Martin Heidegger (1889-1976)

 

 

 

 


 

 

Nietzsche hat mich kaputt gemacht.

 

Martin Heidegger

 

 

Den Martin hot me für nix Gscheits brauche kenne,

no isch er halt Philosoph worre.

 

Fritz Heidegger (Bruder)

 

 

Heideggers Nationalsozialismus liegt im Wesen seines Denkens,

und es geht darum zu wissen, was das zu bedeuten hat.

 

Georges-Arthur Goldschmidt

 

 

Auch ich kann nicht übersehen, daß Heideggers Philosophie mit seinem politischen Verhalten 1933 innerlich zusammenhängt, und die Erfahrung, die Heideggers Verhalten 1933 für mich darstellte, empfinde ich, wie damals, auch heute noch als eine eigene Aufgabe meines Philosophierens.

 

Hans-Georg Gadamer an Karl Jaspers in einem Brief vom 27. Februar 1949

 

 

Die Fragen wurden vielmehr brennend und blieben unbeantwortet: kann es Philosophie geben, die als Werk wahr ist, während ihre Funktion in der Faktizität des Denkenden unwahr ist? Wie verhält sich Denken zur Praxis? Was ist und was tut Heidegger eigentlich?

 

Karl Jaspers, Philosophische Autobiographie

 

 

Man muß die Heiddergesche Fundamentalontologie als den Versuch bezeichnen, das Wissen einzuschränken, um für ein archaisches Denken Platz zu schaffen. Sie weiß gar nicht, ob ihre Lehre wahr ist, sie will es nur, weil es doch so schön wäre, eine Ordnung des Seins mit ‘Bindungen‘ zu haben! Sie glaubt es zuinnerst nicht. Indem sie versucht, die Wirklichkeit auf ein System archaischer Zeichen zu reduzieren, verhält sie sich der Realität gegenüber nicht ontologisch, sondern nominalistisch. Fundamentalontologie ist getarnter Nominalismus: willkürliche Begriffsbildung und darum noch relativistischer als das nominalistische Extrem: der moderne Positivismus. Wie dieser verkündet sie dem Individuum einfach, daß das Abstrakte für konkret zu gelten habe, daß es die Wahrheit sei. Sie dient so objektiv der Negation der Menschlichkeit.

 

Karl Heinz Haag

 

 


 

 

"Das Herrchen des Seins"

 

Heidegger und der Jargon der Unredlichkeit

 

von Frank Madro

 

 

Heidegger-Apologetik ist philosophischer Volkssport, nicht nur in Deutschland. Hierzulande wie in Frankreich oder den USA wird viel Mühe dafür aufgewendet, das 'Große' des Heideggerschen Denkens für uns Heutige zu retten und dabei alles Zweifelhafte eben dieses Denkens als biographisches Akzidens abzutun. Zu den nationalsozialistischen Verstrickungen des Rektors der Freiburger Universität in den Jahren 1933/34 sagt man: Da hat er sich in einigen Reden etwas vergaloppiert, aber trotz alledem bleibt Martin Heidegger einer der größten Philosophen; man sagt: Er war politisch eben naiv, oder: Das braucht man nicht so ernst zu nehmen. Letzteres sagen bevorzugt jene, die bei anderer Gelegenheit darauf bestehen, jede noch so verschwurbelte Formulierung Heideggers müsse unbedingt ernst genommen werden, käme darin doch eine tiefe Wahrheit zur Sprache. Mancher sagt: Daß Heidegger als Person sich in den Nationalsozialismus 'verirrt' hat, interessiert mich nicht, denn als Denker verschafft er mir so tiefe Erfahrungen wie kein anderer -- und das hat mit seinen persönlichen Verfehlungen nichts zu schaffen.

 

Der Staub, den die Veröffentlichung von Victor Farías Buch Heidegger und der Nationalsozialismus im Jahre 1987 vor allem in Frankreich aufgewirbelt hat, er hat sich gelegt. Ob Heidegger nun ein Nazi war oder nicht, oder nur halb, darüber hat inzwischen jeder seine Meinung parat -- das Thema scheint durch. Ist es aber eigentlich die entscheidende Frage in der Affäre Heidegger, welche persönlichen Verfehlungen Heidegger in seiner Zeit als Rektor und danach vorzuwerfen sind? Diese historische Frage läßt sich nach der Quellenlage recht gut klären. Sie betrifft eine Person, die inzwischen tot und begraben ist, deren Werk sich allerdings größter Beliebtheit an den Universitäten und bei philosophischen Laien erfreut. Und damit stellt sich die andere, die philosophische Frage: Wie steht es um die Verstrickungen des Werkes? Gibt es vielleicht innere Notwendigkeiten des Heideggerschen Denkens, die dazu führten, daß Heidegger im aufkommenden Nationalsozialismus eine Chance sah, die in diesem Denken angelegten Ziele zu erreichen? Heidegger selbst hat dies, daß "eine Parteinahme für den Nationalsozialismus im Wesen seiner Philosophie läge", gegenüber Karl Löwith im Jahre 1936 "ohne Vorbehalt" bejaht und mit seinem Begriff der Geschichtlichkeit begründet.

 

Nicht wenige Philosophen von Format haben zweifelhafte politische Ansichten vertreten, meist jedoch ohne spürbare Auswirkungen auf ihr Werk. Anders bei Heidegger: Hier gibt es eine strukturelle Tendenz zu totalitären Systemen und eine inhaltliche Bestimmung, die der nationalsozialistischen Ideologie zumindest nahesteht. Arbeiten, die Heidegger konsequent vom Werk her in dieser Richtung befragen, sind rar und meist zaghaft. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk soll hier auch nicht versucht werden; statt dessen wird Heideggers Sprache in den Blick genommen. [1] Eine Sprache, welche die Mühen und Zwänge des Arguments verachtet und das Stakkato des Kasernentons bevorzugt, indem sie in einzelne Worte, wie in Befehle, zersplittert. Eine Sprache, die, mit Theodor W. Adorno gesprochen, dem Faschismus Asyl gewährte. Ihre Charakteristika ziehen sich, feinsinnigen Periodisierungen von Heideggers Denkentwicklung zum Trotz, durch das gesamte Werk. Also bloß Stilkritik? Für Jürgen Habermas ist Stil gelebte Haltung; darin darf man ihm zustimmen. Dies gilt umso mehr für Heideggers Werk, das wie kaum ein anderes von Wort- und Sprach-Fetischismus geprägt ist.

 

 

Das Sein in der Irre

 

 

"Der Führer selbst und allein ist die heutige und
künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz."
(Heidegger 1933)

 

"Dem Mann dieses unerhörten Willens,
unserem Führer Adolf Hitler,
ein dreifaches 'Sieg Heil!'"
(Heidegger 1934)

 

 

Heidegger vertrat immer die Ansicht, es sei nur das Denken und nicht das Leben eines Philosophen, das zähle. So hätte er es für sich nach 1945 wohl gerne gesehen, und die philosophische Gemeinschaft tut ihm seither meist den Gefallen. Nun steht aber Heideggers Engagement für den NS-Staat nach eigenem Bekunden in engem Zusammenhang mit seinem Denken.

 

Martin Heidegger trat am 1. Mai 1933 öffentlich in die NSDAP ein, er bezahlte bis 1945 seine Mitgliedsbeiträge, seine Mitgliedskarte war 'sauber', ohne Vermerke. Schon vor seinem Parteieintritt war Heidegger im Sinne der NSDAP tätig und hat gegenüber Funktionären deutlich gemacht, daß er für die nationalsozialistische Bewegung im Kollegen- und Studentenkreis aktiv sei. Sein Parteiabzeichen trug er gerne und demonstrativ auch nach 1934, sogar in Gegenwart jüdischer Bekannter. Ein in der Wolle gefärbter Antisemit war Heidegger nicht, zuweilen brachen allerdings antisemitische Ressentiments durch; auch fürchtete er eine "Verjudung" des deutschen Geisteslebens. Eine Ansicht, die er Ende der 50er Jahre erneut äußerte, besorgt angesichts der Rückkehr jüdischer Gelehrter auf Lehrstühle in Deutschland.

 

Am 21. April 1933 wurde Heidegger zum Rektor der Universität Freiburg gewählt, am 27. April 1934 wurde er auf eigenen Wunsch von seinen Pflichten entbunden. Die Zeit des Rektorats war geprägt von umfangreichen Aktivitäten: Heidegger verfaßte Beiträge für die studentische Presse, hielt Reden und Radioansprachen, arbeitete an nationalsozialistischen Aktionsprogrammen mit, organisierte Schulungslager; auch politische Denunziation gehörte zum Repertoire. Gleich nach der Wahl zum Rektor und noch vor der feierlichen Amtsübernahme setzte Heidegger das Führerprinzip an der Universität Freiburg durch und begann mit den Vorbereitungen einer Schulungstagung für die Kader der Deutschen Studentenschaft. Um das Führerprinzip an anderen Hochschulen zu etablieren, war Heidegger maßgeblich an der neuen badischen Hochschulverfassung beteiligt, die im August 1933 in Kraft trat. Seine Aktivitäten, besonders die intensive Vortragstätigkeit in ganz Deutschland, brachten Heidegger schnell den Ruf eines radikalen Vertreters der nationalsozialistischen 'Bewegung' ein. Dies entsprach seinem eigenen Ziel, Vorreiter und geistiger Führer der NS-Hochschulpolitik zu werden. So gehörte Heidegger auch mit Ernst Krieck und anderen zu den Gründern der Kulturpolitischen Arbeitsgemeinschaft Deutscher Hochschulenlehrer, einer Avantgarde nationalsozialistischer Professoren, in deren Satzung die "völkische Bedingtheit aller echten Kultur" anerkannt wurde. Mit seinem Auftreten und seinen Ansichten machte sich Heidegger bald Feinde, sowohl unter den mehrheitlich konservativen Kollegen als auch bei der Partei. In Freiburg nahm der Unmut im Kollegium bald nach dem Amtsantritt zu: der stramme Ton von Heideggers Rundschreiben, gegen Kollegen gerichtete antisemitische Äußerungen, die zunehmende Behinderung des Studiums durch von Heidegger unterstützte SA-Wehrsporteinsätze der Studenten -- dies alles brachte Heidegger in zunehmenden Konflikt mit einem Kollegium, das angesichts von Heideggers Reformenthusiasmus um seine Stellung fürchtete. Die politische Führung wiederum sah ihre Bemühungen um eine Festigung der Macht an den Hochschulen, die einen gewissen Konsens und ein gemäßigtes Reformtempo nötig machte, durch den kompromißlosen Extremismus Heideggers gefährdet. Wegen seiner Amtsführung sowohl von Seiten des Kollegiums als auch des Ministeriums unter Druck geraten und von beiden Seiten in seiner Position als "Führer-Rektor" beschädigt, wirft Heidegger das Rektorat schließlich hin. Das Scheitern des Rektorats und seiner darüber hinausgehenden Ambitionen führte dazu, daß sich Heidegger fortan als Opfer fühlte und inszenierte. Nach der Ermordung von Ernst Röhm wußte Heidegger, der mit seinen Auffassungen vom Charakter der 'Bewegung' denen Röhms und seiner SA näher stand als der offiziellen Linie (wie sie etwa das Amt von Alfred Rosenberg vertrat), daß er für seine Karriere im NS-Staat nur noch wenig zu erwarten hatte. Auch die von Heidegger betriebene Berufung an eine geplante Dozentenakademie des Reiches kam nicht zustande. Von da an äußert er in Vorlesungen und bei anderen Gelegenheiten immer wieder verklausulierte Nickeligkeiten gegen die offizielle Ideologie der NSDAP, in der er einen Verrat am wahren Nationalsozialismus erblickt. Dies sowie seine Ablehnung der NS-Rassenideologie ließ sich Heidegger nach dem Krieg als 'Widerstand' anrechnen.

 

 

Führer der Führer

 

 

"Im Winter 1933/34 erzählte mir ein aus Freiburg gekommener Student:
'In der Umgebung Heideggers haben sie den Freiburger Nationalsozialismus
erfunden. Hinter vorgehaltener Hand sagen sie, das wahre Dritte Reich habe ja
noch gar nicht begonnen, das komme erst.'"
(Carl Friedrich von Weizsäcker)

 

 

Heideggers Ablehnung des biologischen Rassismus ergab sich zwanglos daraus, daß er die nationalsozialistischen Rassentheorien dem Bereich des Technisch-Wissenschaftlichen zurechnete, wodurch sie der 'Uneigentlichkeit' verfielen. Der 'eigentliche' Rassismus war ein geistig-sprachlicher, den Heidegger mit Vehemenz und der Überzeugung vertrat, die nationalsozialistische Bewegung zur Umsetzung seiner Vorstellungen nutzen zu können. Im Laufe der Jahre hatte sich bei Heidegger Ärger über 'undeutsches' Freidenkertum angesammelt; die verwirrende und zuweilen kakophonische Meinungsvielfalt der Weimarer Republik war ihm zuwider, so daß er schon 1929 die Notwendigkeit sah, dem "deutschen Geistesleben wieder echt bodenständige Kräfte und Erzieher zuzuführen", um es nicht der "wachsenden Verjudung im weiteren und engeren Sinne endgültig auszuliefern". Auch hatten die nicht immer erfolgreich bestandenen Konkurrenzkämpfe im akademischen Bereich Heideggers Eitelkeit gekränkt. Gegenüber Karl Jaspers wetterte er, es sei Unfug, daß es in Deutschland so viele Philosophieprofessoren gäbe, zwei oder drei seien genug -- man darf vermuten, daß er hoffte, künftig bestimmen zu dürfen, welche das zu sein hätten. Die anderen, jene schwächlichen Akademiker, "die weder eine Witterung haben für das Höchste des Geistes -- was der Kampf ist -- noch die innere Macht, es zur Herrschaft zu bringen", hatten nach den Vorstellungen Heideggers auf der neuen Universität keinen Platz.

 

Daß Heideggers Möglichkeiten "im Dienste eines großen Auftrags zu wirken und am Bau einer volklich gegründeten Welt mitzuhelfen" nur auf dem Gebiet der Universitäten liegen konnten, war ihm klar und keineswegs ein Zeichen für politische Bescheidenheit. Zum geistigen Führer des Führers wollte er zwar nicht werden -- dazu war Heideggers ans Pseudoreligiöse grenzende und ontologisch verkitschte Hitler-Verehrung zu ausgeprägt -- zum geistigen Anführer aller anderen Unter-, Hilfs- und Nebenführer, mithin der kommenden geistigen Elite, sah er sich jedoch sehr wohl berufen. Eine "Läuterung und Klärung der ganzen Bewegung" war sein Ziel, zu erreichen durch eine Revolution der universitären Ausbildung. Mit der Veränderung der geistigen Grundlagen sollte das Fundament für die "völlige Umwälzung des deutschen Daseins" gelegt werden, ein Programm, das Heidegger in seiner Rektoratsrede im Mai 1933 darlegt. Deren Titel, "Die Selbstbehauptung der deutschen Universität", ist ein 'echter Heidegger', meint "Selbstbehauptung" hier doch das Gegenteil dessen, was man naiv vermuten würde. Heidegger führt aus:

 

"Die Selbstbehauptung der deutschen Universität ist der ursprüngliche, gemeinsame Wille zu ihrem Wesen. Die deutsche Universität gilt uns als die hohe Schule, die aus Wissenschaft und durch Wissenschaft die Führer und Hüter des Schicksals des deutschen Volkes in die Erziehung und Zucht nimmt. Der Wille zum Wesen der deutschen Universität ist der Wille zur Wissenschaft als Wille zum geschichtlichen Auftrag des deutschen Volkes [...]."

 

Und dann:

 

"Geist ist die ursprünglich gestimmte, wissende Entschlossenheit zum Wesen des Seins. Und die geistige Welt eines Volkes [...] ist die Macht der tiefsten Bewahrung seiner erd- und bluthaften Kräfte als Macht der innersten Erregung und weitesten Erschütterung seines Daseins."

 

In diesem 'Daseinssturm' werden die Dozenten durch "gemeinschaftlich gestimmte[s] Sagen" "stark zur Führerschaft", während die "vielbesungene akademische Freiheit [...] aus der deutschen Universität verstoßen wird". Auf diese Weise ergibt sich dann die eigentliche Freiheit, geprägt durch drei Bindungen: an die Volksgemeinschaft im Arbeitsdienst, an die Nation im Wehrdienst und, als Höchstes, an den geistigen Auftrag des deutschen Volkes im Wissensdienst. Die Universität, ein Umerziehungslager, das die "Führer und Hüter des Schicksals des deutschen Volkes in die Erziehung und Zucht nimmt", eine "Kampfgemeinschaft der Lehrer und Schüler". So ist diese "Selbstbehauptung" nicht als Unabhängigkeit zu verstehen, sondern als äußerste Abhängigkeit, in der die "Führer selbst Geführte sind -- geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags", von dem nicht weniger als die Existenz des Abendlandes abhängt, die heute auf den Schultern der Deutschen ruht, wie früher auf denen der Griechen:

 

 "Fügen wir uns [...] der fernen Verfügung des Anfangs".

 

In der "Herrlichkeit und Größe dieses Aufbruchs" positioniert Heidegger seine Philosophie an der entscheidenden Stelle bei der Formung der kommenden Führer, die ihr Rüstzeug mehr als nötig haben, ist doch in Heideggers Verständnis der geistige Kampf so endlos wie die anhaltende nationalsozialistische Revolution. Seine Form des 'Geistesdarwinismus' (George Leaman) nimmt dabei ins Kalkül, daß Ungeeignete auf der Strecke bleiben. Heidegger hätte am Schluß der Rektoratsrede auch fragen können: Wollt ihr die totale Philosophie?

Diese Ansichten trieben den NSDAP-Funktionären Panikflecken ins Gesicht. Ein wenig ontische Dignität für die NS-Bewegung war durchaus angenehm, die NSDAP war aber kein Intellektuellen-Club -- eine Einsicht, die Heidegger selbst erst später gewann. [2] Nach offizieller Lesart war die nationalsozialistische Revolution mit der Machtübernahme abgeschlossen, jetzt galt es pragmatisch für eine Konsolidierung der Macht zu sorgen. Lautstarke Radikale wie die dauerrevolutionäre SA waren schlimm genug, ein herumreisender populistischer Prophet des wahren deutschen Wesens, der Unruhe in die Universitäten brachte, fehlte da gerade noch. In seinem vehement vertretenen Anspruch, die NS-Parteiideologie verbessern zu wollen, setzte sich Heidegger zudem in direkte Konkurrenz zum Amt Rosenberg, das ihn bald in denunziatorischen Gutachten als Verrückten einstufen ließ.

 

In Heideggers NS-Engagement brach sich ein Aktionismus Bahn, der sich angestaut hatte, seit Heidegger 1918 in seiner Frontwetterwarte davon träumte, "eine entschlossene Führung in die Hand zu nehmen u. das Volk zur Wahrhaftigkeit u. echten Wertschätzung der echten Güter des Daseins zu erziehen". Getrieben vom Haß auf alles Akademische, Aversion gegen Demokratie und liberales Denken, aus dem nur ein durch "humanisierende und christliche Vorstellungen" erstickter Geist entstehen konnte, war er nicht in der Lage, sich zu zügeln und durch Geschick und Taktik seine Ziele zu erreichen. Immerhin glaubte er das Sein selbst auf seiner Seite. Es war diese Ungeduld und das politisch unkluge Verhalten, an dem Heidegger scheiterte. Als er erkennen mußte, daß er den real existierenden Nationalsozialismus nicht in den wahren, also seinen, würde umformen können, zog er sich enttäuscht zurück. Seine Vorstellungen der "Bewegung" leben jedoch fort.

 

 

Schwamm drüber

 

 

"Dieses Leben in Todtnauberg, auf Zivilisation schimpfend
und Sein mit y schreibend, ist ja doch in Wahrheit nur das
Mauseloch, in das er sich zurückgezogen hat, weil er mit Recht
annimmt, daß er da nur Menschen zu sehen braucht, die voller
Bewunderung anpilgern; es wird ja so leicht nicht einer 1200 Meter
steigen, um eine Szene zu machen. Und wenn es doch einer täte, so
würde er lügen, das Blaue vom Himmel, und sich darauf verlassen,
daß man ihn nicht ins Gesicht einen Lügner nennen wird."
(Hannah Arendt über Heidegger an Karl Jaspers, 29.9.1949)

 

 

Im Juli 1945 schrieb Heidegger an Rudolph Stadelmann: "Alles denkt jetzt den Untergang. Wir Deutschen können deshalb nicht untergehen, weil wir noch gar nicht aufgegangen sind und erst durch die Nacht hindurchmüssen." Angriffskrieg und Vernichtungsfeldzug, Bombenhagel und Holocaust -- das war für Heidegger nicht die "Nacht", sondern die alliierte Besatzung, unter der die Heideggers ihr Haus mit einer Flüchtlingsfamilie teilen mußten. Schon dieses Zitat zeigt, daß die Lieblingsthese all derer, die Heideggers Werk gerne retten würden, aber doch gewisse Tatsachen nicht leugnen können, sich nicht aufrechterhalten läßt -- die These nämlich, der Skandal Heideggers bestünde darin, daß dieser nach 1945 zum Nationalsozialismus und zum Holocaust geschwiegen habe.

 

Heidegger hat sich geäußert, zum Nationalsozialismus wie zu seiner eigenen Rolle. Dabei verfolgt er eine Doppelstrategie: Einerseits inszeniert sich Heidegger als Opfer, ja Widerstandskämpfer in der Nazi-Zeit, der schon bald einen Irrtum erkannt habe. Andererseits sieht er sich als denjenigen der die "innere Wahrheit und Größe" des 'wahren Nationalsozialismus' als einziger erkannt habe, von der er überzeugt blieb. Noch 1945 schrieb Heidegger eine Apologie der Rektoratsrede, die allerdings erst 1983 unter dem Titel "Das Rektorat 1933/34. Tatsachen und Gedanken" veröffentlicht wurde. Seine Opferrolle untermauert er mit allerlei biographischen Halbwahrheiten und Lügen, die anhand von Akten und anderen Zeugnissen inzwischen überwiegend widerlegt wurden. Dann aber gelingt ihm ein Meisterstück: Er fragt: "Was wäre geschehen und was wäre verhindert worden, wenn um 1933 alle vermögenden Kräfte sich aufgemacht hätten, um [...] die an die Macht gekommene 'Bewegung' zu läutern und zu mäßigen? [...] Gibt es nicht auch eine Schuld der wesentlichen Versäumnisse?" Er hingegen, Heidegger, habe "den Versuch gewagt, das Positive zu retten und zu läutern und zu festigen." Kurz: Schuld am Unheil sind vor allem die anderen, die nicht mitgemacht haben, statt ihn zu unterstützen -- und das Unheil, das war das Scheitern des Nationalsozialismus als historische Chance des deutschen Volkes, zu sich selbst zu kommen.

 

Zum Holocaust hat sich Heidegger wenigstens zweimal explizit geäußert. In einem Brief an Herbert Marcuse setzt er die Judenvernichtung mit der ostdeutschen Vertreibung gleich. Etwa zur selben Zeit wird Heidegger in den Bremer Vorträgen von 1949 auch grundsätzlicher. In den unter der Überschrift "Einblick in das was ist" veröffentlichten Vorträgen findet sich im Vortrag "Das Ge-Stell" die Feststellung: "Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern [...]" (Hervorhebung FM). Das war keine leichtfertige Entgleisung. Heidegger wußte, was er hier sagte und wie es sich in sein Denken einfügt. Givsan hat im einzelnen aufgewiesen, wie dies aus dem Gesamtzusammenhang der Philosophie Heideggers zu verstehen ist: nicht als Kritik der Technik, denn Heidegger ist Seinsdenker, hier geht es um das Sein selbst. Nicht die unfaßbare Gleichsetzung von mit Traktoren geernteten Kohlrabi und der Vernichtung der europäischen Juden ist der entscheidende Punkt, sondern, so Givsan, "[d]as Ungeheuerliche und Grauenhafte des Heideggerschen Satzes besteht darin, daß er die Vernichtung der Juden als Seinsgeschick faßt. [...] Die Menschen sind dabei bloß vom Sein gebraucht: sie sind bloß Werkzeuge des Sich-ins-Werk-setzens der Wahrheit des Seins. So gibt es keine 'Schuld' und kein 'Entschuldigen'. Kurz: Das Ungeheuerliche und Grauenhafte ist Heideggers Seinsdenken selbst." [3]

 

Jedoch: Daß mit dem historischen Nationalsozialismus etwas nicht so gelaufen war, wie er sich das ausgedacht hatte, gesteht Heidegger ein. Schließlich behauptete er auch, sich deswegen 1934 von der "Bewegung" abgewandt zu haben. Er gelingt ihm sogar, diesen 'Irrtum' in eine "Eschatologie des Seins" zu integrieren. In dem 1946 entstandenen Aufsatz "Der Spruch des Anaximander" schreibt Heidegger:

 

"Das Sein entzieht sich, indem es sich in das Seiende entbirgt.
Dergestalt beirrt das Sein, es lichtend, das Seiende mit der Irre. Das Seiende ist in die Irre ereignet, in der es das Sein umirrt und so den Irrtum [...] stiftet. Er ist der Wesensraum der Geschichte. In ihm irrt das geschichtlich Wesenhafte an Seinesgleichen vorbei. Darum wird, was geschichtlich heraufkommt, notwendig mißdeutet. Durch diese Mißdeutung hindurch wartet das Geschick ab, was aus seiner Saat wird. Es bringt die, die es angeht, in die Möglichkeit des Geschicklichen und Ungeschicklichen. Geschick versucht sich an Geschick. Das Sichversehen des Menschen entspricht dem Sichverbergen der Lichtung des Seins. Ohne die Irre wäre kein Verhältnis von Geschick zu Geschick, wäre nicht Geschichte." (Hervorhebung FM)

 

Dieses Beispiel demonstriert eindrücklich den Heidegger-Stil: Zunächst versteht es nur der Eingeweihte; Wortspielereien täuschen Plausibilität vor; daß die Worte der deutschen Alltagssprache ähneln, verleiht ihnen den Anschein einer gewissen Erdverbundenheit. Dann: Niemand tut aktiv etwas; niemand irrt, höchstens wird jemand geirrt. Doch selbst das vermeidet Heidegger, es gibt nur "die Irre", wie Heidegger überhaupt Verben nicht nur substantiviert, sondern geradezu personifiziert. So tut niemand etwas, sondern das Etwas geschieht. Wie Heidegger gerne formulierte: "Wer zu denken versteht" -- der versteht schon, was hier mit-gemeint ist. Er, Heidegger, hat zur Nazi-Zeit nichts getan, nicht sich geirrt -- er war befangen in der seinsgeschichtlichen Irre, nur Medium, nur Spielball dunkler Mächte, die er in seiner raunenden Philosophie beschwört. Wie steht es nun also um diese Philosophie insgesamt?

 

 

Beim Schamanen

 

 

"Wie weit hat die Philosophie die Aufgabe, frei werden
zu lassen von der Angst? Oder hat sie nicht die Aufgabe,
den Menschen geradezu radikal der Angst auszuliefern?"
(Heidegger, 1929)

 

 

Bei der Lektüre vieler Texte der Weimarer Zeit und des Dritten Reichs ebenso wie bei der Betrachtung von Bild- und Tondokumenten des Hitlerismus fällt die eigentümliche Mischung aus Pathos und Alarmismus ins Auge, die allen diesen Äußerungen eignet. Es ist eine solche Stimmung, die auch Heidegger im persönlichen Vortrag wie in seinen Schriften herbeizuzaubern versteht. Nicht selten sind Berichte über Lektüreerfahrungen gespickt mit Ausdrücken wie 'ergriffen', 'bewegt', 'gebannt', wohingegen 'überzeugend' kaum je fällt. Einschätzungen, welche die Jahrzehnte unbeschadet überstanden haben, denen mit keinem Argument beizukommen ist -- noch so manchem Heutigen fährt bei der Heidegger-Lektüre ein heiliger Schauer über den Rücken. [4]

 

Aufgewachsen als Katholik, jesuitisch geschult, wußte Heidegger um die Bedeutung der Inszenierung und verstand es, seine Zuhörer und Leser in den Bann zu schlagen, sie in die richtige Stimmung zu versetzen. "Ereignisphilosphie" nannte Rüdiger Safranski diesen Stil, der Elemente christlicher Messe, schamanischer Beschwörung und politischer Brandrede aufnimmt. Im höchsten Maße manipulativ, jagt Heidegger seinem Publikum (und vielleicht sich selbst) zuerst einen existentiellen Schrecken ein, führt es ins finstere Tal, um sodann die Worte seiner eigenen Philosophie als Stecken und Stab auf dieser Wanderung anzubieten. Die erzeugte "Angst" soll dabei nicht aufgehoben werden, vielmehr muß sie heldenhaft ausgehalten und durchgestanden werden -- als Belohnung winkt das wahre Denken und eigentliche Dasein. Das Spiel mit Stimmungen ist aber mehr als ein rhetorischer Kniff, die 'Gestimmtheit' wird ein Grundwort der Heideggerschen Philosophie, und ohne die richtige Gestimmtheit bleibe, so die Mahnung, das Wesentliche der Philosophie Heideggers verschlossen. Nur die "Seltenen, die den höchsten Mut zur Einsamkeit mitbringen, um den Adel des Seyns zu denken", die in der richtigen Gestimmtheit sind, die "wesentlichen Menschen", in denen sich die "Grundstimmung der erschreckend-scheuen Verhaltenheit" anstimmen läßt -- nur sie bilden den geeigneten Resonanzraum für dieses Denken.

 

Für die Ausbildung einer esoterischen Lehre und die Entstehung einer treuen Schar von Anhängern ist eine solche Verschränkung von Form und Inhalt, gewürzt mit einer Prise Verwesentlichung, höchst effektiv. Sie erlaubte eine Integration der in den 1920er und 30er Jahren an den Rändern der Universitäten verbreiteten anti-intellektualistischen Strömungen, wie der völkischen Stimmungen, des Kulturpessimismus, des Verlangens nach Heroismus. Zugleich elitär und populistisch, verschafft sie dem Eingeweihten die Befriedigung, an etwas wahrhaft Großem teilzuhaben, das dem feigen Schwächling verschlossen bleibt; ein Held zu sein, ohne den Sessel verlassen zu müssen; das angenehme Kribbeln im Bauch, das andere vielleicht im Bungee-Jumping suchen. Der verquere Jargon wirkt dabei wohltuend identitätsstiftend.

 

Heidegger schafft sich damit eine Sonderstellung, und zugleich immunisiert er seine Philosophie gegen Kritik von außen -- von denjenigen, die schlicht 'nicht richtig gestimmt' sind. Wer es nicht erheischen kann, bleibt außen vor, und wer wollte diesen Makel schon zugeben. So wird aus der positiven Funktion kritischen Denkens und Gegendenkens, das die Fehler, Probleme und Verzerrungen des eigenen Denkens aufzudecken hilft, eine persönliche Verfehlung des Kritikers. Da Heidegger argumentativ wenig leistet -- und sich das als Verdienst anrechnet -- bleibt er auf das Spiel mit Stimmungen angewiesen, macht aus dem, was man für eine Schwäche halten könnte, eine Tugend und konstatiert mit Befriedigung, daß dabei "dem heutigen Normalmenschen und Biedermann bange wird und zuweilen vielleicht schwarz vor Augen". So fordert Heidegger im Namen seines Denkens: "Wir müssen erst wieder rufen nach dem, der unserem Dasein einen Schrecken einzujagen vermag." Der, auf den Heidegger hier die Hoffnung setzte, war in diesem Wintersemester 1929/30 schon auf dem Weg.

 

 

Dem Raunen lauschen

 

 

"Der Mensch spricht nur, indem er der Sprache
entspricht. Die Sprache spricht."
(Heidegger, 1950)

 

 

Die richtige Gestimmheit, die das In-der-Welt-Sein als Ganzes schon erschlossen hat, haben für Heidegger vor allem 'die Griechen'. Sie werden für seine Philosophie zugleich konstruierter Fluchtpunkt und Quelle der Autorität, müssen herhalten, wenn unabweisbare Wahrheiten zu bezeugen sind. Heideggers Griechen haben mit den Griechen, die dem Rest der Welt bekannt sind, wenig gemein, er orientiert sich an wenigen Philosophen des fünften und sechsten vorchristlichen Jahrhunderts -- vor allem an Anaximander, Heraklit und Parmenides. Den Rest -- Geschichte, Politik, Wirtschaft, Sozialstrukturen und die meisten kulturellen Hervorbringungen -- klammert Heidegger ebenso aus wie die Zeit ab Sokrates. Selbst das wenige, das Heidegger als 'das Griechische' verkaufen möchte, hat kaum Ähnlichkeit mit dem, was philosophische, philologische oder historische Forschung erarbeitet haben. Aus der Sicht Heideggers ist diese Ignoranz notwendig, versäumt das bloß Wissenschaftliche doch stets, das 'Eigentliche' zu denken. So, von Beginn an immunisiert gegen alle möglichen Einwände von Seiten der Wissenschaft, hat Heidegger freie Hand bei der Konstruktion 'seiner' Griechen: zusammenphantasierte Figuren, ursprüngliche Hirten des Seins, lauter Heideggers in Togen. Wie Münchhausen kann Heidegger am Schopf dieser zurechtgestutzten Griechen die eigene Philosophie aus dem Sumpf ziehen.

 

Überliefert sind von den Vorsokratikern nur Fragmente, die Heidegger mit seiner Methode der fortwährenden Zertrümmerung auslegt. Die Fragmente werden zunächst in Sätze zerlegt und dann, gelegentlich unter bewußter Umgehung der gegebenen syntaktischen Strukturen, in einzelne Worte aufgeteilt; oft werden auch die Worte weiter auseinandergenommen. Aus diesem Scherbenhaufen legt Heidegger schließlich ein Mosaik zusammen und präsentiert es als 'eigentliche' Übersetzung. Sein vornehmliches Interesse gilt vereinzelten Worten, die er gerne durch weitschweifige Herleitungen auf archaisch-authentische Bedeutungskerne zurückzuführen und durch Wortspielereien in einen tiefgründigen Zusammenhang mit anderen Worten zu bringen sucht. Am Beispiel der Übersetzung von 'parousía' bzw. 'ousía' als 'Anwesenheit' macht Ernst Tugendhat auf einen der "hahnebüchensten Heideggerschen Taschenspielertricks" aufmerksam, wenn er darauf hinweist, daß 'ousía' zwar über die vorphilosophische Bedeutung 'Eigentum' auch als '(bäuerliches) Anwesen' verstanden werden kann, dies aber nicht dazu berechtigt, hieraus eine "ontologisch-temporale" Bedeutung 'Anwesenheit' zu konstruieren. Bedeutungen werden, wortspielerisch plausibel gemacht, den übersetzten Worten untergeschoben, um später als tiefgründige Zusammenhänge wieder hervorgezaubert zu werden. Natürlich trifft die Kritik Tugendhats die Heideggerianer nicht, ist doch Heideggers Übersetzungsarbeit als seinsgeschichtliche immun gegen wissenschaftliche Argumente, und zusätzlich ist sie, den Regeln pneumatischer Exegese gehorchend, gegen Irrtum gefeit.

 

Ein weiteres Ziel, das Heidegger mit seiner speziellen Form der Übersetzung einzelner 'Urworte' ansteuert, ist es, die innere Verwandtschaft zwischen der griechischen und der deutschen Sprache nachzuweisen, den ausgezeichneten und einzigen für das Denken geeigneten Sprachen. [5] Die entstellende Übersetzung griechischer Satz- und Wortfetzen in ein entstelltes Deutsch, jenen "Jargon der Eigentlichkeit" (Adorno) als Fiktion einer ursprünglich-künftigen Sprache, in der das Sein selbst spricht, täuscht die Stichhaltigkeit der grotesken These eines sprachlichen Rassismus vor: 'Die Deutschen' seien das Volk, das auserwählt sei, das seinsgeschichtliche Erbe 'der Griechen' anzutreten; den Angehörigen anderer Sprachgemeinschaften, wie der romanischen, seien wesentliche Einsichten qua falscher Sprache unmöglich.

 

Heideggers sprachlicher Rassismus diskriminiert aber nicht nur die Mitglieder anderer Sprachgemeinschaften, ihm fällt ebenso die Mehrzahl der deutschen native speakers anheim, die dem esoterischen Jargon nicht folgen (wollen), was Heidegger so interpretieren würde, daß sie noch nicht sich selbst in ihren Möglichkeiten wollen. [6] In seinen 'Übersetzungen' aus dem Griechischen wie in seinem quasi-deutschen Jargon kommt es zu einer Manipulation und Zensur auf der Ebene des Vokabulars, die sich grundlegend von der in Fachsprachen anzutreffenden Verbiegung normalsprachlicher Ausdrücke unterscheidet, auch wenn diese Fachsprachen den normalen Sprecher ebenfalls zu befremden vermögen. Wenn Mathematiker die Begriffe 'Filter', 'Gruppe' oder 'Spur' verwenden, könnten sie einem Laien kaum ohne weiteres klar machen, was sie damit meinen. Und auch 'Kraft' oder 'Feld' haben in der Physik eine sehr spezielle, mit der Umgangssprache nicht konforme Bedeutung. Allerdings sind diese Bedeutungen und die Funktion der Termini klar umrissen und in wissenschaftlichen Diskursen auf die Probe gestellt. Letztlich unterscheidet sich die Struktur der Fachterminologie in den Wissenschaften -- und den meisten Bereichen der Philosophie -- nicht von natürlich gewachsenen Sprachen: Die Termini sind geprägt durch Konvention und Sprachpraxis. Genau die damit einhergehende Arbitrarität bestreitet Heidegger für sein Vokabular, wenn er es mit seinsgeschichtlicher Dignität ausstattet und zugleich eine Offenlegung durch klare (und somit anfechtbare) Definitionen verweigert. Damit wird einem egalitären Dialog -- selbst innerhalb der 'überlegenen' deutschen Sprachgemeinschaft -- der Boden entzogen und ein intellektuell unredlicher Jargon produziert. Nicht die zustimmungsfähige Plausibilität des argumentativ untermauerten Gedankens, ausgedrückt in Sätzen mit allgemein akzeptiertem oder wenigstens explizit eingeführtem Vokabular, sondern eine exponierte, in ihrer Nähe zum 'Sein' selbst fundierte Sprachkompetenz, die allen anderen abgesprochen wird, soll konstitutiv für die Wahrheit eines Satzes sein. Nicht der bloße Fetischismus des Wortes zeichnet Heidegger aus, sondern die Okkupation des Fetisch. Wer Heidegger widersprechen will, so die Denkfigur, sei schlicht unfähig, die wahre Sprache zu gebrauchen oder wirklich zu denken: "Alles Widerlegen im Felde des wesentlichen Denkens ist töricht." So verweigert er sich jedem gleichberechtigten Diskurs durch eine Sondersprache, deren einzig kompetenter Sprecher und deren letzte Autorität Heidegger darstellt, einvernehmlich Hand in Hand mit dem 'Sein' selbst -- der gelehrige Heideggerianer darf ein wenig partizipieren. Legitime Einsprüche gegen die eigene Position werden zur sprachlichen Inkompetenz herabgewürdigt, Kritik wird durch den Entzug der sprachlichen Möglichkeiten, die Kritik überhaupt seins-angemessen formulieren zu können, absolut ausgeschlossen: Wer Heidegger widerspricht, versteht eben die Sprache des Seins nicht.

 

Zu legitimieren sucht sich dieser Verbalismus nicht durch einen Bezug nach außen, was je argumentativ erfolgen müßte, sondern nach innen, durch 'Aufdeckung' eines Netzes ungeahnter Beziehungen innerhalb dieses Wortgeflechts. Den Anschein von Tiefsinn und Zwangsläufigkeit erreicht Heidegger vornehmlich über Wortspiele: die Figura etymologica ("Das Nichts [...] nichtet.", "die Zeit zeitigt", "Welt weltet"); die Paronomasie ("Nur was so be-stellt ist, daß es sich auf der Stelle zur Stelle stellt, besteht als Bestand und ist im Sinne von Bestand beständig. Das Beständige besteht in der durchgängigen Bestellbarkeit innerhalb solcher Gestellung.", "Das Geraff rafft und zwar hinweg in das Getriebe des Betriebes."); weitschweifige Assoziationsketten, die als pseudo-etymologische Herleitungen fungieren; sowie Rückgriff auf ungebräuchliche Worte ("Fug", "Ruch", "Grimm"). Das so entworfene Heideggersche Wortnetz folgt einigen Strukturprinzipien. Zunächst wird je nach Bedarf der grammatische Stellenwert von Grundworten variiert: "das Wesen" -- "es west", "das Anwesende" -- "es west an". Die Verwendung von Präfixen erlaubt semantische Abwandlungen: "der Fug" -- "der Un-Fug", "der Ring" -- "das Gering". Sodann gehäufte Substantivableitungen: zu bestellen etwa "die Zirkulation des Bestellens des Bestellbaren in die Bestellung", zu zeigen "das Zeigen", "die Zeige" aber auch "die Wahrheit", "die Wahrnis", "das Wahrende", "die Wahr". Schließlich die Abtrennung von Präfixen: "Ge-Stell", "Unter-Schied". Verben, besonders aktive, tilgt Heidegger wo immer möglich, dafür erhalten die Substantivierungen personalen Charakter, antiken Göttern gleich. So ergibt sich das durchaus beachtliche Vokabular Heideggers aus einem relativ kleinen Bestand an Grundworten in Kombination mit wenigen Präfixen und Suffixen; gleichzeitig entsteht der Eindruck von innerer Kohärenz und Notwendigkeit und damit die Illusion von Sinn.

 

Texte lassen sich aus einem solchen Vokabular beinahe durch simple Kombinatorik erstellen, die formale Struktur garantiert die Verträglichkeit fast aller Begriffe. Nicht selten hat dieser Gleichklang Heideggerscher Texte eine einlullende Wirkung, das Durchhangeln durch die verschiedenen Wortspiele bringt aber oft erstaunliche Ergebnisse hervor. Es wird nicht nur ein Nebensinn konstruiert, sondern auch der Hauptsinn vertrauter Begriffe wird regelmäßig umgekehrt. Daß aus der Gegenwart die "Gegen-Wart" wird, "die uns entgegenwartet" und die der Rest der Welt fälschlich als 'Zukunft' bezeichnet, ist dabei noch harmlos. Anders sieht es aus, wenn in Sein und Zeit das Gewissen als "Aufruf des Selbst zu seinem Seinkönnen" erscheint -- ein inhaltlich leerer 'Aufruf', der nur das Dasein zur Sorge um sich selbst und zu einer unbestimmten 'Entschlossenheit' ermahnt, dabei umso 'eigentlicher' ist, je weniger es durch sittlichen Gehalt "verkehrt" wird. Die Pervertierung des Gewissensbegriffs geht einher mit einer Umdeutung des Begriffes 'Schuld', die so ausgerichtet ist, daß "die auf das besorgende Mitsein mit anderen bezogenen vulgären Schuldphänomene ausfallen". Schuld wird als abgelöst von Handlung und Subjekt verstanden und als ursprünglich und allgegenwärtig nicht nur moralisch entleert, sondern positiv gewendet, ist sie doch auf die "Eigentlichkeit des Daseins" bezogen. Auch beim Begriff der 'Fürsorge' maskiert Heidegger die primäre Bedeutung als soziale Institution durch seine 'eigentliche' Fürsorge, die darin besteht, den Anderen seiner 'Sorge' zu überlassen. Ähnlich steht es um die 'Freiheit', wie sie etwa in der Rektoratsrede verstanden wird. Gelegentlich erfolgt die Verkehrung subtil: Wenn aus dem 'nachdenken über' etwas (nämlich einen Gegenstand), das 'nachdenken von' etwas (nämlich bestimmter Grundworte) wird, dann schmuggelt sich auf raffinierte Weise Ideologie in die Grammatik. Dieser Jargon verbleibt dabei in einem parasitären Abhängigkeitsverhältnis zur Alltagssprache, die als Tagebau für Worthüllen dient, deren Bedeutungen Heideggers Jargon jedoch verschwinden läßt. Pierre Bourdieu bezeichnet dies treffend als "Verdunkelungseffekt qua Formgebung". [7] Etwas schlichter könnte man es Desinformation nennen, würde Heidegger nicht den Anspruch auf Information überhaupt verwerfen. Aus gutem Grund: Sein manipulativer Umgang mit Sprache, der als seins-notwendig auszuweisen sucht, was bloß persönliche Ansichten sind, verweigert sich der Angreifbarkeit begrifflichen Denkens und der Aussagefunktion der Sprache. So plaziert Heidegger sprachliche Maulwürfe, die transportieren, was klar auszusprechen aus Gründen der gesellschaftlichen Akzeptanz kaum möglich ist. Heidegger spricht seine Ungeheuerlichkeiten nicht deutlich aus, er flicht sie in die Sprache hinein, verankert sie auf struktureller Ebene. Wie jede gute Desinformation erlaubt dieses Vorgehen jeden Angriff abzuwehren mit der Behauptung, man sei mißverstanden worden. Zugleich erschafft Heidegger eine Sprache, deren Vokabular es gar nicht mehr erlaubt, moralische, ethische oder rechtliche Inhalte so zu transportieren, wie es für einen gesellschaftlichen Diskurs um Normen nötig wäre. In dieser Funktion ähnelt der Jargon Heideggers dem 'newspeak' aus George Orwells 1984.

 

Eine weitere Eigentümlichkeit Heideggerscher Texte beschreibt Emil Staigers Lektüreerfahrung im Jahre 1928: "Ich [...] fühlte mich unwiderstehlich von der finsteren Gewalt der Sprache gebannt, dieser vielgeschmähten Sprache, dir mir auch heute noch als eine der größten Leistungen auf dem Gebiet der philosophischen Prosa erscheint." Tatsächlich überrascht Heidegger oft mit martialischer Sprache, der 'Kampf' ist allgegenwärtig: "Der [ursprüngliche] Kampf entwirft und entwickelt erst das Un-erhörte, bislang Un-gesagte und Un-gedachte. Dieser Kampf wird dann von den Schaffenden, den Dichtern, Denkern, Staatsmännern getragen. Sie werfen dem überwältigenden Walten den Block des Werkes entgegen und bannen in dieses die damit eröffnete Welt. [...] Das Seiende wird jetzt erst als solches seiend." So klingt es 1935, in einem Duktus, der zu dem der politischen Äußerungen paßt. Da macht es dann auch Sinn festzustellen: Wer "den Kampf nicht besteht, bleibt liegen." Das klingt nicht nur diskriminierend, das will es auch sein: "Wenn das Sein sich eröffnen soll, muß es selbst Rang haben und innehalten. Daß Heraklit von den vielen als den Hunden und Eseln spricht, kennzeichnet diese Haltung. Sie gehört wesentlich zum griechischen Dasein. [...] Das Wahre ist nicht für jedermann, sondern nur für die Starken." Das rücksichtslos Kämpferische vermischt mit Auserwähltheitsgerede und Haß und Verachtung für die anderen, den "heutige[n] Mensch[en] und Affe[n] der Zivilisation", durchziehen Heideggers Werk und machten und machen für nicht wenige die Faszination aus. Seinsgewitter statt Stahlgewitter. Wo das Sein hobelt, da fallen natürlich Späne, und so schreibt Heidegger im Jahr von Stalingrad: "Das Opfer ist die allem Zwang enthobene, weil aus dem Abgrund der Freiheit erstehende Verschwendung des Menschenwesens in die Wahrung der Wahrheit des Seins für das Seiende." Das ist wohlfeil für jemanden, der schon klagt, wenn er kurz für Schanzarbeiten in der Heimatstadt herangezogen wird.

 

Auch die Gewalttätigkeit der Sprache Heideggers und die Verächtlichmachung des Anderen gehören zur 'Gestimmtheit' und vereiteln die distanzierte Lektüre -- Ergriffenheit ist Denkerspflicht. So wird der Leser zum Getriebenen der Texte, wie Heidegger selbst als Getriebener seiner Stimmung erscheint.

 

 

Auf der Lichtung in Deckung gehen

 

 

"Als das hörend dem Sein gehörende ist das Denken,
was es nach seiner Wesensherkunft ist."
(Heidegger, 1946)

 

 

Manches an Heideggers Sprache ließe sich als reine Geschmacksfrage abtun, würde er es nicht selbst auf eine andere Ebene heben:

 

"Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung. Ihr Wachen ist das Vollbringen der Offenbarkeit des Seins, insofern sie diese durch ihr Sagen zur Sprache bringen und in der Sprache aufbewahren."

 

Oder kurz: "Sprache ist lichtend-verbergende Ankunft des Seins selbst." Das wäre das Goldene Kalb der Heideggerschen Philosophie: das 'Sein', im Spätwerk auch das 'Seyn'. Auf das Sein kommt es an und "gerade nicht auf den Menschen, lediglich als solchen" -- 'als solcher' das meint: als "Hirt des Seins" wird die Gattung Mensch benötigt; eine Aufgabe, in die er vom Sein gerufen wurde. Macht er alles richtig, wenn er "in die Wahrheit des Seins ek-sistierend, diesem gehört", dann kann "aus dem Sein selbst die Zuweisung derjenigen Weisungen kommen, die für den Menschen Gesetz und Regel werden müssen." In den Bereich des "wesentlichen Denkens" stoßen nur wenige vor; nach Ansicht Heideggers sind es wohl nur 'seine Griechen', Hölderlin und er selbst, die sich als "Stabhalter der Wahrheit des Seyns" verstehen dürfen und damit zu den "Wenigen" und "Seltenen" gehören, die mit ihrer Sprache dem Sein entsprechen. Diese Seinshörigkeit ist Heideggers Ideal. Mit seinem Denken will er am Haus des Seins bauen, er wagt sich vor in die "Lichtung des Seins". Er beansprucht sogar noch mehr. In der esoterischen Schrift Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis), entstanden 1936-38, entwirft er eine seinsgeschichtliche Apokalypse der "Zukünftigen des letzten Gottes". Enttäuscht über die Entwicklung der realen Geschichte und der Rolle, die er sich darin zugedacht hatte, macht er sich jetzt zum Propheten einer völkisch gestimmten Vision, in deren Zentrum das 'Seyn' steht. Die Sprache dieser Schrift erinnert, nach der Fundamentalontologie von Sein und Zeit, an eine fundamentalistische Theo-Ontologie; sie verlangt, daß der Mensch sich zu fügen habe, beschwört die Weisung des Seins, spricht von der Verfügung des Gottes und setzt den Menschen, der dem nicht entspricht, in Anführungszeichen. Die dem Sein entsprechende Sprache wird "Geschichte gründendes Wort" und ist "ursprünglichste Entmenschung des Menschen" -- wohlgemerkt, Heidegger versteht das positiv. Das höchste ist ihm, dem Sein gehorchend zu denken, womit jede Verantwortung negiert wird. Hieraus erklärt sich, daß Heidegger nach 1945 nicht verstand, was man von ihm wollte, etwa im Bereinigungsausschuß der Universität Freiburg. Wenn es die Sprache ist, die spricht und darin nur dem Sein Gehorsam schuldet, dann ist der Denkende (als 'wesentlicher' Mensch) nur Medium, durch den hindurch das Sein spricht: "Das Denken bringt [...] in seinem Sagen nur das ungesprochene Wort des Seins zur Sprache." Heidegger ist nicht verantwortlich zu machen, die Rede von einer ihm zurechenbaren Schuld innerhalb dieses Denkens sinnlos. Dem Befehlsnotstand dem Sein gegenüber entsprechend, sind aus Heideggers Denken alle Begriffe, die für ethische oder rechtliche Reflexionen geeignet wären, schon seit Sein und Zeit getilgt oder umgewertet. Wenn der einzelne Mensch nicht zählt, durch Seinshörigkeit und Seinsgeschichte kaltgestellt ist, besteht das 'Böse' nicht in einem im moralischen Sinne falschen Handeln eines Menschen, sondern in der "Bösartigkeit des Grimmes" der im Sein selbst 'west'. Zum Vokabular der vollständigen Umdeutung des Handelns in passives Durchstehen gehören ebenso das "Ge-Stell" und das "Ereignis" als Grundwort des späten Heidegger. Wie nicht anders zu erwarten 'ereignet' das Ereignis Welt; es schickt die Seinsgeschichte zu, es 'braucht' den Menschen als solchen jedoch für den 'Brauch': "Das Ereignis ereignet den Menschen in den Brauch für es selbst."

 

 

In dieses Vokabular gehört auch die "Erschweigung": "Die Sprache allein ist es, die eigentlich spricht" -- über Sprechwerkzeuge verfügt sie natürlich nicht, sondern sie spricht lautlos. Da muß der Mensch seinen Kehlkopf herhalten. Der Mensch kann nur sprechen, indem er der Sprache entspricht, nachsagt, was sie schweigend zu sagen vorgibt. Die Menschen sind "die zum Sprechen der Sprache Gebrauchten." Greifbar wird hier aber nichts, denn der Trick Heideggers ist es, daß sich die 'Sage' nicht in einer Aussage einfangen läßt, die ebenso für einen defizienten Modus des Denkens stünde wie begriffliches Denken und herkömmliche Logik, ja daß das Eigentliche nicht einmal gesagt, sondern "er-schwiegen" wird:

 

"Das höchste denkerische Sagen besteht darin, im Sagen das eigentlich zu Sagende nicht einfach zu verschweigen, sondern es so zu sagen, daß es im Nichtsagen genannt wird: das Sagen des Denkens ist ein Erschweigen."

 

Das ist die bis ins letzte durchgeführte Strategie, eine vollständige Unwiderlegbarkeit des eigenen Denkens zu erreichen und zugleich jede Rechenschaft zu verweigern. Nicht Heidegger ist es, der etwas sagt, es sind das Sein, die Sprache etc., denen er entspricht, es entsteht auf unbegriffliche Weise keine Aussage, schweigt um das Gesagte herum und ist für die, die hier nicht einstimmen wollen, ohnehin nicht bestimmt, denn nur wenige auserwählte Deutsche vermögen eigentlich zu denken.

 

 

Das Große im Sturm

 

 

"Heideggers Denkungsart, die mir ihrem Wesen nach unfrei,
diktatorisch, communikationslos erscheint, wäre heute in
der Wirkung verhängnisvoll. Mir scheint die Denkungsart
wichtiger als der Inhalt politischer Urteile, deren Aggressivität
leicht die Richtung wechseln kann."
(Karl Jaspers, Gutachten für den Bereinigungsausschuß
der Universität Freiburg, 22.12.1945)

 

 

Martin Heidegger entzieht seine Philosophie dem Diskurs, der die Anerkennung anderer gleichberechtigter Teilnehmer voraussetzt, und so sind die einzigen Möglichkeiten, sich zu seinen Texten zu verhalten, die Exegese unter Anerkennung einer ans Prophetische grenzenden Autorität Heideggers oder aber die vollständige Ablehnung, die Häresie. Der Produktion von Sekundärtexten zu Heidegger merkt man diese Polarisierung an: Seinen Jüngern bleibt keine Wahl, als durch bloßes Arrangieren der Orakelsprüche des Meisters neue Texte zu produzieren. Verbietet sich die Paraphrase ebenso wie Erläuterung, Interpretation oder Weiterentwicklung, dann liegt das Heil allein in der Wiederholung als einer Beschwörung der Sprache des Seins, die eine vollständige Unterwerfung unter die Sprache Heideggers bedeutet. Als Denken für Eingeweihte, das sich über jede mögliche Kritik erhaben dünkt -- die es schlicht als Denken in Anführungszeichen von Menschen in Anführungszeichen versteht --, ist seine Geste die der Ausgrenzung. Als Verfallsformen und Uneigentlichkeit, ja Verrat am 'Sein' werden das römisch-lateinische, das christliche und besonders das jüdische Denken ebenso verworfen wie jede Form der Rationalität, die den Anderen ernst nimmt und die eigene Position als möglich fehlbar zur Diskussion stellt. Aus dieser Perspektive setzt die Entscheidung für eine kritische Rationalität jeweils eine moralische Wahl voraus, und es war Heidegger, der sich anders entschieden hat. Gegen die Redlichkeit des Intellektuellen, der sich mit seinem Denken dem öffentlichen Diskurs stellt, setzt Heidegger die abgeschlossene Selbstzufriedenheit seines Jargons. So zeigt sich schon auf der Ebene der Sprache die totalitäre Tendenz eines Denkens, das etwas anderes als eine völlige Unterwerfung des Denkens unter seine Sprache nicht zulassen kann. Es erscheint zynisch, wenn Heidegger sogar noch für eine vorgebliche Rationalitäts-, Sprach- oder Subjektivitätskritik gelobt wird, diese Leistung gar für die Nachwelt fruchtbar gemacht werden soll.

 

Daß Heidegger in seiner historischen Situation zum Anhänger des Hitlerismus wurde, ist eine Folge seiner Philosophie. Die Neigung zu totalitären Systemen mit völkischem Charakter liegt ebenso in ihrer Konsequenz wie das Schulterzucken, das dieses Denken für die Opfer des Nationalsozialismus aufbringt und die Verweigerung jeder Stellungnahme oder Verantwortung. [8] Als einziger 'Irrtum' erscheint aus der Sicht Heideggers, daß er eine kurze Zeit glaubte, sich in einer historischen Situation zu befinden, die es ihm erlauben würde, weniger verdeckt als sonst auszusprechen, was im Kern seines Denkens und seines Jargons liegt: eine tiefe Inhumanität, eine Gewalttätigkeit des Systems der Begriffe, die der Wortschwall Heideggers verbirgt und als Unterströmung mitführt.

Mit großer Geste ist das "Herrchen des Seins", um ein Wort Elfriede Jelineks zu gebrauchen, denkend in die "Offenheit der Lichtung" getreten und verlangte Gehör. Noch heute wird es ihm gerne entgegengebracht, wird Heidegger zum größten Denker des 20. Jahrhunderts erklärt. Selbst ehrenwerte Intellektuelle vertreten die These, das Politische ließe sich als biographisch vom Philosophischen abtrennen, und so sei sein Denken zu retten. Aber es ist sein Denken, durch das sich Heidegger kompromittiert hat, und Georges-Arthur Goldschmidt hat nicht als erster und nicht als letzter darauf hingewiesen: "Heideggers Nationalsozialismus liegt im Wesen seines Denkens, und es geht darum zu wissen, was das zu bedeuten hat."

 

 

Anmerkungen

 

 

[1] Für eine immanente Werkanalyse sei auf die Habilitationsschrift von Hassan Givsan, Heidegger -- das Denken der Inhumanität, verwiesen.

 

[2] Im Spiegel-Interview von 1966 beklagte sich Heidegger im Bezug auf das Verständnis des Wesens der Technik: "Der Nationalsozialismus ist zwar in die Richtung gegangen; diese Leute waren aber viel zu unbedarft im Denken, um ein wirklich explizites Verhältnis zu dem zu gewinnen, was heute geschieht [...]."

 

[3] Ein Wort des Angedenkens an die Opfer des Holocaust findet Heidegger nicht. Das gelingt ihm in einem anders gearteten Fall sehr wohl: Vor einer Vorlesung am 20. Juni 1952 ruft er seine Hörer zum Besuch der Ausstellung "Kriegsgefangene reden" auf. Dort soll die "lautlose Stimme" gehört werden, denn "Andenken bedenkt, was uns angeht. Wir sind noch nicht in dem gemäßen Raum, um über die Freiheit nachzudenken und auch nur davon zu reden, solange wir auch gegenüber dieser Vernichtung der Freiheit den Blick verschließen." -- Heideggers Sohn befand sich in russischer Kriegsgefangenschaft, der Holocaust dagegen ging ihn offenbar nichts an.

 

[4] So Jürgen Busche, der sich ohne die bei der Lektüre Heideggers gewonnene "Bewußtseinsschärfe" sein "Leben heute nicht mehr vorstellen könnte". Die Nazi-Verstrickungen Heideggers sind ihm dabei schlimmstenfalls "Peinlichkeiten", die Arbeit von Farías eine "Farce", der Rest egal. Das Denken Heideggers bleibt Busche sankrosankt -- und von überragender Größe, auch weil dort nicht diskutiert wird, anders als bei Aristoteles, Thomas von Aquin oder Immanuel Kant.

 

[5] Im Spiegel-Interview sagte Heidegger: "Ich denke an die innere Verwandschaft der deutschen Sprache mit der Sprache der Griechen und deren Denken. Das bestätigen mir heute immer wieder die Franzosen. Wenn sie zu denken anfangen, sprechen sie deutsch; sie versichern, sie kommen mit ihrer Sprache nicht durch."

 

[6] Betrachtet man den Zusammenhang seiner gesamten Philosophie, trifft dies sogar mehr als nur die Sprecher-Rolle. Der ehemalige Heidegger-Schüler Rainer Marten weist darauf hin, wenn er schreibt: "Von der Warte des dichtenden, denkenden, deutschen und nahezu zukünftigen Menschen aus diskriminiert er den je gegenwärtigen Menschen -- bei aller glückenden Lebenspraxis -- als Menschen. Seine Geschichtsphantasie läßt 'jetzt' noch keinen Menschen zu, der 'eigentlich' Mensch wäre."

 

[7] Bourdieu erläutert: "Diese elementare Form der Euphemisierung kaschiert [...] eine weitere, sehr viel sublimere, die darin besteht, die wesentliche Eigenschaft der Sprache: das Primat der Relationen gegenüber den Elementen, der Form gegenüber der Substanz [...] zur Verdunkelung der verdrängten Elemente derart auszunützen, daß diese einem Netz von Relationen eingefügt werden, das ihren Wert, nicht aber ihre 'Substanz' modifiziert."

 

[8] Die Nebenwirkungen des Seinsdenkens Heideggers faßt Tugendhat folgendermaßen zusammen: "Deutlicher kann man es nicht sagen: die Seinsfrage ist an die Stelle der Ethik getreten, ist Ethikersatz. Wenn gleich sich der späte Heidegger [...] wieder vom Faschismus entfernt hat, muß eine Position die Verantwortlichkeit, Freiheit und Wahrheit nicht nur ausläßt, sondern durch anderes ersetzt, immer Faschismus-anfällig bleiben."

 

 

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Thomas Assheuer, Er spricht vom Rasseprinzip
Zu Heideggers Schwarzen Heften aus dem Nachlass
DIE ZEIT, Nr. 1 2014, 27. Dezember 2013
Assheuer, Er spricht vom Rasseprinzip.pd
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Thomas Assheuer, Geschockt von Schwarzen Heften
Günter Figal legt den Vorsitz der Heidegger-Gesellschaft nieder
DIE ZEIT, Nr. 4 2015, 5. Februar 2015
Assheuer, Geschockt von Schwarzen Heften
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Günter Figal, Umstrittener Philosoph
"Überlegungen zum Judentum, die eindeutig antisemitisch sind" -
Günter Figal, Vorsitzender der Heidegger-Gesellschaft zum erneuerten Vorwurf des Antisemitismus gegen Martin Heidegger
Figal, Umstrittener Philosoph.pdf
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Frank Madro, "Das Herrchen des Seins"
Heidegger und der Jargon der Unredlichkeit, parapluie.
elektronische zeitschrift für kulturen - künste - literaturen
http://parapluie.de/archiv/worte/heidegger/
Madro, Das Herrchen des Seins Original.p
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Peter Trawny, Eine neue Dimension
Zu Heideggers Schwarzen Heften aus dem Nachlass
DIE ZEIT, Nr. 1 2014, 27. Dezember 2013
Trawny, Eine neue Dimension.pdf
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