Geistige Ansteckung

 

Geistige Ansteckung – auch im intellektuellen Leben gibt es eine Epidemiologie

 

Biologische Analogien sind heikel, aber angesichts der neuen Sensibilität für das Leben der Viren scheint es lohnend, intellektuelle Ansteckungsprozesse auch einmal aus epidemiologischer Sicht zu begreifen. Auch Ideen sind ansteckend, im Guten wie im Schlechten.

 

 Es gibt Ansteckung durch Viren, und es gibt Ansteckung durch Gedanken – im Netz auch «Meme» genannt. Während biologische Epidemien eher unerwünscht sind, kann man das von intellektuellen Epidemien nicht unbedingt behaupten. Ausbrüche von Ideen aus der «Nische» eines einzelnen Denkers kennzeichnen entscheidende Disruptionen einer kulturellen Entwicklung. Auch wenn sich gegenüber biologischen Analogien immer ein gewisses Fingerspitzengefühl empfiehlt, erscheint es verlockend, den intellektuellen Ansteckungsprozess einmal aus epidemiologischer Sicht auszuleuchten.

 

Beispiel Psychoanalyse

 

Analogisieren wir also freiheraus. Wir sind empfänglich für gewisse Ideen und immun gegen andere. Einmal angesteckt, können wir, nach einer bestimmten Inkubationszeit, andere anstecken. Nehmen wir ein Beispiel aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts, die Psychoanalyse. Sie ist, nach dem bissigen Wort von Karl Kraus, die Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält. Freuds Schriften trugen den infektiösen Stoff, der anfällige Leser wie Jung, Abraham oder Ferenczi ansteckte. Diese wurden nach einer Inkubationszeit zu Wirten des psychoanalytischen Virus. Dabei entwickelte Jung eher eine erworbene Widerstandsfähigkeit gegen die Krankheit, wogegen der Widerstand der Wiener Ärzteschaft wohl einer angeborenen Immunität entsprach.

 

Haben auch Ideen eine Reproduktionszahl?

 

Die Geschichte der Psychoanalyse in ihrer ersten Phase liest sich wie die Chronik einer Epidemie. Analoges lässt sich auch etwa über Newtons Mechanik, Darwins Evolutionstheorie, Cantors Mengenlehre, Keynes’ Beschäftigungstheorie sagen. Die Epidemien sind keinesfalls auf die Wissenschaft beschränkt. Man denke an das Gedankengut von Christus, Buddha oder Mohammed – wahre religiöse Pandemien –, von Kant, Marx oder Nietzsche. Sie sorgten für Gedankenepidemien in ihren Kreisen. Die quartären Ausläuferwellen erreichen uns noch heute.

 

Die Virulenz von Ideen

 

Eine gute Idee entwickelt sozusagen epistemische Virulenz. Für die Virulenz brauchen die Epidemiologen eine Kenngrösse, die sogenannte Ansteckungsrate oder Reproduktionszahl R. Sie gibt an, wie viele weitere Personen ein Virusträger durchschnittlich ansteckt. Bei der Verbreitung von Viren gilt es natürlich, diese Rate zu vermindern, bei der Verbreitung von Ideen dagegen, sie zu vergrössern, das heisst, Beeinflussungsketten oder -netze zu schaffen, über lange Zeitläufte hinweg. Man nennt das landläufig «Tradition».

 

Haben auch Ideen eine Reproduktionszahl? Ein Team aus Physikern und Wissenschaftshistorikern suchte 2005 die Frage affirmativ in einem Artikel zu beantworten. Und zwar wählten die Autoren als Musterbeispiel die sogenannten Feynman-Diagramme, ein vom Nobelpreisphysiker Richard Feynman in den späten 1940er Jahren ersonnenes ingeniöses mathematisches Instrument, das gestattet, langwierige Berechnungen von Quantenwechsel­wirkungen effektiv durchzuführen. Dieses hochpotente Ideenvirus löste in einschlägigen Kreisen eine Epidemie aus. In penibler Kleinarbeit sichteten die Autoren des Artikels die Zitierungen von Feynman-Diagrammen in Fachzeitschriften und erstellten eine Chronologie der Verbreitung der Idee. Der Verlauf lässt eine typische Sigmakurve erkennen: starker anfänglicher Anstieg, dann zunehmende Abflachung. Überdies schätzten die Autoren die Reproduktionsrate des Ideenvirus in diversen Ländern ab: In den USA betrug sie 15, in Japan bis zu 75.

 

Intellektuelle «Superspreader»

 

Selbstverständlich beantworten solche numerischen Übungen nicht die relevanten epidemiologischen Fragen, vor allem: Was macht eine Idee so virulent? Dass sich in gewissen Intellektuellenkreisen viele «Superspreader» aufhalten? Die Autoren des besagten Artikels schlugen eine andere Erklärung vor: «Die Ausbreitung der Feynman-Diagramme (. . .) zeigt eine enorme Virulenz, nicht aufgrund ungewöhnlich hoher Kontaktzahlen, sondern aufgrund der Langlebigkeit der Idee.»

 

Das ist höchst aufschlussreich, denn die Erklärung präsentiert auch den wissenschaftlichen Fortschritt in einem epidemiologischen Licht. Langlebigkeit einer Idee bedeutet oft die Dominanz von wissenschaftlichen «Mandarinen» und ihren Schülern auf einem Gebiet. Sie kann die Ausbreitung alternativer, konkurrierender Ideenviren behindern. Es bildet sich sozusagen die Herdenimmunität einer wissenschaftlichen Schule gegenüber anderen Ideen aus. Gemäss Max Plancks berühmtem Zitat schreitet die Wissenschaft mit einem Begräbnis nach dem anderen vorwärts. Das heisst, neue Theorien können oft nur dann Fahrt aufnehmen, wenn die Eminenzen einer Disziplin abtreten und die Immunität ihrer etablierten Ideen schwindet.

 

Blick aufs Abseitige

 

Bisher war von guten Ideen die Rede. Wie steht es mit schlechten? Zumal mit der «Pathogenität» von Ideen? Die Frage ist von akuter Bedeutung. «Verseuchter» Content – Falschinformationen, Spinnertheorien, Gerüchte – verbreitet sich in den sozialen Netzwerken buchstäblich pandemisch.

 

Analogisieren wir auch hier. Bei einer Krankheit konkurrieren in der Regel mehrere Erregerstämme um Vorherrschaft und Überleben in einer Wirtepopulation. Abseitige Weltanschauungen, Halb- und Unwahrheiten lassen sich entsprechend als intellektuelle «Pathogene» betrachten. Sie stehen in einem ständigen Konkurrenzkampf mit «gesunden» Ideen. Alle buhlen sie um Aufmerksamkeit, das heisst, sie suchen ansteckbare Wirte. Man könnte eine robuste Population dadurch definieren, dass in ihr die «gesunden» Ideen Gelegenheit haben, die «pathogenen» an einer weiten Ausbreitung zu hindern. Wenn die Population nun aber in lauter abgeschlossene Teilpopulationen zerfällt, können auch «pathogene» Ideenviren ihre Nischen finden, in der sie ungefährdet fortbestehen. Soziale Netzwerke geben die idealen Ansteckungsherde und Brutstätten solcher Virenstämme ab, und sie befeuern dadurch eine geistige Segregation beängstigenden Ausmasses.

 

Es wütet das Komplott-Virus

 

Zurzeit befällt uns das Komplott-Virus. Und wie es scheint, ist seine Reproduktionszahl hoch – was zur Annahme verleitet, das Virus sei ein Produkt der sozialen Netzwerke. Aber es ist viel älter – uralt. Weil es unbelehrbar und angstgetrieben das ewig gleiche Erzählmuster rezykliert, das man in einem Satz verdichten kann: Epidemien haben immer ihre Schuldigen.

 

Zum Beispiel beschuldigte man 1321 während der Lepra-Epidemie in Frankreich die Kranken selbst der seuchen-verbreitenden Konspiration. Der Historiker Carlo Ginzburg zitiert in seinem Buch «Hexensabbat» aus einem Bericht des berüchtigten Inquisitors Bernard Gui, wonach die angeblichen leprösen Verschwörer giftiges Pulver in Brunnen, Quellen und Flüsse gestreut hätten, um die Gesunden anzustecken. Kranke seien verhaftet, eingesperrt, gefoltert und verbrannt worden. Nichts Neues unter der Sonne auch heute. Das Komplottmuster über das Virus Sars-CoV-2 sieht sich je nach Präferenz aktualisiert mit Chinas KP, USA-Geheimdiensten, mit der Bill-Gates-Stiftung, der Big Pharma oder den obligaten Invasoren von Alpha Centauri.

 

Viraler Bullshit

 

Analogisieren wir noch einmal: Bullshit ist ein pandemisches intellektuelles Virus. Seine Epidemiologie beruht auf drei Grundprinzipien: 1) Das Produzieren von Bullshit ist leicht, das Entsorgen dagegen unverhältnismässig schwieriger. 2) Der «Beweis» von Bullshit braucht keine Intelligenz, seine Widerlegung dagegen sehr viel. 3) Viraler Bullshit verbreitet sich schneller als alle Versuche, ihn zu korrigieren und zu widerlegen. Im Augiasstall der Social Media ist daher kein «Impfstoff» gegen Bullshit in Sicht.

 

Grund zur Resignation? Betrachten wir die gegenwärtige Lage eher als Initiation zu einem zeitgemässen Stoizismus. Mikroben gelten seit ihrer Entdeckung primär als «Kontamination», als Beschmutzer und Keimträger des Schlechten: biologischer Dreck, den es zu beseitigen gilt. Dasselbe lässt sich vom intellektuellen Dreck – vom Bullshit – sagen. Stoizismus heisst jetzt: Leben unter dem Gesichtspunkt des Drecks, in dem wir alle stecken. Bullshit-Tracking ist das Gebot der Stunde. Und eine eminente Bildungsaufgabe, längerfristig gesehen.

 

Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. 2018 ist im Schwabe-Verlag erschienen: «Trojanische Pferde unserer Zeit. Kritische Essays zur Digitalisierung».

 

 https://www.nzz.ch/meinung/geistige-ansteckung-eine-epidemologie-des-intellektuellen-lebens-ld.1581570

 


 

Lügen, Bullshit und Corona

 

Bernhard Pörksen über Wahrheit, die Leben rettet

 

Noch nie hatten Fake News eine derartige Bedeutung wie im aktuellen Pandemie-Geschehen. Denn wenn Corona-Leugner ungeschützt Kontakt zu anderen Menschen haben, riskieren sie ihr eigenes und das Leben der anderen. Es ist also wichtiger als je zuvor, klar zwischen Wahrheit und Fake News zu unterscheiden.

Lügen, Bullshit und Corona | Bernhard Pörksen über Wahrheit, die Leben rettet - SWR2