Strategiewechsel zur Corona-Pandemie

 

 

 

Eine Regierung, die nur zwischen Lockdown ON und Lockdown OFF unterscheiden kann,

verfügt anscheinend nicht über eine intelligente Strategie gegen diese Sars-Cov-2-Epidemie.

 

Ministerpräsidenten, die ihre Strategie nur nach Härtegraden "hart - härter - am härtesten" bemessen,

sind anscheinend nicht zu intelligenteren und differenzierteren epdemiologischen Strategien fähig.

 

UWD 17.12.2020

 


 

Warum Rostock bisher so gut durch die Pandemie kommt

 

Peter Burghardt, SZ, 26.01.2020, Hamburg

 

Oberbürgermeister Madsen hat Maßnahmen ergriffen, noch ehe es Corona-Regeln gab.

Die Inzidenz der Stadt liegt konstant unter 50. Wie schafft er das?

 

Warum Rostock bisher so gut durch die Pandemie kommt

 

Das Corona-Jahr 2020 klang gerade aus, da setzte sich der Bürgermeister von Rostock noch mal vor die Kamera. Ein kurzer Silvestergruß auf Facebook an die gut 200 000 Einwohner. "Hallo ihr Lieben", sprach Claus Ruhe Madsen, der Mann mit dem grauweißen Rauschebart, auf dem Schreibtisch eine kleine dänische Flagge. "Ein ziemlich mieses Jahr war das", sagte Madsen, aber weil er ein äußerst positiver Mensch ist, entdeckte er im miesen Jahr einen bundesweit beachteten Erfolg: Er lobte seine Leute im Gesundheitsamt und anderswo, die so gut bei der Kontaktverfolgung gewesen seien, "dadurch konnten wir immer wieder Kontaktketten schließen. Darauf bin ich total stolz, dass Rostock jetzt so gut dasteht".

 

Nach einem knappen Monat im Corona-Jahr 2021 steht Rostock immer noch auffällig gut da. Auch in Mecklenburg-Vorpommern, das von der Seuche lange relativ verschont geblieben war, gibt es zwar längst rote Flecken auf der Karte. Aber ausgerechnet in der größten Stadt der Region liegt die Sieben-Tage-Inzidenz konstant unter 50, was wenige Großstädte in Deutschland von sich behaupten können. Wie machen die das dort oben an der Ostsee, wo ja immerhin ein recht bedeutender Hafen liegt mit Schiffen aus allerlei Ländern?

 

Claus Ruhe Madsen hat zurzeit viel zu erklären und erzählen, er ist von Haus aus ein leutseliger Mensch, bei dem eine Idee die nächste jagt. Der Däne fiel schon überregional auf, als er im September 2019 als parteiloser Kandidat an die Spitze der Hansestadt gewählt wurde, unterstützt von CDU und FDP. Der Unternehmer, geboren 1972 in Kopenhagen, bezwang nicht nur die Linke - Rostock war ja schon traditionell rot, als Farben noch nicht nach der Verbreitung von Viren verteilt wurden. Er ist nun der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Nach wie vor besitzt er nur einen dänischen Pass und hat diesen etwas anderen Blick auf seine neue Heimat.

 

Kein Gesetz, keine Verordnung könne Corona bekämpfen

 

Nach Deutschland zog der Auswanderer nach dem Abitur an Dänemarks Nordsee und einem Halbjahr auf See mit Anfang zwanzig und wurde Verkäufer in einem Möbelhaus im Ruhrgebiet. Später gründete der Skandinavier seine eigene Möbelhauskette mit dem standesgemäßen Namen Wikinger, ließ sich in Rostock nieder und wurde Präsident der Handelskammer. Vor der Wahl traf man ihn in seinem Wikingermöbelhausbüro mit Rennrad an der Wand, Madsen ist begeisterter Radfahrer und organisierte eine Radtour für kranke Kinder; Handballtrainer ist er auch. "Rostock bewegen" lautete sein Wahlkampfmotto, es stand auf Lastenrädern, Plakaten, T-Shirts und Kapuzenpullis. Nun also bewegt ihn Corona - und Madsens Konzept bewegt das Land.

 

Der Krisenmanager ergriff Maßnahmen, noch ehe es Corona-Regeln gab. In Rostock wurde rasch eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum eingeführt und mehr getestet als vom RKI empfohlen. Die Folge: Zwischenzeitlich war Rostock während der ersten Welle coronafrei. Madsen ließ auch frühzeitig weiteres Personal für das Gesundheitsamt umschulen. "Sie warten doch auch nicht, bis das Haus abfackelt, und sagen: Jetzt sollten wir mal langsam Feuerwehrleute ausbilden", sagte er der Schweriner Volkszeitung.

 

Den Lockdown hält er nicht für die Lösung, die Rostocker Corona-Zahlen seien während des Lockdowns höher als vorher. Er habe schon im Oktober angeboten, in Rostock als Pilotprojekt mit Hygiene-Konzepten und Kontaktbeschränkungen Geschäfte zu öffnen, Sportveranstaltungen, Konzerte. "Wir müssen einen Weg finden mit Corona", sagte er in dem Interview. Eigenverantwortung ist seine Devise.

 

Kein Gesetz, keine Verordnung könne Corona bekämpfen, "sondern das Verhalten von uns allen", sprach Claus Ruhe Madsen zum Jahreswechsel im Netz. "Es kommt auf jeden Einzelnen an, ich zähl' auf euch", so sein Appell. Wenn es gelinge, verkündete Rostocks dänischer OB, "dann bin ich quasi der glücklichste Oberbürgermeister dieser Welt".

 

Coronavirus: Warum Rostock bisher so gut durch die Pandemie kommt (msn.com)

 


 

Positionspapier von Wissenschaft und Ärzteschaft zur Strategieanpassung im Umgang mit der Pandemie

 

Evidenz- und Erfahrungsgewinn im weiteren Management der Covid-19-Pandemie berücksichtigen

 

Zusammenfassung der Kernthesen

  • Abkehr von der Eindämmung alleine durch Kontaktpersonennachverfolgung.
  • Einführung eines bundesweit einheitlichen Ampelsystems anhand dessen sowohl auf Bundes- als auch auf Kreisebene die aktuelle Lage auf einen Blick erkennbar wird.
  • Fokussierung der Ressourcen auf den spezifischen Schutz der Bevölkerungsgruppen, die ein hohes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben.
  • Gebotskultur an erste Stelle in die Risikokommunikation setzen.

 

Gemeinsames Positionspapier zur COVID-19-Pandemie

4. November 2020

 

AUSGANGSLAGE

 

Der derzeitige rasante Fallzahlanstieg nach den ruhigeren Sommermonaten zeigt klar, dass aufgrund der Eigenschaften von SARS-CoV-2 eine Pandemiebekämpfung ausschließlich im Rahmen einer Kontaktpersonennachverfolgung nicht mehr möglich sein wird. Bereits im Sommer konnte bei niedrigen Fallzahlen das Infektionsgeschehen nicht vollkommen nachverfolgt und eingedämmt werden. Bedingt durch die Saisonalität des Infektionsgeschehens, die Verlagerung der Aktivitäten von draußen nach drinnen sowie die erhöhte Infektanfälligkeit in den Herbst-und Wintermonaten ist mit höheren Fallzahlen als im Frühjahr und Frühsommer zu rechnen. Wieder auf Lockdowns zu setzen, könnte – in der Hoffnung Infektionszahlen zu senken – die reflexartige Konsequenz darauf sein.

 

Aber wir haben in den Monaten der Pandemie deutlich dazugelernt. Der Rückgang der Fallzahlen ist politisch zwar eine dringende Aufgabe, aber nicht um jeden Preis. Wir erleben bereits die Unterlassung anderer dringlicher medizinischer Behandlungen, ernstzunehmende Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen durch soziale Deprivation und Brüche in Bildungs- und Berufsausbildungsgängen, den Niedergang ganzer Wirtschaftszweige, vieler kultureller Einrichtungen und eine zunehmende soziale Schieflage als Folge.

 

Wir berufen uns auf das grundlegende medizinisch-ethische Prinzip des ärztlichen Handelns: „primum nihil nocere“ („erstens nicht schaden“). Dieser Grundsatz auf die momentane Situation angewendet bedeutet, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie so zu wählen, dass wir schwere Verläufe wirksam mindern, ohne neue Schäden zu verursachen. Dabei sind wir auf die Bereitschaft der Bevölkerung zur Mitarbeit angewiesen. Ohne ihre Kooperation laufen die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ins Leere. Sobald sich Verordnungen als widersprüchlich, unlogisch und damit für den Einzelnen als nicht nachvollziehbar darstellen oder von Gerichten außer Kraft gesetzt werden, entsteht ein Akzeptanz-und Glaubwürdigkeitsproblem. Wir könnten diejenigen verlieren, die wir dringend als Verbündete im Kampf gegen das Virus brauchen.

 

ERFORDERLICHE STRATEGIEANPASSUNGBEWERTUNG DES PANDEMIEGESCHEHENS

ANHAND EINES AMPELSYSTEMS

 

Es gibt keine einheitliche wissenschaftliche Grundlage für die Bewertung des Pandemieverlaufs und die Ableitung von Maßnahmen, die sich allein auf Grenzwerte stützen, die auf der Anzahl der Neuinfektionenin den vergangenen 7 Tagen pro 100.000 Einwohner beruhen. Dies gilt umso mehr, als in der jetzigen Pandemiephase, vielerorts notgedrungen, weniger die Eindämmung durch Kontaktpersonennachverfolgung, als vielmehr die Protektion – insbesondere von Risikogruppen – Priorität haben muss. Zielführender und entscheidender ist die Auswertung von Indikatoren, die kurzfristig Auskunft über die Gefährdungslage von Risikogruppen mit möglichen schweren Krankheitsverläufen geben und frühzeitig auf eine Überlastung des Gesundheitswesens durch COVID-19 hinweisen. Daher fordern die Unter-zeichner ein bundesweit einheitliches Ampelsystem. Anhand dessen lässt sich sowohl auf Bundes- als auch auf Kreisebene die aktuelle Lage auf einen Blick erkennen. Anhand dieses Ampelsystems kann die Politik dann klar kommunizieren, wie die aktuelle Situation aussieht, mit welchen Entwicklungen zu rechnen ist und mit welchen Maßnahmen darauf reagiert werden sollte. Grundlage dieser Corona-Ampel müssen alle relevanten Kennzahlen wie Infektionszahlen, Anzahl der durchgeführten Tests, stationäre und intensivmedizinische Behandlungskapazitäten bilden. So gelingt die Bündelung komplexer Informationen, die verständlich auf ein Signal konzentriert dargestellt werden. Wissenschaft, Gesundheitsbehörden und Verwaltung verfügen über ausreichend Daten, anhand derer das Pandemie-geschehen regional verfolgt und eingeschätzt werden kann.

 

AUF GEBOTE ANSTATT AUF VERBOTESETZEN

 

Barack Obama gewann seine Landsleute 2009 mit einem einfachen Satz: Yes, we can. So sollte auch unsere Strategie sein. Wir wollen und müssen die Menschen mitnehmen, ihnen Mut machen. Wir wollen und können es zusammen schaffen und zwar nicht mit Angst, Panik und Verboten, sondern mit dem Aufzeigen von Alternativen. Hoffnung ist ein besserer Partner als Verzagtheit. Wir müssen uns ehrlich eingestehen: Dieses Virus wird uns die nächsten Jahre begleiten. Auch ein Impfstoff wird nur ein Mittel unter vielen zur Bekämpfung der Pandemie sein. Bisher konnte erst einmal ein Virus durch einen Impfstoff über jahrzehntelange Impfkampagnen ausgerottet werden. Deshalb müssen wir viel stärker darüber sprechen, wie das Zusammenleben trotz des Virus in größtmöglicher Freiheit stattfinden kann. Ein achtsamerer Umgang miteinander, als wir ihn bisher vielleicht gelebt haben, ist hierfür erforderlich. Wir setzen auf Gebote anstelle von Verboten, auf Eigenverantwortung anstelle von Bevormundung. Verbote oder Bevormundung haben eine kurze Halbwertszeit und entsprechen nicht unserem Verständnis einer freiheitlich demokratischen Grundordnung. Gerade die Kontaktpersonennachverfolgung kann besser und effektiver über Eigenverantwortung erfolgen. Zusätzlich zu der Corona-Warn-App können die Menschen eigene Mitteilungen an ihre Kontaktpersonen schneller und zielgerichteter senden und die Gesundheitsämter entlasten. Dieses Vorgehen ermöglicht damit eine Langzeitstrategie und erlaubt, wichtige Ressourcen der Gesundheitsämter auf die Risikogruppen zu fokussieren. Wissenschaft, Gesundheitsbehörden und Verwaltung verfügen zwar bereits über Daten anhand derer das Pandemiegeschehen regional verfolgt und eingeschätzt werden kann. Diese Datenbasis muss zukünftig aber systematisch erweitert werden.

 

AUSGEWEITETER SCHUTZVON BEVÖLKERUNGSGRUPPEN MIT HOHEM ERKRANKUNGSRISIKO

 

Die Unterzeichner fordern die Politik auf,sich auf eine Auswahlvon Maßnahmen zu konzentrieren, die möglichst direkt und spezifisch den Schutz der Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt stellen, für die ein hohes Risiko schwerer Krankheitsverläufe besteht. Wir befürworten die:

 

  • Anwendung der AHA + A + L Regelung (Abstand / Hygiene / Alltagsmaske + App + regelmäßiges Lüften) zur Eindämmung der Ausbreitung.
  • Priorisierung der Kontaktpersonennachverfolgung nach den Kriterien:·
  1. Bezug zu medizinisch/pflegerischen Einrichtungen,
  2. Teilnahme der Kontaktperson an potenziellen „Super-Spreader-Events“,
  3. der Nutzung der Corona-Warn-App.

Es ist für die Unterzeichner unstrittig, dass der Fokus im weiteren Verlauf der Pandemie auf dem Schutz von Risiko-gruppen liegen muss. Gleichwohl müssen wir darüber nachdenken, wie eine Isolation ganzer Bevölkerungsgruppen gegen den eigenen Willen verhindert werden kann. Aus unserer Sicht wurde es über die Sommermonate leider versäumt, analog zu den Konzepten der Arztpraxen maßgeschneiderte und allgemeingültige Präventionskonzepte für vulnerable Gruppen zu entwickeln.

 

Für den Schutz von Risikogruppen sind folgende Maßnahmen erforderlich:

  • Besucher in Seniorenheimen, Pflegeheimen und Krankenhäusern erhalten in einem „Schleusen“-Modell nur nach negativem Antigen-Schnelltest-Zutritt.
  • Das ärztliche und pflegerische Personal sowie das Reinigungspersonal werden regelmäßig getestet.
  • Das ärztliche und pflegerische Personal sowie das Reinigungspersonal und auch die Besucher tragen beim Kontakt mit den Patienten/BewohnernFFP2-Maske.
  • Der Aufbau und die Unterstützung von Nachbarschaftshilfen für Personen, die der Risikogruppe angehören, aber zu Hause leben, wird durch Städte, Kreise und Kommunen etabliert. Personen, die sich selbst isolieren, sollen dabei unterstützt werden. Gleichzeitig muss ihre medizinische Versorgung gewährleistet werden.

 

FÖRDERUNG UND EVALUIERUNG VON HYGIENEKONZEPTEN ANSTELLE VON AUSGANGSSPERREN

 

Wir wissen derzeit nicht, unter welchen Bedingungen Veranstaltungen stattfinden, ohne dass dadurch ein erhöhtes Infektionsrisiko oder Infektionsgeschehen entsteht. Dies muss aber definiert werden, um im Frühjahr bestimmte Veranstaltungen wieder zulassen zu können. Daher sollten Veranstaltungen mit Hygienekonzepten und Teststrategien unter wissenschaftlicher oder gesundheitsamtlicher Begleitung durchgeführt werden, um herauszufinden, ob das Risiko einer Virusübertragung überhaupt in relevantem Umfang besteht. Gesellschaftlich und infektionsepidemiologisch ist es besser, wenn Menschen sich in öffentlichen Räumen mit Hygienekonzepten unter optimalen Bedingungentreffen, als dass sich die sozialen Begegnungen in vergleichsweise weniger sichere private Innenräume verlagern. Daher unter-stützen die Unterzeichner Initiativen, die unter klar definierten Hygienekonzepten und Teststrategien Veranstaltungen zulassen.

 

BETEILIGTE

  • Kassenärztliche Bundesvereinigung
  • Prof. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Bonn
  • Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg

UNTERSTÜTZER

  • Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA)
  • Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC)
  • Berufsverband der Deutschen Dermatologen e.V.(BVDD)
  • Berufsverband der Deutschen Hämostaseologen e.V. (BDDH e.V)
  • Berufsverband der Deutschen Radiologen e.V.(BDR)
  • Berufsverband der Kinder-und Jugendärzte e. V. (BVKJ)
  • Berufsverband derniedergelassenenKinderchirurgen Deutschlands e.V.(BNKD)
  • Bundesverband der Niedergelassenen Diabetologen in Deutschland (BVND)
  • Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK)
  • Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
  • Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)
  • Deutsche PsychotherapeutenVereinigunge.V. (DPtV)
  • Deutscher Hausärzteverband e.V.
  • Freie Ärzteschaft e. V.
  • Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V. (GAÄD)
  • Hufelandgesellschaft –ÄrztlicherDachverband für Naturheilkunde, komplementäre und integrative Medizin
  • Interessengemeinschaft Medizin (IG Med e.V.)
  • Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV)
  • NAV-Virchow-Bund, Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V.(NAV)
  • Spitzenverband Fachärzte Deutschlands e.V. (vertritt 29 Mitgliedsverbände)
  • Spitzenverband ZNS (SPiZ), dieser vertritt:·
  • Berufsverband ärztlicher Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker    in der  Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)
  • Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands (BPM)·
  • Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN)·Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN)
  • Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP)·Berufsverband für Kinder-und Jugendlichen-Psychiatrie und Psychotherapie (BKJPP)
  • Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V.
  • Verband Deutsche Nierenzentrene.V.(DN)
  • Vereinigung Analytischer Kinder-und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland e.V(VAKJP)
  • Vereinigung psychotherapeutischund psychosomatisch tätiger Kassenärzte e.V. (VPK)
  • Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI)

https://www.kbv.de/media/sp/KBV-Positionspapier_Wissenschaft_Aerzteschaft_COVID-19.pdf

 


 

CORONA UND DER EPIDEMISCHE ORIENTALISMUS

 

Warum wir von Asien noch immer nicht lernen wollen

 

EIN GASTBEITRAG VON MAXIMILIAN MAYER, MARINA RUDYAK UND MARIUS MEINHOF am 22. November 2020

 

Der Westen versagt im Umgang mit der Corona-Pandemie und stolpert von Lockdown zu Lockdown. Statt von asiatischen Ländern zu lernen, werden dortige Erfolge reflexhaft abgelehnt. Schuld ist ein folgenschweres vermeintliches Überlegenheitsgefühl. Warum es uns so schwerfällt, zu lernen.

 

 

Ein Déjà vu. Europa hat sich wieder selbst lahm gelegt. Dabei sollte gerade das nach dem ersten Lockdown im Frühjahr um jeden Preis verhindert werden. Was ist schief gelaufen beim Umgang mit der Corona-Pandemie? Am Herbstwetter alleine kann es nicht liegen. Mit der Euphorie der Sommermonate, als Deutschland vom Rest der westlichen Welt für seine niedrige Corona-Fallsterblichkeit gepriesen wurde, ist es jetzt vorbei. Egal welchen Indikator man heranzieht, es lässt sich kaum von der Hand weisen: die europäischen Pandemie-Strategien sind gescheitert.

 

Die aktuelle Kritik am Pandemie-Management fokussiert sich auf vermutete Verfassungsbrüche, den mangelhaften Schutz vulnerabler Gruppen, die Belastung für Kulturschaffende, Kleinbetriebe und Selbstständige, und die Frage, wie lange der Finanzminister Olaf Scholz die Kurzarbeit und Insolvenzverschleppung noch bezahlen kann. Alles wichtige und legitime Fragen. Nur müssten wir sie vielleicht nicht stellen, hätte man schon vorher eine robuste Manöverkritik gewagt und die epidemische Entspannungsphase zwischen den beiden Wellen nicht ungenutzt verstreichen lassen.

 

Lockdown-Eiertanz im Rest der Welt

 

Vor allem ist die systematische Auseinandersetzung mit erfolgreichen asiatischen Strategien der Corona-Bekämpfung unterblieben. Zum genauen Hinsehen gab und gibt es gute Gründe. In Taiwan starben gerade mal sieben Menschen an Corona. In Vietnam sind es 35. Seit 200 Tagen sind keine neuen lokalen Ansteckungen in Taiwan entdeckt worden. Südkorea schafft es die täglichen Neuinfektionen bei ca. 100 Fällen zu halten. In beiden Ländern, ähnlich wie in Japan, gab es gar keinen Lockdown. Auch China ist es, bei aller berechtigten Kritik an den anfänglichen Vertuschungsversuchen der Parteiführung in der Provinz Hubei gelungen, mit strikten Maßnahmen das Infektionsgeschehen schnell und vollständig unter Kontrolle zu bringen. Dadurch ist der Ausbruch im Wesentlichen ein lokales Phänomen geblieben.

 

Chinas Volkswirtschaft boomt wieder. Unbeeinträchtigt vom Lockdown-Eiertanz im Rest der Welt konzentriert sich Peking mit dem eben beschlossenen Fünfjahresplan (2021-2025) darauf, sich endgültig auf die technologische Überholspur zu begeben. Im Großraum Asien, in dem eben ein gewaltiges Freihandelsabkommen unterzeichnet worden ist, blickt man insgesamt ungläubig nach Europa. Gerade Deutschland, das wegen seiner Ingenieurskunst und Philosophie in den asiatischen Ländern große Anerkennung genießt, wurde immer als extrem präzise, geordnet und kompetent gesehen. Wie kann es sein, dass ausgerechnet in Deutschland die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung der Infektionsketten versagen? Mehr noch, dass sich in Teilen der Bevölkerung eine Wissenschaftsskepsis breitgemacht hat?

 

Debatte über Herdenimmunität fand nicht statt

 

Tatsächlich haben sich Regierungen in Europa und Asien nach dem Corona-Schock und den ersten Lockdowns für sehr unterschiedliche Strategien entschieden. Das lange Warten bis lokale Hotspots über die Sommerferien außer Kontrolle gerieten, steht dem schnellen „Austreten der Glutnester“ gegenüber. Dem nur begrenzten Einsatz von Tests, vielerorts nicht öffentlich finanziert, stehen die gezielten Massentests finanziert durch die öffentliche Hand gegenüber. Irrationalen Skeptizismus gegenüber Gesichtsmasken gab es in Ostasien nicht. Die eingeschränkte und verzögerte Nutzung digitaler Instrumente, die ja gerade mit der europäischen Datenschutzverordnung unter der Berücksichtigung der Privatsphäre möglich gewesen wäre, steht im Kontrast zum unmittelbaren Einsatz digitaler Plattformen und streng überwachter Quarantäne.

 

Auch die gesamtgesellschaftliche Haltung gegenüber dem Virus unterscheidet sich. Nach den Erfahrungen der Sars-Epidemie von 2003 wurde in Ostasien die Bedrohlichkeit des Virus in der Bevölkerung kaum angezweifelt. Niemand zog epidemiologische Expertise über den Umgang mit Sars-Cov-2 in Zweifel. Dessen Ausrottung, nicht einfach nur das Abbremsen seiner Verbreitung, wurde zum obersten strategischen Ziel erklärt. Eine Debatte über Herdenimmunität fand nicht statt. Stattdessen ging es den Gesundheitsbehörden in Taiwan und Vietnam um schnelles Reagieren. Bereits Anfang Januar wurde, ohne gesichertes Wissen zu den Übertragungswegen des Keims, ein Gesundheitsscreening für Einreisende aus China eingeführt.

 

Das eigene Totalversagen

 

Noch grundsätzlicher ist der Unterschied bei der strategischen Zielsetzung. In Europa gilt selbst die prinzipielle Möglichkeit der Eradikation, also der Keimeliminierung, als schwer vorstellbar und keinesfalls praktisch umsetzbar. Die Ansicht, man müsse mit dem Virus eben leben lernen und letztlich eine Durchseuchung akzeptieren ist unter Expertinnen und Experten weit verbreitet. Das grenzt an Fatalismus.

 

Rein Faktenbasiert kann man diese Sichtweise nicht bezeichnen, wie die Beispiele in Ostasien beweisen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um Länder mit einer Insellage oder einer autoritären Gesellschaftsstruktur, sondern um auch um liberale Demokratien, mit ähnlicher Bevölkerungsdichte.

 

Die offenkundig abweichende epidemiologische Expertise von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Ostasien ist bisher weder in Talkshows noch bei der zweiwöchentlichen Runde der Ministerpräsidenten gehört worden – weil es die Europäer vermeintlich besser wissen? Das eigene Totalversagen in dieser globalen Krise anzuerkennen, ist unsere Sache nicht. Die logische Konsequenz daraus, die Leuchttürme der Seuchenbekämpfung, ob in Ostasien, Afrika oder Lateinamerika zu imitieren, wird nicht gezogen.

 

Mysteriöse kulturelle Eigenschaften

 

Rationale Argumente für die Nichtbeachtung der Eliminierungsstrategie gibt es keine. Natürlich sind Vorbehalte gegen das autoritären China verständlich, doch unterläge das Lernen von Südkorea oder Taiwan und ebenso von Australien und Neuseeland nicht den gleichen ideologischen Sensitivitäten. Die im Kanzleramt beschlossene Rückkehr zum Lockdown schmerzt daher in doppelter Hinsicht.

 

Statt nach replizierbaren ostasiatischen Konzepten und Instrumenten zu suchen, legt die Politik in einer Verzweiflungs-tat das Gesellschaftsleben und wichtige Teile der Wirtschaft ein weiteres Mal lahm, vorerst bis Anfang Advent. Und danach? Muss die Lernfähigkeit westlicher Gesellschaften, ein Merkmal der europäischen Aufklärung, grundsätzlich in Zweifel gezogen werden? Die Frage, warum die Europäer nicht von den Erfolgsmodellen in Ostasien, und vielleicht sogar von Chinas Ansatz lernen wollen, bleibt so folgenschwer wie unbeantwortet.

 

Kommt man in Europa auf die Gründe der ostasiatischen Erfolge zu sprechen, werden meist mysteriöse kulturelle Eigenschaften ins Feld geführt. Asiatische Gesellschaften seien konfuzianisch, kollektivistisch oder autoritär. Die prag-matische Frage, welchen Ansätze sich bei der Pandemie-Bekämpfung als effizient erwiesen haben, wird von der morali-schen Schuldfrage nach dem Ursprung des Virus überlagert.

 

Wir erleben pauschalisierende Beteuerungen unserer europäischen Charaktermerkmale – wir, die Liberalen, Individua-listischen, Freiheitsliebenden gegen die angeblich kollektivistischen und staatsgläubig-unterwürfigen Anderen. Ausge-blendet werden zudem die Erfolge von Ländern wie Senegal, Tansania oder Uruguay, die in scharfen Kontrast zu den Katastrophen stehen, die Experten für den globalen Süden vorhergesagt haben.

 

Der epidemische Orientalismus

 

Es fällt schwer, diese unerwartete Verschiebung von Realitäten in der Pandemie kognitiv zu verarbeiten. Die schrump-fende Lernfähigkeit deutet auf mehr hin, als eine spontane Form der kollektiven Realitätsverweigerung. In den von der Pandemie gebeutelten euro-atlantischen Gesellschaften – von denen nicht wenige eine humanitäre Katastrophe erleben, wie der Neurochirurg und Medizinreporter Sanjay Gupta mit Bezug auf die USA bei CNN konstatierte – fällt man auf tiefsitzende mentale Muster zurück. Aussagen, die oft ohne genauere Prüfung oder ohne Kenntnisse über die Region getroffen werden, reproduzieren eingefleischte binäre Stereotype, die den europäischen Blick nach Asien und Afrika seit der Kolonialzeit prägen.

 

Edward Saïd hat dies als Orientalismus bezeichnet: einen Diskurs, der den „Orient“ als das identitätsstiftende Andere des Okzidents konstruierte. Wir beschreiben das Andere als tribalistisch, rückständig, spirituell, um uns unserer eigenen Identität als individualistisch, fortschrittlich und rational zu versichern. Die „Anderen“ lassen wir bei dieser Darstellung gar nicht erst zu Wort kommen. Orientalismus wird damit, um es in Michel Foucaults Worten zu sagen, zu einem Ausschlussmechanismus aus dem Diskurs.

 

Von Anfang an war die Pandemiepolitik in Europa von einem derartigen Ausschlussmechanismus geprägt – einem epidemischem Orientalismus. Ostasien, insbesondere China, wurden als Gegensatz zu uns beschrieben; der Infektions-ausbruch erschien uns fern, die Maßnahmen dort befremdlich. Und rückständig sowieso. Dabei wurde eine Dichotomie erzeugt: Unser liberales Selbst gegen das autoritär Andere, unsere Freiheitsliebe gegen deren Geist des Kollektivs.

Legitimitätsanspruch von Chinas Regierung gestärkt

 

Diese Überzeugung hielt uns davon ab, pragmatisch nach Osten (und Süden) zu schauen und best-practice Beispiele zu suchen. Anstelle des offenen Austauschs über alternative Pandemiestrategien stand die Selbstvergewisserung unser Identität im Vordergrund. Die lautstarken Rufe, die chinesische Führung für ihre Fehler zur Rechenschaft zu ziehen, blieben nicht nur wirkungslose Rhetorik. Sie trugen auch dazu bei, von unseren eigenen Fehlern abzulenken. So wurde es versäumt, die heimischen Corona-Maßnahmen und Prozesse substantiell zu verbessern – und damit letztendlich leider auch der Legitimitätsanspruch der chinesischen Regierung gestärkt.

 

Das ist „Identitätspolitik“ im wörtlichen Sinne, mit der wir uns nicht nur auf einer intellektuellen Ebene beschädigen. Denn ein Diskurs gespickt mit Ignoranz und Vorurteilen hat in der Krise handfeste Konsequenzen. Die Bundesregierung vergeudete beispielsweise viele wertvolle Monate, um schließlich doch einzusehen, dass das vom Helmholtz Institut Braunschweig für Entwicklungsländer entwickelte mobile eHealth System Sormas auch in Deutschland einsetzbar wäre – nachdem es bereits in Nigeria, Ghana und Nepal gegen Covid-19 zum Einsatz kam.

 

Dynamik globaler Identitätspolitik

 

Philosophisch betrachtet treten wir dabei hinter unser Selbstbild als aufgeklärte Gesellschaft, die vielfältige Positionen zulässt und miteinander in Dialog bringt, zurück. Das idealisierte Selbstverständnis Europas als Ort des rationalen Austauschs begründeter Meinungen zerschellt am Orientalismus, während die wegen der gescheiterten Eindämmung des Virus notwendig gewordenen massiven Grundrechtseinschränkungen schleichend die Legitimität unserer politischen Systeme und wissenschaftlichen Institutionen erodieren.

 

Auch global erschwert die Dynamik der Identitätspolitik gegenseitiges Lernen und Kooperationsbemühungen zur Seuchenbekämpfung. Der in China und in abgeschwächter Form auch in Japan und Südkorea aufkeimende „pandemische Nationalismus“ begründet den nationalen Erfolg gegen Corona mit der Überlegenheit des politischen Systems oder der kulturellen Einstellung. Ironischerweise wird so ein neuer „Okzidentalismus“ konstruiert, dem die gleiche Dichotomie Asien/Westen wie dem ursprünglichen europäischen Orientalismus zugrunde liegt.

 

Auf diese Weise könnte eine anhaltende Reflexionsblockade entstehen: Selbstkritik wird im chinesischen Corona-Triumphalismus verunmöglicht, die sozialen Kosten von Stigmatisierung etwa in Südkorea werden angesichts des viel schlechteren Abschneidens der Anderen im internationalen Pandemie-Wettbewerb verdrängt. Ob dies in Ostasien zu einer ähnlichen Lernunfähigkeit, wie sie sich gerade in Europa beobachten lässt, führen wird, lässt sich gegenwärtig noch nicht absehen. Die Europäer jedenfalls sollten sich besser rasch aus den Fängen des epidemiologischen Orientalismus befreien, um ein weiteres Lockdown Déjà vu zu vermeiden.

 

Maximilian Mayer ist Junior-Professor für Internationale Beziehungen und globale Technologiepolitik am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn.

 

Marina Rudyak ist akademische Mitarbeiterin am Centrum für Asienwissenschaften und transkulturelle Studien der Universität Heidelberg.

 

Marius Meinhof ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.

 

Corona und der epidemische Orientalismus - Warum wir von Asien noch immer nicht lernen wollen | Cicero Online

 


 

Die acht größten Fehler der Lockdown-Politik

 

Wolfram Weimer - 16.12.2020 - The European

 

Noch ist die Zustimmung hoch, aber die Fehler der Politik könnten dafür sorgen, dass die Stimmung kippt.

Acht Gründe gibt es dafür.

 

Der Mehrheit der Deutschen trägt auch den neuen Lockdown tapfer mit. Doch Bundesregierung und Ministerpräsidenten riskieren, ihren Kredit aufzubrauchen. Denn die Fehler der Corona-Politik sind eklatant.

 

1. Es gibt keine langfristige Strategie. Die deutsche Politik fährt nach eigener Aussage in der Pandemie “auf Sicht”. Seit Monaten fährt sie schon so. Dabei wäre es dringend geboten, zu wissen, wohin sie fährt. Dass Berlin bei Ausbruch der unbekannten Krankheit spontan einen umfassenden Lockdown anordnete, war legitim und für alle nachvollziehbar. Man wusste nicht genau, womit man es mit Covid-19 wirklich zu tun hatte. Doch spätestens im Sommer, als man das Virus, die Verläufe, die Mortalitäten und Risikogruppen genau kannte, hätte eine Strategie entwickelt werden müssen, wie Deutschland langfristig zu neuer Normalität mit dem Virus finden kann. Doch die blieb aus. Stattdessen wiederholt sich im Winter die hektische Verbotspolitik. Der kollektive Lockdown ist das gröbste, beinahe mittelalterliche Schwert, das die Politik aus schierer Ratlosigkeit zückt. Während viele asiatische Länder intelligente Wege finden, mit digitaler Technik und Zielgruppenschutz eine neue Normalität zu definieren, fällt Deutschland wieder in alte Ausnahmezustände und kollektive Notwehrsituation zurück. Was aber passiert im Februar und März, im Juni und September 2021? Wird bei jeder wieder steigender Inzidenzzahl abermals ein Lockdown angeordnet? Das Fehlen einer langfristigen Strategie wird von einer breiten gesellschaftlichen Koalition immer lauter angemahnt.

 

2. Die Corona-App ist miserabel. Sie ist 23 Millionen Mal heruntergeladen worden, sie kostet 69 Millionen Euro, sie sollte das zentrale Instrument zum Infektionsschutz werden, doch sie nutzt kaum etwas. Der politisch gewollte Datenschutz in Deutschland führt dazu, dass genau die Daten, die man für einen wirksamen Schutz der Bevölkerung eigentlich bräuchte (Informationen von Laboren, Gesundheitsämtern, Geo-Trackings), überhaupt nicht nutzt. Während asiatische Länder große Erfolge mit tief vernetzten Apps erzielen und – etwa in Taiwan – damit Lockdowns völlig vermeiden können, ist die deutsche App weitgehend wirkungslos. Selbst Markus Söder hält sie für unbrauchbar: “Die App ist leider bisher ein zahnloser Tiger. Sie hat kaum eine warnende Wirkung.” Die FDP hält sie sogar für “grauenhaft schlecht”. Digitalexperten fordern seit Monaten Updates – doch die Politik wagt sich nicht, den Datenschutz zum Schutz von Menschenleben endlich zu lockern.

 

3. Die Risikogruppen werden nicht systematisch geschützt. Immer mehr Wissenschaftler und Experten empfehlen der Politik, für die Pandemiebekämpfung nicht alle wahllos einzusperren, sondern sich auf den Schutz der Risikogruppen zu konzentrieren – also auf Hochbetagte und Vorerkrankte. Das Durchschnittsalter der Todesfälle liegt bei 83 Jahren. Für den Großteil der Bevölkerung ist Corona kein außergewöhnliches Risiko. Für Risikogruppen aber ist es viel gefährlicher, tödlicher als übliche Grippen. Also müsste man sich um diese besonders kümmern. Tatsächlich aber blieben Altersheime über den Sommer hinweg ohne durchgreifende Schutzmaßnahmen weitgehend sich selbst überlassen.

 

4. Die demokratische Legitimation ist brüchig. Zentrale Entscheidung der Pandemiebekämpfung – etwa die Lockdown-Verfügungen – sind nicht von Parlamenten, sondern von der Ministerpräsidentenkonferenz gefällt worden. Die häufig zerstrittene Runde aus Kanzleramt und Staatskanzleien ist zum zentralen Entscheidungsorgan der Pandemie geworden – der Bundestag spielte über Monate nur eine Randrolle, selbst als reihenweise Grundrechte der Bevölkerung massiv eingeschränkt wurden. Dies führt zu einem Legitimationsdefizit der Corona-Politik, es vertieft das Misstrauen in der Bevölkerung und befördert reihenweise Verordnungen, die von Gerichten als rechtswidrig wieder kassiert werden.

 

5. Die Rettungspakete funktionieren schlecht. Die Politik der groben Lockdowns verursacht unnötig große Flurschäden in Wirtschaft und Mittelstand. Für 2021 wird eine gewaltige Pleitewelle in Deutschland erwartet. Die Politik verspricht großzügige Hilfen. Doch häufig kommen die Hilfen zu spät oder gar nicht an, übersehen sie wichtige Gruppen, führen zu Mitnahmeeffekten und verzerren Märkte. Die vollmundig versprochenen Novemberhilfen sind sogar “wegen Softwareproblemen” noch gar nicht ausgezahlt.

 

6. Die Kollateralschäden der Lockdown-Politik sind bitter. Die Lockdown-Politik findet ihre Legitimation durch das hohe Ziel, Menschenleben zu retten. Doch die Wahrheit ist, dass sie zugleich Menschenleben kostet. Ärzte warnen seit Monaten eindringlich, dass viele Herzinfarkt-, Schlaganfall- und Krebspatienten infolge der Corona-Politik nicht mehr ins Krankenhaus gingen. Kollateralschäden dieser Politik gibt es auch in globaler Dimension: Lockdowns in großen Industriestaaten führen dazu, dass mit dem Unterbrechen von Lieferketten viele Arme in der Dritten Welt unmittelbar in Elend, Hunger und Tod getrieben werden.

 

7. Die Krisen-Kommunikation ist flatterhaft. Kommunikatives Irrlichtern prägt seit Monaten die Corona-Politik. Von der anfänglichen Verharmlosung (“Corona verläuft milder als die Grippe”) über zur Maskenfarce (“Das sind Virenschleudern”) bis kommunikativen Sprunghaftigkeit in den Quarantäne-Kriterien hat Deutschland ein abenteuerliches Ansage-Durcheinander erlebt. Eifersüchtige Ministerpräsidenten widersprachen einander, Regeln wurden angekündigt und revidiert, Pathos und Ohnmacht wechseln kommunikativ ab. “Man würde mit dem Wissen von heute keinen Einzelhandel mehr schließen”, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn am 1. September. “Das wird nicht noch mal passieren.” Nun wird der Einzelhandel komplett geschlossen.

 

8. Die Impfungen kommen spät. Deutschland (einst die Apotheke der Welt) hat seine Pharmaindustrie durch politische Auflagen in der vergangen Jahren strategisch geschwächt. Wichtige Arzneimittel müssen inzwischen importiert werden, der Forschungsstandort fällt zurück. Immerhin wurde nun in Deutschland (von der Mainzer Firma Biontech) einer der ersten Impfstoffe entwickelt. Doch während in Großbritannien, den USA und Kanada bereits geimpft wird, wartet Deutschland auf bürokratische Genehmigungsverfahren. Der erste Deutsche wurde letzte Woche geimpft – in England.

 

Was läuft schief in der deutschen Corona-Bekämpfung? | The European