Philosophische Anthropologie (im Aufbau)

 

 

Illustration zu Grimm's Märchen "Die weiße Schlange"
Illustration zu Grimm's Märchen "Die weiße Schlange"

 

 

 

Philosophie ist wirklich nichts anderes als eine praktische Menschenkenntnis.

 

Immanuel Kant

 

Der geistlose Materialist sagt: der Mensch unterscheidet sich vom Tiere

nur durch Bewußtsein, er ist ein Tier, aber mit Bewußtsein; er bedenkt also nicht, daß in einem Wesen, das zum Bewußtsein erwacht, eine qualitative Veränderung  des ganzen Wesens vor sich geht.

 

Ludwig Feuerbach 

 

Nur in der lebendigen Beziehung ist die Wesenheit des Menschen, die ihm eigentümliche, unmittelbar zu erkennen. Auch der Gorilla ist ein Individuum, auch der Termitenstaat ist ein Kollektiv, aber Ich und Du gibt es in unserer Welt nur, weil es den Menschen gibt, und zwar das Ich erst vom Verhältnis zum Du aus. Von der Betrachtung dieses Gegenstandes "der Mensch mit dem Menschen" muss die philosophische Wissenschaft vom Menschen ausgehen.

 

Martin Buber, Das Problem des Menschen

 

Kein gebildeter Mensch zweifelt heute noch daran, dass wir (d.h. der Mensch als biologisches Gattungswesen [U.D.]) von Primaten und insbesondere von Menschenaffen abstammen. Die Belege für diese Erkenntnis sind schlicht überwältigend ... Die sehr enge Verwandtschaft zwischen Menschen, Schimpansen und anderen Menschenaffen ist jetzt überzeugend nachgewiesen. Die überwältigenden Beweise infrage zu stellen wäre völlig sinnlos ...


Als man erkannt hatte, dass Menschenaffen die Vorfahren des Menschen sind, verstiegen sich manche Autoren zu der Behauptung "Der Mensch ist auch nur ein Tier." Aber das stimmt ganz und gar nicht. Der Mensch ist tatsächlich so einzigartig, so verschieden von allen anderen Tieren, wie Theologen und Philosophen es seit jeher behauptet haben. Das ist unser Stolz und unsere Last.

 

Ernst Mayr, Das ist Evolution, Teil IV: Die Evolution des Menschen

 

... eine physikalische (oder biologische) Erklärung - eine kausale Erklärung - des Sprachphänomens zu geben versuchen. das ist gleichbedeutend mit einer Interpretation der Sprache als Ausdruck des Zustandes des Sprechers und folglich alleine der Ausdrucksfunktion. ... Doch die Folgen davon sind verheerend, denn wenn die gesamte Sprache bloß für Ausdruck und Kommunikation gehalten wird, dann läßt man all das außer acht, was für die menschliche Sprache im großen Unterschied zur tierischen Sprache charakteristisch ist: ihre Fähigkeit, wahre und falsche Aussagen zu machen und gültige und ungültige Argumente vorzubringen. Das wiederum hat zur Folge, daß der Physikalist nicht in der Lage ist, dem Unterschied zwischen Propaganda, verbaler Einschüchterung und rationaler Argumentation Rechnung zu tragen.

 

K.R.Popper, J.C.Eccles, Das Ich und sein Gehirn

 

Was der Mensch im Ganzen sei, kann nicht festgestellt werden in Experimenten und Laboratorien, nicht in Unterhaltungen und Ausfragen, nicht in einem objektiv vorweisbaren Material an Ausdruck, Leistungen, Hervorbringungen des Menschen [...] immer ist der Mensch mehr und anders, als von ihm gewusst und erkennbar wird.

 

Karl Jaspers

 

 

Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll, und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will. So kommt es, dass er entweder nur will, was die anderen tun - und da haben wir den Konformismus - oder aber er tut nur, was die anderen von ihm wollen, und da haben wir den Totalitarismus.

 

Viktor Frankl

 

 

Most strikingly, nonhuman primates do not point or gesture to outside
objects or events for others, they do not hold up objects to show them
to others, and they do not even hold out objects to offer them to
others.

 

Michael Tomasello

 

 


 

 

Was ist Philosophische Anthropologie? 

 

 

Die philosophische Anthropologie ist eine neuere Teildisziplin der Philosophie, die nicht wenige Philosophen seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts sogar für eine neue Art von prima philosophia oder Grundlegung der ganzen Philosophie halten.

 

 

Biologische Denkansätze in der philosophischen Anthropologie 

 

Heute denken nicht wenige Zeitgenossen, dass der Mensch auch nur ein weiteres Tier sei, weil er angeblich "vom Affen abstamme" und dass Darwin das wissenschaftliche bewiesen hätte. Beide Überzeugungen sind jedoch wissenschaftlich gesehen falsch.

 

Die Evolutionstheorie behauptet nämlich nur, dass die biologische Gattung Homo sapiens und bestimmte Arten von Affen vor unvorstellbar langer Zeit gemeinsame Vorläufer hatten. Menschen sind zwar auch Lebewesen, das ist offensichtlich. Aber sie sicherlich nicht bloß Tiere wie die anderen Tiere. Denn, wie auch schon Platon und Aristoteles wussten verfügen Menschen - anders als alle Tiere, die wir kennen - über eine bisher noch nicht hinreichend erforschte angeborene Naturanlage zum Erlernen des sprachlichen Denkens und Sprechens und damit zu einer erworbenen Erkenntnisfähigkeit und Vernunftbegabung mit Hilfe von sprachlichem Denken und Urteilen, Entscheiden und Handeln.

 

Aufgrund dieser angeborenen Naturanlage und diesen erworbenen Fähigkeiten sind die Menschen unter allen Lebewesen auf der Erde einmalig und nicht mehr nur naturwissenschaftlich mit den Begriffen, Methoden und Theorien der Physik, Chemie und Biologie zu erklären und zu verstehen. Den Menschen können wir demzufolge nur angemessen und hinreichend verstehen, wenn wir über die Naturwissenschaften hinausgehen und die Begriffe, Methoden und Theorien der Sozial- und  Kulturwissenschaften sowie der Geisteswissenschaften anwenden. 

 

Anders als den biologistischen und reduktionistischen Darwinismus, der nur eine politische Ideologie, aber keine echte Wissenschaft ist, gilt es die wissenschaftlichen Theorien und Entdeckungen Darwins in der modernen Biologie und synthetischen Evolutionslehre zu bewahren und weiter zu entwickeln. Wissenschaftlich betrachtet ist es also richtig zu sagen, dass bestimmte Arten von Affen, wie z.B. Schimpansen oder Bonobos, der biologischen Gattung des Menschen evolutionär und genetisch, physiologisch und phänotypisch nahe stehen. Aber anders als die biologische Gattung Mensch verfügen diese Lebewesen über keine ähnlich angeborene Naturanlage und erworbene Fähigkeit zum sprachbasierten Denken und Urteilen, Wollen und Handeln. Damit fehlen ihnen dann aber auch die kognitiven Voraussetzungen zur objektiven Erkenntnisfähigkeit und zur praktischen Vernunftbegabung. Deswegen besteht zwischen dem Menschen - als einem biologischen Gattungswesen und als einem kultivierten Sozialwesen - eine unbestreitbare und erhebliche Differenz. Dies ist eine wissenschaftliche Tatsache und nicht nur ein Mythos wie die Schöpfungsgeschichte aus dem biblischen Buch Genesis.

 

Gleichwohl hat auch schon dieser Mythos etwas Wahres über den Menschen und seine Sonderstellung in der Natur auf bildliche Weise ausgesprochen. Offensichtlich haben die Menschen schon sehr früh trotz ihrer Ähnlichkeiten auch ein deutliches Bewusstsein für ihr Anderssein im Vergleich zu den Tieren und Pflanzen in der Natur empfunden und auf eine vorwissenschaftliche Weise in Mythen und Erzählungen ausgedrückt. Aber auch einige der vorsokratischen Naturphilosophen wie Parmenides und Heraklit sowie die beiden größten Philosophen der griechischen Antike, Platon und Aristoteles wussten, das der Mensch zwar auch ein Lebewesen in der Natur ist, jedoch eines, das ganz anders als die Tiere mit sprachlicher Vernunft begabt ist. 

 

In der philosophischen Anthropologie müssen wir uns jedoch bemühen, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen, um damit sowohl pseudo-wissenschaftliche als auch religiöse Vorurteile und Irrtümer zu überwinden. Da es dabei um ein sowohl phänomenologisch als auch wissenschaftlich angemessenes Verständnis von der Natur des Menschen geht, müssen wir dann aber auch den reduktionistischen Szientismus hinter uns lassen.

 

Der reduktionistische Szientismus meint nämlich, alleine mit Hilfe der Begriffe, Theorien und Methoden der Naturwissenschaften von Physik, Chemie und Biologie den Menschen vollständig als ein Naturwesen verstehen und erklären zu können. Dies war bisher jedoch nicht möglich und es wird aus prinzipiellen Gründen auch in Zukunft nicht möglich werden. Natürlich versprechen uns die Szientisten seit dem 19 Jahrhundert, dass die wissenschaftlichen Fortschritte in einer fernen Zukunft rein naturwissenschaftliche Erklärungen von Sprache und Denken, Information und Reflexion ermöglichen sollen.

 

Diese szientistische Hoffnung ist jedoch trügerisch, weil weder das Semantische der sprachlichen Bedeutungen der Worte und Sätze, die selbstverständlich auch Naturwissenschaftler in ihrer wissenschaftlichen Praxis benutzen müssen, noch das Logische der Schlussfolgerungen nach gewissen Regeln und Prinzipien zwischen diesen Sätzen, geschweige denn das Mathematische der Begriffe und Aussagen, Gleichungen und Prinzipien über Mengen- und Größenverhältnisse, alleine mit den Begriffen und Theorien der Naturwissenschaften verstanden und erklärt werden können. Rein physikalisch betrachtet handelt es sich bei dem mit blauer Tinte auf Papier geschriebenen Wort 'Sprache' um eine verstreute Ansammlung von Molekülen auf einem Stück Zellstoff, die man unter dem Mikroskop untersuchen und dann auch chemisch analysieren kann. Die Bedeutung des Wortes wird man dabei offensichtlich kaum entdecken können. Tiere können vielleicht an dem Stück Papier schnuppern oder es fressen oder sie können daraufhin trainiert werden, mit diesem beschriebenen Stück Papier auf die eine oder andere Weise zu hantieren. Aber sie können das Wort nicht als ein Wort mit einer bestimmten Bedeutung erkennen, das auf eine richtige oder falsche Art und Weise in unvollständige Sätze einer natürlichen Sprache S eingebettet werden kann und sie dadurch zu wahren oder falschen Aussagen vervollständigen kann. Insofern haben nicht nur Physik und Chemie, sondern auch die Biologie kaum etwas zum Verstehen von sprachlichen Bedeutungen von Worten einer menschlichen Sprache beizutragen. Es gibt also weder eine physikalische, chemische oder biologische Analyse, Konzeption oder Theorie der Sinngehalte des Semantischen, der Begriffe, Regeln und Prinzipien des Logischen oder der Begriffe, Funktionen und Prinzipien des Mathematischen. 

 

Naturwissenschaftler brauchen jedoch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit und Kommunikation menschliche Worte mit solchen sprachlichen Bedeutungen genau so wie logische Regeln des Denkens und Schließens und mathematische Regeln des korrekten Operierens mit Mengen, Zahlen und Funktionen, etc.. Sie setzen damit immer schon etwas Intelligibles bzw. Verstehbares voraus, was sie jedoch selbst mit Hilfe ihrer wissenschaftlichen Theorien nicht verstehen und erklären können. Weder Physiker noch Chemiker noch Biologen können uns anhand ihrer naturwissenschaftlichen Begriffe und Theorien, Beobachtungen und Experimente erklären, was sprachliche Bedeutungen, wahrheitsdefinite Propositionen, Regeln des logischen Denkens und Schließens, mathematische Mengen und geometrische Figuren, Zahlen oder Funktionen, etc. sind. Mit Sicherheit handelt es sich dabei weder um Atome oder andere, kleinere mikrophysikalische Teilchen noch um Energie oder Lichtwellen noch um chemische Moleküle oder Substanzen noch um lebende Organismen oder deren Organe. An dieser schlichten Tatsache, die jeder Mensch mit gesundem Verstand nachvollziehen kann, scheitert nun aber der naturalistische bzw. materialistische Reduktionismus, der selbst keine seriöse wissenschaftliche Theorie ist, sondern bestenfalls eine philosophische Position, aber meistens eher eine weltanschauliche Ideologie, die die Naturwissenschaften jenseits ihrer durchaus rationalen, aber begrenzten Methodologie zu einer angeblich allumfassenden wissenschaftlichen Weltanschauung zu machen versucht.

 

Was sagt uns hingegen der gesunde Menschenverstand über unsere Herkunft bzw. die Abstammung der Menschen? Wenn wir für einen Moment innehalten und nicht nur unseren Vorurteilen folgen, können wir uns die schlichte Tatsache des menschlichen Alltagslebens und der familiären Abstammung vergegenwärtigen, die in allen Völkern und Kulturen bekannt ist: Weder ich noch sonst jemand, den ich kenne, stammt direkt von Affen ab. Vielmehr stammen wir alle von unseren Eltern ab und diese von ihren Eltern, unseren Großeltern, und diese von ihren Eltern, unseren Urgroßeltern, usw. Aber weder unsere Eltern noch unsere Großeltern noch unsere Urgroßeltern waren Affen. Vielmehr waren sie alle Menschen wie schon alle ihre Vorfahren Menschen waren. Und das geht so weiter für unzählige Generationen von Menschen. Das sind doch alles ganz einfache Tatsachen, die wir bei rechter Überlegung als zutreffend erkennen können. Deswegen ist das heute sehr weit verbreitete Gerede davon, dass "wir Menschen" angeblich "vom Affen abstammen", eigentlich nichts anderes als pseudo-wissenschaftlicher Unsinn.

 

Allerdings ist auch der Bibelfundamentalismus ein theologischer Unfug, weil er biblische Schöpfungsgeschichte als eine andere oder gar bessere Theorie über die Entstehung der Welt, des Lebens auf der Erde und die Existenz der Vielfalt der Arten mißversteht und damit für eine seriöse Alternative zur wissenschaftlichen Evolutionstheorie hält. Diese von manchen bibelgläubigen Kreationisten oder Anhängern der Lehre vom Intelligent Design vertretene Position ist meistens nichts als dogmatischer Bibelfundamentalismus ohne Herz und Verstand jenseits einer wissenschaftlichen historisch-hermeneutischen Exegese, wie man sie praktisch an allen Seminaren Protestantischer Theologie lernen kann. Dieser Bibelfundamentalismus, der vor allem in den USA, aber auch in Europa unter Evangelikalen und anderen Freikirchen verbreitet ist, basiert auf einer Verabsolutierung des Schöpfungsmythos der Bibel, die man nicht mehr mit einem offenen Herzen und einem gesundem Menschenverstand als eine schöne alte Geschichte lesen kann, sondern mit einem buchstabengläubigen Herzen und einem bornierten Verstand als absolute und alternativlose Wahrheit festzuschreiben versucht. Analoge Engstirnigkeiten gibt es jedoch auch bei (ultra-)orthodoxen Juden im Umgang mit dem Buch Genesis in der Thora (1. Buch Mose) und bei fundamentalistischen Muslimen im Umgang mit dem Koran.

 

Nicht nur in der Philosophie, sondern auch an unseren Schulen, Hochschulen und Universitäten müssen wir darauf achten, was wir über uns selbst, den Menschen denken und lehren. Denn was heute im Namen einer popularisierten und zur Weltanschauung verengten Evolutionstheorie als Aufklärung und Allgemeinwissen angepriesen wird, ist oft nur das gedankenlose Gerede von halbgebildeten Zeitgenossen, die nicht die Courage haben, die vorherrschende Meinung in Frage zu stellen und dazu ihren eigenen Verstand zu gebrauchen. Ähnlich verhält es sich jedoch auch mit verschiedenen Versuchen von bibelgläubigen Kreationisten und Evolutionskritikern, die weitgehend zum Schaden der Glaubwürdigkeit des sittlich-religiösen Kerngehaltes des christlichen Glaubens (Goldene Regel, Doppelgebot der Liebe, etc.) die wesentlichen Auffassungen der wissenschaftlichen Theorie der Evolution von Seiten der biblischen Schöpfungslehre in Frage stellen. Die Halbbildung war aber schon immer der schlimmste Feind echter Bildung. Goethe wusste das und hat in seinem Drama Faust den neunmalklugen Halbgebildeten in der Figur des Wagner dargestellt.

 

 

Darwins Theorie der evolutionären Abstammung des Menschen

 

Wer Darwins Die Abstammung des Menschen (The Descent of Man, ²1874) unvoreingenommen liest, wird bald bemerken, dass Darwin trotz der von ihm damals erst vermuteten, heute jedoch vielfach bestätigten und wissenschaftlich anerkannten These von der evolutionären Abstammung des Menschen gar keinen Zweifel daran hegt, dass sich der Mensch (homo sapiens) durch einige wesentliche physische und psychische Merkmale von allen anderen Lebewesen auf der Erde und damit z.B. auch von den ihm evolutionär nahe stehenden Schimpansen unterscheidet.

 

Mehr noch, Charles Darwin ist sogar in zwei Kapiteln sorgfältig bemüht, ausführlich darzulegen, dass es sich nicht nur um einige physische Merkmale des Menschen handelt, wie z.B. um den aufrechten Gang, die Körpergröße, das größere Schädel- und Hirnvolumen, das Fehlen von Reißzähnen und fehlende Behaarung am ganzen Körper, die angeborene Instinktschwäche, die zu einer Verzögerung der Fähigkeit zu sitzen, zu stehen, zu gehen und sich zu verteidigen führt, sondern auch um einige psychische Merkmale bzw. geistige Vermögen (mental powers), die den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet, wie z.B. die Fähigkeit zur Abstraktion durch begriffliches Denken, propositionales Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zum Erwerb und zur Verwendung einer Sprache mit einem komplizierten System von semantischen und grammatischen Regeln, der Sinn für Schönheit und sittliche Güte, der Glaube an Gott und geistige Ideale.

 

Viele Naturalisten und Biologisten versuchen deswegen vergeblich - anders als Darwin selbst, dem das ganz verkehrt vorgekommen wäre - den Menschen und den Sinn seines Dasein in der Welt von der evolutionär niedrigeren Stufe der Tiere und Pflanzen her zu verstehen. Das ist jedoch nicht nur theoretisch unmöglich, sondern auch in praktischer Hinsicht gefährlich. Dabei ist es gar nicht falsch, den Menschen wie Immanuel Kant, Karl Popper und Ernst Mayr als ein vernunftbegabtes Lebewesen in der Natur zu verstehen. Wohl aber ist es falsch, zu meinen, dass man seine besondere, auf sprachlichem Denken basierende Vernunftbegabung bloß als eine andere Art von technischer und kommunikativer Intelligenz verstehen könnte, die zweifelsohne auch bestimmten Tierarten zukommt.

 

Wo dieser reduktionistische Biologismus insbesondere in Verbindung mit einem neurowissenschaftlichen Reduktionismus vorherrscht, entsteht nicht nur ein "Wissenschaftsaberglaube" (Karl Jaspers), der die Menschen glauben lässt, sie könnten sich alleine mit Hilfe der Wissenschaften und Technologien praktisch orientieren. Wer den Menschen jedoch sowohl mit seiner Sonderstellung in der Natur und seiner Würde als auch mit seiner Fähigkeit zu praktischer Freiheit und sittlicher Verantwortung verstehen will, der muss ihn zumindest wie Sokrates, Platon und Aristoteles, Kant, Hegel und Brentano von seinem Bemühen um die Realisierung des Nützlichen, Schönen und Guten in der sozialen, kulturellen und politischen Lebenswelt her verstehen. Andernfalls trägt er - ob er es will oder nicht - zur Verhinderung der Realisierung der Humanität bei.

 

 

 © Ulrich W. Diehl, Halle an der Saale im Juni 2010

 

 


Pico della Mirandola, Stellung des Menschen
Pico della Mirandola, Stellung des Menschen

 

 

Klassiker der Philosophischen Anthropologie

 

 

Martin Buber, Das Problem des Menschen, Heidelberg: Lambert Schneider 1982

 

ders., Das dialogische Prinzip, Gerlingen: Lambert Schneider 1992

 

Ernst Cassirer, An Essay on Man, New Haven & London: Yale UP 1944; dt. Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg: Meiner ²2010.

 

Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit. München: DTV 1990

 

ders., Anatomie der menschlichen Destruktivität, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1977

 

Hans-Georg Gadamer / Paul Vogler (Hg.), Neue Anthropologie in 7 Bänden, Stuttgart: Thieme 1975,

* Biologische Anthropologie, Erster und zweiter Teil;

* Sozialanthropologie;

* Kulturanthropologie;

* Psychologische Anthropologie;

* Philosophische Anthropologie, Erster und zweiter Teil,

 

Nicolai Hartmann, Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften. Berlin: de Gruyter 1933, ²1946

 

Karl Jaspers, Psychologie der Weltanschauungen, Berlin: Springer 1919 (6. Auflage 1971)

 

ders., Vernunft und Existenz. Fünf Vorlesungen (1935), München / Zürich: Piper ³1960

 

Helmuth Plessner, Philosophische Anthropologie: Lachen und Weinen - Das Lächeln - Anthropologie der Sinne, Frankfurt a.M.: Fischer 1970

 

Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, Bonn: Bouvier 16. Auflage 2007

 

Erwin Straus, Vom Sinn der Sinne. Ein Beitrag zur Grundlegung der Psychologie, Berlin: Springer 1935. 2., vermehrte Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg: Springer 1956, Nachdruck der 2. Aufl. 1978

 

ders., Psychologie der menschlichen Welt. Gesammelte Schriften, Berlin, Göttingen, Heidelberg: Springer 1960

 

 


 

 

Klassiker der philosophischen Anthropologie - avant la lettre

 

 

Platon, Phaidon

 

Aristoteles, De anima

 

Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften, Mit einem Text zur Einführung von Ernst Cassirer,  Hamburg: Meiner 1999

 

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798), Hg. von Reinhardt Brandt, Hamburg: Meiner 2000

 

Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen,Stuttgart: Kröner 1966

 

 


 

 

Neuere Literatur zur philosophischen Anthropologie

 

 

Brandt, Reinhardt, Können Tiere denken? Ein Beitrag zur Tierphilosophie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009

 

Brüntrup, Godehard, Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer 1996

 

Chomsky, Noam, Reflexionen über Sprache, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977

 

Eccles, John C. / Robinson, Daniel N., Das Wunder des Menschseins. Gehirn und Geist,

München / Zürich: Piper 1991

 

Fischer, Joachim, Philosophische Anthropologie. Eine Denkrichtung des 20. Jahrhunderts,

Freiburg i.B.: Alber 2009

 

Habermas, Jürgen, Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt: Suhrkamp 2009

 

Janich, Peter, Der Mensch und andere Tiere. Das zweideutige Erbe Darwins, Berlin: Suhrkamp 2010

 

Seifert, J., Das Leib-Seeleproblem in der gegenwärtigen philosophischen Diskussion,

Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1979

 

Tomasello, Michael, Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens.

Zur Evolution der Kognition, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002

 

ders., Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009.

 

 


Download
Ulrich Diehl, Person und Personwürde in der klinischen Psychiatrie
Überlegungen zu den beiden Schlüsselbegriffe der Personalität und der Personwürde in der zeitgenössischen Psychiatrie (Fundamenta Psychiatrica 2000)
Diehl, U., Person - Würde - Psychiatrie.
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Joachim Fischer, Der Dritte. Zur Anthropologie der Intersubjektivität
in: W.Eßbach, wir/ihr/sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode, Würzburg: Ergon 2000, S. 103-136
Fischer, Der Dritte.pdf
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Josef Seifert, Persons and Causes: Beyond Aristotle
Journal of East-West-Thought, Number 3, Volume 2, Sept. 2012
Seifert, Persons and Causes beyond Arist
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Frederik Jötten, Von wegen menschlich
Zum wissenschaftlichen Vergleich zwischen Affen und Menschen;
DIE ZEIT, Nr. 9, 21. Februar 2013
Jötten, Von wegen menschlich.pdf
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