Menschliche Grenzerfahrungen

 

 

 

Philosophie beginnt mit den offensichtlichen Unvereinbarkeiten zwischen den Weltanschauungen der Menschen (Selbstbilder, Menschenbilder, Weltbilder und Gottesbilder bzw. Vorstellungen von transpersonaler Transzendenz). Philosophieren heißt dann den abenteuerlichen geistigen Versuch zu machen, auf rationalen Wegen des Denkens von der faktischen Vielheit der unvereinbaren Weltanschauungen zu einer logisch konsistenten, optimal ausgewogenen, in hohem Maße plausiblen und rational verantwortbaren Philosophie zu gelangen.

 

Kants kritische Philosophie hat deswegen bewusst Antinomien, d.h. logisch widersprüchliche metaphysische Positionen, formuliert, um die zahlreichen Ungereimtheiten der klassischen Metaphysik von Gott, Welt und Mensch seiner Zeit und seiner empiristischen und rationalistischen Vorläufer aufzuzeigen (Locke - Hume - Berkeley - Reid / Descartes - Spinoza - Leibniz - Wolff).

 

Kants kritische Philosophie sollte jedoch auch als sog. Vernunftkritik eine neue Art von Metaphilosophie - sozusagen eine Philosophie der Philosophie - sein, d.h. eine kritische Bestandsaufnahme dessen, was Philosophen mit ihrer eigenen kritischen Reflexion auf menschliche Erfahrungen und Begriffe, Gedanken und Urteile überhaupt leisten können. Damit hoffte er zugleich die dauerhaften und der menschlichen Intelligenz von Anschauung und Urteilskraft, Verstand und Vernunft immanenten Grenzen des menschlichen Wissens und der objektiven Erkennbarkeit aufzeigen zu können.

 

Kant bewunderte zwar die Erfolge und Leistungen der neuzeitlichen Naturwissenschaften, aber er sah auch schon ihre unabweisbaren Gefahren für die menschlichen Sitten und insbesondere für Moral, Recht und Religion, die in einer jeden Gesellschaft und Kultur das menschliche Zusammenleben zivilisieren und dadurch überhaupt erst erträglich machen. Deswegen wollte er nach seiner eigenen Einschätzung das objektive Wissen der neuzeitlichen Naturwissenschaften begrenzen, um für den Glauben an Gott, Freiheit und die Unsterblichkeit der Seele Platz zu schaffen.

 

Kant befürchtete zurecht, dass andernfalls der methodische Atheismus, Naturalismus und Funktionalismus der neuzeitlichen Naturwissenschaften im Anschluss an die naturalisierten und säkularisierten Lehren von Kopernikus, Galileo und Newton den Menschen des berechtigten Glaubens an seine Bestimmung zur Freiheit und Würde berauben und ihn in eine seelenlose Maschine verwandeln würden, sodass er sich nur noch als das fremdbestimmte Produkt seiner angeborenen natürlichen Anlagen und erfahrenen Erziehung durch Eltern und Gesellschaft verstehen könnte.

 

Die Menschen würden dann sich selbst nur noch als fremdbestimmte Lebewesen (und nicht mehr als Geschöpfe Gottes mit einer unveräußerlichen Gottebenbildlichkeit) verstehen können , sondern sie würden dann auch die irdische Natur mit ihren Pflanzen und Tieren immer noch cartesianisch als bloß mechanische Automaten auffassen, die nach Belieben für menschliche Ziele und Zwecke ausgebeutet und verwertet werden können, weil sie angeblich keine eigenen vitalen Ziele und instinktiven Zwecke verfolgen könnten und daher auch keinen eigenen Wert mehr haben.

 

Kants schlimmste Befürchtungen wurden zu seiner Zeit von Johann Wolfgang Goethe (Farbenlehre, Reflexionen und Faust) geteilt und sie sind dann im Zuge der weiteren Säkularisierung und Industrialisierung im Laufe des 19. und 20. Jahrhundert eingetreten. Hermann Cohen, Nicolai Hartmann, Albert Schweitzer, Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Karl Jaspers und andere Kantkenner haben sich nach dem endgültigen Zusammenbruch des Deutschen Idealismus intensiv mit Kants Auffassungen zur Vernunft, Teleologie, Religion, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Psychopathologie auseinandergesetzt und neue alternative Gedankengänge erprobt. Aber keiner von ihnen konnte Kants kritische Metaphilosophie ganz überwinden. Vielmehr sind neue, nachkantische Philosophien entstanden, die wiederum nicht miteinander vereinbar sind und deswegen ebenfalls wieder auf den Prüfstand der kritischen Reflexion gehören.

 

Außerdem haben sich die grundlegenden Naturwissenschaften (Physik, Chemie und Biologie) sowie die auf ihnen aufbauenden Naturwissenschaften (Astronomie, Geologie und Ökologie) weiter entwickelt, etabliert und konsolidiert. Aber alle diese modernen Naturwissenschaften haben zweifelsohne bestimmte philosophische, logische und mathematische Voraussetzungen, sodass sie sich jedenfalls selbst weder bloß materialistisch oder naturalistisch noch rein idealistisch oder konstruktivistisch erhellen und verstehen lassen. Ein angemessenes philosophisches Verständnis davon, was moderne Naturwissenschaftler wirklich tun, wenn sie ihre empirischen Hypothesen aufstellen und anhand von wiederholbaren Beobachtungen der Realitäten prüfen und dann aufgrund von angemessenen Argumenten und Berechnungen komplexe logisch konsistente Theorien entwickeln, kann jedenfalls weder bloß materialistisch oder naturalistisch noch rein idealistisch oder konstruktivistisch sein.

 

Zwar kann heute kein Philosoph oder Wissenschaftstheoretiker mehr wie ein früheres Universalgenie (Leonardo da Vinci, Leibniz, Russell) die komplexen Entwicklungen in Relativitätstheorie, Elektromagnetik, Quantenphysik, Teilchen-physik, Evolutionstheorie, Genetik und  Molekularbiologie, etc. überschauen, verfolgen und verstehen, aber grund-legende Kenntnisse der Philosophie der Logik und Mathematik sowie der Philosophischen Anthropologie und Psychologie genügen, um zu erkennen, dass weder der reduktionistische und eliminative Materialismus noch der objektive Idealismus oder Konstruktivismus einem angemessenen Verständnis der alltäglichen Praxis moderner Wissenschaftler gewachsen ist.

 

Das eröffnet dann aber auch eine neue wissenschaftliche Offenheit der zeitgenössischen Humanpsychologie für gewisse menschliche Grenzerfahrungen in den "Grenzsituationen" von Leiden und Sterben, Außerkörpererfahrungen und Nahtodeserlebnissen, die zwar auch schon früheren Philosophen bekannt waren, die jedoch von Naturalisten und Materialisten sowie von objektiven Idealisten und Konstruktivisten nur allzu gerne verdrängt und verleugnet werden.

 

Wissenschaftliche Psychologen, Psychiater und Psychosomatiker, Psychoanalytiker und Psychotherapeuten jedenfalls täten gut daran, ihre weltanschaulichen und menschenbildlichen Vorurteile zu prüfen und sich mit allzu schnellen reduktionistischen Erklärungsversuchen zurückzuhalten. Diese Erfahrungen sind für viele Menschen existenziell und religiös bedeutsam und von daher zu wichtig, um sie unseriösen Esoterikern und Parapsychologen zu überlassen.

 

Eine behutsame phänomenologische Beschreibung und Analyse ist ebenso unerlässlich wie logisch-semantische Reflektiertheit, aber die aus der alltäglichen Lebenswelt und beruflichen Praxis vertrauten und dort bewährten ontologischen Kategorien können nur vorsichtig auf die Phänomene angewandt werden.

 



 

Godehard Brüntrup, Philosophisches zur Nahtodeserfahrung

 

Vortrag bei der Tagung "Nahtoderfahrung zwischen Banalisierung und Mystifizierung"

 

Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, 22.-23. November 2014

 

Gliederung und Sprungmarken:

 

  I. Worum es geht - NTE als rätselhaftes Phänomen (0:55)

 II. Umgang mit rätselhaften Phänomenen (17:50)

III. Die Phänomene retten - NTE als mystische Erfahrung (46:20)