Karl Jaspers (1883 - 1969)

 

 


 

 

 

Geht Vernunft verloren, so geht die Philosophie selber verloren.

 

Karl Jaspers 

 

 

Existenz wird nur durch Vernunft sich hell;

Vernunft hat nur durch Existenz Gehalt.

 

Karl Jaspers, Vernunft und Existenz (1935)

 

 

Die Mode des Existenzialismus ist wunderlich. Sie hat mit unserem Philosophieren wenig zu tun.

 

Karl Jaspers an Karl Löwith in einem Brief vom 28. März 1947

 

 

Was mich immer wieder anzieht, ist Ihr Durchbruch durch die moderne Philosophie, die bisher ausschließlich das ego cogitans oder seine Apotheose (zum absoluten Ich, Weltgeist, sich zeitigender Zeit oder dergl.) zur Grundlage diente.

 

Gerhard Krüger in einem Brief an Karl Jaspers vom 22. Mai 1951

 

 


 

 

Mein Weg zur Philosophie

 



Karl Jaspers

 

 

Als Schüler des Oldenburger humanistischen Gymnasiums in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geriet ich in Konflikt mit der Schulleitung. Ich verweigerte gegenüber der unvernünftigen Anordnung eines Lehrers den blinden Gehorsam. Ich trat ferner in keine der drei Schülerverbindungen ein, weil sie ihre Mitglieder nach Standesunterschieden aufnahmen und sich gegeneinander abschlossen. Vernunft und menschliche Kommunikation begehrte ich – sie blieben ein Ziel meines Philosophierens bis heute. Der Direktor aber sah fälschlich in beiden Handlungen den Geist einer politischen Opposition. Die Lehrer wurden angewiesen, ein wachsames Auge auf mich zu haben. Die Klassenkameraden – staats- und militärfromm – hielten nicht mit mir. In den zwei letzten Schuljahren stand ich allein.

 

Die Einsamkeit war nun das Problem. Mein Vater pachtete eine Jagd, um mir außer der Schule eine andere Welt zu verschaffen. So lebte ich in der Natur, mit den Büchern, im Anschauen von Kunstwerken. Wohl gab die Einsamkeit Kraft aus einem sich gründenden Selbstsein heraus, aber um so leidenschaftlicher drängte ich nach der entbehrten Kommunikation, und wenn ich mich über die Lage besann und in mein Inneres blickte, dann mußte mir klar werden die verborgene Angst, die mich, ausweichend vor entschlossener aktiver Opposition, im passiven Dulden bleiben ließ. Daß ich mich zwar redlich, aber nicht heldenhaft benahm, war die früheste Erschütterung. Das Bewußtsein der Grenze des Selbstseins verwehrte den Stolz einer trotzigen Isolierung. In mein Wesen drang die Bescheidung, die als Wissen um die Endlichkeit und um die Schuld des freien Menschen mein späteres Philosophieren durchdringt.

 

Damals war mein Verhalten das erste Mal so, wie es mir eigen blieb, nur zum Teil gerechtfertigt durch mangelnde Kraft des nie gesunden Körpers. Noch in der Zeit des Nationalsozialismus blieb das gleiche. Ich habe mich zwar innerlich frei gehalten, bin keinem Druck gewichen dadurch, daß ich eine schlechte Handlung begangen oder ein falsches öffentliches Wort gesagt hätte, habe aber nichts im Kampfe gegen das Verbrechen getan. Ich habe unterlassen, was zu tun das Herz eingab, aber die Vorsicht verwehrte. Daher mußte ich 1945 gegenüber falschen Erzählungen in Radio und Presse, die meine vermeintlichen Taten als Vorbild verherrlichten, eine Berichtigung veröffentlichen mit dem Schluß: ich bin kein Held und möchte nicht als solcher gelten.

 

In der Not der einsamen Schuljahre las ich Spinoza. Mir das Ganze der Welt durch ihn philosophisch bewußt zu machen und das Wort caute (vorsichtig) auf seinem Siegel als von ihm befolgte Lebensregel waren ein Trost jener Jahre.

 

Am Ende der Schulzeit besprach mein Vater mit mir das zu wählende Studium. Bei meiner Neigung für Kunst und Dichtung und Philosophie meinte er, ich möchte vielleicht Geisteswissenschaften studieren. Nein, sagte ich, ich will ins praktische Leben. Mit der Absicht, Rechtsanwalt zu werden, wählte ich die Jurisprudenz. Im dritten Semester, 1902, war ich in München, lernte das beschwingte Leben Schwabings kennen, hatte Graphologieunterricht beim jungen Ludwig Klages nach einem Lehrbuch von H. H. Busse, ging in Theater und Kunstausstellungen, spielte Schach, hörte unter allen Vorlesungen nur noch wenige Stunden Philosophie bei Theodor Lipps.

 

Die Welt schien damals in Glanz und Glück. Jedes Jahr las man die Statistiken des Fortschritts im Reichtum. Mir war dabei nicht wohl. Dichtung und Literatur jener Zeit öffneten uns die Augen für den verdorbenen Grundzustand, der nur durch Verschleierungen sich zu halten schien.

 

Unsere Gesellschaft lebte offenbar in Täuschungen. Der Tod schien ebenso fast vergessen zu sein wie die Realität der Geisteskranken. Viele Menschen lebten und arbeiteten in Armut und Unwissenheit. Die Dirnen waren ein Gegenstand gedankenloser Verachtung. Augenblicksweise kam die Möglichkeit einer Weltkatastrophe zum Bewußtsein. Kaiser Wilhelm II. hatte anläßlich des chinesischen Krieges durch Knackfuß ein kitschiges Bild zeichnen lassen mit der Unterschrift: Völker Europas, wahrt euere heiligsten Güter! Ich fand es zwar lächerlich, wie es aussah. Aber der Inhalt wies auf eine Möglichkeit, die stutzig machte. In der Phantasie sah ich den Erdball in den Händen der Mongolen, die zudem keineswegs schlechtere Menschen als wir schienen.

 

Durch die Fragwürdigkeit aller Dinge, die Unheimlichkeit des Glücks, dazu durch eine ständige Anfälligkeit meines körperlichen Daseins und durch die Ziellosigkeit meiner Studien wurde ich immer unruhiger, obgleich ich die schönsten Freuden hatte im Genuß der Herrlichkeiten der Schöpfung und des menschlichen Geistes, zumal auf einer längeren Italienreise.

 

Es blieb nur ein Weg: die Philosophie mußte die Wahrheit, den Sinn und das Ziel unseres Lebens zeigen. Die Stimmung Spinozas hatte mir wohlgetan, aber ohne mich zu befriedigen. An der Universität brachten die philosophischen Vorlesungen Erkenntnistheorie und Psychologie; von der Geschichte der Philosophie berichteten sie als von den Meinungen, die einmal vorgekommen sind. Aber ich suchte in der Philosophie etwas ganz anderes.

 

Man kann, so sagte ich mir, offenbar nicht geradezu philosophieren, ohne in der Realität der Welt mitzuleben, ohne etwas zu tun. Der Weg zur Philosophie führt nicht über das abstrakte Denken. Was sollte ich tun?

 

In München sagte meine besorgte Schwester von mir: er kümmert sich um alles, nur nicht um die Juristerei (die doch mein Studium war). Dies Leben durfte ich nicht fortsetzen. Ich mußte mir klar werden, was ich eigentlich wolle. Im Herbst 1902, in Sils-Maria, verfaßte ich für meinen Vater eine Denkschrift zur Begründung, daß ich nach drei vergeblichen juristischen Semestern umsatteln wolle. Ich entwarf einen Lebensplan: Studium der Medizin; durch dieses Studium die größte Chance, Natur und Menschen kennenzulernen; vielleicht zuletzt Psychiatrie bei Kraepelin in Heidelberg, – und am Ende Rückkehr als Psychologe in die geistige Welt der philosophischen Fakultät. Wenn dies aber nicht gelingt, so habe ich doch einen Beruf gelernt, der nützlich ist und von dem ich leben kann.

 

Am folgenden Semesterbeginn in Berlin traf ich in einem Durchgang von der Karlstraße zur Anatomie einen Studenten der Technik, mit dem ich in München Schach gespielt und ins Blaue philosophiert hatte. Ich sagte ihm: ich studiere jetzt Medizin. Er: nun, für eine Weile ist auch das mal ganz interessant. Noch fühle ich, wie mich das Wort traf. Ich sagte zwar nichts, aber dachte: wie, alles nur für eine Weile, alles nur ein Spiel? Der Entschluß, nunmehr mit aller Kraft und ohne Unterbrechung Medizin zu studieren, wurde in diesem Augenblick erst ganz ernst.

 

Den Tag über war ich beim Studium in der Anatomie, in Vorlesungen über Chemie und Zoologie. Ich fühlte mich nach der Ungebundenheit der ersten Semester, in denen ich von allen Möglichkeiten des Geistes gekostet hatte, zunächst wie in der Fremde. Den Tag über ermunterte mich der Gedanke an den Abend. Da war ich frei, heimzukehren in den Kreis derer, die ich liebte, wenn ich Goethe las und Gottfried Keller, und wenn ich durch Reisebeschreibungen das Bewußtsein der weiten Welt bewahrte. Doch am Tage war ich ganz bei der Sache.

 

Der Weg zur Philosophie war es, der die Wahl meines Studiums bestimmt hatte. Ich wollte wissen, was Realität ist. Reisen und Umgang mit Menschen genügten nicht. Schöne Bücher lesen, Kunst sehen, das konnte sogar verführen. Man muß etwas lernen, etwas können, sonst lebt man im Schein. Was man in Laboratorien und Krankenhäusern erfährt, das bedeutete mir damals zugleich die Realität. Sachnähe begehrte ich, mich selbst zu überzeugen und nicht nur den Lehrbüchern zu glauben. Daher besuchte ich mehr die Kurse als die Vorlesungen, lebte in den Instituten und auf der zoologischen Station in Helgoland.

 

Dabei wurde mir bald ein Ziel des Wissenwollens klar: sich bewusst zu machen, was man weiß, wodurch und wie man weiß, und was man nicht weiß. Im ersten Examen fragte mich der treffliche Anatom Merkel in Göttingen nach dem Bau des Rückenmarks. Statt diesen Bau zu schildern, referierte ich die Methoden der Untersuchung und was für Bilder sich auf den jeweiligen Wegen ergeben. Ich habe es in Erinnerung, weil Merkel über das Verfahren erstaunt war. Es war dasselbe Ordnungsprinzip, das ich später in meiner ›Allgemeinen Psychopathologie‹ angewandt habe: nicht einen vermeintlich feststehenden Gegenstand darzustellen, sondern die Wege, auf denen man seiner in bestimmten Aspekten ansichtig wird.

Aber jeden Augenblick blieb mir bewußt, das alles war noch nicht die Philosophie, die ich suchte, sondern nur eine Voraussetzung des Philosophierens.

 

Nach langer Fesselung an die Medizin lernte ich 1909 durch Lektüre Husserl kennen. Seine Phänomenologie war als Methode ergiebig, weil ich sie für die Beschreibung der Erlebnisse von Geisteskranken anwenden konnte. Wesentlicher aber war es mir zu sehen, wie ungemein diszipliniert er dachte, dann daß er den Psychologismus, durch den sich alle Probleme auflösen in solche psychologischer Motivation, überwunden hatte, vor allem seine unablässige Forderung, unbemerkte Voraussetzungen zu klären. Was in mir schon wirkte, fand ich bestätigt: den Drang zu den Sachen selbst. Das war damals in einer Welt voller Vorurteile, Schematismen, Konventionen wie eine Befreiung.

 

Aber Husserl als Philosoph enttäuschte mich. Er vollzog die Gebärde des Sehens; was dann gesehen wurde, war meist gleichgültig. 1910 erschien sein Aufsatz über ›Philosophie als strenge Wissenschaft‹ im ›Logos‹. Es war zwar ein Meisterwerk auch in seiner vor keiner Absurdität zurückschreckenden Konsequenz. Mir aber wurde durch ihn die Verkehrung der Philosophie in Wissenschaft klar, die mich empörte. Es folgte eine persönliche Begegnung 1913. Als Psychiater hatte ich einige phänomenologische Arbeiten über Sinnestäuschungen und Wahnerlebnisse veröffentlicht. Husserl erfuhr, daß ich in Göttingen sei, und ließ mich auffordern, ihn zu besuchen. Ich wurde freundlich empfangen, belobigt und – welch Befremden bei mir! – als sein Schüler behandelt. Ich fragte etwas trotzig: was eigentlich Phänomenologie sei, das sei mir unklar. Darauf Husserl: Sie treiben Phänomenologie in Ihren Schriften ausgezeichnet. Sie brauchen nicht zu wissen, was es ist, wenn Sie es richtig tun. Machen Sie nur weiter! Dann erzählte er von seinem Jahrbuch, wie ärgerlich und für ihn herabsetzend es sei, daß man ihn mit Schelling vergleiche; Schelling sei doch gar kein ernst zu nehmender Philosoph. Ich verstummte und sagte nachher: der wunderliche Mann weiß so wenig, was Philosophie ist, daß er es als Beleidigung empfindet, mit einem großen Philosophen verglichen zu werden.

 

Mir wurde damals deutlich, welch radikaler Unterschied sei zwischen eigentlichen Wissenschaften und Philosophie. In den Wissenschaften gelangen wir zu zwingendem, allgemeingültigem und faktisch anerkanntem Wissen, – aber um den Preis, immer im Partikularen, mit je besonderer Methode auf besondere Gegenstände unter bestimmten Voraussetzungen gerichtet zu sein. Die Philosophie erhellt den Lebensgrund, das was ich selbst bin und will, und was an den Grenzen fühlbar wird, – aber um den Preis, bei wesentlicher, ja allein wesentlicher Wahrheit in den Aussagen keine zwingende, allgemeingültige Erkenntnis zu bringen.

 

Die Phänomenologie für Philosophie zu nehmen, schien mir aus dem Ethos der Philosophie verwerflich. Im Philosophieren kommt man nicht voran durch ein Blicken auf Phänomene, als ob man als Zuschauer sich verhalte wie in den Wissenschaften, sondern nur durch ein Denken, das zugleich ein inneres Handeln ist. Es hat Folgen in meiner Lebenspraxis und zeigt darin, was seine Wahrheit ist.

 

Auf dem Wege der Wissenschaften wurde ich vorangetrieben durch große Forscher, denen ich begegnete. Nißl, mein Chef an der psychiatrischen Klinik in Heidelberg, zeigte uns Assistenten die Selbstkritik des produktiven Denkers und Arztes in der Freiheit der Diskussion. Ich nahm teil an der psychopathologischen Forschung.

 

Auf dem Wege der Philosophie war es keineswegs so klar. Zwar war die Philosophie nicht möglich ohne mit ganzer Kraft bei den Wissenschaften zu sein. Aber wenn die wissenschaftlichen Realitätserfahrungen offenbar nie das Ziel erreichten, so war es, als ob die Wirklichkeit selbst sich zeigen müßte. Der Raum, den die Philosophie zu erleuchten hatte, lag frei. Wie aber war er zu betreten? Wo wird die Wirklichkeit selber mir zugänglich?

 

Wie einem Gefängnisinsassen am Strauch im Hofe eine einzige Pfirsichblüte den ganzen Frühling zur Gegenwart bringen kann, wie ein Minimum alles wird, so treten plötzlich Erfahrungen in unser Dasein, die ungeplant sich offenbaren dem, der sich ihnen nicht versagt. Aber dieses Minimum muß leibhaftig da sein, um in der Phantasie die Ergänzung zur Fülle zu finden. Diese plötzlichen Erfahrungen müssen begegnen, sie begegnen immer dem, der hört. Darin aber sind die Substanz die je einzigen Menschen, die lebenwährenden.

Wie bezaubert ich auch in früheren Jahren von den Mädchen war, manchmal war mir zumute, als wisse ich schon von meiner Frau, der ich bestimmt sei, und der ich treu sein müsse, auch wenn sie mich nie treffen sollte, – immer kam von da die Hemmung. Daseinsjubel in jenen vorzeitigen Ergriffenheiten war noch nicht der Aufschwung zur Wirklichkeit selbst. 24 Jahre war ich alt, als 1907 plötzlich alles anders wurde. Wir waren uns begegnet. Die Welt war verwandelt, die Arbeit gesteigert. Das Philosophieren, wie neu geboren aus der immer drohenden Skepsis, gewann seinen Ernst durch die Erfahrung des unbedingten und unbegründbaren Entschlusses, der lebenwährend die Kommunikation ermöglichte, ohne welche die bloßen Gedanken wie unwesentlich bleiben.

 

1909 sah ich Max Weber, den großen Soziologen. In seinem Forscherdasein von umfassender Weite war er mehr als Forscher. Seine universale Kenntnis der Realitäten war umgriffen von der Klarheit über die Grenzen unseres Wissens. Im Strome der Ereignisse sagte er von Augenblick zu Augenblick, was das Wesentliche war. Er kannte keine feierliche Zurückhaltung und kein Raunen: der Mann stand gleichsam auf der Straße, jeder Frage sich aussetzend. Er wurde für mich der leibhaftige Philosoph unserer Zeit. Er führte zur Orientierung in allem Wißbaren und war zugleich der wunderbar wirkende Anspruch zu tun, was man kann.

 

Erst 1913 lernte ich die Werke Kierkegaards kennen. Sie brachten mir die endgültige Erweckung zur Philosophie als bewußtem, methodischem Denken eigengegründeter Art. Jetzt stellte sich die Aufgabe, die frühere Philosophie durch die referierbaren Meinungen hindurch in ihrem wahren Gehalt zurückzugewinnen. Verkehrt durch Vermischung mit Wissenschaften, mußte sie wieder wirksam werden als eigener Ursprung, als das, woraus wir denken und leben und sogar erst den Sinn der Wissenschaften selber erfassen. Es war, als ob mit einem Mal Kant, Schelling, Plotin und die anderen Großen wieder sprechend würden.

 

Es kam der erste Weltkrieg, dann nach dem Kriege die Zeit des Taumelns bei vielem guten Willen und bei noch größerer Energie der bösen und blinden Kräfte, dann die Zeit des Nationalsozialismus. Seit 1914 traf jeden auch die persönliche Daseinserschütterung. Mein Philosophieren hat darin keinen Bruch erlitten. Das Äußerste, die Grenzsituationen waren ihm von Anfang an die Quelle.

 

Für mich hatte ich den Weg zur Philosophie gefunden. Aber meine Ehrfurcht vor der Philosophie von Jugend auf hatte mich nicht daran denken lassen, sie selber zum Beruf zu machen. 1913 habilitierte ich mich allein für Psychologie. Zur Philosophie als Lehrberuf kam ich erst, als ich zu sehen meinte, daß nicht getan wurde, was jederzeit getan werden muß: an das eigentliche Philosophieren zu erinnern. 1920 starb Max Weber. Der Mann, dessen Gegenwart mir das Bewußtsein der Geborgenheit des Geistes gab, war nicht mehr da.

 

Ich fühlte mich wie in einen leeren Raum hineingeraten. Wenn nun andere es nicht tun, darf ich es tun. Als ich in diesem Sinne eine Professur für Philosophie annahm, hatte ich das Bewußtsein, daß ich jetzt erst mit dem planmäßigen Philosophiestudium und mit der Arbeit an der Philosophie als Werk beginne.

 

Wenigstens darf ich, so sagte ich mir, es wagen, die Überlieferung bewahren zu helfen dessen, was Philosophie eigentlich sein kann, darf ich das Große spüren lehren und die Philosophie vor Verwechslungen schützen. Es war unausweichlich, daß ich damit in Spannung zur bewusst wissenschaftlichen Fachphilosophie der Zeit stand, daß ich in deren Kreisen als Outsider empfunden wurde und für manche bis heute geblieben bin. Aber ich selber habe die Idee des Hochschullehrers mit Bewußtsein, ja mit Leidenschaft ergriffen. Von ihm soll die Philosophie gezeigt werden in ihrer Reinheit, in methodischen Formen, im engen Zusammenhang mit den Wissenschaften, aus unbeirrbarer wissenschaftlicher Gesinnung, ohne die Illusion und Verkehrung einer vermeintlich wissenschaftlichen und als Wissenschaft allgemeingültigen Philosophie. Für die Idee der Universität, in der diese Philosophie zu Hause ist, habe ich nach meinen Kräften gelebt und sie trotz ihrer immer auch versagenden Wirklichkeit geliebt.

 

Die Frage nun, was die Philosophie lehre, zu der ich geführt bin, läßt sich in Kürze nicht beantworten. Aber die für die Lehre erwachsenen Aufgaben lassen sich kennzeichnen.

 

Wir gewinnen Kräfte aus den geschichtlichen Quellen. Wir möchten Widerhall werden des Tiefen, das einmal gedacht wurde, möchten dessen Aneignung fördern.

 

Wir möchten ursprünglich im ewig Wahren und gründen, möchten jede Wirklichkeit hören, die eine Sprache spricht, die uns zum Aufschwung bringt.

Wir möchten teilnehmen am Übergang in die neue noch unbekannte, schnell sich nähernde Welt, – einzelne Vögel in der Menge der in das neue Zeitalter Fliegenden, der Spähenden, der Suchenden.

 

Wir sind auf dem Wege vom Abendrot der europäischen Philosophie durch die Dämmerung unserer Zeit zur Morgenröte der Weltphilosophie.

 

Aber so sehr wir uns des Zwischenseins bewußt sind, wir wissen, daß alles Zwischensein zugleich erfüllte Gegenwart sein kann, daß es für uns keine andere Wirklichkeit als die gegenwärtige gibt, daß Flucht in Vergangenheit oder Zukunft die Wirklichkeit versäumen läßt: das mögliche unendliche Glück des Daseins, welches erfüllt ist von einem Sein quer zur Zeit, die ewige Gegenwart im verschwindenden Fluß der Dinge.

 

Aber dessen werden wir nie sicher angesichts des offenbar gewordenen Bösen, das Menschen Menschen antun, vor dem keine Philosophie die Augen schließen, nicht erleichtern und trösten darf. In dieser Welt, von ihr betroffen und in ihr liebend den Weg der Vernunft zu finden, den Gedanken wirken zu lassen, das ist Kriterium der Wahrheit der Philosophie selber.

 

 

Karl Jaspers, Wahrheit und Bewährung [1951], München: Piper 1983, S. 7-15.

 

 


 


Karl Jaspers 

 

Grundbegriffe seines Denkens

 

Herausgegeben von Hamid Reza Yousefi, Werner Schüßler,
Reinhard Schulz und Ulrich Diehl

 

Obwohl Karl Jaspers zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts zählt und es auch bereits eine international etablierte Jaspersforschung gibt, hat sein Werk jedoch immer noch keinen angemessenen Eingang in die historische und systematische Lehre der Philosophie gefunden. Der vorliegende Sammelband möchte erstmals einen Einblick in die wichtigsten Begriffe seines Denkens bieten. Thematisiert werden die folgenden Begriffe: Grenzsituation, Freiheit, Menschenbild, Kommunikation, Philosophischer Glaube, Chiffer, Böses, Wahrheit, Vernunft, Gehäuse, Wissenschaft, Logik, Sprachphilosophie, Psychopathologie, Psychologie der Weltanschauung, Ethik, Einsamkeit, Erziehung, Politik, Toleranz, Universität, Achsenzeit, Philosophia perennis sowie interkulturelle Philosophie. Einige dieser Begriffe hat Jaspers selbst geprägt, und sie fanden dauerhaft Eingang in die Philosophie, Psychologie und Psychopathologie. Bei den anderen Begriffen knüpft Jaspers zwar an die klassische Tradition der europäischen Philosophie an, sie erfahren aber auf eine originelle Weise eine Umgestaltung und Erweiterung, nicht zuletzt auch im Sinne einer Weltphilosophie. Dieser Sammelband ist nicht nur als ein einführendes Kompendium für Studierende der Philosophie, der Psychologie, der Sozial- und Kulturwissenschaften sowie der Theologie gedacht, sondern er möchte auch philosophisch Interessierten den Zugang zur Philosophie von Jaspers erleichtern.

  

1. Auflage März 2011, 400 Seiten
Softcover, ISBN 978-3-941400-34-4
Euro 29,80

 

AUTOREN:

 

Erik Lehnert, Philipp Batthyány, Harald Seubert, Werner Schüßler, Christine Görgen, Reinhard Schulz, Ulrich Diehl, Harald Stelzer, Peter Gerdsen, Albrecht Kiel, Jann E. Schlimme, Herner Rindermann, Franz-Peter Burkard, Anton Hügli, Bernd Weidmann, Kurt Salamun, Ulrich Ruschig, Hamid Reza Yousefi, Ram Adhar Mall.

 

 


 
 
Fuchs, Thomas / Micali, Stefano / Wandruszka, Boris (Hrsg.),
Karl Jaspers -  Phämomenologie und Psychopathologie

Schriftenreihe der DGAP - Band 1. Freiburg / München: Verlag Karl Alber 2013

 
ca. 256 Seiten, ISBN: 978-3-495-48574-3, Kartoniert, 35,00 €

 


Der Sammelband geht aus von der besonderen interdisziplinären Relevanz von Jaspers' Philosophie  für den Dialog mit der  Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie und Theologie.

Es ist die Eigenart Jasperschen Denkens, dass es unablässig die tief im Menschen und durchaus auch im Wissenschaftler verwurzelte Tendenz infrage stellt, sich in fertigen und so scheinbar Sicherheit bietenden „Gehäusen“ einzurichten. Indem Karl Jaspers diese „Selbsteinschließungen“ aufbricht, beweist er, dass der Mensch seine Existenz nicht einfach ist und hat, sondern in Freiheit „zu sein hat“.

Genau dieser unabschließbare Selbstergreifungsakt beinhaltet aber, dass der Mensch dadurch ist, dass er sich immer und je und je übersteigt, heißt philosophisch: transzendiert. Durch diesen Akt des Selbstüberstiegs öffnet sich jedoch erst die Dimension des „Umgreifenden“, sei es der Welt, der Anderen oder des Absoluten. Zugehörigkeit, Halt und Geborgenheit, Sinn und Ordnung erfährt der Mensch erst in diesem Selbstüberstieg. 

Krankheit beginnt darum im Grunde da, wo die Freiheit in bindungslose Willkür und die kommunikative Bindung in Hemmung und Zwang umschlagen. Humane Medizin will daher letztlich die durch Krankheit beschädigte Zugehörigkeit des Menschen zu seiner Leiblichkeit, seiner Mitwelt und zu seinem Freiheitspotential bewusst machen und restituieren.

Diesen Anschauungen fühlen sich die hier vereinigten Aufsätze in kritischer Auseinandersetzung verpflichtet, getragen von der Überzeugung, dass Jaspers' Ideen bleibend aktuell sind und gerade für die Medizin, die Psychiatrie und Psychotherapie  fruchtbar gemacht werden können.
 
 

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Ulrich Diehl, Jaspers' Existenzerhellung der Freiheit (2012)
Th. Fuchs, St. Micali & B. Wandruszka (Hg.), Karl Jaspers - Phänomenologie und Psychopathologie, Freiburg: Karl Alber 2012.
Diehl, U., Jaspers’ Existenzerhellung de
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Ulrich Diehl, Jaspers und die Vernunft (2011)
H.R.Yousefi; W.Schüßler; R.Schulz; U.Diehl (Hg.),
Karl Jaspers - Grundbegriffe seines Denkens,
Reinbek: Lau Verlag 2011.
Jaspers' Begriff der Vernunft.pdf
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Ulrich Diehl, Jaspers on Drives, Wants and Volitions (2010)
Jahrbuch der Österreichischen Karl-Jaspers-Gesellschaft Nr. 25, 2012, S. 101-125.
Jaspers on Drives, Wants and Volitions.p
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Ulrich Diehl, Ist Jaspers ein Kantianer? (2003)
K. Eming & Th Fuchs (Hg.), Karl Jaspers – Philosophie und Psychopathologie, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2008.
Diehl, U., Ist Jaspers ein Kantianer.pdf
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