Verschiedenes

 

 

8, 9 oder 12 Planeten?
8, 9 oder 12 Planeten?

 

 

 

Eine Vergleichung kann entweder das Ergebnis liefern,

dass die betrachteten Inhalte gleich sind oder dass sie

verschieden, d. h. nicht gleich sind.

 

Edmund Husserl, Philosophie der Arithmethik

 

 

Things are similar: this makes science possible.

Things are different: this makes science necessary.

 

Levins and Lewontin, The Dialectical Biologist

 

 


 

 

Aber das kann man doch nicht vergleichen!

 

Manchmal sagen wir im Alltag unbedacht, dass man irgendetwas Bestimmtes nicht mit irgendetwas Anderem vergleichen könne. So etwas zu sagen, scheint wörtlich genommen zumindest merkwürdig zu sein, wenn nicht sogar unsinnig. Denn indem man eben dies sagt, hat man das Eine, auf das man sich bezieht, bereits mit dem Anderem verglichen. Denn, wenn jemand sagt, dass man ein X angeblich nicht mit einem Y vergleichen könne, dann hat er bereits dieses X mit dem Y verglichen. Gleichwohl behauptet er, dass man eben das eigentlich gar nicht tun könne, was er jedoch gerade selbst getan hat: ein X mit einem Y vergleichen. Was er behauptet, scheint dann aber paradox zu sein.

Will uns hier jemand ein X für ein Y vormachen? Das kann sein. Vielleicht aber haben wir hier den, der so etwas sagt, aber auch missverstanden, weil wir das, was er damit sagen wollte, allzu wörtlich genommen haben. Was aber könnte er sonst damit gemeint haben, wenn er sagt, dass man ein X nicht mit einem Y vergleichen könne? Mir scheint, dass jemand, der so etwas sagt, damit eigentlich nur etwas behaupten will, das durchaus ganz sinnvoll ist. Denn meistens will man damit bloß sagen, dass es bestimmte Dinge gibt, die in einer bestimmten Hinsicht von anderen Dingen ganz verschieden sind. Die Behauptung: "Man kann aber doch ein X nicht mit einem Y vergleichen." bedeutet dann eigentlich nur: "Ein X ist in irgend einer bestimmten Hinsicht H ganz anders als ein Y." Aber auch um das festzustellen zu können, muss man ein X schon mit einem Y in einer bestimmten Hinsicht verglichen haben. Doch, wenn man die Aussage so versteht, ist sie dann auch nicht mehr paradox.

Wie wir aus diesem Beispiel mühelos erkennen können, kommt es in solchen und ähnlichen Situationen darauf an, die Worte des Anderen gerade nicht immer allzu wörtlich zu nehmen und auf die Goldwaage der formalen Logik zu legen. Vielmehr verstehen wir im Alltag das, was jemand gerade in einem bestimmten Moment sagen möchte, besser, wenn wir seine Aussagen nicht allzu wortwörtlich nehmen, sondern zuerst mit Hilfe unseres sprachlichen Einfühlungsvermögens zu verstehen versuchen, was er vermutlich gerade in dieser bestimmten Situation sowie unter den gegebenen Umständen aussagen, behaupten oder mitteilen möchte.

Dies gilt auch dann, wenn jemandes Aussage, Behauptung oder Mitteilung bereits vergangen ist, also in zeitlicher Hinsicht schon weiter zurückliegt und von uns nur noch erinnert werden kann. In solchen Fällen müssen wir manchmal nachfragen, wie jemand etwas Bestimmtes gemeint hat, weil das, was er wortwörtlich gesagt hat, nicht immer mit dem zusammenfällt, was jemand gemeint hat. Oder wir fragen einen Dritten, der bei dessen Aussage oder Mitteilung anwesend war, ob er sich an dessen Aussage oder Mitteilung erinnern kann und wie er den Anderen verstanden hat. Oftmals kommt es zur Schlichtung eines Streites oder Interessenkonfliktes, bei dem meistens auch irgendwelche sprachlichen Missverständnisse im Spiel sind, eben gerade auf einen solchen Dritten an, der als Mittler fungieren kann.

Nun gibt es jedoch Fälle, wo eine solche Nachfrage aus verschiedenen Gründen gar nicht mehr möglich ist, sodass wir auf eine andere Weise herausfinden müssen, was jemand gesagt hat und wie jemand etwas Bestimmtes gemeint hat. Um auch dann noch zu verstehen, was jemand sagt bzw. gesagt hat, müssen wir uns dann meistens auch überlegen, was er vermutlich hat sagen wollen bzw. was er vermutlich gemeint hat. Wir müssen dann eine Vermutung über die uns verborgene Intention seiner Aussage in einem bestimmten Kontext anstellen. Erst wenn wir eine zuverlässige Vermutung darüber angestellt haben, was jemand in einer bestimmten Situation eigentlich sagen wollte, können wir seine Aussage dann auch angemessen verstehen.

 

So ähnlich verhält es sich dann auch, wenn wir einen bestimmten Text lesen und verstehen wollen, der aus einer anderen, früheren Zeit stammt, ganz gleich, ob er aus einer uns fremden Sprache und Kultur stammt oder aus einer Sprache und Kultur, die wir trotz des historischen Abstandes immer noch für unsere eigene Kultur halten. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es sich dabei um einen Text aus einer Heiligen Schrift handelt, wie z.B. aus der Bibel, der Torah oder dem Koran oder etwa um einen rechtlichen Kodex, wie z.B. aus dem Codex Hammurabi, dem Corpus Iuris Civilis oder dem Habeas Corpus Amendment Act. Erst recht können und müssen wir ähnliches annehmen, wenn wir es mit literarischen Texten, wie z.B. mit Epen und Märchen, Dramen und Stücken, Romanen und Erzählungen, Gedichten oder einzelnen Versen zu tun haben. Immer gilt es zu unterscheiden zwischen dem schriftlich fixierten Wortlaut, d.h. dem faktisch Geschriebenen, das manchmal jedoch zuerst aus unzuverlässigen Handschriften philologisch rekonstruiert und manchmal zuerst in eine andere Sprache übersetzt werden musste, und der mutmaßlich intendierten Bedeutung der Wörter, Sätze und Texte, die nur unter einer mehr oder weniger guten Kenntnis der lokalen und historischen Kontexte verstanden werden kann.


Der Philosoph Paul Grice hat in seinen sprachphilosophischen Schriften der sprachlichen Bedeutung von Aussagen das faktisch Gesagte (Wortlaut) vom mutmaßlich Gemeinten (Mitteilung oder Implikatur) unterschieden. Obwohl in vielen unwiederholbaren Situationen und in wiederholbaren Fällen das von einem Sprecher faktisch Gesagte und das von demselben Sprecher intentional Gemeinte zusammenfallen kann und meistens auch erwartungsgemäß zusammenfällt, gibt es viele andere Situationen und Fälle, wo das Gesagte und das Gemeinte eben gerade nicht zusammenfallen und zu unterscheiden sind. Die gilt m.E. vor allem bei kontextuellen Anspielungen und Wortspielen, Metaphern und Allegorien, scherzhaften und ironischen Bemerkungen, indirekten Hinweisen und Appellen, etc. Unsere alltägliche sprachliche und außersprachliche Kommunikation ist voll von solchen semantischen und pragmatischen Zusammenhängen und der Grad dieser Komplexität wird von den meisten sprachphilosophischen Ansätzen und Theorien leider unterschätzt. Mein philosophischer Lehrer Hector-Neri Castaneda pflegte in solchen Situationen zu sagen: "When in doubt, complicate!". Damit meinte er: Sobald wir an unserer vorläufigen Hypothese zweifeln, ob sie auch schon richtig und der ganzen Komplexität der Phänomene angemessen ist, dann betrachte die Dinge noch differenzierter!

 

Sprachliche Bedeutung basiert nach Paul Grice immer auch auf den kommunikativen Intentionen der Sprecher in bestimmten Situationen und Kontexten und nicht nur auf den sprachlichen Konventionen einer bestimmten Sprachgemeinschaft, deren Regeln man in Wörterbüchern und Grammatiken festhalten kann. Auch wenn sich die Sprecher einer bestimmten natürlichen oder künstlichen Sprache mir ihren üblichen kommunikativen Äußerungen sprachliche Konventionen (der Phonetik, Semantik, Grammatik und Pragmatik) zunutze machen müssen und in der Regel auch zunutze machen, kommt es beim Verstehen dessen, was sie sagen und meinen immer auch darauf an, was sie sagen, meinen oder mitteilen wollen. Deswegen geht es beim Verständnis sprachlicher Äußerungen zuerst einmal darum zu verstehen, was jemand mit dem, was er in einer bestimmten Situation sprachlich äußert bzw. geäußert hat, mutmaßlich sagen will bzw. sagen wollte. D.h. es kommt beim Verstehen von sprachlichen Äußerungen - im Mündlichen wie im Schriftlichen - auf die mutmaßlichen Intentionen der Sprecher oder Schriftsteller an und nicht nur auf den faktischen Wortlaut oder eben bloß den gedruckten Buchstaben.

 

 

© Ulrich W. Diehl, Juli 2010 

 

 


 

 

Siehe dazu: Paul Grice, Studies in the Way of Words, Cambridge: Harvard University Press 1989.

 

Verbindungen im Internet mit Informationen über Paul Grice und seine Sprachphilosophie unter der Rubrik Links: Grice, Paul H.

 

Mehr zum Problem des Verstehens von sprachlichen und außersprachlichen Bedeutungen unter der Rubrik: Theoretische Philosophie: Hermeneutik

 

 


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H.P. Grice / P.F.Strawson, In Defense of a Dogma
Verteidigung der Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Aussagen gegen Quine's Kritik in "Two Dogmas of Empiricism", Philosophical Review LXV (1956), pp. 141-158
Grice and Strawson, In Defense of a Dogm
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Herbert Paul Grice (1913-1988)
Robert Stainton, Article "Grice, H. Paul (1913-1988)",
in: John R. Shook (Ed.), Dictionary of Modern American Philosophers, Bristol: Thoemmes Press 2005.
Grice, Herbert Paul.pdf
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Jonas Pfister, Die Sprachphilosophie von Paul Grice
Information Philosophie 3 / 2008, S. 66-75.
Jonas Pfister, The Metaphysics and the Epistemology of Meaning, Frankfurt-Heusenstamm: Ontos 2007.
Pfister, Sprachphilosophie Paul Grice.pd
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Ronald Dworkin, Wenn Skepsis tödlich wird
Methoden und Standards der Interpretation;
Quelle: DIE ZEIT Nr.02 vom 04.01.2007, S.34
Dworkin, Wenn Skepsis tödlich wird.pdf
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