Corona und Glaube

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Edward Hicks, Noahs Arche 1846

 

 

 

Was macht das Corona-Virus mit unserer Seele?

 

DER EKD RATSVORSITZENDE FORDERT, DASS DIE KIRCHE ALS INSTITUTION FRISCHER, AGILER UND UNKONVENTIONELLER WERDEN SOLLTE.

 

Heinrich Bedford-Strohm in The European - Das Debattenmagazin 01 - 2021

 

“Dass unser Kirchenwesen in einem tiefen Verfall ist, kann niemand leugnen. Der lebendige Anteil an den öffentlichen Gottes-verehrungen und den heiligen Gebräuchen ist fast ganz verschwunden, der Einfluss religiöser Gesinnungen auf die Sitten und auf deren Beurteilung kaum wahrzunehmen, das lebendige Verhältnis zwischen den Predigern und ihren Gemeinden so gut als aufgelöst, die Kirchenzucht und Disziplin völlig untergegangen, der gesamte geistliche Stand … in einem fortwährenden Sinken begriffen.“

 

Diese Diagnose der kirchlichen Lage stammt nicht aus unseren Tagen. Ihr Inhalt klingt allerdings höchst vertraut. Der große Theologe und Kirchenmann Friedrich Schleiermacher hat sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu Papier gebracht.

 

Man könnte sich natürlich jetzt beruhigen und sagen: Dass der Kirche der Wind ins Gesicht bläst, das hat es auch früher schon gegeben. Und uns gibt es immer noch. Und es ist gegenüber allen Alarmmeldungen tatsächlich angebracht, darauf hinzuweisen, dass die Kirche auf festem Fundament steht und durch kurzfristige Trends nicht einfach dem Abbruch preisgegeben wird. Weltweit ist das Christentum ohnehin nicht auf dem Rückzug.

 

Aber solche Selbstberuhigung wäre falsch. Gerade der Traditionsabbruch bei jungen Menschen ist tatsächlich alarmierend. So sehr gegenüber aller Aufgeregtheit und allem Aktionismus eine im Glauben gegründete Gelassenheit und Grundzuversicht am Platz sind, so sehr muss daraus zugleich ein Veränderungswille entstehen, der dazu führt, dass die Kirche die christliche Botschaft hörbarer und verstehbarer in die heutige Zeit hinein bezeugt. Denn das ist ihr Auftrag.

 

Woher kommt die Kraft, die wir als Gesellschaft brauchen, um mit einer so massiven Herausforderung wie der Corona-Pandemie fertig zu werden?

 

Es ist schon ein bemerkenswertes Phänomen, dass in den unzähligen täglichen Sondersendungen zur Corona-Krise seit März wirklich jede Facette der Virologie diskutiert worden ist, aber auch etwa der Frage Zeit gewidmet wurde, welche touristischen Ziele noch angeflogen werden konnten. Darüber aber, was das Virus mit unserer Seele macht, wurde kaum geredet.

 

Wir sind nach vielen Monaten der Pandemie und all den Herausforderungen, die schon bisher damit verbunden waren, eine verwundete Gesellschaft. Umso mehr muss die Kirche gerade jetzt präsent sein und die herausragenden Kraft- und Trostworte der Bibel in die Herzen der Menschen hinein sprechen. Für mich sind dabei die drei berühmten Worte aus dem 12. Kapitel des 1. Korintherbriefs „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von zentraler Bedeutung.

 

Der Glaube spielt eine wichtige Rolle für das, was die Psychologie „Resilienz“ nennt. Ob wir mit Situationen umgehen können, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, hängt auch davon ab, ob sie ein Gefühl der Willkür und des Ausgeliefertseins nach sich ziehen, oder ob wir sie in einen Sinnhorizont einordnen können, der uns dennoch aus dem Vertrauen leben lässt. Mit Psalm 23, wahrscheinlich dem bekanntesten aller Psalmen, sagen wir: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln … Ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unglück, denn bist du bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich“. Und wir sagen damit: Gott behütet und begleitet uns. Und das gilt auch jetzt, wo wir nichts mehr kontrollieren können.

 

Neben dem Glauben ist die Liebe die zweite zentrale Dimension unseres christlichen Glaubens. Der christliche Glaube und das daraus erwachsende gelebte Zeugnis der Liebe von ChristInnen ist gerade jetzt in der Zeit der Pandemie von unschätzbarer Bedeutung. Wir sind gefragt, unseren Glauben gerade jetzt mit unserem Leben zu bezeugen. Denn unser Land braucht beides: zum einen die Resilienz, um mit Dingen umzugehen, die nur bedingt zu ändern sind, sowie die Geduld, das auch über längere Zeit durchzuhalten. Und zum anderen die soziale Energie, die solche Widerstandskraft nicht auf den Raum des persönlichen Durchhaltens beschränkt, sondern daraus die Kraft gewinnt, einander beizustehen und Solidarität zu üben, besonders mit den Schwachen und Verletzlichen, und damit in schwierigen Zeiten den sozialen Zusammenhalt zu stärken.

 

Dass aus dem Glauben und der Liebe dann auch die dritte Dimension, die Hoffnung, erwächst, das ergibt sich fast von selbst. Denn die Hoffnung hat eine Quelle, auf die auch in den dunklen Zeiten fester Verlass ist: den Gott, der sein Volk durch gute und durch schwere Zeiten führt und selbst in den dunkelsten Stunden die Tür in die Zukunft öffnet. Die biblische Tradition ist ein großes Narrativ der Hoffnung.

 

Ich habe die biblische Arche-Noah-Geschichte in diesem Jahr noch einmal ganz neu entdeckt. Sie ist nämlich eine Quarantäne-Geschichte mit gutem Ausgang. Die Arche hat Menschen und Tieren einen sicheren Raum gegeben, und durch die Flut auf der Erde getragen. Aber die Quarantäne in der Arche wird die Nerven von Noah und seiner Familie genauso wie bei uns jetzt aufs Äußerste angespannt haben. Und doch mündet diese schwere Erfahrung in etwas ganz Großem, etwas Rettendem, in etwas, das die Zukunft öffnet. Der Regen hört auf. Alle können sicher an Land. Gott setzt einen Regenbogen in den Himmel und schließt einen ewigen Bund mit den Menschen: Nie wieder soll die Erde vernichtet werden. Es sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht

(Gen 8, 22). Darauf könnt ihr euch verlassen.

 

An der Botschaft, die die Kirche über viele Jahrhunderte bis heute überliefert hat, liegt es nicht, wenn Menschen heute in Distanz zur Kirche gehen. Denn die Botschaft ist stark. Die Frage ist: Wie können wir als Kirche bessere Botschafter werden?

 

Eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Freiburg zur Mitgliedschaft in der Kirche bis 2060 hat 2019 für Aufsehen gesorgt. Die Zahlen der Freiburger Forscher prognostizieren bei Fortschreibung der gegenwärtigen Trends einen Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder um rund 50 Prozent. Für alle, die die Trends seit Längerem verfolgen, kam das nicht überraschend. Die Forscher haben diese Trends schlicht hochgerechnet. Ihre Studie gibt aber Gelegenheit, die Situation genau zu analysieren und Konsequenzen zu ziehen.

 

Ein Teil des prognostizierten Rückgangs ist demografischen Veränderungen geschuldet, die feststehen. Die Menschen, die 2060 dann 39 Jahre alt sein werden, sind schon geboren. Das kann nicht beeinflusst werden. Ob Menschen sich der Kirche neu anschließen oder aus ihr austreten, aber schon.

 

Dass Menschen aus der Kirche austreten – so realistisch muss man sein –, hat auch mit einem gesellschaftlichen Megatrend zu tun, den wir wenig bis gar nicht beeinflussen können: der „Individualisierung“. Wenn man 1950 aus der Kirche austreten wollte, hatte man soziale Sanktionen zu befürchten. Das kommt auch heute noch gelegentlich zum Ausdruck, wenn jemand sagt: „Ich würde eigentlich austreten, aber das kann ich meiner Oma nicht antun.“

 

Solche Gründe, in der Kirche zu bleiben, werden in Zukunft immer mehr wegfallen. Heute entscheidet jeder für sich aus freien Stücken, welcher Organisation oder Institution er angehören möchte. Das heißt aber für uns auch: Diejenigen, die noch Mitglied der Kirche sind, sind es in der Regel bewusst und aus Freiheit. Die heutigen Kirchenmitgliedschaftszahlen sind gegenüber denen von vor 50 Jahren deutlich geringer, aber sie sind auch ehrlicher.

 

Dass auch das viel schwieriger geworden ist als früher hat mit dem neben der Individualisierung zweiten großen gesellschaftlichen Trend zu tun: der „Pluralisierung“. Die Menschen sprechen heute völlig unterschiedliche Sprachen. Sie entwickeln völlig unterschiedliche Lebensstile. Sie fühlen sich durch völlig unterschiedliche Frömmigkeitsformen angesprochen. Die einen erwarten Offenheit für buddhistische Meditation. Die anderen sehen genau darin das Verhängnis und fordern ein klares und eben auch exklusives Bekenntnis zu Jesus Christus. Das ist unser Dilemma als Kirche: Man erwartet von uns ein klares Profil. Aber worin das klare Profil bestehen soll, darüber gehen die Meinungen komplett auseinander.

 

Auch im Hinblick auf die Angebote der Kirche gibt es eine starke Spannung von Erwartungen der Menschen einerseits und den Möglichkeiten der Kirche andererseits. Eine Pfarrerin müsste eigentlich am Samstagabend einen Vorabend-gottesdienst für die anbieten, die den Sonntag als Ausflugstag nutzen wollen, dann am Sonntagmorgen um 9:30 Uhr den Gottesdienst mit der klassischen Liturgie. Und für die Bruncher, die einmal in der Woche mit der Familie in Ruhe frühstücken wollen, muss ein Gottesdienst um 11 Uhr angeboten werden. Parallel dazu ein Kindergottesdienst, und weil die ganz Kleinen auch ein Recht auf ihr eigenes Angebot haben, auch noch ein Krabbelgottesdienst. Für Jugendliche ist dann noch gar nichts passiert, daher muss es um 17 Uhr einen Jugendgottesdienst geben, und da es heutzutage viele religiöse Skeptiker gibt, die wir auch erreichen wollen, um 19 Uhr eine Thomasmesse für Zweifler, und wenn Valentins-tag ist, ein Gottesdienst für Verliebte.

 

Vielleicht wird durch ein solches Beispiel deutlich, warum Pfarrerinnen und Pfarrer manchmal keine Kraft mehr haben: weil sie alles geben und trotzdem immer in dem Gefühl leben, so viel schuldig zu bleiben. Trotzdem versuchen sie und viele andere kirchliche Mitarbeitende die so schwierig gewordene Aufgabe nach Kräften zu erfüllen, die Botschaft des Evangeliums in die völlig unterschiedlichen Kontexte der heutigen Lebenswelt hinein zu verkündigen.

 

Damit sie das so gut wie möglich tun können, müssen sich die Strukturen verändern. Den Pluralismus der Lebensstile und der daraus entstehenden unterschiedlichen Erwartungen wahrzunehmen, heißt anzuerkennen: Als Kirchen-gemeinde ein Angebot für jeden Lebensstil und jede Lebenssituation zu machen, ist unmöglich. Deswegen müssen wir als Kirchen viel vernetzter arbeiten. Viel mehr als bisher muss es uns gelingen, die jeweiligen Stärken der unterschied-lichen Akteure miteinander zu teilen und füreinander fruchtbar zu machen. Die modernen Kommunikationstechno-logien geben viele Möglichkeiten, die Angebote in einem Raum so zu vernetzen, dass Menschen das finden, was ihren Glauben stärkt.

 

Wenn es so ist, dass die Menschen sich heute aus Freiheit einer Religionsgemeinschaft anschließen, dann müssen wir als Kirche mit unserem Reden und unserem Handeln überzeugen. Wir müssen den Menschen nah sein und ihnen plausibel machen, es sie spüren lassen, warum die christliche Botschaft eine wirklich starke Botschaft ist und es keine bessere Grundlage für ein erfülltes Leben gibt als diese durch die Bibel geprägte Botschaft. Wir müssen als Kirche den Glauben, die Liebe und die Hoffnung ausstrahlen, von der wir sprechen.

 

Wenn wir in den nächsten Jahren auf allen Ebenen unserer Kirche, den Regionen, den Landeskirchen und der EKD bei kleiner werdenden Budgets über die Frage der Prioritäten und Nachrangigkeiten nachzudenken haben werden, dann soll das die leitende Perspektive sein. Mit den zwölf Leitsätzen zur Zukunft der Kirche, die die EKD-Synode im November beschlossen hat, hat die EKD die Richtung dafür angezeigt.

 

Als Institution soll die Kirche frischer, agiler, unkonventioneller werden. Gerade für junge Leute ist das von zentraler Bedeutung. Es muss deutlich werden, dass die Kirche nicht nur Institution ist, sondern innovativ und handlungsstark. Vielleicht sollte sie sogar vor allem Bewegung sein. Eine Bewegung, die durch ihre Präsenz, durch ihre einladende und heilende Ausstrahlung und durch ihr konkretes soziales Handeln für das persönliche Leben ebenso wie für die Gesellschaft insgesamt wichtig ist.

 

Wir müssen in der Kirche als Botschafter besser werden. Aber die Botschaft von Glaube, Liebe und Hoffnung, die uns trägt, ist unschlagbar und gerade für die heutige Zeit hochrelevant. Ich glaube, dass die Kernpunkte der Bibel genau die Punkte sind, nach denen moderne Menschen von heute sich sehnen. Es ist uns nur noch nicht gelungen, das wirklich sichtbar zu machen. Ich nenne ein paar Beispiele: „Dankbar leben lernen“, das würden die meisten Menschen als ein wesentliches Ziel sehen. Ich wüsste nicht, welche Grundorientierung mich dankbarer machen könnte als der Glaube an den Gott, den wir als den Schöpfer der Welt bekennen. Der uns immer wieder von Neuem deutlich macht, dass wir uns nicht uns selbst verdanken, sondern dass alles, was wir haben, alles, was wir sind, ein Geschenk Gottes ist, das wir jeden Tag aus der Hand Gottes entgegennehmen dürfen und Danke dafür sagen – etwa im täglichen Gebet.

 

Auch die Glücksratgeber empfehlen ein Leben in Dankbarkeit. Aber wie macht man das? Wenn ich die entsprechende Seite im Glücksratgeber aufschlage und da steht: „Lernen Sie, dankbar zu leben“, dann wird das erst mal nur meinen Kopf erreichen. Es muss aber in die Seele einsickern! Es braucht ein Sich-Einlassen auf eine Tradition, die mich lehrt, dankbar zu werden; die mich lehrt, über die Werke der Schöpfung zu staunen. Das ist es, was das alte Wort „Frömmig-keit“ bezeichnet. Das ist kein altmodisches Wort; ich glaube, es ist ein Zukunftswort. Wer Psalm 103 liest und verinner-licht: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat!“, der lernt, dankbar zu sein. Das ist der Schlüssel zu einem wirklich erfüllten, zu einem glücklichen Leben.

 

Und noch ein Beispiel, das eingangs im Hinblick auf die Pandemie schon zur Sprache kam: Aus der Zuversicht leben lernen. Mit den Hoffnungstexten der Bibel im Rücken leben. Die Kirche lebt aus solchen Hoffnungsgeschichten, die die ganze Bibel durchziehen. Schon die im Alten Testament in vielfältigen Quellen geschilderte Geschichte des Volkes Israel, ist eine solche Hoffnungsgeschichte. Die Herausführung aus der Sklaverei in Ägypten steht dafür, aber auch die Wüsten-wanderung, die das Volk allein deswegen durchgehalten hat, weil die Aussicht auf das verheißene Land es am Leben gehalten hat.

 

Für uns Christen findet dieses große Narrativ der Hoffnung seinen Höhepunkt und sein Zentrum in Kreuz und Aufer-stehung Jesu Christi. Es ist ein kühner Bogen, der im Matthäusevangelium so dicht beschrieben wird, vom Schrei Jesu am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ hin zu jenem Wort am Ende des Evangeliums, das souverän zum Ausdruck bringt, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28, 18–20). Welche Kraft in dieser Hoffnung steckt, hat Dietrich Bonhoeffer einmal so zum Ausdruck gebracht:

 

„Wenn schon die Illusion im Leben der Menschen eine so große Macht hat, dass sie das Leben in Gang hält, wie groß ist dann erst die Macht, die eine absolut begründete Hoffnung für das Leben hat, und wie unbesiegbar ist so ein Leben“. Diese Hoffnung neu zu entdecken, hemmungslos und grenzenlos hoffen zu lernen, das ist vielleicht das Wichtigste, wenn wir heute die Grundlage für eine ausstrahlungsstarke Kirche der Zukunft legen wollen.

 

Heinrich Bedford-Strohm

 

Nach Promotion 1992, einer Gastprofessur in New York und der Habilitation 1998 sowie Jahren des Gemeindepfarramts in Coburg folgte Heinrich Bedford– Strohm 2004 einem Ruf an die Universität Bamberg als Professor für Systematische Theologie und Theologische Gegenwartsfragen. Gastvorträge führten ihn u. a. an Universitäten in Südafrika, Ruanda, Brasilien, Australien und den USA. Im Januar 2008 wurde er Gründungs-Direktor der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie an der Universität Bamberg. Seit Januar 2009 hat er eine außerordentliche Professur für Systematische Theologie und Ekklesiologie an der Universität Stellenbosch (Südafrika) inne. 2011 wurde er zum Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern gewählt. Seit November 2013 ist er Mitglied im Rat der EKD. 2014 wurde er von der Synode der EKD zum Ratsvorsitzenden der EKD gewählt.

 

The-European_1_2021_neu.pdf

 


 

Gottes Werk und des Menschen Beitrag

 

Gastbeitrag von Michael Bordt SJ im CICERO ONLINE am 7. April 2021

 

Ist die Pandemie eine Strafe Gottes? Mit dem christlichen Glauben hat solch eine Vorstellung jedenfalls nichts zu tun. Denn Gott steht genau auf der anderen Seite, schreibt der Jesuit und Philosoph Michael Bordt.

 

In einem war man sich schnell einig: Die Pandemie könne keine Strafe Gottes sein. Schon im Frühjahr letzten Jahres meldeten sich einige Theologen zu Wort und wiesen die Vorstellung ab, dass Gott uns strafen wolle und die Pandemie eine solche Strafe sei.

 

Ihnen kann man nur beipflichten. Der Gott, an den Jesus geglaubt, den er seinen Vater, ja sogar seinen Papa genannt hat, ist kein Gott, der Strafen verhängt. Gott bestraft uns nicht, so wie wir vielleicht als Kinder bestraft worden sind, wenn wir Unsinn getrieben haben. Genauso wenig belohnt uns Gott, wenn wir etwas besonders gut gemacht haben.

 

Wer von der Pandemie oder einem anderen Unglück verschont geblieben ist und nun meint, das sei eine Belohnung Gottes für seinen Glauben oder sein untadeliges Verhalten gewesen, irrt sich ebenso wie jemand, der ihn in der Pandemie strafend am Werk sieht. Mit dem christlichen Glauben hat solch eine Gottesbild jedenfalls nichts zu tun. Der Gott, an den Jesus geglaubt hat, ist kein überweltlicher Sarastro, von dem es in Mozarts Zauberflöte heißt, er lohne und strafe als göttlicher Weiser.

 

Raubbau an der Natur

 

Es gibt allerdings noch eine andere, weniger unmittelbar anthropomorphe Weise, die Pandemie für eine Strafe Gottes zu halten. Freilich ist auch diese Art nicht weniger problematisch: Nehmen wir einmal an, es würde sich als richtig erweisen, dass der Ursprung der Pandemie auf dem Wildtiermarkt in Wuhan zu finden ist (eine Annahme, die nicht sicher ist) und das Virus über eine Fledermaus durch ein Wirtstier auf die Menschen übergegangen ist. Bei der Über-tragung würde es sich also um einen Fall von Zoonose handeln, bei dem ein Virus von einem Tier auf den Menschen übertragen wird.

 

Diese Übertragung, so das Argument, hat der Mensch nun selbst zu verantworten, denn ohne den Raubbau an der Natur wäre es nie zu einer Übertragung des Virus gekommen. Weil der Mensch in einen Lebensraum eindringt, in dem er nichts zu suchen hat, kommt er in Kontakt mit Tieren, die für ihn gefährlich sind. Die Pandemie, so die fragwürdige Deutung, sei eine Konsequenz der Ausbeutung von Gottes Schöpfung. Dafür ist die Schöpfung nicht gemacht und rächt sich an dem Menschen.

 

Gott straft das Verhalten des Menschen dieser Vorstellung zufolge also nicht direkt, wohl aber indirekt. Der Mensch überschreitet die durch die Schöpfungsordnung vorgegebenen natürlichen Grenzen, und das bleibt nicht ohne Konse-quenzen für ihn. Die Konsequenzen kommen zwar nicht unmittelbar von Gott, wie die Plagen im Alten Testament, mit denen Gott die Ägypter schlägt; der Mensch hat sie durch sein eigenes Tun provoziert. Das Unrecht, das der Mensch an Gottes Schöpfung begangen hat, schlägt als Pandemie nun auf den Menschen zurück.

 

Gefahr von Zoonosen

 

In Kreisen christlicher Globalisierungsgegner mag eine solche theologische Deutung der Pandemie vielleicht attraktiv sein. Die Beschreibung enthält ja auch einen wahren Kern. In der Tat wächst die Gefahr von Zoonosen, wenn Menschen in den Lebensraum von Tieren vordringen oder eng mit Tieren zusammenleben. Und dass wir mit der Natur nicht einfach tun und lassen können, was für uns kurzfristig wirtschaftlich vorteilhaft ist, ohne auf Dauer selbst erhebliche, wenn nicht sogar katastrophale Nachteile in Kauf nehmen zu müssen, macht die fortschreitende Erderwärmung hinlänglich deutlich. Dass beispielsweise die Vernichtung von Regenwäldern in Brasilien gefährliche Folgen für die Menschheit haben kann, sei keinesfalls bestritten.

 

Was ich bestreite ist, dass eine sinnvolle theologische Deutung der Pandemie an diesem Punkt ansetzen kann. Als strafe Gott indirekt den Menschen dafür, dass er sich an der Schöpfung vergeht, in dem er aus wirtschaftlichen Interessen in den Lebensraum von Wildtieren eindringt. Und nur nebenbei gesagt: Wer eine solche Deutung akzeptiert, hat kein gutes Argument mehr gegen die Auffassung, auch die HIV-Pandemie sei eine Strafe Gottes für einen Umgang mit der Sexualität, der nicht einer vermeintlichen Schöpfungsordnung entspricht.

 

Aber was kann man dann theologisch über die Pandemie sagen? Welche Deutung könnte man ihr geben?

 

Schauen wir auf Jesus! Was lässt sich von seinem Umgang mit Krankheiten für eine Deutung der Pandemie lernen? Dass Unglück und Krankheiten eine Strafe für menschliches Fehlverhalten sind, hat Jesus klar zurückgewiesen. Es wird berichtet, dass er einmal auf einen Mann traf, der von Geburt an blind war. Seine Jünger stellen gleich die Frage, wer denn nun schuld an seiner Blindheit gewesen ist – er selbst oder seine Eltern. Jesus antwortet klar: Weder er noch seine Eltern.

 

Isolation durchbrechen

 

Die Frage selbst, so könnte man es deuten, ist falsch gestellt. Gott straft einen Menschen nicht durch Blindheit, so dass man fragen könnte, wer denn da Unrecht begangen habe. Anstatt an Kranken und Aussätzigen herumzudeuteln, worin sie oder andere gefehlt haben, wendet er sich ihnen vielmehr zu. Anstatt sie auszusondern, sucht er Gemeinschaft und sogar körperliche Nähe zu ihnen. Die Isolation, unter der die Aussätzigen zu leiden hatten, weil sie zu Jesu Zeiten von dem „gesunden“ Teil der Gesellschaft weggesperrt wurden, bricht Jesus auf. An seinem Handeln zerbrechen deswegen alle Erklärungsversuche, die die Krankheiten in ein moralisches Schema von Richtig und Falsch einordnen möchten.

 

Die Natur kann ein Ort tiefer spiritueller Erfahrung, eine Quelle von Trost und Hoffnung sein. Aber ebenso ein Ort, der unglaubliches Elend und Leid über Menschen bringt. Der Theologe Karl Barth hat es so ausgedrückt, dass eine Krankheit wie ein Aufstand des Chaos gegen Gottes Schöpfung ist. Die Natur ist nicht von sich aus einfach nur gut, so dass es am besten wäre, wenn der Mensch überhaupt nicht eingreifen würde.

 

Die Schöpfung, so heißt es bei Paulus im Römerbrief, soll von der Verlorenheit befreit werden und wartet auf die Erlösung. Naturkatastrophen, für die kein Mensch verantwortlich ist, Krankheiten oder eben auch die Pandemie bedrohen das Leben der Menschen und bringen großes Leid mit sich. Sie sind keine Strafen Gottes. In ihnen Gottes Wirken sehen zu wollen ist ganz widersinnig. Gott steht genau auf der anderen Seite. Er ist nicht Ursache der Krankheit, sondern steht den Leidenden bei.

 

Den Leidenden beistehen

 

An diesem Punkt wird auch deutlich, wie unglücklich formuliert der christliche Appell einer „Bewahrung der Schöpfung“ ist. Als sei die Schöpfung, die kurzschlüssig mit der Natur, wie sie nun einmal ist, identifiziert wird, an sich gut und sakrosankt und dürfe nicht gestaltet und verändert werden. Als sei es gut, möglichst wenig in die Natur einzugreifen und sie so zu bewahren und erhalten, wie sie nun einmal ist.

 

Nur ein einfaches Beispiel: Wenn wir die Natur einfach erhalten und nicht in unseren Dienst stellen wollten, wäre die Entwicklung von Impfstoffen, die uns hoffentlich aus der Pandemie befreien werden, gar nicht möglich, weil ja in den Impfstoffen etwas Naturgegebenes in Laboren umgestaltet und in den Dienst von Heilung und Schutz gestellt wird. Die Frage ist nicht, ob wir die Schöpfung so bewahren sollten, wie sie ist, sondern mit welchem Ziel wir sie umwandeln.

 

Michael Bordt SJ ist Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership und arbeitet als Professor an der Hochschule für Philosophie in München. Seine neuste Publikation „Die Kunst unserer Sehnsucht zu folgen. Spiritualität in Zeiten des Umbruchs“ ist im Elisabeth Sandmann Verlag erschienen.

 

Corona und Theologie - Gottes Werk und des Menschen Beitrag | Cicero Online