Afghanistan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Talibankämpfer haben die Kontrolle in Afghanistan ünernommen.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Zabi Karimi

 

 

 

Die Attentäter von11. September 2001 kamen nicht aus Afghanistan.

 

Peter Scholl-Latour

 

 

Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird.

Ich weiß nur, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll.

 

Georg Friedrich Lichtenberg

 

 


 

Der Abzug aus Afghanistan ist eine historische Zäsur

 

Der Westen hat sich mit einer liberalen Weltordnung überhoben. Die Werte des Westens werden auf absehbare Zeit nur hier gelten.

Herfried Münkler, NZZ, 19.08.2021

 

Es gibt Wendepunkte im Gang der Geschichte, die sie in ein Davor und ein Danach teilen. Solche Wendepunkte sind für den Historiker leicht auszumachen; sehr viel schwerer ist es dagegen für den Zeitgenossen, in den Ereignissen das zu erkennen, was sich später als historische Zäsur erweisen wird.

 

Als Goethe davon berichtete, er habe nach der Kanonade von Valmy ein paar um ein Biwakfeuer gescharte, vom Regen durchnässte Soldaten mit der Erklärung getröstet, von hier und heute gehe eine neue Zeit aus und sie könnten sagen, sie seien dabei gewesen, tat er das im Rückblick einiger Jahrzehnte. Kant war zeitlich näher an der Französischen Revolution, als er sie ein «Geschichtszeichen» nannte, ein Ereignis, das den weiteren Geschichtsverlauf eines ganzen Kontinents bestimmen werde.

 

Im Vergleich zur Französischen Revolution nimmt sich der jetzt bevorstehende Abzug der Nato-Truppen aus Afghanis-tan als ein marginales Ereignis aus: Sie waren bald zwei Jahrzehnte im Land, doch als der Erfolg ihrer Mission in immer weitere Ferne rückte, ging es nur noch darum, den Eindruck eines Scheiterns zu vermeiden und den Abzug so zu organisieren, dass er nicht zu einem militärischen Desaster wurde. Bilder wie diejenigen des letzten Helikopters, der 1975 vom Dach der US-Botschaft in Saigon startete, sollten sich nicht wiederholen.

 

Vietnam-Vergleich

 

Ohnehin sind die jetzigen Kommentare zur Abzugsentscheidung vom Vergleich mit Vietnam beherrscht: auch dort jahrzehntelanges Engagement, gewaltige Kosten, erhebliche Verluste, sich verschlechternde Erfolgsaussichten, kontinuierlich schrumpfende Durchhaltebereitschaft bei den Interventen, ein eilig verhandelter Vertrag der beiden Kriegsparteien, der nach Verstreichen einer Anstandsfrist von den Nordvietnamesen mit der Eroberung Südvietnams aufgekündigt wurde. Das Drehbuch für die Zukunft Afghanistans dürfte ähnlich aussehen – nur dass es hier nicht einmal gelungen ist, einen vergleichbaren Vertrag mit den Taliban auszuhandeln. Das macht die Organisation des Truppenabzugs schwieriger und erklärt wohl das Durcheinander bei dessen Terminierung.

 

Aber warum sollten die Taliban die abziehenden Nato-Truppen angreifen und dabei grössere Verluste riskieren? Die Macht in Kabul dürfte ihnen über kurz oder lang sowieso in die Hände fallen.

 

Der Vergleich mit dem Ende des Vietnamkriegs spricht dagegen, dass der Nato-Abzug aus Afghanistan ein «Geschichtszeichen» sein könnte, nicht einmal eine folgenreiche Veränderung der geopolitischen Konstellationen. Bekanntlich ist es nicht zu der in der Dominotheorie vorhergesagten sukzessiven Machtübernahme der Kommunisten in Südostasien gekommen, und bereits seit längerem nähert sich Vietnam den USA an, von denen es sich Rückhalt gegen ein als bedrohlich wahrgenommenes China verspricht. Der Abzug der USA aus Vietnam hat zu dem paradoxen Ergebnis geführt, dass sich die Sieger des Kriegs von ihrem ehemaligen Verbündeten abgewandt und sich ihrem einstigen Feind angenähert haben.

 

Was danach kommt

 

Eine ähnliche Entwicklung ist auch am Hindukusch nicht auszuschliessen. Die Vietnam-Analogie lässt den Afghanistan-Abzug als «politics as usual» erscheinen. Zugegeben: Es werden noch einige Flüchtlingswellen aus Afghanistan in Richtung Westen folgen. Aber danach werden die Bücher des kostspieligen Projekts geschlossen werden, und Afghanistan wird aus den Schlagzeilen der Nachrichten verschwinden.

 

Und doch könnte der Abzug der Truppen des Westens aus Afghanistan für eine grundlegende Veränderung in den westlichen Vorstellungen der Weltordnung stehen – und damit weit über das in der Vietnam-Analogie Umrissene hinausgehen. Im Vietnamkrieg ging es um Einflussgebiete, wie damals auch sonst, in Afrika, Lateinamerika und andernorts, um Einflussgebiete gekämpft wurde: In den Konstellationen des Kalten Krieges suchten der Westen wie der Osten sich Vorteile zu verschaffen, indem sie sich in geopolitisch bedeutsamen Regionen festsetzten und wichtige Länder der Dritten Welt auf ihre Seite zogen.

 

Auch die Präsenz der Roten Armee in Afghanistan in den 1980er Jahren ist im Westen so verstanden worden – mit der naheliegenden Reaktion, dass man die Feinde der Sowjets einschliesslich der Taliban mit Geld und Waffen unterstützte, um der Roten Armee ebenfalls ein «Vietnam» zu bereiten. Bei der Präsenz von Nato-Truppen am Hindukusch ging es jedoch nicht um Geopolitik, und das hat man auch in Russland und China so gesehen, denn über eine Unterstützung der Taliban von dort ist nichts bekannt. Moskaus geopolitische Aufmerksamkeit ist auf die Schwarzmeerregion gerichtet, und in der chinesischen Seidenstrassen-Initiative spielt Afghanistan keine nennenswerte Rolle. Obendrein haben beide Länder ihre eigenen Probleme mit islamistischen Bewegungen, und deswegen werden sie kaum die stillschweigenden Profiteure des Nato-Abzugs aus Afghanistan sein.

 

Neu zu gestaltende Weltordnung

 

Die Ursprungsbegründung für das militärische Eingreifen des Westens in Afghanistan waren die dortige Präsenz von al-Kaida und die Weigerung des Taliban-Regimes, die in seinem Land befindlichen Al-Kaida-Basen zu schliessen und die Anführer der Terrororganisation an die USA auszuliefern. Militärisch gesehen war al-Kaida schnell zerschlagen, und wäre es allein darum gegangen, hätte man schon 2003 wieder abziehen können. Im Rückblick wäre das wohl das Richtige gewesen. Aber dem stand die Vorstellung einer neu zu gestaltenden Weltordnung entgegen, die an die Stelle der bipolaren Konstellationen des Kalten Krieges treten sollte.

 

Zu diesen Vorstellungen, die freilich nie feste Gestalt angenommen haben, gehörten die Absage an den Krieg als Modus politischer Interessendurchsetzung, eine weitgehende Verregelung der internationalen Beziehungen, die weltweite Geltung bestimmter Normen, insbesondere der Menschenrechte, und die Umgestaltung des Militärs zu einer globalen Polizei, die gegen notorische Störer und Zuwiderhandelnde die Ordnung durchsetzte.

 

Dabei fiel dem Land am Hindukusch eine Schlüsselposition zu; Afghanistan wurde zum Experimentierfeld für die Implementierung dieser Weltordnung: Durchsetzung vor allem von Frauenrechten, demokratische Partizipation, wirtschaftliche Entwicklung und insbesondere Schliessung der Schattenglobalisierungskanäle, in denen Afghanistan als Opiumproduzent eine Rolle spielte. Der anfängliche Kampfeinsatz des Militärs wurde «verpolizeilicht», um die Modernisierung des Landes abzusichern. Es war klar, dass es dabei nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer geben würde. Und tatsächlich griffen die prospektiven Verlierer schon bald wieder zu den Waffen.

 

Aus der Befriedungsaktion wurde infolgedessen nach einiger Zeit ein Kampfeinsatz. Unterdessen kam die Entwicklung nicht voran, und die Interventionsmächte scheuten sich, sie zu forcieren, weil sie den Taliban keine weiteren Anhänger zutreiben wollten. Für mindestens ein Jahrzehnt steckte der Westen in der afghanischen Zwickmühle. Aber weil es um das Vorzeigeprojekt der neuen Weltordnung ging, wollte man den Militäreinsatz nicht abbrechen. Afghanistan war der Prüfstein für die Durchsetzbarkeit der neuen Weltordnung.

 

Der Truppenabzug ist das Eingeständnis, dass sich der Westen mit dem Projekt einer liberalen Weltordnung überhoben hat. Nicht nur in Russland und China, immerhin mächtige Gegenspieler, lassen sich Menschenrechte und bürger-schaftliche Politikpartizipation nicht zur Geltung bringen. Sie sind auch in rückständigen Gebieten nicht durchzusetzen, nicht einmal dann, wenn Teile der Bevölkerung das wünschen. Die dem Entgegenstehenden liessen sich nicht auf die eigene Seite ziehen, auch nicht mit Geld. Die Religion und die ihr verbundenen Traditionen haben sich als stabile Widerstandsbastion erwiesen.

 

Die liberalen Werte des Westens werden auf absehbare Zeit nur im Westen und in den ihm zugehörigen Räumen gelten. Die Idee einer globalen Ordnung mit gemeinsamen Werten ist definitiv aufgegeben worden – auch wenn sie in der Rhetorik der Nichtregierungsorganisationen nach wie vor bespielt werden wird. Bei den Militäreinsätzen an der Peripherie der westlichen Welt wird es hinfort nur noch um politische Stabilisierung und nicht mehr um menschen-rechtliche Veränderungen gehen. In diesem Sinn ist der Abzug aus Afghanistan denn doch eine historische Zäsur.

 

Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Theorie der Politik der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt von ihm (gemeinsam mit Marina Münkler) erschienen: «Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland» (2019).

 

https://www.nzz.ch/meinung/afghanistan-der-abzug-der-truppen-ist-eine-historische-zaesur-ld.1614656

 


 

Die wichtigste Lehre aus dem Debakel in Afghanistan:

Der Westen kann die Welt nicht retten

 

Lange hat der Westen die Werte der liberalen Weltordnung verteidigt. Doch in Afghanistan ist die schöne Idee endgültig gescheitert. Mehr Bescheidenheit täte dem Westen gut, sonst werden weitere Niederlagen folgen.

 

Eric Gujer, NZZ, 20.08.2021

 

Wer erinnert sich noch an Gerald Ford? In seine Amtszeit als amerikanischer Präsident fiel der schmähliche Abzug aus Vietnam. Das Bild des Helikopters auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon hat sich in das Gedächtnis eingebrannt. So sieht es aus, wenn eine Weltmacht einen Krieg verliert. Sie stiehlt sich fort wie ein Dieb in der Nacht.

 

Geschichte wiederholt sich nicht als Farce, sondern als blutiger Ernst. Mit dem Namen Joe Bidens wird sich dauerhaft die Niederlage in Afghanistan verbinden. Zwar hat schon Donald Trump den Prozess eingeleitet, doch es war der Nach-folger, der den Befehl zum Abzug gab. Dieser vollzog sich dann so überstürzt und konfus, dass den Taliban das Land wie eine überreife Frucht in den Schoss fiel. Wieder ist die Weltmacht getürmt.

 

In den Annalen des Weissen Hauses ist Ford eine Fussnote. Eine zweite Amtszeit blieb ihm, dem Lückenbüsser nach Nixon und Watergate, verwehrt. Wie wird sich die Welt an Joe Biden erinnern? Selten hat eine Präsidentschaft mit einer so krachenden und vor allem selbstverschuldeten Katastrophe begonnen wie die des Demokraten. Zu allen Zeiten gibt es Staatsmänner, die den Umbrüchen ihrer Epoche nicht gewachsen sind. Saigon wie Kabul markieren solche welt-politischen Zäsuren.

 

Der Westen hat viel Geld, aber wenig Ausdauer

 

In Vietnam wurde die Obsession des Kalten Kriegs zu Grabe getragen, der «freie Westen» müsse immer und überall einschreiten, um die weltweite Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern. Dominotheorie nannte sich das: Wenn Indochina fällt, fällt bald auch Westberlin.

 

In Afghanistan findet eine Fehleinschätzung ihr Ende, die 1989 ihren Anfang nahm. Die USA und ihre Nato-Partner schlüpften in die Rolle des Weltpolizisten. Mit humanitären Interventionen und harter Interessenpolitik erzwangen sie rund um den Globus Regimewechsel. Liberale Weltordnung nennt sich das: Der Westen muss für seine Werte einstehen und zum Schutz unterdrückter Völker deren Peiniger stürzen.

 

Eigentlich ist die liberale Weltordnung eine umgekehrte Dominotheorie, geboren aus der Euphorie über den Untergang der Sowjetunion. Nicht der Kommunismus breitet sich auf der Welt aus, sondern die Idee von Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft. In den fünfziger und sechziger Jahren fühlte sich der Westen noch bedrängt, er agierte aus der Defen-sive. Der Fall der Berliner Mauer aber wurde zur Geburtsstunde einer militärischen und politischen Offensive, in der sich Triumphalismus und Idealismus verbanden.

 

Wie viele Verirrungen begann auch diese mit den besten Absichten. In Somalia und Rwanda blamierten sich Uno-Blau-helme bis auf die Knochen, in Bosnien-Herzegowina konnte dies nur das militärische Eingreifen der USA verhindern. Die überlegene Feuerkraft der Nato bewirkte auf dem Balkan Gutes, und so wurde der Balkan zum Muster für alle Opera-tionen.

 

Am Hindukusch gerieten allerdings die Kriegsziele durcheinander. Die Taliban wurden nach 9/11 vertrieben, weil sie der Kaida Unterschlupf geboten hatten. Die Invasion war ein legitimer Akt der Verteidigung und wie der ganze Krieg gegen den Terror ein Stück Macht- und Realpolitik wie aus dem Bilderbuch.

 

Bald allerdings änderte der Einsatz Charakter und Begründung. Er sollte die mittelalterlichen Lebensverhältnisse ver-bessern, den Frauen Gleichberechtigung bescheren und aus dem ethnischen Flickenteppich Afghanistan einen moder-nen Nationalstaat formen.

 

In der Logik des Verteidigungskrieges hätte ein baldiger Rückzug gelegen, spätestens nach der Tötung des Erzfeindes Usama bin Ladin. Das ehrgeizige Ziel des Nation-Building machte hingegen eine Präsenz weit über das Jahr 2021 nötig. Wenn man eine Gesellschaft von Grund auf verändern will, genügen zwei Dekaden nicht. Jede Transformation erfordert Ausdauer, doch gehört diese nicht zu den Stärken westlicher Demokratien. So entschied man sich für die schlechteste aller Varianten und verabschiedete sich auf halbem Weg.

 

Mal geht es um Werte, mal um Macht

 

Je nach Perspektive blieb man zu lang oder zu kurz in Afghanistan. Ihre Widersprüchlichkeit ist der zentrale Mangel der an sich so schönen Vorstellung einer liberalen Weltordnung. Sie will eine normative Ordnung sein, gebaut auf Werten wie universellen Menschenrechten, und ist zugleich Herrschaftsinstrument und kalte Interessenpolitik.

 

Der Vorwurf der Heuchelei ist daher mehr als nur blosse Propaganda. Weil der schillernde Begriff der liberalen Welt-ordnung aber letztlich unfassbar bleibt, ist er zugleich so populär. Hartgesottene Neokonservative wie George Bush konnten sich genauso dafür begeistern wie der Sozialdemokrat Tony Blair und der Grüne Joschka Fischer.

 

Die liberale Weltordnung wurde zur Ersatzideologie, als die Feindbilder des Kalten Kriegs zerstoben. Sie vereint Linke und Rechte. Folglich eignete sie sich bestens, um den Aussenseiter Trump auszugrenzen – obwohl Biden mit seinem Rückzugsbefehl genauso ihr Totengräber ist.

 

Feinde der liberalen Weltordnung sind nicht nur Autokratien und Parteidiktaturen wie Russland oder China, sondern die westlichen Staaten selbst: mit ihrer Inkonsequenz, ihrer Kurzatmigkeit und der Unfähigkeit, sich auf kohärente Strate-gien zu verständigen. Die Halbherzigkeit und der Mangel an Commitment erklären auch, wieso sich das stärkste Militär-bündnis der Welt einem mit Sandalen und Mopeds gerüsteten Feind geschlagen gab.

 

Afghanistan führt dem Westen vor Augen, dass seine Werte, die er als seine grösste Stärke erachtet, vielleicht gar nicht so attraktiv sind. Jedenfalls gelang es ihm nicht, diese in den Köpfen der afghanischen Soldaten und Polizisten so weit zu verankern, dass sie ihrem Kampf gegen die Taliban einen Sinn gegeben hätten. Präsident Ghani floh als Erster. In der mit dem Fall von Kabul längst nicht beendeten Schlacht zwischen Islamismus und Aufklärung zeigten die Gotteskrieger mehr Kampfmoral.

 

Was sich hochtrabend Weltordnung nennt und damit einen Hauch von Ewigkeit beansprucht, ist tatsächlich nur ein kurzer historischer Ausnahmezustand: 30 Jahre, in denen ein einziger Staat – die USA – als globaler Hegemon agieren konnte.

 

Dies hat sich geändert. Nicht weil Amerika an Stärke, zumal an militärischer, eingebüsst hätte, sondern weil die anderen aufholen. Moskau, der ungelenke Riese in Europa, schüttelt seine postsowjetische Depression ab. Peking lässt eine 150-jährige Schwächephase hinter sich und will wieder das werden, was es einmal war, nämlich der Welt bedeutendstes Imperium: das Reich der Mitte.

 

Westliche Hybris hat in Afghanistan ein Vakuum geschaffen, das andere nun bereitwillig füllen. Russland unterhält seit langem gute Beziehungen zu den Islamisten. China hofiert die Taliban und winkt mit Investitionen. Die Kaida ist zwar vernichtet, aber die Region bleibt ein Epizentrum des Terrorismus. Der Sieg über die Ungläubigen wird den Jihadisten neue Anhänger zutreiben.

 

Weniger Enthusiasmus, mehr Realismus

 

Wenn Biden behauptet, er wolle sich auf die Gefahren von heute statt auf die Kriege von gestern konzentrieren, ist das ein durchsichtiger Rechtfertigungsversuch. Afghanistan ist fortan wie Vietnam ein Symbol amerikanischer Schwäche und mangelnder Zuverlässigkeit. Wer als Rivale oder Partner mit Washington zu tun hat, wird sich lange daran erinnern.

 

Das afghanische Debakel muss für die USA und ihre Verbündeten ein Anlass sein, um innezuhalten und sich in etwas zu üben, was nicht zu ihren Kernkompetenzen gehört – Bescheidenheit. Der Westen allein kann die Welt nicht retten. Washington ist nicht mehr der Praeceptor Mundi. London, Paris oder Berlin sind es erst recht nicht. Sie können der Welt keine Wertvorstellungen aufzwingen.

 

Wenn der Westen interveniert, muss er sich genau überlegen, wo er seine Mittel einsetzt. Vor allem sollte er nur für eine Sache kämpfen, an die er wirklich glaubt und die die Opfer wert ist. Sonst wird er sich wieder aus dem Staub machen. Überall sonst sollte er seine Militäreinsätze genau dosieren, auf lokale Hilfstruppen vertrauen und sich fragen, ob ein Engagement in seinem Eigeninteresse liegt.

 

Ob sich der Westen an solche Ratschläge hält? Wo immer hehre Ideale und grosse Ambitionen im Spiel sind, kann er nur schlecht widerstehen. Er verteidigt lautstark die Menschenrechte in China, erreicht damit aber wenig, weil auch flammende Rhetorik am Schluss nur Rhetorik ist. Die Europäer geben sich die strengsten Klimaziele und betrachten sich als Vorbild, während sich der Rest der Welt davon wenig beeindrucken lässt. Lernt der Westen keinen Realismus, wird er im unübersichtlichen 21. Jahrhundert viele Niederlagen erleiden.

 

Afghanistan, Biden, Nato: Der Westen kann die Welt nicht retten (nzz.ch)

 


 

Der Westen hat Afghanistan aufgegeben

 

VON JAN JESSEN in CICERO ONLINE am 10. März 2020

 

Nach 19 Jahren Krieg haben die USA mit dem Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan begonnen. Bis 2021 verlassen sie das Land als Besiegte. Die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch und kontrollieren ein Fünftel

des Landes. Was bedeutet das für die Zivilbevölkerung?

 

https://www.cicero.de/aussenpolitik/usa-militaer-truppen-afghanistan-rueckzug-taliban-frauen

 


 

In 20 Jahren nichts gelernt

 

VON GEORGE FRIEDMAN in CICERO ONLINE am 20. Juli 2021

 

Nach den Terrorangriffen von 9/11 blieb den Vereinigten Staaten kaum eine andere Wahl als der Militäreinsatz in Afghanistan. Doch dann folgten Fehler auf Fehler. Der jetzige Rückzug vom Hindukusch ist mehr als nur ein verlorener Krieg. Er ist ein Zeichen von strategischer Unreife.

 

https://www.cicero.de/aussenpolitik/usa-strategie-afghanistan-rueckzug-taliban

 


 

Warum Amerika Kriege verliert

 

VON GEORGE FRIEDMAN in CICERO ONLINE am 10. August 2021

 

Nach 20 Jahren erfolglosen Kampfs ziehen sich die Vereinigten Staaten aus Afghanistan zurück. Es ist nicht der erste Krieg seit 1945, den die USA trotz weit überlegener militärischer Fähigkeiten verloren haben. Schuld auch an dieser Niederlage ist eine völlig überkommene Strategie.

 

https://www.cicero.de/aussenpolitik/ruckzug-aus-afghanistan-warum-amerika-kriege-verliert

 


 

Afghanistan - Unser verwundetes Land

 

Der Dokumentarfilm blickt auf 40 Jahre Krieg mit den Augen derer, die am meisten unter ihm leiden:

den Frauen Afghanistans. Er beginnt in den 1960er-Jahren, als noch Frieden herrscht.

 

https://www.3sat.de/film/dokumentarfilm/afghanistan-unser-verwundetes-land-100.html

 


 

Im Weltreich der Illusionen

 

GASTBEITRAG VON THOMAS JÄGER in CICERO ONLINE am 16. August 2021

 

Der 20-jährige Einsatz in Afghanistan verlangte vielen Menschen enorme Leistungsbereitschaft und schwere Opfer ab. Nur die Bundesregierung hat sich in den zwei Jahrzehnten nie wirklich angestrengt. Die Verantwort-lichen sind bloßgestellt, doch es schämt sich niemand.

Deutschlands Einsatz in Afghanistan - Im Weltreich der Illusionen | Cicero Online

 


 

Tom Holland, Herrschaft. Die Entstehung des Westens, Klett-Cotta: Stuttgart, 2. Aufl. 2021

 

Heinrich August Winkler. Werte und Mächte. Eine Geschichte der westlichen Welt. München: Beck 2019