Karl Marx (1818-1883)

 

 

Marx' Weltanschauung – Mutmaßungen und Verirrungen. Versuch einer kritischen Einschätzung

 

 

Ulrich W. Diehl

 

 

Karl Marx (1818-1883) war kein Philosoph im sokratischen Sinn der europäischen Tradition von Platon und Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin, Kant und Hegel. Während Hegel sich noch lange mit dem philosophischen Problem der radikalen Skepsis und der Frage nach ihrer Überwindung durch rationale Philosophie und methodische Wissenschaft auseinandergesetzt hat, hatte den späteren Marx an Hegel fast nur noch die spätere Endgestalt seiner Philosophie des absoluten Geistes interessiert, wie sie zuletzt in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts zum Ausdruck gekommen war. Dabei hatte Marx jedoch später auch philosophische Vorbehalte gegen Hegels spekulative Wissenschaft der Logik (1812/16) wegen der heiklen Aufgabe des Prinzips vom Widerspruch. Aristoteles hatte dieses Prinzip zurecht für evident gehalten, obwohl es nicht weiter begründbar ist, da jeder Versuch einer Begründung es bereits voraussetzen müsste. Marx folgte in dieser Hinsicht der anti-hegelianischen Auffassung des Neo-Aristotelikers Adolf Trendelenburg, der Hegel dafür in seinen Logischen Unterusuchungen (1840) kritisiert hatte.

 

 

Ein genuin philosophisches Interesse für Hegels frühere entwicklungslogische Konzeption des menschlichen Bewußtseins und Geistes in seiner Phänomenologie des Geistes (1806) scheint Marx kaum gehabt zu haben. Wie einen gesellschaftskritischen Enthüllungsjournalisten leitete ihn eher eine Hermeneutik des Verdachtes und er dachte zunehmend wie ein Politiker nur vom Ende her: Cui bono? – Wem nützt das? Marx war Vieles zugleich in Personalunion: politischer Journalist, engagierter Gesellschaftskritiker, philosophierender Ökonom ohne methodische Empirie und ohne Mathematik, selbst ernannter Protagonist der Arbeiterbewegung und pseudo-wissenschaftlicher Sozialist, Erfinder der allzu simplen Geschichtsideologie des Historischen Materialismus und damit eines bis heute nachwirkenden Fortschrittsmythos. Aber er war nie ein genuiner Philosoph, der mit methodischer Skepsis sich selbst und seine Mitstreiter prüfte, was er selbst und die Anderen wirklich von alledem wissen können, tun sollen und hoffen dürfen.

 

Marx muss zwar hauptsächlich als ein politischer Ökonom verstanden, untersucht und bewertet werden, um ihm gerecht zu werden. Denn Marx' dreibändiges Hauptwerk Das Kapital (1867-1894) ist eine ökonomisch-politische Abhandlung, wie sein Untertitel Kritik der politischen Ökonomie besagt. Aber gerade, weil Marx kein genuiner Philosoph gewesen ist, der mit methodischer Skepsis über die Grundprobleme der theoretischen und praktischen Philosophie, also über Logik und Erkenntnistheorie, Ontologie und Metaphysik sowie über Ethik, Rechtsphilosophie und Politische Philosophie nachgedacht hat, hat er in eben diesen Problembereichen weltanschauliche und menschenbildliche Voraussetzungen gemacht, die seinem Hauptwerk stillschweigend zugrunde liegen. Sind diese Voraussetzungen falsch oder auch nur anfechtbar und problematisch, dann ist sein Haupwerk auf Sand gebaut. Daher handelt dieser Essay primär von Marx' Weltanschauung und Menschenbild und erst sekundär vom ideologischen Erbe des Marxismus.

 

 

1. Marx Kritik an der Hegelschen Rechtsphilosophie

 

 

Hegels innovative Rechtsphilosophie atmete noch den Geist der Französischen Revolution und des bürgerlichen Liberalismus, der einen kosmopolitischen Aufbruch gegen den Nationalismus, den Ständestaat und die Monarchie bedeutet hatte. Aber während Hegel und seine Schüler bereits von den restaurativen Kräften der historischen Schule des Rechtslehrers Friedrich Carl von Savigny und von katholischen Romantikern wie Friedrich Schlegel und später auch Friedrich Wilhelm Joseph Schelling angegriffen wurden, konnte Marx darin nur noch eine mißliebige “bürgerliche Ideologie” erkennen. Anders als Ludwig Feuerbach und Heinrich Heine verteidigte er nicht mehr den aus Frankreich kommenden neuen Geist der gedanklichen Transformation des ehemals religiös fundierten Naturrechtes in ein egalitäres bürgerliches Vernunftrecht. Vielmehr witterte er nur noch den Verdacht, dass die neuen Ideen von “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” als “bürgerliche Ideologie” vor allem dem aufstrebendem Bürgertum dienten, aber nicht dem “Dritten Stand” der lohnabhängigen Arbeiter, der Bauern ohne eigenes Land, der Tagelöhner und der Leibeigenen.

 

Kant wollte mit seiner aufgeklärten Rechtslehre im anti-höfischen Geiste Jean-Jacques Rousseaus die einfachen Leute wie Arbeiter, Bauern und Handwerker verteidigen, indem er das Grundrecht auf die Verfügungsgewalt über die Früchte ihrer eigenen Arbeit minutiös aus basalen Implikationen der praktischen Idee des Rechtes herleitete. Als ehemaliger Theologiestudent knüpfte Hegel mit seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts weitgehend an die ethischen Intentionen und die skeptische Methode von Kants säkularisierter Rechtsphilosophie an, obwohl er sie auch entindividualisierte, um anders als Kant auch dem Gemeinschaft stiftenden Geist der Liebe und der Familie gerecht werden zu können.

 

Anders als Kant hatte Hegel auch ein lebhaftes Interesse an der neuen Nationalökonomie und studierte dazu Adam Smiths The Wealth of Nations. Hegels Interesse an der Ökonomie hatte nicht zuletzt mit den ethischen und politischen Problemen der Verarmung in der Bevölkerung zu tun, denen mit Recht und Rechtsphilosophie kaum beizukommen war. Aber der niemals bloß national, sondern immer auch international denkende Hegel wollte dabei Fichtes isolationalistisches Ideal eines möglichst autarken und geschlossenen Handelsstaates überwinden.

 

Doch aus England wehte bereits ein anderer Wind, der durch neuere technologische Entwicklungen und Industrialisierungen ausgelöst wurde. Dadurch entstanden neue Probleme der massenhaften Pauperisierung der Bevölkerung und der Ausbeutung von lohnabhängigen Arbeitern. Es war die technische Erfindung der mechanischen Webstühle und Mühlen, der Dampfmaschinen und der Eisenbahnen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in den industrialisierten Städten zu einem bisher ungekannten Ausmaß an Arbeitslosigkeit führte. Dadurch wuchs die Abhängigkeit der lohnabhängigen Arbeiter von den neuen Fabrikbesitzern, die über rechtlich geschütztes Eigentum an den neuen technischen Produktionsmitteln verfügten.

 

Das erzeugte nicht nur bei Karl Marx, sondern auch bei einigen anderen, vornehmlich französischen Frühsozialisten berechtigten Unmut über die bürgerlichen Rechte auf Eigentum, Grund und Boden, die von Kant und Hegel im Anschluss an das neuzeitliche Naturrecht mühsam hochgehalten und verteidigt wurden. Dieser Unmut über die bürgerlichen Rechte auf Eigentum, Grund und Boden waren jedoch nur teilweise berechtigt, weil diese bürgerlichen Rechte nicht an sich verkehrt waren, insofern sie nur eine minimale rechtsstaatliche Schutzstruktur realer Besitzstände waren. Eine neue Chancengleichheit im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie eine gerechte Güterverteilung durch Steuern, Renten und sozialstaatliche Zuwendungen konnte mit dem bloßen Eigentumsrecht freilich noch nicht erreicht werden. Aber weder Marx noch die Frühsozialisten hatten erkannt, dass diese bürgerlichen Rechte an sich etwas allgemein Nützliches und Gutes waren, wenn es darum ging die höheren politischen Ziele des sozialen Friedens aufgrund von weitgehender Freiheit und Gerechtigkeit zu schützen.

 

Aber diese vom Rechtsstaat geschützte Rechtsordnung kann freilich keinem Menschen etwas nützen, der über gar kein nennenswertes Eigentum verfügt und keinen eigenen, seine gegenwärtige und zukünftige Existenz sichernden Grund und Boden sein eigen nennen darf. Also hätte es ihnen von Anfang an eigentlich eher darum gehen müssen, dass alle Menschen in einer bürgerlichen Gesellschaft möglichst gleiche Chancen haben, durch schulische Ausbildung, berufliche Bildung und durch ihre lebenslangen Anstrengungen, eigenes Eigentum nicht nur am unmittelbar Lebensnotwendigen, sondern auch an Gütern erwerben zu können, die die eigene Existenz bis ins Alter sichern, wie ein Eigenheim, eine Altersvorsorge, eine Krankenversicherung sowie eventuell auch eigenen Grund und Boden. Aber an dieser Einsicht fehlte es Marx und den Frühsozialisten anders als den späteren Sozialdemokraten und kantianischen Sozialisten wie Leonhard Nelson.

 

 

2. Marx' materialistische Weltanschauung und materialistisches Menschenbild

 

 

Da Marx kein methodisch skeptischer Philosoph wie Kant oder Hegel gewesen ist, hat er sich im alltäglichen Geschäft des politischen Engagements verirrt. Kant und Hegel hatten beide noch das geistige Erbe von Platon und Aristoteles aufgenommen und geprüft, zusammengeführt und neu gewichtet, teilweise bewahrt und teilweise erneuert. Marx sah in Hegel mehr und mehr den Philosophen einer “bürgerlichen Ideologie” und des “absoluten Geistes”. Für Marx schien sich Hegel mehr für die Religionen, Künste und Philosophien zu interessieren als für die konkreten Menschen in ihren gesellschaftlichen Verhältnissen von Arbeit und Produktion. Daher suchte sich Marx einen neuen Helden und ein Gegenbild zur klassischen griechischen Philosophie und zur christlichen Theologie, die auch noch für Kant und Hegel auf verschiedene Art und Weise prägend gewesen sind. Seinen Anti-Helden fand der Sohn eines zum Protestantismus konvertieren jüdischen Bürgers in dem griechischen Philosophen Demokrit.

 

Demokrit (ca. 460-370 v.Chr.) war ein vorsokratischer Materialist, der wie alle Vorsokratiker darüber spekulierte, woraus der Mensch und die Welt im letzten Grunde bestehen. Aber anders als die meisten Vorsokratiker glaubte Demokrit weder an Götter noch an einen vernünftigen Weltgeist noch an eine gewisse Anzahl von Elementen, wie Feuer, Wasser, Erde und Luft, aus denen alles in der Welt elementar zusammen gesetzt sein soll. Der Mensch und die ganze Welt bestehen für ihn letzten Endes nur aus kleinsten materiellen Teilchen, die sich im leeren Raum bewegen und aufgrund ihrer Bewegungen die beobachtbaren Veränderungen in den Dingen hervorrufen.

 

Demokrit diente Marx als Antiheld der damals neuen materialistischen Denkweise, die vor allem durch das naturalistische Naturverständnis seit Charles Darwin befeuert worden war. Ohne einen intelligenten Schöpfergott sollen nicht nur das ganze raum-zeitliche Universum, sondern auch das Leben auf der Erde von selbst entstanden sein. Nur der Zufall und die Naturgesetze sollen am Werk gewesen sein, als sich aus kleinsten Teilchen von anorganischer Materie zuerst die ersten primitiven Formen von organischem Leben, zuerst Einzeller und Würmer, dann Fische und Reptilien, dann Säugetiere und Vögel und schließlich Primaten und Menschen entwickelt haben.

 

Aber der Zufall und die Naturgesetze wirken nicht, denn sie sind keine Substanzen mit Potentialen für kausale Kräfte in Raum und Zeit, sondern sie gehören nur zu den Bedingungen dessen, was geschieht und geschehen kann. Außerdem widersprechen die bloßen Annahmen der Existenz von Raum und Zeit sowie der Existenz von Zufällen und Naturgesetzen der materialistischen Behauptung, dass es letzten Endes nur kleinste materielle Teilchen gibt, die sich im leeren Raum bewegen. Denn Raum und Zeit, Zufälle und Naturgesetzte sind selbst keine materiellen Teilchen, die sich in Raum und Zeit bewegen. Sonst müssten sie sich in sich selbst bewegen, was eine absurde Aussage und zirkuläre Vorstellung wäre, es sei denn man hielte sie für intelligente Lebewesen. Deswegen ist dieser Materialismus eine in sich selbst widersprüchliche Weltanschauung und mithin schlechte Philosophie. Marx hatte sich in seiner Opposition gegen Kant und Hegel verrannt und er hat dabei von seinem Anti-Helden Demokrit eine allzu simple Weltanschauung übernommen, die bereits von Sokrates, Platon und Aristoteles aus triftigen Gründen verworfen worden war.

 

Aber wenn der Materialismus nicht einmal die raum-zeitliche Welt der Physik widerspruchsfrei erklären kann, wie soll er dann das viel komplexere Verhalten von Lebewesen mit Bewusstsein und von Menschen mit Bewusstsein, Sprache und Denken erklären können? Das menschliche Gemüt mit seinen vielfältigen Emotionen, das menschliche Bewusstsein mit seinen verschiedensten höherstufigen Fähigkeiten und selbst der menschliche Intellekt mit seinen Ideen, Prinzipien, Normen und Werten sollen alle der materialistischen Weltanschauung zufolge nur ohnmächtige Epiphänomene des menschlichen Körpers sein und mehr seltsame Sekrete des Gehirns und Nervensystems als dem Zentralorgan des menschlichen Körpers, aber keine dynamische geistige Kraft, die über den Willen das sprachliche Denken und Handeln der Menschen steuern kann und in dieser komplexen Ausgrägung bei keiner Art von höheren Säugetieren oder Vögeln vorkommt.

 

Die Materie soll alle diese Wunder der Natur von selbst durch unglaubliche Serien von natürlichen Zufällen und naturgesetzlichen Notwendigkeiten hervorgebracht haben. Damit trat die auf diese Weise mythologisierte und überhöhte Materie aber selbst als wunderbare Schöpferkraft an die Stelle Gottes. Hegel dachte im spekulativen Anschluss an Heraklit, Spinoza und das Johannes-Evangelium pantheistisch von Gott als absolutem Logos. Dieser göttliche Logos ist für Hegel jedoch anders als für die Deisten nicht nur ein ursprünglicher und schöpferischer Impuls der ganzen Weltgeschichte, die sich nach streng mechanischen Naturgesetzen entwickeln soll, sondern eine immer noch in der Weltgeschichte immanent wirkende kreative Kraft, die unvorhersehbares Neues hervorbringt.

 

Für Marx waren Hegels philosophisch-theologischen Spekulationen wie für Ludwig Feuerbach nur hochfliegende Projektionen eines Professors für Philosophie, dessen tief schürfender Intellekt nicht mehr an den wirklichen und konkreten Problemen der Menschen in der Welt arbeitete, sondern nur die “bürgerliche Ideologie” des Preußischen Staatswesens rechtfertigen, stützen und heiligen sollte. Aufgrund seiner materialistischen Weltanschauung und seiner politisch motivierten Hermeneutik des Verdachtes konnte Marx fortan nicht mehr wie Kant und Hegel zwischen Recht und Unrecht unterscheiden und musste sich deswegen auch in seinem weiteren politischen Kampf dem angeblich wissenschaftlichen Sozialismus auf seinem geschichtlich notwendigen Weg zu einem utopischen Kommunismus verschreiben.

 

Rechtliches und moralisches Unrecht waren Marx fortan nur noch vorübergehende Momente eines naturgeschichtlichen Prozesses im Kampf ums Dasein und damit bloßer Ausdruck der historischen “Widersprüche”, d.h. Interessenkonflikte zwischen menschlichen Individuen und Gruppen als mehr oder weniger bewussten Vertretern von ökonomischen Klassen in ihren geschichtlich notwendigen Klassenkämpfen. Daher hatte sich schon der weltanschauliche Vordenker Karl Marx geirrt und nicht erst die beiden Ideologen und Aktivisten Marx und Engels oder erst der Revolutionär Lenin und der Diktator Stalin. Ihre angeblich wissenschaftliche Weltanschauung des Historischen Materialismus und des weltanschaulichen Naturalismus war eine unwissenschaftliche Ideologie oder – wie sie es nannten – “falsches Bewusstsein”. Denn der Materialismus ist von seinen Anfängen bei Demokrit bis hin zu seinen neuzeitlichen Spielarten bei Feuerbach und Haeckel weder eine notwendige Voraussetzung noch eine logische Konsequenz naturwissenschaftlicher Forschungen.

 

 

3. Philosophische Probleme des Materialismus

 

 

Der Materialismus ist jedoch nicht nur eine in sich selbst widersprüchliche und daher unhaltbare Weltanschauung, sondern er enthält auch ein phänomenologisch und empirisch fragwürdiges Menschenbild. Der Materialismus generiert ein fragwürdiges Menschenbild, weil alle Logiker und Mathematiker in ihrer persönlichen Erfahrung des logischen oder mathematischen Denkens und Schließens, Rechnens und Beweisens mit evident gültigen Regeln des richtigen Denkens und Schließens konfrontiert sind, die ganz einfach nicht aus der natürlichen Welt der materiellen Körper, Organismen und Gehirne stammen können.

 

Aber nicht nur die Regeln der Logik und Mathematik, sondern auch schon die komplexen Regeln der Grammatik kultureller Sprachen sowie der gewohnten Spiele und Sportarten, des alltäglichen Straßenverkehrs oder eines demokratischen Wahlsystems, etc. sind jedenfalls etwas Intelligibles, das nur Menschen mental und intuitiv erfassen und verstehen können, auch wenn sie diese Regeln zuerst kennen lernen und verinnerlichen müssen, um ihnen gewohnheitsmäßig und intuitiv und nicht mehr bewußt und kontrolliert folgen zu können.

 

Der Materialismus ist weiterhin empirisch fragwürdig, da man Regeln, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte weder in den bloß materiellen Bestandteilen der anorganischen Natur noch in den pflanzlichen Lebewesen der organischen Natur wahrnehmen, beobachten oder vorfinden kann. Unbewusste Regeln und Verhaltenspräferenzen tauchen nämlich erst auf der nächsten Stufe der höheren Säugetiere und Vögel sowie bei Primaten und frühen Menschen auf. Aber damit unbewusste Regeln und Verhaltenspräferenzen dann auch bewusst werden können und zu anerkannten Idealen, Prinzipien, Normen und Werten werden können, bedarf es jedoch des kognitiven und propositionalen Selbstbewusstseins, der Willensfreiheit, des sprachlichen Denkens und der sprachlicher Kommunikation wie wir sie bisher nur bei Menschen vorgefunden haben.

 

Zwar können wir Menschen wahrnehmen und beobachten, die in bestimmten Situationen bestimmte Regeln, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte mit ihrem nonverbalen Verhalten und Handeln oder mit ihren Sprechakten und Denkprozessen ausdrücken. Aber Regeln, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte lassen sich auch nicht im menschlichen Gehirn verorten, weder auf der materiellen und neurophysiologischen Ebene der weichen grauen Eiweißmasse des Gehirns noch auf der funktionalen und neuronalen Ebene der elektro-bio-chemischen Gehirnprozesse. Dort können moderne Neurowissenschaftler immer nur neurologische Prozesse finden, die mit dem Verhalten und Handeln, Sprechen und Denken dieser Menschen mehr oder weniger gut korrellieren.

 

Solche Korrelationen zwischen Gehirnprozessen und Verhaltensweisen können zwar von modernen Neurowissenschaftlern festgestellt werden, indem sie sowohl das externe verbale und nonverbale Verhalten von Probanden als auch die von Computern zu Bildern verarbeiteten Daten von ihren internen Gehirnprozessen auf einem Bildschirm gleichzeitig beobachten, identifizieren und zuordnen. Aber auch dann werden sie immer nur gewisse Korrelationen zwischen Typen von internen Gehirnprozessen und Arten von externen menschlichem Verhalten feststellen können.

 

Aber Regeln, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte sind weder direkt im externen menschlichen Verhalten beobachtbar noch in internen menschlichen Gehirnprozessen identifizierbar. Auch sind sie weder mit dem externen Verhalten noch mit den internen Gehirnprozessen identisch. Regeln, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte sind eben etwas Intelligibles, das Menschen nur begrifflich erfassen und intuitiv verstehen können, aber nicht direkt mit ihren fünf Sinnen wahrnehmen (sehen, hören, riechen, schmecken oder ertasten) können.

 

Es gibt zwar auch andere Dinge, die Menschen nicht sinnlich wahrnehmen können, wie z.B. radioaktive Strahlen oder ansteckende Viren. Aber radioaktive Strahlen sind anorganische physische Mikro-Objekte, die organische Zellen in ihrer Struktur schwer schädigen können. Und Viren sind infektuöse organische physische Mikro-Objekte, die sich als Virionen zwar extrazellulär verbreiten, aber nur intrazellulär vermehren können. Aber Regeln, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte sind gar keine physischen Objekte und daher weder anorganischer noch organischer Natur, sondern es handelt sich um intelligible Strukturen, die nur Menschen begrifflich erfassen und intuitiv verstehen können und die in menschlichen Dispositionen und Präferenzen des Denken und Schließens, Verhaltens und Handelns zum Ausdruck kommen können.

 

Seit dem 20. Jahrhundert berufen sich Materialisten jedoch nicht mehr wie Marx auf den alten, vorsokratischen Philosophen Demokrit. Aber auf Charles Darwin berufen sich immer noch die meisten zeitgenössischen Materialisten trotz vieler theoretischer Unklarheiten in seinen beiden Hauptwerken Über die Entstehung der Arten und Die Abstammung des Menschen. Anders als zeitgenössische Naturalisten behauptete Darwin dort, dass man die eigentümliche Natur des Menschen nicht nur durch einige physische Merkmale bestimmen kann, wie z.B. durch den aufrechten Gang, die Körpergröße, das größeres Schädel- und Hirnvolumen, das Fehlen von Reißzähnen, die fehlende Behaarung am ganzen Körper und die angeborene Instinktschwäche.

 

Nach Darwin unterscheiden sich die Menschen vielmehr auch durch einige psychische Merkmale und geistige Vermögen (mental powers) deutlich von allen anderen Lebewesen auf der Erde, wie z.B. durch die Fähigkeit zur Abstraktion durch begriffliches Denken, durch propositionales Selbstbewusstsein, durch die Fähigkeit zum Erwerb und zur Verwendung einer Sprache mit einem komplizierten System von semantischen und grammatischen Regeln, durch den Sinn für Schönheit und für sittliche Güte, durch den Glauben an Gott und geistige Ideale. Charles Darwin ist also selbst kein plumper Materialist oder reduktionistischer Naturalist gewesen. Aber die wenigsten seiner Verehrer kennen und verstehen überhaupt noch Darwins feste Überzeugung von der Sonderstellung des Menschen in der Natur. Statt dessen reduzieren sie seine Evolutionstheorie auf Herbert Spencers Slogan vom Überleben derer, die am besten an die Umwelt angepasst sind (survival of the fittest). Anders als Darwin selbst unterwandern sie damit die spezifisch menschliche Fähigkeit, zu erkennen, was wahr und was gut ist und sich an dem zu erfreuen, was schön und erhaben ist.

 

Zwar bezeichneten sich zeitgenössische Materialisten, wie David Armstrong, Mario Bunge, Paul und Patricia Churchland, Daniel Dennett selbst nur noch selten als “Materialisten”, sondern häufiger als “Naturalisten” oder als “wissenschaftliche Realisten”. Aber das ändert aber nichts daran, dass sie erklären können müssen, ob es Intelligibles wie Regeln, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte wirklich gibt. Denn die ontologische Frage, was es an sich gibt und nicht nur für mich oder jemand Anderen, ist der Härtefall aller philosophischen Überlegungen.

 

Selbst W.V.O. Quine, der Logiker und Mathematiker, behavioristische Sprachphilosoph und wissenschaftliche Realist hatte zugegeben, dass es neben den physikalischen Objekten der modernen Physik und anderer Naturwissenschaften zumindest auch noch Mengen geben muss, weil sich diese basalen Entitäten der Mathematik einfach nicht auf physikalische Objekte reduzieren lassen. Mengen sind aber wie Regeln auch etwas Intelligibles.

 

Die meisten modernen Naturalisten werden vermutlich erklären, dass z.B. die Rede von den Regeln des Schach oder des Basketball und die grammatikalischen Regeln ihrer kulturellen Sprache nur nützliche Fiktionen oder kognitive Idealisierungen sind, aber dass es in Wirklichkeit nur das beobachtbare regelkonforme und regelwidrige Verhalten von Menschen gibt. Diese raffinierte Umdeutung der alltäglichen Rede von Regeln ist jedoch ziemlich künstlich, da wir alle im Alltag zumindest von Regeln und Regelverstößen im Recht und im Straßenverkehr, im Sport und in Spielen reden und dabei voraussetzen, dass es sie schon irgendwie geben wird.

 

Außerdem sind vermutlich nicht nur die meisten wissenschaftlichen Ethnologen und Linguisten, Kultur- und Politikwissenschaftler, sondern auch Pädagogen und Psychotherapeuten, Psychiater und Mediziner, Juristen und Ökonomen fest davon überzeugt sind, dass es in der Kultur, in der sie leben, arbeiten und forschen, selbstverständlich viele verschiedenen Arten von Regeln, Idealen, Prinzipien, Normen und Werte gibt, die sie auf ihrem jeweiligen Gebiet studieren und erforschen, um darüber bestimmte Erkenntnisse und Einflüsse gewinnen zu können.

 

Das bedeutet freilich nicht, dass Regeln, Ideale, Prinzipien, Normen und Werte eigenständige geistige Substanzen in einem zeitlosen Sein, in einem platonischen Himmel oder im ewigen Geist Gottes sind. Aber etwas, das wir mit unserer menschlichen Intelligenz erfassen und verstehen können, sind sie auf jeden Fall, denn sie machen einen erheblichen Unterschied aus und wirken sich zumindest über die Persönlichkeit der Menschen in den sozialen und kulturellen Konventionen und Traditionen unserer gemeinsamen Welt aus. Daher werden sie in den verschiedenen kulturellen Institutionen der Bildung, der Künste, der Religionen und des Rechtes bewahrt und gepflegt.

 

Doch führen diese Überlegungen weit über das materialistische Welt- und Menschenbild von Karl Marx hinaus. Marx war jedoch ein Kind des 19. Jahrhunderts und ist nicht mehr unser Zeitgenosse. Heutige Marxisten müssten daher seine ökonomischen und politischen Konzeptionen darauf hin prüfen, ob sie sich nicht nur in ökonomischer und politischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht überhaupt noch aufrecht erhalten und verteidigen lassen. Das gilt nicht zuletzt auch für sein materialistisches Welt- und Menschenbild, das relevant ist für seine ökonomisch-politischen Studien über Arbeit und Mehrwert, über Eigentum und Produktion, über Geld und Märkte, über die “Widersprüche” bzw. Interessenkonflikte zwischen den Lohnarbeitern und den Eigentümern an Produktionsmitteln sowie zwischen Arbeitern und Kapitalisten, Bauern und Großgrundbesitzern, etc..

 

Solange es jedoch phänomenologische Blindheiten, empirische Mängel, logische Widersprüche und theoretische Ungereimtheiten im materialistischen bzw. naturalistischen Menschenbild gibt, werden sie sich dann auch auf Marx' ökonomische und politische Konzeptionen auswirken und sie in ihrem weltanschaulichen Kern und in ihren philosophischen Voraussetzungen und Konsequenzen schwächen. Das gilt nicht zuletzt auch für die offensichtliche Relevanz von moralischen und rechtlichen sowie ökonomischen und ökologischen Regeln, Idealen, Prinzipien, Normen und Werten im wirtschaftlichen und politischen Verhalten und Handeln der Menschen.

 

 

4. Fünf Dogmen des Marxismus

 

 

Es gibt nun aber auch fünf Dogmen des Marxismus, die von bestimmten weltanschaulichen Auffassungen von Karl Marx abstammen und die nicht erst der folgenreichen Popularisierung und Radikalisierung von Engels und Lenin, Stalin und Mao Dse Dung angelastet werden können:

 

 

1. Das Dogma des materialistischen Determinismus: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

 

Dieses deterministische Dogma ist zu allgemein und zu vage, um es näher verstehen und bewerten zu können. Wenn es nur besagt, dass das Bewusstsein einer bestimmten Gruppe oder Klasse von Menschen durch ihre gemeinsamen Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie durch andere soziale, kulturelle, ökonomische und politische Verhältnisse geprägt oder beeinflusst wird, dann ist es trivial. Aber zu sagen, dass das menschliche Bewußtsein “geprägt” oder “beeinflusst” wird, heißt noch lange nicht, dass es “kausal determiniert” wird. Denn Menschen antworten mit den jeweiligen Dispositionen und Potentialen ihrer Persönlichkeit auf äußere Bedingungen und ihre Antworten werden nicht einfach mechanisch oder kausal getriggert, wie der Speichelfluss von Pawlows Hund. Für das individuelle Bewusstsein von Menschen trifft dies erst recht nicht zu. Außerdem ändern sich die psychischen Dispositionen und mentalen Potentiale, die Vorgänge und Zustände im Bewusstsein und Intellekt einzelner Menschen ständig aufgrund von inneren psychischen Faktoren und aufgrund von äußeren natürlichen oder kulturellen Umständen. Daher können sie im Einzelfall auch kaum zuverlässig vorhergesagt werden.

 

 

2. Das Dogma des naturalistischen Menschenbildes: Menschen sind soziobiologische Lebewesen.

 

Dieses naturalistische Dogma besagt, dass das Bewusstsein und der Intellekt der Menschen vollständig durch die soziobiologische Situation ihres Körpers, also Organismus, Gehirns und Nervensystems bestimmt wird. Dieses naturalistische Dogma verabsolutiert die physischen Bedingungen und aufsteigenden kausalen Einflüsse, aber verneint die absteigenden personalen Bedingungen und Aktivitäten der mentalen Überlegung und rationalen Abwägung von Handlungsoptionen und damit der Fähigkeit der internen Willensbildung und Selbstbestimmung durch die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Optionen im Denken, Urteilen und Handeln. In die mentalen Überlegungen und rationalen Abwägungen von Denk-, Urteils- und Handlungsoptionen gehen aber nicht nur aktuelle Emotionen, Motivationen und Überzeugungen ein, sondern auch ein hoch komplexes Aggregat von kulturell erlernten und sozial internalisierten Regeln, Idealen, Prinzipien, Normen und Werten.

 

 

3. Das Dogma des Historischen Materialismus: Die Geschichte der Menschheit ist ein durch dialektische “Widersprüche” bzw. Interessenkonflikte bestimmter geschichtlicher Prozess mit notwendigen Entwicklungsstufen.

 

Dem Dogma des Historischen Materialismus zufolge gibt es eine geschichtlich notwendige ökonomisch-politische Entwicklung vom monarchischen Feudalismus über die bürgerliche Revolution zum Liberalismus und vom Liberalismus über die sozialistische Revolution zum Sozialismus und dann durch sozialistische Reformen zum utopischen Kommunismus als dem vermeintlichen Endziel der Geschichte als einer erhofften friedlichen und gerechten Gesellschaft der Freien und Gleichen. Diese Entwicklung ist angeblich genau so naturgesetzlich gesteuert wie die evolutionstheoretische Entwicklung der Arten. Die erste, auf die Vergangenheit bezogene Hälfte dieses Dogmas ist aus der europäischen Geschichte extrapoliert, die zweite, auf die Zukunft bezogene Hälfte entspringt dann jedoch einem säkularisierten Messianismus.

 

 

4. Das Dogma der Naturalisierung und Instrumentalisierung der Normativität.

 

Dem Dogma der Naturalisierung und Instrumentalisierung der Normativität zufolge sind bürgerliches Recht, internalisierte Moral und zivile Religion nur „bürgerliche Ideologie“ im Dienste der Reichen und Mächtigen, um die Interessen der Eigentümer an den Produktionsmitteln zu schützen. Sie gehören als ideologische Instrumente der Besitzstandswahrung angeblich nur zum ökonomisch-politischen „Überbau“ der ökonomisch-politischen Triebkräfte des Kapitalismus und werden im zukünftigen Sozialismus und utopischen Kommunismus überflüssig werden. Daher wird dann auch der ganze Staat verschwinden, der nach dem utopischen “Systemprogramm des Deutschen Idealismus” (1797) nur ein “mechanisches Räderwerk” ist. Die Normativität von Moral, Recht und Religion haben aus naturalistischer und wissenschaftlicher Sicht keine objektive Gültigkeit, sondern nur eine soziale und instrumentelle politische Funktion. Damit verschwindet dann jedoch die Differenz zwischen einem legitimen Rechtsstaat und einem illegitimen Unrechtsstaat oder einer willkürlich herrschenden Autokratie oder Bürokratie.

 

 

5. Das Dogma der revolutionären Sozialisierung des Kapitals.

 

Das Dogma der Sozialisierung des Kapitals besagt, dass der geheime Schlüssel zur revolutionären Überwindung des Kapitalismus auf dem Weg vom Sozialismus zum Kommunismus in der – notfalls gewalttätigen – politischen Abschaffung des privaten Eigentums an Produktionsmitteln besteht. Da die Reichen und Mächtigen gestützt durch die bürgerliche Normativität von Moral, Recht und Religion ihren Reichtum nicht freiwillig teilen werden und von ihrer Macht nicht freiwillig ablassen werden, ist es politisch notwendig und geschichtsmetaphysisch gerechtfertigt, sie zu enteignen und zu entmachten. Damit verhält es sich so ähnlich wie in der französischen Revolution, als es politisch notwendig war, den Feudalismus, die Monarchie und den Klerus durch eine bürgerliche Revolution mit Gewalt zu stürzen. Die Abhängigkeit, Armut und Leibeigenschaft des “Dritten Standes” der Arbeiter, Bauern und Sklaven bedürfen einer weiteren sozialistischen Revolution. Wie die Geschichte gelehrt hat, gibt es jedoch keine Garantie, dass der real existierende Sozialismus nicht auch zu einer politischen Diktatur der ideologischen Funktionäre des Sozialismus führt, die sich in diesem neuen System auch bestimmte Privilegien sichern, um ihre dadurch gefestigte Macht in einem Unrechtsstaat mit Hilfe korrupter Beamte und Ärzte, Richter und Polizisten, Milizen und Geheimdienste zu verteidigen.

 

Diese fünf marxistischen Dogmen bilden zusammen die ideologischen Geburtsfehler des späteren Marxismus und hatten verheerende ökonomische und politische Folgen in Form von gewaltsamen sozialistischen Revolutionen und Massenbewegungen mit dem katastrophalen Ergebnis von millionenfachem Massenmord im Namen der angeblichen geschichtlichen Notwendigkeit des Überganges vom liberalen Kapitalismus zuerst zum autoritären Sozialismus und dann zum utopischen Kommunismus.

 

 

5. Fünf ökonomisch-politische Beobachtungen des Marxismus

 

 

Es gibt jedoch auch fünf empirische Beobachtungen des ökonomisch-politischen Marxismus und des späteren Kulturmarxismus, die nach wie vor zutreffend sind:

 

 

(1.) In der freien Marktwirtschaft besteht eine Tendenz zur Monopolisierung, d.h. führende große Unternehmen tendieren aufgrund ihrer inhärenten Tendenz zum ökonomischen Wachstum und zur Mehrung ihrer Profite dazu, andere kleinere Unternehmen aufzukaufen, um den Markt für ihre jeweiligen Produkte zunehmend alleine beherrschen zu können. Diese Tendenz muss von staatlichen Behörden durch Kartellgesetze reguliert und durch legitime Eingriffe kontrolliert werden. Denn wenn einzelne Großunternehmen eine den ganzen Markt beherrschende Monopolstellung und damit zu viel ökonomische und politische Macht gewonnen haben, gibt es keinen fairen Wettbewerb mehr und damit keine funktionierende Marktwirtschaft. Außerdem verlieren dann auch die Staaten und Föderationen ihre Fähigkeit zur Einhegung und Kontrolle der Märkte zugunsten der Bürger und Menschen und werden dann selbst politisch marginalisiert.

 

 

(2.) In der freien Marktwirtschaft besteht eine Tendenz zur Globalisierung, d.h. bei Sättigung des Bedarfs in ihrer angestammten Region für seine Produkte und bei Erhöhung der Material- und Lohnkosten für ihre Produktion tendieren große Unternehmen dazu, die Reichweite ihres Vertriebes und die Anzahl ihrer Niederlassungen in neuere und weitere Gebiete mit geringeren Lohnkosten auszudehmen und maximal weltweit zu operieren. Dadurch werden die Regulierungsvorhaben der Regierungen und Föderationen konterkarriert, weil sie zunehmend durch die Androhung erpressbar werden, bei staatlichen Regulierungen durch höhere Lohnkosten und Steuerlasten in das für sie günstigere Ausland abzuwandern. Außerdem begünstigt eine globale Vernetzung von Banken und Unternehmen die Steuerflucht in Steueroasen und die Geldwäsche durch clevere Transaktionen.

 

 

(3.) In kapitalistischen Gesellschaften gibt es eine Tendenz zum Warenfetischismus, d.h. Bürger und Menschen entwickeln eine überwertige Idolatrie von Waren, Produkten und Marken, indem sie ihr Selbstwertgefühl vom Kauf und Besitz einer möglichst großen Menge von ihnen abhängig machen, um dadurch ihren Sozialstatus zu erhöhen. Das führt jedoch zu einer psychologischen Entfremdung von ihren eigentlichen menschlichen Bedürfnissen und zu einer suchtartigen Selbstentfremdung und inhumanen Verdinglichung der Menschen. Die Bürger und Menschen definieren sich zunehmend als Konsumenten mit angeblicher Wahlfreiheit und realisieren nicht, wie sehr ihre kurzfristigen subjektiven und künstlichen Bedürfnisse immer wieder durch Moden, Märkte und die Einflüsse der Werbeindustrie gesteuert werden. Dabei bleiben jedoch oft ihre langfristigen objektiven und natürlichen Bedürfnisse nach seelischer und körperlicher Gesundheit und nach ihren Chancen auf dem unregulierten Arbeits-, Lebensmittel- und Wohnungsmarkt sowie ihre Chancen auf eine stabile Altervorsorge und Rente auf der Strecke.

 

 

(4.) In der freien Marktwirtschaft kommt es zu einer Steigerung der ökonomisch-politischen Macht von Banken und Börsen, der vom normalen Markt der Güter und Geschäfte, der Produktion und des Konsums abgekoppelten spekulativen Finanzwirtschaft mit ihren Aktien- und Geldgeschäften, mit ihren Tricks der Geldwäsche und Steuervermeidung auf Kosten der Steuer zahlenden Bürger und Menschen und ihrer legitimen demokratischen Mitbestimmung nach dem Prinzip one (wo)man, one vote. Diese plutokratische Tendenz schwächt nicht nur das Staatsvolk als legitimen Souverän in den modernen rechtsstaatlichen Demokratien, sondern auch den legitimen Rechtstaat und die ökologische, ökonomische und politische Macht von Parlamenten und Regierungen. Eine solche "marktkonforme Demokratie" (Angela Merkel) geht aufgrund der fehlenden Regulierung der Finanzmärkte, der Verluste an Steuereinnahmen und damit der Armut der öffentlichen Haushalte auf Kosten der Bürger und Menschen. Wenn dann auch noch die Staatsverschuldung immens wird, kann der Staat mit seinem aus Steuern finanziertem Haushalt irgendwann nicht mehr für die Folgekosten des voranschreitenden Verfalls von Daseinsvorsorge und Infrastruktur aufkommen. Schließlich kommen irreparable Umweltschäden auf Kosten der natürlichen Lebensbedingungen der Pflanzen, Tiere und Menschen für viele weitere Generationen hinzu. So zerstört ein nicht hinreichend und treffsicher regulierter Kapitalismus langfristig die natürlichen Lebensbedingungen der Bürger und Menschen und damit sich selbst.

 

 

(5.) Die gewählten Repräsentanten und Regierungen der demokratischen Rechtsstaaten werden von den vorherr-schenden Wachstums- und Profitinteressen der global agierenden Banken, Börsen und Unternehmen faktisch ent-machtet. Die von den ökonomischen Zwängen getriebenen Politiker wahren nur noch den schönen Schein einer echten Demokratie aufrecht und verfolgen unter wachsendem Einfluss von Lobbyisten immer mehr die strategischen Inte-ressen ihrer eigenen Klientel an Diätenerhöhungen, Postenverteilungen, politischen Karrierechancen und kurzfristigen Wahlerfolgen. Damit entfremden sich jedoch die Parlamentarier und Regierungsbeamten, die Spitzenpolitiker und Minister in den Nationen und Föderationen immer mehr von dem Gros der Bürger und Menschen. Es kommt in beiden politischen Lagern verständlicherweise zu einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem dysfunktionalen politischen System, aber nicht nur zu linksradikalen Aufständen und populistischen Bewegungen der Solidarität mit den Not-leidenden gegen die kapitalistische Plutokratie, wie sich die Marxisten erhofft haben, sondern auch zu rechts- populistischen Tendenzen von antisozialen Einstellungen, von anwachsendem Nationalismus, von zunehmendem Rassismus, zu einer stärkeren Militarisierung sowie zu übergriffigen Aktivitäten von Geheimdiensten und über-bordender Polizeigewalt.

 

Auch wenn Marx sich mit seiner materialistischen Weltanschauung und mit seinem etwas kruden naturalistischen Menschenbild im Hinblick auf einige grundsätzliche philosophische Probleme irrte, und obwohl der ökonomisch-politische Marxismus von Anfang an mit den fünf oben genannten ideologischen Dogmen belastet war, haben sich einige seiner empirischen Beobachtungen als weitgehend richtig herausgestellt. Doch die prägenden epochalen Zäsuren durch geschichtliche Großereignisse für die Bürger und Menschen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren nicht mehr die Französische Revolution, wie für Kant und Rousseau, auch nicht mehr die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege wie für Fichte und Hegel, auch nicht mehr die Industrialisierung, der Nationalismus und die Restauration wie für Marx und Engels, sondern die beiden, zuvor unvorstellbaren Weltkriege, der Zivilisationsbruch der Shoah, der Terror des Archipel Gulag, der zerstörerische Schrecken der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki sowie die Stellvertreterkriege des Kalten Krieges in Vietnam und Kamboscha, Afghanistan und Irak, etc.

 

Marx gehört wie Hegel nicht mehr unserer Epoche an. Die zeitgenössische Philosophie des 21. Jahrhunderts kann sich nicht mehr ohne Weiteres an ihnen orientieren. Aber Hermeneutiker und Historiker der Philosophie, der Ökonomie und des Rechtes können und sollten sie immer noch gründlich studieren und erforschen, um ihre epochalen Beiträge zur Kultur- und Ideengeschichte zu bewahren, denn Studierende und Intellektuelle können immer noch das Eine oder Andere von ihnen lernen. Ihre Werke sind bei angemessener Interpretation dazu in der Lage, die kollektiven Blindheiten und mentalen Einseitigkeiten unseres eigenen Zeitgeistes zu kurieren.

Mein Essay ist am 14.12.2020 in englischer Sprache in der Online-Zeitschrift VoegelinView erschienen.

https://voegelinview.com/marx-world-view-conjectures-and-aberrations-a-critical-assessment/