Corona und Wirtschaft

 

 

Es drohen bis zu 50.000 Insolvenzen

 

Ein Gastbeitrag von Josef Sanktjohanser in Cicero Online am 14. Januar 2021

 

Seit Monaten fährt die Politik in der Corona-Pandemie „auf Sicht“. Der Einzelhandel bleibt geschlossen auf unbestimmte Zeit. Warum viele Ladenbetreiber um ihre Existenz fürchten und welche langfristigen Folgen

eine Insolvenzwelle hätte.

 

Die Situation ist ernst. Täglich sterben in Deutschland und der Welt viel zu viele Menschen an und mit Corona. Die Rettung möglichst vieler Leben muss erste Priorität des politischen Handelns sein. Dazu steht auch der Einzelhandel. Für die geschlossenen Händler geht es darum, dass die Pandemie so schnell wie möglich unter Kontrolle gebracht werden kann. Nur dann sind entspannt in der Innenstadt bummelnde Kundinnen und Kunden wieder möglich.

 

Doch wer die Läden zum Schutz vor der Pandemie schließt, muss dann auch die Verantwortung für die wirtschaftlichen Folgen übernehmen. Große Teile des Einzelhandels in den Winterschlaf zu schicken und gleichzeitig keinerlei Perspektive aufzuzeigen – das geht nicht. Zum einen muss jetzt dringend ein klarer Fahrplan aufgestellt werden, der die Rahmenbedingungen für eine mögliche Wiedereröffnung der Läden festlegt. Zum anderen muss den durch die Ladenschließungen unverschuldet in Not geratenen Händlern wirkungsvoll und schnell unter die Arme gegriffen werden. Beides ist derzeit aber nicht erkennbar.

 

Endlich transparente Kriterien

 

Es braucht zeitnah klare Ansagen, unter welchen Voraussetzungen der Einzelhandel wieder öffnen kann. Bislang ist beispielsweise nie deutlich ausgesprochen worden, ob denn dann spätestens bei einer Inzidenz unter 50 die Ladentüren wieder aufgehen können. Das sich in den letzten Monaten eingebürgerte situative Handeln muss ein Ende finden. Wenn die Politik nicht die Akzeptanz für ihre Corona-Einschränkungen verlieren will, muss sie sehr rasch transparente Kriterien für das weitere Vorgehen festlegen. Das Auf-Sicht-Fahren ist keine Dauerlösung. In diesem Zusammenhang sind Dis-kussionen über eine Lockdown-Verlängerung bis Ostern ohne gleichzeitig klare Perspektiven zu geben nur schwer verständlich.

 

Gleichzeitig muss die Bundesregierung und hier insbesondere der Bundesfinanzminister jetzt Verantwortung über-nehmen und zu dem gegebenen Wort stehen, dass Unternehmen in Not mit Hilfe rechnen dürfen. Bisher ist davon im Einzelhandel nicht viel angekommen. Umsatzverlusten von 36 Milliarden Euro im Lockdown-Handel im vergangenen Jahr stehen gerade einmal Hilfsleistungen in Höhe von 90 Millionen Euro gegenüber. Dass da etwas nicht stimmen kann, versteht man auf den ersten Blick. Rund 80 Prozent der Händler gehen dementsprechend aktuell davon aus, dass die derzeitigen Hilfsmaßnahmen nicht zur Existenzsicherung reichen. Knapp 60 Prozent der Unternehmen in den Innenstädten stehen ohne weitere staatliche Hilfen vor dem Aus. Das sind dramatische Zahlen.

 

Sehenden Auges in die Insolvenz

 

Der Bundesfinanzminister zeigt sich bislang unbeeindruckt und spricht immer wieder über elf Milliarden Euro staatliche Hilfen pro Monat. Die Antwort aber, welche Unternehmen dieses Geld in der Praxis tatsächlich bekommen, die bleibt Olaf Scholz schuldig. Denn die Kriterien für die Beanspruchung der Gelder sind so praxisfern festgelegt, dass kaum jemand in den Genuss der Nothilfen kommt. Mehrfach haben wir den Minister deutlich auf die Probleme hingewiesen. Die weiter andauernde Untätigkeit ist dementsprechend vollkommen unverständlich. Im Ergebnis werden sehenden Auges große Teil des stationären Modehandles in die Insolvenz getrieben. Ganze Innenstädte werden veröden, viele Menschen ein Stück Heimat verlieren.

 

Diese Entwicklung gilt es dringend zu verhindern. Es geht hier um Verlässlichkeit, Fairness und unternehmerische Existenzen sowie das Lebenswerk vieler Kolleginnen und Kollegen, die teilweise seit Generationen in der Branche sind. Es drohen bis zu 50.000 Insolvenzen. In den betroffenen Unternehmen könnten bis zu 250.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Die Politik muss dringend handeln. Der Handel darf jetzt nicht alleine im Regen stehen gelassen werden.

 

Josef Sanktjohanser ist Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE).

 


 

Der Mittelstand darf nicht zum Kollateralschaden werden

 

 Jürgen F. Kelber in Cash Online am 20.01.2021

 

Von 7,80 Euro auf 9,35 Euro innerhalb von zwei Stunden: Nachdem Anfang November die Entdeckung eines offenbar funktionierenden Impfstoffs bekannt gegeben wurde, schnellte die Lufthansa-Aktie geradezu in die Höhe. Auch bei den Anlegern anderer DAX-Unternehmen scheint trotz des aktuellen Lockdowns die Zuversicht zurückgekehrt zu sein. Anders lässt sich nicht erklären, warum der Leitindex annähernd wieder auf Vorkrisenniveau ist.

 

Indikator für die gesamte Wirtschaft?

 

Ist dies ein Indikator für die gesamte Wirtschaft, dass es nach der Corona-Rezession bereits wieder bergauf geht? Keineswegs! Vor allem zahlreiche mittelständische Unternehmen erleiden durch den gegenwärtigen Lockdown nochmals empfindliche Verluste. Wirklich kritisch ist jedoch, dass die Mittelständler durch die Sanierungsmaßnahmen der Konzerne direkt in Mitleidenschaft gezogen werden.

 

Während Daimler unlängst sehr robuste schwarze Zahlen vermeldete, ist nach wie vor ein Teil der Belegschaft in Kurzarbeit – weshalb aber auch Zulieferer und Dienstleister weniger Aufträge erhalten. Selbst die angeblich so krisenfeste Logistik hat in einigen Sparten wegen leerer Auftragsbücher zu kämpfen. Für diese kleineren Unternehmen gibt es zudem nicht die Möglichkeiten, die den „Big Playern“ offenstehen. Ein Rettungspaket wie das für die Lufthansa wird wohl kaum für Betriebe zwischen 250 und 1.000 Mitarbeiter geschnürt, und die staatlichen Hilfen – so umfassend sie sein mögen – reichen nicht aus, um ein inhabergeführtes Unternehmen monatelang über Wasser zu halten.

 

Kommt die Insolvenzwelle 2021?

 

Für einige mittelständische Unternehmen dürfte die unmittelbare Zukunft also nicht allzu rosig aussehen. Bis zur flächendeckenden Verteilung des Impfstoffs werden noch Monate vergehen, und selbst danach werden die Spätfolgen der Lockdowns nicht sofort verfliegen. Zudem hängt die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis zum 31. Dezember 2020 wie ein Damoklesschwert über den Köpfen.

 

Noch ist nicht absehbar, wie sich dies im neuen Jahr auswirkt. Nicht nur für die Betroffenen selbst ist die Zukunft ungewiss, auch für deren Handelspartner wird erst 2021 nach und nach klar, wie viele ausstehende Zahlungseingänge beispielsweise abgeschrieben werden müssen. Und obwohl die aktuellen Regelungen für das erhöhte Kurzarbeitergeld bis Ende 2021 verlängert werden, wird auch dies nochmal zur Belastbarkeitsprobe für Unternehmen werden.

 

Auch gesunde Unternehmen jetzt vor dem Aus?

 

Keine Frage, für einige Unternehmen, die sich ohnehin bereits in Schieflage befanden, war Corona nurmehr der konkrete Anlass für eine Insolvenz, die früher oder später ohnehin unausweichlich geworden wäre. Gerade der zweite Lockdown mit allen wirtschaftlichen Folgen bewirkt nun jedoch, dass selbst wirtschaftlich gesunde Unternehmen ihre gesamten Rücklagen aufzehren und vor dem Aus stehen.

 

Die Folge wären stark steigende Arbeitslosenzahlen, oder aber eine Konsolidierungswelle, bei der ausgerechnet die großen, staatlich am stärksten gestützten Unternehmen die kleineren mittelständischen Konkurrenten aufkaufen. Wenn aber zu viele Big Player die Gelegenheit nutzen, um „günstig einzukaufen“, wäre dies das Ende einer vielseitigen granularen und überwiegend mittelständisch geprägten deutschen Wirtschaft, wie wir sie kennen. Es wäre das Ende eines Erfolgsmodells.

 

Wie sich ein solches Negativszenario vermeiden ließe? Die einfachste Antwort darauf wäre: Wir alle müssen so schnell wie möglich wieder arbeitsfähig werden. Obwohl der Sachverhalt tatsächlich viel komplexer ist und die damit verbundenen Entscheidungen viel kleinteiliger sind, stehen nun zunächst die Konzerne in der Pflicht, sich möglichst rasch von der Kurzarbeit zu lösen und ihre Produktion wieder hochzufahren – selbst wenn eine rein betriebswirtschaf-tliche Betrachtung dagegen spräche.

 

Denn nur in diesem Fall können die kleineren und mittelständischen Unternehmen nachziehen und ebenfalls wieder eine hohe Auslastung erreichen, ohne ständig „auf Sicht“ fahren zu müssen.

 

Rückkehr aus dem Homeoffice

 

Gleiches gilt auch für das Thema Homeoffice: Abgesehen von allen innerbetrieblichen und prozessbezogenen Schwierigkeiten, die eine konstante Heimarbeit verursachen, veröden auch unsere Innenstädte zusehends. Sowohl der Einzelhandel als auch die – vorübergehend geschlossene – Gastronomie ist auf die Kundschaft angewiesen, die zur Mittagszeit oder nach Feierabend aus dem Büro zu ihnen kommt. Bleiben diese Kunden auch nach Aufhebung der aktuellen Aufenthaltsbeschränkungen aus, könnte dies zu einer weiteren Insolvenzwelle gerade für kleinere Unternehmer führen.

 

Deshalb ist es umso wichtiger, dass Unternehmer aller Größen bereits jetzt an die Zeit nach dem Lockdown denken und konkrete Lösungen entwickeln, wie wir unsere Innenstädte beleben und dabei einen größtmöglichen Infektionsschutz gewährleisten. Mit anderen Worten: Es geht bei Weitem nicht nur um Trendthemen wie New Work oder den viel beschworenen „War for Talents“, auch nicht um das Schicksal einzelner Firmen, sondern vielmehr darum, die Lebensqualität in unseren Städten langfristig zu erhalten.

 

Jürgen F. Kelber, Geschäftsführender Gesellschafter, Dr. Lübke & Kelber GmbH, kommentiert die möglichen Folgen des Lockdowns für die mittelständische Wirtschaft.

 

https://www.cash-online.de/allgemein/2021/der-mittelstand-darf-nicht-zum-kollateralschaden-werden/556775