorität, von einem allzu romantischen Glauben an das begnadete Genie, das ohne Fleiß und Bildung auskommt, oder aber von dem Bedürfnis nach geistigen Kronzeugen, die Epoche machten, um sich ihnen anzuschließen zu können oder um sich selbst in einer Tradition verankern zu können. Wie wir solche genealogischen Urheberschaften auch immer deuten, entspringen sie jedenfalls eher dem durchaus menschlichen und für die meisten Menschen wohl auch gesunden Bedürfnis, sich in Beziehung zu seinen Mitmenschen setzen und sich in einen größeren geistesgeschichtlichen Zusammenhang einzugliedern.

 

Descartes selbst wäre eine derartige Charakterisierung dessen, was er zeit seines Lebens anstrebte, jedoch vermutlich gar nicht einmal so unrecht gewesen. 3 Denn schließlich war er sich des erneuernden Zuges seines Kampfes gegen das traditionsgebundene, durch den römischen Katholizismus geprägte Welt-, Natur- und Menschenbild der scholastischen Philosophen- und Theologenzunft seiner Zeit durchaus bewusst. Doch kämpfte er nicht nur für eine neue Weltanschauung, sondern auch für das empiristische Wissenschaftsverständnis eines Francis Bacon sowie für die damals gerade erst entstehende heliozentrische und mecha-nistische Kosmologie seiner Vorgänger Kepler und Kopernikus, Galilei und Newton, die das alte und durch den Alltag vertraute geozentrische und phänomenologische Weltbild der Scholastik in Frage stellten. Damit erinnern wir uns an den Anfang eines umwälzenden Geschehens, das bald das gesamte Welt- und Menschenbild des Abendlandes und schließlich sogar eines Großteils der ganzen Menschheit bis in unsere Zeit hinein verändern sollte.

 

Der sich bald nach Descartes abzeichnende Konflikt zwischen der neuen skeptischen Wissen-schaft und der dogmatisch gelehrten Religion, genauer gesagt, zwischen einer säkularen und entmythologisierten Naturwissenschaft einerseits und einem biblisch-mythologischen Welt- und Menschenbild andererseits, sollte wider alle Voraussicht bis zum Ende unseres tragischen 20. Jahrhunderts andauern. Allerdings gilt es dabei zu bedenken, dass die anhaltende und umstrittene Aktualität des neuzeitlichen und modernen wissenschaftlichen Menschenbildes sich schon in dem Moment von der Person des René Descartes emanzipiert hatte, als man es auf einen mechanistischen Naturalismus und das dualistische Verständnis des Verhältnisses von Leib und Seele reduzieren zu können meinte. Die von ihrer Methode her atheistische, säkularisierte und entmythologisierte neuzeitliche Naturwissenschaft machte ihre eigenen Fortschritte eben gerade dadurch, dass sie die vormals noch in der judeo-christlichen Überlieferung als Schöpfung eines präexistenten Gottes und eines koexistenten Weltenlenkers gedachte Natur aus sich selbst heraus zu erklären versuchte, ohne solche religiösen bzw. theologischen Hypothesen anzuerkennen. D.h. sie war im Großen und Ganzen gerade dadurch äußerst produktiv, dass sie zu dem eher nüchternen und sachlichen, aber auch entzaubernden und entmythologisierenden Weltbild der modernen Naturwissenschaften in Physik, Chemie und Biologie sowie in Kosmologie, Geologie und Ökologie führte.

 

Was uns aber bisweilen immer noch erschrecken kann, ist die folgenreiche Tatsache, dass diese Art der sachlichen und nüchternen Naturerklärung auch vor uns Menschen nicht halt zu machen scheint. Längst sind wir Menschen selbst in den objektivierenden Sozial- und Ver-haltenswissenschaften, wie z.B. in der Soziologie und Ökonomie, in der Psychologie und den Neurowissenschaften, und vor allem auch in der modernen Humanmedizin und Psychiatrie, zum bloßen Gegenstand nüchterner wissenschaftlicher Analysen und Erklärungsversuche geworden, indem die erfolgreichen Naturwissenschaften ganz unkritisch und oftmals mehr schlecht als recht nachgeahmt wurden. Das wirft die viel weiter reichende Frage auf, wo und wie wir Menschen in dem gesamten Komplex der modernen Wissenschaften überhaupt noch als potentiell frei denkende, wollende und handelnde Subjekte vorkommen können, wenn wir in unserem inneren und äußeren Verhalten angeblich derart objektivierend erklärbar sein sollen. Das stellt uns aber wie schon Descartes vor die für unser sittliches Denken, Wollen und Handeln entscheidende Frage, ob wir dann noch für unsere Entscheidungen, Einstellungen und Haltungen verantwortlich sind und ob wir dann auch von anderen Menschen mit guten Gründen rechtlich und moralisch verantwortlich gemacht werden können. Mit anderen Worten: auf dem Spiele steht nichts Geringeres als unser aller mehr oder weniger ausgeprägtes Freiheitsbewusstsein, von dem unter anderem die Würde des Menschen abhängt, nachdem der religiöse Glaube an einen persönlichen Schöpfergott, nach dessen Bilde wir geschaffen sein sollen, von der neuzeitlichen Naturwissenschaft in Frage gestellt wurde. Keiner hat dieses Problem nach Descartes deutlicher gesehen und dargestellt wie der ebenso aufgeklärte wie bereits aufklärungskritische Philosoph Immanuel Kant.

 

Können wir nun aber aus solchen Gründen den um das gesundheitliche Wohlergehen seiner Mitmenschen bemühten Barockmenschen René Descartes, der in zweifelhafter Weise zum "Vater der neuzeitlichen Philosophie" gekürt wurde, für unser bisweilen äußerst janusköpfig erscheinendes Zeitalter der Moderne mitverantwortlich machen? Mir scheint, wir würden den trefflichen Descartes und seine damaligen philosophisch-wissenschaftlichen Bestrebungen weitgehend missverstehen, wenn wir ihn auf diese Weise wie Hegel, Schopenhauer, Husserl u.a. zum "Vater der neuzeitlichen Philosophie" küren. Das ist erst recht fraglich, wenn wir dabei unter "Neuzeit" und "Moderne" auch schon das verstünden, was darunter gegenwärtig in geistes-geschichtlicher, wissenschaftsgeschichtlicher und kulturgeschichtlicher Perspektive verstanden wird:

 

Descartes war nämlich (1.) noch anders als die meisten großen Physiker unseres Jahrhunderts, wie z.B. Einstein und Heisenberg, Schrödinger und Feynman noch kirchentreuer Christ, der seiner Kirche trotz gewisser Anfeindungen durch den Klerus in geradezu "kindlicher Anhänglichkeit" treu geblieben ist; und er war es gerade nicht wegen einer bloß äußerlichen, eigent-lich bloß konformistischen Bindung seines Herzens an die Macht einer autoritären weltlichen Institution, sondern aufgrund einer innerlichen Gewissheit von der sittlichen Richtigkeit der jesuanischen Friedens- und Liebesbotschaft als einer heilenden Weisung für die Welt. 4

 

Descartes' Wissenschaftsverständnis war (2.) noch nicht die säkularisierte und atheistische Methodologie der Physik und Kosmologie des 20. Jahrhunderts. In seiner Naturbetrachtung hat Gott durchaus noch einen Platz, denn schließlich war es für ihn noch ganz selbst-verständlich, dass es Gottes Schöpfung war, die er und andere namhafte Forscher vor ihm untersuchten und gegen die Einbildungen der hommes des lettres für die menschliche, auf Erfahrung und Vernunft aufbauende Erkenntnisfähigkeit freilegten und verteidigten. Dass er bereit gewesen wäre, Voltaires "Hypothese von Gott", dort wo sie in seinen natur-philosophischen Überlegungen noch als ein bloßer Lückenbüßer für noch nicht entdeckte Naturmechanismen auftaucht, aufgrund seiner eigenen methodischen Prinzipien aufzugeben, sobald man ihn mit guten Gründen eines Besseren belehrt hätte, kann man hingegen nur annehmen. Sein christlicher Glaube jedenfalls hängt nicht an einem solchen eher natur-religiösen und vielleicht in letzter Konsequenz sogar heidnischen deus ex machina, also einer Herabwürdigung der Größe und Erhabenheit Gottes durch eine Herleitung seiner Existenz aus einem ansonsten ganz wissenschaftlich verstandenen Naturmechanismus.

 

Renatus Descartes ist natürlich (3.) auch darin ein Kind seiner Zeit, dass er kein enfant terrible der französischen Aufklärung war. Voltaire und Rousseau sind höchstens darin seine "Enkel", als dass sie in Descartes einen ebenso rebellischen und kritischen Vorläufer und Heroen hatten. Dabei darf man allerdings nicht verschweigen, dass diese mit den sittlich-religiösen Auffassungen ihres "Großvaters" in Sachen "provisorische Moral" mindestens ebenso große Schwierigkeiten hatten, wie der scholastische Klerus seiner Zeit mit seinen naturphilosophischen Bestrebungen. Die wissenschaftlich aufgeklärten Menschen nach Descartes wussten zwar schon, dass sie sich auf der Erde nicht mehr in einem kosmologischen Zentrum befinden, um das sowohl die Sonne als auch die anderen Planeten kreisen. Obwohl der alltägliche Anschein des Aufgehens- und Untergehens der Sonne dagegen spricht, wussten sie zwar, dass sich eigentlich die Erde um die Sonne und die Erde um ihre eigene Achse dreht. Gleichwohl befanden sie sich aus heutiger historischer Sicht noch vor David Humes skepti-zistisch-naturalistischer Aufklärung sowie vor der rationalen Kritik der Gottesbeweise bei Hume, Clarke und Kant.

 

Vor allem aber liegt Descartes' Lebenszeit - in der Rückschau von unserem Standpunkt aus - noch vor den drei epochalen Versuchen einer reduktionistischen Naturalisierung des Men-schen bei Darwin, Marx und Freud. Darwin versuchte die Herkunft des Menschen als bio-logisches Gattungswesen aus der evolutionären Entwicklungsgeschichte der natürlichen Arten von Lebewesen heraus zu erklären. Daraus entstand nun aber die reduktionistische Tendenz, den Menschen ganz und gar als bloßes Naturwesen in die Naturgeschichte einzugliedern, sodass damit nicht nur der Mensch als kulturelles, soziales und politisches Wesen unverständlich wird, sondern auch die Personalität, Subjektivität und Individualität des Menschen vergessen oder gar geleugnet wird. Marx versuchte den Menschen als produktiv tätiges Wesen in die historisch-materialistisch interpretierte Entwicklungsgeschichte der ökonomischen, sozialen und politischen Strukturen der Gesellschaftsformen einzugliedern. Freud versuchte schließlich sogar die individuelle sowie kollektive menschliche Psyche, sowohl mit ihren affektiven und unbewussten Tendenzen als auch mit ihren intentionalen und bewussten Inhalten des kognitiven und reflektiven Bewusstseins, aufgrund von genetisch angeborenen sowie sozial erworbenen Faktoren als eine mechanistische Dynamik zu verstehen, zu erklären und zu behandeln.

 

Der Edelmann aus dem Poitou war schließlich (4.) auch noch kein Gegner des Klerus und der Kirche, des Adels und der Monarchie. Im Gegenteil, selbst aus einem niedrigen Adel stammend, worauf er aber bekanntlich keinen Wert legte, war er vor allem als gelernter und examinierter Jurist allen umstürzlerischen politischen Tendenzen abhold. Auch genoss der gentilhomme français zumindest gegen Ende seines Lebens die Zuwendungen von Königen, Fürsten und Prinzessinnen aller protestantischen Herren Länder. Dabei vermochte er stets und nicht ohne patriotischen Stolz Franzose zu bleiben und den Regierenden gegenüber die gebührende Loyalität an den Tag zu legen. In seinen philosophischen und wissenschaftlichen Angelegenheiten jedoch, war er ein fast immer aufrichtiger und konsequenter Streiter für die Sache der wissenschaftlichen Wahrheit, ohne jedoch dabei die ganz anders gearteten sittlich-religiösen Wahrheiten aus den Augen zu verlieren. Im Übrigen sagt man ihm nach, dass es durchaus zu seiner zweiten Natur gehörte, dabei angesichts der Übermacht der vorherrschenden Scholastik gelegentlich geschickt zu agieren und im Dienste der Sache auch seine Maske nie ganz abzulegen.

 

3. Methodischer Zweifel als Mittel der philosophischen Vernunfterkenntnis

 

Die Frage, ob der Mensch tatsächlich der Möglichkeit nach ein mit einem freien Willen und einem freien Geist ausgestattete Person ist, die sich vor allem durch das Gewissen als der Fähigkeit zur sittlichen Selbstbestimmung von allen anderen natürlichen Lebewesen, die wir kennen, auszeichnet und dem aufgrund dieser Fähigkeit eine besondere Würde zukommt, diese Frage kann nicht beantwortet werden, solange wir nicht die menschliche Seele ver-stehen, d.h. die Gestalt des menschlichen Bewusstseins, in dem sich Vorstellen und Denken, Fühlen und Wollen vollziehen. Was aber ist die menschliche Seele nach Descartes? Ist die menschliche Seele, wie (1.) die Materialisten im Anschluss an Hobbes meinen, nichts anderes als das zentrale Steuerungszentrum der organischen Leibmaschinerie des Menschen und somit mit dem Gehirn und seinen Nervensystem identisch? Oder ist die menschliche Seele, wie (2.) die Monisten im Anschluss an Spinoza entgegenhalten, bloß die subjektive Innenansicht des menschlichen Bewusstseins, das in der objektiven Außenansicht als menschlicher Organismus und sein beobachtbares Verhalten erscheint? Oder ist die menschliche Seele, wie (3.) die Epiphänomenalisten behaupten, zwar kein physischer oder organischer Bestandteil des menschlichen Leibes, wohl aber ein fein abgestimmtes Produkt der Funktionen des mensch-lichen Organismus und insbesondere des Gehirns und Nervensystems – ein Produkt, das von den jeweiligen physischen bzw. organischen Zuständen des Gehirns und Nervensystems abhängt und deswegen auch weder davon ablösbar ist noch den leiblichen Tod eines Menschen überdauern kann. Oder ist die menschliche Seele schließlich (4.) wie die interaktio-nistischen und substantialistischen Dualisten im Anschluss an Descartes behaupten, ein vom organischen Körper substantiell Verschiedenes, das im Gegensatz zum Körper und seinen Bestandteilen nicht ausgedehnt ist, obwohl es mit diesem Körper insbesondere durch das Gehirn und Nervensystem kausal interagiert. Das würde nach Descartes' Ansicht einerseits erklären, dass das Denken durch den Willen das Verhalten des Körpers bestimmen kann, wie auch andererseits, dass das Denken vom Körper her wie beim Zufügen von Schmerzen oder durch die Einnahme von Drogen oder Medikamenten beeinflusst werden kann. Ob diese dualistische Auffassung aber auch die Möglichkeit einer Fortexistenz der Seele nach dem leiblichen Tod ermöglicht, bleibt zumindest so lange umstritten, als nicht klar ist, um was für eine Art von nicht-körperlicher bzw. unausgedehnter Substanz es sich handelt.

 

In seinen Meditationen hat sich Descartes zwei Fragen zugewandt, die er bereits in seinem Discours als Probierstücke zur Anwendung seiner Methode des Zweifels berührt, aber noch nicht zu seiner vollen Zufriedenheit sowie der seiner zeitgenössischen Kritiker behandelt hat. Es handelt sich um die beiden "Fragen über Gott und die menschliche Seele". In seinen sechs Meditationen hat er sich nun vorgenommen, diese beiden Fragen ausführlicher zu behandeln, um am Ende das Dasein Gottes und die Existenz einer substantiellen und unsterblichen Seele zu beweisen. Das überrascht den heutigen Leser, da er es gewohnt ist, die eine Frage nach dem Dasein Gottes als eine Glaubensfrage an die Theologen der verschiedenen Religionen und Konfessionen weiter zu reichen. Die andere Frage nach dem Wesen der Seele hingegen nimmt er in der Regel bestenfalls noch als eine Grenzfrage der Psychologie ernst. Descartes war da jedoch noch ganz anderer Meinung, obwohl ihm der Streit zwischen den theologischen und philosophischen Fakultäten nicht ganz fremd gewesen sein dürfte:

 

Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß es gerade die beiden Fragen über Gott und die Seele sind, die man eher mit den Mitteln der Philosophie als mit denen der Theologie zu beantworten habe. Denn mag es auch für uns Gläubige genügen, im Glauben überzeugt zu sein, daß die menschliche Seele nicht mit dem Körper untergeht und daß es einen Gott gibt, so kann man doch Ungläubige von keiner Religion, ja wohl nicht einmal von der Notwendigkeit moralischer Tugend überzeugen, wie es scheint, wenn man ihnen nicht zuvor jene beiden Sätze mit natürlicher Vernunft beweist. Und da in diesem Leben den Lastern oft größerer Lohn winkt als den Tugenden, so würden nur wenige das Rechte dem Nützlichen vorziehen, wenn sie weder Gott fürchteten noch ein anderes Leben erwarteten. 5

 

 Der Gedankengang scheint auf den ersten Blick leicht nachvollziehbar zu sein: Daran, dass sich die Menschen tugendhaft verhalten sollten, d.h. das sittlich Richtige und Gute dem bloßen Eigennutz vorziehen sollten, wird kaum jemand zweifeln. Den Gläubigen wird es in der Regel nicht nur deswegen leichter fallen, weil sie Gott fürchten oder lieben, sondern auch, weil sie davon überzeugt sind, dass sie am Ende ihrer Tage von Gott zur Rechenschaft gezogen werden. Für die Gläubigen ist also mit dem leiblichen Tod noch nicht alles beendet. Vielmehr glauben sie, dass ihre menschliche Seele in der einen oder anderen Form den Tod überdauern wird. Dazu müssen sie erstens glauben, dass es einen Gott gibt, und zweitens dass es eine substantielle Seele gibt, die nach dem leiblichen Tod von der sterblichen Hülle des Leibes losgelöst wird, um dann in irgendeiner anderen Form weiter existieren zu können. So scheint es wenigstens. Doch christlicher Glaube ist auch für Descartes nach einer alten Auffassung, wie wir sie z.B. auch bei Paulus finden, keine bloße verbale oder intellektuelle Zustimmung zu Lehrsätzen, Dogmen oder Glaubensformeln, sondern vielmehr ein "Geschenk Gottes". Die vielen Ungläubigen, die in einem solchen Glauben auch schon damals bloß ein mythologisches und anthropomorphes Wunschdenken ausmachen zu können meinten, müssen deswegen nach Descartes durch rationale Argumente von der Existenz, Güte und Erhabenheit Gottes sowie von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele überzeugt werden.

 

Descartes ist sich also sehr wohl dessen bewusst, dass sich unter seinen Freunden und Bekannten "die meisten Gottlosen nur deswegen gegen den Glauben an Gottes Dasein und an die Verschiedenheit der menschlichen Seele vom Leibe sträuben, weil, wie sie fest davon überzeugt sind, dass diese beiden Glaubensüberzeugungen bisher noch nicht bewiesen werden konnten." 6 Während nun aber die Theologen den Glauben bereits voraussetzen (müssen, können und dürfen), ist es nach Descartes die Aufgabe der Philosophen, die Gründe für solche Glaubenssätze, wie z.B. "Es gibt einen Gott", "Gott ist ein vollkommenes Wesen", "Gott ist unendlich gütig" oder auch "Es gibt eine unsterbliche Seele", logisch, erkenntnistheoretisch und ontologisch zu prüfen. Dazu verhilft ihm die Methode des Zweifels, die er in seinem Discours als die eigentliche Methode der Philosophie vorgestellt hat: "eine gewisse Methode zur Lösung beliebiger Schwierigkeiten in den Wissenschaften..., zwar keine neue, denn nichts ist älter als die Wahrheit" 7.

 

Es wird dem zeitgenössischen Leser weiterhin überraschen, dass Descartes, der als der „Vater der neuzeitlichen Philosophie“ bekannt geworden ist, sehr wohl davon überzeugt ist, dass sowohl der überlieferte Gottesglaube als auch der Glaube an die Individualität, Substantialität und Unsterblichkeit der Seele dem methodischen Zweifel in einer rationalen Prüfung bis zum Erweis des Gegenteils standhalten. Das eindeutige Beweisziel der Meditationen widerspricht also dem modernen Vorurteil von Descartes als dem „Vater der neuzeitlichen Philosophie“ und erweist ihn vielmehr als einen klassischen Rationalisten, insofern als er die beiden wesentlichen Glaubensartikel seiner Kirche für rational beweisbar hielt - nicht nur im Interesse der Sittlichkeit, wie man meinen könnte, wenn man an Kants Postulate der praktischen Vernunft denkt, sondern auch um der Wahrheit willen wie auch zum Ruhme Gottes. Denn während im Zuge der europäischen Aufklärung die meisten europäischen Philosophen seit Clarke, Hume und Kant davon überzeugt waren, dass Glaube und Wissen strikt zu unter-scheiden seien, waren im Zuge der romantischen Gegenbewegung seit Hamann, Herder und Kierkegaard viele andere wiederum geneigt, den Glauben dadurch sichern zu wollen, dass sie erklärten, dass Glaube und Vernunft ganz und gar nicht miteinander zu versöhnen seien. Descartes hingegen glaubte zwar an Gott und die Unsterblichkeit der Seele. Allerdings hielt er das nicht bloß für einen irrationalen Glauben, sondern er meinte auch, die Wahrheit dieser beiden Glaubensinhalte rational erkennen und philosophisch begründen zu können. Er meinte also nicht nur, diese beiden Wahrheiten selbst erkennen zu können, sondern war auch fest davon überzeugt, sie gegenüber anderen rational, d.h. mit vernünftigen Argumenten begrün-den zu können.

 

Mehr noch wird es den zeitgenössischen Leser verblüffen, dass Descartes seine Gegenspieler, die Atheisten und Skeptiker davon überzeugen wollte, dass die beiden Glaubenssätze von Gott und der Seele, nicht bloß wahr sind, sondern sogar mit einer "Gewissheit und Evidenz" ausgestattet sein sollen, die den Prinzipien der Mathematik in nichts nachstehen, also so gewiss und einsichtig sein sollen, wie z.B. die Grundsätze der euklidischen Geometrie. Allerdings war Descartes sehr wohl davon überzeugt, dass es "sicherlich weniger für metaphysische Studien geeignete Leute auf der Welt" gibt als für geometrische, weil sie einen "völlig vorurteilsfreien Geist erfordern, der sich leicht aus seiner Bindung an die Sinne löst" 8. Die Philosophie ist seiner Auffassung nach also genau genommen nicht jedermanns Sache; vielmehr ist sie – wie andere Wissenschaften auch – eine Disziplin für besonders dafür begabte Leute, "die dabei weder den Beifall der Menge, noch eine große Zahl von Lesern" erwarten sollten. "Da man glaubt, hier gäbe es keinen Satz, über den sich nicht für und wieder streiten ließe, trachten nur wenige nach der Wahrheit und weit mehr Leute haschen, indem sie gerade die besten Gedanken zu bekämpfen sich erdreisten, nach wohlfeilem Ruhm, helle Köpfe zu sein." 9 Gleichwohl glaubte Descartes, dass nichts in der Welt so gut verteilt sei, wie der gesunde Menschenverstand, an den sich auch Philosophen halten müssen, wenn sie an die Öffentlichkeit treten.

 

In der ersten Meditation fordert Descartes dann jedoch seinen Leser auf, einmal an etwas zu zweifeln, "woran niemals jemand mit gesundem Menschenverstand gezweifelt hat", nämlich daran (1.) dass es in der Tat eine Welt gibt (Zweifel an der Existenz der Außenwelt), (2.) dass es darin Menschen gibt (Zweifel an der Existenz anderer Personen, die auch eine Seele haben und nicht bloß Automaten sind), (3.) dass wir einen Körper haben (Zweifel an der Existenz des eigenen Leibes), (4.) dass wir jetzt wach sind und Wirkliches erkennen, mithin nicht bloß träumen (Traumargument), (5.) dass alle Festkörper ausgedehnt und raum-zeitlich lokalisier-bar sind (Zweifel an den Grundlagen der Physik), (6.) dass Quadrate genau vier Seiten haben (Zweifel an den Grundlagen der Geometrie) und schließlich sogar (7.) dass 2 + 3 = 5 ist (Zweifel an den Grundlagen der Arithmetik). Der Grund für diesen auf den ersten Blick schockierend radikalen, aber eigentlich bloß methodischen Zweifel ist der Folgende:

 

Schon vor einer Reihe von Jahren habe ich bemerkt, wie viel Falsches ich in meiner Jugend habe gelten lassen und wie zweifelhaft alles ist, was ich hernach darauf aufgebaut, daß ich daher einmal im Leben alles von Grund aus umstoßen und von den ersten Grundlagen an neu beginnen müsse, wenn ich jemals für etwas Unerschütterliches und Bleibendes in den Wissenschaften festen Halt schaffen wollte. 10

 

Die Methode des Zweifels dient Descartes also bloß der Überwindung der Vorurteile des nur allzu selbstherrlichen Verstandes, der nur durch das konzentrierende und meditative Abziehen des Geistes von den Sinnen befreit werden kann, um dann überhaupt erst geeignet zu sein, wahre, gewisse und unbezweifelbare Prinzipien von falschen, ungewissen und bezweifelbaren Aussagen unterscheiden zu können.

 

Alles nämlich, was ich bisher am ehesten für wahr gehalten habe, verdanke ich den Sinnen oder der Vermittlung der Sinne. Nun aber bin ich dahinter gekommen, daß diese uns bisweilen täuschen, und es ist ein Gebot der Klugheit, denen niemals ganz zu trauen, die uns auch nur einmal getäuscht haben. 11

 

In der zweiten Meditation nimmt der Geist dann an, "daß all das nicht existiere, an dessen Dasein er auch nur im geringsten zweifeln kann, und bemerkt dabei, wie es ganz unmöglich ist, daß er selbst indessen nicht existiert" 11.

 

Die Methode des Zweifels führt dann zu dem nur allzu bekannten "Cogito, ergo sum", d.h. "ich denke, also bin ich". Bei dieser gewöhnlichen Übersetzung ist jedoch zu beachten, dass die cartesischen Ausdrücke "cogitare" und "cogitatio" und "res cogitans" alle Phänomene des menschlichen Bewusstseins umfassen, also nicht nur das Vorstellen und Denken, sondern auch das Fühlen und Wollen, während er weiterhin zwischen Geist (mens), Verstand (intellectus) und Vernunft (ratio) unterscheidet. Man könnte demzufolge ebenfalls sagen: "ich stelle vor, also bin ich"; "ich fühle, also bin ich" oder auch "ich will, also bin ich". In all den oben genannten sieben Arten von Überzeugungen kann ich mich grundsätzlich täuschen, selbst in den mathematischen Überzeugungen, so meinte Descartes. Denn es könnte einen bösen, allmächtigen und höchst raffinierten Dämon geben, der mich in all diesen Angelegenheiten täuscht, sodass ich jetzt eigentlich träume, und all das hier und jetzt durch meine Sinne Wahrgenommene, aber auch alles Erinnerte "nichts als Chimären" sind, sodass ich mich nicht einmal mehr in mathematischen Angelegenheiten auf meinen Verstand verlassen kann. Zwar würde kein gütiger Gott so etwas tun oder zulassen, obwohl Gott auch die Macht dazu hätte, zuzulassen, dass ich einem solchen Dämon in die Hände falle.

 

Nun, wenn er mich täuscht, so ist es also unzweifelhaft, daß ich bin. Er täusche mich, soviel er kann, niemals wird er doch fertig bringen, daß ich nichts bin, solange ich denke, daß ich etwas sei. Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, daß dieser Satz: 'Ich bin, ich existiere', sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist. 12

 

Denn selbst wenn ich getäuscht werde, bin ich doch nicht etwa nichts, sondern jemand, der getäuscht wird. Und wenn ich in all den oben genannten sieben Hinsichten getäuscht werde, bin ich doch noch jemand, der an diesen Täuschungen zweifeln kann. Doch daran, dass ich zweifeln kann, daran kann ich nicht zweifeln. Zweifeln aber ist ein Bewusstseinsphänomen, genauer gesagt eine Form des Denkens. Mithin kann ich nicht zweifeln, dass ich denke. Sondern, das ist mir unmittelbar gewiss, dass ich bewusst etwas denke. Und eben so unmittelbar kann es mir bewusst sein, dass ich etwas wahrnehme oder fühle oder denke oder will. Wenn ich aber etwas bewusst wahrnehme oder fühle oder denke oder will, so bin ich doch nicht etwa nichts. Vielmehr bin ich und ich bin etwas oder jemand. Doch: wer oder was bin ich? Ein Mensch? Ein Körper? Eine Seele? Oder etwa ein Zusammengesetztes aus Körper und Seele? Und was ist das, meine Seele?

 

So, wie ich nicht sinnvoll an meinem Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Wollen zweifeln kann, ohne zu existieren, so kann ich auch nicht über meine Vorstellungen von der Außenwelt, von anderen Personen, von meinem eigenen Leib, etc. getäuscht werden, ohne doch wenigs-tens ein Wahrnehmender, Fühlender, Denkender und Wollender zu sein und eben als solcher auch zu existieren. Und so, wie ich nicht an der Präsenz meiner Vorstellungen als bloßen Gegebenheiten des Bewusstseins zweifeln kann, ohne zu existieren, so kann ich auch nicht an meinem Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Wollen zweifeln, ohne doch wenigstens ein Wahrnehmender, Fühlender, Denkender und Wollender zu sein. Was aber bin ich dann? Bin ich dann etwa vielleicht gar nichts anderes als ein vorstellendes, fühlendes, denkendes und wollendes Wesen? All das scheint aber doch ganz und gar verschieden zu sein von meinem Körper, der ein vergleichsweise festes, ausgedehntes und beharrliches, mithin eben physisches Ding ist, während meine Vorstellungen, Gefühle, Gedanken und Willensimpulse kommen und gehen, entstehen und vergehen. Doch wenn dieses vorstellende, fühlende, denkende und wollende Wesen meine Seele bzw. mein Bewusstsein ist, bin ich dann nicht eigentlich gar nichts anderes als diese Seele bzw. dieses Bewusstsein? Oder bin ich etwa auch davon verschieden? Wer also bin ich? Und was bleibt, wenn mein Körper stirbt? Wird dann nicht etwa auch meine Seele bzw. mein Bewusstsein erlöschen?

 

Descartes glaubte, dass das nicht so ist. Er glaubte, dass die Seele bzw. das Bewusstsein nicht nur vom menschlichen Körper substantiell verschieden ist, sondern grundsätzlich auch ohne den Leib fortbestehen kann, also unsterblich ist. Das zu glauben ist nun aber zumindest nicht so unvernünftig, wie viele Menschen heute meinen. Man kann also, wie Descartes, völlig vernünftig sein, und so etwas glauben. Doch die rationale Erwägung einer bloßen Möglichkeit ist sowohl im Falle der Frage nach der Individualität, Substantialität und Unsterblichkeit der Seele als auch im Falle der Frage nach der Existenz Gottes noch lange kein Beweis einer Wirklichkeit. Aus dem widerspruchsfreien Denken-können eines Inhaltes folgt zwar das Sein-können dieses Sachverhaltes, aber es folgt noch lange nicht ohne weiteres das wirkliche Sein dessen, was gedacht wurde. Es folgt nicht im Falle der drei Fragen nach der Seele und es folgt wahrscheinlich auch nicht im Falle der etwas anders gearteten Frage nach der Existenz Gottes, wie im ontologischen Gottesbeweis Anselm von Canterburys, Descartes'‚ oder Hegels. Darauf sollten dann später Hume, Kant und Brentano hinweisen. Deswegen ist es aber durchaus auch zweifelhaft, dass Descartes sein doppeltes Beweisziel erreicht hat.

 

Dann aber ist es mindestens ebenso vernünftig, gegenüber diesen beiden Glaubensinhalten skeptisch zu bleiben. Schließlich ist es dann aber auch nicht unvernünftig, wie Descartes an seinem Glauben festzuhalten. Daraus ergibt sich aber, dass die letzte Entscheidung in solchen metaphysischen Fragen nicht allein bei der Vernunft liegen kann. Denn wenn es weder unvernünftig ist, an diesen beiden Glaubensinhalten von Gott und der Seele festzuhalten, noch unvernünftig ist, sie zurückzuweisen, dann scheint die menschliche Vernunft insgesamt zu schwach zu sein, um jemanden, der in solchen metaphysischen Angelegenheiten konträrer Auffassung ist, von der Wahrheit und Beweisbarkeit der eigenen metaphysischen Auffassung zu überzeugen. Dann aber bleiben beide metaphysische Überzeugungen, wie später Kant behaupten sollte, Angelegenheiten eines zwar nicht unvernünftigen, aber auch nicht vernunftnotwendigen Glaubens. In dieser Hinsicht scheint es dann aber angemessener zu sein, wie Kant strenger zwischen Glauben und Wissen zu unterscheiden, um das Wissen in diesen metaphysischen Angelegenheiten aufzugeben und um diese Überzeugungsinhalte einem zwar rationalen, d.h. nicht notwendig irrationalen, aber auch nicht mehr beweisbaren Glauben zu überlassen. Aber wenn das so ist, dann ist Immanuel Kant und nicht René Descartes der eigentliche Vater der neuzeitlichen und modernen Philosophie.

 

Endnoten

 

1 Schopenhauer ..........

2 Husserl, Cartesianische Meditationen ..........

3 H.-P. Schütt, Descartes und die moderne Philosophie. Notizen zu einer epochalen Vaterschaft, in: G.Figal / R.P.Sieferle (Hrsg.), Selbstverständnisse der Moderne. Formationen der Philosophie, Politik, Theologie und Ökonomie, Stuttgart Metzler 1991, S.12.

4 Vgl. R.Specht, René Descartes mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 1995 sowie I.Behn, Der Philosoph und die Königin. Renatus Descartes und Christine Wasa. Briefwechsel und Begegnung, Freiburg / München 1957.

5 René Descartes, Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, Hrsg. L. Gäbe, Hamburg 1960, S.1.

6 ebd., S. 2-3.

7 ebd., S. 3.

8 ebd., S. 4.

9 ebd., S. 4.

10 ebd., S. 15.

11 ebd., S. 11.

12 ebd., S. 21-22.