Jose Ortega Y Gasset (1883-1955)

 

JOSE ORTEGA Y GASSET (1883-1955)

 

I. Leben

 

II. Werk

 

1. "Vitale Vernunft" und Lebensbegriff

2. "Der Aufstand der Massen"

3. "Betrachtungen über die Technik"

4. Historische Vernunft

5. "Der Mensch und die Leute"

6. "Was ist Philosophie?"

 

III. Rezeption

 

IV. Bibliographie

 

1. Werke (in Auswahl)

2. Literatur

 

 

I. LEBEN

 

Der 1883 in Madrid als Sohn einer Journalistenfamilie geborene spanische Philosoph besuchte die Jesuitenschule in Málaga und erwarb 1902 das Lizentiat der Philosophie an der Universität Madrid. Dort promovierte er 1904 mit der Dissertation: Los terrores del año mil. Crítica de una leyenda. Daran schloß sich ein vierjähriger Studienaufenthalt in Deutschland (Leipzig, Nürnberg, Berlin, Marburg u.a.) an. Von 1910 bis 1936 hatte O. den Lehrstuhl für Metaphysik an der Universität Madrid inne. Während dieser Zeit unternahm er zwei Reisen nach Südamerika (Argentinien, Chile). 1914 veröffentlichte er sein erstes Buch: Meditaciones del Quijote, in dem der Kerngedanke seiner Philosophie zum Ausdruck kommt: "ich bin ich und meine Umstände" ("yo soy yo y mi circunstancia"). Neben zahlreichen Essays (gesammelt in El Espectador) schrieb O. 1923 sein erstes philosophisches Buch, El tema de nuestro tiempo, in dem er die Lehre von der "vitalen Vernunft" ("razón vital") als Überwindung des Idealismus und die Theorie der Generationen darlegte. O. Philosophie wird deshalb auch als "raciovitalismo" bezeichnet. 1923 gründete er die Revista de Occidente, die Über-setzungen der Gegenwartsphilosophie verbreitete. 1929 erschien O. berühmtestes und einflußreichstes Werk La rebelión de las masas, in dem er die Krise der vom "Massenmenschen" beherrschten Gesellschaft analysiert, der eine Leitungs-funktion nicht übernehmen will oder kann. Aus dieser Zeit stammen auch seine Analysen über die Technik, die Aufgabe der Universität, über Goethe sowie zur Krise der Moderne. 1936 ging O. ins Exil (Paris, Buenos Aires) und kehrte 1943 zunächst nach Portugal und anschließend nach Spanien zurück, wo er, zusammen mit Julián Marías 1948 das Instituto de Humanidades gründete. O.s Vorlesungen zur Sozialphilosophie (El hombre y la gente) sowie die unvollendet gebliebene Schrift La idea de principio en Leibniz y la evolución de la teoría deductiva wurden erst nach seinem Tode veröffentlicht. O. starb 1955.

 

 

II. WERK

 

1. "VITALE VERNUNFT" UND LEBENSBEGRIFF

 

O.s Theorie der "Umstände" bezieht sich auf die dem Menschen auferlegten Lebensbedingungen, die er aus der je eigenen Perspektive bzw. Berufung gestalten muß. Die Aufgabe der menschlichen Vernunft ist die Bewältigung des Lebens. Mit der Lehre von der "vitalen Vernunft" kritisiert O. die Einseitigkeit des Vernunftbegriffs im Rationalismus, aber auch die Blindheit des totalen Relativismus und des Monoperspektivismus. Die "vitale Vernunft" lehrt, daß jedes menschliche Leben ein Standpunkt ist und - im Horizont von Welt - die Einzelperspektiven in den dasselbe Alter teilenden Generationen verschmelzen. Eine Existenz umfaßt im Durchschnitt 5 Generationen aus je 15 Jahren. Diese historische Betrachtung kündigt O. Lehre von der "razón histórica" an. In der Schrift Ni vitalismo ni racionalismo (1924) erklärt O., daß sein Lebensbegriff nicht biologisch, sondern philosophisch zu verstehen sei und Vernunft weder als Ergebnis biologischer Prozesse noch als höchste Art der Erkenntnis, sondern als Methode, in deren Mitte das Problem des Lebens im biographischen und nicht biologischen Sinne stehe. Am Beispiel Goethes (Pidiendo un Goethe desde dentro), seines Schicksals, seiner Berufung und seine Fluchtversuche, zeigt O. das "Drama" des Lebens.

 

2. "DER AUFSTAND DER MASSEN"

 

Ausgehend von der Tatsache des quantitativen Anwachsens der Menschheit, stellt O. die Frage nach der sozialen Macht, die in den modernen Demokratien nicht mehr von den Eliten, sondern vom "Massenmenschen" ausgeübt wird. Diese sozialgeschichtliche Kategorie wird von O. auf alle Gesellschaftsschichten bezogen. Der "Massenmensch" ist ein Konformist, den der Blick für das Ganze bzw. für die Norm fehlt, der unkritisch lebt und die Vorteile der Zivilisation als selbstverständlich annimmt. Der heutige Wissenschaftler ist nach O. der "Prototyp des Massenmenschen". Als Spezialist ist er zugleich Wissender und Ignorant. Die Blindheit bzw. der "Aufstand der Massen" gegenüber den bisher von den Eliten vertretenen Idealen, führt zu einem in Bürokratismus und allgegenwärtiger Kontrollgewalt erstarrenden Staat, der nur noch der Sicherung der Massenexistenz dient. Gegen diese Entwicklung setzt O. den elitären Willen zur Schaffung und Gestaltung eines vereinten Europa.

 

3. "BETRACHTUNGEN ÜBER DIE TECHNIK"

 

Neben den Tätigkeiten zur Befriedigung elementarer Notwendigkeiten ("instinktiven Handlungen") unterscheidet O. "technische Handlungen", die dem Menschen eigentümlich sind. Durch diese gestaltet der Mensch die Natur im Hinblick auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse um. Dieses ist aber keine feste Größe, so daß auch nicht von einem Fortschritt der Technik gesprochen werden kann. Technik ist, so O., "die Anstrengung, Anstrengung zu ersparen",

oder das, was wir tun, um das zu vermeiden, was die Umwelt uns auferlegt. Welt und Mensch stimmen also nicht überein, sie stehen aber nicht antagonistisch gegeneinander. Die Natur ist die gegebene Situation, die "circunstancia", in der der Mensch sich erfinderisch zu verwirklichen hat. So setzt Technik ein "pretechnisches Lebensprogramm" bzw. ein Menschenbild voraus, von dem sie jeweils abhängig ist. In seiner Analyse der Entwicklungsstufen der Technik unterscheidet O. zwischen der "Technik des Zufalls", der "Technik des Handwerkers" und der "Technik des Technikers", die sich dadurch auszeichnet, daß der Mensch sich von der Technik und ihren offenen Möglichkeiten her versteht. Ohne einen "Lebensentwurf" ("Technik der Seele") jedoch steht die Technik vor der Leere ihrer Möglichkeiten und wird zum "modernen Technizismus".

 

4. "HISTORISCHE VERNUNFT"

 

O. Reflexion über die Rolle der Vernunft im Leben mündet in die Einsicht von der Geschichtlichkeit der Vernunft selbst ("razón histórica"). In Ideas y creencias, einem Prolog zu einem geplanten Buch mit dem Titel "Aurora de la razón histórica", betrifft diese Geschichtlichkeit jene kritische Reflexion, die dort einsetzt, wo "Glaubensgewißheiten" problematisch geworden sind. Der Zweifel ist wiederum der "vitale Ort", wo die "Ideen" ihren Platz finden. Ideen, ob literarische, wissenschaftliche oder philosophische, sind ein Produkt der Einbildungskraft, sie bilden unterschiedliche "innere Welten". Die wechselnden Erscheinungsformen dieser "Welten" sind nach O. historisch, d.h. konkret bedingt.

So zeigt er in einer Analyse der "vitalen Situation" zwischen 1550 und 1650 En torno a Galileo die Konfusion der Perspektive des Lebens mit der der Wissenschaft zu Beginn der Moderne, die aus der Krise der mittelalterlichen Glaubensgewißheit entsteht. Die Überwindung der Modernität setzt die Infragestellung dieses "Extremismus" der Wissenschaftlichkeit voraus. Indem O. die "historischen Sachen" selbst und nicht die Methode ihrer Erforschung bzw. eine historistische Betrachtung des Vergangenen zum Kernpunkt der "historischen Vernunft" macht, folgt er Hegel

(La "Filosofía de la historia" de Hegel y la historiología, 1928). Er entfernt sich aber von Hegel, indem er als tragende Grundlage eines Systems von Ideen die "Glaubensgewßheiten" voraussetzt (Historia como sistema, 1941). Gegenüber Kant betont O., daß die Vernunft eine "narrative" und keine "reine Vernunft" ist. Die Philosophie als "historische Vernunft" hat jeweils eine konkrete Aufgabe zu erfüllen, die nicht, wie im Falle der Wissenschaft, beliebig aufgeschoben werden kann. So soll das System der menschlichen Erfahrungen, das die Geschichte bildet, nicht auf die Vernunft zurückgeführt, sondern diese in jenes eingeführt werden.

 

5. "DER MENSCH UND DIE LEUTE"

 

Die "Bräuche", so die Hauptidee dieser Vorlesungen, bilden die Wesensgrundlage des Gesellschaftlichen. Gemeint sind solche Handlungen, die sich nicht auf ein menschliches Individualleben zurückführen lassen. Da sie gleichwohl dem Einzelnen aufgenötigt werden, sind sie "irrational". Wie sie das "Neue", "Rationale" ermöglichen zeigt O. in mehreren Schritten: Neben der "radikalen Einsamkeit" des einzelnen und seiner Verantwortung gegenüber seinen offenen Möglichkeiten (seiner "Welt") stellt uns die Realität vor dem Faktum des "inter-individuellen Lebens". Die Sprache ist ein "sozialer Brauch", sie ist das, "was die Leute sagen". Ursprung der Sprache ist das "Sagen", d.h. der Wunsch eines Individuums sich zu äußern. Da vieles Unausgesprochen bleibt und das Individuum dem Zwang der verbalen Bräuche ausgesetzt ist, hat Sprechen einen utopischen bzw. "sportlichen" Charakter. Der Kampf zwischen dem persönlichen Sagen und dem, was die Leute sagen, ist die Form, wie die Sprache existiert. Mit den Worten flößt uns die Gesellschaft Meinungen ein. Öffentliche Macht setzt öffentliche Meinung voraus.

 

6. "WAS IST PHILOSOPHIE?"

 

O. wertet zwar die moderne Entdeckung der Subjektivität positiv, zugleich kritisiert er aber ihre Weltlosigkeit bzw. die Reduktion der Welt auf Schein oder auf ein phänomenologisches Korrelat des Bewußtseins. In der Bestimmung von "Leben" als "Sich-in-der-Welt-befinden" stellt sich O. ausdrücklich in die Nähe Heideggers. In La idea de principio en Leibniz kritisiert er den Existentialismus als einseitig und hebt neben der "dramatischen" auch die "heitere" Seite der Philosophie hervor. Dabei bleibt Philosophie zusammen mit Wissenschaft und der - als Spiel verstandenen - Dichtung das Gegenüber jener "Glaubensgewißheiten" (Religion, Mythos, Poesie), deren Krise die Ursache für die geschichtliche Notwendigkeit der Vernunft ausmachen.

 

 

III. REZEPTION

 

O. gehört zu den Gründern der spanischen Gegenwartsphilosophie. Er beeinflußte nachhaltig das philosophische Denken nicht nur in Spanien (J. Marías, P. Laín Entralgo, J.L. Aranguren, J. Gaos, A. Rodríguez Huéscar u.a.), sondern auch in Lateinamerika (F. Romero, A. Gaete, S. Ramos, A. Ardao u.a.).

 

O. gehörte sowohl vor als auch nach dem Krieg zu einem der meist gelesenen ausländischen Autoren in Deutschland. Seine Theorie des "Massenmenschen" fand einen Niederschlag in politischen Reden (K. Adenauer). Seine Resonanz in der deutschsprachigen Fachwelt (H. Widmer, B. v. Galen, F. Niedermayer, U. Rukser, H. Schoeck) war verhältnismäßig gering.

 

 

IV. BIBLIOGRAPHIE

 

1. Werke (in Auswahl)

 

  • Obras completas, 12 Bde. Madrid 1946-1982 (dt. Gesammelte Werke, 4 Bde. Stuttgart 1954-1956; erw. Aufl. 6 Bde., Stuttgart 1978).
  • Los terrores del año mil. Crítica de una leyenda, Madrid 1904.
  • Meditaciones del Quijote, Madrid 1914.
  • El Espectador, Madrid 1916 (dt. Stuttgart 1952).
  • El tema de nuestro tiempo, Madrid 1923 (dt. Zürich 1928).
  • Ni vitalismo ni racionalismo, Madrid 1924.
  • La "Filosofía de la historia" de Hegel y la historiología, Madrid 1928.
  • Qué es filosofía?, Buenos Aires 1929.
  • La rebelión de las masas, Madrid 1929 (dt. Stuttgart 1936).
  • Pidiendo un Goethe desde dentro, Santiago 1932.
  • Meditación de la técnica, Buenos Aires 1939 (dt. Stuttgart 1949).
  • El intelectual y el otro, Madrid 1942 (dt. Stuttgart 1949).
  • Ideas y creencias, Madrid 1942 (dt. in: Vom Menschen als utopischem Wesen, Stuttgart 1951).
  • El hombre y la gente, Madrid 1957 (dt. Stuttgart 1958).
  • La idea de principio en Leibniz y la evolución de la teoría deductiva, Madrid 1958 (dt. München 1966).

 

2. Literatur

 

  • H. SCHOECK: J.O., in: Zeitschrift für Philosophische Forschung 4, 1949, 178-283.
  • E. R. CURTIUS: O., in: Ders..: Kritische Essays zur europäischen Literatur, Bern 1950, 247-287. J. O. Zu seinem 70. Geburtstag, Stuttgart 1953.
  • C.J. BURCKHARDT: Begegnung mit O. In: J. O.: Vom Einfluß der Frau auf die Geschichte, München 1956, 51-70.
  • J. FERRATER MORA: O. An Outline of his philosophy, New Haven 1957.
  • B. v. GALEN: Die Kultur- und Gesellschaftsethik J. Ortegas, Heidelberg 1959.
  • F. NIEDERMAYER: J.O., Berlin 1959.
  • J. BOREL: Raison et vie chez O., Neuchatel 1959.
  • U. RUKSER: Grundzüge von O. Philosophie, in: Zeitschrift für Philosophische Forschung 19 (1965) 668-688.
  • I. HÖLLHUBER: Geschichte der Philosophie im spanischen Kulturbereich, München u.a. 1967.
  • A. GUY: Ortega y Gasset ou la Raison vitale et historique. Présentation, Biographie Biographie, Bibliographie, Paris 1969.
  • U. RUKSER: Bibliografía de O., Madrid 1971.
  • G. STEHNCKEN: Sozial- und individualethische Aspekte der Philosophie des J.O., München 1973.
  • H. WIDMER: Von der Herkunft der Ideen. Ein Versuch zu O.s Aufsatz "Ideen und Glaubensgewißheiten", Philosophisches Jahrbuch 82/2 (1975) 373-398.
  • J. GANTNER: O. und die spanische Kunst, Wiesbaden 1975.
  • O.W. HOLMES: Human Reality and the social world. O.'s Philosophy of history, Amherst 1975.
  • F. SANCHEZ-BLANCO: O.: Philosoph des Wiederaufbaus? Anmerkungen zu einer unbedachten Rezeption. In: J. HERMAND u.a. Hrsg., Nachkriegsliteratur in Westdeutschland, Berlin 1983, 101-111.
  • M. HEIDEGGER: Begegnungen mit O. In: Ders.: Denkerfahrungen. Frankfurt/M 1983, 77-79.
  • J. MARIAS: O. 2 Bde., Madrid 1983/84.
  • H. WIDMER: Bemerkungen zum Philosophiebegriff bei J.O., Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 9/3 (1984) 1-20.
  • D. IHDE: O. and Phenomenology. In: Ders.: Consequences of Phenomenology, New York 1986, 137-15.
  • H.-J. LOPE (Hg.): Actas del coloquio celebrado en Marburgo con motivo del centenario del nacimiento de J.O., Frankfurt/M. 1986.
  • C.RAMOS MATTEI: Ethical Self-Determination in Don José O., New York u.a. 1987.
  • Alain GUY: Historia de la filosofía española, Barcelona 1988.
  • A. REGALADO GARCIA: El laberinto de la razón: O. y Heidegger, Madrid 1990.
  • M.L.P. CAVANA: Der Konflikt zwischen dem Begriff des Individuums und der Geschlechtertheorie bei Georg Simmel und J.O., Pfaffenweiler 1991.
  • F.-J. INSAUSTI UGARRIZA: Miguel de Unamuno und J.O.s Philosophie im Zusammenhang ihrer Hegel-Rezeption, San Sebastián 1993.
  • H.T. TUTTLE: The Dawn of historical reason: the historicality of human existence in the thought of Dilthey, Heidegger and O., New York u.a. 1994.
  • A. KOLPATZIK: Technikphilosophische Betrachtungen im Werk J.O.s, Hamburg 1996.
  • G. KÜHNLE: Der Mensch als Jäger im Spiegel seiner Vernunft, München/Bonn 1997.

 

Quelle: Rafael Capurro

 

http://www.capurro.de/kroener1.htm#ortega

 


Download
Stascha Rohmer, Einführung in Ortega y Gassets Lebensphilosophie
https://apps.carleton.edu/proyecto/assets/Einf__hrungOrtega_1.pdf
Rohmer, Ortega Y Gassets Lebensphilosoph
Adobe Acrobat Dokument 220.7 KB