Geistige Ansteckung

 

Geistige Ansteckung – auch im intellektuellen Leben gibt es eine Epidemiologie

 

Biologische Analogien sind heikel, aber angesichts der neuen Sensibilität für das Leben der Viren scheint es lohnend, intellektuelle Ansteckungsprozesse auch einmal aus epidemiologischer Sicht zu begreifen. Auch Ideen sind ansteckend, im Guten wie im Schlechten.

 

 Es gibt Ansteckung durch Viren, und es gibt Ansteckung durch Gedanken – im Netz auch «Meme» genannt. Während biologische Epidemien eher unerwünscht sind, kann man das von intellektuellen Epidemien nicht unbedingt behaupten. Ausbrüche von Ideen aus der «Nische» eines einzelnen Denkers kennzeichnen entscheidende Disruptionen einer kulturellen Entwicklung. Auch wenn sich gegenüber biologischen Analogien immer ein gewisses Fingerspitzengefühl empfiehlt, erscheint es verlockend, den intellektuellen Ansteckungsprozess einmal aus epidemiologischer Sicht auszuleuchten.

 

Beispiel Psychoanalyse

 

Analogisieren wir also freiheraus. Wir sind empfänglich für gewisse Ideen und immun gegen andere. Einmal angesteckt, können wir, nach einer bestimmten Inkubationszeit, andere anstecken. Nehmen wir ein Beispiel aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts, die Psychoanalyse. Sie ist, nach dem bissigen Wort von Karl Kraus, die Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält. Freuds Schriften trugen den infektiösen Stoff, der anfällige Leser wie Jung, Abraham oder Ferenczi ansteckte. Diese wurden nach einer Inkubationszeit zu Wirten des psychoanalytischen Virus. Dabei entwickelte Jung eher eine erworbene Widerstandsfähigkeit gegen die Krankheit, wogegen der Widerstand der Wiener Ärzteschaft wohl einer angeborenen Immunität entsprach.

 

Haben auch Ideen eine Reproduktionszahl?

 

Die Geschichte der Psychoanalyse in ihrer ersten Phase liest sich wie die Chronik einer Epidemie. Analoges lässt sich auch etwa über Newtons Mechanik, Darwins Evolutionstheorie, Cantors Mengenlehre, Keynes’ Beschäftigungstheorie sagen. Die Epidemien sind keinesfalls auf die Wissenschaft beschränkt. Man denke an das Gedankengut von Christus, Buddha oder Mohammed – wahre religiöse Pandemien –, von Kant, Marx oder Nietzsche. Sie sorgten für Gedanken-epidemien in ihren Kreisen. Die quartären Ausläuferwellen erreichen uns noch heute.

 

Die Virulenz von Ideen

 

Eine gute Idee entwickelt sozusagen epistemische Virulenz. Für die Virulenz brauchen die Epidemiologen eine Kenngrösse, die sogenannte Ansteckungsrate oder Reproduktionszahl R. Sie gibt an, wie viele weitere Personen ein Virusträger durchschnittlich ansteckt. Bei der Verbreitung von Viren gilt es natürlich, diese Rate zu vermindern, bei der Verbreitung von Ideen dagegen, sie zu vergrössern, das heisst, Beeinflussungsketten oder -netze zu schaffen, über lange Zeitläufte hinweg. Man nennt das landläufig «Tradition».

 

Haben auch Ideen eine Reproduktionszahl? Ein Team aus Physikern und Wissenschaftshistorikern suchte 2005 die Frage affirmativ in einem Artikel zu beantworten. Und zwar wählten die Autoren als Musterbeispiel die sogenannten Feynman-Diagramme, ein vom Nobelpreisphysiker Richard Feynman in den späten 1940er Jahren ersonnenes ingeniöses mathematisches Instrument, das gestattet, langwierige Berechnungen von Quantenwechsel­wirkungen effektiv durchzuführen. Dieses hochpotente Ideenvirus löste in einschlägigen Kreisen eine Epidemie aus. In penibler Kleinarbeit sichteten die Autoren des Artikels die Zitierungen von Feynman-Diagrammen in Fachzeitschriften und erstellten eine Chronologie der Verbreitung der Idee. Der Verlauf lässt eine typische Sigmakurve erkennen: starker anfänglicher Anstieg, dann zunehmende Abflachung. Überdies schätzten die Autoren die Reproduktionsrate des Ideenvirus in diversen Ländern ab: In den USA betrug sie 15, in Japan bis zu 75.

 

Intellektuelle «Superspreader»

 

Selbstverständlich beantworten solche numerischen Übungen nicht die relevanten epidemiologischen Fragen, vor allem: Was macht eine Idee so virulent? Dass sich in gewissen Intellektuellenkreisen viele «Superspreader» aufhalten? Die Autoren des besagten Artikels schlugen eine andere Erklärung vor: «Die Ausbreitung der Feynman-Diagramme (. . .) zeigt eine enorme Virulenz, nicht aufgrund ungewöhnlich hoher Kontaktzahlen, sondern aufgrund der Langlebigkeit der Idee.»

 

Das ist höchst aufschlussreich, denn die Erklärung präsentiert auch den wissenschaftlichen Fortschritt in einem epidemiologischen Licht. Langlebigkeit einer Idee bedeutet oft die Dominanz von wissenschaftlichen «Mandarinen» und ihren Schülern auf einem Gebiet. Sie kann die Ausbreitung alternativer, konkurrierender Ideenviren behindern. Es bildet sich sozusagen die Herdenimmunität einer wissenschaftlichen Schule gegenüber anderen Ideen aus. Gemäss Max Plancks berühmtem Zitat schreitet die Wissenschaft mit einem Begräbnis nach dem anderen vorwärts. Das heisst, neue Theorien können oft nur dann Fahrt aufnehmen, wenn die Eminenzen einer Disziplin abtreten und die Immunität ihrer etablierten Ideen schwindet.

 

Blick aufs Abseitige

 

Bisher war von guten Ideen die Rede. Wie steht es mit schlechten? Zumal mit der «Pathogenität» von Ideen? Die Frage ist von akuter Bedeutung. «Verseuchter» Content – Falschinformationen, Spinnertheorien, Gerüchte – verbreitet sich in den sozialen Netzwerken buchstäblich pandemisch.

 

Analogisieren wir auch hier. Bei einer Krankheit konkurrieren in der Regel mehrere Erregerstämme um Vorherrschaft und Überleben in einer Wirtepopulation. Abseitige Weltanschauungen, Halb- und Unwahrheiten lassen sich entsprechend als intellektuelle «Pathogene» betrachten. Sie stehen in einem ständigen Konkurrenzkampf mit «gesunden» Ideen. Alle buhlen sie um Aufmerksamkeit, das heisst, sie suchen ansteckbare Wirte. Man könnte eine robuste Population dadurch definieren, dass in ihr die «gesunden» Ideen Gelegenheit haben, die «pathogenen» an einer weiten Ausbreitung zu hindern. Wenn die Population nun aber in lauter abgeschlossene Teilpopulationen zerfällt, können auch «pathogene» Ideenviren ihre Nischen finden, in der sie ungefährdet fortbestehen. Soziale Netzwerke geben die idealen Ansteckungsherde und Brutstätten solcher Virenstämme ab, und sie befeuern dadurch eine geistige Segregation beängstigenden Ausmasses.

 

Es wütet das Komplott-Virus

 

Zurzeit befällt uns das Komplott-Virus. Und wie es scheint, ist seine Reproduktionszahl hoch – was zur Annahme verleitet, das Virus sei ein Produkt der sozialen Netzwerke. Aber es ist viel älter – uralt. Weil es unbelehrbar und angstgetrieben das ewig gleiche Erzählmuster rezykliert, das man in einem Satz verdichten kann: Epidemien haben immer ihre Schuldigen.

 

Zum Beispiel beschuldigte man 1321 während der Lepra-Epidemie in Frankreich die Kranken selbst der seuchen-verbreitenden Konspiration. Der Historiker Carlo Ginzburg zitiert in seinem Buch «Hexensabbat» aus einem Bericht des berüchtigten Inquisitors Bernard Gui, wonach die angeblichen leprösen Verschwörer giftiges Pulver in Brunnen, Quellen und Flüsse gestreut hätten, um die Gesunden anzustecken. Kranke seien verhaftet, eingesperrt, gefoltert und verbrannt worden. Nichts Neues unter der Sonne auch heute. Das Komplottmuster über das Virus Sars-CoV-2 sieht sich je nach Präferenz aktualisiert mit Chinas KP, USA-Geheimdiensten, mit der Bill-Gates-Stiftung, der Big Pharma oder den obligaten Invasoren von Alpha Centauri.

 

Viraler Bullshit

 

Analogisieren wir noch einmal: Bullshit ist ein pandemisches intellektuelles Virus. Seine Epidemiologie beruht auf drei Grundprinzipien: 1) Das Produzieren von Bullshit ist leicht, das Entsorgen dagegen unverhältnismässig schwieriger. 2) Der «Beweis» von Bullshit braucht keine Intelligenz, seine Widerlegung dagegen sehr viel. 3) Viraler Bullshit verbreitet sich schneller als alle Versuche, ihn zu korrigieren und zu widerlegen. Im Augiasstall der Social Media ist daher kein «Impfstoff» gegen Bullshit in Sicht.

 

Grund zur Resignation? Betrachten wir die gegenwärtige Lage eher als Initiation zu einem zeitgemässen Stoizismus. Mikroben gelten seit ihrer Entdeckung primär als «Kontamination», als Beschmutzer und Keimträger des Schlechten: biologischer Dreck, den es zu beseitigen gilt. Dasselbe lässt sich vom intellektuellen Dreck – vom Bullshit – sagen. Stoizismus heisst jetzt: Leben unter dem Gesichtspunkt des Drecks, in dem wir alle stecken. Bullshit-Tracking ist das Gebot der Stunde. Und eine eminente Bildungsaufgabe, längerfristig gesehen.

 

Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. 2018 ist im Schwabe-Verlag erschienen: «Trojanische Pferde unserer Zeit. Kritische Essays zur Digitalisierung».

 

 https://www.nzz.ch/meinung/geistige-ansteckung-eine-epidemologie-des-intellektuellen-lebens-ld.1581570

 


 

Gendersprache, inszenierte Empörung über den Kolonialismus, neue Nachhaltigkeits-rhetorik: Sie alle sind Symptome einer Pandemie des schlechten Gewissens

 

Die Wohlstandsgesellschaften leiden an sich selbst. Minoritäre Aktivisten (und Aktivistinnen) nutzen das noch so gerne für sich und kujonieren die Mehrheit. Dabei gibt es einen guten Grund, weshalb die Mehrheit dies einfach so hinnimmt.

 

Reinhard K. Sprenger, NZZ - 15.05.2021

 

«Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche einmal, zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.» Ein tibetisches Sinnbild. Es lässt sich übertragen auf die Gegenwartsdebatten, die von minoritären Interpre-tationseliten beherrscht werden.

 

Diese Minderheiten kommen richtungspolitisch von rechts oder von links, begründen sich mit Identität oder Religion oder Nation oder Menschenrechten, mit Hautfarbe, Rasse oder Geschlecht, mit Werten, Natur oder Sprache. Be-kenntnisvirtuos belehren sie die Mehrheit darüber, welchen Partikularinteressen nunmehr allgemeine Geltung zu verschaffen sei und was man sagen oder tun dürfe. Und was nicht. Die Fähigkeit dieser ebenso lautstarken wie zum

Teil winzigen Minderheiten, der Restgesellschaft ihre Denk- und Sprechmuster aufzuzwingen, ist aufmerksamkeits-ökonomisch so erfolgreich, dass sie sogar zur «gefühlten» Mehrheit wird.

 

Die harte Währung: Opferstatus

 

Voraussetzung für diese Aufmerksamkeit ist nicht Leistung, sondern Benachteiligung. Dafür wird die Welt eingeteilt in Opfer und Täter. Um zum Opferklub zu gehören, muss man nicht diskriminiert werden, es reicht, sich diskriminiert zu fühlen oder sich moralisch zu mandatieren, im Namen von Opfern zu sprechen. Historisches oder strukturelles Unrecht wird dramatisiert, weil nur das Zugang zu den grossmedialen Sprachrohren garantiert, die wiederum das Wertver-ständnis der Gesellschaft neu organisieren. Aus dieser Opferposition fordert man Rettung oder Wiedergutmachung.

 

Um die kulturkämpferischen Anspruchskollektive milde zu stimmen, wedeln die wirklichen oder gefühlten Täter mit Tugenden. In den Verlautbarungen der Wirtschaft wabert es nur so von Gemeinwohl, Nachhaltigkeit, Werten, Ökologie und Verantwortung. Unternehmen gründen sich neu als Naturschutzbünde und vermarkten ihre Produkte als den moralisch besseren Konsum: Wer ein Bier kauft, rettet den Regenwald. Im Vordergrund steht nicht mehr unternehme-risch generierte Wertschöpfung für Kunden, sondern der Kampf gegen Kinderarbeit, Kolonialismus und Klimawandel. Selbst Banken werben mit einem «nachhaltigen» Konto (was immer das sei).

 

Immer mehr Kleinkollektive (Ethnien, Religionen, Geschlecht) entschädigt man für «strukturelle Benachteiligung» durch Zwangsrepräsentation; aber natürlich nur dort, wo Geld oder Macht winken. Man gendert die Sprache bis zur Unver-stehbarkeit und bewirbt das subventionierte Elektroauto als fahrbare Sittlichkeitsproklamation. Zu den Reinwaschungen gehört auch die Forderung, «systemrelevante» Berufe nicht nur zu beklatschen, sondern auch besser zu bezahlen. Wir nicken versonnen.

 

Warum aber lässt sich eine Mehrheit derart kujonieren? Nun, zunächst ist Widerspruch gegen das vermeintlich Gute ungehörig; man empört sich nicht gegen Empörungswellen. Wer ist schon gegen Minderheitenschutz? Schürft man aber tiefer, dann stösst man auf eine sozialpsychologische Mechanik: Die Minorität hat ein gutes Gewissen, die Majorität ein schlechtes. Die Selbstgewissheit alter Mehrheiten hat sich zum schlechten Gewissen gewandelt. Das lässt sich ausbeuten.

 

Das Dasein: die Urschuld

 

Schon länger lebt das Alltagsbewusstsein in opaken Konfliktlagen. Deren Kausalketten verlaufen nicht im Sand, sondern haben eine feste Adresse: Sie landen bei einem selbst! Unsere bare Existenz ist der Sündenfall.

 

Entsprechend haben viele Menschen das Gefühl, irgendwie «verkehrt» zu leben. Der 11. September, den der islamis-tische Terror mit unserer Gottlosigkeit begründet; der Beinahe-Crash des Finanzkapitalismus, der unserer Gier und unserem Konsumismus zu danken ist; die Verhüllung der Welt in einen CO2-Nebel, der unseren Produktionsmethoden, unserem Häuserbau und Rindfleischkonsum sowie dem Trockenlegen der Moore zu danken ist; das Abschmelzen der Gletscher, der Polkappen, der Tod der Arten und der Regenwälder, das Plastik im Meer, die Armutswanderungen, die alle unserem Überfluss zu danken sind; wir fahren immer noch Verbrennungsmotoren, fliegen immer noch in die Ferien, duschen immer noch zu lange, kaufen immer noch billige Lebensmittel, erfreuen uns an ultraniedrigen Klei-dungspreisen, die der Kinderarbeit in Vorderasien zu danken sind.

 

Männer lassen sich zu Quotendeppen machen, weil es ja auch irgendwie in Ordnung ist, für Jahrtausende angeblicher patriarchalischer Herrschaft zu büssen. Mehr noch: Klimasünde «Kind» – hat Mutter Erde nicht schon genug Kinder? Das alles vergrössert durch die Lupe der Schweiz, die ohnehin schon immer die Weltgeschichte ausgebeutet hat.

 

Die Party war wohl doch zu schön und zu extrem. Deshalb ist die Mehrheit, die Zulanggekommenen, bereit zur Schuld-übernahme. Man schaut auf die Verluste, nicht auf die Gewinne und träumt von dem Idyll einer achtsam-authentischen Existenz, von edlen Wilden und gnädiger Natur, von einer Alternative ohne Kollateralschäden, von einem Leben ohne Verlierer, von mehr Gleichheit, die man Gerechtigkeit nennt.

 

Man akzeptiert moralbasierte Rechtsbeugung, Reglementierungslust und Gegendiskriminierungswut, nimmt die politisch korrekte Vergemeinschaftung des Denkens, Fühlens und Sprechens hin, unterschlägt vernünftige Aussagen und abgewogene Urteile, wenn sie «den Falschen» in die Hände spielen könnten. Der Bambi-Effekt der politischen Theorie, für den das Kleine und Minderheitliche als besonders schützenswert gilt, sorgt jedenfalls dafür, dass mancher sich fühlt wie ein Fremder im eigenen Land – so, als müsste sich die Mehrheit der Minderheit anpassen.

 

Das schlechte Gewissen . . .

 

Warum aber triumphiert das schlechte Gewissen über das Wissen? Warum ersetzt das schlechte Gewissen die Vernunft? Leuchten wir noch etwas tiefer und betrachten den intrapsychischen Handel, der hier getrieben wird.

 

Menschen sind Gleichgewichtswesen. Sie können nicht lange in einer belastenden seelischen Situation leben. Sie müssen sich innerlich ausgleichen. Wenn jemand zum Beispiel die klare Forderung spürt, etwas nicht zu tun, es aber dennoch tut, dann gibt er das schlechte Gewissen gleichsam «in Zahlung». Das können Schuldgefühle sein, Selbstbe-zichtigungen bis hin zum Selbsthass. Dadurch wird die Sollseite des eigentlich Richtigen mit der Habenseite des schlechten Gewissens verrechnet. «Es geht mir ja auch nicht gut dabei!» Danach fühlt man sich wieder einigermassen balanciert.

 

Das hat eine weitgehend unbewusste Funktion: Ein schlechtes Gewissen erlaubt das Weitermachen. Das ist sein kleines, schmutziges Geheimnis. Es sagt: «Ich werde es wieder tun.» Es ist ein intrapsychisches Wechselgeld, das man gleichsam zahlt, um alles beim Alten zu lassen – obwohl man weiss, dass man es lassen sollte, es aber dennoch tut: «Mea culpa! Mea maxima culpa!»

 

Etwa wenn Öko-Delegierte mit schlechtem Gewissen von einer Umweltkonferenz zur nächsten fliegen. Oder Über-gewichtige mit schlechtem Gewissen Kuchenberge vertilgen. Oder Golfer mit schlechtem Gewissen auf Wüstenplätzen spielen, die täglich ungeheure Wassermengen saugen. In gleicher Weise konnte mancher, der für die Konzern-verantwortungsinitiative stimmte, sich selbst und anderen vorgaukeln, man habe etwas Hochmoralisches getan. Dabei war es nur kostenlos.

 

. . . und die Reue

 

Diese Mechanik macht das Büsserhemd zum Outfit der Moderne. Ein Triumph des Konjunktivs: «Man sollte ja eigentlich nicht . . .» Eine mentale Befriedungstechnik wie der Sündenbock, den man rituell schlachtet, um sich zu reinigen – aber in der Sache selbst nichts tun zu müssen. Deshalb ist das schlechte Gewissen zu unterscheiden von der tätigen Reue. Wenn jemand etwas wirklich bereut, dann lässt er es zukünftig.

 

Aber schlechtes Gewissen ist auch lästig – die grassierende Angst der Mehrheit, Spass an den falschen Sachen zu haben. Deshalb wird es gerne externalisiert, als Moralisierungsdruck: Man sieht den Splitter im Auge des anderen, aber nicht den Balken im eigenen.

 

Wehe, der andere tut etwas, was ich auch gerne täte, mir aber nicht erlaube! Dann lautet die Parole: Wenn ich mir etwas verkneife, dann hast du dir das auch zu verkneifen! Und wehe, der andere tut etwas hemmungslos und voller Freude, was ich zwar auch tue, aber nur heimlich und mit schlechtem Gewissen. Das drückt mir alle Knöpfe gleichzeitig. Gerne wird dann Scham in Schuld getauscht, Neid in Solidarität umgegossen.

 

Nichts ist so unerträglich wie die Freiheit des anderen.

 

Reinhard K. Sprenger ist Philosoph, Managementberater und Autor, unter anderem von «Das anständige Unternehmen» (DVA 2016) und «Magie des Konflikts. Warum ihn jeder braucht und wie er uns weiterbringt» (DVA 2020). Er lebt in der Schweiz.

 

Reinhard K. Sprenger über die Pandemie des schlechten Gewissens (nzz.ch)

 


 

Identitätspolitik ist ein ätzendes Gift. Es zersetzt die Gesellschaft

 

Filip Singer / EPA

 

Warum nur löst ein Sternchen solche Debatten aus? Gewiss, es ist hässlich und verschandelt das Schriftbild. Aber das ästhetische Argument wäre genauso naiv wie der Glaube, ein Zeichen allein führe zur Gleichstellung der Geschlechter.

 

Hinter dem Gendersternchen lauert etwas anderes, viel Fundamentaleres. Sprache ist ein Herrschaftsmittel. Wer be-stimmt, was gesagt oder geschrieben werden darf und in welcher Form, hat Macht über die Gesellschaft.

 

Deshalb streitet auch die SPD mit wüsten persönlichen Attacken über einen Beitrag von Wolfgang Thierse zur Iden-titätspolitik. Er warnte davor, dass «die Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender heftiger und ag-gressiver» werden. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken nahm den Text in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» zum Anlass, sich – ohne ihn beim Namen zu nennen – von ihrem Parteifreund zu distanzieren und ihn für sein «rückwärtsgewandtes Bild» abzukanzeln.

 

Thierse verteidigt die Werte der Moderne

 

Thierse stellt die Machtfrage, indem er auf zweierlei beharrt. Für ihn ist erstens der Zusammenhalt einer Nation wich-tiger als die Befindlichkeit einzelner gesellschaftlicher Gruppen und Minoritäten. Zweitens sollen in einer Diskussion Qualität und Vernunft eines Arguments den Ausschlag geben, nicht Geschlecht, Hautfarbe oder Religion.

 

Der frühere stellvertretende SPD-Vorsitzende insistiert auf Werten, welche seit 200 Jahren die europäische Öffentlichkeit definieren: seit der Aufklärung, die sich gegen die feudale Ständegesellschaft durchsetzte, in der jedem Individuum aufgrund seiner Herkunft ein unverrückbarer Platz zugewiesen war.

 

Was für ein Akt der Emanzipation, als nicht mehr der «Stand» oder, wie es später hiess, die «Klasse» Menschen am Aufstieg hinderten! Die unsichtbare Schranke des Geschlechts blieb allerdings bestehen. Obwohl nicht perfekt, be-deutete das insgesamt doch die Befreiung des Individuums aus den Fesseln des Kollektivs. Wer Gruppenidentitäten förderte wie die Kirchen, bekämpfte die Entwicklung. Lange war es unvorstellbar, dass eine Katholikin einen Protes-tanten heiratet.

 

Verteidigt wird dann jemand, nicht weil er richtig gehandelt hat, sondern weil er einer «von uns» ist. Diesen Mechanis-mus kann man gut an der katholischen Kirche bei ihrem Umgang mit dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs beo-bachten. Gruppendenken stellt fast automatisch die Zugehörigkeit über die Vernunft.

 

Der traditionelle Linke Thierse verteidigt die Errungenschaften der Moderne, des Liberalismus und des Individualismus gegen eine Haltung, die sich für noch linker und progressiver hält. In Wirklichkeit aber ist sie antimodern und ziemlich reaktionär.

 

Die Protagonisten der neuen Identitätspolitik schliessen an uralte Traditionen kollektiver Politik an. So musste die mit Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin Marieke Lucas Rijneveld nach Protesten darauf verzichten, ein Gedicht der US-Poetin Amanda Gorman ins Niederländische zu übertragen. Ihr Vergehen nach Ansicht der Kritiker: Sie hat eine helle Hautfarbe und ist damit privilegiert. Gorman hat eine dunkle Hautfarbe. Sie ist folglich benachteiligt und damit das Opfer einer kulturellen Aneignung ähnlich dem Blackfacing, bei dem sich Weisse ihre Gesichter schwarz anmalen.

 

In diesem Schwarz-Weiss-Denken spielt es auch keine Rolle, dass die Niederländerin (29) und die Amerikanerin (22) fast gleichaltrig sind. Beide Frauen wären damit als Sprecherinnen der jungen Generation für eine Zusammenarbeit prädes-tiniert. Dagegen steht eine wieder sehr aktuelle ständische Logik: Katholiken heiraten keine Protestanten, Weisse übersetzen keine Werke von Schwarzen. Abkunft und Gene sind in dieser Vorstellungswelt unerbittliche Platzanweiser, die jedem seinen Ort zuteilen: lebenslang.

 

Es tobt ein neuer Klassenkampf

 

Der Riss geht durch Parteien des linken wie des rechten Mainstreams. Was für die einen die Schlachten um die korrekte Bezeichnung der Geschlechtszugehörigkeit sind – Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Questioning, Intersex, Asexual, Ally und Pansexual stellen da nur eine unvollkommene Auswahl dar –, sind für die anderen die Konflikte um die Migration. Überall schieben sich Identitäten, sexuelle wie ethnische, vor andere Fragen. Am Ende profitieren davon nur radikale Kräfte wie die AfD, die nichts anderes wollen, als einzelne Gruppen auszugrenzen.

 

Wie explosiv solche Debatten sein können, mussten vor den deutschen Sozialdemokraten bereits die amerikanischen Demokraten erleben. Die akademischen Eliten in der Partei setzten das Kauderwelsch der Political Correctness durch, denn Sprache ist ein Herrschaftsmittel. Die alte Anhängerschaft, die Arbeiter und die einfachen Angestellten, verstanden nur noch Bahnhof und begriffen die Codes zu Recht als kulturellen Angriff.

 

«Der neue Klassenkampf», so der linksliberale US-Autor Michael Lind, geht einher mit offener Verachtung eines Teils der Demokraten für alles, was ihrer Meinung nach rückständig und damit rechts und autoritär ist. Diese Grundhaltung brachte Hillary Clinton auf den Punkt, als sie sich über die «Abgehängten» mokierte, die «rassistisch, sexistisch, homo-phob und ausländerfeindlich» seien. Donald Trump gewann zwei Drittel aller weissen Wähler ohne College-Abschluss. Bei den Wahlen 2020 fiel das Bild genauso klar aus.

 

Die Demokraten haben, befeuert auch durch ihr neues Puritanertum, ihre traditionelle Basis verprellt. Obwohl Trump nach landläufigen Kriterien ein unwählbarer Kandidat war, gewann Joe Biden nur hauchdünn. Für die Zukunft der Partei verheisst das nichts Gutes.

 

Wer die Spaltung der Gesellschaft fördert, statt die Gemeinsamkeiten zu betonen, profitiert davon auf Dauer nicht. Das galt für Trumps Republikaner, das gilt für die Demokraten. Es trifft auch auf die linken Parteien in Europa zu. Ob in Frankreich, Italien, Grossbritannien oder eben bei Eskens Sozialdemokraten – sie schwächeln ausnahmslos. Identitäts-politik ist ein ätzendes Gift. Es zieht alle in Mitleidenschaft, die damit hantieren.

 

Dürfen westdeutsche Journalisten über Ostdeutsche schreiben?

 

Auch in Deutschland interessiert sich vermutlich die Mehrheit eher weniger dafür, ob Denkmalsockel gründlich von dubiosen Herrschern gesäubert sind oder ob statt des Gendersternchens ein Doppelpunkt das geschlechtliche Sein angemessener repräsentiere. Die akademischen Eliten sehen das anders, vor allem ihre jüngeren Vertreter, die durch besondere Rigorosität im Urteil auffallen. Der neue Klassenkampf ist eigentlich ein Kulturkampf und obendrein ein Generationenkonflikt.

 

Verschärft wird dieser Kulturkampf durch die ungleichen Chancen, wenn es darum geht, die Hegemonie über die öf-fentliche Meinung zu gewinnen. Die akademischen Eliten sind gut vernetzt. Sie verfügen über Rückhalt in den Redak-tionen der etablierten Medien, und sie sind eloquent und internetaffin. Wolfgang Thierse vermutet, der Shitstorm gegen ihn sei vom Schwulen- und Lesbenverband organisiert.

 

Die «Abgehängten», wie Clinton ihre einstigen Wähler feinfühlig nannte, können oft nichts anderes aufbieten als ihr Ressentiment. Sie pöbeln dann in den sozialen Netzwerken, was ihnen als weiterer Beweis ihrer Primitivität ausgelegt wird. Oder sie verstummen und ziehen sich zurück. Sie wählen Populisten, oder sie gehen überhaupt nicht mehr wäh-len. Für die Demokratie ist das auf Dauer noch schlimmer. Wenn grosse Gruppen der Gesellschaft den Glauben an die Demokratie aufgeben, verliert diese ihre Legitimität.

 

Für Deutschland hält die Identitätspolitik eine gefährliche Pointe bereit. Die hinter Mauern und Stacheldraht Einge-sperrten verstanden sich als Deutsche, so etwas wie eine DDR-Identität gab es während der Existenz des Arbeiter- und Bauernstaates nicht. Das änderte sich mit der Wiedervereinigung. Das Bedürfnis nach Vergleich und Abgrenzung wuchs in beiden Landesteilen, die neckischen Vokabeln «Ossi» und «Wessi» legen ein harmloses Zeugnis von dieser Entwick-lung ab. Heute zweifelt kaum noch jemand an der ostdeutschen Identität. Selbst junge Menschen ohne jede Erinnerung an die DDR berufen sich auf sie.

 

Würde man denselben Massstab der kulturellen Aneignung anlegen, der Marieke Lucas Rijneveld verbietet, ein Gedicht von Amanda Gorman zu übersetzen, könnten westdeutsche Journalisten nicht mehr über Ostdeutsche schreiben. Westliche Politiker dürften Ostdeutschen nur zuhören. Überhaupt wäre der Begriff «Deutsche» diskriminierend, weil Ostdeutsche darin nur «mitgemeint» sind.

 

Westdeutsche sind unzweifelhaft privilegiert. Sie mussten nicht ihre Existenz umkrempeln wie die Ostdeutschen – wenn diese überhaupt noch eine hatten und nicht gleich in den Vorruhestand, in Arbeitsbeschaffungsmassnahmen oder die Sozialhilfe geschickt wurden. Aber soll man daraus die Erbschuld westdeutscher Überlegenheit konstruieren? Oder gibt es eine «strukturelle» Unterlegenheit der Ostdeutschen, der das Individuum nicht entrinnen kann?

 

Die Büchse der Pandora steht weit offen.

 

 

 


 

Transgender-Ideologie - When things go crazy! Totalitarianism in the name of diversity and tolerance!

 

Was würden Sie sagen, wenn Ihre 11-jährige Tochter mittags aus der Schule nach Hause kommt und ihnen plötzlich erklärt, dass sie erfahren habe, dass sie eigentlich ein Junge und gar kein Mädchen sei?  

 

Der hippe Transgender-Ideologie zerstört bereits die seelische Gesundheit vieler Kinder und Jugendlicher in den USA. Viktor Orban hat in einem Punkt ausnahmsweise einmal recht. Aber das werden die EU-Funktionäre kaum zugeben.

 

Die psychologische Entwicklung der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen muss auch in Europa irgendwie vor der raffinierten Verführung durch die absurde, irrationale und unwissenschaftliche Transgender-Ideologie und die mittlerweile viel zu einflussreiche LGBTIQ-Bewegung geschützt werden.

 

Auch die Rechte der Eltern sind in Gefahr, wenn Lehrer und Lehrerinnen diese gefährliche Ideologie von LGBTIQ-Aktivisten übernehmen und fälschlich meinen, dass das fortschrittlich und liberal sei.

 



 

Abigail Shrier, Irreversible Damage. Teenage Girls and the Transgender Craze, Grantham: Swift Press 2021