Staatskunst

 

 

Bloßes Management des Status quo kann der gefährlichste Kurs überhaupt sein

 

DIE WELT 07.07.2022 | Henry Kissinger

 

Staatsmänner und -frauen waren immer dann bedeutsam, wenn sie die Umstände überwanden, die sie geerbt hatten, und dadurch ihre Gesellschaften an die Grenzen des Möglichen führten. Ein Gastbeitrag des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger.

Die meisten Führungspersönlichkeiten haben keine visionären, sondern vor allem Managerfähigkeiten. In jeder Gesellschaft und auf jeder Verantwortungsebene braucht man Verwalter für das Tagesgeschäft, um die Institutionen zu leiten. Doch in Krisenzeiten – im Krieg, bei einem schnellen technologischen Umbruch, einer jähen wirtschaftlichen Disruption oder einem ideologischen Umsturz – kann das bloße Management des Status quo der gefährlichste Kurs überhaupt sein. In vom Glück begünstigten Gesellschaften bringen solche Zeiten transformationelle Führungs-persönlichkeiten hervor. Man kann dabei zwei Idealtypen unterscheiden: den Staatsmann und den Propheten.

 

Weitsichtige Staatsmänner wissen, dass sie im Grunde zwei Aufgaben zu erfüllen haben. Zum einen sollten sie ihre Gesellschaft schützen, indem sie die Umstände beeinflussen und sich nicht ihrerseits von ihnen überwältigen lassen. Solche Führungsfiguren fördern Wandel und Fortschritt, während sie dafür sorgen, dass ihre Gesellschaft sich gleichzeitig eine elementare Wahrnehmung ihrer selbst bewahrt.

 

Zum anderen sollten sie ihre Vorstellungskraft mit Vorsicht mäßigen und ein Gespür für Grenzen pflegen. Sie über-nehmen Verantwortung – nicht nur für das beste, sondern ebenso für das schlimmste Ergebnis. Sie sind sich meist der vielen großen Hoffnungen bewusst, die gescheitert sind, und der zahllosen guten Absichten, die nicht umgesetzt werden konnten, der starrsinnigen Beharrungskraft des menschlichen Egoismus, des Machthungers und der Gewalt.

 

Dieser Definition von Führung zufolge sind Staatsmänner geneigt, Absicherungen gegen die Möglichkeit einzuziehen, dass selbst die besten Pläne scheitern und sich auch hinter der elegantesten Formulierung Hintergedanken verstecken können. Sie stehen jenen, die Politik personalisieren, eher misstrauisch gegenüber, denn die Geschichte lehrt, dass Strukturen, die vor allem von einzelnen Persönlichkeiten abhängen, schwach sind.

 

Ehrgeizig, aber nicht revolutionär, arbeiten sie innerhalb dessen, was sie als „historischen Rahmen“ verstehen, sie bringen ihre Gesellschaften voran und sehen gleichzeitig ihre politischen Institutionen und fundamentalen Werte als ein Erbe, das an zukünftige Generationen weitergegeben werden muss (allerdings durchaus mit Veränderungen, die den Kern bewahren).

 

Veränderung darf nicht über das Erträgliche hinausgehen

 

Kluge Staatsmänner merken, wann sie aufgrund neuer Umstände über bestehende Institutionen und Werte hinaus-gehen müssen. Aber sie verstehen auch, dass die Veränderung nicht über das Erträgliche hinausgehen darf, wenn ihre Gesellschaft florieren soll. Zu ihnen gehören die Entscheidungsträger des 17. Jahrhunderts, die das Staatensystem des Westfälischen Friedens entwarfen, ebenso wie europäische Spitzenpolitiker des 19. Jahrhunderts wie Palmerston, Gladstone, Disraeli und Bismarck. Im 20. Jahrhundert waren Theodore und Franklin Roosevelt, Mustafa Kemal Atatürk und Jawaharlal Nehru Führungspersönlichkeiten in der Erscheinungsform des Staatsmanns.

 

Der zweite Typ des Anführers – der des Visionärs oder Propheten – behandelt bestehende Institutionen nicht unbedingt von der Perspektive des Möglichen, sondern vorrangig von einer Vision des Nötigen aus. Prophetische Anführer berufen sich auf ihre transzendenten Visionen als Beleg dafür, dass sie im Recht sind. In ihrer Sehnsucht nach einer leeren Lein-wand für ihre eigenen Entwürfe begreifen sie die Auslöschung der Vergangenheit als eine vorrangige Aufgabe – ihrer Schätze ebenso wie ihrer Fallstricke. Das Gute an solchen Propheten ist, dass sie neu definieren, was möglich erscheint; sie sind die „unvernünftigen Menschen“, denen George Bernard Shaw „allen Fortschritt“ zuschrieb.

 

Im Glauben an ultimative Lösungen neigen prophetische Anführer dazu, der Strategie der kleinen Schritte als einer unnötigen Konzession an Zeit und Umstände zu misstrauen; ihr Ziel ist es, über den Status quo hinauszugehen, ihn nicht nur zu verwalten. Echnaton, Jeanne d’Arc, Robespierre, Lenin und Gandhi zählen zu den prophetischen Führungs-gestalten der Geschichte.

 

Die Trennlinie zwischen diesen beiden Typen erscheint vielleicht auf den ersten Blick absolut, aber sie ist nicht unüber-windbar. Anführer können von einem Modus in den anderen wechseln – oder sich bei dem einen bedienen, während sie weitgehend im anderen zu Hause sind. Churchill in seinen „Jahren in der Wildnis“ und de Gaulle als Führer der „Freien Franzosen“ gehörten in die prophetische Kategorie, ebenso Sadat auf dem Höhepunkt seines Lebens.

 

Im Altertum verkörperte Themistokles, der Führer Athens, der die griechischen Stadtstaaten davor bewahrte, vom Persischen Reich geschluckt zu werden, eine optimale Mischung der beiden Stile. Laut Thukydides war Themistokles „mit kürzester Überlegung ein unfehlbarer Erkenner des Augenblicks und auf weiteste Sicht der beste Berechner der Zukunft“.

 

Der Härtetest für den Staatsmann

 

Ein Aufeinandertreffen der beiden Typen endet oft ergebnislos und enttäuschend, was auf ihre unterschiedlichen Maß-stäbe für einen Erfolg zurückzuführen ist. Der Härtetest für den Staatsmann ist die Stabilität politischer Strukturen unter Stress, während der Prophet seine Leistungen an absoluten Maßstäben ausrichtet. Während der Staatsmann mögliche Handlungsoptionen auf der Basis ihrer Nützlichkeit, nicht ihrer „Wahrheit“ bewertet, betrachtet der Prophet diesen Ansatz als Sakrileg, als einen Triumph der Opportunität über das universale Prinzip.

 

Für den Staatsmann sind Verhandlungen ein Stabilitätsmechanismus; für den Propheten können sie ein Mittel sein, um Gegner zu bekehren oder zu demoralisieren. Und während für den Staatsmann die Bewahrung der internationalen Ordnung wichtiger ist als jeder Disput innerhalb dieser Ordnung, orientieren Propheten sich an ihrem Ziel und sind bereit, die bestehende Ordnung dafür umzustürzen.

 

Beide Führungstypen sind transformationell gewesen, besonders in Krisenzeiten, wobei allerdings der prophetische Stil, der auch für Momente der Euphorie steht, gewöhnlich mit größeren Umbrüchen und schwererem Leid einhergeht. Jeder Ansatz hat auch seine Nemesis. Die des Staatsmanns ist, dass ein Gleichgewicht zwar vielleicht die Voraussetzung für Stabilität und langfristigen Fortschritt ist, aber keine eigene Dynamik entfaltet. Das Risiko für den Propheten besteht darin, dass in einer ekstatischen Stimmung womöglich die Menschlichkeit zugunsten einer gewaltigen Vision geopfert und das Individuum auf ein Objekt reduziert wird.

 

Unabhängig von ihren persönlichen Charakterzügen oder Handlungsweisen stehen Führungspersönlichkeiten unaus-weichlich vor einer unerbittlichen Herausforderung: Sie müssen dafür sorgen, dass die Erfordernisse der Gegenwart die Zukunft nicht erdrücken. Durchschnittliche Anführer versuchen das gerade Anstehende zu managen; große versuchen, ihre Gesellschaft an ihren Visionen wachsen zu lassen. Wie man dieser Herausforderung gerecht wird, ist diskutiert worden, seit die Menschheit über die Beziehung zwischen dem Gewollten und dem Unausweichlichen nachdenkt.

 

In der westlichen Welt wurde die Lösung seit dem 19. Jahrhundert immer stärker der Geschichte zugeschrieben, als ob historische Ereignisse Männer und Frauen in einem gewaltigen Prozess, in dem sie nur Werkzeuge, nicht Schöpfer waren, überwältigt hätten. Im 20. Jahrhundert haben viele Gelehrte, etwa auch der herausragende französische Historiker Fernand Braudel, darauf bestanden, Individuen und die Ereignisse, die sie prägen, als reine „oberflächliche Störungen“ und „Schaumkämme“ in einem größeren Meer mit gewaltigen und unerbittlichen Gezeiten zu sehen.

 

Führende Denker – Sozialhistoriker, politische Philosophen und Theoretiker der internationalen Beziehungen gleicher-maßen – haben unfertige Kräfte mit der Macht der Vorsehung erfüllt. Im Angesicht von „Strömungen“, „Strukturen“ und „Machtverteilungen“ wird der Menschheit jede Entscheidungsfreiheit abgesprochen – sie kann infolgedessen nichts anderes tun, als alle Verantwortung von sich zu weisen. Dies sind natürlich valide Konzepte von historischer Analyse, und jede Führungsfigur muss sich ihrer Kraft bewusst sein. Sie werden jedoch immer durch menschliche Vermittlung umgesetzt und durch menschliche Wahrnehmung gefiltert. Ironischerweise hat es kein effizienteres Werkzeug für die unheilvolle Machtkonsolidierung von Individuen gegeben als die Theorien zu den unausweichlichen Gesetzen der Geschichte.

 

Die Rolle der Individuen in der Geschichte

 

Daraus ergibt sich die Frage, ob diese Kräfte endemisch oder dem gesellschaftlichen und politischen Handeln unterworfen sind. Die Physik hat festgestellt, dass sich die Realität durch den Prozess der Beobachtung verändert. Auch die Geschichte lehrt, dass Männer und Frauen ihre Umgebung durch ihre Deutung dieser Umgebung formen.

 

Spielen Individuen eine Rolle in der Geschichte? Einem Zeitgenossen Cäsars oder Mohammeds, Luthers oder Gandhis, Churchills oder Franklin D. Roosevelts hätte sich diese Frage gar nicht gestellt. Große Führungspersönlichkeiten waren bedeutsam, weil sie die Umstände überwanden, die sie geerbt hatten, und dadurch ihre Gesellschaften an die Grenzen des Möglichen führten.

 

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article239781475/Kissinger-ueber-die-Macht-von-Fuehrungspersoenlichkeiten-Blosses-Management-des-Status-quo-gefaehrlich.html?icid=search.product.onsitesearch