Metaphysik

 

 

 

M.C. Escher, Other world
M.C. Escher, Other world

 

 

Es ist also klar, dass die Weisheit eine Wissenschaft

von gewissen Prinzipien und Ursachen ist.

 

Aristoteles, Metaphysik, 1. Buch (A)

 

 

Hierin liegt allerdings der gerechteste und einleuchtendste Vorwurf

gegen einen beträchtlichen Teil der Metaphysik: daß sie nicht eigentlich

eine Wissenschaft ist, sondern entweder das Ergebnis fruchtloser

Anstrengungen der menschlichen Eitelkeit, welche in Gegenstände

eindringen möchte, die dem Verstande durchaus unzugänglich sind,

oder aber das listige Werk der Volksaberglaubens, welcher auf

offenem Plan sich nicht verteidigen kann und hinter diesem

verstrickenden Gestrüpp Schutz und Deckung für seine Schwäche

sucht.

 

David Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand

 

 

Die Metaphysik der spekulativen Vernunft ist nun das,

was man im engeren Verstande Metaphysik zu nennen pflegt; ...

Daher hat die menschliche Vernunft seitdem, daß sie gedacht,

oder vielmehr nachgedacht hat, niemals einer Metaphysik entbehren,

aber gleichwohl sie nicht, genugsam geläutert von allem Fremdartigen,

darstellen können. Die Idee einer solchen Wissenschaft ist ebenso alt,

als spekulative Menschenvernunft; und welche Vernunft spekuliert

nicht, es mag nun auf scholastische oder populäre Art geschehen?

 

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (A 842 / B 870)

 

 

Die Gedanken sind weder Dinge der Außenwelt noch Vorstellungen.

Ein drittes Reich muss anerkannt werden.

 

Gottlob Frege

 

 

Eine Wissenschaft ohne Metaphysik ist auf dem besten Wege,

ein dogmatisches System zu werden.

 

Paul Feyerabend

 

 


 

 

Was ist Metaphysik?

 

 

Metaphysik ist eine alte philosophische Disziplin, die wir nicht nur dem Namen, sondern auch dem methodischen und systematischen Anspruch nach auf Aristoteles zurückführen können. Die Bezeichnung "Metaphysik" war ursprünglich nur buchtechnischen Charakters gewesen, da der Name meta physica die Bücher bezeichnete, die nach bzw. neben denen lagen, die als Thema die physica behandelten. Deswegen ist es bis heute ein weit verbreitetes Mißverständnis, dass die Metaphysik nur solche Themen behandeln würde, die jenseits der Physik oder Naturwissenschaft liegen, wie z.B. die großen Themen der Leibniz-Wolff'schen Metaphysik von Gott, der Freiheit des menschlichen Willens und der Unsterblichkeit der menschlichen Seele.

 

Zwar haben auch schon Sokrates und Platon sowie die beiden Vorsokratiker Heraklit und Parmenides der Sache nach metaphysische Fragen auf philosophische Weise untersucht, aber der eigentliche qualitative Sprung auf ein höheres methodisches und systematisches Niveau ist erst Aristoteles als dem Gründer der philosophischen Metaphysik gelungen. Dies kann einem deutlich werden, wenn man sich eingehender mit einer Darstellung der Geschichte der antiken Philosophie von den Vorsokratikern bis zur Renaissance befasst, wie z.B. mit denjenigen von Franz Brentano, Wolfgang Röd oder auch Klaus Held. Der qualitative Sprung in der Entwicklung des metaphysischen Denkens bei Sokrates, Platon und Arostoteles gegenüber den Naturspekulationen der Vorsokratiker ist so enorm, dass man sich nur wundern kann, wie ihn diese drei griechischen Denker hervorbingen konnten.

 

Auf die Metaphysik von Aristoteles und das, was man im Anschluss an sie im Laufe der Jahrhunderte darunter verstand, trifft jedenfalls nicht zu, dass sie sich bloß oder auch nur vorwiegend mit dem befasst, was "jenseits" der physischen Welt existiert. Ganz im Gegenteil beziehen sich die metaphysischen Untersuchungen des Aristoteles zunächst vor allem auf unsere ganz alltägliche Lebenswelt in Raum und Zeit. Denn nach Aristoteles betrifft die Metaphysik alles, was es überhaupt gibt und worüber man vernünftigerweise sagen kann, dass es das gibt und wie es beschaffen ist. Diesen Bereich der Metaphysik bezeichnet man als Ontologie bzw. als die Lehre vom Sein des Seienden. Sodann handelt die Metaphysik des Aristoteles davon, auf welche fundamentalen und nicht weiter reduzierbaren Weisen man anhand von bestimmten Grundfragen oder Kategorien fragen kann, was es gibt und wie sich etwas verhält. Diesen Bereich bezeichnet man manchmal auch als Kategorienlehre bzw. als die Lehre von den Kategorien des Seienden oder den sog. Seinskategorien.

 

Seit Aristoteles seine Schriften über Probleme der Physik und Biologie, Psychologie und Theologie geschrieben hat, gehören die philosophischen Themen und Probleme, die dort behandelt werden, zur Metaphysik. Die Metaphysik hat also nicht nur mit dem zu tun, was jenseits dieser Gebiete liegt, wie etwa das Esoterische oder das Okkulte, ein vermeintliches Jenseits oder ein angeblicher Ort "jenseits von Raum und Zeit", an dem sich nach Auffassung der Pythagoreeer und Neuplatoniker die Seelen nach dem Tod befinden sollen, wie viele Menschen auch heute noch glauben. 

 

Metaphysik ist auch gegenwärtig diejenige philosophische Disziplin, in der nicht nur solche ontologischen und kategorialen Untersuchungen angestellt werden, wie sie schon Aristoteles und viele Philosophen im Anschluss an ihn durchgeführt haben. Metaphysik hat eine lange und vielfältige Geschichte, in der sie sich weiter entwickelt hat, weil sie sich mit anderen intellektuellen Einflüssen auseinander setzen musste. Zu diesen Einflüssen gehörten in der langen Geschichte der europäischen Philosophie und Metaphysik vor allem die formalen, empirischen und experimentellen Einzelwissenschaften, die sich nach und nach von der Philosophie als der "Mutter aller Wissenschaften" abgespalten und emanzipiert haben, wie z.B. Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Psychologie, Linguistik, Soziologie, Ökonomie, etc.

 

Zu diesen Einflüssen gehörten in der langen Geschichte der europäischen Philosophie von der Spätantike bis zum 19. und 20. Jahrhundert jedoch auch die Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam, die bestimmte mythologischen Vorstellungen von Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde, von der Schöpfungsordnung der Natur, von der Sonderstellung des Menschen in der irdischen Natur sowie von der conditio humana, von Leib, Seele und Geist des Menschen und seinem mehr oder weniger freien Willen hatten. Alle diese drei Weltreligionen haben nicht nur über viele Jahrhunderte hinweg einige der metaphysischen Schriften von Platon und Aristoteles zu kosmologischen und physikalischen sowie psychologischen und theologischen Themen (neben den ethischen und politischen Schriften) tradiert, sondern auch transformiert und zu eigen gemacht.

 

Dadurch sind neue Konzeptionen von Metaphysik entstanden, die dann auch die religiösen Vorstellungen der Juden, Christen und Muslime aufgenommen haben, sodass die Themen Gott und Welt, Seele und Geist ein neues Gewicht erhielten und andere Themen, wie z.B. solche der Kosmologie und Biologie in den Hintergrund traten. Erst nach dem Umwälzungen der nova scientia in der frühen, mittleren und späten Neuzeit, wurden die metaphysischen Auffassungen dieser drei Religionen teilweise in den Hintergrund gedrängt, weil sich die neuzeitlichen und modernen Naturwissenschaften mit ihren experimentellen und mathematischen Methoden eine neue Bahn brachen und in den Vordergrund drängten.

 

Nicht nur die klassische neuzeitliche Metaphysik der Rationalisten Descartes und Spinoza, Leibniz und Wolff sind weitgehend Antworten auf die neuen Herausforderungen durch die nova scientia, sondern auch die philosophischen Werke der Empiristen Locke und Hume, Berkeley und Reid. Auch Kants Epoche machender Versuch, einen neuen Anfang zu wagen, indem er die klassischen Theorien der neuzeitlichen Metaphysik und deren Meinungsverschiedenheiten durch eine erkenntnistheoretische bzw. transzendentalphilosophische Untersuchung der strukturellen Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Vernunftvermögens prüfen wollte, ist noch ein weiterer, aber neuartiger Versuch, auf einige durch die nova scientia eines Kepler und Kopernikus, Galilei und Newton aufgeworfenen Probleme zu reagieren.

 

Die experimentelle Methoden, die mechanistischen Theorien und die materialistische Ontologie der neuzeitlichen Naturwissenschaften, drohten nun aber den ganzen Kosmos einschließlich aller physischen Erscheinungen und Verhältnisse auf der Erde sowie einschließlich der Lebewesen und Menschen in einen einzigen, nach mechanistischen Prinzipien und materialistischen Ontologien funktionierenden und geschlossenen Kausalzusammenhang zu verwandeln, d.h. in einen gottlosen und seelenlosen Mechanismus, der nicht nur keinen Gott als Schöpfer oder Urheber, Designer oder Baumeister zu brauchen scheint, sondern in dem es anscheinend auch keine geistige Seele und keinen freien Willen geben kann. Kant hatte trotz seiner Verehrung für Newtons Beiträge zur Physik erkannt, dass dies zwar die Naturwissenschaften in ihrem Versuchen, die Erscheinungen der Natur zu verstehen und erklären zu können, vorangebracht hatte, dass dies aber zugleich nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch die sittliche Bestimmung des Menschen in Moral, Recht und Politik bedrohen würde.

 

Kant versuchte deswegen, das menschliche Wissen von der Natur, Geschichte und Kultur zu begrenzen, um nicht nur die Freiheit des menschlichen Willens als einer notwendigen Voraussetzung von alltäglicher Moral und richtigem Recht, allgemeinem Völkerrecht und einer Politik des Friedens zu sichern, sondern auch um dem Glauben an Gott, die Freiheit des menschlichen Willens und seine (angeblich) unsterbliche Seele einen sicheren Platz in dem weitgehend mechanistischen Weltbild der nova scientia zu verschaffen. Sein ganzes Bestreben ging deswegen dahin, eine Metaphysik der Natur und der Sitten zu schaffen, die an die Stelle der erfolglosen Streitigkeiten der rationalistischen und empiristischen Metaphysiker seiner Zeit treten würde. Wie der Titel seiner berühmten Prolegomena besagt, ging es ihm um eine zukünftige "Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können".

 

Kant hatte zwar in seinen kritischen Hauptwerken (KrV, KpV, KU) immer "nur" zwischen der Metaphysik der Natur und der Metaphysik der Sitten unterschieden, aber seine metaphysischen Überlegungen gingen weit über diese Zweiteilung hinaus. Kant war von seiner Kritik der Urteilskraft über seine Anthropologie in pragmatischer Hinsicht bis zu seiner Abhandlung über die Fortschritte in der Metaphysik auf der Suche nach einer möglichen Einheit der Metaphysik, die es erlaubten, diese beiden Metaphysiken der Natur und der Sitten, d.h. der theoretischen und der praktischen Philosophie in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Klar war ihm jedoch schon in der Kritik der reinen Vernunft, dass seine getrennt vollzogene Vernunftkritik nur eine philosophische Propädeutik zu einer einheitlichen Metaphysik sein kann. Dies wird vor allem auch in der Ersten Einleitung zu seiner Kritik der Urteilskraft wie in dem religionsphilosophischen Abschluss der sog. Dritten Kritik deutlich. Auf der Suche nach einer Einheit der Metaphysik kann und muss man jedoch auch seine geschichts-philosophischen, anthropologischen und religionsphilosophischen Schriften konsultieren. Vor allem aber hat Kant selbst einen Rückblick auf sein Gesamtwerk verfasst, der zwar erst 1804 posthum erschienen ist, aber von ihm noch zur Publikation frei gegeben wurde: seine Schrift über die Fortschritte der Metaphysik, in der er seinen kritischen Ansatz noch einmal als einen Fortschritt der Metaphysik gegen den Skeptizismus und Dogmatismus verteidigt hat.

 

Auch wenn jemand Kants abschließenden Ausführungen zu seinem Lebenswerk zwar nicht in allen Punkten folgen kann, bleibt es jedoch zutreffend, dass man nach Kants Vernunftkritik in Fragen der Metaphysik und Philosophie überhaupt nicht mehr hinter die Naivitäten einer vorkantianischen Metaphysik zurückfallen kann, die sich nicht den epistemologischen und ontologischen Herausforderungen der neuzeitlichen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften stellt und damit wie Kant sowohl über die Ontologie und Kategorienlehre des Aristoteles als auch über die Metaphysik der Leibniz-Wolff-Schule hinausgeht. Eine jede neue Metaphysik wird auf die eine oder andere Art und Weise Kants vernunftkritische und transzendentalphilosophische Beiträge berücksichtigen müssen und im Anschluss an die metaphysischen Beiträge von Nicolai Hartmann und Karl Jaspers, Alfred North Whitehead und Jacques Maritain u.a.m. einige Simplifikationen der vor-kantischen Metaphysik überwinden müssen. Vor allem wird sie wie Maritain das Problem der Personalität und wie Hartmann das Problem der Persönlichkleit und des geistigens Seins bewältigen müssen.

 

Nur zur monistischen Metaphysik des Materialismus, Vitalismus und Naturalismus führt nach Kant und Brentano, Husserl und Hartmann kein gangbarer Weg zurück. Wie in den Wissenschaften, so gibt es auch in der Philosophie bestimmte Denkwege, die sich als Irrwege oder Sackgassen erwiesen haben, und aus denen man nur herauskommt, wenn man auf die Hauptstraße zurückkehrt. Manche Philosophen wie Hegel glaubten, dass es eine inhärente Entwicklungslogik in der Geistesgeschichte der Philosophie zu entdecken gibt. Andere Philosophen, wie z.B. Franz Brentano diagnostizierten sich wiederholende charakteristische Phasen des Aufstiegs und Verfalls im philosophischen Denken und manche zeitgenössischen Denker, wie z.B. Karl-Heinz Haag, meinen sogar von einem kumulativen Fortschritt in der Philosophie sprechen zu dürfen.

 

Die nach-kantische Metaphysik behandelt nun aber nicht nur die metaphysischen Implikationen und Voraussetzungen der Naturwissenschaften, wie insbesondere die Fragen nach dem Wesen von Raum und Zeit, Materie und Energie, Ursprung und Entstehung des Universums, Richtung und Ziel seiner Entwicklung. Manche Szientisten, wie z.B. W.V.O.Quine, D.Lewis und D.Armstrong haben die neue Metaphysik auf diese Weise zu restringieren versucht. Aber nicht alle zeitgenössischen Philosophen sind ihnen darin gefolgt. Eine Metaphysik, die zukünftig sowohl vor den Erfahrungen, Methoden und Ergebnissen der Einzelwissenschaften als auch vor der lebensweltlichen Welt- und Selbsterfahrung wird bestehen können, wird sich aus heuristischen Gründen vielmehr in mindestens sechs Gebiete aufteilen lassen:

 

 

A. Spezielle Ontologie

 

B. Allgemeine Ontologie

 

C. Naturphilosophie

 

D. Kulturphilosophie

 

E. Wissenschaftsphilosophie

 

F. Religionsphilosophie

 

 

Naturphilosophie ist gerade im Zeitalter der ökologischen Problematik der Naturzerstörung durch die wissenschaftlich-technisch geprägten Industriegesellschaften immer noch ein dringendes Anliegen der Metaphysik, das sowohl von den Hegelianern als auch von den Marxisten sträflich vernachlässigt wurde. Die Naturwissenschaften können ihren eigenen methodischen Anforderungen und topologischen Denkansätzen nach keine einheitliche Philosophie der Natur bieten und müssen dies der Philosophie überlassen. Die Philosophie hat dieses Gebiet jedoch seit dem 18. Jahrhundert weitgehend aufgegeben. Man kann das Desiderat einer Naturphilosophie jedoch nicht einfach an die Naturwissenschaften delegieren. Die Ursachen und Gründe für das vorübergehende Ende der Naturphilosophie liegen vor allem im Positivismus des 19. Jahrhunderts und im Szientismus des 20. Jahrhunderts, die die in den modernen Industriegesellschaften voranschreitende Entfremdung der Menschen und der Kultur von der Natur widerspiegeln. Sie liegen jedoch auch in der Entwicklung der christlichen Traditionen selbst, die sich aufgrund gnostischer, manichäischer und neuplatonischer Einflüsse aus der für Jesus von Nazareth und die Urgemeinde selbstverständlichen Nähe zu einer naturnahen Lebenswelt zurückgezogen hat. Wer mit den Gleichnissen und Zeichenhandlungen Jesu vertraut ist, weiß um deren durchgängige Naturmetaphorik und Naturweisheit. Zuverlässige philosophische Anknüpfungspunkte finden wir vor allem in Kants Kritik der Urteilskraft, Schellings Naturphilosophie und Nicolai Hartmanns Naturphilosophie, die an philosophischem Problembewusstsein und theoretischer Komplexität unübertroffen zu sein scheinen.

 

Kulturphilosophie ist im Zeitalter des planetarischen Bewusstseins und der Globalisierung der Wissenschaften und Techniken, Wirtschafts- und Kommunikationsformen sowie der internationalen rechtlichen und politischen Institutionen ebenfalls ein unverzichtbares Desiderat der Metaphysik. Die Hegel'sche Geschichtsphilosophie war zwar noch im 19. Jahrhundert ein wichtiger Ausgangspunkt, kann aber aufgrund ihrer dogmatischen und ideologischen Hierarchisierung der Religionen und Kulturen mit Hilfe von Vergleichen mit den Altersstufen des menschlichen Lebens nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die Religionsgeschichte der Menschheit führt nicht notwendigerweise zum deutschen Protestantismus und der Weltgeist lässt sich nicht unbedingt im schwäbischen Pietismus des Tübinger Stifts nieder. Auch die Religionsgeschichte von Arnold Toynbee ist zwar auch immer noch aus einer christlichen Perspektive geschrieben, aber sie behandelt die anderen Religionen schon als koexistente Dialogpartner und als gleichberechtigte Rivalen. Noch bedeutender ist jedoch die weltgeschichtliche Abhandlung Menschheit und Mutter Erde. Die Geschichte der großen Zivilisationen, auch wenn sie in manchen Hinsichten aus religionswissenschaftlicher Hinsicht veraltet zu sein scheint.

 

Kulturphilosophie kann nur in einer geschichtlichen Form betrieben werden und deswegen handelt es sich hier um einen Anknüpfungspunkt. Allerdings bedarf es jedoch vor allem

 

  1. einer Philosophie des Verstehens in den Kultur- und Geisteswissenschaften,
  2. einer Ontologie der kulturellen Phänomene und Gebilde, und
  3. einer Ontologie der Inhalte des Geisteslebens.

 

Hier bieten sich die folgenden grundlegenden Werke der Philosophie des

20. Jahrhunderts an: (1.) Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode, (2.) Ernst Cassirers Versuch über den Menschen und seine Philosophie der symbolischen Formen, (3.) Richard Hönigswald, Grundfragen der Erkenntnistheorie, sowie (4.) Nicolai Hartmanns Abhandlung Das Problem des geistigen Seins: Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften.

 

Die Wissenschaftsphilosophie handelt wie die Religionsphilosophie von bestimmten Kulturleistungen und Praxisformen des Menschen in seiner Lebenswelt, die auf ganz besondere Art und Weise die menschlichen Kulturen nachhaltig und anhaltend geprägt haben. Nicht nur in Europa und dem sog. Westen, sondern praktisch in allen Regionen der Erde und allen Kulturen der Menschheit stehen die Wissenschaften und Religionen in einem anhaltenden weltanschaulichen Konflikt. Zwar gut gemeinte, aber eigentlich nur leichtfertige und weitgehend unreflektierte Harmonisierungen dieser besonderen Kulturleistungen und Praxisformen des Menschen, wie sie vor allem, aber nicht nur von Seiten des religiösen Denkens erwünscht werden, sind aufgrund der seit der Nova Scientia enstandenen weltanschaulichen Konflikte ganz und gar unangebracht. Auf der anderen Seite sollte es eine seriöse Wissenschaftsphilosophie auf jeden Fall vermeiden, sich zum Handlanger religionsfeindlicher Kräfte und Bewegungen machen zu lassen, indem sie die Wissenschaften gegen die Religionen auszuspielen versucht. Dies verbietet sich im Sinne der Dialektik der Aufklärung (Adorno und Horkheimer) aufgrund der schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mit den Vernichtungskräften der modernen Naturwissenschaften, die zur technischen Entwicklung von Massenvernichtungsmitteln, wie z.B. in Form der ABC-Waffen geführt haben. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts können wir nicht mehr sicher sagen, was die Menschheit mehr gefährdet: religiöser Fanatismus oder wissenschaftlicher Fortschrittsglaube. Es sind in beiden Fällen jedoch psychische Entgleisungen der menschlichen Fähigkeit zum Bösen, die sich als das vermeintlich Gute tarnt. Dies gilt auch und gerade dort, wo sich religiöse Fanatiker selbst mit den Instrumenten des Terrors und den Waffen der Massenvernichtung ausstatten, die durch die rasanten technischen Fortschritte der Naturwissenschaften und Techniken bereit gestellt werden.

 

Wissenschaftsphilosophie muss sich außerdem immer wieder auch der religiösen bzw. metaphysischen Voraussetzungen der Entstehung und Geschichte, Methoden und Praxis der neuzeitlichen und modernen Wissenschaften bewusst machen. So scheint z.B. die naturwissenschaftliche Annahme eines gleichförmigen Kosmos, dessen Enstehungs-, Entfaltungs- und Entwicklungsgesetze immer und überall im Universum nach universalen Naturgesetzen erklärt und verstanden werden können, zumindest historisch mit dem Monotheismus von Judentum, Christentum und Islam verbunden gewesen zu sein. Gegenwärtig machen sich zumindest in den modernen und pluralistischen Gesellschaften der westlichen Hemisphäre zunehmend skeptische Auflösungstendenzen dieser ontologischen und metaphysischen Hintergrundannahme  bemerkbar, die sich nicht zuletzt zum anhaltenden Schaden der wissenschaftlichen Forschung und Theoriebildung auswirken.

 

Die weitgehend positivistische, naturalistische und szientistische Wissenschfaftstheorie des 20. Jahrhunderts war mit einigen bedeutenden Ausnahmen (Karl Popper, Michael Polanyi, Ernst Mayr, u.a.) viel zu sehr selbst diesen immanenten Selbstbespiegelungen des modernen Wissenschaftsbetriebes verfallen und konnte diese Entwicklung weder empirisch vorhersehen noch philosophisch begreifen. Deswegen bedarf es gegenwärtig vor allem einer Wissenschaftsphilosophie, die die modernen Wissenschaften in ihrer geschichtlichen Entwicklung seit der Neuzeit untersucht und versteht, die sie systematisch als besondere Formen menschlichen Praxis in der Lebenswelt erforscht, die ihre Erkenntnisleistungen zugleich teilweise als Fortsetzung und teilweise als Bruch mit der Alltagserkenntnis und dem lebensweltlichen Wissen des gesunden Menschenverstandes untersucht und versteht.

 

Die Religionsphilosophie lässt sich zumindest nach der Auffassung der großen monotheistischen Weltreligionen (Parsismus, Judentum, Christentum, Islam, etc.) nicht von der Speziellen Ontologie des Seienden und der Allgemeinen Ontologie des ganzen Seins trennen. Aber aus heuristischen Gründen ist es in der Philosophie besser, diese Probleme getrennt anzugehen, weil manche, die nach Hume, Kant und Schleiermacher nicht nur zum religiösen Fideismus bzw. Agnostizismus, sondern wie Marx, Nietzsche und Freud zum (militanten) Atheismus neigen, nicht daran gehindert werden sollten, sich an den Untersuchungen zu einer philosophischen Metaphysik des Seins und des Seienden zu beteiligen. Hier kann man nämlich, wie z.B. Nicolai Hartmann in der Metaphysik der Person, der Persönlichkeit und des Geistigen einige wichtige Resultate erzielen, ohne dazu das Dasein Gottes zu thematisieren und andere Probleme des religiösen Glaubens und Denkens einzubeziehen.

 

Die Religionsphilosophie bleibt jedoch auch dann ein wesentlicher Bestandteil der Metaphysik und der Philosophie, wenn nach Hume und Kant, Brentano und Schleiermacher die rationale oder philosophische Theologie den rationalistischen Anspruch auf eine objektive Erkenntnis ohne die Voraussetzung des persönlichen Glaubens nicht mehr erfüllen kann. D.h. zwar sicher nicht, dass Religionsphilosophie nur noch als philosophische Prolegomena zur Religionspsychologie und -soziologie und damit zur philosophischen Anthropologie und Kulturphilosophie fungieren können. Denn es handelt sich in der Religionsphilosophie auch dann immer noch um eine genuine Selbstaufklärung des eigenen Glaubens und Denkens, die nicht wie die Religionspsychologie und -soziologie aus einer äußeren objektivierenden Position durchgeführt werden kann. Selbst wenn es im strengen Sinne objektiver wissenschaftlicher Erkenntnis von Sachverhalten und Gesetzmäßigkeiten in der Welt keinen Gott gibt - so wie es endliche Gegenstände, Ereignisse und Prozesse in der raum-zeitlichen Welt gibt - und selbst wenn alle philosophischen Beweise vom Dasein Gottes wegen der notwendigen Voraussetzung einer bestimmten Vorstellung bzw. eines bestimmten Begriffes von Gott mißlingen, kann eine moderate Religionsphilosophie immer noch als eine genuin philosophische Selbstvergewisserung vollzogen werden, die sich mit den eigenen und gemeinschaftlichen Glaubensüberzeugungen und Glaubenszweifeln, religiösen Intuitionen und Präferenzen auseinandersetzt. Religionsphilosophie hat damit eine authentisch philosophische Aufgabe, die nicht verschwinden wird, solange das menschliche Streben nach einem Sinn des eigenen Daseins in der Welt sowie die damit verbundenen Vorstellungen von Transzendenz als anthropologische Konstanten bestehen bleiben. 

 

Solange die Menschen nicht nur religiöse oder quasi-religiöse Gefühle haben, sondern auch gewisse bildliche Vorstellungen und rationale Überzeugungen von einem göttlichen Wesen - im Unterschied zur ästhetischen Erfahrung des Schönen und Erhabenen in Natur und Kunst sowie im Unterschied zu den moralischen und rechtlichen Idealen und Prinzipien, Normen und Werten - so lange müssen Philosophen zumindest auch über menschliche Gottesbilder und Gottesgedanken nachdenken. Man kann jedoch auf keinen Fall angemessen über Gottesbilder und Gottesgedanken nachdenken, ohne zu versuchen, sie so weit wie möglich rational zu verstehen. Deswegen ist und bleibt die Religionsphilosophie auch in der gegenwärtigen politischen Moderne des religiösen Pluralismus demokratisch organisierter Gesellschaften nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der Metaphysik und ein wichtiges Desiderat der Philosophie, sondern auch eine unverzichtbare Forderung der Humanität.

 

 

  © Ulrich W. Diehl, Halle an der Saale im Oktober 2009

 

 


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Karl Heinz Haag, Metaphysik als Forderung rationaler Weltauffassung
Karl Heinz Haag, Metaphysik als Forderung rationaler Weltauffassung, Frankfurt a.M.: Humanities-Online 2005 www.humanities-online.de
Haag, Metaphysik.pdf
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Jonathan Lowe, Die Metaphysik und ihre Möglichkeit
LOGOS 1 (2009), S. 2-31, Freie Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie. http:/fzwp.de
Jonathan Lowe, Metaphysik.pdf
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Josef Seifert, Ontological categories
On their distinction from transcendentals, modes of being, and logical categories.
Anuario Filosofico. Volume 47, Numero 2, 2014
Seifert, Ontological Categories.pdf
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Holm Tetens, Der Naturalismus: Das metaphysische Vorurteil unserer Zeit?
Information Philosophie Heft 3/2013, S. 8-17
Tetens, Der Naturalismus als Vorurteil u
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Metaphysical Foundations for Science

Interview mit Jonathan Lowe von Richard Marshall:

First published in 3:AM Magazine: Monday, March 18th, 2013

 

http://www.3ammagazine.com/3am/metaphysical-foundations-for-science/

 

Jonathan Lowe, 1950-2014

 

https://www.timeshighereducation.com/news/people/jonathan-lowe-1950-2014/2010845.article