Georg Friedrich Wilhelm Hegel

 

 

 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wer denkt abstrakt?

 

Denken? Abstrakt? – Sauve qui peut! Rette sich, wer kann! So höre ich schon einen vom Feinde erkauften Verräter ausrufen, der diesen Aufsatz dafür ausschreit, daß hier von Metaphysik die Rede sein werde. Denn Metaphysik ist das Wort, wie abstrakt und beinahe auch Denken, ist das Wort, vor dem jeder mehr oder minder wie vor einem mit der Pest Behafteten davonläuft.

 

Es ist aber nicht so bös gemeint, daß, was denken und was abstrakt sei, hier erklärt werden sollte. Der schönen Welt ist nichts so unerträglich als das Erklären. Mir selbst ist es schrecklich genug, wenn einer zu erklären anfängt, denn zur Not verstehe ich alles selbst. Hier zeigte sich die Erklärung des Denkens und des Abstrakten ohnehin schon als völlig überflüssig; denn gerade nur, weil die schöne Welt schon weiß, was das Abstrakte ist, flieht sie davor. Wie man das nicht begehrt, was man nicht kennt, so kann man es auch nicht hassen.

 

Auch wird es nicht darauf angelegt, hinterlistigerweise die schöne Welt mit dem Denken oder dem Abstrakten versöhnen zu wollen; etwa daß unter dem Scheine einer leichten Konversation das Denken und das Abstrakte eingeschwärzt werden sollte, so daß es unbekannterweise, und ohne eben einen Abscheu erweckt zu haben, sich in die Gesellschaft eingeschlichen [hätte] und gar von der Gesellschaft selbst unmerklich hereingezogen oder, wie die Schwaben sich ausdrücken, hereingezäunselt worden wäre und nun der Autor dieser Verwicklung diesen sonst fremden Gast, nämlich das [575] Abstrakte, aufdeckte, den die ganze Gesellschaft unter einem anderen Titel als einen guten Bekannten behandelt und anerkannt hätte. Solche Erkennungsszenen, wodurch die Welt wider Willen belehrt werden soll, haben den nicht zu entschuldigenden Fehler an sich, daß sie zugleich beschämen und der Machinist sich einen kleinen Ruhm erkünsteln wollte, so daß jene Beschämung und diese Eitelkeit die Wirkung aufheben, denn sie stoßen eine um diesen Preis erkaufte Belehrung vielmehr wieder hinweg.

 

Ohnehin wäre die Anlegung eines solchen Planes schon verdorben; denn zu seiner Ausführung wird erfordert, daß das Wort des Rätsels nicht zum voraus ausgesprochen sei. Dies ist aber durch die Aufschrift schon geschehen; in dieser, wenn dieser Aufsatz mit solcher Hinterlist umginge, hätten die Worte nicht gleich von Anfang auftreten dürfen, sondern, wie der Minister in der Komödie, das ganze Spiel hindurch im Überrocke herumgehen und erst in der letzten Szene ihn aufknöpfen und den Stern der Weisheit herausblitzen lassen müssen. Die Aufknöpfung eines metaphysischen Ober-rocks nähme sich hier nicht einmal so gut aus wie die Aufknöpfung des ministeriellen, denn was jene an den Tag brächte, wäre weiter nichts als ein paar Worte; denn das Beste vom Spaße sollte ja eigentlich darin liegen, daß es sich zeigte, daß die Gesellschaft längst im Besitze der Sache selbst war; sie gewönne also am Ende nur den Namen, dahin-gegen der Stern des Ministers etwas Reelleres, einen Beutel mit Geld, bedeutet.

 

Was Denken, was abstrakt ist – daß dies jeder Anwesende wisse, wird in guter Gesellschaft vorausgesetzt, und in solcher befinden wir uns. Die Frage ist allein danach, wer es sei, der abstrakt denke. Die Absicht ist, wie schon erinnert, nicht die, sie mit diesen Dingen zu versöhnen, ihr zuzumuten, sich mit etwas Schwerem abzugeben, ihr ins Gewissen darüber zu reden, daß sie leichtsinnigerweise so etwas vernachlässige, [576] was für ein mit der Vernunft begabtes Wesen rang- und standesgemäß sei. Vielmehr ist die Absicht, die schöne Welt mit sich selbst darüber zu versöhnen, wenn sie sich anders eben nicht ein Gewissen über diese Vernachlässigung macht, aber doch vor dem abstrakten Denken als vor etwas Hohem einen gewissen Respekt wenigstens innerlich hat und davon wegsieht, nicht weil es ihr zu gering, sondern weil es ihr zu hoch, nicht weil es zu gemein, sondern zu vornehm, oder umgekehrt, weil es ihr eine Espèce, etwas Besonderes zu sein scheint, etwas, wodurch man nicht in der allgemeinen Gesellschaft sich auszeichnet, wie durch einen neuen Putz, sondern wodurch man sich vielmehr, wie durch ärmliche Kleidung oder auch durch reiche, wenn sie auch aus alt gefaßten Edelsteinen oder einer noch so reichen Stickerei besteht, die aber längst chinesisch geworden ist, von der Gesellschaft ausschließt oder sich darin lächerlich macht.

 

Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. Die gute Gesellschaft denkt darum nicht abstrakt,

weil es zu leicht ist, weil es zu niedrig ist, niedrig nicht dem äußeren Stande nach, nicht aus einem leeren Vornehmtun, das sich über das wegzusetzen stellt, was es nicht vermag, sondern wegen der inneren Geringheit der Sache.

 

Das Vorurteil und die Achtung für das abstrakte Denken ist so groß, daß feine Nasen hier eine Satire oder Ironie zum vorauswittern werden; allein, da sie Leser des Morgenblattes sind, wissen sie, daß auf eine Satire ein Preis gesetzt ist und daß ich also ihn lieber zu verdienen glauben und darum konkurrieren als hier schon ohne weiteres meine Sachen hergeben würde.

 

Ich brauche für meinen Satz nur Beispiele anzuführen, von denen Jedermann zugestehen wird, daß sie ihn enthalten. Es wird also ein Mörder zur Richtstätte geführt. Dem gemeinen Volke ist er nichts weiter als ein Mörder. Damen machen [577] vielleicht die Bemerkung, daß er ein kräftiger, schöner, interessanter Mann ist. Jenes Volk findet die Bemerkung entsetzlich: was, ein Mörder schön? wie kann [man] so schlechtdenkend sein und einen Mörder schön nennen; ihr seid auch wohl etwas nicht viel Besseres! Dies ist die Sittenverderbnis, die unter den vornehmen Leuten herrscht, setzt vielleicht der Priester hinzu, der den Grund der Dinge und die Herzen kennt.

 

Ein Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und es ihm jetzt nur durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte. – Es kann wohl Leute geben, die, wenn sie solches hören, sagen werden: der will diesen Mörder entschuldigen! Erinnere ich mich doch, in meiner Jugend einen Bürgermeister klagen gehört [zu haben], daß es die Bücherschreiber zu weit treiben und Christentum und Rechtschaffenheit ganz auszurotten suchen; es habe einer eine Verteidigung des Selbstmordes geschrieben; schrecklich, gar zu schrecklich! – Es ergab sich aus weiterer Nachfrage, daß Werthers Leiden verstanden waren.

 

Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies Abstrakte, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm [zu] vertilgen. Ganz anders eine feine, empfindsame Leipziger Welt. Sie bestreute und beband das Rad und den Verbrecher, der darauf geflochten war, mit Blumenkränzen. – Dies ist aber wieder die entgegengesetzte Abstraktion. Die Christen mögen wohl Rosenkreuzerei oder vielmehr Kreuzroserei [578] treiben, das Kreuz mit Rosen umwinden. Das Kreuz ist der längst geheiligte Galgen und Rad. Es hat seine einseitige Bedeutung, das Werkzeug entehrender Strafe zu sein, verloren und kennt im Gegenteil die Vorstellung des höchsten Schmerzes und der tiefsten Verwerfung, zusammen mit der freudigsten Wonne und göttlicher Ehre. Hingegen das Leipziger [Kreuz], mit Veilchen und Klatschrosen eingebunden, ist eine Kotzebuesche Versöhnung, eine Art liederlicher Verträglichkeit der Empfindsamkeit mit dem Schlechten.

 

Ganz anders hörte ich einst eine gemeine alte Frau, ein Spitalweib, die Abstraktion des Mörders töten und ihn zur Ehre lebendig machen. Das abgeschlagene Haupt war aufs Schaffot gelegt, und es war Sonnenschein; wie doch so schön, sagte sie, Gottes Gnadensonne Binders Haupt beglänzt! – Du bist nicht wert, daß dich die Sonne bescheint, sagt man zu einem Wicht, über den man sich erzürnt. Jene Frau sah, daß der Mörderkopf von der Sonne beschienen wurde und es also auch noch wert war. Sie erhob ihn von der Strafe des Schaffots in die Sonnengnade Gottes, brachte nicht durch ihre Veilchen und ihre empfindsame Eitelkeit die Versöhnung zustande, sondern sah in der höheren Sonne ihn zu Gnaden aufgenommen.

 

Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, – schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, war jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, – flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! – Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, [579] Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach – wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist –, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen.

 

Um von der Magd auf den Bedienten zu kommen, so ist kein Bedienter schlechter daran als bei einem Manne von wenigem Stande und wenigem Einkommen, und um so besser daran, je vornehmer sein Herr ist. Der gemeine Mensch denkt wieder abstrakter, er tut vornehm gegen den Bedienten und verhält sich zu diesem nur als zu einem Bedienten; an diesem einen Prädikate hält er fest. Am besten befindet sich der Bediente bei den Franzosen. Der vornehme Mann ist familiär mit dem Bedienten, der Franzose sogar gut Freund mit ihm; dieser führt, wenn sie allein sind, das große Wort, man sehe Diderots Jacques et son maître, der Herr tut nichts als Prisen-Tabak nehmen und nach der Uhr sehen und läßt den Bedienten in allem Übrigen gewähren. Der vornehme Mann weiß, daß der Bediente nicht nur Bedienter ist, sondern auch die Stadtneuigkeiten weiß, die Mädchen kennt, gute Anschläge im Kopfe hat; er fragt ihn darüber, und der Bediente darf sagen, was er über das weiß, worüber der Prinzipal frug. Beim französischen Herrn darf der Bediente nicht nur dies, sondern auch die Materie aufs Tapet bringen, seine Meinung haben und behaupten, und wenn der Herr etwas will, so geht es nicht mit Befehl, sondern er muß dem Bedienten zuerst seine Meinung einräsonieren und ihm ein gutes Wort darum geben, daß seine Meinung die Oberhand behält.

 

Im Militär kommt derselbe Unterschied vor; beim preußischen kann der Soldat geprügelt werden, er ist also eine [580] Kanaille; denn was geprügelt zu werden das passive Recht hat, ist eine Kanaille. So gilt der gemeine Soldat dem Offizier für dies Abstraktum eines prügelbaren Subjekts, mit dem ein Herr, der Uniform und Porte d'épée hat, sich abgeben muß, und das ist, um sich dem Teufel zu ergeben. [581]

 


 

Hegels Philosophie – Einsichten und Illusionen

 

Unbescheidener Versuch einer kritischen Bewertung aus Anlass von Hegels 250. Geburtstag

 

Ulrich W. Diehl

 

Hegel war neben Marx der Hauptgegner einiger einflussreicher Strömungen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Die meisten Philosophen dieser Strömungen haben jeweils auf ihre Weise Hegels dialektische Denkweise abgelehnt und seine philosophischen Werke an verschiedenen Stellen kritisiert. Das geschah nicht zuletzt deswegen, weil Marx ausgerechnet diese dialektische Denkweise Hegels übernommen hatte und nur Hegels metaphysischen Idealismus aufgegeben und durch seinen dialektischen Materialismus ersetzt hatte. Damit hatte Marx jedoch gerade die problematischen Grundstrukturen von Hegels philosophischem Denken übernommen. Das war aber genau das Schlechteste und nicht das Beste an Hegel. Was aber bleibt von Hegel, wenn man seine Dialektik aufgibt und verwirft und seine haltbaren Einsichten bewahrt und verteidigt?

 

Sowohl Hegels dialektische Methode zur Überwindung von logischen Widersprüchen und zur Rehabilitation des spekulativen Denkens, aber auch seine wertvollen philosophischen Einsichten stammen von so gegensätzlichen antiken Philosophen wie vom schwärmerischen Parmenides, vom dunklen Heraklit, vom systematischen Aristoteles und von den beiden Skeptikern Pyrrho von Elis und Sextus Empiricus. Aber wie soll das um Himmels willen alles zusammen passen?

 

Im Folgenden werde ich dafür plädieren, dass wir mit Hegel Heraklits realistischen Grundgedanken der Zeitlichkeit der Welt ebenso bewahren sollten wie Aristoteles' ontologische Grundfrage, was es in der Welt gibt, das an und für sich existiert und nicht nur subjektiv für mich, nur intersubjektiv für alle Subjekte mit menschlichem Bewußtsein und sprachlichem Verstand oder nur für den jeweiligen wandelbaren Zeitgeist. Aber gehören auch abstrakte Entitäten, wie z.B. Propositionen und logische Operatoren, mathematische Funktionen und Mengen sowie ideale geometrische Formen, zu dem, was an und für sich existiert? Das ist seit Platon ein wichtiges philosophisches Problem.

 

Propositionen sind die Inhalte von Sätzen, die wahr oder falsch sein können. Existieren sie an und für sich oder handelt es sich bei ihnen nicht vielmehr nur um nützliche Fiktionen, die von der menschlichen Einbildungskraft konstruiert werden? Klar ist nur, dass die Überzeugung, dass es Propositionen gibt, deren Wahrheitswert von Sachverhalten in der Welt abhängig ist, pragmatisch unverzichtbar ist. Ansonsten gäbe es keine objektiven Erkenntnisse in den Wissenschaften und keine rationale Philosophie, keine evidenzbasierte Humanmedizin und keine wahrheitsgemäße und gerechte Rechtsprechung, keine legitimen Rechtsstaaten und keine gültigen Menschenrechte. Denn wenn wir erkennen, dass etwas geschehen ist, und dass damit etwas für immer zu einer Wahrheit wurde, beziehen wir uns auf Propositionen, die wir für wahr halten, obwohl das Geschehene bereits vergangen ist und die korrespondierende Tatsache womöglich gar nicht mehr existiert. Wir äußern damit nicht nur eine Emotion und beziehen uns damit nicht nur auf unseren eigenen momentanen Gemütszustand.

 

 

1. Hegels Dialektik

 

Hegel scheint manchmal seinen empirischen Verstand zu opfern, um durch Dialektik zu einer höheren spekulativen Vernunft zu gelangen. Er ist manchmal ein Prometheus des spekulativen philosophischen Denkens wie in seiner Wissenschaft der Logik (1812-16) oder in seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1817) und kein nachdenklicher Epimetheus wie Kant, Brentano oder Husserl. Und doch identifiziert er in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820/21) die Philosophie mit der “Eule der Minerva”, die erst in der Dämmerung des Abends ihren Flug beginnt.

 

Mit seinem dialektischen Denken wollte er anscheinend dem abendländisch-europäischen Denken der Philosophen seiner Zeit die letzten Reste einer eleatischen Bevorzugung des Statischen und einer platonischen Liebe zu zeitlosen Idealen, Prinzipien, Normen und Werten austreiben. Das Geschichtliche und Zeitliche dringt daher in seiner Denkweise in alle Bereiche des Subjektiven und Objektiven vor. Davon bleiben weder das empirische Selbst in seiner Lebens-geschichte verschont noch der geschichtlich gewachsene objektive Geist von positivem Recht und nationalem Staat.

 

Anders als Kant, Brentano und Husserl wurde Hegel in seiner Frankfurter Zeit von der radikalen Skepsis der Antike erfasst (Pyrrhon von Elis und Sextus Empiricus). Alle Wahrheitsansprüche werden durch die radikale Skepsis zu bloß momentanen Äußerungen lebendiger Individuen. Nichts, was jemand einmal als wahr oder gültig entdeckt hat, könnte dann objektiv wahr und zeitlos gültig sein und daher als objektiv wahr und gültig erkannt, anerkannt, überliefert und gelehrt werden. Selbst der “absolute Geist” des menschlichen Selbstbewusstseins, in seinen drei Formen von sinnlicher Kunst, vorstellender Religion und reflektierender Philosophie ist nach Hegel nicht der Geschichtlichkeit und Zeitlichkeit enthoben. Davon scheinen zunächst nur seine spekulativen Entwürfe zur Wissenschaft der Logik und Enzyklopädie ausgenommen. Aber dann könnten sie wie die aristotelischen Schriften zur Metaphysik auch nur noch als philo-sophische Entwürfe für den heuristischen Gebrauch in der Lehre interpretiert werden, aber nicht mehr als Aristoteles' zeitlos gültiges “System” des spekulativen ”Denkens des Denkens”.

 

Aber was ist mit Kants transzendentalem "Ich denke" und mit Husserls "Transzendentalen Ich". Was ist mit den zeitlos gültigen Prinzipien der Logik und Mathematik, die entdeckt und nicht nur erfunden wurden? Der logische Satz vom Widerspruch des Aristoteles und der Satz des Pythagoras über die Größenverhältnisse der Seiten eines rechtwinkeligen Dreiecks der euklidischen Geometrie sind doch unbestreitbare Beispiele für solche zeitlos gültigen universalen Prinzi-pien der Logik und Mathematik. Daher können sie zu jeder Zeit von erwachsenen Menschen mit einem gesundem Menschenverstand verstanden, reproduziert und eingesehen werden. Sogar außerirdische intelligente Wesen könnten sie prinzipiell verstehen und als gültig einsehen, wenn sie über eine hinreichende semiotische und sprachliche Intelligenz verfügten.

 

Was ist dann weiterhin mit Kants Urteilsformen und Kategorien des Verstandes? Selbst wenn Kants Urteilstafel nicht vollständig sein sollte, können doch nicht alle universalen Ideale und Prinzipien, Werte und Normen der Logik und Mathematik sowie von Moral und Recht durch den zeitlichen Strom der irdischen Geistesgeschichte als bloß geschicht-lich gültig relativiert werden. Hier stößt Hegels titanischer Wille zur radikalen Historisierung der menschlichen Geistes-geschichte als Teilstrom der Weltgeschichte an unüberwindbare Grenzen. Denn in diesem geschichtlichen Strom gibt es einige seltene Muscheln, die gleichsam Perlen zeitlos gültiger Wahrheiten enthalten. Seit Platon versuchen die größten Philosophen zu verstehen, wie das möglich ist. Wer das Problem einfach nur ignoriert, gehört nicht in diesen engeren Kreis der größten Philosophen.

 

Dass es zeitlos gültige rationale Ideale, Prinzipien, Normen und Werte gibt, und zwar nicht nur in der Logik und Mathe-matik, sondern auch in Moral und Recht, kann man nicht leugnen, ohne die menschliche Fähigkeit zur kognitiven Teilhabe an einer potentiell universalen Vernunft zu leugnen. Damit würde man den rationalen Kern der theoretischen, praktischen und poietischen Wissenschaften zerstören und damit auch die zivilisatorische Errungenschaft moderner Rechtsstaaten. Die Folgen dieser “Zerstörung der Vernunft” (Georg Lukacz und Karl Jaspers) im 20. Jahrhundert durch den irrationalen Nationalismus, den rechtlichen Historismus, den biologistischen Naturalismus und den dialektischen Materialismus waren verheerend. Sie haben, neben anderen, vorwiegend ökonomisch-politischen und massen-psychologischen Faktoren, zu ideologisch motivierten Massenbewegungen, zu Völkermorden und zwei Weltkriegen geführt.

 

Die Hinwendung zum Empirismus, Naturalismus und Historismus kann nicht nur die potentiell universale Vernunft, sondern auch den aktuellen gesunden Menschenverstand zerstören. Dann gibt es aber auch keinen allgemeinen Begriff von einer gemeinsamen Natur des Menschen mehr, den die modernen Menschenrechtskonventionen doch voraussetzen. Der zeitgenössische Postmodernismus mit seinen irrationalen, individualistischen und emotivistischen Tendenzen ist eine Konsequenz aus diesen drei Ismen, obwohl er auch nur eine Variante des antiken Skeptizismus ist.

 

In Gibbons monumentalem Geschichtswerk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire hat Hegel in seiner frühen Berner Zeit die Diagnose vorgefunden, dass der Skeptizismus zum Untergang des Römischen Reiches beigetragen habe. Gegenwärtig verführt der zeitgenössische Postmodernismus viele Menschen verschiedener sozialer Gruppen dazu, ihr zufälliges gemeinsames Gruppenmerkmal (ihre Hautfarbe oder Ethnie, ihr Geschlecht oder Gender, ihre Ernährungsweise oder ihren Lebensstil, etc.) zu ihrer persönlichen Identität zu machen, einen angeblich besonderen Opferstatus zu reklamieren und ihre persönliche Identität zu einer politischen Ideologie zu erheben.

 

Der zeitgenössische Postmodernismus führt zu einem neuen Tribalismus und zu fanatischen Kulturkämpfen, spaltet vormals geeinte moderne Nationen in unversöhnliche politische Lager und mehrere Ethnien, politisierte Religionen und neue Gendergemeinden. Was dabei verloren geht, ist die Überzeugung, dass es eine gemeinsame menschliche Natur, einen gemeinsamen Verstand und eine potentiell universale Vernunft gibt. Was ebenfalls verloren geht, sind die lang-fristigen Ziele eines guten Lebens, einer wohlgeordneten Gesellschaft und eines legitimen Rechtsstaates. Statt dessen konkurrieren die meisten Menschen nur noch um kurzfristige Vorteile und Erfolge, Reichtum und Ruhm, streben nur noch nach Gesundheit, Fitness und einem langen Leben im sozialdarwinistischen Kampf ums Überleben.

 

Die weltanschaulichen Neigungen zum Empirismus, Naturalismus und Historismus konnten nach Kant erst wieder Gottlob Frege und Edmund Husserl mit ihrer rationalen Kritik des Psychologismus in der Logik und Mathematik argumentativ überwinden. Karl Poppers Konzeption dreier “Welten” als eigengesetzlicher, aber interagierender Gegenstandsarten der einen Welt geht auf diese erhellende Psychologismuskritik zurück und hat ihm das logische Rüstzeug für seine grundsätzliche rationale Kritik am dialektischen und historistischen Denken von Hegel und Marx geliefert.

 

Manchmal scheint es, dass der überschwängliche Wahrheitssucher Hegel seit seiner Jugend als schwärmerischer Tübinger Theologiestudent und aufmüpfiger Verehrer der Französischen Revolution geradezu Unvereinbares wie Glauben und Wissen, natürliche Theologie und kritische Philosophie, Antike und Moderne, Objektivität und Subjektivität, Natur und Geist, Recht und Freiheit in einem einzigen philosophischen "System" vereinbaren will. Dabei läuft er immer wieder Gefahr, Kants beste Beiträge und erhellenden Unterscheidungen zum philosophischen Denken zu verschlimm-bessern und die historischen Ursprünge und die biblischen Quellen der christlichen Theologie aus den Augen zu verlieren. Glaube (faith) ist jedoch nicht Wissen (knowledge) und der authentische christliche Glaube ist keine philo-sophische Spekulation des menschlichen Geistes und lässt sich nicht durch kluge philosophische Spekulationen ausdrücken, verstehen oder vermitteln.

 

Das Opfer des Verstandes in Form seiner Vorliebe für dialektische Widersprüche ist weder für den Glauben (faith) nötig noch führt er zu einer erhellenden Philosophie, denn Verstand zu haben schulden wir nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Mitmenschen, mit denen wir zusammen leben und arbeiten. Juden, Christen und Muslime glauben außerdem, dass die Menschen ihren Verstand von ihrem gemeinsamen Schöpfer bekommen haben.

 

Die sinnvolle Rede eines Menschen mit einem gesunden menschlichem Verstand ist kein paradoxes Oui-non. Vielmehr geht es um ein leidenschaftliches und verbindliches Ja, wenn jemand Ja meint und ein deutliches Nein, wenn jemand Nein meint. Und das nicht nur vor dem Rabbi, Pfarrer oder Priester bei der Trauung fürs ganze Leben, sondern auch in seinen alltäglichen Geschäften oder beim wissenschaftlichen Forschen, beim medizinischen Behandeln, beim rechtsstaatlichen Urteilen oder eben auch beim philosophischen Nachdenken.

 

2. Rationale Einwände gegen Hegels Dialektik

 

Die Neukantianer, logischen Positivisten und frühen Analytischen Philosophen konnten sich alle nicht mit Hegels dialektischem Denken von These, Antithese und Synthese anfreunden, weil es drei Verstöße gegen die implizite Logik des gesunden Menschenverstandes enthielt, die jedes Gespräch mit einem Ziel und einer Aufgabe sinnlos und jede sachliche Diskussion unmöglich machen, geschweige denn sich vor Gericht, in einer ärztlichen Praxis, in einem Unternehmen oder in einer Regierung bewähren könnten.

 

1. Eine Aufhebung des von Aristoteles entdeckten und explizit gemachten logischen Prinzips vom auszuschließenden Widerspruch.

 

Zwischen einer These (Aussage, Urteil oder Satz) mit einem propositionalen Gehalt, dass p und seiner kontradiktori-schen Anti-These (Aussage, Urteil oder Satz) mit dem propositionalen Gehalt, dass nicht p, kann es logischerweise keine Synthese geben, weil sich widersprüchliche Aussagen der Form, dass p und zugleich nicht p (p & ~ p) aufheben, sodass nur ein unhaltbarer Widerspruch bzw. gar nichts Sinnvolles bzw. bloßer Unsinn behauptet wurde.

 

2. Eine Verwechslung des logischen Widerspruches zwischen Aussagen oder Urteilen mit realen Interessekonflikten in der lebendigen Natur sowie in der menschlichen Gesellschaft.

 

Logische Widersprüche gibt es nur zwischen Thesen (Aussagen, Urteilen oder Sätzen) mit einem propositionalen Gehalt, aber nicht zwischen realen und nicht-propositionalen Interessekonflikten in der lebendigen Natur sowie in der mensch-lichen Gesellschaft. Die stummen und sprachlosen Tiere und Pflanzen tragen ihre vitalen Interessekonflikte meistens im instinktiven Kampf ums Dasein aus. Menschen manchmal auch, können jedoch Interessekonflikte mit Hilfe von gemein-samer Sprache und vernünftigem Denken durch vermittelnde Kompromisse, Vereinbarungen, Verträge oder Institutio-nen schlichten.

 

3. Eine unzulässige Identifikation des Denkens mit dem Sein bzw. des Gedachten oder Gesagten mit dem Seienden bzw. dem Wirklichen.

 

Wenn jemand etwas behauptet, kann das entweder wahr sein, weil es den wirklichen Sachverhalten entspricht oder aber falsch sein, weil es den wirklichen Sachverhalten nicht entspricht. Eine Identität bzw. ein Zusammenfallen zwischen Denken und Sein bzw. zwischen etwas Gedachtem bzw. Gesagtem mit etwas Seienden bzw. dem Wirklichen gibt es jedoch nicht. Es gibt nur eine Korrespondenz bzw. Übereinstimmung. Eine solche Identität ist nur eine Illusion enthusiasmierter Philosophen wie Parmenides. Daher ist sein berühmtes Lehrgedicht auch eine enthusiastisch gesungene Hymne und kein nüchtern verfasster philosophischer Traktat (Georg Picht).

 

4. Die selbstbewußte Fähigkeit der Bejahung oder Verneinung einer singulären Aussage, eines einzelnen Urteils oder einer grammatikalisch vollständigen und semantisch sinnvollen Proposition in Form des Urteils “Ich denke, dass p.” (I think that p. / Je pense que p./ etc.) ist der wesentliche Kern der spezifisch menschlichen Intelligenz, die uns von allen anderen intelligenten Lebewesen auf der Erde unterscheidet. Das ist und bleibt wahr, obwohl einige Säugetiere (wie z.B. Meerkatzen und Schimpansen, Hunde und Wölfe, Delphine und Orcas) und Vögel (Krähen und Raben) über eine gewisse vosprachliche Kognition und zweckrationale Intelligenz im Verhalten verfügen.

 

Diese Fähigkeit der Urteilskraft ist das wesentliche Ingredienz für das spezifisch menschliche propositionale Selbst-bewußtsein und für die kognitiven Fähigkeiten zur rationalen Argumentation und Diskussion, zur rationalen Überlegung, Willensbildung und Willensentscheidung sowie zu rationalen Konfliktlösungen, Kooperationen und Handlungen. Anders als Kant, Brentano und Husserl fallen Hegel und Marx mit ihrer anti-rationalen Dialektik hinter diese Einsicht zurück und laufen Gefahr, den wesentlichen Kern der menschlichen Intelligenz aufs Spiel zu setzen.

 

3. Hegels als Begründer der modernen Sozialphilosophie

 

Existenzialisten im Anschluss an Sören Kierkegaard, Phänomenologen im Anschluss an Edmund Husserl, Lebens-philosophen im Anschluss an Friedrich Nietzsche konnten sich jedoch auch nicht mit Hegels Berücksichtigung und Wertschätzung von sozialen und kulturellen Gewohnheiten und Konventionen, Institutionen und Traditionen anfreunden. Aber vielleicht liegt gerade hier Hegels größtes Verdienst der nach-kantischen Zusammenführung sozialphilosophischer Einsichten von Platon und Aristoteles, Rousseau und Montesquieu, denn damit wurde er zum Begründer moderner Sozialwissenschaften und Sozialphilosophie.

 

Hier hat er tatsächlich einen blinden Fleck in Kants transzendentalphilosophischen Denken im Ausgang vom allge-meinen Subjekt ausgeglichen. Allerdings zeitigte das ambivalente Folgen sowohl bei den naturalistischen Links-hegelianern und Marxisten als auch bei den platonisierenden Rechtshegelianern und Nationalisten. Einen unschuldigen Hegel gibt es daher so wenig wie einen unschuldigen Marx. Insofern war die Totalitarismuskritik von Karl Popper an Hegel und Marx (trotz aller Verkennungen in den Details) grundsätzlich berechtigt, wenn auch zu einseitig. Denn im Kern ging es Popper um eine rationale Kritik am weltanschaulichen Irrationalismus als Ursprung des politischen Totalitarismus.

 

Die meisten Phänomenologen haben jedoch aufgrund ihres skeptischen Rückzuges auf bloße Phänomene entweder die Wirklichkeit von sozialen und kulturellen Gewohnheiten, Konventionen, Institutionen und Traditionen geleugnet oder sie konnten sie weder kognitiv erfassen noch hermeneutisch verstehen. Die Existenzialisten hielten sie fälschlich sogar für eine Gefahr für ihr eigensinniges Ideal der Individuation und Selbstverwirklichung. Die Lebensphilosophen hielten sie dann eher für eine unzulässige Behinderung ihres trotzigen Ideals der ungehemmten Entfaltung ihres eigenen Lebens und ihrer persönlichen Willkür.

 

Diese drei Einwände gegen Hegels sozialphilosophische Berücksichtigung von sozialen und kulturellen Gewohnheiten und Konventionen, Institutionen und Traditionen waren jedoch nur teilweise berechtigt. Die neuen Sozial- und Kultur-wissenschaften seit dem 20. Jahrhundert, wie z.B. die Anthropologie, Ethnologie und Soziologie, haben Hegel in dieser Hinsicht zugestimmt. Berechtigt waren diese drei Einwände jedoch aufgrund von Hegels geistiger Blindheit für Indivi-duen und Individualität. Diese geistige Blindheit reicht von singulären Propositionen bis zur unerschöpflichen Einmalig-keit, zum unersetzbaren Wert und zur unveräußerlichen Würde einzelner Menschen.

 

1. Es gibt soziale und kulturelle Gewohnheiten und Konventionen, Institutionen und Traditionen und alle Menschen mit einem gesundem Menschenverstand und gesundem Gemüt können sie erkennen und verstehen. Selbst so unmittel-bare und intime Verhaltensweisen wie Essen und Küssen, Lachen und Weinen, Dichten und Denken ergeben sich nicht nur aus unbewussten Gewohnheiten, sondern entsprechen auch sozialen Codierungen und kulturellen Konventionen. Von deren sozialer Geltungsmacht können sich auch opponierende Jugendliche, Individualisten und Künstler nicht ganz freimachen. Denn ihre Opposition ist dann oft nicht wirklich autonom, sondern bleibt wegen ihres opponierenden Charakters heteronom. Selbst die Existenzialisten und Lebensphilosophen knüpften mit ihren eigensinnigen und trotzigen Lebensweisen immer auch an bestimmte Moden und Konventionen des Zeitgeistes an.

 

2. Soziale und kulturelle Gewohnheiten und Konventionen sind in sozialphilosophischer Hinsicht für die Individuation und Selbstverwirklichung der Menschen nicht immer nur schädlich, sondern können auch lebensdienlich und ent-wicklungsfördernd sein. Denn schon jeder Spracherwerb, das frühe Lernen des aufrechten Ganges und das gesunde Aufwachsen eines Kindes in einer Familie basieren nicht nur auf persönlichen und familiären Gewohnheiten, sondern auch auf bestimmten sozialen und kulturellen Konventionen. Viele soziale Institutionen und kulturelle Traditionen können außerdem dem Schutz des Lebens, der Freiheit und der Würde der Menschen dienen.

 

Eine von kulturellen Einflüssen unberührte Natur des Menschen hingegen ist eine Illusion. Der geschichtliche Mensch ist seit einigen Tausend Jahren immer auch schon ein Kulturwesen, das gemeinsam Nahrung jagd und sammelt, kocht und brät, isst und trinkt, etc. Außerdem gibt es nicht nur ein spezifisch menschliches Sprachgen und einen spezifisch menschlichen Sprachinstinkt (Steven Pinker), sondern auch eine spezifisch menschliche, auf Spracherwerb und elementare Versorgung angelegte Instinktschwäche der Kleinkinder (Arnold Gehlen). Beim geschichtlichen Menschen sind Natur (nature) und Kultur (nurture) miteinander untrennbar verwoben.

 

Kein Mensch kann seiner kulturellen Wiege entkommen und regressiv in den Schoß von "Mutter Natur" zurückkehren, ohne sich selbst zu verleugnen, denn er müsste seine Muttersprache ablegen und verstummen. Die von Natur-romantikern idealisierte "Mutter Natur" und das lebensfeindliche Universum sind grausam gleichgültig, ob und wie die Menschheit ihre derzeitigen Krisen (Bevölkerungswachstum, Erderwärmung, Epidemien, Wassermangel, etc.) über-stehen wird. Naturromantiker beschwören manchmal zynisch die darwinistische Ideologie der “natürlichen Auslese” und erhoffen sich eine natürliche Dezimierung der Bevölkerung auf der Erde als Lösung der übermächtigen politischen Probleme eines unter Realbedingungen optimalen Schutzes des Lebens, der Freiheitsrechte und der menschlichen Würde.

 

3. Persönliche Gewohnheiten, soziale Konventionen, rechtsstaatliche Institutionen und kulturelle Traditionen sind in sozialphilosophischer Hinsicht jedoch nicht immer nur eine Behinderung des Ideals der freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, sondern können auch eine kommunitäre Unterstützung sein. Sowohl Kinder und Jugendliche, als auch von Erwachsene und Ältere sind bei der Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit jedoch meistens auf die freie Entfaltung des Lebens und der Persönlichkeit anderer Kinder und Jugendlicher, anderer Erwachsener und Älterer angewiesen. Freilich stoßen sie damit immer auch an soziale und kulturelle Grenzen. Diese Grenzen werden ihnen gewöhnlich bei Nichtbeachtung von außen durch elterliche, erzieherische oder rechtstaatliche Autoritäten auferlegt. Dies geschieht nicht nur durch die persönliche Willkür anderer Bürger und Menschen, sondern gerade auch durch soziale Konven-tionen, rechtsstaatliche Institutionen und kulturelle Traditionen, die dem Leben, der Freiheit und der Würde der Menschen dienen.

 

Blind zu sein für das Individuelle, Spezifische, Kontingente und Zeitliche ist ein kognitives Defizit; aber blind zu sein für das Gemeinsame, Allgemeine, Wesentliche und Zeitlose ebenfalls. Die meisten Intellektuellen sind sozusagen auf einem Auge blind. Nur wenige können mit beiden Augen sehen. Das sind die vorzüglichsten Philosophen. Eulen können ihre Augen je nach Bedarf individuell öffnen und schließen. Daher ist die Eule das Symboltier der Philosophen.

 

4. Hegels Wiederentdeckung von Aristoteles

 

Sowohl die Neukantianer, die logischen Positivisten und die frühen Analytischen Philosophen, aber auch die Existen-zialisten und einige Phänomenologen und Lebensphilosophen haben anders als der Neo-Aristoteliker Franz Brentano drei philosophische Einsichten der Aristoteliker vernachlässigt. Obwohl Hegel in seiner Vorlesung über die Geschichte der Philosophie den dualistischen Anti-Aristoteliker René Descartes als "Vater der Neuzeit" feierte, rehabilitierte er das aristotelische Verständnis der organischen Natur (physis) als einen natürlichen Zusammenhang des Lebendigen und ging damit über Kants kausalistische Teleologiekritik hinaus. Franz Brentano hat diese alten aristotelischen Einsichten ebenfalls aufgenommen und rehabilitiert, aber ohne den irrationalen Ballast der Hegelschen oder Marx'schen Dialektik:

 

1. Alle psychischen Pänomene und Fähigkeiten sind intentional, d.h. sie beziehen sich auf interne Objekte wie die eigenen Vorstellungen oder auf externe Objekte wie Personen oder Gegenstände. Wenn ich an jemand oder etwas denke, dann beziehe ich mich geistig auf diese Person oder diesen Gegenstand. Das Gleiche gilt für andere psychische Phänomene wie Urteile, Emotionen und Motivationen.

 

Physische Pänomene (physikalische Prozesse, chemische Reaktionen und biologische Funktionen) hingegen sind nicht intentional. Sie beziehen sich nicht auf etwas oder jemanden. Ein Thermostat empfindet keine Wärme und er bezieht sich nicht intentional oder gar bewusst oder gar absichtlich auf die Raumtemperatur, die er nur mechanisch kontrolliert. Ein Lackmusteststreifen reagiert auf den pH-Wert der Flüssigkeit, aber er kann sie nicht schmecken wie ein gesunder Mensch und etwas davon verstehen. Der menschliche Blutdruck reagiert zwar nicht nur auf den physischen Aderlass bei der Blutspende, sondern auch auf psychosomatischen Dauerstress, aber er kann diesen Sress nicht eigentlich empfin-den wie das jemand an seinen psychosomatischen Symptomen (Herzrasen, Schwitzen oder Schmerzen) selbst spüren oder durch Blutdruckmessungen herausfinden kann.

 

2. Lebendige Organismen, wie Pflanzen, Tiere und Menschen sind von Natur aus teleologisch, d.h. sie enthalten interne Kausalstrukturen und vitale Mechanismen einer systemischen Vielfalt von natürlichen Funktionen und Zwecken, die sie immanente Ziele der Selbsterhaltung, des Wachstums und der Entfaltung verfolgen lassen.

 

So streben alle Pflanzen über ihre Wurzeln nach Wasser und Mineralien im Boden, um sich zu ernähren, und über ihre Blätter nach Sauerstoff und Stickstoff, um diese Stoffe aufzunehmen und nach Licht, um es in der Photosynthese zu verarbeiten. So streben alle Tiere und Menschen über ihr jeweiliges Such-, Jagd- und Fressverhalten nach Trinkwasser und pflanzlicher oder tierischer Nahrung, um sich zu ernähren, sich selbst zu erhalten und fortpflanzen zu können. Nicht die mikro-biologischen Gene streben nach Selbsterhaltung und Fortpflanzung, wie der Biologe Richard Dawkins irrtümlich meinte, sondern die meso-biologischen Lebewesen selbst.

 

Biologische Teleologie bedeutet, dass alle gesunden Organe aufgrund ihrer natürlichen Funktionen und partikularen Zwecke im System eines Organismus, aber auch alle lebendigen Organismen im ökologischen System der Natur, also alle Pflanzen, Tiere und Menschen einen immanenten Zweck erfüllen (Entelechie). Ob man daraus im Sinne eines teleologischen Gottesbeweises auch auf die übernatürlichen Intentionen eines mythologischen Baumeisters, intelligenten Designers oder göttlichen Schöpfers schließen kann, ist eine schwierige metaphysische Frage, die nicht alleine aufgrund der Realisierung biologischer Teleologie entschieden werden kann.

 

Diese Teleologie (natürliche Zweckmäßigkeit) wird jedoch von der Mehrheit der zeitgenössischen Naturwissenschaftler immer noch bestritten, weil sie in Nachahmung der kausal-analytischen und reduktionistischen Methoden der Physiker vorwiegend nach genetischen und mikro-biologischen Ursachen des Verhaltens forschen. Aber die eigentlich dem Menschen nahe liegende, aus dem Verhalten der Tiere mimetisch erschließbaren psychologischen Zuschreibungen von Affekten (Schmerzen und Todesfurcht), von Bedürfnissen (nach gesunder Bewegung und Nahrung, die nur eine artgerechte Tierhaltung ermöglicht), und von instinktiven Absichten (im Nahrungs-, Geselligkeits- oder Spieltrieb) vernachlässigen die meisten zeitgenössischen Biologen.

 

3. Menschen haben von Natur aus eine vitale und psychologische Anlage zur Selbsterhaltung und Selbstverwirklichung, d.h. sie sind biophil und nicht nekrophil veranlagt, sie begehren instinktiv das Leben und nicht den Tod.

 

Den Tod begehren nur schwer Depressive, Selbstmörder, Selbstmordattentäter oder Soldaten, die es für “süß und ehrenwert" halten, "für das Vaterland zu sterben”. Die platonische "Flucht in die Ideen" und die neuplatonische und heideggerische Sehnsucht nach dem reinen Sein jenseits des konkreten Seienden, das nach Hegel mit dem Nichts zusammenfällt, sind philosophische Idolatrien, die Juden und Christen von Hause aus fremd sind.

 

Aber es gibt nicht nur bestimmte Ideologien und Mentalitäten, problematische Weltanschauungen und Religionen, sondern auch soziale Konventionen, rechtsstaatliche Institutionen und kulturelle Traditionen, die nicht mehr effektiv dem Schutz des menschlichen Lebens und der nützlichen Ausbildung, der humanen Bildung und der freien Entfaltung der Persönlichkeit dienen, sondern die vielmehr nur noch das menschliche Leben einengen und erkranken lassen.

 

Aber gerade an der Biophilie (Albert Schweitzer und Erich Fromm) und Humanität (Kant, Goethe, Herder, Lessing und Schiller) entscheidet sich, welche sozialen Konventionen, rechtsstaatliche Institutionen und kulturelle Traditionen immer noch für Mensch und Natur gut sind und welche nicht mehr. Der gesunde Menschenverstand mit seiner Fähigkeit zur Sachlichkeit und allgemeinen menschlichen Vernunft gehört dazu. Die Vorliebe für Widersprüche und Pathologien und andere seltsame Verstiegenheiten des menschlichen Geistes ist weder biophil noch produktiv.

 

4. Menschliche Personen haben ein immanentes Potential, das in ihrer genetischen Ausstattung angelegt ist und das im Laufe ihres Lebens zur psychologischen Entfaltung kommen kann. Zum spezifisch menschlichen Kern dieses Potential gehört der angeborene Sprachinstinkt, mit dem sie eine oder mehrere Sprachen erlernen können, um dann aufgrund ihrer erlernten Sprachkompetenz selbstständig denken, kommunizieren und handeln zu lernen. Nicht ursprünglich angelegt, aber ermöglicht werden dadurch auch die höherstufigen Kompetenzen, logisch denken und schließen zu lernen, um gründlich nachdenken, vergleichend überlegen und aufgrund von Gründen abschließend beurteilen zu lernen, um schließlich rational argumentieren und spekulativ reflektieren zu können. Dieses imannente Potential kann jedoch mit den primären Bindungen an Ursprungsfamilie und soziales Milieu, an kulturelle und soziale Lebenswelt in dramatische Konflikte geraten. Diese Konflikte sind der psychologische Ursprung von ethischen und politischen Ideen als sehnsüchtigen Vorstellungen davon, wie es besser werden könnte und sein sollte, aber faktisch noch nicht ist.

 

Die ethischen und politischen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sind daher noch lange nicht an und für sich genommen gut. Sie können nur allzu leicht zu verbalen Idolatrien mutieren und den gesunden Menschenverstand verderben. Das politische Schlagwort der Freiheit triggert bei manchen liberal gesinnten Menschen leider auch einen Verlust des gesunden Menschenverstandes. Das politische Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit lässt zwar das Herz von Sozialdemokraten höher schlagen, aber schwächt dafür die Fähigkeit zur Unterscheidung und Berücksichtigung verschiedener Facetten des politischen Leitgedankens der Gerechtigkeit. Ähnlich ist es mit dem politischen Schlagwort der Gleichheit bei vielen Sozialisten und mit dem Schlagwort der Nachhaltigkeit bei vielen Ökologen. Dabei haben alle diese politischen Schlagwörter ihre jeweilige Berechtigung, wenn sie nur richtig zusammen gedacht und begrifflich verarbeitet werden: Das aber bedarf einer anstrengenden Denkarbeit oder einer seltenen intuitiven Begabung. Für diese Arbeit an den Begriffen und Theorien sind immer noch historisch, hermeneutisch und analytisch gebildete Philosophen zuständig und seltener Journalisten im Feuilleton oder die modischen Lieferanten des Zeitgeistes (Precht, Sloterdijk, Zizek und Konsorten).

 

Die aufgrund ihres inhärenten Potentials zurecht geliebte Freiheit der Bürger und Menschen wird jedoch auch in modernen Demokratien nicht immer mit angemessen begrenzt. Kein vernünftiger Mensch wird eine unbegrenzte Freiheit im Sinne des sog. “Rechtes des Stärkeren” gutheißen, weil sie zu Anarchie und Gewalt, zu Bürgerkrieg und Lynchjustiz, zu Mord und Totschlag führen kann. Auch die viel gepriesene Freiheit der Märkte braucht angemessene Grenzen, da die Interessen der mächtigen Banken und Unternehmen mit den Interessen der Arbeitnehmer und Anleger, der Bürger und Menschen kollidieren. Die Ideologie einer unbegrenzten Freiheit erzeugt einen manischen Rausch und vernebelt den gesunden Menschenverstand.

 

In einem relativ gut funktionierenden Rechtsstaat gibt es jedoch nicht nur eine ideale rechtliche und politische Gleichhbehandlung der Bürger und Menschen, sondern auch eine legitime rechtliche und politische Ungleich-behandlung. Denn sonst dürften Unschuldige ins Gefängnis geworfen und Schuldige verschont werden, wie das in Autokratien und Diktaturen ohne einen funktionierenden Rechtsstaat geschieht. Aber auch die verschiedenen Probleme der Gerechtigkeit der menschlichen Aktionen, Beziehungen und Verhältnisse sollten immer differenziert behandelt werden, um zumindest zwischen einer ökonomischen Tausch- und Preisgerechtigkeit, einer rechtsstaatlichen Leistungs-, Verteilungs- und Steuergerechtigkeit, einer rechtsstaatlichen Strafgerechtigkeit der Bußgelder, des Freiheitsentzuges und der Verhaltenskorrektur und der sozialen Gerechtigkeit der kommunitären Solidarität mit den Armen, Kranken und Schwachen zu unterscheiden.

 

Eine meistens nur spontane, unreflektierte und undifferenzierte Begeisterung für jeweils nur eines dieser politischen Schlagworte von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit, wie man sie bei vielen Anhängern der Liberalen, Sozialisten, Sozialdemokraten oder Ökologen findet, ist nur allzu oft emotional aufgeladen und ideologisch verblendet, aber noch lange nicht theoretisch durchdacht und praktisch realisierbar.

 

5. Hegel als "Philosoph der Freiheit"? Welche Freiheit?

 

Klaus Viewegs neue Biographie: Hegel. Der Philosoph der Freiheit bedient sich im Titel des teils philosophischen, teils politischen Schlagwortes der Freiheit. Nicht nur Philosophen, sondern auch kritisch denkende Bürger werden zurück-fragen: Welche Freiheit? Die positive Freiheit der eigenen Selbstbestimmung? Die negative Freiheit der fehlenden Beschränkung von Handlungsspielräumen? Die politische Freiheit der möglichen Beeinflussung und Mitgestaltung politischer Prozesse und Strukturen? Weitere Fragen nach dem Sinn des Wortes “Freiheit” könnten hinzugefügt werden. Aber leider unterscheiden zur Zeit nur wenige Philosophen hinreichend verschiedene Phänomene und Begriffe von Freiheit und verteidigen angesichts eines voreiligen neurowissenschaftlichen Determinismus die psychologische Möglichkeit und Realität bestimmter Formen und Grade von Freiheit. Denn es hängt maßgeblich von der persönlichen Freiheit der Philosophen selbst ab, welche Arten von Freiheit sie selbst kennen, verstehen und daher auch für realisierbar halten.

 

Zu unterscheiden sind m.E. zumindest die folgenden Fähigkeiten menschlicher Personen: (1.) Die Wahlfreiheit der Fähigkeit zwischen Objekten, Verhaltens- und Handlungsoptionen zu wählen (positive freedom or freedom of choice). (2.) Die emotionale Willensfreiheit, frei von inneren affektiven Störungen (Ängsten, Depressionen, Manien, Süchten, Zwängen, etc.), aber nicht frei von natürlichen Dispositionen und persönlichen Motiven zu wählen (inner freedom or emotional freedom of the will). (3.) Die inhibitorische Willensfreiheit als die Fähigkeit, spontan innezuhalten und sich nicht von seinen natürlichen Dispositionen und persönlichen Motiven bestimmen zu lassen (inhibitory freedom). (4.) Die Willkürfreiheit als die Fähigkeit, sich spontan von seinen natürlichen Dispositionen, aktuellen Impulsen und persönlichen Motiven bestimmen zu lassen (spontaneous freedom of self-determination). (5.) Die vernünftige Freiheit als die Fähigkeit des seelisch gesunden Menschen, seine eigene Überzeugung und Willensentscheidung nach Abwägungen und Überlegungen aufgrund von zweck-rationalen oder moralisch-rationalen Gründen zu bestimmen. (rational freedom of the will). (6.) Die geistige Freiheit als die Fähigkeit der erörternden und bewertenden Reflexion über Objekte, Probleme oder Themen in verschiedenen Hinsichten (freedom of the mind). (7.) Die Handlungsfreiheit, unter äußeren Umständen, frei von äußeren Einschränkungen und Hindernissen wählen und handeln zu können (negative freedom or freedom of action). (8.) Die politische Freiheit als die persönliche Fähigkeit, als die grundrechtliche Erlaubnis oder als das verfassungsmäßiges Recht, ganz bestimmte bürgerliche Freiheitsrechte in Anspruch zu nehmen (liberty), wie z.B. die Bewegungs-, Meinungs-, Rede-, Publikations-, Wissenschafts-, Religions-, Kunst- und Versammlungsfreiheit, Freiheit der Demonstration, aktives und passives Wahlrecht, Recht auf friedlichen Widerstand, etc.

 

Freilich ist in öffentlichen Kontexten meistens von der politischen Freiheit (liberty) die Rede. Dennoch darf man dabei nicht die anderen Phänomene und Begriffe von Freiheit außer Acht lassen, wenn von politischer Freiheit (liberty) gesprochen wird. Denn viele Neurowissenschaftler und einige naturalistische Philosophen leugnen die Existenz der verschiedenen Formen von Willensfreiheit (freedom of the will) und erklären sie voreilig zur Illusion. Das hat Aus-wirkungen auf das Selbstbild der meisten Menschen und damit auf das in einer Gesellschaft vorherrschende Menschenbild. Das vorherrschende Menschenbild prägt wiederum das demokratische Bewusstsein und damit die Gestaltung und den Wandel der politischen Ideen, Überzeugungen und Institutionen. Die marktradikalen Apologeten des ökomischen Neoliberalismus hingegen haben allzu oft nur ein überschwängliches Verständnis von einer möglichst unbegrenzten Gestaltungsfreiheit der Banker und Unternehmer. Beide Überzeugungen haben psychologische Konsequenzen für die Bereitschaft und den Willen, die von einigen Generationen eroberten Lebenschancen und Freiheitsrechte in einer Gesellschaft mit einem modernen Rechtstaat zu verteidigen.

 

Die Ideologie einer von moralischen Rücksichten und rechtlichen Beschränkungen möglichst wenig begrenzten Freiheit mag zwar einigen Bürgern und Menschen gefallen, weil sie die Sehnsucht nach größeren Gewinnen und nach einer größeren Entlastung von persönlicher Verantwortung und nach einer größeren Befreiung von moralischen und rechtlichen Einschränkungen weckt. Aber diese Sehnsucht nach einer maximalen Freiheit ist weder moralisch zu rechtfertigen noch rechtlich zu legitimieren. Außerdem fördert sie weder das gegenwärtige noch das zukünftige Gemeinwohl. Denn es schadet meistens dem kommunitären und nachhaltigen Schutz der Daseinsvorsorge, der Gesundheit und des Lebens, wenn einige wenige Privilegierte sich bestimmte Freiheiten auf Kosten des Gemeinwohls herausnehmen können.

 

Hegel war sicher kein Liberaler im Sinne von Wilhelm von Humboldt oder John Stuart Mill oder auch John Rawls. Zwar war er auch nicht bloß der autoritäre preußische Staatsphilosoph, der von Sir Karl Popper allzu einseitig als ein zwielichtiger Vorläufer des nationalen Totalitarismus und damit der Nationalsozialisten interpretiert und kritisiert wurde. Aber der historische und wirkliche Hegel (der Hegel, der nicht nur die Ausgeburt unserer eigenen Fantasie ist), war in unserem heutigen Sinne noch kein Demokrat in einem modernen Rechtsstaat. Zwar war er als Anhänger der Franzö-sischen Revolution schon ein überzeugter Republikaner mit einer Vorliebe für eine bürgerliche Verfassung und kein glühender Monarchist mehr. Auch war er ein kosmopolitischer Bürger und weder deutschtümelnder Nationalist noch katholischer Romantiker. Auch war er kein Antisemit und sehnte sich nicht nach den “guten alten Zeiten” eines ver-meintlich homogenen christlichen Abendlandes. Aber der historische Hegel ist den meisten Zeitgenossen mindestens ebenso fremd und unbekannt geworden wie der historische Kant.

 

Hegels Werke sind komplizierte schriftliche Dokumente seines philosophischen Denkens, in denen scheinbar unvereinbare Lehrstücke aus den Meisterwerken von Aristoteles und Kant, Rousseau und Montesquieu zusammen gehalten werden sollen. Das macht seine Hauptwerke zu den wohl schwierigsten in der Philosophie der Neuzeit und vielleicht sogar der ganzen europäischen Philosophiegeschichte. Aber wie Kant glaubte Hegel jedenfalls nicht, dass die von unbewußten Emotionen und Intuitionen gesteuerte spontane Willkürfreiheit schon die höchste Stufe der Freiheit erwachsener Menschen ist.

 

Diese Freiheit ist vielmehr nur eine Vorstufe der vernünftigen Freiheit als einem selbstbewussten Vollzug von rationalem Denken, Fühlen und Handeln. Das ist eher ein neo-stoisches als ein christliches Freiheitsverständnis von persönlicher Freiheit, da die authentische christliche Freiheit von einer übernatürlichen Gnade herrührt, die nur pneumatisch erfahren und symbolisch verstanden werden kann. Aber es handelt sich auch um ein anderes Freiheitsverständnis als es Heinrich von Kleist in seinem Marionettentheater oder als es Friedrich Schiller in Anmut und Würde oder in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen vertreten haben.

 

Diese vernünftige Freiheit als höchste Stufe der menschlichen Freiheit setzt jedoch emotionale Freiheit im Sinne seelischer Gesundheit voraus. Deswegen sind es in der Moderne forensische Psychiater und Psychopathologen und nicht mehr Philosophen, die darüber entscheiden können, ob jemand zum Zeitpunkt seines positiv-rechtlich illegalen bzw. rechts-ethisch kriminellen Verhaltens überhaupt zurechnungsfähig gewesen ist. Davon hängt ab, ob jemand im Sinne eines psychologisch und kriminologisch aufgeklärten und weitgehend integren (verfahrenstechnisch korrekten und nicht korrumpierten) rechtsstaatlichen Verfahrens strafbar ist. Hegel hingegen spekulierte in seiner Rechtsphilosophie, man könne das Wesen und die Strafwürdigkeit eines Verbrechens alleine aus dem Begriff des Verbrechens als einer in sich selbst widersprüchlichen Handlung deduzieren.

 

Ein Liberalismus, der jedoch das jeweils eigene Freiheitsverständnis und d.h. meistens der bloßen Willkürfreiheit zum absoluten Maßstab für alle Bürger und Menschen machen will, kann dialektisch in einen Tugendterror der Political Correctness umkippen, dem es an Verständnis und Toleranz für andere Weltanschauungen, Lebensentwürfe und Freiheitsverständnisse fehlt. Diese nur allzu gut gemeinte Political Correctness provoziert dann wiederum im Namen der Freiheit den politischen Widerstand der Andersdenkenden und Andersgläubigen. Denn das ersehnte Bessere ist oft der Feind des lebendigen Guten.

 

Beide politische Lager reklamieren für sich, “die Freiheit” zu verteidigen, aber sie reflektieren und differenzieren nicht hinreichend, welche verschiedenen Bedeutungen das Schlagwort der Freiheit hat. Jeder hält sich selbst für einen Freiheitskämpfer und glaubt im geheiligten Namen der Freiheit Andersdenkende und Andersgläubige als “Feinde der Freiheit” schickanieren und bekämpfen zu dürfen. Das führt meistens nur zu einer pharisäischen Selbstgerechtigkeit bis hin zum gewalttätigen Jakobinertum der Lynchjustiz gegen politische Gegner (RAF, NSU).

 

Aber dieser unreflektierte Liberalismus des Schlagwortes der Freiheit bleibt meistens in der Verabsolutierung der eigenen Position stecken und denkt weder hinreichend differenziert noch wirklich politisch. Denn genuin politisches Denken beginnt erst mit dem öffentlichen Diskurs über das mutmaßliche Gemeinwohl in den institutionalisierten Grenzen der Kommune, des Landes, der Nation, der internationalen Föderationen.

 

Darüber haben Kant und Hegel im Anschluß an die politischen Denker der Frühen Neuzeit und Aufklärung, wie Spinoza, Hobbes, Locke, Hume, Smith, Montesquieu, Rousseau, u.a. immer noch am gründlichsten nachgedacht. Ihr philososophischer Diskurs über Freiheit in den verschiedenen begrifflichen Facetten dieses politischen Schlagwortes führte dann auch erst zu einer modernen, rechsstaatlichen Demokratie.

 

Aber auch in einer solchen Demokratie bedarf es dann immer noch sozialer Konventionen, politischer Institutionen und kultureller Traditionen, die als historisch gewachsene rechtsstaatliche Schutzstrukturen das Leben, die Freiheit und die Würde der Bürger und Menschen mit ihren verschiedenen Weltanschauungen, Lebensentwürfen und Freiheitsverständnissen immer noch am besten schützen. Erst solche rechtsstaatlichen Schutzstrukturen ermöglichen eine möglichst friedliche, gerechte und nachhaltige Koexistenz von vielfältigen Bürgern und Menschen in einer gemeinsamen Nation und Föderation.

 

6. Hegel als Überwinder von Kants kritischer Philosophie?

 

Die Deutschen Idealisten einte als ehemalige Theologen nicht nur der Ausgang von Kants kritischer Philosophie, sondern auch der unbändige Wille, über Kant hinauszugehen. In Glauben und Wissen (1802) interpretierte Hegel Kants kritische Philosophie der Metaphysikkritik als eine skeptische Verstandesphilosophie. Damit vernachlässigte er jedoch Kants transzendentalphilosophische und dialektische Reflexionen über die Struktur und Architektonik der menschlichen Vernunft.

 

Hegels philosophischer Leitgedanke, Kants kritische Philosophie durch seine eigene Philosophie der spekulativen Vernunft zu überbieten, dürfte auch das Hauptmotiv für seine andere, nicht mehr kantische Dialektik gewesen sein. Aber die nachkantischen Kontroversen der Deutschen Idealisten darüber, wie über Kant hinauszugehen wäre, folgten oft fragwürdigen rationalistischen Leitgedanken einer angeblich möglichen Deduktion des ganzen Wissens aus einem obersten Prinzip und orientierten sich damit an unerfüllbaren Idealen eines monistischen Idealismus. Diese titanischen Leitmotive wurden erst in der Philosophie und Formalen Logik nach dem Deutschen Idealismus als trügerisch durchschaut, aufgegeben und verabschiedet.

 

Damit wurde auch Hegels trügerische Dialektik fragwürdig. Wie sollte es denn auch vernünftig sein, Widersprüche zu akzeptieren? In konkreten Situationen des sozialen und politischen Alltagslebens, z.B. um einen unnötigen Streit zu vermeiden oder um einen Anderen mit seiner gegenläufigen Überzeugung anzuerkennen und zu respektieren. In konkreten Situationen einer wissenschaftlichen Diskussion, z.B. weil es momentan noch keine vielversprechende Art und Weise zu geben scheint, einen an sich nicht akzeptablen Widerspruch methodisch und rational aufzulösen. In konkreten Situationen einer philosophischen Diskussion, weil man es anscheinend mit einer echten Aporie, einer echten Antinomie oder einer echten Paradoxie zu tun hat, die sich anscheinend (noch) nicht logisch, methodisch und rational auflösen oder überwinden lässt.

 

Was aber geschah in der Philosophie nach dem Zusammenbruch des Hegelianismus? So gab es in der formalen Logik und in der Mathematik seit dem 20. Jahrhundert nach Frege und Russell, Gödel und Smullyan .u.a. philosophische Diskussionen über echte und nicht nur scheinbare Aporien, Paradoxien und Antinomien. Aber diese Diskussionen waren nur möglich, weil man dabei schon die Geltung der formalen, zweiwertigen und wahrheitsfunktionalen Logik vorausgesetzt hatte. Anders wäre es nämlich gar nicht möglich gewesen, eventuelle Kandidaten für echte Aporien, Paradoxien und Antinomien zu identifizieren.

 

In der philosophischen Kosmologie scheint die spekulative Frage von Leibniz, warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr gar nichts, nicht beantwortbar zu sein, ohne metaphysische, mythologische oder religiöse Spekulationen. Auch die metaphysische Frage des Aristoteles, wie und wodurch das ganze Universum ursprünglich entstanden ist, führte zwar zur wissenschaftlichen Hypothese vom sog. Urknall als einer angeblich spontanen und ursprünglichen Entstehung des ganzen raum-zeitlichen Universums aus einem bloßen Nichts. Aber auch das ist auch nur eine Spekulation, wenn auch aufgrund von empirischen Beobachtungen eines sich ausdehnenden Universums und retrograder Berechnungen über seinen mumaßlichen Anfang. Damit ist jedoch Kants bescheidene, aber skeptische Frage, ob endliche Menschen wirklich erkennen und wissen können, ob es einen echten Anfang in der kosmischen Zeit und Grenzen des kosmischen Raumes gegeben haben kann, noch nicht erledigt und führt immer noch in eine echte und nicht nur scheinbare Aporie.

 

Ähnlich führt in der philosophischen Psychologie die kantische Frage. ob endliche Menschen erkennen und wissen können, ob es eine unsterbliche Seele (und damit auch ein Jenseits von Raum und Zeit) geben kann, in eine echte und nicht nur scheinbare Aporie. Auch in der philosophischen Psychologie führt die kantische Frage , ob endliche Menschen erkennen und wissen können, ob es überhaupt einen freien Willen geben kann, der durch gar keine neuronalen oder psychologischen Bedingungen realisiert wurde, in eine echte und nicht nur scheinbare Antinomie.

 

Aber immer erst, wenn solche Kandidaten für echte Aporien, Paradoxien und Antinomien unter Voraussetzung der formalen, zweiwertigen und wahrheitsfunktionalen Logik identifiziert werden können, kann die weitere wissen-schaftliche Forschung oder philosophische Denkarbeit an einer eventuell doch noch möglichen rationalen Auflösung beginnen.

 

In der philosophischen Theologie führt die kantische Frage, ob endliche Menschen erkennen und wissen können, ob es einen nicht nur immanenten, sondern auch transzendenten Gott (jenseits des menschlichen Selbst und jenseits der raum-zeitlichen Welt) gibt, in eine tiefe Aporie, die weder überzeugten Atheisten noch überzeugten Theisten gefallen wird. Überzeugte Agnostiker, gläubige wie ungläubige Agnostiker, können damit leben und sterben. Denn Glaube (faith) ist nicht Wissen (knowledge).

 

Insofern könnte uns Hegel gerade mit seinen kühnen Versuchen von komplexen Synthesen zwischen aristotelischen, spinozistischen und kantischen Lehrstücken immer noch mehr zu sagen haben, als sich Moore, Russell und Popper zu ihrer Zeit vorstellen konnten. Denn sie reagierten allesamt mehr auf die Schule der englischen Neuhegelianer ihrer Zeit, wie Bradley und Green, oder wie Popper auf die posthum publizierten Mitschriften von Hegels Schülern, und studierten Hegel noch nicht mit einer offenen und lernbereiten hermeneutischen Einstellung.

 

Die Identifikation von echten und nicht nur scheinbaren Aporien, Paradoxien und Antinomien setzt jedoch gerade die Geltung der formalen, zweiwertigen und wahrheitsfunktionalen Logik voraus. Die Hegelsche Dialektik der angeblich möglichen Synthetisierung von logischen Widersprüchen darf und kann also nicht generalisiert werden, indem die Geltung der formalen Logik grundsätzlich in Frage gestellt oder durch eine willkürliche Dezision aufgehoben wird. Ein solcher Sprung in die bewusst gewollte Irrationalität wäre der Ausstieg aus jedem rationalen philosophischen Diskurs und auch aus jeder rationalen wissenschaftlichen, rechtlichen oder politischen Diskussion. Damit mag jemand im alltäglichen Leben ganz gut zurechtkommen; in den zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Diskussionen genügt das jedoch nicht mehr.

 

Dialektik kann und darf daher immer nur differenziert, dosiert und zielgenau eingesetzt werden. Aber dazu braucht es eben einer gut geschulten und gut informierten philosophischen Urteilskraft, um einen gangbaren, tragfähigen, nachhaltigen und in die Zukunft weisenden Weg zu finden. Wir müssen also schon genug von Kant und der nachkantischen Philosophie bis heute verstanden haben, um von Hegel noch etwas lernen zu können, was uns in bestimmten Diskussionen weiterbringen kann.

 

© Heidelberg, September 2020

 

Günter Zöller, Hegels Philosophie. Eine Einführung. München: C.H. Beck 2020.

 

Klaus Vieweg, Hegel. Der Philosoph der Freiheit. München: C.H. Beck 2019.

 

Friedrich Fulda, Georg Friedrich Wilhelm Hegel. München: C.H. Beck 2003.

 

Franz Wiedmann, Georg Friedrich Wilhelm Hegel. Hamburg-Reinbek: Rowohlt 1979.

 


 

Walter Kaufmann,  The Hegel Myth and Its Method (1959)

 

Walter Kaufmann, From Shakespeare to Existentialism: Studies in Poetry, Religion, and Philosophy,

Boston: Beacon Press 1959, page 88-119, Chapter 7: The Hegel Myth and Its Method

 

https://www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/us/kaufmann.htm

 


Download
Walter Kaufmann, Hegel: Legende und Wirklichkeit
The Philosophical Review, Volume LX, Nr. 4, Oktober 1951
Kaufmann, Hegel.pdf
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Sebastian Ostritsch, Nur wo es das absolute Wahre gibt, kann man auch irren

 

https://www.nzz.ch/feuilleton/250-jahre-hegel-nur-wo-es-das-wahre-gibt-kann-man-irren-ld.1571990

 


 

Christian Thomas, Hegel, der Denker der Freiheit - FR 26.08.2020

 

https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/der-geist-der-die-welt-im-innersten-zusammenhaelt-90031020.html